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Fachspezifische DaF-Lehrer – ein neues Konzept für die berufliche Laufbahn in Polen

  • Joanna Kic-Drgas

    Dr. phil., studierte am Institut für Angewandte Linguistik an der Adam-Mickiewicz-Universität und an der Wirtschaftshochschule in Poznań (M. A.). 2012 promovierte sie am Institut für Angewandte Linguistik der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań über Fremdsprachendidaktik im Seniorenalter. Seit 2013 arbeitet sie an der Adam-Mickiewicz-Universität als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Zu den Forschungsschwerpunkten der Autorin gehören Fremdsprachendidaktik und -methodik, interkulturelle Kommunikation, Fachsprachendidaktik und der Einsatz neuer Medien im Fremdsprachenunterricht.

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Published/Copyright: December 4, 2018

Zusammenfassung

Die Erwartungen der Arbeitgeber bezüglich der Fremdsprachenkenntnisse, die steigende Mobilität in der Arbeitswelt, die Spezialisierung der Arbeitsfelder sowie internationale Projekte haben dazu beigetragen, dass die Nachfrage nach fachspezifischen Fremdsprachenkenntnissen steigt. Das größte Problem stellt der Mangel an qualifizierten DaF-Lehrern[1] dar, die imstande wären, den Erwartungen der Lernerzielgruppe zu entsprechen. Als Reaktion auf den steigenden Bedarf an Fachsprachenlehrern wurde im Institut für angewandte Linguistik an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań ein neues Studienprogramm konzipiert, um künftige Fachsprachenlehrer auszubilden und mit einem adäquaten Instrumentarium auszustatten. Im vorliegenden Beitrag wird die neue Konzeption mit einer genauen Beschreibung der angebotenen Fächer vorgestellt. Als Einführung wird eine Skizze des Status des Deutschunterrichts und der Germanistik in Polen präsentiert. Darauf aufbauend werden die möglichen Karrierechancen für Germanistikabsolventen in Polen dargestellt. Den abschließenden Teil der Überlegungen bildet eine Meinungsbefragung von Studenten der Spezialisierung zur Beurteilung des neuen Angebots der Universität.

Abstract

Employers’ expectations of foreign language skills, increasing mobility in the working world, the specialization of fields of work, and international projects have contributed to a rise in the demand for specific language skills. In most cases, this leads to dissatisfaction with their professional careers. In response to the growing need for language teachers, a new study program was developed at the Institute for Applied Linguistics at Adam Mickiewicz University in Poznań to train future language teachers and provide them with an adequate set of tools. The present paper presents the new concept with a detailed description of the subjects offered. As an introduction, a sketch of the status of German literature and German studies in Poland is presented. Based on this, potential career opportunities for German-speaking graduates in Poland are outlined. The paper concludes with a discussion of students’ assessment of the university’s new program.

1 Status der deutschen Sprache und der Germanistik in Polen

Die Verbreitung einer Fremdsprache in einem Land sowie die Motivation der dortigen Bevölkerung, diese zu erlernen, wird nicht nur von der Situation und dem Prestige der jeweiligen Philologie beeinflusst. Es sind vielfältige Faktoren, die sich auf die Popularität und die Verbreitung einer bestimmten Fremdsprache in einem Land auswirken. Das lässt sich am Beispiel des Deutschen in Polen anschaulich darstellen. Nirgendwo in Europa finden sich heutzutage mehr Deutschlernende als in Polen: 2,3 Millionen sind es nach einer Datenerhebnung des Auswärtigen Amts aus dem Jahr 2015, davon 2,1 Mio. an Schulen (mehr dazu siehe Żebrowska 2017: 101). Diese Situation lässt sich auf eine Reihe geschichtlicher, geografischer und sozialer Faktoren zurückführen, die im Folgenden nur stichwortartig genannt werden können:

  1. Nachbarschaft: Die direkte Grenzlage der beiden Länder fördert die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit zwischen den ostdeutschen Bundesländern und den westpolnischen Woiewodschaften unter der Bezeichnung „Oderregion“, z. B. gemeinsame Kulturstammtische, Bildungs- und Umweltschutz-Initiativen (vgl. Mildenberger 2007: 3).

