Zusammenfassung
Der Sport ist ein körperzentriertes Sozialsystem, das als machtvolle Ausdrucks- und Inszenierungsstätte beschrieben wird, in der verschiedene soziale Gruppen um Prestige und symbolische Macht konkurrieren. In diesem Wettbewerb können Vorurteile der Abgrenzung zwischen Gruppen auf der Grundlage von ethnischen, sozialen und kulturellen Kategorisierungen dienen. Die vorliegende Studie befasst sich mit der Ideologie der Ungleichwertigkeit im vereinsorganisierten Sport. Es wird den Fragen nachgegangen, ob und wie Vorurteile im Sport miteinander zusammenhängen und welche Faktoren ausgewählte Abwertungen beeinflussen. Es zeigt sich, dass Vorurteile im Sport eng miteinander verbunden sind, und es wird diskutiert, weshalb Diversität im Sport eine stärkere Rolle bei Integrationsprozessen spielen sollte.
Summary
Sport is a social system revolving around the body that is described as a powerful arena of expression and staging in which different social groups compete for prestige and symbolic power. In this competition, prejudices can lead to a dissociation between groups on the basis of ethnic, social, and cultural categorizations. This study deals with the ideology of inequality in organized sport and pursues the questions of whether and how prejudices in sport are related and what factors influence selected devaluations. We show that prejudices in sport are closely interconnected and discuss why diversity in sport should play a stronger role in integration processes.
1 Einleitung
An den Sport, der als eigenständiges soziales System weite Kreise der Gesellschaft erfasst, sind hohe Erwartungen gerichtet. Schließlich ist er Träger, Förderer und Instrument gesellschaftlichen Engagements: Rund 8,0 Millionen Freiwillige und ehrenamtlich Tätige sind bundesweit für die Sportvereine im Einsatz (Breuer, 2017, S. 16). Damit ist der organisierte Sport ein bedeutsamer Akteur bürgerschaftlichen Engagements und ein sozialer Faktor, der enorme Bindungskräfte entwickeln kann. So bietet die Mitgliedschaft in einem Sportverein vielfältige Gelegenheiten, individuelle und kollektive Identitäten auszubilden und zu leben. Dies geschieht, indem der Sport zwischen Individuen und Gruppen Begegnungen und damit neue soziale Beziehungen ermöglicht. Dennoch lassen sich in diesem gemeinschaftlichen und sozialen Miteinander Grenzziehungen feststellen. Obwohl Sportorganisationen einen gemeinsamen Wertekanon haben, sie sich als gemeinnützige Organisationen dem Gemeinwohl verpflichtet haben, sind soziale Ungleichwertigkeiten und Diskriminierungen im Sport nicht aufgehoben. Da hier der Körper privilegiertes Handlungs- und Darstellungsmedium ist, rücken etwa physische Eigenheiten von Menschen stärker als in anderen sozialen Praxisfeldern in den Mittelpunkt von Interaktionen. Körperliche Merkmale können dabei nicht nur Neugier und Bewunderung, sondern auch negative Gefühle wie Angst, Ekel oder Abscheu hervorrufen und zu unterschiedlichen Abwertungen führen (Alkemeyer & Bröskamp, 1996, S. 15).
In diesem Beitrag werden soziale Vorurteile in den Bundesländern Sachsen-Anhalt und Brandenburg im körperzentrierten Sozialsystem des Sports erstmals bundeslandübergreifend analysiert. Zudem wird das theoretische Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit empirisch geprüft. Dieses integrative Vorurteilskonzept fand mit Beginn der Langzeitstudie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld im Jahr 2002 Eingang in die Forschung (Heitmeyer, 2002a, S. 19ff.). In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eine generalisierende Abwertung von sozialen Gruppen ist.
2 Theoretischer Rahmen
Ein Vorurteil wird in seinen Grundzügen noch heute verstanden als
„eine Antipathie, die sich auf eine fehlerhafte und starre Verallgemeinerung gründet. Sie kann ausgedrückt oder auch nur gefühlt werden. Sie kann sich gegen eine Gruppe als Ganzes richten oder gegen ein Individuum, weil es Mitglied einer solchen Gruppe ist“ (Allport, 1971, S. 23).
Aus der Einstellungsforschung ist bekannt, dass soziale Vorurteile eng miteinander verknüpft sind und unter einem Syndrom zusammengefasst werden können, weil sie sich eine Ideologie der Ungleichwertigkeit teilen (Heitmeyer, 2012, S. 15ff.). Deshalb wird von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gesprochen, um den ablehnenden, negativen oder menschenfeindlichen Kern des Vorurteils zum Ausdruck zu bringen und gleichzeitig zu verdeutlichen, dass es sich bei sozialen Vorurteilen um Abgrenzungen zwischen Gruppen handelt und nicht zwischen einzelnen Personen. Über soziale Ungleichheiten (Unterschiede im Hinblick auf Leistungsfähigkeit, Besitz, Lebensformen, religiöse Praktiken usw.), die Desintegrationsgefahren und Anerkennungsbedrohungen für Gruppen beinhalten, können Wertigkeiten – genauer Ungleichwertigkeiten – eingeführt werden, die mit semantischen Bewertungen verbunden werden. Diese Ungleichwertigkeiten sind eine weitere substantielle Quelle der Desintegration und des Verlusts der sozialen Anerkennung, die eine Dehumanisierung zur Folge haben kann (Heitmeyer, 2008, S. 39ff.). Dabei sind ethnische, soziale und kulturelle Kategorisierungen (z. B. Nationalität, Geschlecht, sexuelle Identität, Religion) und ihre Verwendung an sich noch keine Vorurteile. Dennoch stellt nach Brown (2010) die Kategorisierung sozialer Gruppen die Basis von Vorurteilen dar. Diese entstehen dann, wenn Kategorisierungen mit der Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften in Abhängigkeit der Gruppenzugehörigkeit einhergehen und diese spezifischen Gruppeneigenschaften negativ bewertet werden. Dementsprechend definiert Aboud (1988, S. 6) Vorurteile als „eine vereinheitlichte, stabile und konsistente Tendenz, in einer negativen Art und Weise gegenüber Mitgliedern einer bestimmten Gruppe zu reagieren“. Soziale Vorurteile haben die Eigenschaft, Differenzen und Ungleichheiten zwischen Gruppen zu konstituieren, indem sie die Abwertung von Gruppen und deren Mitgliedern legitimieren und erklären. Je stärker beispielsweise eine wirkliche oder nur vorgestellte Bedrohung der Eigengruppe wahrgenommen wird, desto wahrscheinlicher werden soziale Vorurteile, Diskriminierungen oder Gewalt gegenüber der Fremdgruppe, um die Eigengruppe vor der tatsächlichen oder vermeintlichen Bedrohung zu schützen. Angriffe auf die konstruierte Normalität der Eigengruppe oder Änderungen der Machtverhältnisse zwischen Gruppen können in einem Akkulturationsprozess als Bedrohung wahrgenommen werden, mit Konflikten zwischen Gruppen einhergehen und sich in Distanz ausdrücken (Zick, 2010, S. 322). Demnach übernehmen Vorurteile für jene, die sie kommunizieren, positive soziale Funktionen.
