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Reformation inszenieren. Religionspädagogische Vergegenwärtigungen lutherischer Freiheitsimpulse

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Published/Copyright: December 3, 2016
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Zusammenfassung:

Die Reformation war nicht nur ideengeschichtlich von Bedeutung. Die Zeitgenossen und die folgenden Generationen haben die weit reichenden theologischen Umcodierungen Luthers vor allem als eine veränderte Praxis wahrgenommen. Es änderten sich die religiösen Vollzüge, der lutherische Protestantismus zeigte sich als Kultur. An Reformationsgeschichte zu erinnern, heißt darum immer auch, diese religionskulturelle Wirkungsgeschichte performativ ins Gedächtnis zu rufen. Dies soll hier anhand von fünf exemplarischen Szenen eingelöst werden: der Kanzelauftritt, das evangelische Singen, die Katechismen, der Bildersturm und die regional wirksamen Reformatoren.

Abstract:

The Reformation was not exclusively relevant to the history of ideas, contemporaries and following generations primarily recognized the far-reaching theological recodings of Luther as a change of praxis. Religious performances changed and Lutheran Confession appeared as culture. Therefore to commemorate the history of Reformation also means to recall impact history performatively. This approach shall be honored based on five exemplary scenes: pulpit-presence, protestant singing, catechisms, iconoclasm and regional effective reformers.

Kulturrevolution und Konservenkult

Im kulturellen Gedächtnis der theologisch Interessierten ist die Reformation primär codiert als Neuformierung einer theologia verbi. Dass diese Spielart der Theologie in der Folgezeit (v. a. durch die lutherische Orthodoxie bzw. im Zusammenhang der Konfessionalisierung) ihre lutherischen Grundimpulse drastisch verkürzt hat, ist wohl weniger dem Wittenberger Professor in Biblia anzulasten, als vielmehr den nicht endenden Versuchen, sein genial-impulsives Denken in Formen einer theologisch invarianten Lehrgestalt zu domestizieren. Die Erinnerung an die Reformation geriet wirkungsgeschichtlich mehr und mehr in den Sog fortschreitender Konservierungen. Die durchaus kontingenten Einsichten der Reformatoren wurden in „Bekenntnisschriften“ lehrförmig fixiert, „der Reformator“ zum deutschen Heros stilisiert, der Thesenanschlag gegen alle historischen Einsprüche imprägniert, und die im 16. Jh. freigesetzten religionskulturellen Dynamiken wurden insofern neutralisiert, als man sie als den allgemeinen Fortschritt des Geisteslebens tradierte. Motoren dieser erinnerungskulturellen Fehlformen waren nicht zuletzt die vielen Lutherjubiläen, die immer wieder neu unorthodoxe Lesarten unterdrückten und religionspolitisch Gewolltes massenmedial reproduzierten. Diese hybriden kirchenhistorischen Konstrukte blieben nicht ohne Einfluss auf die akademische Theologie, doch vor allem spiegelten sich die anamnetischen Konserven in der schulischen und gemeindlichen Praxis. An Luthers Kleinem Katechismus lernten Generationen von Schülern lesen und schreiben, die „Deutsche Messe“ wurde in die Form des „Predigtgottesdienstes“ gegossen und darüber die evangelische Liturgie empfindlich entleibt. Die Prediger übersetzten das von Luther durchaus sakramental gedeutete „Wort“ in die länglichen Wortfolgen ihrer Kanzelreden. Das protestantische Bürgertum formte sich die gefühlten Schlüsselstellen der eigenen Vergangenheit als je gegenwärtige Identitätsmarker.