  2. Wirtschaftliche Kontakte: Viele deutsche Firmen gründen Filialen in Polen. Sie garantieren damit nicht nur Arbeitsplätze, sondern fördern ebenfalls den Bildungsmarkt, z. B. indem Deutschkurse für die Mitarbeiter mitfinanziert werden. Die gemeinsame Deutsch-Polnische Wirtschaftskammer gehört zu den größten deutschen Auslandshandelskammern (AHK) der Welt[2].

  3. EU-Mitgliedschaft Polens: Seit dem EU-Beitritt Polens steigt auch die Bedeutung der deutschen Sprache, die als offizielle Sprache der Europäischen Union gilt und darüber hinaus häufig von Schülern und Studenten in Polen gewählt wird.

  4. Bildungschancen in Deutschland: Infolge der Einführung des Bologna-Systems erhöhte sich die Mobilität der Studierenden, von denen sich viele für Deutschland als Studienort entscheiden. Umfangreiche Austauschprogramme, Stipendien bzw. Möglichkeiten des Studiums, die vom DAAD, dem Goethe-Institut und Bayhost angeboten werden, fördern zudem die Motivation, Deutsch zu lernen. Die Aktivitäten dieser Organisationen sind in Polen sehr sichtbar und erstrecken sich von Stipendienförderung über Wettbewerbe für Jugendliche und Kinder bis zu Ausstellungen.

Die genannten Faktoren leisten einen enormen Beitrag zur Erhöhung des Interesses an der deutschen Sprache in Polen. Und dieses Interesse führt zu einem ständigen Bedarf an Philologen, die sowohl als Lehrer als auch als Übersetzer und Dolmetscher die Kommunikation zwischen den beiden Ländern ermöglichen. Zur Situation der deutschen Sprache und der Germanistik hält Nerlicki (2011: 16 f.) fest, dass sich:

„... die deutsche Sprache in Polen nach wie vor großer Popularität erfreut, obwohl sie – aus verständlichen Gründen – landesweit den zweiten Platz nach Englisch belegt. Viele Lerner wollen ihre in der regulären Schullaufbahn gewonnenen Kenntnisse und Kompetenzen im Germanistikstudium weiterentwickeln und um Fachwissen ergänzen.“

Gleichzeitig ist jedoch ein Gegentrend zu beobachten, der alle Studiengänge beeinflusst und auch im Falle der Philologien spürbar ist: die sinkende Geburtenrate, die sich in der schrumpfenden Einwohnerzahl widerspiegelt. Für den Zeitraum 2010 bis 2035 wird deren Sinken von etwa 38 Millionen auf 36 Millionen erwartet (vgl. DAAD 2016: 26). Dies führt zu einer Verringerung der Gesamtschülerzahl, die die Schließung von Bildungseinrichtungen und eine Reduzierung von Lehrkräften zur Folge hat. Interessanterweise ist trotz des Rückgangs der Schülerzahl um 25 % in den letzten fünf Jahren die Anzahl der Schüler, die Deutsch lernen, nur um 8 % gesunken (vgl. DAAD 2016: 26). Zugleich ist jedoch auch eine Hinwendung zur spanischen Sprache zu verzeichnen, die immer häufiger als zweite Fremdsprache gewählt wird, was auf Kosten der anderen Fachsprachen, u. a. Deutsch, geschieht (vgl. Tatoj 2012: 168–172).