Die Abgrenzung zu anderen Gruppen kann innerhalb der Eigengruppe Identität und Gemeinschaft stiften. Soziale Vorurteile schaffen also ein Wir-Gefühl, indem andere (Fremd-)Gruppen abgewertet werden. Außerdem offerieren Vorurteile neben Selbstwerterhalt und Selbstwertsteigerung im Verhältnis zur abgewerteten Gruppe eine Rechtfertigung dafür, wie diese Gruppe behandelt wird. Stereotype Ansichten tragen dazu bei, soziale Hierarchien einzurichten und zu perpetuieren. Dies wird vor allem bei althergebrachten rassistischen, antisemitischen oder sexistischen Vorstellungen deutlich. Vorurteile werden auch als legitimierende Mythen zur Herstellung und Aufrechterhaltung gruppenbasierter Hierarchien verstanden (Sidanius & Pratto, 1999, S. 45). Überlieferte Mythen sind weit verbreitet und werden sozial geteilt. Bis in die Gegenwart hinein haben sich beispielsweise rassistische Mythen im Sport gehalten. Beständig werden unterschiedliche Sportkompetenzen, Bewegungsstile und Leistungsfähigkeiten auf die Natur der Sporttreibenden zurückgeführt: auf anatomische, physiologische oder auch psychische Eigenschaften, die angeboren zu sein scheinen. Eine rassistische Wendung nehmen solche Vorstellungen dann, wenn der Körper – die angebliche Natur des Menschen – als Träger einer rassischen oder ethnischen Essenz interpretiert und mit den Kategorien der Art, des Blutes oder der Rasse dechiffriert wird (Alkemeyer & Bröskamp, 1996, S. 16). Vermeintliches, vorurteilsbasiertes Wissen kann wiederum die Wahrnehmung von Gruppen beeinflussen, sodass Informationen über eine bestimmte Gruppe insbesondere in Krisensituationen oft passend und selektiert wahrgenommen werden. Zugleich liefert dieses Wissen Informationen darüber, welcher Person und Gruppe vertraut oder nicht vertraut werden sollte. Soziale Vorurteile sind folglich vertrauensfördernd und hegen Misstrauen (Zick, Küpper & Hövermann, 2011, S. 38f.).
Pettigrew und Meertens (1995) differenzieren zwischen offenen und subtilen sozialen Vorurteilen. Demnach haben Gruppen manchmal keine offensichtlichen Vorurteile, zeigen wohl aber ein diskriminierendes Verhalten. Umgekehrt müssen Vorurteile nicht zwingend zu diskriminierenden Handlungen führen. Sie können auch auf der Einstellungsebene verbleiben, ohne dass etwas an bestehenden Verhältnissen verändert wird. Soziale Vorurteile bilden jedoch die Grundlage für Ungleichwertigkeiten, die Diskriminierungen befördern können. Dabei wird Diskriminierung definiert als „ein selektiv wirkendes, negatives ungerechtfertigtes Verhalten gegenüber Mitgliedern einer Zielgruppe“ (Dovidio & Gaertner, 1986, S. 3). Soziale Vorurteile als Grundlage für Diskriminierungen gegenüber bestimmten Gruppen werden dem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zugeschrieben, verbunden mit der Idee, dass diese Vorurteile nicht nur auf vergleichbare oder identische Ursachen zurückgehen können, sondern auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit basieren, die Hierarchien zwischen sozialen Gruppen befürwortet und Gleichwertigkeit ablehnt (vgl. Heitmeyer, 2002b). Infolgedessen werden Faktoren wie Autoritarismus, Nationalismus, Gewaltbilligung, Demokratiekritik sowie Diversität berücksichtigt.
Aus der Vorurteilsforschung ist bekannt, dass sich autoritär eingestellte Personen leicht durch andere Gruppen bedroht fühlen und mit Abwertung und Ausgrenzung reagieren können. Die Studien von Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson und Sanford (1950) bilden noch heute die Grundlagen in der Autoritarismusforschung. Diese psychoanalytischen Autoritarismuskonzepte dienten dazu, die psychischen Kräfte des Faschismus und den grassierenden Antisemitismus zu erklären. Das dafür entwickelte Messinstrument verdeutlichte, dass Autoritarismus vor allem mit Antisemitismus, aber auch mit anderen sozialen Vorurteilen einhergeht. Altemeyer (1988) gelang es, einige psychometrische Schwächen der oft kritisierten Skala zu beheben, sodass heute auf die neuentwickelte und zuverlässige Kurzskala zurückgegriffen werden kann (vgl. Schneider & Lederer, 1995; Zick & Henry, 2009). Demzufolge lässt sich Autoritarismus als eine Tendenz zu und Befürwortung von Unterwürfigkeit und Gehorsam gegenüber Autoritäten beschreiben, die überdies autoritäre Aggression und Konventionalismus beinhaltet (vgl. Adorno et al., 1950; Altemeyer, 1988). Die den Autoritarismus kennzeichnende Tendenz, sich Autoritäten zu unterwerfen, findet sich durchaus im traditionellen Rollenverständnis in verschiedenen Systemen der Körper- und Leibeserziehung.
Der Theorie der sozialen Identität zufolge kann die Bindung an Nationen nicht nur helfen, die eigene Identität zu bestimmen, sondern sich im Vergleich zu wichtigen anderen, fremden Gruppen respektive Nationen abzugrenzen, so dass es zu einer positiven Selbsteinschätzung kommen und die eigene Identität gestärkt werden kann (Tajfel & Turner, 1986). Studien belegen, dass mit einer starken Bindung an die eigene Nation eine Abwertung anderer Gruppen wahrscheinlicher wird. Je stärker die nationale Identifikation in Form von Nationalismus ist, desto stärker sind Abwertungen gegenüber fremden Gruppen oder Menschen anderer Glaubensgemeinschaften. (vgl. Heyder & Schmidt, 2002; Becker, Wagner & Christ, 2007; Ahlheim & Heger, 2008). Für diese starke Bindung an die eigene Nation ist der Sport mit seiner historischen Entwicklung bis heute in besonderer Weise prädestiniert (vgl. Becker & Schäfer, 2016; Jacob, 2000). Regelmäßig finden Großereignisse wie Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder die Olympischen Spiele mit ganz speziellen Leistungsvergleichen zwischen verschiedenen Nationen statt und können nationale Kategorien aktivieren. Der Sport bietet niedrigschwellig viele Möglichkeiten, die eigene Nation unkritisch und bedingungslos positiv zu bewerten. Dabei ist der Prozess der sozialen Identitätsfindung (sozialer Vergleich und soziale Distinktion) dann problematisch, wenn er durch Feindseligkeiten und Aggressionen gegenüber anderen sozialen Gruppen hergestellt wird.
Dies kann Ausdruck von Ungleichwertigkeiten sein, und Faktoren wie mangelnde soziale Integration oder Zugehörigkeit können die Akzeptanz von Gewalt befördern (Küpper & Zick, 2008, S. 129f.). Gleichwohl kann im Sportverein demokratische Teilhabe oder zivilgesellschaftliches Engagement eingeübt und gelebt werden. Allerdings schränken Pilz und Kolleginnen ein, dass
„Sportvereine nicht per se demokratische Räume [sind], sondern es Aufgabe der Sportvereine [ist], auf der Folie der im Sport verankerten Werte Sportvereine als demokratische Räume zu gestalten und zu einer Stärkung der Kultur der Anerkennung, der Partizipation, der sozialen und kulturellen Öffnung beizutragen und Demokratie zu leben“ (Pilz, Behn, Harzer, Lynen von Berg & Selmer, 2009, S. 81f.).
