Alexander Kluge-Jahrbuch
Der Wunsch nur ein paar Wochen oder Monate in die Zukunft blicken zu können, ist in Europa seit dem 24. Februar 2022 vermutlich enorm gewachsen. Sie war nach 1945 nie so ungewiss wie jetzt. Die Deformation der klassischen Öffentlichkeit ist massiv. Die Erinnerungen an Krieg sind so blass, dass die Kunst, sich seinem Sog zu entziehen, als Feigheit, Unmoral, Schwäche erscheint. Auf diesen gesamten Zusammenhang der schockartigen Anwesenheit des Krieges bei einer Politik, die nach alter Gewohnheit vorgibt, alles im Griff zu haben, anstatt sich auf die Gefahr der wirklichen Situation zu besinnen, ist mit dem Suchbegriff oder der Suchmetapher »Maulwurf Krieg« gezielt.
The desire to look only a few weeks or months into the future has probably grown enormously in Europe since February 24, 2022. The situation has never been as uncertain after 1945 as it is now. The deformation of the classical public sphere is massive. Memories of war are so pale that the art of evading its pull appears as cowardice, immorality, weakness. The search term or metaphor “mole war” is aimed at this entire context of the shocking presence of war in a politics that, according to old habit, pretends to have everything under control instead of reflecting on the danger of the real situation.
Wenn bei Alexander Kluge von Autorschaft die Rede ist, so geht es nie um die Behauptung einer singulären Subjektposition, sondern vielmehr um eine kollektive, auf Kooperation beruhende Praxis. Diese plurale Autorschaft reicht dabei weit über die tatsächliche Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstler_innen und Theoretiker_ innen hinaus. Ausgehend von der Überzeugung, dass die Vergangenheit keineswegs tot ist, konstruiert Kluges Konzept imaginäre Kollektiva, in denen Ovid, Müller, Montaigne, Benjamin, Godard u.a. in wechselnden Konstellationen über Epochengrenzen hinweg zusammenarbeiten. »Es ist eine Täuschung, dass ich Literatur alleine schreibe, die schreibe ich auch in Gesellschaft, nur ist die meist tot.« Der Titel dieser Ausgabe des Jahrbuches adressiert aber auch einen Zukunftshorizont, nämlich die unabsehbar vielen künftigen Aneignungen der Arbeiten Kluges, die nach dem Prinzip der Flaschenpost – »to whom it may concern« – auf ihre Geschichte warten und immer wieder anders zur Lesbarkeit gelangen.
When we discuss Alexander Kluge’s authorship, we never discuss a single subject position but rather a collective practice based on collaboration. This plural authorship exceeds the actual collaboration with contemporary artists and theorists by far. Based on the conviction that the past is never dead, Kluge’s concept creates imaginative collectives in which Ovid, Müller, Montaigne, Benjamin, Godard among others, collaborate in changing constellations across time boundaries. “It is an illusion that I write literature all by myself. I write it in company, though most of the people are dead.” However, the title of this present yearbook also addresses a future horizon, namely the incalculable numerous prospective adaptions of Kluge’s works, which work similar to a message in a bottle – “to whom it may concern” and wait for their stories to be read.
»Die poetische Kraft der Theorie« bezieht sich für Alexander Kluge weniger auf reine »Philosophie« oder die abgesonderte »Lust am Denken« als vielmehr auf die altgriechische Praxis der »Theoria«. Wie der antike Theoretiker namens Theoros, der als Gesandter aus fremden Ländern heimkehrte, um von anderen Völkern und Kulturen zu erzählen, strebt Kluges Interesse an der poetischen Kraft der Theorie nach der Anreicherung der menschlichen Wesenskräfte, die subjektive Erfahrung von Differenz in einer Krisenzeit auszudrücken, in der die Werkzeuge des Erzählens verarmt sind. Diese Ausgabe des Jahrbuchs erkundet Kluges Theorie dieses narrativen Potenzials im stürmischen Zeitalter der Digitalität, das von Algorithmen regiert, mit Informationen überflutet und von sozialen Unruhen zerrüttet ist.