Zurzeit gibt es in Polen germanistische Institute und Lehrstühle, die häufig Teil der neuphilologischen oder geisteswissenschaftlichen Fakultäten staatlicher Universitäten sind (in Warszawa, Wrocław, Gdańsk, Zielona Góra, Kraków, Lublin, Poznań, Bydgoszcz, Szczecin, Katowice, Sosonowiec, Olsztyn, Łódź, Kielce, Rzeszów, Radom und auch an der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, an der durch eine bilaterale deutsch-polnische Initiative gemeinsame Studienrichtungen, darunter auch Germanistik, entstanden sind. Germanistik ist auch im Angebot der privaten Hochschulen). In Warszawa, Poznań und Lublin wird neben der traditionellen Germanistik auch Angewandte Linguistik angeboten, bei der zwei Sprachen parallel unterrichtet werden, darunter auch Deutsch. Germanistik studierten 2008–2013 laut den Angaben des DAAD (2016: 26) 9255 Personen. Die Zahl der Studierenden an den gewählten polnischen Universitäten sind Tabelle 1 zu entnehmen (alle Daten stammen aus der offiziellen Seite des Hauptstatistik-Amtes in Polen xlink:href="http://stat.gov.pl/obszary-tematyczne/edukacja/">http://stat.gov.pl/obszary-tematyczne/edukacja/ (16.11.2017).

Tab. 1

Anzahl der Studierenden in der Germanistik an polnischen Universitäten 2015/2016

Studierende insgesamt 2016 Germanistik-Studierende 2015 Germanistik-Studierende 2016
Uniwersytet Wrocławski 26 014 567 798
Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu 37 847 356 495
Uniwersytet Warszawski 44 622 264 321
Uniwersytet Jagielloński 40 905 166 293
Uniwersytet Gdański 26 305 241 359
Uniwersytet Marii Curie-Skłodowskiej w Lublinie 21 479 109 164
Uniwersytet Sląski w Katowicach 23 133 219 400

Traditionell stehen in Germanistik drei Schwerpunkte zur Auswahl: Translatorik (Übersetzen und Dolmetschen), Lehrerausbildung, literarisch-landeskundliche Ausrichtung. Jedoch werden angesichts der sich ändernden demografischen Situation in Polen und der daraus resultierenden zurückgehenden Studierendenzahl von den Germanistikleitern neue Module oder ganze Curricula angeboten, wie:

  1. Deutsch für Anfänger: Lange Zeit war die Hauptvoraussetzung zur Aufnahme des Germanistikstudiums, dass die zukünftigen Studierenden mindestens das Niveau B2 hatten, was dazu noch durch eine positive Note aus der Aufnahmeprüfung garantiert wurde. Seit der allgemeinen Abschaffung der Aufnahmeprüfungen, die mit der Einführung der neuen Matura-Prüfung (2005) verbunden war, weisen die Studierenden zunehmend heterogene Sprachkenntnisse im Deutschen auf. Deswegen wurden in vielen Germanistik-Studiengängen zusätzliche Deutschstunden eingeführt, um Niveauunterschiede auszugleichen. Zurzeit stellt Deutsch für Anfänger eine Alternative zur bisherigen Germanistik dar und gibt denjenigen eine Chance, die nicht Deutsch in der Sekundarstufe gewählt haben. Deutsch für Anfänger wird an einigen Universitäten, wie z. B. an der Universität in Szczecin, als Studium für Berufstätige angeboten, wodurch der Kreis der potenziellen Kandidaten erweitert wurde und z. B. älteren Personen ermöglicht wird, entweder ein erstes Studium oder einen zweiten Studiengang abzuschließen.

  2. Germanistik plus: Als neue Idee zur Erhöhung der Zahl der Germanistikstudenten wurden neue Studienrichtungen entworfen, die sich vor allem am Prinzip der Mehrsprachigkeit orientieren, wie zum Beispiel Germanistik mit Russizistik an der Adam-Mickiewicz-Universtät in Poznań oder Deutsche Philologie mit Schwedisch an der Universität Gdańsk.

