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Ist das Neutrum ein irreguläres Restgenus? Zur Möglichkeit der Vermittlung erwerbsförderlicher Neutrum-Regeln

  • Rolf Koeppel

    arbeitete als Akademischer Oberrat am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg mit den Schwerpunkten Sprachwissenschaft und Didaktik/Methodik DaF. Zuvor war er zehn Jahre Lektor in Großbritannien und China. Er ist weiter in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften tätig.

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Published/Copyright: July 16, 2018

Zusammenfassung

In allen Genussprachen gibt es semantische oder formale Regeln und Regularitäten, nach denen die überwiegende Zahl der Substantive ihr Genus erhält. Für das Deutsche hat Wegener (1995) gezeigt, dass nur fünf Regeln zwei Drittel der Substantive erfassen. Allerdings bleibt bei ihr das Neutrum außen vor. Dass dies aber kein Bereich des Irregulären ist, arbeitet der vorliegende Beitrag heraus. Allein mit formalen Regeln lassen sich 60 % der Neutra eines neueren Frequenzwörterbuchs korrekt voraussagen. Aufgrund der Befunde und unter Berücksichtigung der Semantik des Neutrums werden acht Schritte vorgeschlagen, in denen der DaF-Unterricht für die Regularitäten des Neutrums sensibilisieren kann, um den Genuserwerb der Lerner zu unterstützen.

Abstract

All languages with gender systems assign gender to the majority of their nouns according to semantic or formal rules and regularities. For German, Wegener (1995) has shown that as few as five rules account for two thirds of the nouns. Her rules, however, don’t cover neuter gender. The present paper delivers evidence that this gender is nevertheless far from arbitrary and that 60 % of neuter nouns in a recent German frequency dictionary can be correctly predicted just by formal rules. Based on the cited evidence and a discussion of semantic characteristics of the gender, the paper suggests a sequence of eight points of instruction, each drawing learners’ attention to a specific aspect of neuter gender assignment. German Language Teaching may thus support and facilitate gender acquisition.

0 Einleitung

Im Einklang mit der typologischen Genusforschung und jüngerer linguistischer Forschung zum Deutschen wird angenommen, dass es für den größten Teil der Substantive Regeln oder Schemata gibt, nach denen sie ihr Genus erhalten. Diese Regeln sind Teil des impliziten Wissens kompetenter Sprecher und müssen im Erwerb herausgebildet werden. Es wird argumentiert, dass die Empfehlung an Fremdsprachenlerner, das Genus mit jedem Substantiv auswendig zu lernen, solche Erwerbsprozesse blockieren kann und stattdessen Sensibilisierung für die Regularitäten geboten ist. Modellhaft sind hier die Genusregeln von Wegener (1995), die allerdings das Neutrum unberücksichtigt lassen. Für dieses Genus soll mit Bezug auf ein neueres Frequenzwörterbuch für Deutsch als Fremdsprache (Jones/Tschirner 2006) gezeigt werden, dass es keineswegs ein Bereich des Irregulären ist, sondern valide Regeln mehr als 60 % der Neutra korrekt vorhersagen und somit für Lerner hilfreich sein können. Ein typologischer Blick über das Deutsche hinaus soll ferner zeigen, dass die Unterscheidungen, welche zur Klassifikation der deutschen Substantive führen, auf grundlegenden menschlichen Kategorisierungsprozessen beruhen, die sich ähnlich in anderen Genussprachen finden – ohne dass sich damit identische Einteilungen ergeben müssen –, und dass sie auch für Sprecher von Sprachen ohne Genus nachvollziehbar und vermittelbar sind. So soll dem Eindruck entgegengewirkt werden, das Deutsche sei im Bereich des Genus singulär und halte hier einzigartige Schwierigkeiten bereit.

1 Das Genus einfach auswendig lernen – ein guter Rat?

Genus ist „eine Klassifikation des nominalen Lexikons, die semantisch und/oder formal basiert sein kann. Jedes Substantiv gehört (im Prinzip) einer Genusklasse an. Die Klassenzugehörigkeit drückt sich notwendig an Bezugseinheiten des Substantivs aus; sie kann darüber hinaus am Substantiv selbst markiert sein“ (Murelli/Hoberg 2017: 804). Diese Definition schließt an die Einsicht Hocketts (1958) an, wonach sich das Genus eines Substantivs im Verhalten mit ihm assoziierter Wörter zeigt, Genera also als Kongruenzklassen aufzufassen sind. Im Deutschen sind die Artikel, attributiven Adjektive und ein großer Teil der Pronomina solche kongruierenden Einheiten. Weil Genus am Substantiv selbst oft nicht erkennbar ist, wurde es in weiten Teilen der Sprachwissenschaft lange als willkürlich betrachtet, prominent z. B. von Bloomfield (1933: 280), dessen Aussagen zum Deutschen, Französischen und Lateinischen von Vertretern der These, Genus sei arbiträr, immer wieder angeführt werden. Spätestens seit der Monographie von Corbett (1991) werden aber für Genussprachen semantische und formale Genuszuweisungsprinzipien unterschiedlicher Ausprägung und Reichweite angenommen. Auch für Sprachen mit auf den ersten Blick wenig transparentem Genus wie Deutsch und Französisch wurden Regeln, Regularitäten und Tendenzen gefunden, nach denen Substantive ihr Genus erhalten (Köpcke 1982; Köpcke/Zubin 1984, 1996; Zubin/Köpcke 1986; Wegener 1995; Hoberg 2004; Murelli/Hoberg 2017). Damit wird nicht geleugnet, dass je nach Sprache und angenommenen Zuweisungsprinzipien ein unterschiedlich großer Bereich von Arbitrarität verbleibt.

Die DaF-Didaktik ist nun einerseits geprägt von der verzögerten Rezeption der Erkenntnisse ihrer linguistischen Bezugswissenschaft, andererseits von der Praxis des gesteuerten Fremdsprachenlernens mit seiner Tendenz zur analytischen Isolation. Der Input im Fremdsprachenunterricht besteht nicht nur aus kommunikativ verwendeter Sprache in Dialogen und Texten, sondern auch in der isolierten Präsentation von deren Bestandteilen in Wortlisten. In solcher Zitierform werden Substantive – sinnvollerweise – mit ihrem definiten Artikel als naheliegendstem Genusanzeiger schriftlich festgehalten, zusammen mit dem Plural. Der Fremdsprachenlerner erfährt von Anfang an explizit, dass es im Deutschen drei Genera gibt; Genus- und Numerusinformation begegnen ihm auch beim Nachschlagen. Von hier ist es ein kleiner Schritt zu der Aufforderung, jedes Substantiv mit Artikel und Pluralform auswendig zu lernen, was die vorwissenschaftliche Annahme der Willkürlichkeit von Genus verstärkt.

Doch die Aufforderung zum Auswendiglernen ist motivationspsychologisch und spracherwerblich problematisch. Zwar ist es unverzichtbar für den arbiträren Bereich, der zudem einen großen Teil des häufigsten und damit frühesten Wortschatzes ausmacht, und auch für den regelhaften Bereich muss – mit Ausnahme des Natürlichen Geschlechtsprinzips – ein Grundstock von mit ihrem Genus bekannten Substantiven als Induktionsbasis für implizite Mustererkennungsprozesse vorhanden sein, bevor auf Regeln hingewiesen werden kann, welche in dem Sinne lernwirksam werden können, als sie diese Prozesse unterstützen. Doch darf die Lehrkraft die Lerner mit der schnell als Überforderung zu verstehenden Aufforderung keinesfalls allein lassen, sondern muss klarstellen:

  1. Der größte Teil der Substantive folgt Regeln!

  2. Durch den (aufmerksamen) Umgang mit der Sprache entwickelt sich für Genus das, was ein Laie Sprachgefühl nennt.

  3. Der Unterricht wird hierbei nach und nach Hilfen geben.

Warum sind diese frühen „Ansagen“ wichtig? Als Klassifikation des nominalen Wortschatzes „bedeutet“ Genus nichts – mit Ausnahme bei Substantiven, die dem Natürlichen Geschlechtsprinzip folgen. Keine Bedeutung zu haben, heißt aber nicht, funktionslos zu sein. Eine der zentralen Funktionen von Genus wird im reference tracking (Corbett 1991: 322) gesehen, in der schnellen Nachvollziehbarkeit des Bezugs etwa von Pronomen, wenn durch den vorangegangenen Kontext mehrere Bezugsmöglichkeiten gegeben sind. Sie kommt bei automatisierter Sprachverarbeitung zum Tragen, von welcher Anfänger aber noch weit entfernt sind. Auch weitere, zum Teil für das Deutsche spezifische Funktionen von Genus haben primär mit routinierter Sprachverarbeitung zu tun und sind dem Lerner damit anfänglich ebenfalls noch nicht greifbar. So erleichtert das Genus eines Artikels bei NPs mit stark erweitertem Adjektiv- oder Partizipialattribut die Identifikation des Kernnomens, ebenso das Erschließen von Beginn und Ende vielgliedriger Komposita (vgl. u. a. Eisenberg 42013b: 139–140).

Der fälschliche Eindruck von Willkürlichkeit und Sinnlosigkeit des Genus ist nicht nur demotivierend, sondern kann dazu führen, dass in der Rezeption die vorhandenen sprachlichen Regularitäten im Input für den Erwerb nicht oder nicht optimal genutzt werden. Im ungesteuerten Erst- und Zweitspracherwerb speichern Lerner erst die Einzelformen mit ihren Eigenschaften und bilden über ihnen langsam Schemata und später teilweise Regeln aus. Verweist der Unterricht auf Auswendiglernen als einziges Mittel der Bewältigung von Genus, entsteht die Gefahr, dass solche impliziten Abstraktionsprozesse, die im Prinzip auch dem Fremdsprachenlerner zur Verfügung stehen, blockiert werden, weil er von vornherein glauben muss, es gebe keine Regeln. In der Produktion führen Genusfehler vordergründig selten zu Kommunikationsproblemen; muttersprachliche Gesprächspartner werden sie daher kaum korrigieren, Lehrer mündlich oft auch nicht, sodass es weiterhin zur Fossilierung kommen kann. Der frühe Hinweis auf Regularitäten, auch wenn sie nur nach und nach vermittelt werden können, soll also zwei Gefahren entgegenwirken: die Lernmöglichkeiten aus dem Input nicht optimal zu nutzen und zu fossilieren. Menzel (2004: 277) fasst die sich ergebenden Vorteile so:

Das Aufzeigen genusrelevanter semantischer und formaler Regularitäten animiert Lerner dazu, bereits bekannte Nomen auf diese Genusindikatoren hin zu analysieren und unterstützt den Prozess des aktiven Hypothesentestens im Hinblick auf die Genusklasse neu zu lernender Nomen. Darüber hinaus tragen Genusregularitäten dem Bedürfnis besonders von Lernenden mit vorrangig analytisch orientierten kognitiven Stilen nach einer systematischen Darstellung der fremdsprachlichen Strukturen Rechnung.