Protestantismus in kulturrelativen Performanzen

Die andere Seite der Rezeption, in der sich der lutherische Protestantismus als Kultur manifestierte und sozial assimilierte, ist demgegenüber weit weniger präsent im allgemeinen Bewusstsein. Denn die protestantische Enkulturation vollzog sich weniger spektakulär, mehr in kontingenten Prozessen kultureller Amalgamierungen. Es gehört zu den Charakteristika solcher schleichenden Veränderungen, dass ihre Initialimpulse mehr und mehr von deren Folgen überblendet und darüber „vergessen“ werden. Reformationsgedenken wird also immer mindestens in zwei Richtungen zu denken geben müssen: im Blick auf die angemessene Rekonstruktion der prägenden Ur-Geschichten und im Blick auf die Vergegenwärtigung ihrer opaken Langzeitfolgen. Letztere Aufgabe ist die didaktisch deutlich anspruchsvollere, denn Ursache und Wirkung lassen sich hier nicht einfach in pädagogisch fassbaren Ableitungen abbilden. Die kulturrelative Performanz der Reformation und ihrer Protagonisten vermittelt sich am Lernort Schule – wenn überhaupt – nur exemplarisch, tentativ und dann wohl auch nur im Modus eines mehrperspektivischen Zugangs. Diese religionspädagogische Grundentscheidung soll hier in einer knappen Folge methodischer Etüden angedeutet werden.

Hintergrund dieses Zugangs ist eine sozialgeschichtliche Entwicklung, an deren Endpunkt feststand, dass für weite Teile der europäischen Christenheit nicht mehr länger der heilige Ort oder die heiligen Zeiten das Heil präsent machten, und weder die magische Formel noch irgendein character indelebilis die materiale Potenz natürlicher Elemente beeinflussten. Durch die theologische Umcodierung der religiösen Kommunikation ist nicht weniger als eine christliche „Kulturrevolution“ in Gang gesetzt worden. Wenn klar ist, dass allein das promissionale „Wort“, das einer dem anderen im Namen des Gottes zuspricht, Glauben stiftet und den daraufhin Glaubenden Erlösung verschafft, dann verlagern sich religiöse Vermittlung und Aneignung von der magisch-rituellen auf eine personal-diskursive Ebene. Zugespitzt: Seit dem 16. Jh. schicken sich Protestanten an, sich in Formen reflektierter Subjektivität und verständlicher religiöser Sprache bzw. Bildung selbst zu vergewissern. Evangelische Religionskultur wurde darüber zum Motor einer gesellschaftlichen Modernisierung, die sich seit der Aufklärung mehr und mehr auch gegen sie selbst richtete.

An Reformationsgeschichte zu erinnern, heißt darum immer auch, diese religionskulturelle Wirkungsgeschichte performativ ins Gedächtnis zu rufen. Eine solche Perspektive steht keineswegs im Widerspruch zum Anliegen einer kirchengeschichtlichen Rekonstruktion – im Gegenteil: Die Reformation kann geradezu als ein Musterbeispiel dafür gelten, wie eng die Realgeschichte und die Fortentwicklung epochaltypischer Mentalitäten wirkmächtig miteinander korrelierten.

Quer dazu liegen die historischen Entwicklungen im Bereich der akademischen Theologie und die der gelebten Religion der damals weitgehend illiteraten Massen. So fanden die neuen Glaubens- und Weltdeutungen zwar immer auch in viel beachteten öffentlichen Disputationen an den theologischen Fakultäten ihren Widerhall. Aber die Breitenwirkung der zum Teil grundstürzenden Neuerungen hing im 16. Jh. ganz entscheidend davon ab, was sich den Menschen in Stadt und Land von den neuen Erkenntnissen verstehbar und spürbar vermittelte. Für die allermeisten boten die Veränderungen in der öffentlichen Gottesdienstpraxis die entscheidenden Indizien für den Wandel. Sichtbares Zeichen hierfür war der Wandel der gottesdienstlichen Sprache und die kirchenbauliche Karriere ihres symbolischen Komplements, der Kanzel, die nun in eine kirchenbauliche Zentralstellung geriet.

