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Konflikte um die Zukunft der Landwirtschaft: Proteste konservativer und progressiver Bewegungen in der sozial-ökologischen Transformation

  • Birgit Peuker ORCID logo EMAIL logo , Renata Motta ORCID logo EMAIL logo , Lea Loretta Zentgraf ORCID logo and Judith Müller ORCID logo
Published/Copyright: November 5, 2025
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Zusammenfassung

Die Herausbildung eines corporate-environmental food regimes bringt in Deutschland zwei Gegenbewegungen hervor. Die progressive Bewegung kritisiert die Umweltmaßnahmen in der Agrarpolitik als unzureichend und fordert tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Die konservative Bewegung hingegen lehnt Umweltauflagen weitgehend ab und wendet sich gegen eine sozial-ökologische Transformation. Der Beitrag stellt die Ergebnisse von zwei quantitativen Protestbefragungen vor, die Anfang 2024 auf zwei Protestveranstaltungen in Berlin durchgeführt wurden: Zum einen auf der Demonstration „Wir haben es satt!“, die von der progressiven Koalition Meine Landwirtschaft organisiert wurde, und zum anderen auf der konservativen „Kundgebung von Landwirtschaft und Transportgewerbe“. Zur Analyse der Konflikte um die Transformation der Landwirtschaft untersuchen wir die Klassenbasis und das Protestanliegen der Teilnehmer:innen. Zudem vergleichen wir agrar- und gesellschaftspolitische Einstellungen beider Bewegungen, um Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Polarisierungen herauszuarbeiten. Unsere Daten zeigen, dass sich die agrarpolitischen Einstellungen in beiden Protesten – abgesehen von wenigen Überschneidungen – signifikant unterscheiden. Besonders stark polarisiert sind die Einstellungen zur Ökologiebewegung. Wir führen dies auf die unterschiedliche politische Ausrichtung der Proteste zurück. Die Politisierung der Agrarfrage – so unsere Schlussfolgerung – erschwert eine Konsensbildung zur Zukunft der Landwirtschaft. Zwar eint beide Bewegungen eine Kritik am corporate-environmental food regime, doch nur die progressive Bewegung formuliert eine positive Vision einer agrar-ökologischen und sozial eingebetteten Landwirtschaft der Zukunft.

Abstract

The emergence of a corporate-environmental food regime in Germany has given rise to opposing movements. The progressive movement criticizes current environmental policies in agriculture as insufficient and calls for far-reaching structural changes. In contrast, the conservative movement largely rejects environmental regulations and opposes a socio-ecological transformation. This article presents findings from two quantitative protest surveys conducted in early 2024 at demonstrations in Berlin: the progressive “Wir haben es satt!” (“We’re fed up!”) protest and the conservative “Kundgebung von Landwirtschaft und Transportgewerbe” (“Rally of Agriculture and the Transport Sector”). To explore transformation conflicts in agriculture, we analyze the class composition and the motivations of protest participants. We also compare agrarian and socio-political attitudes across the two movements to identify areas of convergence, divergence, and polarization. Our findings show that, aside from a few overlapping views, the two protests differ significantly in their agrarian policy positions. The most pronounced polarization concerns attitudes toward the environmental movement. We attribute these differences to the distinct political orientations of the protests. Our conclusion is that the politicization of agrarian issues complicates efforts to build a consensus on the future of agriculture. While both movements critique the corporate-environmental food regime, only the progressive movement articulates a positive vision of an agroecological and socially embedded agriculture of the future.

1 Einleitung

Die EU-Agrarpolitik verfolgt in ihrer Farm to Fork (Vom Hof auf den Tisch“)-Strategie, einem Kernelement des European Green Deal (europäisches grünes Abkommen), die Transformation zu einem nachhaltigen Ernährungssystem[1]. Diese Strategie folgt dem Paradigma der „ökologischen Modernisierung“ und setzt auf „grüne“ Technologien, um Nachhaltigkeit zu erreichen (Adloff/Neckel 2021; Levidow 2015). Der Ansatz der Nahrungsmittelregime (food regime theory) sieht dieses Paradigma in Zusammenhang mit der Herausbildung eines corporate-environmental food regimes (unternehmerisch-ökologisches Nahrungsmittelregime) (Campbell 2009; Friedmann 2005) und stellt damit die staatliche Nachhaltigkeitspolitik in den Kontext kapitalistischer Wertschöpfung.