2 Erster Ausgangspunkt: Die Genusregeln von Wegener (1995) und ihre Relevanz in Bezug auf verschiedene Frequenzlisten

Woran sollte man sich bei der Suche nach geeigneten Genusregeln orientieren? Referenzgrammatiken haben lange Zeit den Fokus stark auf die Genus-Determination durch Ableitungsaffixe und auf semantische Regeln beschränkter Reichweite gelegt wie „Maskulina sind ... die Bezeichnungen der Himmelsgegenden, Winde, Niederschläge“, „Neutra sind die meisten Bezeichnungen der Metalle, der chemischen Elemente und der Medikamente“ (Duden. Die Grammatik 1998: 201).[1] Beide Regeltypen, so zuverlässig sie auch sind, betreffen eher Randbereiche des Lexikons, nicht Wörter, die für Lerner anfänglich wichtig sind.

Die Genusregeln Wegeners (1995) bilden insofern einen Neuansatz, als sie unter spracherwerblichem Blickwinkel gefasst wurden, auf einen Grundwortschatz des Deutschen bezogen sind, den von Oehler (1966) mit 817 Simplizia und 136 Derivata, und mit folgenden didaktisch relevanten Fragen verbunden werden: Mit welcher Wahrscheinlichkeit macht eine Regel in Bezug auf die Substantive des Grundwortschatzes eine korrekte Vorhersage (Validität der Regel)? Ein wie großer Bereich des Grundwortschatzes ist durch die jeweilige Regel abgedeckt (Skopus der Regel)? Vor allem werden auch Tendenzen einbezogen, also Regeln mit niedriger Validität, solange dies durch einen hohen Skopus kompensiert wird (s. u.).

Nur fünf Regeln erfassen knapp zwei Drittel (65,4 %) des Oehler’schen Grundwortschatzes im Genus korrekt, wobei nicht das ganze verbleibende Drittel arbiträr ist, denn hier wirken teilweise Regeln begrenzterer Reichweite. Wegeners (1995: 89) Regeln lauten im Einzelnen (Beispiele und Gegenbeispiele in eckigen Klammern von R. K.):

1. Substantive, die auf -e auslauten, sind im unmarkierten Fall Feminina (Schwa-Regel). [Beispiel: Lampe – Gegenbeispiel: der Junge]

2. Einsilber und andere Kernwörter[2] sind im unmarkierten Fall Maskulina ... [Beispiel: Tisch – Gegenbeispiel: das Bein]

3. Substantive, die auf -en, -el, -er auslauten, sind im unmarkierten Fall Maskulina. [Beispiele: Boden, Himmel, Körper – Gegenbeispiele: das Becken, die Regel, das Wasser]

4. Ableitungssuffixe determinieren das Genus des Substantivs ... [Beispiele: die Prüf-ung, das Teil-chen – kein Gegenbeispiel bei diesen Suffixen]

5. Bezeichnungen für männliche Lebewesen sind im unmarkierten Fall Maskulina, solche für weibliche sind Feminina. [Beispiele: der Mann, die Frau – Gegenbeispiele: die Memme, das Mädchen]

Über diese distributionellen Fakten im Grundwortschatz hinaus können die Regeln psycholinguistische Plausibilität beanspruchen, wie Kunstwortexperimente (Wegener 1995: 82–85), Genuszuweisung zu Fremdwörtern[3] und Beobachtungen zum Spracherwerb belegen. In Untersuchungen zum gesteuerten Deutschlernen wurden Wegeners Regeln zur Interpretation des Lernerverhaltens herangezogen (z. B. bei Diehl u. a. 2000; Schirrmeister 2015). Für die Bedeutung der Regeln in der wissenschaftlichen Diskussion spricht ferner, dass sie auch an anderen Korpora überprüft wurden. So kommt Schirrmeister (2015) auf der Basis von Tschirners Grund- und Aufbauwortschatz Deutsch als Fremdsprache nach Themen von (2008) auf eine noch optimistischer stimmende Reichweite von 74,3 %.

Für die vorliegende Untersuchung habe ich A Frequency Dictionary of German. Core Vocabulary for Learners von Jones/Tschirner (2006) herangezogen. Diese mit Blick auf den erwachsenen Fremdsprachenlerner konzipierte Frequenzliste basiert auf einem Korpus von 4,2 Millionen Wörtern der Gegenwartssprache, ausbalanciert für die Genres Zeitungssprache, Sach- und Fachtexte, literarische Texte und gesprochene Sprache sowie für Region und Alter der Sprecher. Die Liste, im Folgenden als Frequenzwörterbuch 2006 bezeichnet, enthält 4034 Wörter, womit eine normale Textabdeckung von circa 95 % erreicht wird. Darunter sind 1835 Substantive, also fast doppelt so viele wie in Wegeners Liste, wovon für die folgenden Berechnungen nur die 1804 Substantive mit Einfachgenus berücksichtigt werden.

Tabelle 1 zeigt die Werte für Validität und Skopus der einzelnen Regeln und die Reichweite der Regeln insgesamt, wobei sich die Unterschiede zum einen aus dem jeweiligen Bezugswortschatz ergeben (Wegener: Oehler 1966; Schirrmeister: Tschirner 2008; vorliegende Untersuchung: Jones/Tschirner 2006 = Frequenzwörterbuch 2006).[4] Zum anderen kommt es zu Verschiebungen aufgrund unterschiedlicher Zuordnungen von Substantiven zu einer der Klassen (s. u.).

Tabelle 1

Validität und Skopus von Wegeners Genusregeln bezogen auf unterschiedliche Wortlisten

RegelValiditätSkopus
1Natürliches Geschlechtsprinzip

Mann / FrauM / F
Wegener

Schirrmeister

Koeppel
86,1 %

97,5 %

87,4 %
5,9 %

10,8 %

10,8 %
2Schwa-Regel

TascheF
Wegener

Schirrmeister

Koeppel
90,5  %

93,1 %

93,2 %
16,9 %

12,6 %

12,9 %
3Einsilberregel

TischM
Wegener

Schirrmeister

Koeppel
51,8 %

55,4 %

55,1 %
25,9 %

20,7 %

9,0 %
4Pseudosuffix-Regel Rahmen, Mantel, FingerMWegener

Schirrmeister

Koeppel
65,6 %: -en 72 %, -el 60 %, -er 64 %

54,8 %

56,9 %: -en 53 %, -el 60 %, -er 58 %
10,2 %: -en 3 %, -el 2 %, -er 5 %

4,7 %

5,7 %: -en 2 %, -el 1 %, -er 3 %
5Ableitungsregel je nach AffixWegener

Schirrmeister

Koeppel
100 %

98,5 %

98,4 %
6,5 %: -ung 4,6 %, -heit 1,9 %

25,5 %

20,5 % (mit Konversion 26,0 %)
Skopus der Regeln bezogen auf den je-weiligen GrundwortschatzWegener

Schirrmeister

Koeppel
65,4 %

74,3 %

64,4 %

In der Tabelle ist die Regel des Natürlichen Geschlechts den anderen vorangestellt, denn semantische Regeln bilden in allen Genussprachen den Kern des Systems. Es muss aber nicht immer Sexus sein, welcher wie im Deutschen und den heutigen indoeuropäischen Sprachen das bestimmende Kriterium ist; es gibt auch Sprachen, da ist es die Belebtheit der Referenten oder eine Kombination der Kriterien. Ausschließlich semantische Regeln gelten im Englischen, wo – abgesehen von wenigen Ausnahmen – männliche Referenten durch he wiederaufgenommen werden, weibliche durch she und alle anderen durch it.[5]

Im Frequenzwörterbuch 2006 bezeichnen die allermeisten Maskulina (159 von 184) nicht nur männliche Lebewesen, sondern in generischer Lesart beide Geschlechter (Arzt, Schüler, Zeuge, Bär), jedoch mit der Möglichkeit der Desambiguierung durch Movierung (Ärztin, Schülerin, Zeugin, Bärin). Wegen ihrer hohen Validität ist die Regel im Fremdsprachenunterricht hilfreich; gleichzeitig ist sie gut erfassbar. Beschränkt wird sie durch ausschließlich sexusunspezifische Bezeichnungen für Lebewesen wie mask. Mensch, Profi, Fan, Vogel; fem. Person, Katze; neutr. Kind, Individuum einerseits sowie andererseits durch Mädchen (s. u.), Weib, Memme. Der bei Wegener nicht besonders hohe Skopus der Regel sollte nicht täuschen: Auch wenn im Gesamtwortschatz solche Substantive einen geringen Anteil haben, sind sie doch frequent, weil Menschen besonders gerne über Menschen sprechen.

Regel 2 ist eine formale, auf den Wortausgang bezogene, und hat für alle drei Korpora hohe Validität und recht breiten Geltungsbereich. Systematisch außer Kraft gesetzt wird sie durch Regel 1, wenn Substantive auf -e männliche Personen (Junge) bezeichnen oder generisch verwendet werden (Kunde); solche Maskulina werden schwach flektiert. Hier von Ausnahmen zu sprechen, ist wegen der systematischen Interaktion der Regeln im Konfliktfall nicht angebracht, die zudem nicht auf das Deutsche beschränkt ist (vgl. 3). Irregulär sind dagegen die drei Neutra des Korpus Auge, Ende, Interesse, nicht zufällig sind sie aber häufig (vgl. 4) und bereits unter den ersten 30 Neutra des Frequenzwörterbuchs 2006 vertreten.