Dazu sind Zufriedenheit mit und Vertrauen in die Demokratie als Staatsform relevant. Denn Demokratiekritik kann mit Abwertungen anderer Gruppen verbunden sein, denen bestimmte Rechte aufgrund ihrer Normabweichung abgesprochen werden. Kritik an der Demokratie ist jedoch nicht primär konstruktiv oder destruktiv. Vielmehr kommt es darauf an, worauf sich die Kritik bezieht und wie differenziert sie ist (Klein, Küpper & Zick, 2009, S. 100ff.).
Darüber hinaus zeigt die Befundlage, dass Diversitätsüberzeugungen, also inwieweit Personen soziale und kulturelle Vielfalt in der Gesellschaft wertschätzen, mit weniger abwertenden Einstellungen einhergehen. Diversität lässt sich wiederum beschreiben als Ausmaß an subjektiv wahrgenommener oder objektiv feststellbarer Unterschiedlichkeit zwischen Gruppenmitgliedern einer sozialen Gruppe (Knippenberg & Schippers, 2007, S. 519). Das Konzept der Diversität wurde anfangs vor allem in Arbeitskontexten untersucht, speziell darauf, wie sich Heterogenität von Arbeitsgruppen auf ihre Zusammenarbeit, Produktivität und Arbeitszufriedenheit auswirkt. Oft wird angenommen, dass demografische Diversität in Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten, Einstellungen, Werten, Persönlichkeiten, Emotionen und kognitiven Herangehensweisen einhergeht. Studien zeigen, dass Personen, die Diversität ablehnen und sich eine auf gleichen Werten und Traditionen basierende, homogene Gesellschaft wünschen, eher zu sozialen Vorurteilen neigen. Diese ablehnende Haltung gegenüber Diversität wirkt sich indirekt negativ auf Intergruppenbeziehungen aus (vgl. Wolf & Dick, 2008; Zick & Küpper, 2011; Zick et al., 2011).
3 Zielstellung und Forschungsfragen
Dem Sport wird ein enormes Potenzial zugeschrieben, ethnische und soziale Grenzen zu überwinden. Insbesondere in Krisensituationen z. B. durch Fluchtbewegungen wird innerhalb und außerhalb des Sports mit seiner Integrationskraft geworben. Quantitativ betrachtet sind die Bindungskräfte eines Sportvereins konkurrenzlos (Mutz, 2012, S. 167). Durch gemeinsames Sporttreiben ergeben sich vielfältige Kontaktsituationen, was in Abhängigkeit von Kontaktqualität und -quantität zu einer positiven Bewertung von fremden Gruppen im Akkulturationsprozess in Form von Integration oder Assimilation führen kann (Allport, 1954, S. 280f.; Zick, 2010). Obwohl der Sport Voraussetzungen dafür bietet, sind im Sport und in Sportorganisationen Grenzziehungs- und Schließungsprozesse zu beobachten, die in Form von Unterrepräsentanzen und Diskriminierungen von sozialen Gruppen sichtbar werden können. Aus den bisherigen Ausführen folgt, dass zunächst Zusammenhänge und Zusammenwirken von Vorurteilen im Sozialsystem des Sports zu prüfen sind. Folglich wird in den empirischen Analysen der Frage nachgegangen, wie soziale Vorurteile im Sport miteinander verbunden sind und ob das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit identifiziert werden kann. Kann die empirische Varianz der gemessenen sozialen Vorurteile vergleichbar durch die vorgestellten Prädiktoren aufgeklärt werden, und reduzieren sich auf der Grundlage von Diversitätsüberzeugungen soziale Vorurteile im Sport?
4 Methode
4.1 Datenerhebung und Stichprobe
Der Survey erfolgte in einem standardisierten Mixed-Method-Design, mit dem soziale Einstellungen zuverlässig und valide erfasst werden konnten. Mit einem kognitiven (ZEM, Bonn) und einem quantitativen Pretest vor der Hauptuntersuchung wurden Verständlichkeit, Akzeptanz und statistische Eignung geprüft. Die Rekrutierung der Sportvereine wurde telefonisch (CATI) realisiert. Danach fanden die schriftlichen Befragungen (PAPI) in den Trainingsgruppen vor Ort statt. Für die nachstehenden Analysen wird auf eine kumulierte Stichprobe zurückgegriffen. Befragt wurden 3.417 Sportvereinsangehörige ab 18 Jahren in 360 Sportvereinen der Bundesländer Sachsen-Anhalt (2013) und Brandenburg (2014). Die Auswahl der sportartenübergreifenden Stichproben erfolgte jeweils auf Grundlage der zu einem Sportverein gehörenden Abteilungen, die das Angebot der Sportarten im Bundesland repräsentieren. Um die Relevanz bestimmter weiterer Stichprobenmerkmale zu gewährleisten, wurden die Stichproben mit Unterstützung eines unabhängigen Sozialforschungsinstituts (USUMA, Berlin) quotiert, geschichtet nach der Größe des Vereins (Zahl der Mitglieder), der Gemeindegröße (BIK-Systematik) und den in Sachsen-Anhalt und Brandenburg angebotenen Sportarten.
In der proportional geschichteten Stichprobe entspricht die ungleiche Geschlechterverteilung (36,6 % Frauen; 63,4 % Männer) der repräsentativen Verteilung der zugrunde gelegten Populationen (vgl. Landessportbund Sachsen-Anhalt e.V., 2014; Landessportbund Brandenburg e.V., 2015). Die Stichprobenanteile der Bundesländer sind in der kumulierten Stichprobe gleich verteilt. Das Alter (M = 46,6 Jahre; SD ± 17,7) stellt sich gruppiert wie folgt dar: 32,1 % der Befragten sind jünger als 35 Jahre und 48,4 % der Sporttreibenden sind zwischen 35 und 64 Jahre alt. 19,5 % der Mitglieder sind 65 Jahre oder älter. Hinsichtlich der Bildung weisen 8,6 % der Befragten einen niedrigen Bildungsgrad auf, das heißt, sie haben keinen Schulabschluss bzw. einen Volks- oder Hauptschulabschluss, 40,8 % verfügen über eine mittlere Bildung, also einen Realschulabschluss oder den Abschluss einer Polytechnischen Oberschule bis zur 10. Klasse. Weitere 50,6 % haben das Abitur bzw. die Fachhochschulreife oder den Abschluss einer Fachoberschule erlangt.
4.2 Erhebungsinstrumente und Skalenprüfung
Die Vorurteilsdimensionen Fremden- und Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, Sexismus sowie die Abwertung von homosexuellen Menschen wurden durch die Zustimmung oder Ablehnung von jeweils drei Aussagen, die Abwertung von Menschen mit Behinderung mit zwei Aussagen und die theoretisch begründeten Prädiktoren mit zwei oder vier Aussagen erfasst. Für die Items wurde eine vierstufige Likert-Skala verwendet („stimme überhaupt nicht zu“, „stimme eher nicht zu“, „stimme eher zu“, „stimme voll und ganz zu“). Um Reliabilität, Dimensionalität und Validität der Skalen zu prüfen, wurden Reliabilitätstests und Faktorenanalysen durchgeführt. Invers formulierte Items wurden vor den Analysen umgepolt. Indikatoren sowie statistische Kennwerte zur Reliabilität und Homogenität der Skalen sind in Tabelle 1 und 2 abgebildet.