Exemplarische Szenen

1. Der Kanzelauftritt

Natürlich fanden die Reformatoren eine lange Tradition verschiedener Predigtorte vor. Man nahm die mittelalterliche Prädikanten-Tradition auf und baute sie entsprechend der eigenen Theologie aus. Neu war allerdings, dass in den dann evangelisch werdenden Kirchen (es gab zunächst ja nur wenige evangelische Kirchneubauten) die Kanzel in eine deutliche Korrespondenz zum Altar trat. Was auf der Kanzel geschah, galt fortan als evangelisch wesentlich; so wesentlich, dass die Predigt das lutherische Abendmahl im Laufe der Zeit zu einem episodischen Appendix im Ordinarium werden ließ. Im Barock entstanden dann sog. Kanzelaltäre als das kirchenbauliche Alleinstellungsmerkmal evangelischer Gotteshäuser. Nie waren evangelische Religionsräume prunkvoller, nie der räumliche Gestus erhabener. – An Reformation zu erinnern heißt, ihren Zentralakt pädagogisch ins Bewusstein zu heben.

Szene – Kanzelrede: Aus dem reichen methodischen Repertoire der Kirchenpädagogik ist die Übung „Kanzellesen“ bekannt. Es geht hierbei darum, den evangelisch zentralen Handlungsort auch für die jeweilige Lerngruppe zugänglich zu machen. Die performative Grundidee ist es, die religiöse Funktion des Prinzipalstückes über die Ingebrauchnahme der „Predigtbühne“ kenntlich zu machen. Die Rolle der verständlichen religiösen Rede soll also am Originalschauplatz im Prozess zum Ausdruck kommen. Einzelne Schüler oder Schülerinnen werden gebeten, auf die Kanzel zu gehen und dort etwas zu „predigen“. Je nach Lerngruppe kann dies ein vorbereiteter Bibelspruch, eine biblische Geschichte oder eine Sequenz von selbst formulierten Sätzen sein (z. B. ‚Was ich der Kirche immer schon mal sagen wollte...‘). Der Rest der Gruppe sitzt derweil auf den Kirchenbänken und folgt der „Predigt“.

Eine kurze Vergegenwärtigung der Ikonographie der Kanzel (z. B. biblische Figuren, vier Evangelisten) und der Geschichte der Kanzel (oftmals fromme Stiftungen) konturieren diese Übung kognitiv. Eine deutende Bildbetrachtung von Cranachs berühmter Predella des Renaissance-Altars in der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg schließt diese Sequenz ab.

2. Evangelisch singen

In dem Kontext des liturgischen Formenspiels sind natürlich auch die neuen reformatorischen Lieder zu erwähnen, die nun mehrheitlich in der landesüblichen Regionalsprache das Evangelium intonierten und die in ersten Liedsammlungen und Gesangbüchern auf gut deutsch nicht selten einzelne Lehrstücke und biblische Narrative in gedichteter Form darboten. Die Reformation war eben nicht nur eine Predigtbewegung, sie machte mindestens ebenso als Singebewegung von sich hören. Die biblischen Referenztexte in der Muttersprache vernehmen und selbst singen zu können, hat das evangelische Kirchenvolk im wahrsten Sinne des Wortes „mündig“ gemacht. Man wollte verstehen können und das Verstandene sollte sich einprägsam vermitteln. So bietet Martin Luther, z. B. mit seinem Credo-Lied (EG 183), ganz bewusst keine wortgetreue Wiedergabe des Glaubensbekenntnisses, sondern eine theologisch stark deutende Paraphrase. Auch sein Tauflied (EG 202) ist weit mehr als nur das musikalische Dekor einer Kasualie; das „So hört und merket alle wohl“ in Vers 2 zeigt deutlich den katechetischen Duktus seiner Dichtung an. Der Reformator verstand seine Lieder als elementare Sprachschule des (neuen) Glaubens. Der Jugend gab er damit „Heilsames“ zu lernen und zwar in der ihr gemäßen Form: „wie es den Jungen gebührt“ sollte ihr die lutherische Liedkunst „mit Lust eingehen“. Ein durchaus kritischer Impuls für die gegenwärtige Lieddidaktik bzw. Kasualkultur.