Die ebenfalls formale Regel 3 hat die geringste Validität, sagt aber ein Viertel von Wegeners Bezugswortschatz korrekt voraus und hat dort den höchsten Skopus. Bezüglich des Frequenzwörterbuchs 2006 ergibt sich eine ähnliche Validität, aber ein deutlich geringerer Skopus. Dies liegt zum einen daran, dass hier nur Einsilber gezählt wurden, während Wegener auch mehrsilbige Kernwörter einbezieht, zum anderen an dem doppelt so hohen Umfang des Frequenzwörterbuchs 2006, der zu mehr vielsilbigen Wörtern führt.[6]

Regel 4 bezieht sich auf die Pseudosuffixe -en, -el, -er. Für das Frequenzwörterbuch 2006 sagt -en 53,4 % der Substantive mit dieser Endung korrekt voraus; weitere 27,6 % sind aufgrund der Wortbildungsregel für substantivierte Infinitive (5.1.3) Neutra, womit knapp ein Fünftel als wirkliche Ausnahmen verbleiben, sämtlich Neutra. Das Pseudosuffix -el weist mit einer Validität von 60,0 % Maskulinum zu, es verbleiben aber mehr Ausnahmen als bei -en. Das Pseudosuffix -er hat eine Validität von 57,8 %. Der Skopus aller drei Pseudosuffixregeln liegt im Frequenzwörterbuch 2006 bei nur 5,7 % und damit deutlich unter dem fast doppelt so hohen Wert bei Wegener, die alle Substantive auf -er der Pseudosuffixregel zuschlägt, während maskuline Personenbezeichnungen auf -er hier (wie bei Schirrmeister 2015) der semantischen Regel zugeordnet werden. Dies führt für Letztere zu etwa dem Zuwachs an Skopus, der für die Pseudosuffixregel verloren geht.

Regel 5 betrifft Wortbildungsaffixe, die fast immer genusdeterminierend sind. Wegener berücksichtigt nur -ung und -heit/-keit, weil andere Suffixe in ihrem Grundwortschatz kaum eine Rolle spielen. In dem anders zusammengesetzten und umfangreicheren Frequenzwörterbuch 2006 spielen sie eine bedeutendere Rolle. Die Regelvalidität der mindestens zweimal auftretenden Suffixe beträgt 99,4 % (-nis ist in 2 von 13 Fällen nicht Neutrum, -tum hier nur Neutrum), ihr Skopus 19,2 %. Zusammen mit den Ge-Präfigierungen beträgt der Skopus der Ableitungen insgesamt 20,5 %. Die von Wegener nicht als solche angesprochene Verbstamm-Konversion (→ Maskulinum)[7], Infinitiv- und sonstige Konversionen (→ Neutrum) haben eine Validität von 98,0 % und einen Skopus von 5,5 %, sodass Wortbildungsregeln schließlich für 26,0 % der Substantive des Frequenzwörterbuchs das Genus korrekt und höchst valide vorhersagen.

Insgesamt bestimmen die Regeln 1–5 und die Konversionsregeln 64,4 % der Substantive des Frequenzwörterbuchs 2006 korrekt in ihrem Genus, ein Wert, der dem von Wegener ähnelt. Das zeigt, dass Genuszuweisung nicht arbiträr ist, zumal hier nur grundlegende Regeln herangezogen werden.

3 Zweiter Ausgangspunkt: Genus in typologischer und sprachvergleichender Perspektive

An zwei Beispielen soll deutlich werden, welche Vorteile es hat, die begrenzte Sicht auf das Deutsche zu überwinden, bevor sprachvergleichende Überlegungen auch für die Frage nach Regularitäten beim Neutrum angestellt werden.

Der Junge, der Kollege folgen nicht der Schwa-Regel, wonach Substantive auf -e zu über 90 % feminin sind. Diese Ausnahme lässt sich wie im vorangegangenen Abschnitt innersprachlich dadurch erklären, dass das Natürliche Geschlechtsprinzip hier die phonologischen Regeln überspielt. Nun finden sich parallele Fälle aber auch in anderen indoeuropäischen Sprachen. Im Lateinischen ist agricola ‚Bauer‘ maskulin, obwohl Substantive auf -a unmarkiert zu femininem Genus führen (hora ‚Stunde‘); im Italienischen kann collega maskulin verwendet werden, obwohl auch hier -a unmarkiert Femininum auslöst (la luna ‚der Mond‘); spanisch colega oder polnisch kolega sind entgegen einer ähnlichen phonologischen Regel maskulin, was auch für russisch djadja ‚Onkel‘ gilt, trotz feminin gazeta ‚Zeitung‘ oder voda ‚Wasser‘.

Genus hat stets einen semantischen Kern, der mit Belebtheit oder Sexus der Referenten in Verbindung steht. Wenn formale Eigenschaften der Substantive ebenfalls eine Rolle spielen, ist notwendigerweise von einem Bereich der Überlappung semantischer und formaler Zuweisungskriterien auszugehen (vgl. Corbett 1991: 3.3.2), in Einzelfällen aber auch von Konflikten zwischen beiden Regeltypen. Die angeführten Fälle sind repräsentativ dafür, dass sich semantische Kriterien, sofern sie den Kern des Genussystems ausmachen, gegenüber phonologischen Zuweisungsregeln durchsetzen.

Immer wieder zitiert und als scheinbar schlagkräftiger Beweis von Willkür und Irrationalität des deutschen Genus angeführt wird Mark Twains humoristische Übertreibung, im Deutschen habe eine Rübe ein Geschlecht, in grober Respektlosigkeit aber nicht ein Mädchen, weil es das Mädchen heißt. Daran ist nicht nur die Gleichsetzung von Genus und Sexus bzw. von grammatischem und natürlichem Geschlecht falsch, falsch ist auch, dass Mädchen für geschlechtslos gehalten würden: Wenn Deutschsprachige sich auf eine in einem vorangehenden Satz als Mädchen bezeichnete Person beziehen, steigt die Wahrscheinlichkeit des Pronomens sie statt es mit dem Abstand zum Bezugswort; Mädchen werden also keineswegs als geschlechtslos konzeptualisiert. Das Genus verdankt sich vielmehr dem Diminutivsuffix -chen, das wie alle solchen Suffixe (-lein, -le) im Deutschen Neutrum zuweist.

Was hätte Mark Twain zu einem vergleichbaren Fall im Lak gesagt, einer Kaukasussprache mit vier Genera, von der Corbett (1991: 24–26) berichtet? Genus I und II des Lak sind für männliche bzw. weibliche Personen reserviert. Ursprünglich gab es in Genus III für andere Lebewesen und viele Unbelebte nur ein Substantiv, das eine weibliche Person bezeichnete: duš ‚Mädchen, Tochter‘. Genus III entwickelte sich dann zu einem Ausdruck von Höflichkeit, wenn man junge Frauen ansprach. Die entsprechenden Substantive wechselten in der Ansprache dorthin – eine Konvention, die sich so weit ausbreitete, dass bald die Bezeichnung jeder Frau außerhalb der unmittelbaren Familie in dieses Genus fiel; innerhalb der Familie werden nur noch Mutter und Großmutter mit dem ursprünglichen Genus für weibliche Personen angesprochen.

Es sollten eher solche Geschichten erzählt werden, die menschliche Kategorisierungen nachvollziehbar machen und ihre Motivationen erhellen, als mit dem scheinbar absurden Mädchen die Willkürlichkeit in den Vordergrund zu stellen und damit das Erfassen von Genusregularitäten zu behindern. Genus ist ein Ausdruck menschlicher Klassifikationsleistungen, die oft sprachspezifisch sind, aber auch erstaunliche Gemeinsamkeiten aufweisen, die als Lernhilfen genutzt werden können.

4 Ist das Neutrum überwiegend irregulär?

Keine von Wegeners Regeln weist Neutrum zu, abgesehen von den Ableitungsregeln, die in ihrem Korpus elf zu Neutra führende Affixe mit einem Skopus von nur 1,33 % umfassen, sodass Wegener (1995: 92) sie nicht für erwerbsrelevant hält.

Ist das Neutrum also ein weitgehend arbiträres Genus, der Bereich, in dem sich das Willkürliche tatsächlich manifestiert? Einige Beobachtungen scheinen dafür zu sprechen, zuerst der geringe Anteil der Neutra. Bezogen auf das Duden-Universalwörterbuch (1989) stellen sie lediglich 20 % der Substantive, während Maskulina und Feminina einen Anteil von 37 % bzw. 42 % erreichen (vgl. Hoberg 2004: 82–83; dort auch vergleichbare Zahlen für weitere Korpora). Sodann ist ihr Anteil am höchsten bei den frequentesten Wörtern. Im Frequenzwörterbuch 2006 sind unter den ersten 200 Substantiven 27,5 % Neutra, ihr Anteil fällt danach aber sofort ab und verharrt bei durchschnittlich 18 % (vgl. Abb. 1); unter den ersten zehn Substantiven sind gar fünf Neutra: Jahr, Mal, Beispiel, Kind, Land. Dies ist insofern für die Frage nach der Arbitrarität von Belang, als sich generell sprachliche Irregularitäten unter den häufigsten Phänomenen zeigen, denn besonders Frequentes prägt sich gut ein und wird im Spracherwerb nicht so leicht einer Regularisierung unterzogen – und in der Produktion wird es für den schnellen Abruf bevorzugt direkt gespeichert und muss daher nicht regelbezogen abgeleitet werden.

Abbildung 1 Anteil der Genera an den 1804 Substantiven des Frequenzwörterbuchs 2006 für je 200 Wörter
Abbildung 1

Anteil der Genera an den 1804 Substantiven des Frequenzwörterbuchs 2006 für je 200 Wörter

Köpcke (1982: 116), der für die einsilbigen Wörter des Leipziger Rechtschreib-Dudens von 1967 semantische, phonologische und morphologische Genusregeln aufstellt, sieht diese für Maskulina und Feminina zu 96 % bzw. 81 % bestätigt, aber: „Für die Neutra ist der Wert der positiven Genuszuweisungen mit 29,9 % sehr gering ausgefallen. Die Ursache hierfür ist darin zu suchen, dass keine eindeutige morphologische oder phonologische Regel für neutrale Genuszuweisungen formuliert werden konnte, lediglich eine Reihe semantischer Regeln sorgen für neutrale Genuszuweisungen.“ Frey (2008) findet typische Auslautmuster für Maskulina und Feminina, kommt für Neutra aber zu dem Schluss, dass Endrandkonsonanz hier nicht prädiktiv sei. Wie Köpcke verweist sie jedoch auf einige semantische Regularitäten (5.3).

Neutra sind aber – und dies könnte neben der hohen Frequenz ihre Lernbarkeit begünstigen – im Input gut zu erkennen, denn sie weisen mehr kongruierende Einheiten mit eindeutiger Genusmarkierung auf als Maskulina und Feminina: Der definite Artikel das signalisiert nur Neutrum, der dagegen auch Gen./Dat. Fem. Singular und Gen. Plural und die auch Plural; ebenso ist das Neutrum beim stark flektierenden Adjektiv als einziges Genus mit –es eindeutig markiert (großes Glück). Weitgehend eindeutig und zudem auffällig wird Neutrum auch durch den er-Plural (Kinder, Dächer) signalisiert (5.3).