Statistische Kennwerte der Vorurteilsdimensionen
| M | SD | Fac. | Com. | |
|---|---|---|---|---|
| Rassismus (n = 2.971; Eigenwert = 1,95; erklärte Varianz: 64,85 %; α = .73) | ||||
| Item 1: Aussiedler sollten besser gestellt werden als Zuwanderer, da Aussiedler deutscher Abstammung sind. | 1.73 | 0.778 | .843 | .710 |
| Item 2: Außerhalb des Sports haben Schwarze oft zu Recht weniger Erfolg. | 1.84 | 0.832 | .775 | .601 |
| Item 3: Die Weißen sind zu Recht führend in der Welt. | 1.63 | 0.845 | .797 | .635 |
| Sexismus (n = 3.155; Eigenwert = 2,04; erklärte Varianz: 68,00 %; α = .76) | ||||
| Item 4: Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen. | 1.40 | 0.678 | .867 | .751 |
| Item 5: Die sportliche Leistung von Frauen ist weniger hoch einzuschätzen als die von Männern. | 1.47 | 0.759 | .791 | .626 |
| Item 6: Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen. | 1.37 | 0.666 | .814 | .662 |
| Fremdenfeindlichkeit (n = 3.053; Eigenwert = 2,03; erklärte Varianz: 67,59 %; α = .76) | ||||
| Item 7: Nur in Deutschland geborene Sportler sollten bei internationalen Wettkämpfen für Deutschland starten. | 2.10 | 1.029 | .829 | .688 |
| Item 8: Es leben zu viele Zuwanderer in Deutschland. | 2.65 | 0.948 | .790 | .624 |
| Item 9: Es trainieren zu viele Zuwanderer in deutschen Sportvereinen. | 1.82 | 0.782 | .846 | .716 |
| Antisemitismus (n = 2.902; Eigenwert = 2,04; erklärte Varianz: 68,06 %; α = .77) | ||||
| Item 10: Jüdische Sportler in meinem Sportverein wären mir irgendwie unangenehm. | 1.42 | 0.669 | .821 | .675 |
| Item 11: Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig. | 1.67 | 0.788 | .805 | .647 |
| Item 12: Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss. | 1.64 | 0.761 | .848 | .720 |
| Muslimfeindlichkeit (n = 2.894; Eigenwert: 2,26; erklärte Varianz: 75,31 %; α = .84) | ||||
| Item 13: Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. | 1.86 | 0.904 | .874 | .765 |
| Item 14: Bevor Muslime in Sportvereinen trainieren, ist deren Treue zur Verfassung Deutschlands zu überprüfen. | 2.06 | 1.004 | .871 | .758 |
| Item 15: Der Islam ist unvereinbar mit dem Vereinsleben in Deutschland. | 2.11 | 0.930 | .858 | .737 |
| Abwertung von homosexuellen Menschen (n = 3.075; Eigenwert: 2,21; erklärte Varianz: 73,64 %; α = .82) | ||||
| Item 16: Ehen zwischen zwei Frauen bzw. zwischen zwei Männern sollten erlaubt sein. (Ablehnung) | 1.93 | 1.000 | .741 | .549 |
| Item 17: Es geht in Ordnung, gemeinsam mit Homosexuellen Sport zu treiben. (Ablehnung) | 1.72 | 0.805 | .918 | .842 |
| Item 18: Homosexuelle sind in meinem Sportverein willkommen. (Ablehnung) | 1.90 | 0.869 | .905 | .819 |
| Abwertung von Menschen mit Behinderung (n = 3.158; Eigenwert: 1,65; erklärte Varianz: 82,45 %; α = .79) | ||||
| Item 19: Behinderte erhalten zu viele Vergünstigungen. | 1.60 | 0.664 | .908 | .824 |
| Item 20: Viele Forderungen von Behinderten sind überzogen. | 1.70 | 0.677 | .908 | .824 |
Statistische Kennwerte der Prädiktoren
| M | SD | Fac. | Com. | |
|---|---|---|---|---|
| Diversität (n = 3.094; Eigenwert: 1,49; erklärte Varianz: 74,50 %; α = .66) | ||||
| Item 21: Ein Sportverein funktioniert besser, wenn er von verschiedenen kulturellen, sozialen Gruppen geprägt wird. | 2.43 | 0.786 | .863 | .745 |
| Item 22: Es ist besser für ein Land, wenn es eine Vielfalt unterschiedlicher Kulturen gibt. | 2.71 | 0.839 | .863 | .745 |
| Demokratiekritik (n = 2.875; Eigenwert: 2,86; erklärte Varianz: 71,55 %; α = .87) | ||||
| Item 23: Die demokratischen Parteien zerreden alles und lösen die Probleme nicht. | 2.71 | 0.865 | .829 | .686 |
| Item 24: Die Demokratie in Deutschland führt eher zu faulen Kompromissen als zu sachgerechten Entscheidungen. | 2.59 | 0.874 | .851 | .724 |
| Item 25: Politiker umgehen bestehende Gesetze, wenn es um ihre eigenen Vorteile geht. | 3.08 | 0.827 | .866 | .750 |
| Item 26: Politiker nehmen sich mehr Rechte heraus als normale Bürger. | 2.92 | 0.848 | .837 | .701 |
| Nationalismus (n = 3.247; Eigenwert: 1,73; erklärte Varianz: 86,49 %; α = .84) | ||||
| Item 27: Wenn mein Land Erfolg im internationalen Sport hat, macht mich das stolz, ein Deutscher zu sein. | 3.25 | 0.864 | .930 | .865 |
| Item 28: Ich bin stolz darauf, Deutscher zu sein. | 3.31 | 0.850 | .930 | .865 |
| Gewaltbilligung (n = 3.182; Eigenwert: 1,49; erklärte Varianz: 74,41 %; α = .66) | ||||
| Item 29: Wenn sich andere bei uns breitmachen, muss man ihnen unter Umständen unter Anwendung von Gewalt zeigen, wer Herr im Hause ist. | 1.41 | 0.692 | .863 | .744 |
| Item 30: Durch Anwendung von Gewalt können klare Verhältnisse geschaffen werden. | 1.34 | 0.635 | .863 | .744 |
| Autoritarismus (n = 3.091; Eigenwert: 2,28; erklärte Varianz: 57,10 %; α = .75) | ||||
| Item 31: Zu den wichtigen Eigenschaften, die jemand haben sollte, gehören Gehorsam vor dem Vorgesetzten. | 2.60 | 0.913 | .762 | .580 |
| Item 32: Um Recht und Ordnung zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen. | 2.71 | 0.933 | .802 | .643 |
| Item 33: Verbrechen sollten härter bestraft werden. | 3.28 | 0.830 | .727 | .528 |
| Item 34: Wir sollten dankbar für führende Köpfe sein, die uns sagen, was wir tun sollen. | 2.26 | 0.894 | .729 | .532 |
Insgesamt weisen die Kennwerte der Skalen auf reliable Messungen hin. Die interne Konsistenz jeder Skala ist gut. Die mittlere Interkorrelation der Items pro Faktor, die für die Einschätzung der Gesamttesthomogenität notwendig ist, liegt zwischen .427 und .730 und damit noch im Akzeptanzbereich für eine hinreichende Homogenität (vgl. Briggs & Cheek, 1986; Clark & Watson, 1995). Die korrigierten Trennschärfekorrelationskoeffizienten zeigen für die Skalen hohe Werte zwischen .509 und .755 an, sodass die Items zur Messung der entsprechenden Zieldimension geeignet sind (Diekmann, 2007, S. 244ff.). Weitere Hinweise geben die explorativen Faktorenanalysen. Für jedes Konstrukt wurde ein Faktor mit einem einzigen Eigenwert über 1 extrahiert, der mindestens 50 % der Varianz der zugehörigen Indikatoren erklärt. Damit liegt ein ausreichendes Maß an Validität zwischen Indikatoren und jedem zu messenden Faktor vor. Dementsprechend weisen die Faktorenladungen (Fac.) mindestens .40 pro Indikator auf. Die Kommunalitäten (Com.) liegen weit über den geforderten .16 (Zinnbauer & Eberl, 2004).
