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Gründungsszenen – Eröffnungszüge des Theoretisierens am Beispiel von Heinrich Popitz‘ Machtsoziologie

  • Sina Farzin, geb. 1976, seit 2012 Juniorprofessorin für Soziologische Theorie an der Universität Hamburg.

    Forschungsschwerpunkte: Soziologische Theorien, Kultursoziologie, Systemtheorie, Theorien sozialer Inklusion/Exklusion, Literatursoziologie.

    Wichtige Publikationen: Gründungsszenen soziologischer Theorie, Wiesbaden: VS 2014 (Hg. mit Henning Laux); Die Rhetorik der Exklusion, Weilerswist: Velbrück 2011.

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    Henning Laux, geb. 1979, Vertreter der Professur für allgemeine und theoretische Soziologie an der TU Chemnitz sowie Leiter des DFG-Forschungsprojektes „Desynchronisierte Gesellschaft. Politische Herausforderungen an den Schnittstellen des Sozialen“.

    Forschungsschwerpunkte: Soziologische Theorien, Kultursoziologie, Wissenschafts- und Technikforschung und Politische Soziologie.

    Wichtige Veröffentlichungen: Clockwork Politics. Fünf Dimensionen politischer Zeit. In: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 43/2015: 52–70 (zus. mit Hartmut Rosa); Hybridorganisationen. Politische Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und biophysischer Natur. In: Soziale Welt. Heft 4/2016; Soziologie im Zeitalter der Komposition. Koordinaten einer integrativen Netzwerktheorie, Weilerswist: Velbrück 2014.

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Published/Copyright: August 10, 2016
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Zusammenfassung:

Der Text entwickelt das Konzept der „Gründungsszene“ in Auseinandersetzung mit der Machtsoziologie von Heinrich Popitz. Im Anschluss an neuere Arbeiten von Andrew Abbott und Richard Swedberg beleuchten wir eine weit verbreitete, aber nur selten explizierte Form des Theoretisierens, bei der gehaltvolle Theoreme innerhalb eines Textes durch szenische Eröffnungszüge entwickelt werden, ohne dabei auf methodisch kontrollierte Beobachtungen zurückzugreifen. Durch eine Gründungszene wie den Kampf um Liegestühle auf einem Kreuzfahrtschiff stellt Popitz einen experimentellen Realitätsbezug her. Wir untersuchen, wie Popitz seinen Machtbegriff über die Szene empirisch auflädt, und arbeiten heraus, welche Potenziale und Beschränkungen damit einhergehen. Abschließend generieren wir mit Popitz und über ihn hinaus verallgemeinerbare Aussagen über Funktionen und Effekte von Gründungsszenen für die soziologische Theoriebildung.

Abstract:

This paper develops the concept of “founding scenes” in dialogue with Heinrich Popitz‘ sociology of power. Following recent work by Andrew Abbott and Richard Swedberg we examine a popular but rarely explicated form of theorizing in which theorems are developed by means of scenic gambits without using methodologically controlled empirical “data.” Deploying the battle for deckchairs on a cruise ship as a founding scene in the proposed sense Popitz constructs an experimental reference to reality. This contribution analyzes how Popitz empirically anchors his theory of power in the scene and discusses the potentials and limitations of this strategy. In a final step, it generates general statements about the functions and effects of founding scenes for sociological theorizing.

1 Einführung

Prozesse der Welterschließung gehen stets mit Abstraktionsleistungen einher. Die Übersetzung von Erfahrungen in allgemeine Regeln und Begriffe liegt unserem Alltagshandeln ebenso zugrunde wie der hochspezialisierten Theorieproduktion. Umso verwunderlicher ist es, dass sich die Verknüpfung von Welt und Theorie als integraler Bestandteil der soziologischen Praxis weitgehend unreflektiert vollzieht. So kann der Eindruck entstehen, dass sich Prozesse der Theoriebildung in einem sozialen Vakuum vollziehen. Doch auch jene Theorien, die nicht auf methodisch kontrollierten Daten beruhen, nehmen ihren Ausgang von konkreten Fällen, die theoretische Innovationen einleiten, strukturieren, plausibilisieren und erden. Durch den Bezug auf spezifische Situationen markieren sie einen Wirklichkeitsausschnitt, in dem theoretische Aussagenkomplexe formuliert werden können. Um die empirische Aufladung derartiger Theorien zu analysieren und die Bedeutung paradigmatischer Fälle für die Praxis soziologischer Theoriebildung genauer zu erfassen, schlagen wir im folgenden Text das Konzept der Gründungsszene vor. Der Text gliedert sich in sechs Abschnitte. Im Anschluss an diese Einleitung gehen wir zunächst (2.) auf die angloamerikanische Debatte über erfahrungsbasierte und kreative „Eröffnungszüge“ des Theoretisierens bei Andrew Abbott und Richard Swedberg ein, um so zu jener Theorieform vorzustoßen, für die Gründungsszenen von entscheidender Bedeutung sind. Von hier aus wird anschließend (3.) der Begriff der Gründungsszene näher bestimmt und (4.) exemplarisch entlang einer Lektüre der Machttheorie von Heinrich Popitz entfaltet. Mit Popitz und über ihn hinaus wollen wir (5.) zu verallgemeinerbaren Aussagen über die Funktionen und Effekte szenenzentrierter Theoriebildung vordringen. Der abschließende Ausblick (6.) skizziert weiterführende Forschungsfragen und Perspektiven für den soziologischen Umgang mit szenischen Theorieangeboten.

2 Eröffnungszüge

In der angloamerikanischen Debatte gerät in einer Reihe jüngerer Veröffentlichungen zunehmend die Entstehung soziologischer Innovation, Kreativität und Imagination in den Mittelpunkt (die beiden einflussreichsten Arbeiten sind: Abbott 2004 und Becker 1998). Die Autoren eint das Anliegen, Soziologie nicht als Handwerkskunst zu betreiben, deren Grundlage allein die Beherrschung eines gut bestückten, aber doch nur vorgegebenen methodischen und theoretischen Werkzeugkastens ist. Die klassische Vermittlung von Methodenkompetenz nach Lehrbuch vernachlässige, so Abbott (2004: xi), die Fähigkeit spannende Forschungsfragen (puzzles) zu formulieren und innovative Problemlösungen (ideas) zu entwickeln. Die meisten soziologischen Lehrbücher „forget the other voice, the imaginative voice of whimsy, surprise, and novelty. […] Social scientists use gambits of imagination, mental moves they employ to hasten discovery.” (ebd.: 4) Abbott geht es um die Identifizierung jener Momente, in denen es durch überraschende Verbindungen, kreative Assoziationen und Inspiration gelingt, neues und originelles Wissen hervorzubringen. Er vergleicht diese soziologischen Schlüsselmomente mit dem Eröffnungszug beim Schach und spricht daher von gambits. Zu Beginn eines Spiels geben die gambits bestimmte Figuren frei – zumeist in Form des sprichwörtlichen Bauernopfers – um längerfristige Spielvorteile zu generieren. Soziologinnen kombinieren nun laut Abbott – vergleichbar mit einem Eröffnungszug – aus der unendlichen Vielfalt möglicher Betrachtungsweisen eine konkrete Forschungsfrage mit einer spezifischen kreativen Idee, diese zu beantworten. Damit wird eine Festlegung getroffen, die das „Spiel“ soziologischer Erkenntnis eröffnet und zugleich einschränkt. Vor jeder methodisch abgesicherten Beschäftigung mit empirischen Daten oder der Testung theoretisch inspirierter Hypothesen erkennt Abbott im gambit den Ursprungsort soziologischer Kreativität und Imagination. Dabei identifiziert er verschiedene Heuristiken soziologischer Forschung wie den Einsatz von kontrafaktischen Überlegungen, Narrativen, Analogien oder Metaphern. Alle diese Eröffnungsstrategien ermöglichen neue Erkenntnisse – und schließen zugleich alternative Möglichkeiten aus.

Richard Swedberg hat die im Rahmen dieser Diskussion vorgebrachten Überlegungen auf den Bereich der soziologischen Theorieentwicklung übertragen (Swedberg 2014a; 2014b).[1] Ähnlich wie Abbott schlägt Swedberg Heuristiken vor, die theoretische Erkenntnisse und Innovationen ermöglichen sollen. Dabei teilt er mit Abbott die zentrale Grundannahme, dass eine soziologische Theorie niemals ein abgeschlossenes, statisches, kohärentes, vorgegebenes Begriffsgebäude ist („abstract theory“), sondern vielmehr in beständiger Auseinandersetzung mit Wirklichkeitsbezügen prozesshaft inspiriert, entwickelt, angepasst und überarbeitet werden muss. Zustimmend zitiert Swedberg daher aus einem mündlichen Vortrag Abbotts das gemeinsam geteilte Axiom: „ALL THEORY WORTH READING ARISES FROM REFLECTION ABOUT DATA. Write this phrase on your computer. Paste it on the bathroom mirror. Mention it softly while making love. ‚All theory worth reading arises from reflection about data.‘“ (Abbott, zit. nach Swedberg 2014a: 140; Hervorh. im Orig.)

Dieses eindrückliche Plädoyer für datengetriebene Theorieentwicklung darf freilich nicht als Parteinahme für methodisch kontrollierte oder standardisierte Daten missverstanden werden, es geht vielmehr um die Einbeziehung verschiedener Materialsorten. Sowohl Abbott als auch Swedberg adressieren die Verankerung soziologischer Eröffnungszüge in konkreten puzzles, die sich im Verlauf der Beobachtung von Wirklichkeit ergeben und die den Prozess des Theoretisierens initialisieren. Swedberg argumentiert in diesem Kontext etymologisch und erinnert an die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Ausdrucks theorein: „A Greek city would send an individual, or a theoros, on pilgrimage abroad for the purpose of consulting an oracle or participating in a religious festival and then reporting back to his community. A secular version also existed, where the theoros traveled abroad more as a tourist or a researcher. In all of these cases, the traveler was reunited with his original community by giving an account of what he had witnessed.” (Swedberg 2014a: 20)

Was Swedberg mit der Fokussierung auf die Figur des theoros in den Mittelpunkt seiner Überlegungen rückt, ist die Bestimmung von Theorie als aktiver Tätigkeit in Auseinandersetzung mit der Welt. Was ihn interessiert, ist eben nicht das Resultat abstrahierender Beobachtung, sondern der Prozess des Theoretisierens selbst, in dem subjektive Erfahrungen in theoretische Begriffe überführt werden. Die konstitutive Verknüpfung des Theoriebegriffs mit der aktiven Weltbeobachtung bei Swedberg und Abbott steht in deutlichem Gegensatz zur disziplinären Auslegung von Theorie als logisch geschlossenem Verweisungszusammenhang von Begriffen, Annahmen und Konzepten, formuliert aber ebenso implizit den Ausschluss vieler anderer Definitionen von Theorie. Klassische Ansätze bestimmen den Begriff der Theorie für die Soziologie nach dem disziplinär verwendeten und akzeptierten Verständnis. Ein Vorgehen, das zu einer Pluralisierung von Theoriebegriffen führt: Robert K. Merton (1945) identifiziert in einem inzwischen kanonischen Entwurf sechs verschiedene Verwendungsweisen, Gabriel Abend (2008) zählt jüngst gar sieben. Eine Systematisierung liegt diesen Vorschlägen jedoch insofern nicht zugrunde, als verschiedene Verwendungen des Begriffs Theorie hier so aufgelistet werden, wie sie im soziologischen Diskurs vorkommen. Um die Intervention von Abbott und Swedberg besser zu verstehen, schlagen wir demgegenüber eine schlankere Differenzierung verschiedener Theorietypen vor, die entlang des theorieintern realisierten Weltbezugs organisiert ist. So gelangt man zu einer Systematik, bei der sich drei Gruppen voneinander unterscheiden lassen: 1) Theorien, die aus selbstreferentiellen Lektüren, Vergleichen oder Erweiterungen bestehender Theorien generiert werden, 2) Aussagensysteme, die erst dann einen Wirklichkeitsbezug reklamieren, wenn sie sich im Rahmen methodisch kontrollierter Hypothesentests bewährt haben, 3) Ansätze, die methodisch unkontrollierte Erfahrungen und vorempirische Beobachtungen sozialer Situationen nutzen, um theoretische Aussagen zu formulieren.[2]

