Südosteuropäische Arbeiten
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Herausgegeben von:
Ulf Brunnbauer
und Konrad Clewing
In der der traditionsreichen Buchreihe des Leibniz-Instituts für Ost-und Südosteuropaforschung (IOS), den "Südosteuropäische Arbeiten", werden herausragende Monographien sowie Grundlagenwerke zur Geschichte und Zeitgeschichte ganz Südosteuropas veröffentlicht. Die umfassende internationale Rezeption und Verbreitung der Reihe weist sie auf ihrem Feld als führend aus. Die Reihe führt damit seit Ende 2006 auch die inhaltlichen Bereiche der früheren "Untersuchungen zur Gegenwartskunde Südosteuropas" fort.
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1918 entstand parallel zur Bildung eines großen rumänischen Staates die Rumänische orthodoxe Kirche durch den Zusammenschluss der Regionalkirchen des rumänischen Altreichs, Siebenbürgens, der Bukowina und Bessarabiens. Nach der russischen Orthodoxie lange Zeit die zweitgrößte orthodoxe Kirche der Welt, stand sie in engstem Verhältnis zu allen politischen Systemen des modernen Rumäniens. Im Jahre 2023 ist sie eine bestimmende politische und wirtschaftliche Macht im Lande, die eine Aufarbeitung ihrer schwierigen Vergangenheit verweigert. Die Kirche hat mit allen Diktaturen von rechts und links kooperiert und gegenüber dem demokratischen Rechtsstaat bis heute kein klar definiertes Verhältnis gefunden. Der übersteigerte nationalistische Orthodoxismus hingegen, der einen roten Faden in der Zeitgeschichte Rumäniens darstellt, wird bis in die Gegenwart von kirchlichen Kreisen gefördert. Vor diesem Hintergrund beschreibt das Buch das Verhältnis von orthodoxer Kirche, Staat und Gesellschaft in Rumänien.
Orte und Räume gelten allgemein als das statisch-immobile Gegenüber zur dynamischen Zeit. Magdalena Saiger präsentiert dagegen die Kernthese von ihrer grundsätzlichen Beweglichkeit. Sie wird anhand der wechselnden Verortungen der Alten Messe im Zentrum der serbischen Hauptstadt Belgrad verdeutlicht. Als historische Fallstudie greift das Buch auf Ansätze der Raumsoziologie und einer raumkritisch ausgerichteten Geografie zurück. Magdalena Saiger führt überdies Denkanstöße der Visual Culture Studies, der Anthropologie und der Memory Studies weiter. Das Ergebnis ist ein neuartiger Beitrag zu einer verräumlichten Geschichtsschreibung: Das Aufzeigen der Gleichzeitigkeit der im Raum präsenten Spuren macht die „Augenarbeit" (Karl Schlögel) als Erkenntnisquelle in der Tradition Walter Benjamins produktiv und wertvoll.
Auf breite Quellen gestützt offenbart das Buch, in welche machtpolitischen, symbolischen, lebensweltlichen und baulichen Koordinaten die Belgrader Alte Messe zu verschiedenen Zeiten eingebunden ist. Im Kaleidoskop der vielfältigen und scheinbar unvereinbaren Nutzungsphasen und -arten formt sich das Bild der „Wanderungen" dieses bis heute umstrittenen Ortes. Vor dem Zweiten Weltkrieg sollte er als Messegelände und Modernisierungsmotor die Nähe Jugoslawiens und seiner Hauptstadt zum industrialisierten Kerneuropa demonstrieren, bald darauf aber als deutsches Konzentrationslager mit den Knotenpunkten des nationalsozialistischen Lagernetzes verknüpft werden.