In den gottesdienstlichen Liedern kommt aber auch zum Ausdruck, dass in der lutherischen Messe das liturgische Subjekt, an dem sich die Formen und der Rollenzuschnitt der Feier anmessen, nicht etwa der Geistliche ist, sondern die singende Gemeinde. Sie ist es, die das Geschehen autorisiert, indem sie eingangs ein „geistliches Lied“ singt und damit gleichsam das erste Wort hat. Konsequent sieht Luther die Gemeinde auch an den anderen Lobgesängen beteiligt. Neben dem Introitus werden ebenso die zentralen eucharistischen Stücke demokratisiert: Das Credo soll „die gantze Kirche“ singen, und der von Luther selbst verdeutschte Gesang des Sanctus („Jesaja dem Propheten das geschah“) sowie das Agnus Dei („Christe, du Lamm Gottes“) werden zu Gemeindeliedern. Die Gemeinde wird in der lutherischen Messe aus der passiven Zuschauerrolle befreit und erhält als kollektive Größe die Initiative zum liturgischen Handeln.

Da man nun im deutschsprachigen Gottesdienst verstehen konnte, was man sang und hörte, wurde man darüber zugleich auch urteilsfähig. Es nimmt also kaum Wunder, dass die Evangelischen in der Phase des reformatorischen Umbruchs diese ihr neu zukommende Urteilskraft auch z. T. sehr lautstark einsetzten. So wurden katholische Prediger von der Gemeinde unter lautem Gesang von Luthers Liedern übertönt, und vielerorts verhängte die alte Obrigkeit regelrechte Verbote gegen das Singen von Lutherliedern.An Reformation zu erinnern heißt, die liturgiedidaktische Theopoesie ihrer Liedkultur zu vergegenwärtigen.

Szene– Lutherlieder: Im Evangelischen Gesangbuch (EG) findet sich eine ganze Reihe von Lutherliedern. Die didaktische Reinszenierung der Reformation als singende Autonomiebestrebung sollte in einem ersten Schritt diese Lieder zusammenstellen und nach inhaltlichen Kriterien ordnen (z. B. Übersetzung von altkirchlichen Hymnen, Katechismus-Lieder, biblische Erzähllieder, Psalmen-Paraphrasen). Je nach Leistungsvermögen der Lerngruppe sollten dann diese Lieder in Gruppen exemplarisch fortgeschrieben werden, z. B. durch entsprechend neue Texte (z. B. in jugendgemäßer Sprache) oder in eine musikalisch adaptierte Gestalt (z. B. als Rap) gebracht werden. Versuchsweise könnten neue Strophen angehängt oder eingeschoben werden. Anschließend kann dann das so entstandene Potpourri in Schule und Gemeinde aufgeführt und einer breiteren (und kritischen) Öffentlichkeit präsentiert werden.

3. Evangelischer Lehr-Lern-Prozess

Die Reformation und ihre Wirkungen speisten sich nicht nur aus dem liturgischen Verlauten des Evangeliums, sondern auch aus dem Geist religiöser Unterweisung. Luther und Melanchthon waren Hochschullehrer, und was sie zum Zwecke kirchlicher Rückbesinnung erdachten, entsprang allererst akademischer Lehre. Die in Forschung und Lehre entstandene Neuerungsbewegung kommt erst im Bereich der Religionsdidaktik zu sich selbst. Der theologische und religiöse Eigensinn des Evangelischen verdichtete sich symbolisch in Luthers Katechismen von 1529. Charakteristisch und über Jahrhunderte maßgeblich ist der religionsdidaktische Dreischritt aus Bibel- bzw. Lehr-Satz, dessen Infragestellung durch die berühmte ‚Was ist das?‘-Frage und den präzisen Antworten aus der Feder des Wittenberger Reformkatholiken. Was sich hier über die einprägsamen und vor allem dann natürlich auch einzuprägenden Wortlaute in einer Art Konsensdialektik aus Tradition, Befragung und Interpretation darstellt, hat sich als eine überaus wirkmächtige evangelische Konstante erwiesen. Es konnte fortan eben nur selbstverständlicher Bestandteil protestantischer Identität werden, was seine Selbstverständlichkeit immer wieder neu und begründet in Frage zu stellen vermochte. Dieses Grundmuster einer sich immer und überall fraglichen Referenz auf die Tradition ist ein Indiz für die reflexive Stärke des lutherischen Christentums, aber es markiert natürlich auch immer die latente Gefährdung des Protestantismus als Religion durch ritualisierte Dauerdiskurse. – An Reformation zu erinnern heißt, ihren didaktischen Nukleus zur Darstellung zu bringen.