  3. Neue Module zur Fachsprache, Medizin, Wirtschaft, zum Tourismus etc., die in die Studienprogramme eingebaut wurden: Die Akkreditierung neuer interdisziplinärer Module ist eine Antwort auf die Erfordernisse des Marktes. Die genannten Module unterscheiden sich voneinander pimär in Bezug auf die gesetzten Ziele und Schwerpunkte. Deutsch für Anfänger gilt vor allem als Nebenfach für diejenigen, die entweder schon eine andere Ausbildung abgeschlossen haben oder ein anderes Fach studieren. Eine zentrale Rolle spielt bei den Studien die Entwicklung sprachlicher Fertigkeiten, die durch eine große Anzahl an praktischen Deutschunterrichtsstunden erreicht wird. Der Idee von Germanistik plus liegt die Vorbereitung der Absolventen zur Verständigung in einem multilingualen Arbeitsumfeld zugrunde. Dabei entsprechen die Sprachkombinationen der gegenwärtigen Nachfrage nach westlichen und östlichen Fremdsprachenkenntnissen. Die Verbindung von Deutsch mit Schwedisch ist wegen der Lage von Gdańsk (an der Ostsee) auch ein Zeichen der wirtschaftlich bedingten Anforderungen des Arbeitsmarktes. Das Konzept, das hinter der Entstehung der neuen Studienprogramme steckt, kann als interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Lehrstühlen, Fakultäten und zwischen Experten aus unterschiedlichen Disziplinen charakerisiert werden.

2 Absolventenprofile nach dem Abschluss des Germanistik-Studiengangs in Polen

Abhängig von der während des Studiums gewählten Spezialisierung bieten sich den Germanistikstudierenden drei traditionelle Karrierewege: der Lehrerberuf, das Übersetzen bzw. Dolmetschen oder die Arbeit in Vertretungen deutscher Institutionen in Polen, wie in Botschaften, dem DAAD, dem Goethe-Institut usw. Eine neue Perspektive für die polnischen Germanistikabsolventen eröffnete sich mit der Entstehung von Niederlassungen deutscher Konzerne in Polen.

Auf der Webseite der Angewandten Linguistik an der Adam-Mickiewicz Universität[3] wird ein Katalog möglicher Berufe für Absolventinnen und Absolventen vorgestellt. Darunter befinden sich Berufe:

  1. in Banken, Service für fremdsprachige Kunden,

  2. in Outsourcingfirmen, die ihre Dienstleistungen fremdsprachigen Kunden anbieten,

  3. in Verlagen,

  4. Sprachassistenten,

  5. in methodischer Beratung,

  6. als Curriculare Experten, Planer,

  7. in Bibliotheken,

  8. in Museen,

  9. in öffentlichen Ämtern (Rathäuser, Stiftungen, Gesellschaften).

Diese Vielfalt der Beschäftigungsmöglichkeiten weist auf die neuen Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt und gleichzeitig auf eine schrittweise Abkehr von den traditionellen linguistischen Berufen hin. Im Zentrum der Überlegungen des hier voliegenden Artikels stehen jedoch der fremdsprachendidaktische Weg und die neuen Möglichkeiten, die er bietet.

3 Fachsprachendidaktik – Perspektiven und Entwicklungschancen in Polen

Das zunehmende Interesse am Lernen fremdsprachlicher Fachsprachen ist das Ergebnis der wirtschaftlichen und technologischen Spezialisierung vieler Lebens- und Arbeitsbereiche sowie der steigenden Mobilität der Menschen weltweit (meist verbunden mit der Arbeitssuche). Im professionellen Leben reichen allgemeinsprachliche Kenntnisse der Fremdsprache nicht mehr aus. Deswegen wird immer häufiger die fremde Sprache verwendet, um im professionellen Kontext kommunizieren zu können. Darüber hinaus ist heutzutage auch die Kenntnis der Fachsprache eines bestimmten Bereichs eine wichtige Voraussetzung auf dem Arbeitsmarkt. Dieser praktische berufsorientierte Ansatz ist in der fremdsprachigen Bildung präsent, weil jede Art der Bildung, darunter auch das Erlernen von Fremdsprachen, die Anforderungen des Arbeitsmarktes berücksichtigen und den Bedürfnissen der Lernenden entgegenkommen sollte (vgl. Sowa, 2009; Gajewska 2014).