4.3 Das Strukturgleichungsmodell
Um das theoretisch postulierte Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit im Gesellschaftsbereich des Sports mit mehreren latenten Variablen zu überprüfen (Faktorenmodell zweiter Ordnung), wurde eine Kovarianzstrukturanalyse durchgeführt. Dieses Verfahren ermöglicht es gegenüber konventionellen Regressions- und Pfadmodellen, die Messtheorie und die Zusammenhänge zwischen den theoretisch in Verbindung stehenden Konstrukten anhand der empirischen Daten simultan zu prüfen (Diekmann, 2007, S. 268). Außerdem werden im allgemeinen Strukturgleichungsmodell mit latenten Variablen (Mess- und Strukturmodell) Messfehler kontrolliert. Für die Modellanpassung wird die Kovarianzmatrix der zugrunde gelegten Daten mit der aus den geschätzten Modellparametern ermittelten Kovarianzmatrix verglichen. Je besser die Werte der empirischen mit der geschätzten Kovarianzmatrix übereinstimmen, desto besser passt das Strukturgleichungsmodell zu den Daten. Des Weiteren wird bei einer sparsamen Modellierung mit wenig zu schätzenden Parametern die inhaltliche Aussagekraft des Modells erhöht, sodass für jede Modellmodifikation eine Modellschätzung sowie eine Modellbeurteilung vorgenommen werden muss (Reinecke, 2005, S. 225). Die Beurteilung der Modellanpassung erlaubt es schließlich, die Güte des Gesamtmodells einzuschätzen. Dafür stehen sogenannte Goodness-of-Fit-Indizes zur Verfügung. Für die praktische Datenanalyse ist es empfehlenswert, Fit-Indizes mit unterschiedlichen Konstruktionsprinzipien zu verwenden, gerade weil Fit-Indizes nicht gleich gut unter verschiedenen Voraussetzungen funktionieren (vgl. Marsh, Balla & Hau, 1996; Hu & Bentler, 1999).
So lässt sich etwa mit dem χ2-Test prüfen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein aus der Stichprobe geschätztes Modell in der Grundgesamtheit zu den Daten passt. Allerdings setzt der Test eine Multinormalverteilung der manifesten Variablen voraus, und die χ2-Statistik wird mit steigendem Stichprobenumfang größer. Bei sehr großen und sehr kleinen Stichproben lehnt der χ2-Test nahezu jedes Modell ab, was zu gravierenden Fehlspezifikationen führen kann (Bagozzi & Yi, 1988). Aufgrund dieser bekannten Sensibilität des Tests sollten zugleich RMSEA (Root Mean Square Error of Approximation), SRMR (Standardized Root Mean Square Residual) oder AGFI (Adjusted Goodness-of-Fit-Index) zur Bewertung der Modellanpassung herangezogen werden (vgl. Hoogland & Boomsma, 1998; Reinecke & Pöge, 2010). Weitere Goodness-of-Fit-Indizes sind CFI (Comparative Fit Index) und TLI (Tucker-Lewis-Index). Hierbei wird das theoretisch angenommene Zielmodell mit einem unabhängigen Modell (Baseline-Modell) verglichen, bei dem die manifesten Variablen statistisch unabhängig sind und keine Zusammenhänge zwischen den Variablen angenommen werden (Bentler & Bonett, 1980). Für die Analysen in Abschnitt 5.1 werden die vorgestellten Indizes für die Beurteilung der Modellgüte berichtet. Unter Berücksichtigung der Studie von Hu und Bentler (1999) werden folgende kombinatorischen Cut-off-Richtwerte zugrunde gelegt: RMSEA < .06, SRMR < .08, CFI > .92, TLI > .92 sowie AGFI > .90 (vgl. Hair, Black, Babin & Anderson, 2014; Marsh et al., 1996). Obwohl der χ2-Test nur sehr eingeschränkt verwendbar ist, wird zumindest der häufiger verwendete χ2/df-Wert berichtet, der freilich die gleiche Beziehung zum Stichprobenumfang aufweist. Die Mindestanforderung reicht von 2 oder 3 bis 5 (Bollen, 1989).
5 Empirische Befunde
5.1 Das Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit
Ob sich dem theoretischen Modell zufolge die sozialen Vorurteile Fremden- und Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, Sexismus sowie die Abwertung von Homosexuellen und Menschen mit Behinderung eine Ideologie der Ungleichwertigkeit teilen und im Sozialsystem des Sports somit das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit existiert, wurde in einem Strukturgleichungsmodell geprüft. Für das überidentifizierte Faktorenmodell zweiter Ordnung kam die Maximum-Likelihood-Methode (ML) zur Anwendung. Der ML-Schätzer ist effizient und vergleichsweise robust gegenüber Abweichungen. Zudem liefert er die umfangreichen Indizes für eine entsprechende Beurteilung der Modellanpassung. Um die inhaltliche Aussagekraft des Modells zu erhöhen, wurden verschiedene strenge Restriktionen in das Messmodell eingeführt. Beim Modell 1 wird eine parallele Messung angenommen. Faktorenladungen und Residualvarianzen der manifesten Variablen sind gleich. Damit wird eine identische Konstruktvalidität der einzelnen Messungen spezifiziert. Das τ-äquivalente Messmodell 2 nimmt gleiche Faktorenladungen an. Beim kongenerischen Modell 3 sind weder Faktorenladungen noch Residualvarianzen restringiert (vgl. Tabelle 3).