Dagegen sind in den selteneren obliquen Kasus Genitiv und Dativ die korrespondierenden Einheiten von Maskulina und Neutra identisch und in ihrer Lautstruktur ähneln sich die einsilbigen Substantive beider Klassen stark. Weil ferner auch in der Flexion größere Übereinstimmungen als mit dem Femininum bestehen, wird dem Neutrum in der Genusforschung oft ein sekundärer Status zugeschrieben (vgl. Hoberg 2004: 25, 80–91 oder Wiese 2017: 1054 ff.). Die primäre Genusunterscheidung ist die zwischen Femininum und Nicht-Femininum, die Unterscheidung Maskulinum – Neutrum ist sekundär, eine Gliederung, die für die Architektur des indoeuropäischen Genussystems insgesamt angenommen wird.[8]

Obwohl sich das Neutrum so in seinem Status vom Maskulinum und Femininum unterscheidet, ist es doch ein produktives Genus, denn es kann nicht nur als das Genus der Umkategorisierung (5.1.3) gelten, es integriert auch neue Fremdwörter nach dem Leitwortprinzip (das Poster) oder aufgrund typischer Wortausgänge (das Bracket ‚Teil einer Zahnspange‘). Im folgenden Abschnitt wird gezeigt, dass es auch in der Hinsicht nicht zurücksteht, als es verlässliche Regeln gibt, die im Frequenzwörterbuch 2006 immerhin 60 % der neutralen Substantive abdecken.

5 Genusregeln beim Neutrum in Bezug auf das Frequenzwörterbuch 2006

Nun sollen Zuweisungsprinzipien für Neutra hinsichtlich ihrer Validität und ihres Skopus am Frequenzwörterbuch 2006 überprüft werden. Das kann eine Basis für didaktische Regeln bilden, Letztere aber nicht allein bestimmen, wie in Abschnitt 6 zu diskutieren ist. Um einen Fall schon vorab zu erwähnen: Das Suffix -chen kommt hier nur drei Mal vor; dennoch ist es produktiv und Ausdruck eines wichtigen Aspekts der Neutrum-Semantik, auch erhellt es das so auffällige Mädchen. Für didaktische Überlegungen sind also weitere Faktoren als Häufigkeit zu berücksichtigen.

5.1 Die sichere Bank (für später): Wortbildungsregeln

5.1.1 Komposition

Für alle Genera gilt, dass das Grundwort das Genus des Kompositums bestimmt. Bei Kurzwörtern wie BGB, Kripo bestimmt die Vollform das Genus (das Bürgerliche Gesetzbuch, die Kriminalpolizei). 47 der 345 Neutra im Frequenzwörterbuch 2006 sind Komposita oder Kurzwörter (Skopus 13,6 %).

5.1.2 Derivation

Derivationsaffixe determinieren in aller Regel das Genus, sind also äußerst valide. Doch auch im Frequenzwörterbuch 2006 sind die Affixe bei Neutra selten: Die 43 Vorkommen haben einen Skopus von nur 2,4 % in Bezug auf diesen Wortschatz, doch von immerhin 12,5 % für die Neutra; die produktiven Suffixe -chen, -lein kommen nur 3 x bzw. 1 x vor, -tel 2 x: Viertel, Drittel, die nicht auf Neutra beschränkten -nis 11 x: Ergebnis, Verhältnis (2 x im Femininum) und -tum 2 x: Wachstum, Eigentum (hier nicht im Maskulinum). Deutlich häufiger als bei Wegener sind Bildungen mit Ge- (-e): Gespräch, Gelände (24 x im Neutrum, 4 x im Maskulinum); 8 Feminina beginnen mit Ge-, das hier aber zur Basis gehört und nicht für die Substantivbildung verantwortlich ist (vgl. Geburt, Geschichte).

5.1.3 Konversion

Konversion, der Prozess, bei dem aus einer Basis ein Wort anderer Wortart ohne die Hilfe von Derivationsaffixen gebildet wird, ist eine Domäne des Neutrums. Im Frequenzwörterbuch 2006 sind 17 Infinitivkonvertate vertreten (Leben, Verfahren, Essen ...) und 6 Bildungen mit adverbialer (das Zuhause), adjektivischer (das Italienisch, Französisch, Innere, Dunkel) bzw. präpositionaler Basis (das Plus). Hier nicht belegt, aber produktiv ist die Substantivierung auch anderer Wortarten und der Buchstaben zu Neutra. Feminina sind an Konversion nur beteiligt, wenn die Grundzahlen (die Vier) substantiviert werden (ebenfalls nicht belegt), Maskulina bei der nicht mehr produktiven, aber häufigen Verbstammkonversion (der Schlaf).[9]

Das Neutrum bildet auch physikalische Einheiten aus den Namen ihrer Entdecker (Ampere, Curie, Watt) oder Städtenamen. Hier hat das Genus eine Bedeutung, die Hoberg (2004: 106) aber mit Konversion in Verbindung bringt: „Die semantische Funktion des Genus kann hier zusammenfassend als ‚Umkategorisierung‘ gefasst werden (wie sie ähnlich bei Konversion vorliegt).“

5.2 Typische Wortausgänge

Für Neutra typische Wortausgänge sind -um (Studium), /-o:/ (Auto, Kino, Büro, Niveau), -al (Regal, Material, Personal), -ment (Medikament, Engagement), -ier (Papier), -at (Format), betontes /-i:n/ (Vitamin), -ma (Thema), -ing (Marketing). Sie finden sich an 62 der 345 Neutra des Frequenzwörterbuchs 2006 mit einer Validität von 80,5 %. Berücksichtigt man bei General, Kandidat, Oma, Offizier u. a. das übergeordnete semantische Prinzip, haben nur noch 11,7 % der so auslautenden Substantive nicht vorhersagbares Genus, meist Maskulinum, was wieder die Nähe dieser beiden Genera belegt. Typische Wortausgänge sind in der Regel für Mehrsilber prädiktiv, auf Einsilber wie Qual, Rat, Ring dagegen meist nicht anwendbar. Dass sie sich auch bei anderen Genera finden, haben schon Wegeners Schwa-Regel und Regel für Substantive auf -en, -el, -er gezeigt.

In der Literatur wird oft nicht zwischen typischen Wortausgängen und Derivationssuffixen unterschieden (Wegener 1995: 92; Wegera 1997: 85). Hierfür lassen sich Gründe anführen:

1. Nicht wenige der Ausgänge befinden sich an nicht nativen Wörtern, die in den Gebersprachen in der Regel Derivationsmorpheme sind. Dies gilt fast ausschließlich für die o. a. Enden der Neutra, für die Feminina auf ‑ion, -ie, -ik, -tät (nicht auf Schwa) und noch für einige Maskulina auf -or, -ist, ‑eur (nicht auf -en, -el, -er).

2. Die validesten heimischen Wortausgänge, besonders das -e und das -en, gehen auf Morpheme zurück, weshalb sie oft Pseudomorpheme genannt werden; formal wirken sie wie Flexive. „So erweisen sich auch im Deutschen diejenigen [phonologischen] Korrelationen, die als relativ valide gelten können, letztlich als morphologisch begründet (wenn auch nicht so offensichtlich wie in bestimmten romanischen und vor allem in den slawischen Sprachen mit ihrer overteren Flexionsmorphologie)“ (Hoberg 2004: 98).

3. Es ist fraglich, ob Nicht-Sprachwissenschaftler die Unterscheidung zwischen Derivationssuffix und Wortausgang überhaupt treffen. In Kunstwortexperimenten konnte der deterministische Charakter von Wortbildungsmorphemen nicht nachgewiesen werden (vgl. u. a. Menzel 2004: 134). Aus Lernersicht ist die Regel, dass Substantive auf -e überwiegend feminin sind, nützlicher als die Unterscheidung von -e als Wortausgang in Tasche, (nicht mehr produktives) Derivationssuffix in Suche oder Teil von fremden Wortausgängen in -ine, -ette, denn Feminina sind sie allemal.

Bei typischen Wortausgängen lässt sich von Schemata sprechen, an die jeweils ein bestimmtes Genus geknüpft ist. Während Schemata „auf die Repräsentationen der einzelnen Wörter im mentalen Lexikon zugreifen (und daher auch inhaltliche oder formale Ähnlichkeit als Bedingung fordern), nehmen viele von Regeln an, dass sie unabhängig von den Wörtern gespeichert sind, die nach ihnen funktionieren. Damit wären sie allgemein, ohne Rücksicht auf formale oder inhaltliche Einschränkungen, anwendbar“ (Nübling u. a. 2017: 79). Die Genuszuweisung bei Wortbildungsprodukten wäre dann regelgeleitet.

Fasst man die Regeln und Schemata zu Komposition, Derivation, Konversion bzw. den neun typischen Wortausgängen zusammen, so sagen sie 175 der 345 Neutra des Frequenzwörterbuchs 2006, also 50,7 % korrekt voraus. Das ist aus didaktischer Sicht bereits erfreulich, aber Wortbildungsprodukte sind in der Regel nicht die frühesten Wörter, denen Lerner begegnen, und die typischen Ausgänge finden sich nur bei nicht nativen Wörtern; von den ersten 30 Neutra lassen sich so nur knapp halb so viele (23,3 %) erfassen.

5.3 Kontrovers: Neutrum und Flexive

Eine andere Regel erweist sich nun gerade bei den morphologisch einfachen nativen Neutra als nützlich: Ein Substantiv mit er-Plural ist Neutrum (Kinder, Länder, Häuser). Sie hat im Frequenzwörterbuch 2006 eine Validität von 84,6 %. Als flexionsmorphologische ist sie aber eine Regel anderen Typs als die bislang besprochenen – und weil Wegera (1997: 86) apodiktisch erklärt „Die flexionsmorphologischen Regularitäten scheiden als Lernregeln vollständig aus“, bedarf sie besonderer Diskussion und Begründung.

Für Corbett (1991: 50) ist Flexion ein wichtigeres morphologisches Zuweisungskriterium als Derivation, denn in Sprachen mit Flexionsklassen gehört jedes Substantiv einer solchen Klasse an, aber nicht jedes ist abgeleitet. Für das Russische schlägt er vor, das Genus – soweit es nicht semantisch bestimmt ist – ökonomisch aus der Flexionsklasse abzuleiten, denn diese müsse ohnehin jeweils im mentalen Lexikon gespeichert werden. Für das Deutsche bedauert er, dass die meisten Forscher annehmen, „that the inflectional morphology of German nouns should be derived from their gender, whereas the alternative approach, as adopted for languages like Russian above, appears promising“ (Corbett 1991: 49). Nun ist seine Analyse schon für das Russische umstritten und für das Deutsche wird ihr meist widersprochen (zur Diskussion vgl. Hoberg 2004: 91–95; Duke 2005: 41; Scheibl 2008: 59–63)[10]; stattdessen wird davon ausgegangen, dass Genus im Deutschen den Flexionsklassen übergeordnet ist und Flexive im unmarkierten Fall vom Genus bestimmt sind.