Eine wichtige Antriebskraft für die Entwicklung der Fachsprachendidaktik ist die Etablierung internationaler Unternehmen in Polen, die einerseits hochqualifizierte Übersetzer und Dolmetscher mit einer engen Spezialisierung benötigen, andererseits aber auch neue Arbeitsstellen für Fachsprachenlehrer für innerbetriebliche Fachsprachenkurse und zur Erfüllung der Voraussetzungen der Mitarbeiter hinsichtlich ihrer Fachsprachenkenntnisse schaffen. Darüber hinaus sollte noch die berufliche Mobilität innerhalb der Europäischen Union erwähnt werden, die Beschäftigungsmöglichkeiten in einem anderen Land ermöglicht.

Fachsprachenlehrer können sowohl in den privaten Sprachschulen als auch in Unternehmen eine Anstellung finden. Des Weiteren ist seit der im Jahr 2012 eingeführten Reform der Berufs- und Technikerschulen der Fachsprachenunterricht für die profilierten weiterbildenden Schulen obligatorisch.

Das größte Defizit, das die Fremdsprachenlehrkräfte selbst äußern, ist angesichts der neuen Marktvoraussetzungen und Arbeitsmöglichkeiten das fehlende Wissen über fachliche und didaktische Methoden der Sprachförderung in der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie am Arbeitsplatz. Das lässt sich anhand der Ergebnisse einer Studie mit polnischen Lehrern für Englisch verdeutlichen (Kic-Drgas 2014). Deren Befragung führte über eine SWOT-Analyse zu einem Katalog potenzieller Probleme, auf die die Fachsprachenlehrer stoßen (dazu gehören u. a. Heterogenität der Lernergruppe in Bezug auf die Lernerfahrung und Kenntnisse der Fremdsprache, häufige Abwesenheiten der Lerner, unterschiedliche Erwartungen). Die größten Herausforderungen stellen für die Befragten jedoch das fehlende Fachwissen und die mangelnde didaktische Vorbereitung im Bereich fachbezogenen Fremdsprachenunterrichts dar (vgl. Kic-Drgas 2014: 83 ff.).

4 Neues Curriculum für DaF-Lehrer

Das Konzept des neuen Curriculums für Lehrer der Angewandten Linguistik an der Adam-Mickiewicz-Universität ist eine Reaktion auf die Lücke auf dem Arbeitsmarkt und zeigt somit einen neuen Trend in der sich rasch entwickelnden Fachsprachenlinguistik in Polen. Die Studiengänge werden hauptsächlich in der deutschen und englischen Sprache unterrichtet und dienen der Ausbildung von Deutsch- und Englischlehrern, wobei die Kombination von zwei Fächern wie im deutschen Lehramtsstudium eher selten ist.

Das bisherige Programm der Lehrerbildung wurde in zwei Teile gegliedert, innerhalb derer auch weitere Module angeboten werden. Für jedes abgeschlossene Fach bekommen die Studenten ECTS-Punkte, die die sog. horizontale Mobilität innerhalb der EU garantieren. Mit dem neuen Konzept wird das bisherige Programm um einen dritten Teil erweitert.

Den ersten Teil stellen die Fächer dar, die in der allgemeinen linguistischen Bildung für alle Spezialisierungen gleich sind, wie: Einführung in die Sprachwissenschaft, Einführung in die Literaturwissenschaft, beschreibende deutsche Grammatik, kontrastive Grammatik und dazu praktischer Deutsch- und Englischunterricht, der der Entwicklung der Sprachfertigkeiten dient.