Evaluation der Modelle mit unterschiedlich restringierten Parametern[1]
| Modell | CFI | TLI | AGFI | RMSEA | P-Close | SRMR | χ2/df |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | .86 | .86 | .89 | .08 | .000 | .05 | 21.23 |
| 2 | .95 | .94 | .94 | .05 | .599 | .05 | 9.42 |
| 3 | .96 | .95 | .95 | .05 | .999 | .04 | 8.14 |
Es zeigt sich, dass das sparsamste Modell nicht auf die Daten passt. Dagegen indiziert der Modellfit eine gute Passung der Faktorenlösung zweiter Ordnung an die Daten, wenn die Residualvarianzen nicht restringiert werden (Modell 2). CFI, TLI und der um die Freiheitsgrade des GFI korrigierte AGFI weisen Koeffizienten aus, die oberhalb der entsprechenden Cut-off-Richtwerte liegen. Der Wert des RMSEA, der die Diskrepanz zwischen durch das Modell postulierten und tatsächlich erhobenen Daten ermittelt, liegt unter der Mindestanforderung von .06, fällt aber ähnlich wie in Modell 3 noch nicht unter die Grenze von .05, sodass in Modell 2 und 3 von einer mittleren Diskrepanz auszugehen ist (Reinecke & Pöge, 2010, S. 783f.). Die Nullhypothese H0 = RMSEA ≤ .05 wird mit p = .599 nicht zurückgewiesen. Auch der standardisierte RMR < .05 zeigt, dass Modell 2 als vollständig bestätigt gelten kann. Werden die in das Messmodell eingeführten Restriktionen gänzlich aufgehoben (Modell 3), verbessern sich CFI, TLI und AGFI kaum. Auch der SRMR-Koeffizient als Maß zur Gesamtbewertung der Residuen, der einzig sensibel auf Fehler im Strukturmodell reagiert, ändert wenig an der Modellgüte (Hu & Bentler, 1998, S. 447). In der Modellevaluation wird deutlich, dass sich der Modellfit beim kongenerischen Messmodell im Vergleich zum τ-äquivalenten Modell kaum verbessert und somit Modell 2 zu bevorzugen ist. In Abbildung 1 wird das spezifizierte Faktorenmodell zweiter Ordnung mit den standardisierten Regressionsgewichten vereinfacht dargestellt.

Das empirisch geprüfte Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Die Werte entsprechen standardisierten Regressionsgewichten (p < .001) einer konfirmatorischen Faktorenanalyse. Durchschnittlich erfasste Varianz: .52; Faktorreliabilität: .89. Die Vorurteilsdimensionen hängen über den Kern (Faktor zweiter Ordnung) miteinander hinreichend gut zusammen.
Im ersten empirischen Teil wurde geprüft, wie soziale Vorurteile miteinander verbunden sind und ob auch im Sozialsystem des Sports das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit identifiziert werden kann. Die zentralen Erkenntnisse sind, dass soziale Vorurteile im Sport eng zusammenhängen. Außerdem entsprechen die Analysen der theoretischen Annahme, Vorurteile würden sich im Sport eine gemeinsame Ideologie der Ungleichwertigkeit teilen. Die Modellevaluation zeigt, dass Zusammenhänge zwischen den theoretisch in Verbindung stehenden Konstrukten gut zu den empirischen Daten passen. Für eine Modellanpassung wurden verschiedene Restriktionen in das Messmodell eingeführt. Dabei konnte ein Modell mit weniger zu schätzenden Parametern spezifiziert werden.
5.2 Erklärungsmodelle zu Abwertungen
Um zu prüfen, welche Prädiktoren (siehe Tabelle 2) Rassismus, Fremden- und Muslimfeindlichkeit sowie die Abwertung von homosexuellen Menschen – besonders handlungsrelevante Abwertungsdimensionen hinsichtlich ihrer Ausprägung (siehe Tabelle 1) – am besten und vergleichbar Vorhersagen, wurden multiple lineare Regressionsanalysen (OLS) durchgeführt (siehe Tabelle 4 bis 7). Diese erlauben es, die Zusammenhänge zwischen den Regressoren und den latenten Konstrukten unter Kontrolle zu schätzen, während alle weiteren erklärenden Variablen im Modell konstant sind. Dazu werden die Ergebnisse der Regressionsmodelle interpretiert. Gleichzeitig wird eine Quantifizierung der Einflussfaktoren über die Modelle 1 bis 4 hinweg vorgenommen, wobei immer dieselben Regressoren und befragten Personen berücksichtigt werden. Ist ein ausgewiesener Koeffizient positiv, nimmt die betrachtete Vorurteilsdimension einen höheren Wert an, wenn die entsprechende erklärende Variable um eine Einheit erhöht wird. Mit anderen Worten: Personen mit hohen Werten der erklärenden Variable werten andere Gruppen stärker ab. Insofern bedeutet ein negativer Koeffizient, dass hohe Werte der erklärenden Variable mit niedrigen Werten der Abwertungsdimension einhergehen. Statistisch signifikante Ergebnisse haben eine Irrtumswahrscheinlichkeit von höchstens 5 %.
Multiple OLS-Regression Modell 1 (Rassismus)
| B | SE B | β | t | p | |
|---|---|---|---|---|---|
| Konstante | 0.72 | 0.11 | 6.35 | <.001 | |
| Alter (in Jahren) | 0.00 | 0.00 | .05 | 3.21 | .001 |
| Bildung (1 = niedrig; 3 = hoch) | –0.11 | 0.02 | –.10 | –5.95 | <.001 |
| Geschlecht (RK: weiblich) | 0.02 | 0.02 | .01 | 0.75 | .452 |
| Land (RK: Stadt) | –0.04 | 0.02 | –.03 | –1.66 | .096 |
| Diversität (1–4) | –0.13 | 0.02 | –.14 | –8.07 | <.001 |
| Demokratiekritik (1–4) | 0.11 | 0.02 | .12 | 6.81 | <.001 |
| Nationalismus (1–4) | 0.10 | 0.02 | .12 | 6.71 | <.001 |
| Gewaltbilligung (1–4) | 0.31 | 0.02 | .28 | 16.15 | <.001 |
| Autoritarismus (1–4) | 0.16 | 0.02 | .17 | 8.89 | <.001 |
Anmerkung: RK = Referenzkategorie; F (9,2.684) = 118,22; p = <.001; Korrigiertes R2 = .28; n = 2.694.
Multiple OLS-Regression Modell 2 (Fremdenfeindlichkeit)
| B | SE B | β | t | p | |
|---|---|---|---|---|---|
| Konstante | 1.48 | 0.12 | 12.07 | <.001 | |
| Alter (in Jahren) | –0.00 | 0.00 | –.06 | –3.65 | <.001 |
| Bildung (1 = niedrig; 3 = hoch) | –0.08 | 0.02 | –.07 | –4.17 | <.001 |
| Geschlecht (RK: weiblich) | 0.06 | 0.03 | .04 | 2.16 | .031 |
| Land (RK: Stadt) | –0.05 | 0.02 | –.03 | –2.02 | .044 |
| Diversität (1–4) | –0.31 | 0.02 | –.29 | –18.07 | <.001 |
| Demokratiekritik (1–4) | 0.24 | 0.02 | .23 | 13.91 | <.001 |
| Nationalismus (1–4) | 0.09 | 0.02 | .10 | 5.93 | <.001 |
| Gewaltbilligung (1–4) | 0.24 | 0.02 | .19 | 11.53 | <.001 |
| Autoritarismus (1–4) | 0.16 | 0.02 | .15 | 8.24 | <.001 |
Anmerkung: RK = Referenzkategorie; F (9,2.684) = 170,18; p = |.001; Korrigiertes R2 = .36; n = 2.694.
