Home History Chantal Gabrielli, Res publica servanda est. La svolta dei Gracchi tra prassi politica e violenza nella riflessione storiografica, Sevilla (Editorial Universidad de Sevilla) 2022 (Libera Res Publica 7), 230 S., ISBN 978-84-472-2346-6 (brosch.), € 22,–
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Chantal Gabrielli, Res publica servanda est. La svolta dei Gracchi tra prassi politica e violenza nella riflessione storiografica, Sevilla (Editorial Universidad de Sevilla) 2022 (Libera Res Publica 7), 230 S., ISBN 978-84-472-2346-6 (brosch.), € 22,–

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Published/Copyright: May 18, 2024

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Chantal Gabrielli, Res publica servanda est. La svolta dei Gracchi tra prassi politica e violenza nella riflessione storiografica, Sevilla (Editorial Universidad de Sevilla) 2022 (Libera Res Publica 7), 230 S., ISBN 978-84-472-2346-6 (brosch.), € 22,–


Von italienischer und deutscher Seite sind in den letzten Jahren einige Monographien zu den Gracchen und den Auswirkungen ihrer Politik erschienen,[1] wozu auch die nunmehrig veröffentlichte zweite Doktorarbeit von Chantal G(abrielli) gezählt werden kann. Der Titel ihres Buches ist jedoch etwas irreführend, da der Eindruck vermittelt wird, es ginge nur um die Gracchenzeit. In Wirklichkeit wird in manchen Kapiteln der zeitliche Bogen deutlich weiter gespannt. Dazu später näher. Insgesamt setzt sich das Buch aus sechs Kapitel zusammen. Ziel ist es, den Einzug der Gewalt in die Politik Roms seit den Gracchen zu untersuchen, weil mit ihr eine Destabilisierung des politischen Gleichgewichts, ein Umsturz des mos maiorum und ein Bruch der inneren concordia erfolgte (14). Dabei will G. die vis als Analysekategorie verstanden wissen, mit der sich erstens ein historiographisches Konzept antiker Interpretationen, zweitens eine real ausgeübte Gewalt gegen Einzelpersonen, Gruppen und Magistrate sowie drittens eine Rechtskategorie in Form des crimen vis verbinden lässt (14).

Auf diese Vorbemerkungen folgt das erste Kapitel, in welchem die modernen Darstellungen zu den politischen Mechanismen der römischen Republik und die bisherigen Zugänge einer republikanischen Gewaltforschung besprochen werden („La politica nella tarda repubblica“, 9–42). Das zweite und dritte Kapitel ähneln sich hinsichtlich des analysierten Materials: Zunächst wird in einem chronologischen Dreischritt ein Überblick von der zeitgenössischen, spätrepublikanischen und kaiserzeitlichen Überlieferung zu den Gracchen geboten („L’irrompere della violenza“, 43–60), worauf eine thematische Behandlung derselben literarischen Überlieferung erfolgt („Un modus nuovo“, 61–102). In diesem Zusammenhang von Interesse sind G.s Ausführungen zu den Diffamierungsversuchen der engsten Familienmitglieder der Gracchen, womit ihr Vater, ihre Mutter Cornelia und ihre Schwester Sempronia gemeint sind (83–93). Ab Kapitel vier („Una res publica da salvare“, 103–130) entfernt sich G. sukzessiv von der Gracchenzeit. Dieses Kapitel ist größtenteils dem senatus consultum ultimum gewidmet, womit der Senat, vor allem aber die optimates die Gewalt gegen Magistrate zu rechtfertigen und legitimieren beabsichtigt hätten (103, 106). Daraufhin wird nachgezeichnet, wie es zum Notstandsbeschluss gegen C. Gracchus 121 v. Chr. (der im besagten Jahr privatus war), sodann gegen Catilina 63 v. Chr. und Caesar 49 v. Chr. kam. Besonders lesenswert sind hier G.s Überlegungen zu den in diesen Kontexten literarisch und epigraphisch überlieferten Graffiti, die einen „atto di popolare disaccordo e un’aperta critica alla manipolazione da parte dell’élite“ verkörpern würden (vgl. 121–130). Anschließend geht es im fünften Kapitel zum einen um die seit sullanischer Zeit erlassenen leges de vi, zum anderen um die Wechselwirkung zwischen politischer Gewalt und der Gesetzgebung contra vim in drei ciceronischen Reden aus den fünfziger Jahren des ersten Jahrhunderts v. Chr. („Violenza e pragmatismo giuridico“, 131–161). Das sechste und letzte Kapitel setzt sich mit Cato dem Jüngeren auseinander und dessen Form einer gewaltlosen Politik, die G. als neue Art des Widerstandes gegenüber der ausufernden Brutalität und als Zeichen der „maturazione morale“ begreift („La pratica della ‘nonviolenza’ “, 163–183). In den Schlussbemerkungen (185–188) werden dann kurz die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst, worauf die Bibliographie und die üblichen Indices folgen (189–226).