Festzuhalten ist aber der enge Zusammenhang von Genus und Flexionsklasse, der nach Scheibl (2008: 61) auch dafür verantwortlich ist, dass Deutsch nicht über variables Genus verfügt wie Französisch oder Spanisch mit le/la journaliste bzw. el/la periodista, abgesehen von den oben schon erwähnten Konvertaten aus nicht genusfesten Wortarten wie der/die Jugendliche, Studierende. Aufgrund der Flexive können Genera erkannt oder zumindest ausgeschlossen werden: Ein Substantiv ohne Kasusendungen im Singular muss Femininum sein, eins mit Genitiv-s Maskulinum oder Neutrum, eins mit Genitiv-en (schwaches) Maskulinum. Doch begegnen Kasussuffixe im Input nur selten, weshalb sich die häufigeren Pluralsuffixe zum Erschließen oder Ausschließen eines Genus besser eignen. Köpcke zieht bei seiner Analyse der Einsilber neben semantischen und phonologischen Regeln Pluralformen als Zuweisungshilfen heran. Eindeutig ist für ihn hier nur die Regel, dass Plural-en Femininum zuweist – Maskulina mit diesem Plural werden durch drei semantische Regeln „erklärt“ (Köpcke 1982: 80), wodurch nur noch wenige Ausnahmen verbleiben.

Für die Regel, dass ein Substantiv mit er-Plural Neutrum ist, spricht ihre schon angeführte recht hohe, sprachgeschichtlich begründete Validität von 84,6 % (im Ahd. war -ir noch ein Pluralmarker ausschließlich für Neutra); ihr Skopus in Bezug auf alle Neutra beträgt 12,8 %. Abweichungen im Frequenzwörterbuch 2006 bilden acht Maskulina, wovon bei Mann aufgrund des Natürlichen Geschlechtsprinzips und bei Gott, Geist als metaphorisch erweiterte Personenbezeichnungen Neutrum auszuschließen ist – hier setzen sich genau die semantischen Regeln durch, welche auch die Schwa-Regel für Feminina und die Vorhersagekraft der typischen Wortausgänge bei Neutra beschränken. An Ausnahmen im eigentlichen Sinn bleiben Mund, Wald, Rand, Leib, Geschmack. Der Skopus der Regel ist mit 2,4 % auf die gesamte Wortliste gering, aber in Bezug auf die 81 einsilbigen Neutra, für die ansonsten keine formalen und semantischen Regeln (außer bei Kind) greifen, mit 39,5 % (32 Formen) hoch; der für Neutra als unmarkiert geltende e-Plural hat bei Einsilbern einen Anteil von 42 % (34 Formen), die drittgrößte Gruppe bilden Stoffnamen und Abstrakta ohne Plural (7 Formen).

Didaktisch wirft der Vorschlag dennoch Fragen auf: Der Fremdsprachenlerner muss sich mit Genus und Plural gleichzeitig auseinandersetzen. Ist es möglich, aus dem Pluralflexiv, welches weitgehend vom Genus bestimmt wird, auf Letzteres zurückzuschließen? Sind die distributionellen Verhältnisse im Wortschatz spracherwerblich nutzbar? Das ist vermutlich so, denn erstens ist -er phonologisch das salienteste (auffälligste) aller Pluralallomorphe (vgl. Wegener 1995: 17); zudem ist die resultierende gesamte Substantivform in zwei von drei Fällen durch den Umlaut phonologisch wie graphematisch salient. Zweitens sind er-Plurale sehr frequent im Input; unter den häufigsten solcher Neutra sind beispielsweise Kind, Land, Blatt, Kleid pluraldominant. Auffälligkeit, Häufigkeit und Verlässlichkeit hinsichtlich Genus in pluralischen Kontexten legen daher nahe, dass der Hinweis, Substantive mit er-Plural seien meist Neutra, spracherwerblich wirksam werden kann. Nützlich ist er vor allem für den frequentesten und damit in der Regel zuerst zu lernenden Teil des Wortschatzes, wo Derivate, Konvertate, Komposita und nicht native Wörter mit typischem Ausgang noch keinen großen Anteil haben.

Wird der er-Plural einbezogen, verbessert sich die Validität der Einsilber-Regel von 55,1 % auf 62,5 %. Sie wäre dann so zu reformulieren: Einsilber sind meist Maskulina, Einsilber mit er-Plural aber Neutra.[11]

Mit den wortbildungs- und flexionsmorphologischen sowie phonologischen Regeln lassen sich bereits 60,0 % der Neutra des Frequenzwörterbuchs 2006[12] korrekt vorhersagen, was die Lernaufgabe erleichtern kann und nicht nur zeigt, dass das Neutrum kein irreguläres Restgenus ist. Vielmehr ist, wie Tabelle 1 zeigt, die Reichweite der formalen Regeln für die Neutra ähnlich hoch wie die für Maskulina und Feminina ohne die Regel des Natürlichen Geschlechtsprinzips: 59,5 % bei Wegener, 63,5 % bei Schirrmeister! Die nun folgenden semantischen Regeln lassen sich aus Gründen, die unten dargelegt werden, schlecht quantifizieren, tragen aber zum besseren Verständnis des Neutrums und besonders der mit ihm verbundenen Wortbildungsprozesse bei.

5.4 Schwerer durchschaubar und nur beschränkt verlässlich: Semantische Regeln

Wenn Belebtheit und Sexus den semantischen Kern von Genus in indoeuropäischen Sprachen bilden und männliche Personen (zum Teil auch domestizierte Tiere) maskulin, weibliche feminin sind, welche semantischen Regeln ähnlich großer Allgemeinheit und Motiviertheit bleiben dann für Neutra? Wie schon in Abschnitt 2 erwähnt, hat das Englische für den semantischen Rest eine einfache und mächtige Regel: Die Substantive, welchen nicht aufgrund eines positiven semantischen Kriteriums Genus zugewiesen werden kann, kongruieren mit den neutralen Pronomina. Aber in den indoeuropäischen Sprachen mit nominalem Genus wird der Rest auf alle vorhandenen Genera aufgeteilt und ist nicht Domäne eines Genus. Während nach Murelli/Hoberg das Genus von Sachbezeichnungen in Sprachen wie dem Polnischen mit seinen drei Genera formbestimmt ist[13] oder wie im Französischen mit seinen zwei Genera teils form-, teils leitwortbestimmt ist, hebt sich das Deutsche hier „mit seinem leitwortbestimmten Genus für mehrere Sachgruppen“ (Murelli/Hoberg 2017: 843) von anderen verwandten Sprachen ab.

Über Regeln beschränkter Reichweite wie „Metalle, Buchstaben und Städtenamen sind Neutra“ hinaus sind Prinzipien größerer Allgemeinheit vorgeschlagen worden: Unbelebte Gegenstände sind unmarkiert Neutra (kritisch diskutiert in Wegener 1995: 88–89), Oberbegriffe bevorzugt Neutra (Zubin/Köpcke 1986), Kontinuativa (mass nouns) korrelieren mit dem Neutrum (Frey 2008; Leiss 1997).

Diese Prinzipien sollen nun nacheinander in einem gemeinsamen Rahmen besprochen und auf das Frequenzwörterbuch 2006 bezogen werden. Den Rahmen bildet die Skala der Individuation nach Sasse (1993: 659), auf der Substantive angeordnet werden können (Tab. 2, mittlere Spalte). Eigennamen am oberen Ende der Skala bezeichnen idealerweise genau ein Individuum, Kontinuativa wie Salz, Wasser am unteren Ende Stoffe, die erst mit Maß- und Mengenausdrücken zu abgrenzbaren Einheiten werden: eine Prise / ein Teelöffel / ein Pfund Salz, ein Liter / eine Flasche Wasser. In etwa der Mitte liegt die Grenze zwischen Belebtheit und Unbelebtheit, die insofern eine Rolle spielt, als „wir Hochbelebtes, das uns Menschen am ähnlichsten ist, als besonders individualisiert wahrnehmen“ (Nübling u. a. 2017: 69). Sasse hat die Hierarchie sprachunabhängig konzipiert, um Wortartenunterscheidungen der Sprachen der Welt im nominalen Bereich typologisch charakterisieren zu können, nicht im Hinblick auf Genus. Seine und vergleichbare Hierarchien, u. a. die „erweiterte Belebtheitshierarchie“ bei Croft (2003: 130 ff.), prägen die Grammatik von Sprachen in vielerlei Hinsicht, etwa der morphologischen Markierung von Plural und von Objekten oder der Wortstellung. Hier soll sie mit Genus in Verbindung gebracht werden, was in Einklang steht mit Corbetts (1991: 31–32) Feststellung: „... the criteria on which gender systems are based are not restricted to gender systems but are found in other parts of linguistic structure too.”

Bezieht man die vorgeschlagenen Prinzipien auf die Skala, zeigt sich, dass sie die Neutra eher im mittleren bis unteren Bereich der Individuation verorten (linke Spalte von Tab. 2). In der einschränkenden Formulierung der Thesen muss das noch keinen Widerspruch zu den Befunden der rechten Spalte darstellen, wonach Neutra im Frequenzwörterbuch 2006 über die gesamte Skala verteilt sind; vielmehr ist es Anlass, den Status der weiter oben stehenden Neutra näher zu betrachten.

Tabelle 2

Skala der Individualität von stark individuiert bis stoffhaft mit Thesen zur Semantik der Neutra

Thesen zur Semantik des NeutrumsSkalaBeispiele des Frequenzwörterbuchs 2006
Eigennamen
Gattungsnamen für PersonenKind, BabyMädchen, FräuleinWeib
Gattungsnamen für TierePferd, SchweinTier
Unbelebte sind im unmarkierten Fall Neutra

Oberbegriffe sind bevorzugt Neutra, bei Basisbegriffen sind Neutra nur sekundär vertreten (Zubin/Köpcke 1986)
Gattungsnamen für unbelebte KonkretaBett, AutoDing, Werkzeug,Nahrungsmittel
AbstraktaGlück
Kontinuativa korrelieren am stärksten mit dem Neutrum (Frey 2008; Leiss 1997)Kontinuativa/StoffnamenFleisch, Brot Eisen, Salz, Wasser

5.4.1 Neutra und Belebtheit

Das Frequenzwörterbuch 2006 enthält 20 belebte Neutra, das sind 5,8 % aller Neutra. Demgegenüber sind 193 oder 29,4 % aller Maskulina belebt, aber nur 35 oder 4,4 % der Feminina. Allerdings sind viel mehr belebte Feminina möglich, z. B. durch Movierung aller 79 maskulinen Personenbezeichnungen auf -er (moviert nur acht Mal vertreten), sodass sich trotzdem festhalten lässt, dass Neutra typischerweise Unbelebtes bezeichnen, was nicht nur im Deutschen die Formgleichheit von Nominativ und Akkusativ motiviert. Für Wiese (2017: 1066–1067) stellt sie „eine (erstarrte) Form differentieller Objektmarkierung dar“, mit der auf einer niedrigen Position der Individuationsskala zu rechnen sei. Doch in Umkehrung der Sichtweise lässt sich die These, Unbelebte seien im unmarkierten Falle Neutra, nicht halten, denn sie verteilen sich zu 29,8 % auf Maskulina, zu 49,3 % auf Feminina und nur zu 20,9 % auf Neutra.