Swedberg und Abbott begnügen sich in ihren programmatisch ausgerichteten Arbeiten nicht mit der Deskription solcher verschiedener Wirklichkeitsbezüge, sondern verdeutlichen, welche Strategien sie in soziologischer Hinsicht für besonders fruchtbar halten. Vor diesem Hintergrund erweisen sich Aussagen vom Typ 1 als defizitär, da sie auf den Einbau unmittelbarer und konkreter Wirklichkeitsbezüge verzichten und stattdessen auf kommunikative Anschlussfähigkeit an den soziologischen Diskurs abzielen, was im schlimmsten Fall zu einer nur noch selbstreferentiellen Wissensproduktion führen kann. Aussagen vom Typ 2 werden von beiden Autoren zwar als unverzichtbar erachtet, gleichwohl hat die Hegemonialisierung dieses Typs in ihren Augen dazu geführt, dass die erfahrungsbasierten Einsatzpunkte und innovativen Potenziale des theoretischen Denkens zum Verschwinden gebracht werden: „An idea that could not be formulated as a testable hypothesis was not scientific.“ (Swedberg 2012: 4) Im Gegensatz dazu wollen sie mit der Hinwendung zu Aussagen vom Typ 3 jene Seite des Erkenntnisprozesses stärker in den Blick bekommen, die Reichenbach (1938) als „context of discovery“ bezeichnet und die Popper alsbald als logisch nicht zugängliches, innersubjektives Entdeckungserlebnis höchstens noch in den Zuständigkeitsbereich der empirischen Psychologie verwies (Popper 1935: 4 f.).[3] Swedberg (2012: 5 f.) hält Popper entgegen, dass diese Anfangsmomente nicht allein intransparenten kognitiv-psychischen Prozessen entspringen, deren Spuren in der Darstellung getilgt werden müssen, sondern dass sie als aktive Beobachtung von Forschungsgegenständen durchaus intersubjektiv vermittelt werden können. Sie entsprechen zwar nicht den Ansprüchen, die nach dem Wissenschaftsverständnis des Kritischen Rationalismus an Objektivierbarkeit und Reproduzierbarkeit der Aussagen gestellt werden. Aber diese gambits sind eben auch nicht gegenstandslose Hirngespinste. Es handelt sich vielmehr um kreative Übersetzungen von konkreten Beobachtungen in theoretische Abstraktionen: „It can come from Interviews, archives, newspapers, bar codes, autobiographies, data sets, dreams, movies, poems, music – pretty much from any source that has something to say about the phenomenon you are interested in. […] it is not at all necessary that this information should be gathered in a reliable manner […]. Anything goes!“ (Swedberg 2014a: 36)

Unsere weiterführende These lautet nun, dass der langwierige Prozess des Theoretisierens nicht auf den konkreten empirischen Akt kognitiver Erkenntnis beschränkt bleibt, vielmehr schreibt sich der Entstehungszusammenhang im Fall beobachtungsorientierter Theoriebildung (Typ 3) häufig als Eröffnungszug in den Text ein und kann dort in seinen Konsequenzen erfasst und interpretiert werden. Damit verlassen wir den von Abbott und Swedberg formulierten Rahmen und treten einen Schritt hinter deren implizite Annahme zurück, dass jede (gute) soziologische Theorie ihren Ausgangspunkt in subjektiven Beobachtungsmomenten nimmt. Vielmehr richten wir unser Interesse auf jene Theorien vom Typ 3, in denen diese Beobachtungsmomente innerhalb der Texte selbst thematisiert und strategisch vorgeführt werden. Der Übergang zwischen Entdeckung und Rechtfertigung ist im Rahmen dieser theoretischen Textgattung, zu der typischerweise auch qualitative Arbeiten auf Grundlage der irreführenden Bezeichnung „theoretical methods“ (Swedberg 2012: 6) gerechnet werden, fließend. Theoriebildung und ihre textliche Darstellung können dabei nicht voneinander getrennt verhandelt werden, denn die ‚bloße Darstellung‘ erweist sich bei genauerer Betrachtung als entscheidender Entwicklungsschritt und integraler Bestandteil einer theoretischen Position. Präzise Begriffe, verallgemeinerbare Konzepte oder komplexe Aussagensystem strömen nicht in Form von fertigen Endprodukten aus den Köpfen der Theoretiker, sondern nehmen erst durch die sorgfältige und zeitintensive Arbeit am Text und aufgrund der Zugzwänge und Pfadabhängigkeiten des schreibenden Argumentierens eine konkrete Gestalt an. Textuelle Einsatzpunkte wie Metaphern, Figuren oder Narrative werden im Rahmen der Theorien vom Typ 3 dazu genutzt, um Wirklichkeitsbezüge herzustellen, die der tatsächlichen Überprüfung und Erhebung von empirischen Daten vorgelagert sind. Wie wir in Abschnitt 5 noch sehen werden, ist es dabei nebensächlich, welchen Wirklichkeitsstatus den jeweiligen Versatzstücken zukommt, ob sie dem eigenen Erleben, einer Romanlektüre oder einer Bildbetrachtung entnommen sind. Zentral ist vielmehr ihr wirklichkeitsaufschlüsselndes Potential, ihre Funktion als Eröffnungszug im Zusammenspiel von puzzle und idea. Die von uns in den Blick genommenen Gründungsszenen erfüllen für soziologische Theorien diese Funktion, sie sind Eröffnungszüge des Theoretisierens, wie im folgenden Abschnitt genauer auszuführen sein wird.

3 Gründungsszenen soziologischer Theorie

Die von Abbott und Swedberg eingeforderte Analyse von theoretischen Wirklichkeitsbezügen kann auf verschiedene Weise geschehen. Wir schlagen den Begriff der Gründungsszene vor, um eine spezifische Form des Theoretisierens genauer in den Blick zu nehmen. Dabei geht es uns um Theorien vom Typ 3, die szenische[4] Schilderungen als Eröffnungszüge nutzen.[5]

Unter Gründungsszenen verstehen wir prägnante Miniaturen soziologisch virulenter Fragen und Phänomene. In ihnen wird ein spezifischer Ausschnitt der sozialen Welt inszeniert, der die Theoriebildung anleitet, ohne selbst bereits den Status eines empirischen Datums zu beanspruchen. Gründungsszenen enthalten das leitende, aber selten vollständig explizierte Motiv eines theoretischen Ansatzes. Gründungsszenen sind – so könnte man vorläufig formulieren – Fetzen von „Weltstoff“ (Simmel 1916: 33), die in das abstrakte Netz der Begriffe, Modelle, Konzepte eingewoben werden. Sie exemplifizieren, plausibilisieren und realisieren Theorien. Diese episodischen, ausschnitthaften Beobachtungen, Schilderungen, Referenzen fundieren den Anspruch der Soziologie auf den Status einer Wirklichkeitswissenschaft gerade dort, wo sie zur Problemlösung auf theoretische Innovationen angewiesen ist und wo sie (noch) nicht auf methodisch kontrollierte Daten zurückgreifen kann.

Von illustrativen Beispielen oder nachgelagerten Anwendungsfällen unterscheiden sich Gründungsszenen durch ihre initialisierende Funktion, die es ermöglicht, theoretische Begriffe in Verschränkung mit der konkreten Anschauung zu entwickeln. Von empirischenSituationen (vgl. Ziemann 2013) unterscheiden sich Gründungsszenen vor allem durch ihren unbestimmten Wirklichkeitsstatus und die theoriestrategische Anordnung der Szene: Sie können unmittelbarer Beobachtung sozialer Prozesse entspringen, aber ebenso literarischen, mythischen oder künstlerischen Ursprungs und damit der Sphäre der Fiktion zugeordnet sein. Schließlich unterscheiden sie sich von statisch angelegten Metaphern durch ihren prozesshaften Charakter: In zeitlich und räumlich abgegrenzten Situationen treten Personen, Akteure, Subjekte oder Aktivitäten in Beziehung zueinander und spannen einen exemplarischen Ausschnitt der sozialen Welt auf. Gründungsszenen adressieren soziale Vorgänge und können auf diese Weise konkrete Operationsketten, Strukturdynamiken oder Wirkmechanismen zum Thema machen. Auf diese Weise verbinden sie wissenschaftliche Aussagenkomplexe mit der dynamischen Wirklichkeit des Sozialen. Diese Scharnierstellen der Theoriebildung, die den Einsatzpunkt abstrahierender Begriffsbildung markieren und zugleich an konkrete Beobachtungen rückbinden, bezeichnen wir mit dem Begriff der Gründungsszene. Zur näheren Bestimmung des Konzepts nehmen wir im Folgenden die in diesen drei Abgrenzungen bereits anklingenden Aspekte der Gründung (a) sowie der szenischen Inszenierung (b) näher in den Blick und veranschaulichen das Konzept anhand von exemplarischen Szenen aus der soziologischen Forschungsliteratur.

(a) Die mit dem Konzept einhergehende Betonung der Gründungsfunktion bezieht sich auf das ermöglichende Anfangsmoment, das die Szene markiert. In der Szene als Eröffnungszug wird das grundlegende puzzle sichtbar, das es theoretisch zu lösen gilt. Das Ausgangsproblem wird somit zunächst als Bestandteil der sozialen Wirklichkeit und soziologisch relevanter Gegenstand formuliert, den es theoretisch zu erfassen gilt. Damit plausibilisiert oder illustriert eine Gründungsszene nicht einfach ein vorformuliertes theoretisches Problem. Sie ermöglicht es vielmehr, entlang der in ihr aufgezeigten Abläufe ein zentrales Bezugsproblem aufzuzeigen und zugleich theoretisch innovative Lösungsvorschläge zu entwickeln. So schildert Niklas Luhmann in seinem klassischen Text Der neue Chef (1962) auf plastische Weise den ersten Auftritt des gerade ernannten Leiters einer bürokratischen Organisation, um im Anschluss an diese Szene darauf hinzuweisen, dass eine theoretische Weiterentwicklung verwaltungswissenschaftlicher Forschung unbedingt erforderlich sei, weil diese das von ihm inszenierte Erklärungsproblem gerade „nicht fassen und definieren kann“ (Luhmann 1962: 12). In ähnlicher Absicht greift Bruno Latour in Die Hoffnung der Pandora (1999) auf eine vermeintlich fiktive Erzählung über eine gewaltförmige Auseinandersetzung zwischen indischen Kasten zurück, die über die Bedeutung eines „heiligen Steins“ streiten. Latour arbeitet heraus, welche Deutungsprobleme die Szene verursacht, solange man mit einem „modernistischen Vokabular“ arbeitet, und er nimmt das Scheitern der etablierten Ansätze an diesem inszenierten puzzle zum Anlass für die Entwicklung einer „neuen Soziologie“ (Latour 2007; vgl. dazu auch Farzin & Laux 2014).

Aufgrund ihrer gravierenden Strukturierungsleistung tauchen Gründungszenen häufig zu Beginn eines Werkes auf. Mit ihrer Hilfe soll der Grundstein für die Entwicklung einer neuen Theorie gelegt werden. So verzichtet Michel Foucault in Überwachen und Strafen (1976) auf die konventionelle Auseinandersetzung mit dem sozialwissenschaftlichen Forschungsstand und setzt stattdessen unmittelbar mit einem Bericht über die grausame Marterung eines zum Tode verurteilten Menschen im Mittelalter ein. Und Hartmut Rosa entfaltet seine Theorie der Beschleunigung (2005) ohne jede Vorrede ausgehend von einer kontrafaktischen Welt, in der die technischen Errungenschaften der Moderne einen gesellschaftlichen Strukturwandel anleiten, der den Menschen ein Leben in Zeitwohlstand ermöglicht. Schließlich entwickeln Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ihre Abhandlung über die Dialektik der Aufklärung gleich zu Beginn in Auseinandersetzung mit der homerischen Erzählung über den an einen Schiffsmast gefesselten Odysseus, der sich am verführerischen Gesang der Sirenen berauscht, ohne ihm zu erliegen. Die Auswahl solcher Gründungsszenen ist dabei weder nebensächlich noch zufällig, vielmehr kristallisiert sich in ihnen das konstitutive Leitmotiv eines Ansatzes, wie etwa Horkheimer und Adorno behaupten, wenn sie schreiben: „Das Epos enthält bereits die richtige Theorie.“ (Horkheimer & Adorno 1969: 41)

Sobald ein szenisch formuliertes Rätsel jedoch im Laufe einer Abhandlung durch theoretische Innovationen gelöst wird, verändert sich die Funktion der betreffenden Gründungsszene. Ihre Antriebsenergie erschöpft sich, sie dient nicht mehr als Motor der Theoriebildung, sondern kann in den Hintergrund treten und fortan als bloße Illustration einer ‚fertigen‘ Theorie erscheinen. Gründungsszenen funktionieren wie ein Gerüst, das die Baumeisterin nicht mehr benötigt, sobald das Theoriegebäude steht. Sie werden als Gerüst unsichtbar, bestimmen (und limitieren) aber dennoch die Möglichkeiten der theoretischen Ausdehnung. Das bedeutet nicht, dass Gründungsszenen die Reichweite theoretischer Aussagebereiche fixieren. Aber sie ziehen bestimmte Grenzen ein, die, einmal erreicht, typischerweise durch den Einsatz neuer Szenen überschritten werden – wie wir in Abschnitt 4 anhand der Machttheorie von Heinrich Popitz noch genauer herausarbeiten werden. Diese nachgelagerten Szenen bleiben dann strukturell auf die ursprüngliche Szene bezogen, indem sie an den Rändern der aus ihr gewonnenen Abstraktion kondensieren. Sie sind Ergänzungsszenen, die selbst wiederum einen erweiterten Abstraktionshorizont begründen.[6]

