Germania Litteraria Mediaevalis Francigena
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Herausgegeben von:
Geert Henricus Marie Claassens
, Fritz Peter Knapp und Réne Pérennec
Die europäische Kunst, Philosophie und Literatur des Mittelalters wurde entscheidend von der französischen Kultur und ihren intellektuellen und literarischen Leistungen geprägt. Dieses Handbuch gibt erstmals in der Forschungsgeschichte einen umfassenden Überblick über Elemente der Sprache, die poetischen Formen und Gattungen, Motive, Stoffe und Werke der deutschen und niederländischen mittelalterlichen Literatur in der Zeit zwischen ca. 1100 und 1300, die auf Anregungen und Vorgaben aus Frankreich beruhen.
Das Handbuch dokumentiert die enorme Ausstrahlungskraft der Kultur Frankreichs in jener Zeit ebenso wie die produktive Aneignung, Anverwandlung und Neuformung der fremdsprachigen Vorgaben in den angrenzenden germanischen Sprachlandschaften. Ein internationales Herausgebergremium und eine große Zahl von Fachgelehrten bündeln, erweitern und präsentieren das bisher in der Forschung zu diesem Thema Geleistete.
Das Handbuch dient gleichermaßen als Quelle der Primärinformation für alle Interessierten wie als Grundlage zukünftiger Detailforschung. Es ist ein Standardwerk der Mediävistik, das für die historisch angemessene Beschreibung der deutschen und niederländischen Literatur des Hochmittelalters als eines europäischen Phänomens Maßstäbe setzt.
Information zu Autoren / Herausgebern
Geert Claassens, Katholieke Universiteit, Leuven, Belgien; Fritz Peter Knapp, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg; René Pérennec, Université François Rabelais, Tours, Frankreich.
GLMF I behandelt ausführlich die Träger des kulturellen Austauschs im geistlichen Bereich sowie die Ausstrahlung der gallolateinischen Enzyklopädien, Allegorien, lyrischen und dichtungstheoretischen Werke. Daneben wird die Übernahme der lateinischen Predigt, Erbauungsliteratur, Bibelexegese, Bibelepik, Artesliteratur, Philosophie und Theologie aus Frankreich summarisch und in der Verflechtung von bildungs- und volksprachlichen Texten aufgeführt.
GLMF II behandelt die Frage, wie sich 1100–1300 der Einfluss des Französischen in einem annähernd homogenen Sprachraum ausgewirkt hat und inwieweit dieser Einfluss sprachgeographisch einen Differenzierungsfaktor darstellen konnte. Ein Kapitel zur literarischen Onomastik lenkt zu den die literarischen Denkmäler behandelnden Bänden über. Die Beziehungen zwischen Romania und Germania im Bereich der Lyrik werden bzgl. der Strophenformen untersucht.
Der Einfluss der romanischen Literaturen auf die mittelhochdeutsche und mittelniederländische Lyrik, v.a. auf den Minnesang von seinen Anfängen bis ins 14. Jahrhundert, wird in den einzelnen Kapiteln des Bandes Lyrische Werke (GLMF III) in chronologischer Ordnung dargestellt. Zugleich werden die bisher nur verstreut oder in Einzeldarstellungen gebotenen Forschungen zu einem Gesamtbild der Einwirkung altokzitanischer und altfranzösischer Lyrik zusammengefasst. Neben der inhaltlichen und formalen Rezeption sind dabei auch die Musik und die meist außer Betracht gelassene Sangspruchdichtung berücksichtigt.
GLMF IV hat die aus dem Französischen übernommenenen historischen und religiösen Erzählungen verschiedenen Umfangs zum Gegenstand, die deutsche und niederländische Geschichtsepik nach Antikenromanen von Alexander, Aeneas, Troja (Teil A), die Geschichtsepik nach Chansons de geste aus fünf epischen Zyklen (Teil B) und kleinere deutsche religiöse Erzählungen wie Hartmanns 'Gregorius' (Teil C).
Das GLMF-Handbuch setzt sich zum Ziel, eine Grundlage für die Fortsetzung und idealiter die Intensivierung der Beschäftigung mit einem wichtigen Aspekt der europäischen Kulturgeschichte zu liefern, der Rezeption der französischen Literatur in den angrenzenden germanischen Sprachlandschaften im 12. und 13. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen die Texte, und da dieser Transferschub noch vor der „Bifurkation“ (Luc de Grauwe) niederländisch/deutsch erfolgte, werden ‚deutsche‘ und ‚niederländische‘ Texte präsentiert. Für die praktische Realisierung dieser Option bietet der ‚höfische Roman‘ eine günstige Ausgangsbasis. Die Gliederung richtet sich nach den faßbaren textlichen Konfigurationen: Es begegnen ‚bloße‘ Textpaare wie Chrétiens ‚Yvain‘ und Hartmanns ‚Iwein‘ oder ‚Fergus‘/‚Ferguut‘, Dreier- (Partonopeusromane) oder Vierergruppen (Florisromane), aber auch komplexere Text-Ensembles wie die Lancelotromane. Die zehn Kapitel beschreiben jeweils diese Konstellationen, liefern eine Basis-Information über die romanischen Vor-Texte und die germanischen Nachgestaltungen, bieten Analysen, verzeichnen Forschungsergebnisse oder weisen auf Forschungsdesiderate hin und sind, gemäß dem Primärvorhaben, zu weiterem Umgang mit den behandelten Texten einzuladen, mit einem reichhaltigen Literaturanhang versehen.
GLMF VI behandelt den französischen Einfluss auf mittelhochdeutsche und mittelniederländische Dichtungen mehr oder minder eng verwandter Gattungen, deren Gemeinsamkeit in ihrer Lehrhaftigkeit besteht. Im Rahmen der Kleinepik (Teil A) können freilich in den altfranzösischen Fabliaux und den mittelhochdeutschen komischen Mären auch Erzähllaune und Witz dominieren, in den höfisch-galanten Erzählungen die Sentimentalität. Auch muss in der Kleinepik z.T. mit mündlicher Überlieferung gerechnet werden, womit sich der Freiraum der Neuformung, zugleich aber die Schwierigkeit, die Abhängigkeit konkret dingfest zu machen, enorm vergrößert. Die Tierepik (Teil B) erscheint geprägt durch einen allegorischen Grundzug, auch wenn die Figuren nicht einfach in der Personifikation von Abstrakta aufgehen. Die großen Epen dieser Gattung, das französische Vorbild Roman de Renart und seine Bearbeitungen Reinhart Fuchs und Van den vos Reynaerde, entstehen aus der episodischen Reihung von kleinepischen Einzelstücken, die in dem Meisterwerk der niederländischen Literatur noch am stärksten verknüpft erscheinen. Ebenso fabula im Sinne der mittelalterlichen Poetik ist der Roman de la rose, der mit seinen und weiteren Rezeptionszeugnissen allegorischer und moraldidaktischer Dichtungen in Teil C behandelt wird.
Das Gesamtregister (Werke nach Autoren, anonyme Werke, Ortsnamen, Personen, Sachregister) erschliesst detailliert die sechs Darstellungsbände der Handbuchreihe Germania Litteraria Mediaevalis Francigena. In der Wahl der (besonders im Sachregister) den Stichwörtern vielfach angefügten ‚Varianten‘ sowie der Querverweise wurde der ‚regionalen‘ Identität der geokulturellen Areale und der teilhabenden Disziplinen Rechnung getragen.