Den zweiten Teil bilden die Spezialisierungsfächer, die von der gewählten Spezialisierung abhängig sind. Zum Lehren der Fremdsprache gehören u. a.:

  1. Pädagogik,

  2. Psychologie,

  3. Allgemeine Didaktik und Methodik des Fremdsprachenlehrens,

  4. Rechtliche Aspekte der Arbeit des Lehrers,

  5. Stimmausstrahlung,

  6. Methodik und Didaktik der deutschen und englischen Sprache (mit Einteilung in primäre, sekundäre und tertiäre Stufe),

  7. Übersetzen im DaF-Unterricht.

Ein wichtiger Teil der Lehrerausbildung sind Praktika, die ab dem zweiten Studienjahr nach jedem Semester in unterschiedlicher Form abgeschlossen werden müssen: zunächst in Form einer Analyse der Schulungsunterlagen und von Beobachtungen, dann als Begleitpraktika und als letzte Stufe werden die Studierenden aufgefordert, allein eine bestimmte Gruppe zu unterrichten.

Das neue Konzept sieht die Ausbildung von Fachsprachenlehrern vor, die nicht nur über Fachsprachenkenntnisse verfügen, sondern auch mit didaktischen Methoden und Strategien vertraut sind, die bei der Vermittlung der fachsprachlichen Inhalte von Bedeutung sind.

Um die gesetzten Ziele zu erreichen, werden zusätzliche Studieneinheiten zur Didaktik und Methodik mit dem Schwerpunkt Fachsprachenunterricht angeboten, die von Experten (mit Doppelstudienabschlüssen BWL und Germanistik, Jura und Germanistik) realisiert werden. Im Zentrum des beschriebenen Ansatzes steht eine interdisziplinäre Verbindung von Sprache, Kultur und Fachwissen zum Thema Wirtschaft. Das Fachgebiet verknüpft die Aufgaben der traditionellen Germanistik (Vermittlung von Wissens über Sprache und Kultur) mit den für die Ausübung des Lehrerberufs grundlegend erforderlichen Kompetenzen (Didaktik und Methodik). Dabei werden sowohl die Aufgaben als auch die Kompetenzen um den fachspezifischen wirtschaftlichen Kontext erweitert. Die Studenten vertiefen die eigenen Deutschkenntnisse nicht nur in Bezug auf die allgemeine Sprache, sondern auch in Bezug auf die Fachsprache.

Methodisch führt dies zu funktional-variablen Perspektiven auf die Lehr- und Forschungsgegenstände, vornehmlich mit fachsprachenspezifischen (vor allem text- und korpuslinguistischen) interkulturellen Verfahren (vgl. Baumann 1994, Kalverkämper/Baumann 1996, Grucza 2004, Grucza 2008, Ylónen 2012, Linthout 2004, Lüdeling, Walter 2009). Der Studiengang wendet sich an polnische Studierende, die in der interkulturellen Zusammenarbeit, in Wissenschaft oder Wirtschaft tätig sein möchten. Die Studenten entwickeln allgemeine soziale, kulturelle und mediale Kompetenzen.

Vermittelt werden:

  1. Textkompetenz mit kulturspezifischen und- vergleichenden Schwerpunkten,

  2. Analyse der Fachkommunikation am Arbeitsplatz,

  3. Reflexion beruflicher Handlungsanforderungen,

  4. Kooperative Zusammenarbeit mit Experten,

  5. Umgang mit unterschiedlichen Lernergruppen (Berufstätige, Studenten nicht-philologischer Fakultäten, die Deutsch als studienbegleitendes Fach haben),

  6. Entwicklung fachspezifischer Unterrichtsmaterialien,

  7. Einsatz von Korpora im Fachsprachenunterricht.

Der dritte Teil, der im Rahmen des neuen Curriculums eingeführt wurde, setzt sich aus allgemeinsprachlichen und didaktischen Fächern zusammen. In der nachfolgenden Tabelle werden die einzelnen Fächer mit der entsprechenden Stundenzahl dargestellt.