Unter den wenigen belebten Neutra finden sich nur fünf Bezeichnungen für Einzelpersonen. Kind und Baby beziehen sich auf Personen mit einem natürlichen Geschlecht, welches aber nicht spezifiziert wird; die Bezeichnung richtet sich auf ein junges Lebewesen und dabei ist nicht relevant, ob es eine männliche oder weibliche Person ist, um „welches von beiden“ (lat. utrum) es sich handelt; in der Benennungsabsicht ist es nicht das eine oder andere (ne-utrum). Auch einige nicht im Frequenzwörterbuch vertretenen Junge von domestizierten Tieren weisen diese Bedeutung auf wie Lamm, Kalb, Küken. Dagegen sind Mädchen, Fräulein, Weib lexikalisch als weiblich spezifiziert, doch in den beiden ersten Fällen bestimmen die Diminutivsuffixe -chen, -lein sexuswidrig das Genus. Das heute pejorativ verwendete Weib ist eine Ausnahme.

Fast alle weiteren personalen Neutra des Frequenzwörterbuchs 2006 bezeichnen Gruppen von Personen, sind also Kollektiva und damit weniger individuiert wie Volk, Ehepaar und Team, Ensemble, Orchester oder Publikum, Gremium, Personal (Letztere sind nicht native Substantive mit neutrumtypischen Wortausgängen, vgl. 5.2). Drei weitere Belebte bezeichnen Tiere, darunter Pferd, Schwein, die teils als Oberbegriffe (vgl. die nicht im Frequenzwörterbuch 2006 vertretenen Hyponyme Hengst, Stute, Fohlen mit der erwartbaren Genusverteilung), teils als Basisbegriffe verwendet werden. Ausschließlich Oberbegriff ist Tier selbst, Lebewesen umfasst auf einer noch einmal höheren Klassifikationsebene Personen und Tiere.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Neutrum bei Bezeichnungen von Belebten eher selten erscheint; doch ist die hier hervortretende Semantik aufschlussreich und setzt sich im Bereich des Unbelebten fort. Sie bildet erstens eine Brücke zu den nativen neutralen Wortbildungsaffixen: Die Nicht-Differenzierung von Sexus bei Kind, Baby aufgrund von Klein-Sein überlappt sich mit der Bedeutung der Diminutivsuffixe, deren Genusdetermination so als motiviert angesehen werden kann.[14] Zweitens bildet die Zusammenfassung von Personen zu Kollektiven eine Brücke zu Ge- (e), mit dem häufig Kollektiva gebildet werden[15], eine Bedeutung, die Grimm als eng mit der ersten verbunden sieht: „Urbedeutung des neutrums scheint, daß es die unentwicklung des geschlechts, nicht gerade geschlechtslosigkeit bezeichne. Daher wird das junge, dessen geschlecht sowohl männlich als weiblich sein kann, sich aber noch unwirksam darstellt, oder das allgemeine, collective durch das neutrum ausgedrückt“ (Grimm 1831: 315). Drittens setzt sich im Unbelebten die Oberbegriff-Tendenz fort. Mit diesen drei Bedeutungsaspekten geht ein je unterschiedliches Maß an Differenzierung und Individuierung einher, welches die Anordnung in Tabelle 2 spiegelt.

5.4.2 Neutra und Unbelebtheit

Für Zubin/Köpcke (1986) sind Wörter, die kaum Informationen über ihre Referenten geben, und Übergeordnete in lexikalischen Taxonomien bevorzugt Neutra. Die Autoren belegen das zum einen an Beispielen wie Ding, Element, Gerät, Glied, Gut, Objekt, Stück, Teil, Werk, Wesen, Zeug, die sich auch im Frequenzwörterbuch 2006 finden. Zum anderen weisen sie darauf hin, dass die Neutrumform von Demonstrativa oder Pronomina verwendet wird, wenn etwas noch nicht benannt und kategorisiert ist: Was ist das?

Die semantische Basis ist für Zubin/Köpcke wieder das von Grimm herausgestellte Undifferenzierte des Neutrums – Oberbegriffe dürfen, um als solche zu funktionieren, semantisch nicht zu spezifisch sein –, während die ihnen gegenüberstehenden Basisbegriffe konkret visualisiert werden können wie Apfel, Banane, Erdbeere gegenüber Obst oder sich konkrete Handlungen mit ihnen angeben lassen, z. B. bei Tisch, Stuhl, Schrank gegenüber Möbelstück. In diesem Sinne sind sie differenziert und individuiert, was mit der Bevorzugung von Maskulinum und Femininum einhergehe. Die Autoren machen auch auf morphologische Prozesse zur Bildung von Oberbegriffen aufmerksam. Als Präfix ist wieder Ge- vertreten (Getränk, Gemüse, Gefühl) und einige der einfachen Oberbegriffe gehen als semantisch ausgeblichene Zweitglieder in die Bildung weiterer Oberbegriffe ein: Werkzeug, Fahrzeug; Nahrungsmittel, Arzneimittel.

Probleme für die These bilden Neutra, die keine Oberbegriffe sind, und Oberbegriffe, die keine Neutra sind wie Farbe, Pflanze. Letztere erklären Zubin/Köpcke (1986) mit den verwickelten Wegen der Sprachgeschichte, sehen sie aber immer noch als kognitiv motiviert an. In einer alternativen Sicht würde sich hier aber die formale Schwa-Regel gegenüber einer schwächeren semantischen Tendenz durchsetzen. Die Erklärung für Neutra, die keine Oberbegriffe sind, ist komplexer. Die Autoren sehen Schiff, Boot nicht als Basisbegriffe, sondern legen das Begriffssystem von Fachleuten zugrunde, für welche diese Wörter Oberbegriffe seien. Als Erklärung für eindeutige Basisbegriffe mit dem Genus Neutrum wird hingegen mit dem „limited inventory dilemma“ (Zubin/Köpcke 1986: 173) argumentiert. Das Dilemma sei, einerseits für jedes Genus eine möglichst transparente Bedeutung anzustreben, andererseits die für die Kommunikation funktionale Dreifachdifferenzierung nicht aufzugeben. Diesem Gedanken ist grundsätzlich zuzustimmen, denn er erklärt, dass viele Sprachen die sexusbasierte Genusunterscheidung auf den Bereich des Unbelebten ausgedehnt haben, wo Sexus keine Rolle mehr spielt, aber er erklärt nicht, warum unter dem Oberbegriff das Möbelstück neben den maskulinen Tisch, Stuhl, Schrank und den femininen Liege, Truhe gerade Bett und Regal Neutra sind. In diesem Fall liegen für alle drei Genera phonologische Regeln vor, die Einsilberregel, die Schwa-Regel bzw. die neutratypischen Wortausgänge -ett und -al.

Ganz am unteren Ende der Individuationsskala siedeln Frey (2008) und Leiss (1997) die Neutra als bevorzugt Kontinuativa und Massenomen an (Öl, Wasser, Gas, Gold). Nach Leiss (1997) war Genus im Indoeuropäischen eine echte, semantisch motivierte grammatische Kategorie, ein Zustand, der im Ahd. noch teilweise erhalten gewesen sei. Maskulinum habe dazu gedient, Singulativa zu bilden, Femininum Kollektiva und Neutrum Kontinuativa. Genus habe so die nominalen Referenten quantitativ perspektiviert; danach wäre Genus eine morphologische Kategorie wie Numerus gewesen, die Lexemen nicht inhärent ist, sondern ihnen mit einer Form eine Bedeutung hinzufügt, Singular – Plural bzw. im Fall von Genus Singulativum (zählbar) – Kollektivum – Kontinuativum (unzählbar).

Diese Art systematischer Opposition der Genera lässt sich im Nhd. noch im eng begrenzten Bereich deverbaler Substantivierung finden, den die Akademie-Grammatik (Heidolph u. a. 1981: 573) so darstellt: „Maskulina des Typs der Lauf, der Ruf, der Stoß charakterisieren ein begrenztes Ereignis (punktuell); Neutra des Typs das Laufen, das Rufen, das Stoßen bezeichnen einen unbegrenzten Verlauf (durativ); Feminina des Typs die Lauferei, die Ruferei, die Stoßerei zeigen wiederholte Aktionen an (iterativ) ...“. Die singulativen Maskulina wie Lauf sind im Plural möglich, die kontinuativen Neutra wie Laufen nicht, die kollektiven Feminina wie Lauferei möglich, aber seltener im Plural als die Maskulina (vgl. Fischer [2005: 159–160] für vergleichbare Bedeutungen des Neutrums in weiteren Sprachen).

Für die Gegenwartssprache können laut Frey (2008) zwischen Genus und Bedeutungen nur noch statistische Korrelationen festgestellt werden, die aber einmal systemhaft gewesen seien. Murelli/Hoberg (2017: 831) bestreiten demgegenüber grundsätzlich die behauptete Genusvariabilität des Substantivs im Indoeuropäischen und bezeichnen die postulierten Genusbedeutungen als spekulativ und vornehmlich an Derivaten gewonnen, deren Suffixbedeutung auf das Genus übertragen worden sei. Sie verweisen außerdem auf die diverse und nicht immer klare Begrifflichkeit. Besonders der Begriff des Kontinuativums scheint problematisch, da er umfassender ist als der auch in didaktischer Sicht besser fassbare Unterbegriff Stoffsubstantiv. Problematisch an der These von Frey (2008) und Leiss (1997) ist auch, dass sie grundlegend andere semantische Merkmale ansetzt, als sie die Typologie mit der zentralen Rolle von Belebtheit und Sexus für Genussprachen bislang herausgearbeitet hat.