SzeneKatechismus: Die ersten Ausgaben des Kleinen Katechismus erschienen bezeichnenderweise nicht als Buch, sie hatten die Form von Plakaten zum öffentlichen Aushang in Kirchen und Schulen. Die von hegemonialen Überwucherungen befreite Glaubenslehre sollte öffentlich bekannt werden. Es stellt didaktisch eine durchaus reizvolle Aufgabe dar, dieses Format lerngruppenkonform neu zu imaginieren: Entsprechende Plakate lassen sich – eine passable Handschrift und den Willen zur Form vorausgesetzt – gut auch handschriftlich gestalten. Sie können aber auch in Collagetechnik erstellt und illustriert werden. Eine andere Kleingruppe kann diese lernende Verschriftlichung kommentieren mit einer Sprechmotette, in der das ostinate „Was ist das?“ die Intonation bestimmt. Hierbei können die katechetischen Antworten auch um- und fortgeschrieben werden.

Dabei sollte auch der sog. „Anhang“ nicht vergessen werden, der eine kleine Reihe evangelischer Ausdruckshandlungen zu lernen gibt, die um den Preis einer Dogmatisierung der „Hauptstücke“ bezeichnenderweise kirchlich kaum tradiert werden. Im Evangelischen Gesangbuch hat man die evangelischen Ausführungsbestimmungen z. B. kommentarlos abgetrennt. In diesem Anhang lehrt Luther, wie und was sich evangelisch zeigt: Beim Morgen- und Abendsegen, beim Tischgebet sowie im Verhalten religiös Berufener. Der „Was ist das?“-Schematismus ist hier im Abspann aufgehoben zugunsten von Zeigehandlungen. Religiöse Deixis statt dogmatischer Lexis, Performanz als Hermeneutik. – Plakate und Motette werden dann im Rahmen einer didaktischen Vernissage arrangiert und erläutert.

4. Bilder evangelisch-kritisch

Die reformatorischen Bilderstürme waren in der Umbruchphase die wohl radikalste Lebensäußerung des neuen Glaubens. Sie wurden von den Zeitgenossen – je nach konfessioneller Couleur – mit einer Mischung aus Angst und Faszination wahrgenommen. Die von Luther freigesetzten Dynamiken gerieten hier sichtbar außer Kontrolle. In Wittenberg war es Andreas Bodenstein von Karlstadt, wie Luther selbst Universitätsprofessor, der zur aktiven Zerstörung sakraler Kunst aufrief. Sein Zorn richtete sich gegen den Irrglauben, über fromme (Bilder- und Altar-)Stiftungen Entscheidendes für sein Seelenheil erkaufen zu können. Karlstadt forderte, das kirchliche Vermögen besser den Armen zu geben; er erinnerte dabei auch daran, dass das 1. Gebot den Götzendienst (im Bild) untersagt. Karlstadts Flugschrift „Von der abtuhung der Bylder“ (1522) fand im deutschen Sprachraum schnell Verbreitung. Von dieser Schrift wurde allerdings weniger das Stiftungsargument rezipiert als vielmehr der Aufruf zum kollektiven Sturm auf die Götzenbilder der Altgläubigen. Die Folgen waren fatal. 1531 wurden im Ulmer Münster am sog. „Götzentag“ nicht nur 60 (!) Altäre entfernt und teilweise zerhackt, auch beide Orgeln riss man mit Hilfe von Zugpferden heraus. Im Bildersturm bemächtigte sich der Furor Teutonicus der reformatorischen Umbrüche.