Insgesamt hat G. eine gut zu lesende Studie über die historiographische und juristische Bedeutung sowie Entfaltung der Gewalt in der Späten Republik vorgelegt. Doch gerade der abschließende Wunsch von G., mit ihrer Arbeit einen „stimolo per future interpretazioni“ bieten und „nuove piste di indagine“ eröffnen zu wollen (188), wirkt vor dem Hintergrund der Arbeiten des Rezensenten allzu großmütig. Vor allem ihre Beobachtungen zu den historiographischen und memorial-historischen Aspekten der Periodisierung der Ereignisse um die Gracchen (vor allem 43–46, 61–62, 186) gleichen den Ausführungen eines bereits 2017 vom Rezensenten veröffentlichten und im Buch nicht angeführten Aufsatzes zur Wahrnehmung und Entstehung des Epochenjahres 133 v. Chr.,[2] mit dem G.s Wunsch zumindest in dieser Hinsicht bereits erfüllt wurde. Anderen Beobachtungen wird man hingegen nicht ungeteilt zustimmen, so besitzen die Begriffe vis und βία sicherlich keine vergleichbare Bedeutung wie die Termini tumultus, dissensio, discordia, seditio und στάσις für die Einschätzung der gracchischen Politik (41; vgl. 65, 74). Ebenfalls fragwürdig erscheint die klare Zäsur, dass erst ab den Gracchen die Gewalt zu „un’arma politica“ geworden sei (34; vgl. 185); man denke nur an die Fälle aus den unmittelbaren Jahrzehnten vor den Gracchen, wie 185 v. Chr. als Appius Claudius mit einer vis Claudiana die Wahl seines Bruders zum Konsul erzwang (Liv. 39.32.12 f.) oder als 151 und 138 v. Chr. die jeweiligen Konsuln von den Volkstribunen in den Kerker geworfen wurden, um deren Truppenaushebungen zu unterbinden (vgl. Liv. perioch. 48.16; 55.3).[3] Auch der Aussage, die abrogatio des Volkstribuns M. Octavius sei „un’innovazione di singolare importanza“ (82), wird man angesichts der wenige Jahre zuvor erfolgten Amtsentsetzung des M. Aemilius Lepidus widersprechen dürfen; dieser wurde nämlich wegen seiner Niederlage vor Pallantia entweder schon als Konsul im Jahr 137 v. Chr. oder wenig später als Promagistrat abgesetzt (vgl. App. Ib. 80–83).[4]

Zudem überrascht in einem Buch zu Formen der Gewalt bei und seit den Gracchen das vollständige Fehlen der extremen Gewaltanwendung gegenüber C. Gracchus. Dieser wurde laut einer in der plutarchischen Vita wiedergegebenen Überlieferungstradition zusammen mit seinem Sklaven Philokrates noch lebend gefangengenommen (Plut. C. Gr. 17). Da letzterer seinen Herren fest umklammerte, musste dieser zunächst getötet werden, um ihn von C. Gracchus zu entfernen, dem wiederum von einem Unbekannten der Kopf abgeschlagen wurde. Anschließend sei dieser von L. Septimuleius aus Anagnia, einem Freund des damaligen Konsuls Opimius (laut Val. Max. 9.4.3 ein Freund des Gaius; vgl. Cic. de orat. 2.269), gestohlen worden. Den Schädel habe er dann präpariert, indem er das Gehirn entfernt und ihn mit Blei ausgegossen habe, da zuvor öffentlich ausgerufen worden war, die Köpfe des C. Gracchus und Fulvius Flaccus mit Gold aufzuwiegen. Septimuleius brachte dem Konsul den Kopf auf einer Lanze, wo er mit einem ζυγόν gewogen wurde und siebzehneinhalb Pfund schwer war. Auch der Schädel des Flaccus wurde übergeben, jedoch von Männern niederer Herkunft, weswegen sie keine Belohnung erhielten. Dass diese eindrückliche Episode nicht in die Analyse Eingang gefunden hat, ist bedauerlich, da sie und die oben angeführten Beispiele zu einer nuancierteren Darstellung der im Buch nachgezeichneten Linie einer zunehmenden Ausweitung der Gewaltanwendung seit den Gracchen geführt hätten.