Multiple OLS-Regression Modell 4 (Muslimfeindlichkeit)
| B | SE B | β | t | p | |
|---|---|---|---|---|---|
| Konstante | 0.87 | 0.14 | 6.20 | <.001 | |
| Alter (in Jahren) | 0.00 | 0.00 | .09 | 5.12 | <.001 |
| Bildung (1 = niedrig; 3 = hoch) | –0.08 | 0.02 | –.07 | –3.87 | <.001 |
| Geschlecht (RK: weiblich) | –0.02 | 0.03 | –.01 | –0.61 | .544 |
| Land (RK: Stadt) | –0.07 | 0.03 | –.04 | –2.47 | .014 |
| Diversität (1–4) | –0.26 | 0.02 | –.22 | –13.19 | <.001 |
| Demokratiekritik (1–4) | 0.25 | 0.02 | .22 | 12.86 | <.001 |
| Nationalismus (1–4) | 0.10 | 0.02 | .10 | 5.78 | <.001 |
| Gewaltbilligung (1–4) | 0.25 | 0.02 | .18 | 10.53 | <.001 |
| Autoritarismus (1–4) | 0.19 | 0.02 | .15 | 8.18 | <.001 |
Anmerkung: RK = Referenzkategorie; F (9,2.684) = 129,94; p = <.001; Korrigiertes R2 = .30; n = 2.694.
Multiple OLS-Regression Modell 4 (Abwertung von homosexuellen Menschen)
| B | SE B | β | t | p | |
|---|---|---|---|---|---|
| Konstante | 2.48 | 0.14 | 18.11 | <.001 | |
| Alter (in Jahren) | 0.00 | 0.00 | .05 | 2.97 | .003 |
| Bildung (1 = niedrig; 3 = hoch) | –0.08 | 0.02 | –.07 | –3.95 | <.001 |
| Geschlecht (RK: weiblich) | –0.38 | 0.03 | –.24 | –13.33 | <.001 |
| Land (RK: Stadt) | –0.06 | 0.03 | –.04 | –2.45 | .014 |
| Diversität (1–4) | –0.25 | 0.02 | –.23 | –12.96 | <.001 |
| Demokratiekritik (1–4) | 0.00 | 0.02 | .00 | 0.08 | .933 |
| Nationalismus (1–4) | 0.04 | 0.02 | .04 | 2.27 | .023 |
| Gewaltbilligung (1–4) | 0.25 | 0.02 | .19 | 10.68 | <.001 |
| Autoritarismus (1–4) | 0.07 | 0.02 | .06 | 2.96 | .003 |
Anmerkung: RK = Referenzkategorie; F (9,2.684) = 85,72; p = <.001; Korrigiertes R2 = .22; n = 2.694.
Vor den Analysen wurde das quadrierte Alter in den Modellen berücksichtigt, um eventuelle Alterseffekte zu identifizieren. Dabei konnten keine nichtlinearen Beziehungen festgestellt werden. Das Alter leistet einen – wenngleich geringen – Beitrag, um Rassismus, Fremden- und Muslimfeindlichkeit sowie die Abwertung von homosexuellen Menschen vorherzusagen. Mit steigendem Alter nehmen Muslimfeindlichkeit, Rassismus und die Abwertung von Homosexuellen signifikant zu. Umgekehrt stellt sich der Zusammenhang für Fremdenfeindlichkeit dar. Jüngere Sporttreibenden tendieren eher zu fremdenfeindlichen Aussagen als ältere. Hinsichtlich der Bildung zeigt sich, dass der Bildungsabschluss ähnlich wie das Alter für die Vorurteilsdimensionen relevant ist. Je geringer der Bildungsgrad der Sportvereinsangehörigen ist, umso eher stimmen sie rassistischen, fremden- und muslimfeindlichen sowie homophoben Aussagen zu. Hingegen spielt das Geschlecht nur bei Fremdenfeindlichkeit und der Abwertung von Homosexuellen eine Rolle. Während Frauen signifikant eher als Männer zu fremdenfeindlichen Aussagen tendieren, teilen vor allem Männer deutlich eher homophobe Aussagen als Frauen. Für die bereits in der Stichprobe berücksichtigte Gemeindegröße (siehe Abschnitt 4.1) wurde ein Dummy in die Regressionsmodelle aufgenommen, um zu untersuchen, ob dieser Aspekt einen relativen Einfluss auf soziale Vorurteile hat. Wird der Sport demnach in ländlichen Regionen ausgeübt, steigt die Muslim- und Fremdenfeindlichkeit sowie die Abwertung von homosexuellen Menschen. Dagegen ist die Gemeindegröße für rassistische Vorurteile nicht relevant.
Neben diesen Regressoren ist Diversität besonders prädiktiv, um die Vorurteilsdimensionen vorherzusagen. Die negativen Koeffizienten verdeutlichen, dass eine positive Einstellung zur kulturellen und sozialen Vielfalt allgemein in einem Land und speziell in einem Sportverein mit signifikant weniger rassistischen, fremden- und muslimfeindlichen sowie homophoben Aussagen einhergeht. Auch Nationalismus und Autoritarismus sind für Muslim- und Fremdenfeindlichkeit sowie Rassismus vergleichsweise wichtige Prädiktoren. Diese sind allerdings für die Abwertung von homosexuellen Menschen weniger bedeutsam. Es gilt wieder: Wer Unterwürfigkeit und Gehorsam gegenüber Autoritäten befürwortet oder die eigene Nation unkritisch und bedingungslos positiv bewertet, ist eher feindselig gegenüber anderen Gruppen eingestellt. Zudem werden Muslim- und Fremdenfeindlichkeit sowie Rassismus ganz ähnlich von Demokratiekritik als Faktor der politischen Unzufriedenheit beeinflusst. Die positiven Zusammenhänge zeigen, dass diejenigen, die eine staatsbezogene Kritik (Parteien und Politiker) befürworten, eher zu muslim- und fremdenfeindlichen sowie rassistischen Abwertungen neigen. Die Akzeptanz von Gewalt spielt insbesondere bei Rassismus eine wichtige Rolle. Sporttreibende, die Gewalt billigen, sind aber auch muslim- und fremdenfeindlicher sowie homophober eingestellt. Abschließend werden die geschätzten Regressionskoeffizienten der Modelle als Indikatoren der Effektstärke von X1 bis X9 interpretiert (Urban & Mayerl, 2008, S. 174). Insgesamt erklären die multiplen Regressionsmodelle 22 % bis 36 % der Streuung in der Zustimmung zu den analysierten Vorurteilsdimensionen durch dieselben Prädiktoren, was nach Cohen (1988) überwiegend starken Effekten entspricht.
Im zweiten empirischen Teil wurde den Fragen nachgegangen, ob die Varianzen der sozialen Vorurteile durch die Prädiktoren vergleichbar aufgeklärt werden können, von denen angenommen wurde, dass sie einen relativen Einfluss auf soziale Vorurteile haben, und ob sich auf der Grundlage von Diversitätsüberzeugungen im Sport Ungleichwertigkeiten reduzieren lassen. So spielen die Einflussfaktoren für Rassismus, Fremden- und Muslimfeindlichkeit sowie die Abwertung von homosexuellen Menschen eine unterschiedlich bedeutsame Rolle mit folgenden Ausnahmen: Das Geschlecht trägt nicht zur Varianzaufklärung von Rassismus und Muslimfeindlichkeit bei. Die Gemeindegröße hat ebenfalls keinen relativen Einfluss auf rassistische Einstellungen im Sport. Und es gibt keinen Zusammenhang zwischen Demokratiekritik und der Abwertung von Homosexuellen. Trotz dieser Einschränkungen zeigen die Regressionskoeffizienten über die Modelle hinweg gleichfalls robuste relative Einflüsse hinsichtlich ihrer Vorzeichen. Die negativen Koeffizienten zwischen Diversität und den Abwertungsdimensionen führen zu signifikant weniger feindlichen Einstellungen gegenüber anderen Gruppen. Demzufolge ist Diversität ein bedeutsamer und robuster Prädiktor, um soziale Vorurteile vorherzusagen.