Von den 28 eindeutig als Stoffbezeichnungen zu identifizierenden Substantiven des Frequenzwörterbuchs 2006 sind 50 % Neutra, 36 % Maskulina und 14 % Feminina; unter allen anderen Kontinuativa sind die Anteile aber nur 13,5 % Neutra, 24,6 % Maskulina und 62 % Feminina. Es lässt sich somit lediglich die Tendenz formulieren, dass Stoffnamen in der Hälfte der Fälle Neutra sind. Was die Kollektiva betrifft, die für Leiss und Frey mit Femininum korrelieren, finden sich im Bereich des Belebten in der Tat die meisten Feminina, nämlich zwölf Substantive; dann folgen aber schon acht Neutra, womit die Korrelationen und die Unterschiede zwischen Femininum und Neutrum nicht so deutlich sind wie nahegelegt.

Um den didaktischen Nutzen allgemeiner semantischer Regeln für Neutra einschätzen zu können, wären genaue Auszählungen und die Berechnung von Validität und Skopus wie bei den formalen Regeln und dem Natürlichen Geschlechtsprinzip notwendig, was hier aber nicht geleistet werden kann. Ein solches Vorgehen stößt auf die Schwierigkeit, dass Lexeme in der Regel polysem sind. So können Pferd, Schwein sowohl als Ober- als auch als Basisbegriff verwendet werden; Militär kann Institution und Kollektiv sein (das Militär) oder eine dort dienende Person (der Militär); Opfer können belebt oder unbelebt sein; Glas, Brot können Stoffnamen oder Gattungsnamen sein. Der Bezug semantischer Regeln auf solch unterschiedliche Bedeutungen eines Lexems macht sie auch für Lerner schwerer fassbar als phonologische und morphologische. Außerdem festigt sich die Bedeutungsseite von Wörtern im Erwerb langsamer als die Formseite, sodass auch in dieser Hinsicht semantische Regeln als weniger hilfreich erscheinen. Zur eingeschränkteren Nützlichkeit trägt ferner bei, dass semantische Regeln bei den Unbelebten, wie die vorangehende Diskussion gezeigt hat, generell einen schwächeren Status haben als bei den Belebten. Dies macht sie verletzbarer durch konkurrierende Regeln, vor allem phonologische, und führt auch zu stärker einzelsprachlichen Festlegungen.

Die semantischen Prinzipien können aber mit den valideren wortbildungsmorphologischen Regeln in Verbindung gebracht werden und diese motivieren, indem folgende Zusammenhänge hergestellt werden: Nicht-Differenzierung von Sexus und Diminutivsuffixe; Kollektiva von Personen und Sachen und Ge- (e); Oberbegriffe und die Komposita auf -zeug, -mittel sowie Ge- (e) in einer weiteren Bedeutung. Der Hinweis auf die Tendenz, dass Stoffnamen zur Hälfte Neutra sind, mag hilfreich sein, weil 11 der 14 neutralen Stoffnamen des Frequenzwörterbuchs 2006 Einsilber sind und ansonsten keine phonologischen oder morphologischen Regeln greifen und auch das Pluralsuffix nicht indikativ ist, da sie in der Regel nur im Singular verwendet werden.

6 Vorschläge zur Vermittlung von Regeln für das Neutrum im DaF-Unterricht

Basis dieses Teils sind zum einen die bisher gefundenen sprachsysteminternen Regeln und Regularitäten für das Neutrum, insbesondere ihre Validität und Reichweite, sowie die Salienz der genuszuweisenden formalen und semantischen Merkmale, zum anderen die Nachvollziehbarkeit der daraus abzuleitenden expliziten didaktischen Regeln. Deren Einschätzung gründet sich auf die Annahme, dass Zuweisungsregeln und -prinzipien, die typologisch betrachtet in den Genussprachen besonders verbreitet sind, leichter nachvollziehbar sein müssten, wenn davon ausgegangen wird, dass sich im Genus menschliche Kategorisierungsleistungen niederschlagen (ein Korrektiv wären noch zu erbringende empirische Untersuchungen zu Nachvollzug und Anwendung der Regeln durch Lerner). Ferner wird einbezogen, was bislang aus der Spracherwerbsforschung insbesondere über die Verarbeitung von formalen und inhaltlichen Hinweisreizen bekannt ist. Aufgrund dieser Überlegungen wird eine Progression in acht Schritten skizziert, von denen manche eng aneinander gekoppelt sind (Schritte 1 und 2, 5 und 6), andere abhängig von der jeweiligen Lerngruppe und der Steilheit der Vokabelprogression in zeitlich variablem Abstand aufeinander folgen und einige wenige auch vorgezogen oder zurückgestellt werden können.

Die Vermittlung von Genusregeln für Neutra muss zwar gleichzeitig mit der für Maskulina und Feminina beginnen (siehe Schritt 1) und ist auf die Vermittlung der Regeln für Letztere abzustimmen, kann aber dennoch wie im Folgenden in ihrer eigenen Progression bedacht werden. Außerhalb des Fokus bleiben Regeln wie die für Komposita und Kurzwörter, welche für alle drei Genera gelten und im Zusammenhang mit Wortbildung zu besprechen sind.

Unter motivationalen Aspekten genauso wichtig wie die Vermittlung von Zuweisungsregeln ist es, von Anfang an immer wieder an geeigneten Satzfolgen und in Übungen zu zeigen, dass Genus eine Funktion für das Textverstehen hat und nicht sinnlos ist. Das ist aber nicht Gegenstand der folgenden Überlegungen.

Schritt 1: Semantische Regeln für Personen

Es ist sinnvoll, bei der ersten Information über die Genera des Deutschen auf das Natürliche Geschlechtsprinzip für Maskulina und Feminina einzugehen. Es stellt den semantischen Kern des Genussystems des Deutschen und vieler weiterer Sprachen dar (vgl. 2) und kommt dem Vorgehen älterer Lerner (von denen im DaF-Unterricht in der Regel auszugehen ist) entgegen, nach der Bedeutung sprachlicher Markierungen zu suchen, während jüngere Lerner und Lerner einer Erstsprache auch für formale Korrespondenzen sensibel sind.

Was nun die Semantik des Neutrums in Bezug auf die Bezeichnung von Personen betrifft, so werden im Deutschen – wie in verschiedenen anderen Sprachen (vgl. Corbett 1991: 14) – Kinder grammatisch anders als andere Personen behandelt, indem z. B. den Wörtern Kind, Baby das Neutrum als Genus für noch nicht erwachsene Personen zugewiesen wird, von deren Geschlecht abstrahiert wird.

Im Hinblick auf die Schritte 2 und 5 bietet sich eine hierarchische Darstellung an. Die Pluralsuffixe müssen notiert, aber noch nicht fokussiert werden. Mädchen kann noch als Ausnahme vom Natürlichen Geschlechtsprinzip vorgestellt werden oder man geht gleich zu Schritt 2 über.

Schritt 2: Suffixe -chen, -lein

In diesem Schritt werden die Diminutivsuffixe eingeführt. Ihr Genus entspricht dem von Personen, deren Geschlecht – wie in Schritt 1 gezeigt – aufgrund von Klein-Sein nicht differenziert wird, womit das Neutrum solcher Suffixe motiviert werden kann. Zusammen mit der Information, dass sich im Fall von Mädchen das Wortbildungssuffix und die Einstufung als jung gegenüber dem natürlichen Geschlecht durchsetzen, werden der Ausnahmestatus dieses Wortes relativiert und die Lerner für die Konkurrenz zwischen Zuweisungsregeln sensibilisiert.

Schritt 3: er-Plural

Den Lernern sind mittlerweile außer Kinder weitere Neutra mit er-Plural bekannt wie Bücher, Bilder, Fächer, Eier, sodass vermittelt werden kann, dass der er-Plural in den meisten Fällen auf ein Neutrum hinweist. Das ist die erste formale Regel, die nicht nur wegen ihrer guten Validität (84,6 %) früh vermittelt werden sollte, sondern auch deshalb, weil ältere Lerner für Korrespondenzen zwischen formalen Eigenschaften von Wörtern und ihrem Genus besonders sensibilisiert werden müssen. Die Regel betrifft zudem früh nützliche Wörter des Alltags, denen aufgrund ihrer Einsilbigkeit ansonsten tendenziell das Maskulinum zugewiesen würde.

Auf das bereits bekannte Männer als Gegenbeispiel ist aufmerksam zu machen und es ist zu besprechen, dass sich bei Bezeichnungen für männliche Personen oder bei generischen Personenbezeichnungen für Erwachsene das Maskulinum durchsetzt, was als „Personenregel“ abgekürzt werden könnte. Eine ähnliche Einschränkung sollte schon von der Schwa-Regel bekannt sein, die Femininum zuweist, wenn nicht die Personenregel zu ihr in Konkurrenz tritt (Junge, Kunde).

Schritt 4: Konversion

Die wichtigsten Konversionsprozesse machen aus Verben Substantive. Die Lerner sollen erkennen, dass aus dem Infinitiv gebildete Substantive Neutra sind (Auftreten, Essen), aus dem Verbstamm gebildete aber Maskulina (Versuch, Angriff). Die Infinitivkonversion ist produktiv und führt ausnahmslos zu Neutra, weshalb sie früh vermittelt werden sollte. Voraussetzung ist, dass die Lerner in ihrer kognitiven Entwicklung das Stadium der formalen Operationen erreicht haben, was aber in typischen DaF-Kontexten der Fall ist. Die zu Maskulina führende Verbstammkonversion ist zwar häufig, aber nicht mehr produktiv und bereitet größere Schwierigkeiten durch den teilweise stattfindenden Vokalwechsel – genauer wäre hier von impliziter Derivation zu sprechen, doch auch Hoberg (2004: 89–90) fasst beide zusammen.

Konversionsprodukte von anderen Wortarten sind die aus Eigennamen konvertierten physikalischen Einheiten (Watt), die Namen der Sprachen (Französisch) und Städtenamen (das Berlin der 20er-Jahre), welche Neutra sind, auch wenn sie aus Komposita mit Zweitglied eines anderen Genus bestehen (das romantische Heidelberg trotz der Berg). Am Ende steht die Regel, dass die Buchstaben Neutra sind (das A), die Kardinalzahlen aber Feminina (die Drei). Die Konvertatgruppen sind jeweils auch semantisch bestimmt, wobei nur in der letzten Gruppe zum Femininum konvertiert wird (Merkhilfe für die Lerner: Hier bestimmt der Oberbegriff die Zahl das Genus).

Schritt 5: Oberbegriffe

Die Schritte 5 und 6 gehören vor dem Hintergrund des in 5.4.2 Ausgeführten eng zusammen. Dass Oberbegriffe bevorzugt Neutra sind, ist zwar nur eine semantische Tendenzregel, sie motiviert aber das Genus des Affixes Ge- (e), welches im Frequenzwörterbuch 2006 das häufigste Derivationsmorphem ist, das Neutrum zuweist (5.1.2).