(b.)Gründungsszenen funktionieren in theoretischen Texten ähnlich wie in der Alltagspraxis: „Sich streiten oder sich gegenseitig ‚eine Szene machen‘ heißt, einen vergleichsweise geringfügigen Vorfall, der im Folgenden rasch vergessen wird, zum Anlass einer Auseinandersetzung zu nehmen, in deren Fortgang der Konflikt auf immer neue Ebenen verschoben wird.“ (Heeg 1999: 263) Szenen, die zunächst unbedeutend erscheinen, können in (theoretischen) Auseinandersetzungen weitreichende Folgen nach sich ziehen. Das zeigt sich etwa, wenn Robert Putnam in seiner Studie Bowling alone über das allmähliche Aussterben lokaler Bowlingteams berichtet, um von hier aus auf nicht weniger als die Veränderung des Sozialkapitals in der amerikanischen Gesellschaft zu schließen (Putnam 2000: 111–115). Oder wenn Harrison White in Identity and Control seine netzwerktheoretische Modelle anhand der Ereignisse auf einem Kinderspielplatz entwickelt (White 2008: 4, vgl. auch Schmitt 2014). Aus der Zentralstellung vermeintlich ‚trivialer‘ Szenen ergeben sich Möglichkeiten und Zugzwänge des Argumentierens, welche die Entwicklung einer Theorie maßgeblich strukturieren. In der vorangestellten Definition klingt die dramaturgische Bedeutung der Szene als wesentlicher Handlungszusammenhang an. Ähnlich wie im Ursprungskontext der dramatischen Inszenierung markieren auch die uns interessierenden Gründungsszenen der Soziologie konkrete Orte des Geschehens, die das forschungsleitende puzzle greifbar machen und – vermittelt durch den Text – vor Augen führen.

Der Szenenbegriff verweist aber noch auf einen zweiten Aspekt, der von zentraler Bedeutung für unser Konzept ist. Als Mittel der Dramaturgie verdeutlicht der Ausdruck das strategische, inszenierte, künstliche Element, das Gründungsszenen wesentlich von empirischen Fällen oder Beispielen unterscheidet. Dabei fließen im Begriff der Szene zwei Bedeutungsebenen zusammen, zum einen die bereits explizierte Vorstellung von Szenen als Handlung, zum anderen die Vorstellung der Szene als Bild (Heeg 1999: 258). Der bildhafte Weltausschnitt, der auf einer Theaterbühne inszeniert wird, ist kein zufälliger. Vielmehr verdichten sich alle Elemente zu sinnvermittelnden Instanzen: Personen, Landschaften, Requisiten werden zu Bedeutungsträgern, die es zu entschlüsseln gilt. Diese Einbindung in einen gemeinsamen Sinnhorizont erzeugt die Imagination einer ‚realistischen‘ Darstellung, verschleiert jedoch die strategische Reduktion des dargestellten Weltausschnitts, denn die „Voraussetzung“ für ein gelungenes Stück ist stets „der strikte Ausschluß all jener Details, die sich der Bedeutung entziehen und dadurch die Sinnfälligkeit des Ganzen stören.“ (ebd.: 259) Die uns interessierenden Gründungsszenen in soziologischen Theorien verfahren letztlich genauso: Sie erschaffen eine Miniatur der für die Theorie relevanten Welt und blenden alle anderen Faktoren aus. Damit erfüllen sie eine entlastende Funktion. Egal wie detailreich sie erscheinen, sie sind bewusst arrangiert und enthalten keine unwichtigen Informationen. Und sie flaggen einen Weltausschnitt aus, der die jeweilige theoretische Perspektive mit Evidenz versorgt, da sie die inszenierten Ereignisse als dokumentarische Schilderung erscheinen lassen. Im Extremfall kann die Reduktion von Komplexität per Miniaturisierung so weit gehen wie bei Anthony Giddens, der seine Modernisierungstheorie in Auseinandersetzung mit einer Szene entwickelt, in der ein riesiger „Dschagannath-Wagen“ durch die Straßen einer altindischen Stadt donnert und beständig „diejenigen zermalmt, die sich ihm widersetzen“. Die gesamte Moderne erscheint in dieser Szene als „leistungsstarke Maschine, die wir als Menschen kollektiv bis zu einem gewissen Grade steuern können, die sich aber zugleich drängend unserer Kontrolle zu entziehen droht und sich selbst zertrümmern könnte.“ (Giddens 1996: 173f)

Folgt man der von Abbott vorgeschlagenen Schach-Metapher des gambits in dem von uns adaptierten Sinne, dann wird also deutlich, worin die Spezifik von Gründungsszenen als Eröffnungszüge der Theoriebildung besteht. Wie alle gambits fordern auch Gründungsszenen Bauernopfer, die aufgegeben werden, um im Rahmen einer weiterreichenden Strategie Spielvorteile zu realisieren. Gründungsszenen ermöglichen es, Theoriebildung als einen Prozess der Verschaltung von konkretem Material und Abstraktion zu realisieren, ohne den Restriktionen methodisch kontrollierter Erhebung von empirischen Daten für den Moment Rechnung tragen zu müssen. Sie erzeugen damit einen notwendig beschränkten Zugang zur Wirklichkeit, den sie dennoch im Rahmen der Theoriebildung als unmittelbaren Weltbezug verhandeln. Strategisch inszenierte Wirklichkeitsbezüge werden zum Ausgangspunkt für neues Wissen und theoretische Innovationen.

Diese vorläufige Bestimmung der Funktion von Gründungsszenen in theoretischen Aussagesystemen vom Typ 3 soll im Folgenden am Beispiel des dezidiert ‚szenisch’ vorgehenden Heinrich Popitz und seiner Machttheorie analysiert werden. Die Rekonstruktion soll dabei erstens ein genaueres Verständnis von szenischen Theoriebildungsprozessen ermöglichen und zweitens die Aufmerksamkeit auf theoretische Innovationen, latente Probleme und unerschlossene Potenziale in der Machtsoziologie von Heinrich Popitz lenken.

4 Heinrich Popitz und seine Gründungsszene der Macht

4.1 Der Kampf um Liegestühle als Gründungsszene der Macht

Heinrich Popitz veröffentlicht 1968 mit „Prozesse der Macht“ eine mittlerweile klassische Studie, die ihren Ausgang in der Beobachtung einer scheinbar banalen Begebenheit nimmt: dem Kampf um Liegestühle an Deck eines Kreuzfahrtschiffs. 1992 erscheint der Text in der Aufsatzsammlung „Phänomene der Macht“. Obwohl die „Prozesse“ seine „erste Veröffentlichung“ zur Entwicklung und Stabilisierung von Machtverhältnissen sind (Popitz 1992/2009: 4), findet man sie erst gegen Ende des Bandes, nur noch gefolgt von einem Text über das Verhältnis von „Macht und Herrschaft“. Unsere These lautet nun, dass die Komposition seines ersten Textes zur Frage der Macht und die Gliederung des sehr viel später erschienenen Bandes keineswegs zufällig sind. Wie wir im vorangegangenen Abschnitt argumentiert haben, wird durch Gründungsszenen ein soziologisches puzzle verdeutlicht. Sobald dieses aber im Text durch die szenische Entwicklung einer neuen Theorie gelöst ist, kann die Gründungszene in den Hintergrund treten und fortan als simple Veranschaulichung einer ‚fertigen‘ Theorie gelten. Im Folgenden interessieren wir uns weniger für das vollendete Theoriegebäude, das Popitz über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. Unser Augenmerk gilt vielmehr jenem zentralen Moment, in dem sein Machtkonzept erstmals Gestalt annimmt, wir analysieren also seinen Eröffnungszug:

Erstes Beispiel: Ein Schiff kreuzt im östlichen Mittelmeer von Hafen zu Hafen, Waren aller Art und Passagiere aller Zungen an Bord, Händler und Touristen auf der Fahrt zum nächsten Markt oder zum nächsten Tempel, Familienbesucher, Umzügler, Flüchtende. Die meisten kampieren auf Deck. Der einzige Luxus und zugleich die einzigen Requisiten der folgenden Handlung sind einige Liegestühle. Es gab etwa ein Drittel so viel wie Passagiere.“ (Popitz 1992/2009: 187)

Popitz, der „Meister der kleinen Form“ (Pohlmann 2005)[7] , konstruiert den Einstieg in seine Untersuchung äußerst sorgfältig. Die Szene umschreibt eine soziologisch gehaltvolle Situation, die räumlich umgrenzt (Schiff), ansonsten aber in allen Dimensionen durch ihren offenen und flüchtigen Charakter gekennzeichnet ist: das Soziale ist im Entstehen begriffen. Die Personen, die Popitz auftreten lässt, sind allesamt Figuren der Transition: Besucher, Touristen, Händler und Flüchtlinge sind keine stabilen sozialen Identitäten, sondern durch ihre Verortung im sozialen „Dazwischen“ gekennzeichnet. Diese Unbestimmtheit wird durch die Ausblendung lokaler Hierarchien und Regelsysteme (Crewmitglieder, Kapitän, Schiffsordnung etc.) unterstrichen. Durch den beiläufig anmutenden Hinweis, dass sich „Passagiere aller Zungen an Bord“ (Popitz 1992/2009: 187) befinden, erzeugt Popitz die Imagination einer Situation ohne „kulturelle Grammatik“ (Garfinkel). Die soziale Offenheit zeigt sich außerdem daran, dass die Ereignisse nicht auf stabile Organisationseinheiten zurückzuführen sind, denn auf dem Schiff, von dem uns Popitz berichtet, existieren keine handlungsmächtigen „Solidaritätsgruppen“ oder „Familienclans“ (ebd.: 190). Darüber hinaus fehlt es an einer eindeutigen Codierung der Situation in der Sachdimension, das Schiff wird für unterschiedliche Zwecke wie Tourismus, Handel oder Flucht genutzt. Schließlich fehlt ein kollektiv geteilter Zeitrahmen, das Schiff „kreuzt“ ohne erkennbare Destination oder fixe Endhaltestelle durch das östliche Mittelmeer. Die Passagiere „kampieren“ an Deck und die Zusammensetzung der Gruppe variiert zwischen den einzelnen Stationen, weil Passagiere das Schiff an ihrem Zielhafen verlassen, während „Neuankömmlinge“ an Bord kommen (ebd.: 188). Erst die soziale Unterbestimmtheit der Gründungsszene erlaubt es Popitz, Prozesse der Macht- und Ordnungsaufschichtung in chronologischer Weise anschaulich zu machen. Vor der Kulisse einer volatilen, nomadischen und friedlichen Situation untersucht er die Genese gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Und er tut dies in Auseinandersetzung mit einem Problem, das bereits im ersten Textabschnitt angekündigt wird: Es gibt mehr Menschen als Liegestühle an Bord.

