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Forschung und Sammlung

Veröffentlicht/Copyright: 21. Juni 2023
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Forschung ist eines der Zauberworte der modernen Wissenschaftswelt. Was aber meint Forschung eigentlich und welches sind ihre Orte und Institutionen im Feld der bildenden Kunst, der Medien? Dazu ist in den letzten Jahren verschiedentlich diskutiert und gehandelt worden. Während man seit jeher davon ausgeht, dass es in erster Linie die Universitäten und einige spezialisierte Institute sind, an denen kunsthistorische und kunstwissenschaftliche Forschung betrieben wird, zählen inzwischen auch Museen, neben dem Sammeln und Bewahren, dem Ausstellen und Vermitteln, das Forschen zu ihren Hauptaufgaben. Der offiziellen Definition des International Council of Museums (ICOM) ist zu entnehmen, dass der Forschung buchstäblich eine zentrale Stellung zukommt. Wie aber verhält es sich mit sonstigen Sammlungen und Archiven? 2011 hat der deutsche Wissenschaftsrat in einer lesenswerten Handreichung diese als Einrichtungen der „Forschungsinfrastruktur“ erläutert (<https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/10464-11.pdf?_blob=publicationFile&v=5<). Obgleich wohlmeinend eingeführt, um den Status vor allem universitärer Sammlungen und Archive im Wissenschaftsbetrieb aufzuwerten, ist diese Bestimmung irreführend. Wie in der Empfehlung durchaus auch betont wird, bilden wissenschaftliche Sammlungen und Archive nicht nur eine Infrastruktur, nicht nur einen funktionalen und organisatorischen Unterbau als Voraussetzung für Forschung. Ebenso wie für Museen gilt, dass es sich um lebendige Institutionen handelt. Sie sind keine Lager, sondern Laboratorien, ebenso Produkte wie Gegenstände der Wissenschaft, Instrumente und Organe der Forschung, Träger und Vermittler von Wissen zugleich. Die Tätigkeiten des Sammelns und Archivierens im wissenschaftlichen Kontext sind selbst Modi des Forschens. Das heißt, eine Sammlung, ein Archiv, qualifiziert sich als wissenschaftlich, indem es nicht nur forschungsorientiert und forschungsgetrieben arbeitet, sondern Forschung integriert.

Dieser Zusammenhang ist kontinuierlich zu pflegen und jeweils zu bestimmen. Der „Rundbrief Fotografie“ kann hierfür ein Forum sein. Einschlägiger Forschung in und mit den Sammlungen und Archiven einen Ort zu bieten, darf wohl als unsere zentrale Mission gelten. Exemplarisch für diese Orientierung steht in diesem Heft der Beitrag von Nathalie Boulouch (S. 8–21; Titel-Abb.). Ausgangspunkt für ihre umfassende Darstellung des sehr speziellen, heute weitgehend vergessenen farbfotografischen Interferenz-Verfahrens von Gabriel Lippmann (1845–1921), der dafür 1908 den Nobelpreis zugesprochen erhielt, ist ein längerfristig angelegtes Forschungsprojekt von Photo Elysée, dem kantonalen Museum für Fotografie in Lausanne, in dessen Sammlung sich der weltweit größte Bestand solcher Objekte befindet. Die Platten überhaupt auszustellen, was im Frühjahr 2023 erfolgt ist, verlangte bereits eingehende Überlegungen zu den Möglichkeiten der Projektion und Präsentation. Am Ende des Projektes, das in Zusammenarbeit mehrerer Forschungsinstitutionen durchgeführt wird, soll dieser Bestand in neuer Form sichtbar werden, als digitaler Catalogue raisonné, in dem das verfügbare Wissen auf heutigem Stand in den internationalen Forschungsdiskurs eingebracht wird.

Was als Gegenstand der Forschung in eine wissenschaftliche Kollektion gelangt, ist oft bereits das Resultat sammelnder Arbeit, die nicht unbedingt mit wissenschaftlichem Zweck betrieben wurde. Gleichwohl kann der Bestand gedanken- und absichtsvoll gefügt sein. Im Format des privaten Fotoalbums finden Zusammenstellungen oft persönlicher Natur ihre bestimmte Gestalt und werden kommunizierbar. Wie Malte Radtki in seiner eingehenden Analyse zweier Familienalben darlegt (s. 22–36), kann die Logik solcher Kompilationen, die ursprünglich auf die Vermittlung eines zeigenden Kommentators zählen konnte, nachträglich rekonstruiert werden, wobei plausibel dargelegt wird, dass die einstigen Sammler über ein gewisses „Nachlassbewusstsein“ verfügten und ihre Präsentationen so anlegten, dass auch die zukünftige Rezeption in eine bestimmte Richtung gelenkt würde.

Ein letztes Wort mag dem wissenschaftich und ästhetisch ambitionierten Sammler Rolf H. Krauss (1930–2021) gelten, dessen fotografische Kollektion jüngst in Teilen in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen war (vgl. die Besprechung, S. 49–55). Die Ausstellung mit dem thesenhaften Titel „Hyperimage“ hat gezeigt, dass jede Präsentation einer Sammlung Anlass zu einem neuen Gedanken gibt, der im Bestand vielleicht doch bereits angelegt ist.

Published Online: 2023-06-21
Published in Print: 2023-06-27

© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Heruntergeladen am 16.4.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/rbf-2023-2001/html
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