Nach Kriegsende fächert sich das Nutzungsspektrum weit auf. Von einer Künstlerkolonie und teils prekärem Wohnraum reicht es bis zu diversem Kleingewerbe. Verfall, Überwucherung und Vergessen lassen das Gelände vor aller Augen fast unsichtbar werden. Und doch ist die Debatte über ein Gedenken an die hier begangenen Verbrechen nie ganz abgerissen. Für die aktuelle Verortung ist von drängender Relevanz, welche Rolle die Europäische Union als „Gedenkreferenz" gegenüber den Beitrittsaspiranten auf dem Balkan spielte und spielen kann.
Magdalena Saiger studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und Madrid und promovierte mit der vorliegenden Arbeit im Mai 2021 an der Universität Hamburg. Die Autorin ist auch als Pädagogin und Schriftstellerin tätig. 2023 erschien ihr Roman „Was ihr nicht seht oder Die absolute Nutzlosigkeit des Mondes" in der Edition Nautilus – ebenfalls ein Text über einen ins Vergessen geratenen Nicht-Ort, hier mit literarischen Mitteln.
Drawing inspiration from the work of Maria Todorova, Re-Imagining the Balkans displays the breadth of Balkan Studies today in twenty-nine chapters authored by a diverse, interdisciplinary group of scholars. The volume seeks to address how to incorporate the regions of East and Southeast Europe into broader scholarly trends and epistemological currents, while retaining local and regional expertise. The contributions include new research on historical legacies, (geo)politics, generations, memory, and cultural transfers, fresh methodological and historiographical interventions, and novel pedagogical insights. Collectively, the authors display cutting-edge knowledge, orient the general reader in the state of the field, and demonstrate the importance of Southeast Europe for the study of European, transnational, and global history.
In the former Russian province of Bessarabia united with Romania in 1918, local inhabitants tried to make sense of the new reality by mastering geopolitical visions and making their own identity choices. Profoundly marked by the World War I, the disintegration of the Russian Empire and the growing Bolshevik danger, a group of Bessarabians, of both imperial and revolutionary elite, refused to imagine the fate of their region alongside Romania but looked for political alternatives, either in autonomy inside Romania and Ukraine or as part of a restored (monarchic or democratic) Russia. The book tells the story of a transnational network of Bessarabians and White Russian émigrés in Paris and other European capitals who during the 1919 Peace Conference played wisely on the "Wilsonian moment" to propel the idea of a pro-Russian "will" of the Bessarabians. Though unsuccessful in solving the Bessarabian "question" in Paris in their favor, they succeeded in animating anti-Romanian feelings and impacting personal and group identities inside the region.
Andreea Kaltenbrunner zeigt anhand des Altkalendarismus, einer Bewegung von orthodoxen Gläubigen gegen die Einführung eines neuen Kirchenkalenders, dass die Staats- und Nationsbildung in „Großrumänien" auch unter Angehörigen der Titularnation zu großen Spannungen führte. Den Großteil der Altkalendaristen stellten rumänischsprachige Bauern in Bessarabien, einer ehemaligen Region des Russischen Reiches. Während der neue Kalender die symbolische Orientierung Rumäniens nach Westen signalisieren sollte, nahmen Altkalendaristen ihn als eine aufgezwungene Modernisierung und Abkehr vom rechten Glauben wahr. Die Autorin untersucht die Entwicklung des Altkalendarismus und seine Niederschlagung im Herbst 1936 durch die Sicherheitskräfte. Es fehlte an Initiativen und Mitteln die Amtskirche und den Staat, um die Bauern im Osten des Landes für das verwestlichende Nationsprojekt zu gewinnen. Der Preis für die Implementierung der symbolhaften Reform war die Abwendung der ländlichen Bevölkerung Bessarabiens vom neuen Staat und von der Amtskirche und ihr Versuch, sich selbst zu organisieren.
Das Buch bietet eine mikrohistorische Rekonstruktion der ländlichen Lebenswelten und Gemeinschaften im venezianischen Dalmatien. Auf einer für das 15. Jahrhundert außergewöhnlich reichen archivalischen Grundlage entsteht ein anschauliches Bild vom spätmittelalterlichen Alltagsleben auf der Insel Korčula und vom Selbstverständnis ihrer Dorfgemeinschaften.