Zunächst erwächst aus der beschränkten Anzahl an Stühlen weder ein Knappheitsproblem noch ein Konflikt: „In den ersten Tagen, zwischen drei oder vier Häfen, wechseln diese Liegestühle ständig ihre Besitzer. Sobald jemand aufstand, galt der Liegestuhl als frei. Belegsymbole wurden nicht anerkannt. […]. Ein Gebrauchsgut, das in begrenzter Zahl zur Verfügung stand, wurde nicht knapp.“ (ebd.) Bezüglich der Liegestuhlnutzung beginnt die Szene also mit einem stabilen Gleichgewichtszustand. Doch dann vollzieht sich ein Bruch mit der eingespielten Routine: „Nach der Ausfahrt aus einem Hafen, in dem wie üblich die Passagiere gewechselt hatten, brach diese Ordnung plötzlich zusammen. Die Neuankömmlinge hatten die Liegestühle an sich gebracht und erhoben einen dauerhaften Besitzanspruch.“ (ebd.) Im weiteren Reiseverlauf gelingt es ihnen, diesen Anspruch wirksam gegen die Interessen der übrigen Passagiere durchzusetzen. Popitz interessiert sich nun dafür, wie es der kleinen Gruppe der Neuankömmlinge gelingt, sich die Stühle entgegen der bisher gültigen Norm anzueignen. Bereits in diesen ersten Zeilen der Gründungsszene kristallisiert sich somit das zentrale Bezugsproblem der Popitz’schen Machtanalyse. Alle weiteren Theorieentscheidungen werden von nun an maßgeblich strukturiert durch die Frage: Wie lässt sich das in Popitz Augen „absurde“ Phänomen erklären, dass es gesellschaftlichen Minderheiten immer wieder gelingt, sich gegen die Interessen von großen Mehrheiten durchzusetzen? Popitz nutzt den Kampf um Liegestühle also, um ein soziologisches Rätsel (puzzle) zu verdeutlichen und sich seiner Lösung (idea) anzunähern. So unterscheidet er in der Folge verschiedene Stufen der Machtgenese voneinander: Auf die Phase der Artikulation von Machtansprüchen (1) folgt ihre Stabilisierung (2) und schließlich die Legitimation (3).[8]

In der ersten Phase der Machtgenese können die Neuankömmlinge zur Signalisierung ihrer Machtansprüche nicht auf etablierte Belegsymbole zurückgreifen, um „ihre“ Stühle dauerhaft zu reservieren. Ihre „exklusive Verfügungsgewalt“ über die Stühle erlangen und verteidigen sie vielmehr „durch den gemeinsamen Kraftaufwand aller Auch-Besitzer: Näherte man sich einem gerade freien Liegestuhl in irgend verdächtiger Weise, so wurde man durch Posen, Gesten und Geschrei der Auch-Besitzer zurückgewiesen. Die Abschreckungsaktionen waren so eindrucksvoll, daß ein handgreiflicher Konflikt nicht zustande kam. Sie wurden überdies im Laufe der Zeit noch dadurch bekräftigt, daß die Besitzenden ihre Liegestühle näher aneinanderschoben, bis sich schließlich Konzentrationen ergaben, die wehrhaften Wagenburgen glichen.“ (ebd.: 188) Die Machtansprüche werden im vorliegenden Fall also gewaltfrei, aber vor dem Hintergrund einer aggressiv aufgeladenen Drohkulisse durchgesetzt. Zudem werden die Stühle selbst zu elementaren Bestandteilen der Verteidigungssituation, indem sie zum Abwehrwall umfunktioniert werden. Die Effekte dieser erfolgreichen Aneignungsstrategie beschreibt Popitz als koordiniertes Ordnungsgeschehen, das die vormalige Offenheit ablöst: „Zwei Klassen hatten sich etabliert, Besitzende und Nicht-Besitzende“ (ebd.).

Doch damit ist der Prozess der Machtgenese nicht abgeschlossen, Popitz entwickelt die Szene weiter, denn die Besitzer trachten in der zweiten Phase der Machtgenese danach, die neu errichtete Ordnung über den ersten Überraschungs- und Abschreckungsmoment hinweg zu konsolidieren: „Der nächste Schritt ist zweifellos die zeitweilige Vermietung der Liegestühle an einige Nicht-Besitzer. Als Gegenwert kommen neben Naturalien vor allem Dienstleistungen in Frage, und hier wiederum in erster Linie die […] Funktion des Wächters. Die Delegation des Wächteramtes an einige Nichtbesitzende bringt nicht nur eine echte Entlastung der Besitzenden“ (ebd.: 189), sondern sie generiert auch eine dreigliedrige Ordnung: Besitzende, Wächter und Nur-Besitzlose. Das Schicksal der Besitzlosen verändert sich durch die neu entstandene Dienstleistungsklasse, sie sind nun aus „eigenem Verschulden in der schlechtesten Lage“ (ebd.), denn sie könnten sich ja ebenso gut als Wächter verdingen und durch Leistung einen Zugriff auf die Stühle verdienen. Die Besitzenden sind hingegen die klaren Profiteure der ausdifferenzierten Machtverhältnisse. In der ersten Phase wäre ein handgreiflicher Konflikt für diese kleine Minderheit noch gefährlich gewesen. Doch ist die „Dreiteilung mit der Bildung einer Dienstleistungsklasse erst etabliert, dann ist im Falle einer offenen Kraftprobe schon nicht mehr sicher, wer eigentlich in der Minderheit wäre.“ (ebd.: 190)

Das soziologisch zu lösende Rätsel besteht für Popitz nun darin, dass sich die Ordnung auf dem Schiff „eindeutig gegen den Willen der Mehrheit [stabilisiert].“ Die Minderheit hat absurderweise eine Chance, ihre neue Ordnung durchzusetzen und eine „Veränderung des Verhaltens anderer in einer gewünschten Richtung“ zu bewirken (Popitz 1992/2009: 228).[9]

Die Antwort auf diese Forschungsfrage entwickelt Popitz in erneuter Hinwendung zur und Auseinandersetzung mit der Szene. So gerät die überlegene Organisationsfähigkeit der Besitzenden in den Blick.[10] Das gemeinsame Interesse der Besitzenden, nämlich die exklusive Verfügungsgewalt über die Liegestühle, ist nach seiner Beobachtung schlichtweg „organisationsfähiger“ als das Interesse der Nicht-Besitzenden, das in der Zurückweisung jeglicher Privilegien bei der Nutzung der Stühle besteht. In der Gruppe der Besitzenden drängt sich eine wechselseitige Unterstützung als Handlungsoption unmittelbar auf, nachbarschaftliche Kooperation ist von Vorteil, denn sie stärken durch die Verteidigung unbesetzter Liegestühle die favorisierte Ordnung und können darauf hoffen, beim nächsten Mal selbst begünstigt zu werden: „Kooperation ist naheliegend: Die Besitzenden haben sich gegenseitig unmittelbar etwas zu bieten: Stellvertretung, Schutz, Bestätigung. Individuelles und gemeinsames Interesse decken sich. Dieses Deckungsverhältnis wird sofort einleuchtend und handlungsrelevant. Die neuen Liegestuhlbesitzer mußten ihren Organisationsbedarf und ihre Organisationsfähigkeit schnell herausfinden.“ (ebd.: 192)

Popitz scheint im Fortgang der Analyse allerdings zu bemerken, dass Kooperation bei der Verteidigung von Liegestühlen zwar „naheliegend“, aber keineswegs notwendig ist, zumal sie unter Zeitdruck organisiert werden muss. Für das Zustandekommen von Kooperation genügt es bekanntlich in aller Regel nicht, wenn gleichgerichtete Interessen vorliegen, wie Mancur Olson (1992) eindrucksvoll gezeigt hat. Um den anspruchsvollen Modus des kollektiven Handelns zu aktivieren, ist ein Mindestmaß an Vertrauen und Solidarität unter den Akteuren erforderlich.[11] Das zeigt sich nicht zuletzt am Verhalten der Nicht-Besitzenden. In dieser Gruppe ist die Ausgangslage „komplizierter“, denn die „Einigkeit darüber, daß die bestehende Ordnung ungerecht sei, schafft noch kein Einverständnis, welche Neuordnung gerecht wäre“ (Popitz 1992/2009: 192). Für Besitzlose entsteht aufgrund gesellschaftlicher Konstellationen wie dieser „jener merkwürdige Zwang zur Intoleranz“ (ebd.: 193), der sich aus dem Konflikt zweier Ordnungsvorstellungen ergibt, von denen eine organisationsfähiger ist, da die andere zu vage ist, um die nötigen Maßnahmen zu ihrer Durchsetzung abzusehen. Für die Unterprivilegierten auf dem Schiff erscheinen beide Handlungsoptionen durch die unklaren individuellen Kosten unattraktiv (ebd.: 194).

Gleichwohl muss eine derartige Machtordnung so lange instabil und verletzlich bleiben, wie sie von den Betroffenen als ungerecht, unnatürlich oder absurd empfunden wird. Ordnungskonformes Verhalten kann erst dann mit einiger Sicherheit erwartet werden, wenn die Machtverhältnisse nicht mehr als solche wahrgenommen werden; eine Konsolidierung ist erreicht, sobald die Praxis über erzwungenen Gehorsam oder bloße Gewohnheit hinausgeht und als „an sich verbindlich“ (ebd.: 197) anerkannt wird. Denn zunächst erscheint die etablierte Ordnung in der Szene nur der Gruppe der Besitzer als legitim. Popitz beschreibt dieses Phänomen als Effekt einer wechselseitigen Bestätigung und Rückversicherung nach dem Gegenseitigkeitsprinzip (ebd.: 198). Die Legitimitätsgeltung bildet sich also zuerst im Rahmen eines internen Vorgangs unter den Privilegierten heraus: „Soziale Barrieren sind zunächst gerade nicht zu überwinden“ (ebd.: 199), die wechselseitige Bestätigung innerhalb der Gruppe wirkt vergemeinschaftend und stiftet Verhaltenssicherheit für die Besitzenden. Der gruppenintern gereifte und selbstbewusst dargestellte Legitimitätsglaube der Besitzenden übt eine suggestive Wirkung auf die Besitzlosen aus, er wirkt „ansteckend“ (ebd.). Er breitet sich auf dem Schiff aus und diffundiert schließlich bis in die Gruppe der Unterprivilegierten. Die Szene weist somit darauf hin, wie die Machtpotenz, die im internen Aufbau von Legitimitätsgeltung angelegt ist, die Chance erhöht, den eigenen Willen vertikal gegen andere durchzusetzen; sie erhöht die Chance darauf, dass sich der Glaube an die Legitimität der Ordnung auch von oben nach unten ausbreitet (ebd.: 200). Es muss unseres Erachtens als offene Forschungsfrage betrachtet werden, ob die Diffusion von Legitimität ‚von oben nach unten‘ tatsächlich als empirischer Normalfall betrachtet werden kann. Es sind zumindest Zweifel angebracht, was die Verallgemeinerbarkeit der Szene angeht. Dass sich diese Frage jedoch überhaupt mit der nötigen Genauigkeit stellen lässt, ist ein Verdienst der szenischen Theorie von Popitz.

An dieser Stelle beendet Popitz die Entfaltung seiner Gründungsszene der Macht und entwirft zwei Ergänzungsszenen, auf die wir im Folgenden kurz eingehen wollen. Darin vertieft er zwei Aspekte der Machtbildung, die auf dem Schiff bereits als Problemstellungen angelegt sind, zu deren vertieftem Verständnis die Szene selber aber nur wenig beitragen kann: die Überlegenheit von Solidaritätskernen bei der Etablierung und die Ausdifferenzierung sozialer Gruppen bei der Normalisierung von Machtverhältnissen.

4.2 Das Gefangenenlager: Solidarität und die Ausdifferenzierung der Macht

Zweites Beispiel: In den letzten Tagen des Krieges wurden Gefangene in ein improvisiertes Lager geschleust. Ein flaches Feld, Stacheldrahtzäune, man grub sich irgendwo ein. Die Menge war aus den verschiedensten Truppenteilen zusammengewürfelt, Bekanntschaften gab es kaum. Der einzige Zusammenhalt bestand darin, daß man nicht auseinanderlaufen konnte. […] Man störte sich möglichst nicht und half sich etwas, soweit das ohne besonderen Aufwand geschehen konnte. Im wesentlichen aber war jeder auf sich allein gestellt. In dieser Menge bildete sich eine Gruppe von vier Mann, die eine ganz ungewöhnliche Solidarität entwickelte.“ (ebd.: 200 f.)

Zunächst scheint es, als könne der Bruch zwischen den Szenen kaum größer sein: Das Sonnendeck weicht dem stacheldrahtumzäunten Feld, anstelle einer heterogenen Reisegruppe sehen wir uns einer Menge aus Kriegsgefangenen gegenüber. Umso überraschender ist es, dass dieser Bruch sogleich durch die Betonung verschiedener Analogien aufgehoben wird: Auch das Lager erscheint wie das ziellos kreuzende Schiff als ein Nicht-Ort, eine Zone der reinen Transition. Alles ist vorläufig, der Verweis auf das Kriegsende lässt die Gefangenschaft als flüchtigen Akt erscheinen. Zudem konstruiert Popitz auch in diesem Fall eine soziale Situation, in der zunächst ein Prinzip der Offenheit herrscht, das keine Hierarchien kennt. Allein die räumliche Nähe stiftet eine schwache soziale Klammer, weder persönliche Bindungen noch Dienstgrade sorgen für soziale Orientierung. Alles ist zufällig, unbestimmt, zusammengewürfelt. Trotz der sozialen Zwangslage treten weder Wächter noch Lagerleitung in Erscheinung. Popitz markiert mit dieser Ergänzungsszene also einen Wirklichkeitsausschnitt, der verblüffende Ähnlichkeiten mit dem Kreuzfahrtschiff aufweist. Vor der Kulisse des Gefangenenlagers nimmt er ein Phänomen in den Blick, das er bereits in der Schiffsszene beobachtet, dort aber noch nicht erklären kann: Die Bildung von Solidaritätskernen, aus denen privilegierte Gruppen hervorgehen.

Im Zentrum der Szene im Kriegsgefangenenlager steht eine Gruppe aus vier Gefangenen, denen es durch kooperatives Verhalten gelungen ist, einen Herd zu bauen. Ausgehend von diesem Produktionsvorteil gelingt es der Gruppe, eine Ordnung zu errichten, die ihnen eine herausgehobene Machtposition im Lager sichert. Die Gruppe entwickelte sich ausgehend von dem Herdbesitz zum zentralen Handelszentrum des Lagers, die Benutzung des Ofens war Außenstehenden gestattet, wenn sie bereit waren, dafür zu zahlen oder Dienstleistungen anzubieten. Keine andere Gruppe hat eng genug kooperiert, um selbst einen Herd zu bauen. Und ab einem gewissen Zeitpunkt waren die „Einflusschancen der Gruppe soweit gestiegen“, dass sie verhindern konnten, dass jemand anderes einen zweiten Herd baut (ebd.: 202 f.). Durch ihre Dominanz konnten die vier Männer ein System von Rechten und Pflichten etablieren, das allmählich zu einem unbestrittenen Teil der Lagerordnung wurde (ebd.: 203).