“The poetic power of theory” has for Alexander Kluge less to do with pure “philosophy” or the solitary “pleasures in thinking” than with the ancient Greek practice of “theoria”. Like the ancient theoretician called theoros, who returned home from foreign lands to tell of other peoples and cultures, Kluge’s interest in the poetic force of theory seeks to fortify humankind’s essential powers for expressing the subjective experience of difference at a time of crisis when the necessary tools for narration have become impoverished. The sixth volume of the yearbook queries Kluge’s theory of narrative’s potential in the stormy age of digitality governed by algorithms, flooded with information, and disrupted by social conflict.
Der fünfte Band des Alexander Kluge-Jahrbuchs versucht, das »Pluriversum« des Autors in seinem »Allsinn« zu vermessen. Er lotet die Zusammenhänge und Brüche zwischen Sinn- und Sinnenwelten, Gefühlszeiten und Zeitgefühlen aus. »Mathematik der sinnlichen Kraft« und »Alchemie der Gefühle« begegnen sich in der ›Hitzigkeit‹ und Eiseskälte, aus denen ›sensorium commune‹, Rachegefühl, Sinnzwang, Hunger nach Sinn und Empathie entstehen. Die »mehr als fünf« Sinne intensivieren sich ungeheuerlich und werden in ihren neuen metamorphischen Aggregatzuständen analysiert. Texte Alexander Kluges, Gespräche mit ihm, sowie zahlreiche Bilder, außerdem Rezensionen und eine aktualisierte Biblio- und Videographie bereichern den Band, der um Alexandra Kluge trauert – »mit allen Sinnen sannen wir auf Rettung«.
The fifth edition of the Yearbook of Alexander Kluge tries to measure the “Pluriverse” (“Pluriversum”) of the author in all its senses (“Allsinn”). It sounds the links and breaches between sense and sense worlds, time for feelings and feelings for time. “Mathematics of sensual power” (“Mathematik der sinnlichen Kraft”) and “alchemy of feelings” (“Alchemie der Gefühle”) meet in the heat and coldness in which feelings of ‘sensorium commune’, feelings for vengeance, force of sense, hunger for sense and empathy are created. The more than just five senses intensify extremely and are being analysed in their new metamorphic aggregate state. Texts of Alexander Kluge, dialogues with him and numerous pictures, as well as reviews and an updated bibliography and videography enrich the volume which mourns the death of Alexandra Kluge.
Marx spricht im »Kapital« von den »animal spirits«, den »Lebensgeistern«. Sie erwachen, wenn Menschen räumlich zusammen sind. So ist schon ein Publikum keinesfalls die bloße Summe von Einzelnen. Das Wichtigste geschieht zwischen den Menschen, denn: »Keiner ist alleine schlau genug.« »Kooperation« gibt es aber auch in ihnen: »Ich denke, weil ich davon absehen kann, daß ich bin. Ich bin nämlich keineswegs allein, sondern in mir sind die anderen, und die denken unaufhörlich, weil das ihre Notwehrform ist.« In Alexander Kluges Begriffsinventar und in seiner praktischen Arbeit ist »Kooperation« eines der wichtigsten Stichwörter. Das Jahrbuch 2017 konzentriert sich darauf.
Marx speaks in “Das Kapital” of the “animal spirits”, the “spirits of life”. They awaken when people are together spatially. Thus, an audience is by no means a mere sum of individuals. The most important things happen between people, because: “No one person who stands alone is smart enough”. “Cooperation” is also within them: “I think I am, because I can ignore it. I am actually by no means alone; others are within me, and they think incessantly, because that is their form of self-defence.” In Alexander Kluge’s conceptual inventory as well as in his practical work, “cooperation” is one of the most important key words to be noted. This will be the focal point of the 2017 Yearbook.