Die interdisziplinär ausgerichtete Perspektive fördert die lebensweltliche Dimension der venezianischen Verwaltungs- und Rechtspraxis im ländlichen Stato da mar zutage. Dazu kommt eine anthropologisch inspirierte Nahsicht auf die soziokulturellen und sozioökonomischen Interaktionsformen der ländlichen Gesellschaft wie auch auf die Saisonalität des Land- und Hirtenlebens im Mittelmeerraum. Die Ergebnisse bieten für vergleichende Untersuchungen von Herrschafts-, Gerichts- und Verwaltungspraxis im Spätmittelalter ebenso wie für übergreifende Fragestellungen zur ländlichen Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte wichtige Impulse.
Wie psychisches Kranksein im kroatisch-serbischen Raum diagnostiziert, gedeutet und erfahren wurde, wird in dieser Langzeitstudie (für 1870 bis 1950) in kulturelle, institutionelle und gesellschaftliche Zusammenhänge gestellt.
Den untersuchten Raum kann man laut Heike Karge für diese Zeit als schizophren bezeichnen. Die Krankenakten offenbaren nämlich, dass dortige Patienten kaum als neurotisch, hysterisch oder nervös, sondern vornehmlich eben als schizophren eingeordnet wurden. Anders als im deutschen, russisch-sowjetischen und US-amerikanischen Bereich wurden dort auch für Soldaten beider Weltkriege kaum je Diagnosen gestellt, die spezifisch an den Krieg angebunden waren. Gesellschafts- und wissenschaftsgeschichtlich bedeutsam ist, dass eine wesentliche Ursache für das späte Aufkommen des „nervösen Zeitalters" im südslawischen Bereich in einem Fremdheitsempfinden des urbanen Fachpersonals gegenüber den mehrheitlich vom Lande stammenden Patienten begründet lag.
Die Südosteuropaforschung hat sich mit ihrer eigenen Geschichte schwergetan. In ihrer Bearbeitung ist sie hinter anderen Wissenschaftsdisziplinen zurückgeblieben und über Ansätze nicht hinausgelangt.
Wolfgang Höpken versucht, dieses Defizit in Verknüpfung von Fach- und Biografiegeschichte zu beheben. Er nimmt die maßgeblichen Institutionen der deutschen Südosteuropaforschung in den Blick und folgt den Fragen nach den personellen, institutionellen und wissenschaftlichen Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen Nationalsozialismus und Bundesrepublik. Die Betrachtung geht dabei weit über die bei ähnlichen Versuchen übliche Grenze der Nachkriegszeit hinaus.
Das Beispiel von Franz Ronneberger als namhafter Vertreter dieser Forschung dient hier als Betrachtungslinse, um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik im ‚Zeitalter der Extreme‘ zu erfassen.
Visar Nonajs Buch macht die Besonderheiten des albanischen Kommunismus in der gesellschaftlichen Praxis sichtbar. Die Dominanz der Landbevölkerung, der zunächst enorm hohe Analphabetismus und fehlendes Proletariat prägten die Industrialisierungsbemühungen ab 1944.
Darüber hinaus demonstriert das Buch auch die vielen allgemeinsozialistischen Züge dieses Herrschaftssystems. Der Plan, in der Landesmitte ein eigenes Stahlwerk aufzubauen, folgte der generellen Priorisierung von Industrie und Schwerindustrie. Der Name des Kombinats, „Der Stahl der Partei" (Çeliku i Partisë), charakterisiert den Anspruch der KP, Land und Volk mit ihrer Lenkung gleichsam zu beschenken. Die Probleme dieses Gesamtheitsanspruchs waren enorm, das Scheitern beim Aufbau einer dauerhaft tragfähigen Industrie ist bezeichnend. Nonajs Buch ist daher nicht nur für die albanische Zeitgeschichtsforschung ein großer Schritt nach vorn, sondern auch für die Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte im ganzen östlichen Europa.