Doch wie konnte es der kleinen Gruppe der Herdbesitzer gelingen, ihre Machtposition zu stabilisieren? Worin besteht der Zusammenhang zwischen Macht und Solidarität? Auch hier unternimmt Popitz keine abstrakte Klärung, sondern nimmt die Szene zum Anlass, um konkrete Bezüge herauszuarbeiten. Zunächst geht er davon aus, dass es unter den gegebenen Umständen des Kriegsgefangenenlagers zwischen den vier Gefangenen einen einseitigen und außerordentlich gewagten Vertrauensvorschuss gegeben haben muss, der erwidert wurde und eine schnelle und stabile Kohäsion evozierte. „Was zwischen den vier Gefangenen passiert sein muß, dürfte ein nach Lage der Dinge unangemessenes, unbegründetes Wagnis gewesen sein“ (ebd.: 203 f.). Ansonsten wäre es nämlich kaum zu erklären, wie sich angesichts der existenzbedrohlichen Bedingungen im Lager eine solidarische Gruppe herausbilden kann (ebd.: 209ff). Diese Annahme ist zwar keineswegs alternativlos, doch Popitz signalisiert durch die Inszenierung einen Wissensvorsprung vor dem Leser, dem angedeutet wird, dass Popitz die betreffende Situation besser einschätzen kann. Das mag auf biographisch verankertes Erfahrungswissen hindeuten, letztendlich bleibt die Ursache dieser Vermutung aber im Dunklen. Sie ist selbst nicht Bestandteil der Szene, gehört zu dem, was die Inszenierung ausblendet. Dennoch entlastet allein schon der Verweis auf das Jenseits der Szene davon, ein theoretisch schwer zu erklärendes soziales Faktum genauer bestimmen zu müssen. Die szenische Verankerung der Theorie ermöglicht es hier, das theoretische Problem narrativ zu überspielen.[12] Aus dem solidarisch begründeten und arbeitsteilig realisierten Produktionsvorsprung ergibt sich ein höheres Machtpotenzial. Zur Machtausübung kommt es allerdings erst, wenn Abhängigkeiten entstehen, „die Angewiesenheit auf die Gunst der Gruppe“ wächst und „die Durchsetzung des Produktionsmonopols“ (ebd.: 208) beginnt.

Auch hier wird das Monopol gegen die Mehrheit der Gefangenen durch Differenzierung durchgesetzt. Ähnlich wie in der Gründungsszene mit den Liegestühlen entsteht in dem Gefangenenlager eine Stabsgruppe mit Privilegien und Teilhaberschaft, die im Gegenzug die Sanktionierung von deviantem Verhalten übernimmt. Popitz geht jedoch über die Anordnung der Gründungsszene hinaus, indem er die Entstehung einer vierten Gruppe nachzeichnet, nämlich die Gruppe der Neutralen, der Zuschauer und Nicht-Betroffenen. Diesen wird suggeriert, dass sie mit der Ausdehnung der Macht nichts zu tun haben; sie werden in einen Status der friedlichen Koexistenz gebracht, es gibt Austauschbeziehungen, aber keine Konkurrenz. Je größer das Lager der Neutralitätsgruppe ist, „umso größer ist die Chance der Entstehung extremer Machtverhältnisse“ (ebd.: 213); das Publikum ist „die ausschlaggebende Hilfstruppe der Machtnahme“ (ebd.).[13] Schließlich lässt Popitz in der Szene noch eine fünfte Gruppe entstehen, die „Staffel der Unterprivilegierten“. Diese Gruppe bildet sich wie von Geisterhand aus dem Pool der Neuen, Fremden und Andersartigen (ebd.: 214). Sie sind diejenigen, die wirtschaftlich ruiniert werden, um anschließend ihre Arbeitskraft ausbeuten zu können (ebd.: 215).

An dieser Stelle verlässt Popitz den Schauplatz der Szene. Seine Darstellung hat sich am Ende immer weiter von den konkreten Vorgängen im Gefangenenlager entfernt, das Potenzial zur Verallgemeinerung der Szene ist ausgeschöpft. Dennoch bleibt an dieser Stelle offen, wie Ungleichheitsordnungen auf Dauer normalisiert werden. Dieser Prozess wird im Fortgang des Textes anhand einer zweiten und letzten Ergänzungsszene expliziert, durch welche die Entwicklung der Staffelung hin zu einer geschichteten Sozialordnung abschließend in den Fokus rückt.

4.3 Die Erziehungsanstalt: Umverteilung, Legitimität und Gewalt

„Drittes Beispiel: Die Geschichte könnte aus der Literatur der Kadettenromane stammen oder aus irgendeinem Film über Erziehungsanstalten. In dieser Anstalt hatte man einer Gruppe von 14- bis 15jährigen Jungen, die resozialisiert werden sollten, im Vertrauen auf den Segen der Selbstverwaltung und die Heilkräfte der Kameradenerziehung ein relativ großes Eigenleben zugestanden. Organisatorisch und räumlich war die Gruppe vom üblichen Anstaltsbetrieb abgetrennt. Zu dem Zeitpunkt, der uns interessiert, hatte sich unter den insgesamt 13 Jungen ein Machtzentrum herausgebildet, von dem die Direktiven ausgingen.“ (ebd.: 216)

Anders als bei den vorherigen Szenen kommentiert Popitz hier den Ursprung der Szene, lässt sie aber durch den Einsatz des Konjunktivs zugleich im Vagen. Deutlich wird zunächst nur, dass es sich nicht um die Schilderung einer eigenen Erfahrung oder empirischen Beobachtung handelt, sondern um eine fiktive Szene. Der größte Unterschied zu den beiden vorigen Szenen liegt darin, dass sich in der Anstalt bereits drei Gruppen etabliert haben: ein Zentrum mit drei Jungen und ihrem Anführer, eine Dienstleistungstruppe mit vier Jungen und eine Gruppe mit Unterdrückten, bestehend aus sechs Jungen. Über diese Hierarchie findet eine Umverteilung der Essensrationen statt (Popitz ebd.: 216). Die Unterwürfigkeit der Ausgebeuteten wird dabei einerseits durch gewaltsame Aktionen sichergestellt. Wichtiger aber ist die Anerkennung und Internalisierung der Machtordung durch die Betroffenen.

Während Popitz bereits in seiner Gründungsszene auf die Bedeutung einer Legitimierung der Macht hingewiesen hatte, nimmt er die Anstaltsszene nun zum Anlass, um genauer auf das Rätsel einzugehen, warum sich der suggestive Glaube an die Legitimität einer aufoktroyierten Machtordnung von oben nach unten ausbreitet, so dass selbst sozial Unterdrückte dazu geneigt sind, eine für sie ungünstige Ordnung zu akzeptieren. Popitz schlussfolgert aus der Szene in der Erziehungsanstalt, dass ein Regime „Ordnungssicherheit“ bieten muss, um auch von den Unterprivilegierten anerkannt zu werden. Eine derartige Sicherheit erlangen die Beteiligten, wenn „sie ein sicheres Wissen haben, was sie und was andere tun dürfen und tun müssen; wenn sie eine Gewißheit entwickeln können, daß sich alle Beteiligten mit einiger Verläßlichkeit auch wirklich so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird.“ (223) Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, können sich selbst „die Mitglieder der untersten Gruppe […] mit der Zeit einrichten.“ (ebd.) Sie werden beginnen, „in die bestehende Ordnung Interessen zu investieren.“ (ebd.: 224) Für Popitz ist dieser Vorgang vollkommen alltäglich, denn es ist „genau das, was jeder friedliche Bürger tut, um sich über Wasser zu halten, auch in einer zwangsweise oktroyierten Ordnung.“ (ebd.: 224) Um ein Machtregime auf Dauer zu stellen, ist es erforderlich, dass die Ordnung von den Unterprivilegierten internalisiert und als legitim erachtet wird, dazu muss die Ordnung eine gewisse Verlässlichkeit bieten, sie muss über die Zeit stabil sein und Willkür auf einen vorhersehbaren Kreis von Betroffenen beschränken. Die Produktion von Erwartungssicherheit erweist sich als entscheidender Faktor für die dauerhafte Stabilität einer Gesellschaft, dieses szenisch entwickelte Argument gehört sicherlich zu den zentralen Einsichten der Popitz’schen Machtanalyse. Und wir halten dieses Argument für tragfähiger als die anhand der Gefangenenlagerszene formulierte „Ansteckungsthese“.

Popitz hält sich nicht sonderlich mit der Ausbuchstabierung dieser letzten Szene auf, sondern geht rasch wieder zur theoretischen Verallgemeinerung über. Dabei wird er – wie schon beim Phänomen der Solidarität – von einem Faktor der Machtbildung eingeholt, der in seiner Gründungsszene noch weitgehend ausgeblendet wurde: Gewalt. Die Erziehungsanstalt wird als Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen vorgestellt, die Jugendlichen am unteren Ende des Umverteilungsregimes werden systematisch drangsaliert, diskriminiert, eingeschüchtert und gefügig gemacht. Die späte Einführung des Gewaltfaktors in die Analyse der Macht bedeutet jedoch keineswegs, dass diese nur von untergeordneter Bedeutung für Popitz ist. Ganz im Gegenteil: Die Ausübung von Gewalt, oder wie Popitz später sagen wird, die „verletzende Aktionsmacht“, bildet eine der zentralen Triebkräfte bei der Machtnahme, denn „Menschen können über andere Macht ausüben, weil sie andere verletzen können.“ (ebd.: 25) Gewalt bleibt stets präsent, lediglich in fest gefügten Machtordnungen wird sie weitgehend überflüssig und tritt „nur noch als Notmaßnahme zur Behebung gelegentlicher Störungen in Erscheinung“. Die Ausübung von Gewalt erweist sich aus dieser Perspektive somit nicht als Kennzeichen, sondern als „Defekt“ einer etablierten Ordnung (Popitz ebd.: 218). Doch warum bleibt Gewalt in der Erziehungsanstalt so präsent, wenn es doch eine klare Ausdifferenzierung von Gruppen, ein eingespieltes Umverteilungsregime und einen Legitimitätsglauben unter den Ausgebeuteten gibt?

Bei der Verallgemeinerung der Szene stößt Popitz auf den Umstand, dass in der Regel die Früchte aus Umverteilungssystemen nicht einfach wie Brote in einer Anstalt konsumiert werden, unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen kann vielmehr „ein Teil der vereinnahmten Werte investiert und so das produktive Kapital – und damit ein Machtpotenzial – sukzessive vergrößert werden“ (Popitz ebd.: 219). Wirtschaftliche Vorteile führen zur Akkumulation von Macht und gesellschaftliche Zentren können ihre Machtposition erhalten, weil sie den Umverteilungs-Schlüssel kontrollieren und die Interessen der schwächeren Gruppen gegeneinander ausspielen können. Im Grunde ist somit im Anschluss an diese letzte Szene bereits die gesamte Theorie der Machtformen in ihren Grundzügen angelegt und vorgezeichnet: „In dem Stadium, das unser Beispiel erreicht hat, muß dieses System überdies noch recht häufig durch direkte Gewaltanwendungen abgesichert werden. Wie wir wissen, lassen sich solche Maßnahmen mit der Zeit umsetzen in bloße Drohungen. Aber auch diese Drohungen brauchen schließlich kaum mehr ausdrücklich ausgesprochen zu werden, sie verstehen sich von selbst. Das System der Umverteilung funktioniert wie von allein“ (Popitz ebd.: 218). Die Gewalt gilt Popitz viele Jahre später in seinem wichtigen Text Das Konzept Macht als Modus der „Aktionsmacht“, die Drohung als Form der „instrumentellen Macht“ und die Selbstverständlichkeit der Ordnung als Ausdruck von „autoritativer Macht“ (Popitz ebd.: 22–39). Doch nicht nur definitorisch werden in Auseinandersetzung mit den drei Szenen fast alle wichtigen Entscheidungen getroffen, Popitz nutzt die welterschließende Kraft der Szenen am Ende auch zur Entwicklung eines Stufenmodells der Ordnungsbildung: Demnach führt ein exzeptioneller Vertrauensvorschuss zur Stiftung von Solidarität (1), die Zusatzchance der Solidarität ermöglicht eine höhere Organisationsfähigkeit der daraus hervorgehenden Gruppe (2), diese kann umgemünzt werden in Produktionsvorsprünge und Besitztümer (3), daraus entsteht ein erhöhtes Machtpotenzial (4).Machtausübung als intentionale Durchsetzung des eigenen Willens gegen die Interessen anderer wird möglich, sobald die (ökonomischen) Abhängigkeiten ausgenutzt werden (5). Die Ausweitung und Konsolidierung der Macht wird durch soziale Staffelung befördert, also die Differenzierung der Außenstehenden in ihren Beziehungen zum Machtzentrum. Dazu gehört die Erzeugung von Stabsgruppen, Neutralen und Unterdrückten (6). Die Internalisierung von Macht beginnt, wenn die Ordnung schließlich selbst von den Unterdrückten als legitim erachtet wird, weil sie ihnen Erwartungssicherheit bietet (7).