6 Diskussion, Zusammenfassung und Ausblick
Die Befunde zeigen, wie eng Vorurteile im körperbetonten Sozialsystem miteinander verbunden sind, die zudem das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit bilden: Wer einem Vorurteil zustimmt, neigt mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu, weitere Gruppen aufgrund der ihnen zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit abzuwerten. Dabei sind soziale Vorurteile gegenüber Menschen nicht einfach nur mögliche, individuelle Meinungen unter vielen (Zick et al., 2011, S. 39). Sie können negative Konsequenzen für die Betroffenen im Sport nach sich ziehen. In diesem Sinne ist es auch nicht relevant, ob Vorurteile intentional oder gedankenlos geäußert werden. Gehen sie schließlich mit konkreten diskriminierenden Handlungen einher, wird die sportliche Praxis von einer trennenden Praxis begleitet, und es finden Grenzziehungen zwischen Eigen- und Fremdgruppe statt, die von kollektiven Bindungen gestützt werden. Daher ist es geboten, über offene und subtile Vorurteile im Sport und in den Sportorganisationen weiter aufzuklären und ein generelles Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass soziale Vorurteile zu Diskriminierungen von Gruppen führen können. Diskriminierungen von Gruppen in einer Gesellschaft werden als Gradmesser für den Zustand von Gesellschaften verstanden, der sich nicht so sehr an sichtbaren Fällen bemisst, sondern vielmehr etwas über das Ausmaß der Ungleichwertigkeiten in Gesellschaften aussagt (Zick, 2017, S. 73).
Mit dem Beitrag können empirische Aussagen darüber getroffen werden, wie ausgeprägt soziale Vorurteile und Stereotype bei Sportvereinsangehörigen sind (siehe Tabelle 1) und welche Faktoren Fremden- und Muslimfeindlichkeit, Rassismus sowie die Abwertung von homosexuellen Menschen beeinflussen (siehe Tabelle 2 sowie Tabelle 4 bis 7). Zwar spielen soziodemografische Merkmale in den Modellen nur teilweise eine wichtige Rolle, um Vorurteilsdimensionen vorherzusagen. Hingegen werden Abwertungen wahrscheinlicher vor allem von jenen Sporttreibenden befürwortet, die zu Demokratiekritik (mit Ausnahme der Abwertung von Homosexuellen), Nationalismus, Gewaltbilligung und Autoritarismus neigen. Weiterhin haben die Analysen ergeben, dass positive Einstellungen zur kulturellen und sozialen Vielfalt mit weniger Feindseligkeiten im vereinsorganisierten Sport einhergehen. Diese Wertschätzung kann dazu beitragen, Stereotypisierung von sozialen Gruppen teilweise aufzufangen und Menschen eher eine Teilhabe am Sport unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit zu gewährleisten. Gleichwohl ist nicht zu erwarten, dass Diversitätsüberzeugungen im Selbstlauf und unabhängig von Gruppenzugehörigkeiten zu mehr Gleichwertigkeit im Sport führen. Nach Einschätzung von Mutz (2012, S. 314) findet eine sportbasierte Integrationsarbeit nicht nebenbei statt, sondern muss von den Sportvereinen bewusst verfolgt und von den Sportorganisationen unterstützt werden. Der Deutsche Olympische Sportbund und die Mitgliedsorganisationen bekennen sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Programm „Integration durch Sport“ zu integrationspolitischen Vorhaben. Hier könnte eine gezielte Diversity-Strategie ansetzen. Das Programm „Sport bewegt Vielfalt“ an ausgewählten Orten ist ein Anfang. Ziel sollte es sein, dass eine Auseinandersetzung mit Abwertungen und Diskriminierungen sowie mit Wertschätzung und Diversität in den Sportvereinen selbstverständlich wird, gerade weil sie Aktivität sowie Freude am Sport und an der Bewegung fördern und Menschen den Zugang zum Sport garantieren sollen. Wenn der Sport sein zweifelsfrei vorhandenes Integrationspotenzial als Vorteil versteht, kann er viel stärker als bisher davon profitieren. Das kann schließlich auch dazu beitragen, den aktuellen Herausforderungen in der Sportentwicklung zu begegnen.
Hierbei sollte berücksichtigt werden, dass Veränderungen von sozialen Einstellungen, die Aussagen auf Individualebene zulassen, grundsätzlich im Zeitverlauf valider gemessen werden können. Allerdings stellen die Analysen einen ersten Schritt dar, den Vereinssport in Brandenburg und Sachsen-Anhalt aus der Sicht auf die Frage von Abwertungen und Ausgrenzungen von bestimmten sozialen Gruppen zu beobachten. Daraus ergeben sich interessante Anknüpfungspunkte etwa für Fragestellungen zu sozialen Einstellungen innerhalb und außerhalb des Sports, sodass mit einem entsprechenden Forschungsdesign (Stichproben, Befragungstechniken) vergleichende Analysen realisiert werden könnten. Zudem sollten in weiterführenden Studien zusätzliche Dimensionen aufgenommen und analysiert werden. Denn der Sport ermöglicht eben nicht nur viele Kontaktsituationen zwischen bestimmten, sondern immer mehr zwischen ganz unterschiedlichen sozialen Gruppen. Wegen der im Sport stattfindenden Konkurrenz um Prestige, soziale Positionen und symbolische Macht wäre es in der Praxis erforderlich, dass die aufeinandertreffenden Gruppen gleichberechtigt agieren und ein gemeinsames Ziel verfolgen sowie institutionelle Unterstützung erfahren (vgl. Alkemeyer & Bröskamp, 1996; Allport, 1954). Aus Begegnungen im Sport können positive soziale Beziehungen zwischen Eigen- und Fremdgruppe entstehen, wenn der Sport zusätzlich entsprechende Rahmenbedingungen vorhält. Soll im Sport Fremdes zu Bekanntem werden und an die Stelle von Verunsicherung und Bedrohung Sicherheit und Vertrautheit treten, dann müssen gemeinsame Interessen und Menschlichkeit zwischen den Mitgliedern der Eigen- und Fremdgruppe in der sportlichen Praxis im Vordergrund stehen. Konzentrieren sich Begegnungen im organisierten Sport, ob im Leistungs- oder Breitensport, auf Wettkampf- oder Wettbewerbssituationen, können Missverständnisse oder Irritationen stereotype Zuschreibungen begünstigen (vgl. Mutz, 2012). In diesem (auch sozialen) Wettbewerb können Vorurteile ihre ganze Macht ausspielen.
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© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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- Editorial zum Schwerpunktheft Soziale Ungleichheit
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- Der Sport und die Macht der Vorurteile
- ‚Refugees Welcome in Sports“– Bewegungsangebote für Geflüchtete im Spannungsfeld zwischen Integrationsforderung und Partizipationszwang
- Kinder- und Jugendsport in einer geschichteten Gesellschaft? Aufarbeitung und Diskussion des aktuellen Forschungsstandes in Deutschland
- Was beeinflusst Sportaktivität und korporales Kapital im Alter – Bildung, Einkommen oder soziale Ressourcen? Ein individuelles und institutionelles Meditationsmodell
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- Bewegung – Bauwerke – Freiräume
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