Die vorliegende Arbeit ist eine Pionierarbeit. Dem kommunistischen Herrschaftssystem Albaniens (mit Blick auf seine Spätphase zwischen 1976 und 1985) nähert sie sich analytisch auf breiter Quellengrundlage differenziert, multiperspektivisch und theoretisch reflektiert. Das Buch geht der Frage nach, wie politische Herrschaft unter zum Teil beispiellosen Bedingungen in der Praxis vollzogen wurde und sich auf die Gesellschaft auswirkte. Gestützt auf interne Diskussionen der Regimeführung und deren Schriftverkehr mit untergeordneten Organen werden Praktiken, Überlegungen, Strategien, Denkstile und Wahrnehmungen parteistaatlicher Akteure durchleuchtet. Auf der Basis eines kulturgeschichtlichen Verständnisses von Herrschaft untersucht die Arbeit zudem alltägliche Praktiken, Verhaltensweisen, Wahrnehmungsweisen und Strategien, die die Menschen entwickelten, um sich in den gegebenen Bedingungen zurechtzufinden. Für einen bislang einzigartigen Einblick gerade auch in die ländlichen Lebenswelten und den dortigen herrschaftsgeprägten Alltag zieht Idrit Idrizi intensiv und methodisch versiert qualitative Interviews mit Überlebenden heran. Sie ermöglichen grundlegende Einsichten, die aus den überlieferten zeitgenössischen Akten heraus nicht gewonnen werden könnten.
Mehr als ein Dutzend Männer des in der Batschka gelegenen Dorfes Tscheb hatten sich verschworen, um an einem Septemberabend des Jahres 1812 ihren Grundherrn Leopold von Márffy gemeinschaftlich zu ermorden. Die Täter konnten die Behörden in dem erst seit kurzem von deutschen Siedlern bewohnten südungarischen Dorf erst nach Überwindung einer Mauer des Schweigens ausforschen. Unterdessen zeigten ihre Akten vor allem eines auf: die vorherige Willkürherrschaft eines Adeligen, der seine Stellung und Vernetzung genutzt hatte, um Ausbeutung, Misshandlungen und sexuellen Missbrauch schlimmster Sorte ungeahndet durchzuführen.
Karl-Peter Krauss wirft von dem mikrogeschichtlichen Geschehen aus die Fragen von Recht und Rechtswirklichkeit in der adeligen Selbstverwaltung im Königreich Ungarn und im neuen Kaisertum Österreich für die Achsenzeit um 1800 ganz neu auf. Wer auf eine einzigartig dichte Weise einige der sonst fast immer gesichtslos bleibenden „einfachen Leute" von damals kennenlernen möchte, sollte ebenso nach diesem Buch greifen wie jeder und jede, die frühmoderne Staatlichkeit und das diffizile Funktionieren des Habsburgerreiches zu verstehen suchen.
Das Buch behandelt die gesellschaftliche Wirkung der sozialistischen Volkspolizei, indem es offizielle Bilder derselben in den Jahren vor dem Ceaușescu-Regime und während desselben mit Vorstellungen vergleicht, die in der Bevölkerung von der Polizei bestanden. Damit enthüllt das Buch zugleich das Verhältnis zwischen dem staatlichen Ordnungsdiskurs und einem Gegendiskurs, der ansatzweise sogar vor 1989 stattgefunden hat. Vorrangiges Ziel ist ein klareres Verständnis des (De-)Legitimierungsprozesses des Regimes. Eine Interdependenz der beiden Diskurse, so die Grundaussage des Buches, diente zunächst der Stabilitätsphase des politischen Regimes, bedingte später dann aber zum Teil den schrittweisen Kollaps seiner Herrschaft in Rumänien. In einem weiteren Sinne untermauern die Erkenntnisse über die Entzauberung des sozialistischen "Ordnungshüters" das bessere Verstehen der allgemeinen sozialpolitischen Ernüchterung in Mittelost- und Südosteuropa gegen 1989 hin. Zahlreiche Widersprüche auf der Ebene der Repräsentation untermauern die Hypothese einer De-Legitimation der Volkspolizei als Institution und nicht zuletzt deshalb im Weiteren des politischen Regimes im Allgemeinen.