Published Online: 2024-05-18
Published in Print: 2024-05-16

© 2024 bei den Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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  13. Irini Kyriakou, Généalogies épiques. Les fonctions de la parenté et les femmes ancêtres dans la poésie épique grecque archaïque, Berlin – Boston (De Gruyter) 2020 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 134), XI, 363 S., 9 Abb., 3 Tab., ISBN 978-3-11-065315-1 (geb.), € 134,95
  14. Sophie Marianne Bocksberger, Telamonian Ajax. The Myth in Archaic and Classical Greece, Oxford (Oxford University Press) 2022 (Oxford Classical Monograph), XXI, 304 S., 40 Abb., ISBN 978-0-19-886476-9 (geb.), £ 75,–
  15. Joachim Heiden (Hg.), Die antike Siedlungstopographie Triphyliens, Berlin (Gebr. Mann Verlag) 2020 (Athenaia 11), VIII, 234 S., 186 Abb., ISBN 978-3-7861-2812-0 (brosch.), € 59,–
  16. Judith M. Barringer, Olympia. A Cultural History, Princeton – Oxford (Princeton University Press) 2022, 336 S., 181 Abb., 2 Kt., ISBN 978-0-69121047-6 (geb.), £ 35,–
  17. Zinon Papakonstantinou, Sport and Identity in Ancient Greece, London – New York (Routledge) 2019, 236 S., ISBN 978-1-4724-3822-5 (geb.), £ 130,–
  18. Madalina Dana, La correspondance grecque privée sur plomb et sur tesson. Corpus épigraphique et commentaire historique, München (C.H.Beck) 2021 (Beiträge zur Alten Geschichte 73), XIX, 476 S., 221 Abb., ISBN 978-3-406-77439-3 (geb.), € 128,–
  19. Waldemar Heckel, Who’s Who in the Age of Alexander and his Successors. From Chaironeia to Ipsos (338–301 BC), London (Greenhill Books) 2021, 576 S., ISBN 978-1-78438-648-1 (geb.), £ 30,–
  20. Sviatoslav Dmitriev, The Orator Demades. Classical Greece Reimagined through Rhetoric, New York – Oxford (Oxford University Press) 2021, X, 336 S., ISBN 978-0-19-751782-6 (geb.), £ 82,–
  21. Ian Worthington, Athens after Empire. A History from Alexander the Great to the Emperor Hadrian, New York – Oxford (Oxford University Press) 2021, 432 S., ISBN 978-0-19-063398-1 (geb.), £ 35,49
  22. Julian Wünsch, Großmacht gegen lokale Machthaber. Die Herrschaftspraxis der Seleukiden an den Rändern ihres Reiches, Wiesbaden (Harrassowitz Verlag) 2022 (Philippika 164), 430 S., ISBN 978-3-447-11905-4 (geb.), € 98,–
  23. Dan-el Padilla Peralta, Divine Institutions. Religions and Community in the Middle Roman Republic, Princeton – Oxford (Princeton University Press) 2020, 344 S., 21 Abb., ISBN 978-0-691-16867-8 (geb.), £ 42,–
  24. Marian Helm, Kampf um Mittelitalien. Roms ungerader Weg zur Großmacht, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2022 (Hermes – Einzelschriften 122), 450 S., 7 Kt., ISBN 978-3-515-13113-1 (geb.), € 91,–
  25. Dominic M. Machado, Voluntas Militum. Community, Collective Action, and Popular Power in the Armies of the Middle Republic (300–100 BCE), Sevilla (Editorial Universidad de Sevilla) 2023, 346 S., ISBN 978-84-472-2496-8 (brosch.), € 28,–
  26. Chantal Gabrielli, Res publica servanda est. La svolta dei Gracchi tra prassi politica e violenza nella riflessione storiografica, Sevilla (Editorial Universidad de Sevilla) 2022 (Libera Res Publica 7), 230 S., ISBN 978-84-472-2346-6 (brosch.), € 22,–
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  28. Hartwin Brandt, Die Kaiserzeit. Römische Geschichte von Octavian bis Diocletian. 31 v. Chr.–284 n. Chr., München (C.H.Beck) 2021 (Handbuch der Altertumswissenschaft Abt. 3, T. 11), XII, 707 S., 3 Kt., 4 Taf., ISBN 978-3-406-77502-4 (geb.), € 98,–
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  30. Claudia Schmieder, Bild und Text auf römischen Mosaiken. Intermediale Kommunikationsstrategien im Kontext der Wohnkultur des 3.–5. Jahrhunderts, Berlin – Boston (De Gruyter) 2022 (Materiale Textkulturen 35), IX, 598 S., 338 Abb., ISBN 978-3-11-077536-5 (geb.), € 129,95
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  32. Jacob Burckhardt, Alte Geschichte, I: Ägypten und Alter Orient – Römische Geschichte: Republik, München (C.H.Beck) 2022 (JBW 23,1), aus dem Nachlaß herausgegeben von Leonhard Burckhardt – Stefan Rebenich – Alfred Schmid – Jürgen von Ungern-Sternberg, 1421 S., 9 Abb., ISBN 978-3-406-78126-1 (geb.), € 248,–
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