Zur Visualisierung des Verhältnisses von Ober- und Unterbegriffen eignet sich eine hierarchische Darstellung, deren linker Teil der Abbildung von Schritt 1 ähnelt, mit dem Unterschied, dass jetzt nicht nur das Junge, sondern auch der Oberbegriff Neutrum ist. Eine parallele Abbildung für Hühner illustriert die gleiche Struktur.[16] Schließlich werden beide Hierarchien durch den weiteren Oberbegriff Tier verbunden und darauf hingewiesen, dass Oberbegriffe oft, aber nicht immer, Neutra sind, wie Mensch aus Schritt 1 zeigt. An diesen Hierarchien kann auch wiederholend auf den er-Plural eingegangen werden.

Schritt 6: Ge- (e)

Ge- (e) ist in Anknüpfung an das häufige Erscheinen von Neutra bei Oberbegriffen als Affix einzuführen, welches Oberbegriffe (Gebäude, Gerät, Getränk, Gemüse) und Bezeichnungen für Gruppen gleichartiger Gegenstände/Kollektiva (Gebirge, Gepäck) bildet. Nicht fehlen darf der Hinweis, dass nicht jedes Ge- ein substantivbildendes Affix ist und Neutrum anzeigt, z. B. Geschichte von geschehen.

Für die Schritte 5 und 6 können den Lernern Wörterwiesen mit den passenden Substantiven des bereits gelernten Wortschatzes vorgelegt werden. Sie sollen darin die Oberbegriffe finden und ihnen die passenden Hyponyme zuordnen, ihrerseits nach Genus sortiert. Im Anschluss werden Genus und Bildungsweisen von Oberbegriffen und weitere Genusregularitäten der untergeordneten Substantive, soweit ersichtlich, besprochen.

Schritt 7: Typische Wortausgänge

Die Wortausgänge, die sich im Frequenzwörterbuch 2006 mit einer Validität von 80,5 % als recht verlässliche Indikatoren des Neutrums erweisen, sind nach ihrer Häufigkeit -um (Studium), /-o:/ (Auto, Kino, Büro, Niveau), -al (Regal, Material), -ment (Medikament, Engagement), -ier (Papier), -at (Format), betontes /-i:n/ (Vitamin), -ma (Thema), -ing (Training). Es handelt sich mehrheitlich um Fremdwörter, weshalb diese Regel erst relativ spät vorgesehen ist. Wenn solche Substantive allerdings im Input der Lerner früh und häufig auftreten, kann ihre Vermittlung bereits nach Schritt 4 erfolgen. Die notwendige Schemabildung aufgrund lautlicher Eigenschaften der Substantive setzt die anderen Schritte spracherwerblich nicht voraus, sollte aber aus Gründen der Motivation den einfacheren und valideren kategorialen Regeln der Diminutivbildung und der Konversion folgen.

Bei -um und -ma liegt auch eine fremde Pluralbildung vor, nämlich Stammflexion bei Studien, Zentren, Themen, bei /o:/ der s-Plural. Die Wortausgänge -al, -at, -ing, -ma indizieren das Neutrum nur bei mehrsilbigen fremden Wörtern, nicht bei nativen wie Tal, Rat, Ring, Oma. Demgegenüber teilen sich Klavier, Papier, Turnier den Wortausgang mit den nativen Tier, Bier (Letzteres übrigens Neutrum entgegen einer oft angeführten semantischen Regel, nach der Alkoholika maskulin seien). Ähnlich wie -ier verhält sich betontes /-ɛt/, das sowohl bei den fremden Wörtern Tablett, Kabinett, Skelett, Omelett ... als auch bei den drei nativen Bett, Fett, Brett zu Neutrum führt. Im Frequenzwörterbuch 2006 ist nur Bett vertreten; trotzdem sollte dieser Wortausgang wegen seines fast kategorialen Charakters einbezogen werden.

Um die Lerner bei der Schemabildung bezüglich des Wortausgangs zu unterstützen, können Wortgruppen mit gleichem Ausgang aus rückläufigen Wörterbüchern oder von der Netzseite www.lehrtheke.de/Wortliste.pdf mit Angabe ihres Genus vorgegeben werden. Die Lerner haben die Aufgabe, die typischen Wortausgänge zu identifizieren, Abweichungen vom erwartbaren Genus, soweit motivierbar, zu erklären und die verbleibenden Ausnahmen zu identifizieren. Dabei wird in manchen Fällen wie General, Offizier, Soldat wieder die „Personenregel“ eine bedeutsame Rolle spielen, in anderen die Kurzwortregel wie bei der Zoo, die Kripo. In einer methodischen Variante kann eine Wörterwiese vorgelegt werden, wo nach Ausgängen zu sortieren und das Genus der entstehenden Gruppen zu bestimmen ist.

Schritt 8: Stoffnamen

Zuletzt können die bislang bekannten Stoffnamen gesammelt und ihre Verteilung auf die drei Genera (im Frequenzwörterbuch 2006 14 Neutra, 10 Maskulina, 4 Feminina) bewusst gemacht werden. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, die spezifischere und zuverlässigere Subregel zu geben, wonach Metalle Neutra sind. Dass dieser Schritt als letzter vorgeschlagen wird, hat mit der geringeren Validität und Reichweite der Regularität zu tun und mit dem in 5.4.2 erläuterten schwächeren Status und der geringeren Salienz semantischer Regeln bei Substantiven für Unbelebtes.

Für alle Genusregeln eignet sich die Methode Benennen und Aussortieren. Für Gruppen von semantisch oder formal ähnlichen Wörtern müssen deren Gemeinsamkeiten und Genus benannt werden; aussortiert werden die Wörter, die anderen Regeln folgen oder Ausnahmen sind.

7 Schluss

Abschnitt 5 konnte zeigen, dass es für das Neutrum Regeln und Regularitäten gibt, die in Bezug auf das Frequency Dictionary of German von Jones/Tschirner (2006) befriedigende bis hohe Validität besitzen. Was den Skopus betrifft, decken allein die formalen Regeln 60,0 % seiner Neutra ab.

Kategorisch sind die Regeln für die Komposita und Konvertate (Skopus 13,6 % bzw. 6,7 %), eine Validität von 87,8 % und einen Skopus von 12,5 % haben die Derivationsregeln. Nicht kategorisch, aber mit einer Validität von 80,5 % weisen neun Wortausgänge Neutrum zu (Skopus 18 %). Die Flexionsregel, dass er-Plural Neutrum indiziert, trifft bei Einsilbern zu 84,6 % zu und hat einen Skopus von 9,3 %. Sie betrifft besonders häufige und damit früh zu lernende Neutra.

Didaktisch ist der Unterschied von kategorischen Regeln und nicht kategorischen Regularitäten nicht entscheidend. Wie verschiedene Genusexperimente zeigen (u. a. Menzel 2004: 134), ist im frühen Erwerb die Häufigkeit des Auftretens eines formalen Signals wirksamer als seine Validität. So erklären sich die zum Teil schlechten Ergebnisse für die Wortausgänge /-ɛt/ und das Suffix -chen, aber die recht guten für /-o:/. Bei Substantiven auf -en ist zusätzlich die Differenzierung zwischen Pseudo- und Infinitivsuffix ein Störfaktor. Trotz des kategorischen Status einer Regel ist daher viel Input und induktive Arbeit an bereits bekannten Wörtern notwendig, damit sich Lerner die Genuszuweisung aneignen. Das betreffende Vokabular kann u. a. in Wörterwiesen, in nach Auslaut geordneten Wortlisten oder in inhaltlich oder formal ähnlichen Wortgruppen präsentiert werden. Die durch solche Aufgaben ausgelösten kognitiven Operationen sind Wahrnehmung der Gemeinsamkeiten einer Kategorie und der Unterschiede zwischen Kategorien; gleichzeitig wird der lernrelevante Input erhöht.

Zum Erarbeitungsprozess gehört auch, dass die Lerner konkurrierender Regeln gewahr werden. Im Falle der Neutra (wie der Feminina) ist es oft die „Personenregel“, welche die formalen Regeln, hier den typischen Wortausgang oder die er-Pluralregel, überspielt. Der Begriff Ausnahme sollte auf die Fälle beschränkt bleiben, die selbst durch konkurrierende Regeln nicht motiviert sind.

Die semantischen Regeln erhöhen den Skopus um ca. 30 Substantive und damit nicht mehr deutlich. Sie sind mit Ausnahme der auf eng umgrenzte Sachgruppen beschränkten weniger valide, denn sie werden leicht von formalen Regeln überspielt. Weniger hilfreich sind sie schließlich auch aus spracherwerblicher Sicht. Viele Substantive sind polysem und die Inhaltsseite festigt sich im Vergleich zur Formseite langsamer. Dennoch decken die semantischen Regeln einige frequente Wörter ab, tragen zur Motivation der neutralen Derivationsaffixe bei und charakterisieren semantisch einheitliche Konvertatgruppen. Den Lernern soll hier bewusst werden, dass Zuweisungsregeln nicht nur in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich auch überlappen können.

Die vorgeschlagenen Vermittlungsschritte betreffen bereits bekannte Wörter. Doch auch bei der Einführung gibt es Handlungsmöglichkeiten. Schon beim Tafelanschrieb sollte der Lehrer auf genusindizierende formale oder semantische Merkmale eines Wortes hinweisen. Ziel bei Einführung wie Festigung ist, die Lerner für die formalen und semantischen Eigenschaften des Inputs zu sensibilisieren und damit zu befähigen, entsprechende Signale im weiteren Erwerbsprozess zu nutzen. Die nicht haltbare Behauptung, Genus sei willkürlich, kann solche Prozesse blockieren und die Forderung, Lernregeln sollten möglichst ausnahmslos sein (Wegera 1997: 65), lässt die Lerner mit zu wenig Hilfe zurück. Genuszuweisung ist – nicht nur im Deutschen – ein Produkt konkurrierender Regeln und – wie auch andere Phänomene der Morphologie – in manchen Bereichen eine Frage lokaler semantischer oder formaler Schemata. Deren Erwerb kann nicht über ausnahmslos geltende Regeln gefördert werden.

Über den Autor / die Autorin

Dr. Rolf Koeppel

arbeitete als Akademischer Oberrat am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg mit den Schwerpunkten Sprachwissenschaft und Didaktik/Methodik DaF. Zuvor war er zehn Jahre Lektor in Großbritannien und China. Er ist weiter in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften tätig.

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Online erschienen: 2018-07-16
Erschienen im Druck: 2019-12-02

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 9.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/infodaf-2018-0076/html
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