Theologische Ausbildung
Liebe Leserinnen und Leser,
„Ich hab’ es öfter rühmen hören, ein Pfarrer könnt’ einen Komödianten lehren“, erklärt Famulus Wagner im „Faust“ (I,5). Wer aber lehrt die angehenden Pfarrer, Prediger und Priester – und heute auch die Pastorinnen? Was, wo und wie lange lernen sie ihren Beruf? Inwieweit Goethes Spott über pastorale Schauspielerei ins Schwarze trifft, sei hier dahingestellt. Sicher ist jedoch: Die meisten Kirchen der Welt haben Formen der Ausbildung für ihr geistliches Personal etabliert – und stehen alle vor der Herausforderung, dass die spätere Berufsausübung sich im Kern um Dimensionen dreht, die sich nicht wie ein Handwerk erlernen, sondern allenfalls als geistliche Praxis einüben lassen. Kann man professionell Christ sein? Zugleich enthält der pastorale Alltag eine Vielzahl von Aufgaben, die auf Können, Erlernen und Beherrschen von Fertigkeiten beruhen – von der Seelsorge über die Leitung bis zur theologischen Reflexion. In welchem Verhältnis stehen theologische Ausbildung und geistliche Bildung, Beruf und Berufung, Priestertum und Profession?
Kaum ein Bereich kirchlichen Lebens ist so eng mit Fragen von Identität, Autorität und Selbstverständnis verknüpft wie die Ausbildung des geistlichen Personals. Sie zeigt, wie eine Kirche sich selbst versteht, auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert und Zukunft gestaltet. Zwischen Tradition und Innovation, zwischen akademischer Theologie und praktischer Seelsorge – die Ausbildung von Geistlichen ist Spiegel und Motor kirchlicher Entwicklung zugleich. Wie verschiedene Konfessionen den Herausforderungen der theologischen Ausbildung begegnen, dem spürt dieses Heft nach.
Den Auftakt bildet Lothar Triebel, der in Zusammenarbeit mit mehreren Autoren die freikirchliche Hochschullandschaft in Deutschland kartiert. Seine Untersuchung zeigt ein System, das aus kleinen Anfängen zu beachtlicher institutioneller Reife gelangt ist. Fünf staatlich anerkannte Hochschulen bilden heute das Rückgrat einer eigenständigen freikirchlichen theologischen Ausbildung. Angesichts rückläufiger Studierendenzahlen und begrenzter Ressourcen geraten Fragen der Kooperation und Profilbildung stärker in den Fokus.
Alexander Jensen richtet den Blick nach England. Er beschreibt die theologische Ausbildung in der Church of England als vielgestaltiges Netzwerk, das akademische, praxisorientierte und gemeindenahe Lernformen verbindet. Der Zugang ist offen, die Wege kurz, das Eintrittsalter hoch, und Lebenserfahrung zählt oft ebenso viel wie akademische Bildung. Ausbildung erscheint hier weniger als akademische Qualifikation, sondern eher als geistliche Formung.
Nicht unähnlich sieht es in einer anderen britischen Kirche aus, deren Geistliche allerdings jahrhundertelang von der universitären Ausbildung ausgeschlossen waren. John Bradbury zeigt am Beispiel der United Reformed Church (URC), wie Ausbildung und Berufung in einer Kirche organisiert werden, die auf Synodalität und gemeinschaftliche Verantwortung setzt. Die Ausbildung zielt darauf, Theologie und Alltag zu verbinden, weniger auf systematische Formierung als auf gemeinsame Lernprozesse. Bradbury macht deutlich, dass die Grenzen zwischen Haupt- und Ehrenamt, Berufung und Engagement zunehmend fließend werden.
Regamy Thillainathan stellt am Beispiel des Erzbistums Köln ein römisch-katholisches Ausbildungskonzept vor, das klassische Seminarausbildung und moderne Personalentwicklung miteinander verschränkt. Neben theologische Bildung treten Kommunikationsfähigkeit, geistliche Leitung und Teamarbeit als gleichrangige Lernziele. Ausbildung wird hier als lebenslanger Prozess verstanden, der sich an den Herausforderungen einer sich wandelnden Kirche orientiert.
Dirk Spornhauer beleuchtet schließlich die vielfältige pfingstlich-charismatische Ausbildungslandschaft, die oft in kleinen Bibelschulen, aber im Kontext internationaler Vernetzungen stattfindet. Im Mittelpunkt steht die persönliche Berufung, weniger der akademische Abschluss. Spornhauer beschreibt eine dynamische, oft spontane Ausbildungsrealität, die theologische Tiefe und institutionelle Beständigkeit erst allmählich sucht.
Die Ausbildungssituation in der vielgestaltigen Welt des orthodoxen Christentums stellt Nikolaj Thon am Beispiel der Russischen Orthodoxen Kirche dar. Wie in anderen Konfessionen ist diese von den Zeitläuften der Geschichte geprägt, vom Aufbau von Seminaren im 19. Jahrhundert über die völlige Zerschlagung unter der Sowjetherrschaft, dem Neubeginn nach dem Ende der Diktatur bis zur Einführung des Bologna-Modells 2009.
Den Abschluss bildet ein Beitrag nicht zum Thema des Heftes, aber mit aktuellem Bezug. Anlässlich der Heiligsprechung Carlo Acutis’ erklärt Martin Bräuer, wie man in der römisch-katholischen Kirche zum Heiligen wird.
So verschieden die Zugänge und Systeme in der Ausbildung der Geistlichen sind, sie kreisen alle um dieselbe Grundfrage: Wie lässt sich geistliche Berufung in Bildung übersetzen – und umgekehrt Bildung in Berufung? Zwischen Hochschule und Gemeinde, Lehrplan und Leben, Text und Erfahrung verläuft jene unsichtbare Linie, an der sich das Verhältnis von Glauben, Wissen und Praxis immer wieder neu justiert.
Auf eine notwendige pastorale Gabe, die sich leider nicht lernen lässt und die daher in keinem Ausbildungsprogramm vorkommt, wies einst Karl Barth hin: „Ein Pfarrer ohne Humor ist wie ein Theologe ohne Dogmatik – unbrauchbar.“
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen im Namen des Teams des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim eine frohe und erhellende Lektüre.
Kai Funkschmidt
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- Theological Education in the United Reformed Church
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- Ausbildungsstätten im Bereich der deutschen Pfingstbewegung und ihre Haltung zur Ökumene
- Die Ausbildung der Geistlichen der Russischen Orthodoxen Kirche in Geschichte und Gegenwart
- Zur Heiligsprechung von Carlo Acutis
- Rezension
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