Das 1918 gegründete südslawische Königreich hatte seine Eisenbahnlinien aus verschiedenen Reichen und Nationalstaaten geerbt. Der damals begonnene Ausbau eines „organischen" jugoslawischen Eisenbahnnetzes dauerte fast sechs Jahrzehnte. Er wurde erst im sozialistischen Jugoslawien mit der Fertigstellung der größten, teuersten und spektakulärsten Eisenbahnstrecke in Jugoslawien beendet. Der 25-jährige Ausbau dieser Verbindung zwischen Belgrad und der montenegrinischen Adriaküste steht im Fokus dieses Buches. Außer einer Planungs-, Bau-, Institutionen- und Finanzierungsgeschichte des sozialistischen Großvorhabens bietet es auch den Einblick in die Erfahrungen der am Bau beteiligten Unternehmen. Mit gleichem Gewicht thematisiert der Autor auf der Makroebene die Prozesse der ökonomischen und politischen Dezentralisierung bzw. Desintegration Jugoslawiens während jener Zeit, und wie diese Prozesse den Bau der Strecke beeinflusst haben. Der Prozess der Konföderalisierung Jugoslawiens in den 1960er Jahren wird dabei aus der ökonomischen Perspektive analysiert und anders als in der vorherrschenden Literatur a priori als Folge der gescheiterten Wirtschaftsreformen betrachtet.
1821 brach auf der Peloponnes eine Revolution aus, die in einen langen Unabhängigkeitskrieg mündete, der wiederum mit der Gründung eines unabhängigen Staates Griechenland endete. Die genauen Gründe für die Revolution wurden von der Historiographie lange Zeit nicht hinterfragt: Jahrhunderte währende "Unterdrückung" unter das "türkische Joch" ließ die Abwerfung der "Sklaverei" gleichsam als Notwendigkeit erscheinen. In diesem Buch wird nun erstmals der Versuch unternommen, die Gründe für diese Revolution so differenziert als möglich zu betrachten. Mit Hilfe von theoretischen Ansätzen aus der Revolutionsforschung, vor allem aber einer eingehenden Untersuchung der sozioökonomischen und politischen Strukturen der vorrevolutionären Peloponnes soll die Frage beantwortet werden, warum die Revolution ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort ausgebrochen ist.
Während das übrige Europa meist erst durch die Ukraine seit 2014 vor Augen hat, wie russische militärische Präsenz zur direkten Unterstellung oder kaschierten Abhängigkeit von Teilen eines anderen Staates verwendet wird, ist dies in der Republik Moldau schon seit dem Zerfall der Sowjetunion Teil der Realität. Dort sichern russische Truppen die Existenz der im östlichen Landesteil gelegenen, kulturell russisch-sowjetisch geformten und international nicht anerkannten Republik Transnistrien ab. Auch in der größeren übrigen Moldau leben erhebliche russischsprachige, vor allem russische und ukrainische Minderheiten, die durch die neue vorrangig rumänischsprachig geprägte moldauische Staatlichkeit im Alltag und im Selbstverständnis herausgefordert werden. Ihre Bezüge zu Russland und Transnistrien, die Fragilität ihrer Loyalität gegenüber der Moldau und ihre im Wechselspiel mit den moldauischen Akteuren entstandene "Heimatlosigkeit" untersucht Rosanna Dom. Mit historisch-anthropologischen Methoden erhellt sie dabei anhand von individualisierten Fällen Grundfragen der schwierigen staatlichen Neuordnung in der Moldau und insgesamt im früheren sowjetischen Bereich.