Tab. 2

Neues Curriculum für Lehrer der Angewandten Linguistik an der Adam-Mickiewicz-Universität

Fach Stundenzahl Inhalte/Schwerpunkte Studienjahr/Semester
Deutsch in der Wirtschaft 60, 30 pro Semester – Einführung in die wirtschaftssprachliche Thematik

– Aufbau von Unternehmen kennen lernen

– Fokus auf Wortbildungsmustern, Satzschemata, Stilkonventionen sowie Argumentationsstrukturen in der Kommunikation im Unternehmen
2 BA/1-2
Fremd-sprachen-forschung 30 – Einführung in Fremdsprachenforschung

– Methoden und Werkzeuge der modernen Fremdsprachendidaktik und -methodik
2 BA/2
Wirtschafts-deutsch 60, 30 pro Semester – neben mündlichen Fertigkeiten auch Analyse und Verfassen von Fachtexten 1 MA/2

2 MA/1
Rechtsdeutsch 30 – Grundlagen der Rechtssysteme in Polen und Deutschland

– Fokus auf Terminologie und Fachstrukturen
2 MA/2
Fachsprachen-didaktik 30 – Spezifik der Fachsprachendidaktik und -methodik

– neue Techniken und Arbeitsformate für den Fachsprachenunterricht
2 MA/2

Das neue Rahmenprogramm wurde auf das schon existierende Programm aufgesetzt, weil von der Überzeugung ausgegangen wird, dass die Studierenden zunächst ein Basiswissen zur Fremdsprachendidaktik und -methodik haben sollten, um darauf weiter aufzubauen. Das Novum der Spezialisierung ist die Tatsache, dass die Studierenden einerseits einen tatsächlichen Fachsprachenunterricht besuchen und die Grundlagen der Wirtschafts- und Rechtssprache in einem kontrastiven Zusammenhang kennenlernen, andererseits machen sie sich mit Methoden vertraut, um die fachsprachlichen Inhalte effektiv vermitteln zu können.

Dank der großen Anzahl an praktischen Unterrichtsstunden und Workshops mit externen Experten aus unterschiedlichen Branchen haben die Studierenden die Möglichkeit, die theoretische Dimension mit der praktischen zu verbinden. Die angehenden Lehrer gewinnen das theoretische Wissen zu einem Thema (z. B. Logistik), das sie dann bei der Erstellungen von Lehrmaterialien für potentielle Lerner anwenden können. So hilft z. B. das Wissen im Bereich Logistik dabei, den Fachsprachenkurs für Berufstätige aus der Logistikbranche zu entwerfen und so den individuellen Erwartungen der Lerner entgegenzukommen. Die Studierenden erhalten auch die Möglichkeit, selbst Unternehmen zu besuchen. Dort werden Besichtigungen in der Fremdsprache angeboten und die Studierenden lernen einerseits die Spezifik der Branche kennen und erwerben andererseits den fachspezifischen Wortschatz. Es werden auch Anstrengungen unternommen, Praktika zu vermitteln, doch ist dies momentan nur in einer Berufs- bzw. Technikschule möglich, an der die Fachsprache obligatorisch ist.

5 Meinungsbefragung und Diskussion

Im Jahr 2016/2017 konnten die ersten Studierenden der Spezialisierung ihr Studium abschließen. Um Einblicke in ihre Wahrnehmung des neuen Studienangebots zu gewinnen, wurde mit ihnen eine Evaluation in Form einer schriftlichen Befragung durchgeführt.

Insgesamt hatten 12 Studierende die Spezialisierung im fünften Studienjahr besucht. Interessanterweise gaben 8 von ihnen an, dass sie in unterschiedlicher Form (private Sprachkurse, öffentliche Berufsschulen, Fremdsprachenunterricht im Unternehmen etc.) bereits Erfahrungen mit Fachsprachenunterricht gesammelt hatten.