In Zürich veranstalteten die Reformatoren um Zwingli zwar noch öffentliche Disputationen, um zu klären, wie evangelisch mit den Bildern umzugehen sei. Zwingli selbst äußerte sich jedoch radikal: Aus den Kirchen sollten sämtliche bildlichen Darstellungen entfernt werden. Während daraufhin im Großmünster hinter verschlossenen Türen die Bildwerke von Geistlichen und Handwerkern entfernt wurden, verliefen die Bilderstürme in Basel, Bern, St.Gallen und Amsterdam tumultartig. – An Reformation zu erinnern heißt, ihre revolutionär-destruktiven Impulse zu re-inszenieren.

SzeneBildersturm: Nach einer deutenden Sichtung zeitgenössischer Drucke und Beschreibungen besucht die Lerngruppe eine alte, (ehedem katholische) evangelische Kirche und klärt bei einer angeleiteten Wahrnehmung des Interieurs, was hier (ohne Bildersturm) an katholischer Kunst übernommen wurde (z. B. Marienstatuen und -altäre, Heiligenaltäre und -bildnisse). Anhand eines Kirchenführers kann dann rekonstruiert werden, was später an evangelischen Um- und Einbauten erfolgte (reformatorische Kanzel, Rückbau des Lettners). Am Beispiel einzelner Ausstattungsgegenstände können dann konfessionelle Codes bzw. die religiöse Bedeutung sakraler Kunst herausgearbeitet werden. Eine der Leitfragen kann hierbei sein, was sich eine Gemeinde an Kunstschätzen „leisten“ kann oder soll bzw. in welchem Verhältnis die Ausgaben für die Erhaltung der Kunstschätze zu den diakonischen Aufgaben der Gemeinde stehen. – Kontrasterfahrungen bieten Kirchenbesuche in einer katholischen und in einer reformierten Kirche. Herausgearbeitet werden sollte auch, wie sehr sich beim Phänomen des Bildersturms religiöse Affekte und theologische Argumente, Gefühl und Verstand überlagern.

5. Nicht nur Luther

Die Reformation drehte sich nicht nur um Luther und Melanchthon. Was in Wittenberg theologisch gedacht wurde, fand bald schon breiten Widerhall vor allem in den Städten. Der religiöse und kulturelle Umbruch, der sich früh zusammen mit den theologischen Verwerfungen abzeichnete, musste vor Ort gegen erhebliche Widerstände vermittelt und durchgesetzt werden. Heinrich Never in Wismar, der niedersächsische Reformator Antonius Corvinus, Johann Konrad Ulmer, der Reformator der Grafschaft Rieneck und nach Sebastian Hofmeister der zweite Reformator Schaffhausens, Hermann Hamelmann in Kamen – die Anhänger des neuen Geistes hatten vielerorts nicht den theologischen Weitblick ihrer großen Vorbilder, aber die Auseinandersetzungen, die sie vor Ort mit den Vertretern der alten Ordnung in Kirche, Adel und Rathaus in den Städten hatten, waren darum nicht weniger riskant als auf der großen politischen Bühne des Reiches.

Einer der vielen Reformatoren von regionaler Reichweite war Joachim Slüter in Rostock. Als einziges Machtmittel verfügte der agile Kaplan von St. Petri über das Wort, um die Stadtbürger der altehrwürdigen Hansestadt von der evangelischen Lesart der Bibel zu überzeugen. Dieses sein Wort erwies sich in zweierlei Hinsicht als überaus wirkmächtig: Er hielt seine Predigten auf niederdeutsch, der Sprache, die die eher armen Leute im Petri-Viertel verstanden. Und in eben dieser niederdeutschen Mundart sammelte und dichtete er religiöse Lieder. 1525 stellte er das erste niederdeutsche Gesangbuch „Ein gar schönes und sehr nützliches Gesangbuch für Werkleute“ zusammen. 1528 trat Slüter öffentlichkeitswirksam in den heiligen Stand der Ehe. Im historischen Kirchenspiel „Slüters Hochzeit“ wird dieses Ereignis noch heute traditionell vom Stadttheater am Reformationstag in der Pfarrkirche St. Petri aufgeführt: eine reformatorische Episode in theatraler Schaustellung.