Kosovo war bis zu diesem Buch ein "weißer Fleck" in der Forschung zum sozialistischen Jugoslawien - erstaunlich genug, da die albanisch geprägte Provinz für dessen Stabilität und schließlichen Zerfall mitentscheidend war. Auf ganz neuer Grundlage wird untersucht, wie sich die jugoslawische Herrschaft trotz der gewaltsamen Inkorporierung von 1945 stabilisieren konnte, aber auch welche dauerhaften Konflikte sie schuf.
Seit Jahrhunderten sind weite Teile Südosteuropas durch das Zusammenleben von verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen gekennzeichnet. Historiker bewerteten hierbei die Epoche des Osmanischen Reiches ganz unterschiedlich und beschrieben diese teils als "multikulturelles Paradies", teils als "grausame Türkenherrschaft". Das vorliegende Buch untersucht das muslimisch-christliche Zusammenleben in Kosovo in den letzten Jahren der osmanischen Herrschaft. Die Zeit war durch eine Zunahme von Spannungen zwischen albanischen Muslimen und orthodoxen Serben, aber auch zwischen albanischen Muslimen und albanischen Katholiken gekennzeichnet. Eva Anne Frantz beleuchtet Ursachen, Formen und Dynamiken von Konflikt und Gewalt und zeigt zugleich, in welchen Bereichen des Alltags Koexistenz und Miteinander möglich waren. Der Untersuchungszeitraum stellt die frühe Entstehungsphase des bis heute währenden albanisch-serbischen Konflikts in Kosovo dar und ist aus diesem Grund noch für das Verständnis heutiger Zusammenhänge von grundlegender Bedeutung.
Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Siebenbürgen aus der ungarischen Staat herausgelöst und so wie das Banat, das Partium, Bessarabien und die Bukowina ein Teil "Großrumäniens". Der Traum vom "vollständigen" rumänischen Nationalstaat war nun mit einem Schlag in Erfüllung gegangen, der darauf folgende, reale Integrationsprozess schuf jedoch eine Reihe von Konfliktfeldern: ein Großteil der Siebenbürger fühlte sich, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit, vom zentralistischen System und den Bukarester Politikern vereinnahmt, ausgebeutet und als Bürger zweiter Klasse behandelt. Siebenbürgisch-rumänische Politiker nützten diese Situation, um ihre programmatischen und persönlichen Interessen durchzusetzen. Die Analyse dieser Diskurse legt eine Reihe von Identifikationsangeboten an ihre Wählerklientel frei, die von parteipolitischer Diversifizierung, konfessionellen Revierkämpfen und kulturregionalen Vorurteilen geprägt waren. Der gescheiterte Umgang mit diesem für die alte politische Elite ungewohnten Dynamik, die lediglich Parteiinteressen dienende Politisierung aller Lebensbereiche und die enttäuschten Erwartungen an die Modernisierungskraft des Nationalstaates führten 1928 zu einem fulminante Wahlsieg der maßgeblich von rumänischen Siebenbürgern getragenen Nationalen Bauernpartei. Das endgültige Scheitern dieser - inszenierten - letzten "demokratischen Hoffnung" im Jahr 1933 förderte, so die Grundthese dieses Buches, maßgeblich den Aufstieg autoritärer Gesellschaftskonzepte.
Seit Öffnung der Archive nach 1989 ist das ganze Ausmaß der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des Antonescu-Regimes gegenüber den im rumänischen Herrschaftsbereich lebenden Juden zutage getreten. Angesichts dessen ist auch die Rolle des nationalsozialistischen Deutschland neu zu bewerten. Hildrun Glass analysiert die Interaktion zwischen Deutschland und Rumänien von 1937 bis 1944 in diesem Politikfeld. Damit leistet sie einen Beitrag zur Analyse der Beziehungen des NS-Regimes mit seinen südosteuropäischen Verbündeten und schließt endlich eine Forschungslücke zu regionalen Dimensionen des Holocaust.
