Zusammenfassung
Das Weltkino (in der Nachfolge des nationalen Kinos) hat sich seit jeher gegenüber Hollywood durch seinen grösseren Realismus abgegrenzt. Ob man an den italienischen Neo-Realismus denkt, den semi-dokumentarischen Cinéma Vérité-Stil der französischen Nouvelle Vague oder aber an den klinisch sondierenden psychologischen Realismus eines Ingmar Bergmann: unsere Vorstellung von einem »repräsentativen« oder »authentischen« Filmschaffen sind im Allgemeinen an irgendeine Form von realistischer Ästhetik gebunden. Gleichzeitig thematisiert das Weltkino gegenwärtig immer häufiger, dass wir im Kino des 21. Jahrhunderts nicht mehr länger unseren Augen trauen können. Während filmische Verfahren, wie etwa statische Kameraeinstellungen, Schärfentiefe oder Plansequenzen - alles traditionelle Kennzeichen für eine realistische Filmästhetik und für Techniken des filmischen Dokumentarismus - immer noch Verwendung finden, werden sie heute jedoch für andere Zwecke eingesetzt. Materialistische Kritiken des filmischen Realismus im klassischen Hollywood-Kino orientieren sich nicht mehr an einem Brecht'schen Verständ nis einer realistischen Ästhetik als Verfremdungseffekt, noch eifern sie dem politischen Realismus des »Third Cinema« der 1970er Jahre nach. Stattdessen scheinen diejenigen filmischen Techniken in den Vordergrund zu rücken, die in der Konstruktion kinematografischer Repräsentationen auf Elemente des Fantastischen und der Magie zurückgreifen, die von Geistergeschichten und spektralen Erscheinungen genährt werden. Diese Filme spielen mit linearen Zeitstrukturen, Erinnerungen und vertrauten chronologischen Ordnungen, und machen somit unweigerlich die (Sinnes-)Wahrnehmung selbst zum eigentlich zentralen Thema. Der Essay stellt theoretische und historische Zusammenhänge für die ästhetischen Transformationen innerhalb des Weltkinos vor, und diskutiert darüber hinaus am Beispiel von Filmen des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk die konzeptionellen Verschiebungen in der Vorstellung von Realismus als Teil der ›Welterzeugung durch Bilder‹. Dies könnte schließlich auch dabei helfen, umstrittene Begriffe wie ›Evidenz‹, ›Authentizität‹ und (Zuschauer-)›Präsenz‹ zu klären.
© 2012 by Lucius & Lucius, Stuttgart
Articles in the same Issue
- Titelei
- Inhalt
- Editorial
- Welterzeugung durch Zahlen Modelle politischer Differenzierung in internationalen Statistiken, 1948-2010
- Bildlichkeit und Sozialität Welterzeugung mit visuellen Formen
- Das Bilden der Bilder Zur Theorie der Welterzeugung und ihrer bildtheoretischen Verpflichtung
- Idee der Welt Zum Verhältnis von Welt und Bild nach Kant
- Visualisierung und Differenzierung Zur wahlverwandtschaftlichen Beziehung bildlichen Eigensinns und der Konstitution eigenlogischer Sinnsysteme am Beispiel der Religion
- Karten erzeugen doch Welten, oder?
- Wie ist globale Konkurrenz möglich? Zur sozialen Konstruktion globaler Konkurrenz am Beispiel des Human Development Index
- Irrenärzte aller Länder! Tabular Unity and the Nineteenth-Century Struggle to Comprehend Insanity
- Heterarchien, Codes und Kalküle Beitrag zu einer Soziologie des algo trading
- Von Fäusten und Fingern Visuelle politische Kommunikation im gegenwärtigen Serbien
- »Know your Money!« Falschgeldbeobachtung und visuelle Echtheitssicherung von Geld in der US-amerikanischen Ökonomie (18.-20. Jahrhundert)
- Erlebnis-Raum in Der Garten und Heufieber
- Welterzeugung durch Kulturmetaphern
- The world as narrative Reconfiguring vision in early modern Eurasia
- World Cinema: Realismus, Evidenz, Präsenz
- Abstracts
- Über die Autoren
- Hinweise für unsere Autoren
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