Am Ende stellt sich angesichts dieses szenisch generierten Ordnungsmodells die alte Frage nach dem Verhältnis von Macht und Widerstand: „Eine Widerstandsbereitschaft […] fehlte. Sie hätte in sehr frühen Stadien des Prozesses fast sicheren Erfolg gehabt. Insofern waren die drei Machtnahmen, die sich ‚wie zwangsläufig‘ mit ‚absurder Selbstverständlichkeit‘ vollzogen, eben nicht zwangsläufig, sondern absurd.“ (ebd.: 231) Ungeachtet dessen gehört es sicherlich zu den zentralen Verdiensten von Popitz, dass Prozesse der Machtgenese für seine Leser gerade nicht mehr absurd, sondern soziologisch nachvollziehbar und verständlich werden.

5 Der Fall Popitz: Funktionen und Effekte szenischer Soziologie

Die vorangegangene Analyse hat gezeigt, wie konsequent Popitz sein Machtkonzept über den Einsatz szenischer Schilderungen entfaltet. Popitz kann damit als paradigmatischer Fall einer szenischen und beobachtungsorientierten Theorie vom Typ 3 gelten. Seine Abhandlung über die Prozesse der Machtbildung dient uns nun in einem letzten Untersuchungsschritt als Ausgangspunkt, um in systematischer Weise auf die Funktionen und Effekte des Einsatzes von Gründungsszenen einzugehen. Mit Popitz und über ihn hinaus wollen wir verallgemeinerbare Aussagen über szenenzentrierte Theorieanlagen formulieren. Dabei konzentrieren wir uns auf sechs Konsequenzen, die sich unseres Erachtens aus dem Einsatz von Gründungsszenen in der Soziologie ergeben: a) Theoriearbeit als rekursive Praxis, b) paradigmatischer Wirklichkeitsbezug, c) experimentelles Erklärungsmodell und reduzierte Komplexität, d) Weltstimmungsgehalte, e) Sinnüberschüsse und f) vereinfachte Rezeption.

a) Rekursive Theoriearbeit

Der Einsatz von Szenen ermöglicht ein iteratives Wechselspiel zwischen fallspezifischer Konkretion und theoretischer Abstraktion. Die in der zeitgenössischen Soziologie häufig kritisierte, aber in der Fachliteratur beharrlich anzutreffende Konfrontation von ‚gegenstandslosen Theorien‘ mit ‚theoriefreier Empirie‘ wird durch die Arbeit mit szenisch inszenierten Fällen unterlaufen. Durch gezielte Variationen einer Szene, in der die Identität eines Individuum bedroht wird, versucht etwa Goffman, den Modus des dramaturgischen Handelns über verschiedene Werke hinweg herauszuarbeiten (Goffman 1952, 2006, 2008; vgl. Pettenkofer 2014). Und in ganz ähnlicher Weise umkreist Jon Elster die mythologische Szene von Odysseus und den Sirenen, um ein sozialtheoretisches Modell der rationalen Wahl zu entwickeln, in dem die faktische Unvollständigkeit menschlicher Rationalität systematisch berücksichtigt wird (Elster 1979). Anhand von Popitz lässt sich exemplarisch studieren, wie durch szenische Eröffnungszüge eine „Überwindung des Erzübels der Soziologie, des Schismas von Theorie und empirischer Forschung“ (Popitz 2006: 228) bewerkstelligt werden könnte. Immer wieder unterbricht Popitz die Darstellung, um theoretische Begriffe zu entwickeln und Verallgemeinerungen vorzunehmen. Durch die theoriegeleitete Vertiefung und Erweiterung seiner Gründungsszene kann er Zusammenhänge herausarbeiten, ohne sich in gegenstandsfernen Abstraktionen zu verlieren. Er nutzt die Szenen ganz bewusst zur Generalisierung situativer Ereignisse: „Aus diesen Beispielen lösen wir bestimmte Zusammenhänge heraus, von denen wir annehmen, dass sie allgemeine Bedeutung haben. Wir vermuten, daß diese Zusammenhänge in Prozessen der Machtbildung häufig wiederkehren“ (Popitz 2009: 186). Und an anderer Stelle heißt es: „Ich habe nun versucht, in das bisher Erzählte möglichst anschauliche Hinweise einfließen zu lassen, die sich auf die grundlegenden Fragestellungen der Soziologie überhaupt beziehen.“ (Popitz 2010: 16) Die Beschäftigung mit szenisch vereinfachten Formen von Sozialität soll es ermöglichen, in stärkerer Klarheit zu den grundlegenden Prinzipien menschlicher Vergesellschaftung vorzudringen: „Wir vermuten, daß diese Zusammenhänge in Prozessen der Machtbildung häufig wiederkehren und daß sich hier einige der spezifischen Chancen der Machtnahme in einer zunächst beschreibend-analytischen Form aufdecken lassen.“ (Popitz 2009: 186) Die Szenen dienen als argumentativer Anker, um „den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren“ und das „Konkrete in seiner Konkretion zu erfassen“ (Popitz 2010: 78). Aus der rekursiven Pendelbewegung zwischen Szene und Theorie entsteht schließlich ein empirisch gesättigtes Modell. Dies ist zumindest der Eindruck, den szenische Theorien bei ihren Lesern erzeugen.

b) Paradigmatische Wirklichkeitsbezüge

Die vermeintliche Gegenstandsnähe, die Popitz und andere über den Einsatz der Szenen erzielen, ist aus soziologischer Sicht jedoch trügerisch, denn Gründungsszenen basieren gerade nicht auf methodisch kontrollierten empirischen Daten. Popitz beschreibt seine Szenenauswahl als eher zufälligen Prozess: „Die Beispiele selbst habe ich genommen, wo ich sie fand. Aber es ist gut möglich, ihre Auswahl nachträglich zu begründen.“ (Popitz 1992/2009: 186) Um den Realismus der Szenen zu betonen, greift Popitz auf verschiedene Strategien zurück. In der Schiffszene, die als Gründungsszene die gesamte theoretische Problematik aufspannt, die Popitz dann auch in den nachgelagerten beiden Szenen bearbeitet, wird dieser Realitätsbezug vor allem durch den wiederholten Gebrauch der ersten Person Plural erreicht: „Bevor wir uns mit anderen Besitzlosen zu einer gemeinsamen Aktion verbinden, fragen wir uns, was für uns dabei herausspringt.“ (ebd.: 194) Dabei ist auf der Ebene des Textes nicht zu entscheiden, ob Popitz hier gleichsam als Augenzeuge das Geschehen kommentiert oder ein allgemeines Gesetz des Sozialen formuliert, das den Leser ebenso wie den Autor dieser Zeilen einschließt. Durch diese für einen wissenschaftlichen Text ungewöhnliche Erzähloption verleibt der Text sich gleichsam die Stimme des Autors und den Blick des Lesers auf das präsentierte Geschehen ein und erzeugt eine unmittelbare Betroffenheit. Zudem werden alle drei Szenen im Präteritum beschrieben, was zu einer stärkeren Vergegenwärtigung der Schilderungen führt. Noch eindrücklicher ist es, wenn Popitz darüber spekuliert, wie sich das Geschehen auf dem Schiff weiterentwickeln könnte: „Es gehört wenig Phantasie dazu den weiteren Gang der Dinge vorherzusagen, wenn die Reise unter gleichen Bedingungen weiterginge.“ (ebd.: 189) Stellen wie diese sind interessant, weil Popitz hier ohne ersichtlichen Grund die Geschichte verlässt und Spekulationen über das weitere Geschehen anstellt. Doch zum einen wird dieser Bruch sofort wieder überblendet, wenn er in der Folge mit einiger Bestimmtheit ausführt: „Der Weg zum weiteren Ausbau der Macht dürfte weitgehend vorgezeichnet sein.“ (ebd.: 197) Und zum anderen ist es gerade dieser Bruch mit der Erzählung, der dazu führt, dass die bisher erzählte Szene an Plausibilität gewinnt, da so der Eindruck entsteht, dass die vorangegangene Darstellung auf wahren Begebenheiten beruhte. Diese Strategie ist irritierend, wenn man bedenkt, dass die wenigsten Szenen auf tatsächliche Begebenheiten zurückgehen. So lassen sich bereits bei einem Streifzug durch die Schriften von Popitz fünf verschiedene Quellen unterscheiden: Gedankenexperimente (Popitz 2010: 11–16), Biographien (Popitz 1992/2009: 37–38), fiktionale Literatur (ebd.: 99–103, 121, 132, 216), Mythen (ebd.: 62–63) und Presseberichte (ebd.: 235). Und im Hinblick auf den von uns diskutieren Text bleibt zumindest unklar, woher er das Anschauungsmaterial für seine szenischen Darstellungen bezieht (ebd.: 187, 200, 241). Für den Leser ist daher in keiner Weise nachvollziehbar, inwieweit in die Konstruktion der Szenen subjektive Erfahrungen, fiktionale Elemente oder normative Werturteile eingegangen sind.[14] Szenen können aus diesem Grund nicht als empirische Belege für die Gültigkeit der mit ihnen verknüpften Theorie gelten, auch wenn die darin beschriebenen Ereignisse noch so realistisch erscheinen mögen. Trotzdem: Szenen wie der Kampf um Liegestühle bei Popitz, Michel Foucaults Deutung der Moderne als Panoptikum, Mancur Olsons Analysen zum Trittbrettfahrerproblem, Georg Simmels Figur des Dritten oder das Gefangenendilemma in der Spieltheorie erzeugen Evidenz.

An dieser Stelle drängt sich also die Frage auf, wie es um den Wirklichkeitsbezug von Gründungsszenen bestellt ist: Geht es hier um bloße Evidenzsuggestionen oder um belastbare Realitätsbezüge? Zur Beantwortung dieser Frage muss daran erinnert werden, dass Gründungsszenen im Grenzbereich zwischen der Entwicklung und der Darstellung einer Theorie in einem Text anzusiedeln sind. In diesem Übergangsstadium, in dem sich Entdeckung und Begründung überlagern, ist es zweitrangig, ob sich eine Szene tatsächlich so abgespielt hat oder nicht. Für die Herstellung eines glaubhaften Wirklichkeitsbezugs reicht es für den Eröffnungszug vollkommen aus, wenn der Eindruck entsteht, dass sich die Szene so abgespielt haben könnte. Wir schlagen daher vor, Gründungsszenen wie paradigmatische Als-ob-Konstruktionen zu behandeln. Die Fruchtbarkeit einer Theorie bemisst sich somit weniger am intersubjektiv überprüfbaren Realitätsgrad ihrer Szene, sondern an ihrer Fähigkeit zur Erklärung des inszenierten Rätsels. Erst in einem zweiten Schritt, wenn die Theorie im rekursiven Dialog mit der Szene formuliert ist, lässt sich die Reichweite der szenisch generierten Theorie anhand von empirischen Studien und in Konfrontation mit anderen Phänomenen untersuchen bzw. erkunden. Dies geschieht dann aber in aller Regel nicht mehr im szenisch generierten Ausgangstext, sondern im Rahmen von Folgeuntersuchungen, die in vielen Fällen gar nicht mehr von den Autoren selbst durchgeführt werden.