Das vorliegende Buch behandelt die Bewegungsphase der rumäneschen "Legion Erzengel Michael", zumeist als "Eiserne Garde" bekannt. Nach ihrer zeitweiligen blutigen Unterdruckung (Ende 1938) wurde sie im weiteren Verlauf vor ihrer endgültigen Zerschlagung im Jahr 1941 kurzfristig auch zur herrschenden Regimepartie. Formal von ihrem Anführer Corneliu Zelea-Codreanu erst 1927 gegründet, reichen die Anfänge bis in die Zeit nach den Ersten Weltkriegs zurück. Als faschistische Bewegung waren die Legionäre auf dem Höhepunkt ihrer Popularität gegen 1937/38 auch parteipolitisch breit verankert. Ausgehend von studentischen Zirkeln und anfänglich regional besonders in der Moldau verbreitet, erreichte die Bewegung auf ihrem Zenit landesweiten Rückhalt und mobilisierte in allen Gesellschaftsschichten von der Aristokratie bis zur Arbeiterschaft. Der Band bringt durch Verwendung zahlreicher neuer Quellen umfassende neue Ergebnisse zu den Gesellscheftlichen Gründen für die Mobilisierungserfolge der Bewegungn und zu einer noch weiter zu schreibenden Sozialgeschichte des rumänischen Faschismus.
Mit Beiträgen von: Mihai Chioveanu, Roland Clark, Radu-Harald Dinu, Andra-Octavia Draghiciu, Rebecca Haynes, Armin Heinen, Constantin Iordachi, Florin Müller, Wolfram Niess, Traian Sandu, Oliver Jens Schmitt
Zur Tagung:
"Der frische Wind aus Südost wird nicht nur neue Einsichten in die Wissenschaftsgeschichte bringen. Er könnte auch das Fundament freilegen für einen Neuanfang der Südostforschung jenseits des Freund-Feind-Denkens der Politik." Christian Jostmann in der SZ, 29.10.2002
Aus dem Inhalt:
Mathias Beer: Wege zur Historisierung der Südostforschung. Voraussetzungen, Ansätze, Themenfelder
Michael Fahlbusch: Im Dienste des Deutschtums in Südosteuropa: Ethnopolitische Berater als Tathelfer für Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Gerhard Seewann: Das Südost-Institut 1930-1960
Christian Promitzer: Täterwissenschaft: Das Südostdeutsche Institut in Graz
Christoph Morrisey: Das Institut für Heimatforschung in Käsmark (Slowakei), 1941-1944
Harald Roth: Wissenschaft zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus: Vom Forschungsinstitut der Deutschen Volksgruppe in Rumänien zum Forschungsinstitut für Gesellschaftswissenschaften der Rumänischen Akademie
Willi Oberkrome: Regionalismus und historische 'Volkstumsforschung' 1890-1960
Isabel Heinemann: Die Rasseexperten der SS und die bevölkerungspolitische Neuordnung Südosteuropas
Christian Töchterle: Wir und die "Dinarier" - Der europäische Südosten in den rassentheoretischen Abhandlungen vor und im Dritten Reich
Norbert Spannenberger: Vom volksdeutschen Nachwuchswissenschaftler zum Protagonisten nationalsozialistischer Südosteuropapolitik. Fritz Valjavec im Spiegel seiner Korrespondenz 1934-1939
Gerhard Grimm: Georg Stadtmüller und Fritz Valjavec. Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung
Krista Zach: Friedrich Valjavec nach seinen privaten tagebuchartigen Aufzeichnungen (1934-1946)
Edgar Hösch: Südostforschung vor und nach 1945. Eine historiographische Herausforderung
Die Autorin vergleicht die Diaspora- und Emigrationspolitik der griechischen Regierung mit derjenigen anderer süd- und osteuropäischer Länder und skizziert die Situation der griechischen Diaspora in den USA.