Die Absolventen der Spezialisierung wurden darüber befragt, warum sie die Spezialisierung gewählt hatten, inwieweit sie mit deren Verlauf zufrieden waren und welche Verbesserungsvorschläge sie haben.

Als die beiden hautpsächlichen Faktoren für die Wahl der Spezialisierung wurden zum einen die didaktische Orientierung und Vorliebe für den Lehrerberuf genannt. Dies kam bei 7 von 12 befragten Teilnehmern zum Ausdruck. Zum anderen wurden auf die neuen/erweiterten Berufsmöglichkeiten hingewiesen (4 Personen). Dieser Aspekt wurde bei den meisten Studierenden zugleich als Grund für die Zufriedenheit mit dem Programm genannt (10 Personen). Andere Meinungen bezogen sich auch auf die erworbenen Sprachkenntnisse im Bereich Wirtschaftsdeutsch und Rechtssprache.

Bei der Befragung der Studierenden traten auch Ideen für die Verbesserung des neuen Curriculums zutage. So wurde beispielsweise die Einführung anderer Fachsprachen vorgeschlagen, wie z. B. die medizinische oder die technische Fachsprache, weil die Studierenden in diesen Bereichen auch potenzielle Anstellungsmöglichkeiten sehen. Interessant wären für sie zudem Praktika in Unternehmen, um die Spezifik der beruflichen Anforderungen und den Arbeitsalltag ihrer künftigen Lernenden besser kennenzulernen.

Die Antworten auf diese erste Befragung fielen zwar nicht umfangreich aus, sie verdeutlichten jedoch, dass der entwickelte Studienvorschlag für die Studenten interessant sein kann. Interessant war unter anderem die Erkenntnis, dass es bereits vor der Wahl der Spezialisierung ein großes Interesse der Studenten am Lehren einer Fremdsprache gibt. Geplant sind eine weitere Befragungen, zum einen im Programm selbst, aber auch von Absolventen hinsichtlich ihrer Einschätzung der entwickelten Fertigkeiten und der Nützlichkeit der angebotenen Fächer für ihre berufliche Perspektive.

Das im vorliegenden Beitrag dargestellte Konzept zur Ausbildung von Fachsprachenlehrern stellt einen Versuch dar, die Germanistikabsolventen auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes vorzubereiten. Die vorgeschlagenen Programmmodifikationen stellt eine Erweiterung des Angebots im Germanistik-Studiengang dar und erhöht dessen Attraktivität. Aber erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob das konzipierte Angebot einen stabilen Platz in der germanistischen Bildungslandschaft haben wird. Deswegen ist geplant, die Studentenmeinungen und die Reaktionen des beruflichen Umfelds intensiv zu beobachten und darauf zu reagieren. Da keine Untersuchungen vorhanden sind, die die genauen Karrierewege der Absolventen der Angewandten Linguistik in Poznań betreffen, wäre es angebracht, die wiederholte Analyse der Berufswahl der Absolventen zu monitoren und auch die Informationen zur Tauglichkeit der im Studium entwickelten Kompetenzen aus der Perspektive der Berufstätigen zu beurteilen.

Über den Autor / die Autorin

Dr. phil. Joanna Kic-Drgas

Dr. phil., studierte am Institut für Angewandte Linguistik an der Adam-Mickiewicz-Universität und an der Wirtschaftshochschule in Poznań (M. A.). 2012 promovierte sie am Institut für Angewandte Linguistik der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań über Fremdsprachendidaktik im Seniorenalter. Seit 2013 arbeitet sie an der Adam-Mickiewicz-Universität als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Zu den Forschungsschwerpunkten der Autorin gehören Fremdsprachendidaktik und -methodik, interkulturelle Kommunikation, Fachsprachendidaktik und der Einsatz neuer Medien im Fremdsprachenunterricht.

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Online erschienen: 2018-12-04
Erschienen im Druck: 2018-11-30

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 10.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/infodaf-2018-0087/html
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