Die Reformation war eben auch ein Konglomerat regional ausgelegter Umbrüche von ganz eigener Prägung und Amplitude. Trotz Luthers umfangreicher Korrespondenztätigkeit und der Fülle reformatorischer Flugschriften spielte sich in den einzelnen Landstrichen längst nicht alles so ab, wie man es in Wittenberg vordachte. Im Nachhinein ist es erstaunlich, wie sehr dann doch die partikularen Aktivitäten in einer großen, mehr oder weniger einheitlichen Bewegung mündeten. Didaktisch angeleitetes Reformationsgedenken wird immer dann identifizierbare Konturen erhalten, wenn es die biographische und regionale Vielgestalt der Nebenrollen und Nebenschauplätze zum Ausdruck bringt. Der Religionsunterricht tut gut daran, diesen regionalen Spuren nachzugehen, um die tektonischen Erschütterungen der europäischen Geistesgeschichte im eigenen Nahraum zu verorten. Ein solcher Zugriff erklärt überdies auch die Varianzbreite evangelischer Religionskultur. – An Reformation zu erinnern heißt, ihre regionalen Protagonisten zu vergegenwärtigen.

Szene– Regionale Religionsakteure: Um zu verstehen, was kirchlich und religiös, säkular wie kulturell bis heute reformatorisch nachwirkt, sollte die Lerngruppe die historischen Spuren aufnehmen. Städtische und kirchliche Archive, aber auch die regionale Geschichtswerkstatt bieten hier gern ihre Hilfe an. Es gilt, die Fülle des Materials zu sichten und thematisch zu gewichten. Die Prägnanz eines Themas gewinnt man in der Regel, wenn die historischen Daten in einem zweiten Lernschritt wieder verflüssigt werden, z. B. indem sie zeit- und schülergemäß reinszeniert werden. Ein Stück selbst zu schreiben, es einzuüben und dann auch aufzuführen, ist ein lohnendes fächerübergreifendes Schulprojekt, an dem sich Lehrpersonen aus Religion, Deutsch, Kunst, Musik und Geschichte beteiligen können. Was sich im 16. Jh. im heimischen Gemeinwesen vor aller Augen abspielte, wird mit einem solchen Stück theatraler Erinnerungsarbeit einer interessierten Öffentlichkeit zugespielt und in lebendige Tradition verwandelt.

„Das Wort sie sollen lassen stahn“

Die Pointe der hier imaginierten religionsdidaktischen Szenenfolge liegt darin, das Erinnern als einen aktiven, rekonstruktiven und gestalterischen Prozess zu verstehen, in dem die verschiedenen kulturellen Brechungen der reformatorischen Ideen in den vergangenen 500 Jahren theatral, musikalisch und kognitiv mitgeführt werden. Diese Szenenfolge ist auf reflexive Lernschleifen angewiesen, die von den Lehrpersonen adäquat zugeschnitten werden; an entsprechenden Lernmaterialien hat es keinen Mangel. Die performative Perspektive fordert die Tradition heraus, um in sie unter geänderten Voraussetzungen einzutreten. Deutende Iteration ist die einzige Form, Tradition zu bewahren. Denn ein solcher Zugriff öffnet den Religionsunterricht für die kulturellen Resonanzen der Religion wie für die religiösen Resonanzräume der Kultur; und er verschränkt beides miteinander. Inszeniert werden sollen in den authentischen reformatorischen Generalmedien Rede, Gesang und Reflexion. Intendiert ist eine kulturoffene Performanz dessen, was Luther prägnant mit „Wort“ umschreibt.

Online erschienen: 2016-12-3
Erschienen im Druck: 2016-12-3

© 2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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