50 Jahre IASL
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Kai Bremer
Die erste Ausgabe der vorliegenden Zeitschrift erschien 1976 im Max Niemeyer Verlag in Tübingen. Dementsprechend liegt nun der 50. Jahrgang des Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) vor – ein guter Grund, um innezuhalten und zurück-, aber auch vorauszublicken.
Das Titelblatt des ersten Heftes wies die Germanisten Georg Jäger, Alberto Martino und Friedrich Sengle als Herausgeber aus. Der Redaktionssitz war das Institut für Deutsche Philologie in der Münchener Schellingstraße. Mitglieder der ersten Redaktion waren Klaus Grubmüller, Werner Hahl, Günther Hess, Wolfgang von Ungern-Sternberg und Reinhard Wittmann. Den internationalen wie interdisziplinären Beirat bildeten mehr als 40 Gelehrte. Eine Vorstellung der Zeitschrift, eine programmatische Selbstverortung oder auch nur ein knappes Editorial fehlten. Offenbar sprachen die Namen der an dem Vorhaben beteiligten Geisteswissenschaftler für sich; sicherlich auch der markante Titel der Zeitschrift. Anders als heute wurden in der Zeitschrift damals neben Fachartikeln, Forschungsdiskussionen und Archivmaterialien noch Rezensionen publiziert,[1] auch hatte sie einen bibliographischen Teil.
Seit 1981 verantworten die IASL-Herausgeberinnen und -Herausgeber außerdem die Reihe Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur (STSL).[2] Im Jubiläumsjahr wird voraussichtlich ihr 170. Band in den Druck gehen. Von 1985 bis in die 1990er Jahre erschienen ergänzend dazu IASL-Sonderhefte zu verschiedenen Themen.[3] Wichtig nicht zuletzt für die anhaltende internationale Wahrnehmung vom IASL wie der Reihe STSL war sicherlich die Übernahme des Niemeyer-Verlages zunächst durch den Saur-Verlag, auf die schon bald, 2006, der Kauf Saurs durch den Verlag de Gruyter folgte.
Walter Erhart hat die Geschichte des IASL im 47. Jahrgang dieser Zeitschrift skizziert.[4] Deswegen muss sie hier nicht erneut ausführlich dargestellt werden. Inhaltlich haben all die Veränderungen das Programm der Zeitschrift wenig berührt. 2023, ein Jahr nach dem Rückblick von Walter Erhart, hat Maximilian Benz vielmehr noch einmal betont, dass das IASL sich wie kaum eine andere germanistische Fachzeitschrift bis heute entschieden zum Zusammenhang von mediävistischer, frühneuzeitlicher und neuer germanistischer Literaturgeschichte bekennt.[5]
Um die Geschichte der Zeitschrift schlaglichtartig zu veranschaulichen, planen wir eine einmalige Rubrik „Wiederlesen“ für das erste Heft im Jahr 2026. Die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des IASL (Norbert Bachleitner, Barbara Besslich, Birte Förster, Gangolf Hübinger, Peter Jelavich, Peter Strohschneider und Silvia Serena Tschopp) werden in Form knapper Re-Lektüren an ausgewählte IASL-Beiträge erinnern.
Der Blick zurück führt aber auch vor Augen, wie wenig selbstverständlich es ist, dass mit dem vorliegenden Heft der 50. Jahrgang erscheint – nicht zuletzt auch angesichts der Konjunkturen und turns, die das Fach seitdem erfahren und zum Teil auch erlitten hat. Die Sozialgeschichte der Literaturwissenschaft erlebte in den 1970er und 1980er Jahren einen ungemeinen Aufschwung, von der der erwähnte umfangreiche erste Beirat der Zeitschrift beredt Zeugnis ablegt. In den 1990er und frühen 2000er Jahren hatte es die sozialgeschichtliche Literaturwissenschaft jedoch nicht immer leicht.[6] Die Debatten um ihre Funktion und Bedeutung standen im Zusammenhang mit breiteren Diskussionen rund um die Literaturgeschichtsschreibung noch im frühen 21. Jahrhundert.[7] Auf diese Entwicklungen wurde mittlerweile reagiert.[8] Zugleich zeichnet sich ab, dass sich durch das Wiedererstarken der Literatursoziologie und die aktuelle Konjunktur der literaturwissenschaftlichen Praxeologie nicht nur neue Gesprächsperspektiven und -partner für die sozialhistorische Literaturwissenschaften, sondern auch ein neues Interesse an dieser selbst ergeben. Wir machen das u. a. an gegenwärtig sehr zahlreichen angebotenen Artikeln, an vielen Anfragen für Themenschwerpunkte in unserer Zeitschrift und an der anhaltenden Beliebtheit unserer Buchreihe fest. Die inzwischen vermeintlich in die Jahre gekommene sozialgeschichtliche Literaturwissenschaft profitiert offenkundig von neueren methodischen Entwicklungen innerhalb der Germanistik und erfährt dadurch ihrerseits eine Renaissance.
Dass das IASL weiterhin eine stabile Größe im Fach darstellt, ist, so denken wir, aber noch einem anderen Umstand geschuldet. Neben allem Interesse an historischen Hintergründen und sozialen Bedingungen, an Kontexten und medialen Voraussetzungen war es seit der Gründung der Zeitschrift für alle Herausgeberinnen und Herausgebern selbstverständlich, dass im Zentrum die Literatur – in allen ihren historischen Ausformungen – zu stehen hat. Das IASL war sich stets bewusst, dass diese ihr erster Gegenstand ist, nicht eine Methode oder eine Theorie. Die von Wilfried Barner 1997 gestellte Frage „Kommt der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden?“[9] hat das IASL immer eindeutig und unmissverständlich beantwortet. „Wie hält’s der Artikel mit der Literatur?“, ist bis heute die Gretchenfrage, wenn wir Herausgeberinnen und Herausgeber einen neu eingereichten Artikel diskutieren, um dann seinen sozialhistorischen Erkenntniswert zu prüfen.
Gleichzeitig steht das IASL für (selbst-)kritische Reflexion. Deswegen ist es für uns wichtig, die Zeitschrift weiterhin für Debatten und Methodendiskussionen offen zu halten. Im selben Jahrgang 48, in dem Maximilian Benz das Plädoyer für den Zusammenhalt von Mediävistik und neuerer deutscher Literaturwissenschaft formuliert hat, hat der Verfasser des vorliegenden Textes auf die anhaltende Bedeutung der Zeitschrift für die kritische Reflexion und die theoretische Weiterentwicklung der sozialhistorischen Literaturgeschichtsschreibung hingewiesen.[10] In dieser Hinsicht darf und soll das Internationale Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur als Debattenzeitschrift der literaturhistorischen Germanistik begriffen werden.
Dankenswerterweise wurde dieses Angebot zuletzt wiederholt angenommen.[11] Zudem freuen wir uns sehr, dass Carolin Amlinger (Basel), David-Christopher Assmann (Bamberg) und Urs Büttner (Oxford) diesen Impuls aufgenommen haben und beginnend mit dem vorliegenden Heft eine längere Diskussionsfolge zur Frage „Was ist Literatursoziologie?“ betreuen werden. Sie wird, so sind wir Herausgeberinnen und Herausgeber sicher, diesen und den nächsten Jahrgang nicht nur prägen, sondern vor allem der weiteren kritischen Reflexion innerhalb der Germanistik und hoffentlich auch in anderen Disziplinen wesentliche Denkanstöße verleihen.
Berlin, im März 2025
Kai Bremer im Namen aller Herausgeberinnen und Herausgeber
© 2025 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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