c) Experimentelle Erklärungen und reduzierte Komplexität

Gründungsszenen beschreiben außergewöhnliche Begebenheiten, die grundsätzliche Fragen aufwerfen, welche sich nicht im Rahmen bestehender Ansätze erklären lassen. Sie artikulieren soziologische Rätsel und geben Anhaltspunkte dafür, wie eine Theorie aussehen könnte, die dazu imstande ist, das zentral gestellte Bezugsproblem zu lösen. Gründungsszenen leiten theoretische Innovationen also nicht nur ein, sondern sie strukturieren diese auch, weil sie sachdienliche Hinweise und Informationen enthalten, die zur Lösung des aufgegebenen puzzles beitragen können. Im Gegensatz zur Verwendung von statischen Begriffen oder Metaphern ist es anhand der Dynamik szenischer Prozesse möglich, (kausale) Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen herzustellen. Ausgehend von den Entwicklungen auf dem Schiff kann Popitz ein Stufenmodell der Machtgenese entwickeln. Anhand der zeitlichen Abfolge von Ereignissen lässt sich zeigen, welche Faktoren dafür verantwortlich sind, dass eine kleine Minderheit ihre Machtinteressen gegen eine Mehrheit dauerhaft durchsetzt. Der Einsatz von Szenen befördert somit die Entwicklung soziologischer Erklärungen. Da es sich hierbei weder um „deduktiv-nomologische“ noch um „statistische Erklärungen“ handelt (vgl. Hedström 2008: 25–54), stellt sich allerdings die Frage, mit welcher Form von soziologischer Erklärung wir es hier zu tun haben. Unsere diesbezügliche These lautet, dass Gründungsszenen wie ein soziologisches Laboratorium funktionieren, in dem durch eine geschickte Versuchsanordnung etwas generiert wird, das man als „experimentelle Erklärung“ bezeichnen könnte. Dieser Verdacht wird nicht zuletzt durch die zentralen Strukturanalogien erhärtet, die Popitz zwischen Schiff, Gefangenenlager und Erziehungsanstalt herstellt. So zeichnen sich alle drei Orte durch eine geschlossene Raumorganisation aus, die sich materiell als architektonische Abgeschiedenheit, meeresbedingte Isolierung oder künstliche Umzäunung in die Szenen einschreibt. Zudem zeichnen sich alle drei Szenen durch das ungewöhnliche Fehlen von Exit-Optionen aus: „Konflikte können also nicht damit beantwortet werden, daß man sich trennt, kündigt, austritt, scheidet, abreist, umzieht. Das typische Vermeidungsverhalten unserer Gesellschaft wird ausgeschlossen“ (Popitz 1992/2009: 187). Weder Schiffspersonal, noch Lagerwachen oder Erzieher greifen an irgendeiner Stelle in das Geschehen ein, sie existieren nicht einmal im Rahmen der Darstellung, die Akteure sind auf sich alleine gestellt. Diese Abwesenheit erscheint von Beispiel zu Beispiel unwahrscheinlicher, ist aber der Preis, den Popitz für seine szenische Versuchsanordnung zahlt. Die Dekontextualisierung ermöglicht es, das Geschehen als soziale Tabula rasa zu inszenieren, und gerade hierin sieht Popitz die Stärke seines Ansatzes: „Die etwas exzeptionellen Situationen aller drei Beispiele bieten zwei Vorteile. Einmal handelt es sich um ‚kasernierte Vergesellschaftungen‘, um Vergesellschaftungsprozesse, die es den Beteiligten nicht erlauben, auseinanderzulaufen. […] Ferner handelt es sich um Situationen, in die alle Beteiligten mit leeren Händen hineinkommen. Der Prozeß der Vergesellschaftung beginnt von vorn.“ (ebd.: 187) Es ist der nachvollziehbare Traum der Sozialwissenschaften, Vergesellschaftungsprozesse von einem imaginierten Nullpunkt aus zu beobachten und zu erklären, der an dieser Stelle zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne lassen sich z. B. auch die Bemühungen von methodologischen Individualisten wie Hartmut Esser oder von politischen Ökonomen wie Milton Friedman verstehen, wenn sie zur Erklärung sozialer Ordnungsbildung auf jene exzeptionelle Szene im Roman von Daniel Defoe zurückgreifen, in der Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel strandet (vgl. Binder 2014).

Gründungsszenen können daher auch zu Theorievergleichen einladen, wenn man nämlich genauer untersucht, welche Einflussfaktoren in der jeweiligen Laborsituation ein- bzw. ausgeblendet werden. So entwickelt Niklas Luhmann seinen Machtbegriff ausgehend von der abstrakten Szene der doppelten Kontingenz zwischen Alter und Ego. Von hier aus erscheint Macht als generalisiertes Kommunikationsmedium, das Sozialität ermöglicht, indem es zur „Regulierung von Kontingenz“ beiträgt (Luhmann 1975: 12; Luhmann 1984). Die erhebliche Differenz zwischen Popitz und Luhmann, die durch den szenischen Eröffnungszug befördert wird (Liegestühle versus doppelte Kontingenz), lässt sich daran ablesen, dass Liebe, Wahrheit, Geld und Macht bei Luhmann als funktionale Äquivalente betrachtet werden. Während Popitz die Entstehung asymmetrischer Machtverhältnisse untersucht und seinen Machtbegriff mit Aspekten wie Herrschaft, Gewalt und Unterdrückung szenisch verkoppelt, arbeitet Luhmann stattdessen im rekursiven Dialog mit seiner Gründungsszene die produktiven Momente sozialer Machtformationen heraus. Bereits diese knappe Skizze verdeutlicht somit, dass szenische Laborsituationen stets auf der Reduktion von Komplexität beruhen. Dadurch werden einerseits systematische Ausschlüsse produziert und andererseits experimentelle Erklärungen ermöglicht.

d)Weltstimmungsgehalte

Niklas Luhmann hat einmal von einem „eigentümlichen Weltstimmungsgehalt“ gesprochen, den Theorien selbst „nicht formulieren, vielleicht nicht einmal wahrnehmen können.“ (Luhmann 2005: 200) Dieser Stimmungsgehalt ergibt sich, so vermuten wir, gerade aus der Inszenierung der sozialen Welt im Text und den dabei gesetzten Akzenten, die gegenüber ihrer Generalisierung in theoretische Begriffe stets einen alltagsweltlichen Sinnüberschuss transportieren, der sich nur schwerlich kontrollieren lässt. Es ist daher kaum zu vermeiden, dass durch die Szenen evaluative Vorstellungen in die Theorie einwandern. Ein Extremfall ist in diesem Zusammenhang sicherlich Walter Benjamins posthum erschienener Aufsatz „Über den Begriff der Geschichte“ aus dem Jahr 1940. Darin lässt Benjamin einen „Engel der Geschichte“ auftreten, der „das Antlitz der Vergangenheit zugewendet“ nur noch „eine einzige Katastrophe“ sieht, „die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“. Obwohl der Engel „die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen“ möchte, wird er von einem „Sturm“, den „wir den Fortschritt nennen“ ergriffen und „unaufhaltsam“ in eine unbekannte Zukunft getrieben, „während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst“ (Benjamin 1940). Rückblickend scheint es weniger das theoretische Geschichtsmodell als die in der Szene beschworene Weltstimmung, durch die dieser Text seinen inzwischen klassischen Status erhalten hat. Auf dem Höhepunkt der Macht des Hitler-Faschismus, im Zweiten Weltkrieg von einem Verfolgten verfasst, schreiben sich katastrophale Ereignisse über die Szene in die Theorie ein, ohne explizit benannt zu werden.

Doch auch wenn der Benjamin’sche Engel ein radikales Beispiel ist: Durch den Einsatz von Szenen nehmen Theorien auf bewusste oder unbewusste Weise immer eine gewisse Grundstimmung in sich auf, die durch den Einbau klassischer Materialien nur schwerlich zu erzielen wäre. So lässt etwa Popitz in seinen Szenen nur Charaktere auftreten, die ihre gesamte Zeit in kasernierten Zwischenräumen verbringen. Man könnte die drei Szenen daher auch als Beispiele für „totale Institutionen“ beschreiben (Goffman 1973: 16), da sie sich neben der räumlichen Abgeschlossenheit durch starke Hierarchisierung und die Reglementierung ihrer „Insassen“ auszeichnen. Realistische Exit-Optionen gesteht Popitz seinen Protagonisten nicht zu, die statuslosen Subjekte werden als zweckrationale Akteure konzipiert und Prozesse der sozialen Schichtung oder Legitimitätsstiftung werden allzu leicht auf das intentional erzeugte Machtregime einer gut organisierten Minderheit zurückgeführt. Macht erweist sich in diesem Szenario folgerichtig als das konstitutive „Knochengerüst menschlicher Vergesellschaftung.“ (Pohlmann 2005: 21) Die Theorie lädt sich auf diese Weise mit einem zutiefst pessimistischen Grundton auf. Angesichts der ausgewählten Szenen ist es daher wenig überraschend, wenn Popitz am Ende zu einer Konzeption von Macht durchdringt, in der von effektiven Widerständen oder subversiven Praktiken keine Rede ist. Was bleibt, ist das ungläubige, oder besser: ohnmächtige Kopfschütteln ob der absurden Unvermeidlichkeit der geschilderten Prozesse.

f) Sinnüberschüsse

Aus der Differenz zwischen einer geschilderten Szene und der daraus entfalteten Theorie ergeben sich Sinnüberschüsse, die sich zur immanenten Weiterentwicklung eines Ansatzes verwenden lassen. Popitz sieht dieses Potenzial bereits in seinem Ausgangstext, denn er ist offenkundig nicht gewillt, seine Machttheorie aus einem einzigen Fall heraus zu entwickeln. Und er tut gut daran, denn die spielerische Leichtigkeit, mit der eine kleine Minderheit den Kampf um Liegestühle für sich entscheidet, ließe sich schließlich auch darauf zurückführen, dass es hierbei lediglich um die Verteilung eines „Luxusgutes“ geht, das für die Beteiligten von geringem Interesse ist. Es wäre demnach vorstellbar, dass Prozesse der Machtbildung in gesellschaftlich virulenten High-Cost-Situationen ganz anders verlaufen. Um dieser vorhersehbaren Kritik entgegenzutreten, stellt Popitz seiner Gründungsszene mit dem Gefangenenlager und der Erziehungsanstalt zwei weitere Szenen zur Seite, in denen existenzielle Fragen des Überlebens und der psychophysischen Integrität auf dem Spiel stehen. Entscheidend ist dabei, dass die in den beiden nachgelagerten Szenen thematisierten Schwerpunkte bereits in der Schiffsszene als Probleme auftauchen, aber aus dieser heraus nicht gelöst werden können. Die Gründungsszene auf dem Schiff bietet also gleichsam den Blickwinkel, aus dem heraus die anderen Szenen beschrieben werden.

Interessant ist nun aber vor allem, dass Popitz nicht alle szenenimmanenten Optionen zur Weiterentwicklung seiner Theorie ausschöpft. So spielen in allen Szenen dingliche Elemente (Liegestühle, Herd, Brote) eine ganz entscheidende Rolle, die Popitz jedoch nicht zum Zustandekommen und Wandel von Machtverhältnissen in Bezug setzt. Er greift die Bedeutung materieller Artefakte erst viele Jahre später auf, wenn er sein „Konzept der Macht“ (1992) durch den Typus der „datensetzenden Macht“ erweitert, um auf diese Weise die konstitutive Rolle von (technischen) Artefakten für soziale Machtverhältnisse auf den Begriff zu bringen (Popitz 1992/2009: 30)[15] . Einen ähnlich gravierenden Sinnüberschuss transportieren die Szenen in Bezug auf die Zeitlichkeit der geschilderten Prozesse. Denn obwohl Popitz an vielen Stellen die Bedeutung der Zeit für das Geschehen zu bemerken scheint, überführt er diese Beobachtungen nicht in seine Theorie. So beschreibt er die schnelle Reservierung der Liegestühle sowie die rasante Organisationsfähigkeit der neuen Besitzer als entscheidende Momente der Machtbildung (ebd.: 192). Und auch die fehlenden Widerstandsoptionen erscheinen in der Szene als Resultat eines falschen Timings: „Eine Widerstandsbereitschaft (…) fehlte. Sie hätte in sehr frühen Stadien des Prozesses fast sicheren Erfolg gehabt.“ (ebd.: 231) Obwohl Popitz also über alle Szenen hinweg immer wieder und in verschiedenen Hinsichten auf die Wichtigkeit des Zeitfaktors gestoßen wird, schlägt er kein systematisches Kapital daraus. Für seinen Machtbegriff spielt die Zeitdimension keine Rolle.[16]

Der Fall Popitz zeigt somit exemplarisch, dass die Beschäftigung mit soziologischen Gründungsszenen nicht nur das Verständnis komplexer Theoriegebäude befördern kann, sondern auch einen Beitrag zur immanenten Weiterentwicklung theoretischer Modelle vom Typ 3 leisten kann, wenn die unerschlossenen Potenziale der Szene zur begrifflichen Verfeinerung des Instrumentariums herangezogen werden.

g) Vereinfachte Rezeption

Die Entwicklung einer Theorie mithilfe von Gründungsszenen kann in der Rezeption zu zwei Formen der Vereinfachung führen. Einerseits kann die Verbreitung einer Theorie durch die Formulierung einer prägnanten Szene gesteigert und beschleunigt werden. Die Aufmerksamkeit für manche Ansätze resultiert sicherlich zu einem erheblichen Grad aus dem von ihnen artikulierten Fall. Das gilt für den Mythos des Sisyphos bei Albert Camus oder Platons Höhlengleichnis genauso wie für Robert Putnams einsamen Bowlingspieler, Marcel Mauss‘ Gabentausch oder Jacques Lacans Spiegelszene der Identitätsbildung. Ohne diese einprägsamen und leicht vermittelbaren Miniaturen wäre der immense Erfolg der daran angeschlossenen Werke kaum vorstellbar. Auf der anderen Seite ist mit der Fokussierung auf eine zentrale Szene auch gleichzeitig die Gefahr einer Verkürzung verbunden. Wird nämlich die szenische Miniatur von der damit verknüpften Theorie abgelöst, so kann dieser Vorgang zu einer Rezeption führen, bei der etwaige Unstimmigkeiten der Szene auf die gesamte Theorienanlage übertragen werden, ohne Letztere überhaupt zu kennen. Häufig führt das dann zu Polemiken, die sich bei einer genaueren Lektüre der szenisch entwickelten Theorie schnell erübrigen würden. Um dies zu vermeiden, sollten Gründungsszenen daher nicht als Stellvertreter, sondern stets als integrale Bestandteile einer Theorie betrachtet werden.

6 Ausblick: Unerschlossene Potenziale szenenzentrierter Soziologie

Die vorangegangene Untersuchung sollte im Anschluss an die Arbeiten von Abbott und Swedberg die Aufmerksamkeit auf eine weit verbreitete Theorieform lenken (Typ 3), bei der theoretische Innovationen durch szenische Eröffnungszüge eingeleitet und fundiert werden, ohne dabei auf methodisch kontrollierte Beobachtungen zurückzugreifen. Anhand der Machtsoziologie von Heinrich Popitz konnte gezeigt werden, wie durch den strategischen Einsatz von Gründungsszenen ganz im Sinne der Forderungen von Abbott und Swedberg versucht wird, theoretische Begriffe entlang konkreter Erfahrungen und situativer Wirklichkeitsbezüge zu entwickeln. Die so verdeutlichten Effekte einer szenenzentrierten Theoriebildung erlauben eine genauere Reflektion der Popitz’schen Soziologie und eröffnen zugleich Anknüpfungspunkte für eine generelle Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Gründungsszenen für die sozialwissenschaftliche Theoriebildung. Beide Punkte sollen hier abschließend ausgeführt werden und zur weiteren Diskussion einladen.

Zunächst zum Einzelfall: Unsere Diskussion der Machtsoziologie von Popitz ermöglicht eine genauere Bestimmung der theoretischen Techniken und Strategien dieses Autors. Popitz wurde und wird zwar immer wieder für seinen kreativen und anschaulichen Stil des Soziologisierens bewundert. Eine genauere Reflektion, wie es ihm im Detail gelingt, entlang „feingeschliffener Brillanten“ (Eßbach 2006: 264) zu „kreativen Begriffsbildungen“ (Endreß 2002: 406) vorzudringen, lag aber bisher nicht vor. Wir konnten für den Fall der Machttheorie zeigen, dass der szenische Eröffnungszug den Theoriebildungsprozess auf vielfache Weise prägt. Dabei gehen die Szenen in ihren Effekten weit über illustrierende „Beispiele“ (so Popitz eigene Verortung der Schilderungen) hinaus: In ihnen gelingt es, unmittelbar vor Augen zu führen, warum wir es mit einem relevanten Problem, einem echten puzzle der Soziologie zu tun haben. Was Popitz in den drei Szenen aufspannt, sind die Koordinaten einer geschlossenen, aufeinander bezogenen „Machtwelt“, in der theoretische Vorannahmen, anthropologische Axiome und normative Grundeinstellungen in extremer Verdichtung präsentiert und zugleich als zufällig vorgefundene Versatzstücke der ‚tatsächlichen Welt‘ inszeniert werden. Das ungläubige Staunen des Autors über die Absurdität sozialer Machtbildung wird über die Problematik der Liegestuhlbelegung sofort für jede Leserin nachvollziehbar, die sich selbst schon einmal in der Situation befand, vorwiegend leere Sonnenliegen durch Handtücher belegt vorzufinden (oder auch nur schon einmal davon gehört hat). Es fiele ungleich schwerer, die Vorannahme der Absurdität zu teilen, wenn wir nur die Szenen des Gefangenlagers oder der Erziehungsanstalt kennen würden, denn was im Angesicht ausreichend vorhandener Liegestühle noch als absurd bewertet werden kann, erscheint mit Blick auf knappe und lebenswichtige Ressourcen weitaus weniger rätselhaft. Es ist der Kampf um Liegestühle und seine strategische Platzierung als Gründungsszene, die das gewählte Bezugsproblem mit Evidenz ausstatten. Im rekursiven Dialog mit der Szene kann Popitz somit ausgehend von konkreten Handlungsvollzügen allgemeine Mechanismen der Machtbildung identifizieren. Auf diese Weise erweitert Popitz einen theoretischen Diskurs, der sich mitunter in begrifflichen Abstraktionen und selbstreferentiellen Exegesen verliert (Theorietyp 1) und der zur Anonymisierung gesellschaftlicher Machtphänomene tendiert.

Die Analyse von Gründungsszenen soll nicht als Entzifferung einer gewissen Form der Kunstfertigkeit des Schreibens missverstanden werden. Vielmehr konnten wir anhand von Popitz zeigen, wie es durch die Analyse der Gründungsszene und der aus ihr resultierenden Theoriebildung gelingt, ein besseres Verständnis für die Theorie selbst zu generieren. Wie bei jeder Reflektion werden so die Stärken aber auch Schwächen dieser Form des Theoretisierens zunächst für den konkreten Fall sichtbar: Es gelingt Popitz, die Entstehung von Machtstrukturen – immer verstanden als Vermögen von Personengruppen ihre Interessen gegenüber einer Mehrheit durchzusetzen – als interaktiven, geradezu evolutionären Prozess nachzuzeichnen, der sich ohne großen Aufwand auf eine Vielzahl von sozialen Vorgängen übertragen lässt. Darüber hinaus konnten wir zeigen, wie bestimmte Grenzen der Theorien vom Typ 3 gerade durch die Zentrierung der Aussagen auf szenische Schilderungen überspielt werden, etwa im Fall der Ausbildung von Solidaritätskernen, deren Ursprünge einfach in das Jenseits der Szene verlagert werden. Auch in Bezug auf die Fokussierung der Szenen auf laborähnliche Situationen in totalen Institutionen und den hieraus resultierenden „Weltstimmungsgehalt“ der Popitz’schen Theorie lassen sich genauere Rückschlüsse auf das Verhältnis von theoretischen Aussagen und mitkommunizierten Weltbildern ziehen, die zur Wirkung von Theorien beitragen, zumeist aber unreflektiert bleiben.

Neben einem genaueren Verständnis der Popitz’schen Machttheorie verfolgen wir in diesem Text zudem das weiterführende Ziel, die Untersuchung soziologischer Gründungsszenen als Instrument der Theorieanalyse vorzustellen und zu erproben. Dabei konnten im Verlauf der Diskussion verschiedene Aspekte erarbeitet werden, die Anknüpfungsmöglichkeiten eröffnen. Wir möchten abschließend drei Perspektiven für die zukünftige Diskussion knapp skizzieren:

  1. Wie wir gezeigt haben, tauchen Gründungsszenen in einer Vielzahl unterschiedlicher Werke auf. Anhand von Autoren wie Niklas Luhmann, Erving Goffman oder Anthony Giddens konnte exemplarisch verdeutlicht werden, dass der Rückgriff auf Gründungsszenen als gambits eine weit verbreitete Strategie soziologischer Theoriebildung ist, die quer zu klassischen Ordnungsmustern des theoretischen Feldes verläuft. Eine vertiefte Analyse der im vorliegenden Text lediglich kursorisch adressierten Einzelfälle würde es erlauben, die von uns im zweiten Abschnitt identifizierten Typen des theoretischen Wirklichkeitsbezugs klarer voneinander zu unterscheiden und die im fünften Abschnitt zusammengefassten Effekte szenischer Theoriebildung genauer zu verfolgen. Dabei bieten sich insbesondere dort theorievergleichende Fragestellungen an, wo szenenzentrierte Ansätze gleiche theoretische Begriffe thematisieren, wie in Abschnitt fünf durch die Konfrontation der machtsoziologischen Gründungsszenen Luhmanns und Popitz‘ gezeigt wurde. Die so gewonnenen Ergebnisse würden die Möglichkeiten und Grenzen szenenzentrierter Theorien vom Typ 3 verdeutlichen, nicht zuletzt in Abgrenzung zu anderen Verfahren der Theoriebildung.

  2. Die Untersuchung von Gründungsszenen wurde im zweiten Abschnitt der Abhandlung als Beitrag zur angloamerikanischen Diskussion um die Eröffnungszüge soziologischen Denkens (Abbott) und über den Einbezug des Entdeckungszusammenhangs in die Analyse von Prozessen der Theoriebildung ausgeflaggt (Swedberg). Wir halten es für ein vielversprechendes Unterfangen, diese angloamerikanische Debatte an die Einsichten der interpretativen bzw. verstehenden Soziologie anzuschließen, die sich in der Vergangenheit immer wieder im Anschluss an Max Weber und Alfred Schütz mit den Erfahrungshintergründen und Explikationskontexten des (soziologischen) Wissens auseinandersetzt hat (Endreß 2006). Die Beschäftigung mit den Gründungsszenen der Soziologie erweist sich an dieser Stelle als konzeptionelle Brücke, von der Impulse in beide Richtungen ausgehen können.

  3. Im Abschnitt fünf haben wir ausgeführt, dass Gründungsszenen die Rezeption komplexer Theorien vereinfachen und ein Katalysator für Weltstimmungsgehalte sind. Die Rezeption der Gründungsszenen bekannter soziologischer Texte bildet einen kollektiv geteilten Wissensvorrat an Bildern, Narrativen und Deutungen, der einen Beitrag zur spezifisch disziplinären Konstruktion und Kanonisierung von Wissen leistet. Thomas Kuhn (1976: 203) spricht in ähnlicher Hinsicht für die Naturwissenschaften von „exemplars“, im Sinne von Musterbeispielen. Dabei ist auch für Kuhn entscheidend, dass die konkreten Fälle der theoretischen Verallgemeinerung nicht vorausgehen, vielmehr versteht er Weltbezug und Begriffsfindung als gleichursprünglich: „Natur und Worte werden gemeinsam erworben“ (ebd.). Erst über die Verbindung von Einzelfall und Theoretisierung entsteht laut Kuhn ein „stillschweigendes Wissen“ (ebd.) darüber, was als maßgebliche Realität verstanden wird. Eine Auseinandersetzung mit solchen paradigmatischen „exemplars“, zu denen zahlreiche der im Text genannten Gründungsszenen gehören dürften, steht für die Soziologie noch aus (vgl. Hirschauer 2008), erscheint uns aber vielversprechend.

Wir schließen damit diesen Ausblick ab, auch wenn sich weitere Anschlüsse denken ließen. Und so versteht sich dieser letzte Abschnitt als das, was auch die vorangegangene Untersuchung sein sollte: eine Einladung zur weiteren Diskussion über die Potentiale szenenzentrierter Analysen in der Soziologie.

Über die Autoren

Sina Farzin

Sina Farzin, geb. 1976, seit 2012 Juniorprofessorin für Soziologische Theorie an der Universität Hamburg.

Forschungsschwerpunkte: Soziologische Theorien, Kultursoziologie, Systemtheorie, Theorien sozialer Inklusion/Exklusion, Literatursoziologie.

Wichtige Publikationen: Gründungsszenen soziologischer Theorie, Wiesbaden: VS 2014 (Hg. mit Henning Laux); Die Rhetorik der Exklusion, Weilerswist: Velbrück 2011.

Henning Laux

Henning Laux, geb. 1979, Vertreter der Professur für allgemeine und theoretische Soziologie an der TU Chemnitz sowie Leiter des DFG-Forschungsprojektes „Desynchronisierte Gesellschaft. Politische Herausforderungen an den Schnittstellen des Sozialen“.

Forschungsschwerpunkte: Soziologische Theorien, Kultursoziologie, Wissenschafts- und Technikforschung und Politische Soziologie.

Wichtige Veröffentlichungen: Clockwork Politics. Fünf Dimensionen politischer Zeit. In: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 43/2015: 52–70 (zus. mit Hartmut Rosa); Hybridorganisationen. Politische Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und biophysischer Natur. In: Soziale Welt. Heft 4/2016; Soziologie im Zeitalter der Komposition. Koordinaten einer integrativen Netzwerktheorie, Weilerswist: Velbrück 2014.

Danksagung:

Für konstruktive Hinweise und Kommentare bedanken wir uns bei Enno Aljets, Sonja Fücker, Emanuel Herold, Anja Kauppert, Frank Meier, Thorsten Peetz, Uwe Schimank, Michael Walter und Lydia Welbers sowie den anonymen GutachterInnen und HerausgeberInnen der ZfS.

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Online erschienen: 2016-8-10
Erschienen im Druck: 2016-8-1

© 2016 by De Gruyter

Downloaded on 27.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/zfsoz-2015-1014/html
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