Entwickelt wurde der Ansatz der Nahrungsmittelregime von Harriet Friedmann und Philip McMichael (1989). Die grundlegende These ist, dass die Kapitalakkumulation und die Organisation des Agrarsektors zusammenhängen. Ein Nahrungsmittelregime ist dabei definiert als eine regelbasierte Struktur globaler Nahrungsmittelproduktion und -konsumtion (Friedmann 1993: 28 f.). Das corporate-environmental food regime (Friedmann 2005) bildete sich seit der Krise des vorangegangenen Nahrungsmittelregimes Ende der 1970er Jahre heraus. Im Zuge dessen wurden transnationale Unternehmen durch die Liberalisierung der Agrarmärkte gestärkt, die zum Beispiel über Strukturanpassungsprogramme in den Ländern des Globalen Südens forciert wurde, während Subventionen für die Landwirtschaft im Globalen Norden erhalten blieben (Holt Giménez/Shattuck 2011). Die Folge war eine Monopolisierung von Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette und eine Marginalisierung kleinbäuerlicher Landwirtschaft (McMichael 2005: 275).

Soziale Bewegungen waren wichtige Akteure bei der Herausbildung des corporate-environmental food regimes, ihre Forderungen wurden jedoch vonseiten der Politik und der Unternehmen nur selektiv berücksichtigt. Die Strukturen der industriellen Nahrungsmittelproduktion blieben erhalten, jedoch werden nun statt agrochemischer auch nachhaltige Inputs in das System integriert und ökologische und faire Lebensmittelstandards etabliert (Friedmann 2005; Campbell 2005). Neben einem durch die corporate supply chain (unternehmerische Lieferkette) geschaffenen „food from nowhere“ (Essen von nirgendwoher) für einkommensschwächere Bevölkerungsschichten wird ein auf regionalen und ökologischen Prinzipien basierendes „food from somewhere“ (Essen von irgendwoher) für finanzstärkere Konsument:innen geschaffen (Holt Giménez/Shattuck 2011; Campbell 2009; McMichael 2005: 283).

Als Reaktion auf die nur selektive Aufnahme ihrer Forderungen in das corporate-environmental food regime formierte sich bei den sozialen Bewegungen Widerstand. Radikale Bewegungen von Kleinbäuer:innen, Landarbeiter:innen und Landlosen im Globalen Süden – wie La Vía Campesina (spanisch: der bäuerliche Weg), eine weltweite Bewegung mit Schwerpunkt in Lateinamerika – fordern den Zugang zu Land, Saatgut, Wasser und politische Teilhabe an der Agrarentwicklung (McMichael 2009, 2005). Mit ihrer Forderung nach Ernährungssouveränität ist eine ganzheitliche Sicht auf Nahrungsmittel verbunden, in der Nahrungsmittel nicht bloß als marktbasiertes Produkt, sondern als kultureller Ausdruck einer Gemeinschaft verstanden werden (McMichael 2008: 219 f.).

Diesen radikalen Bewegungen stellen Holt Giménez und Shattuck (2011) progressive Bewegungen gegenüber. Progressive Bewegungen entwickeln zwar lokale Alternativen zur industriellen Nahrungsmittelproduktion, zielen aber im Unterschied zu den radikalen Bewegungen nicht auf strukturelle Veränderungen, wie etwa eine Reform des Marktes und der Eigentumsordnung. Sie werden oftmals im Globalen Norden verortet und von den gebildeten Mittelschichten getragen (Holt Giménez/Shattuck 2011: 115 f.). Neben diesen beiden Strömungen sozialer Bewegungen treiben das corporate environmental food regime auch reformistische und neoliberale Kräfte voran. Während neoliberale Ansätze auf die Ausdehnung der Märkte durch technologische Innovationen und eine Produktionssteigerung in der Landwirtschaft abzielen, sind reformistische Strömungen im Paradigma der „ökologischen Modernisierung“ verankert. Innerhalb bestehender Marktstrukturen sollen Alternativen entwickelt werden, die weniger sozial- und umweltschädlich sind.

In Deutschland entstand aus radikalen und progressiven Bewegungen 2010 das Bündnis „Meine Landwirtschaft“. Es baut auf einer seit Jahrzehnten gewachsenen Agraropposition auf und wendet sich gegen die industrialisierte Landwirtschaft. Neben der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die Mitglied bei La Vía Campesina ist, sind auch einflussreiche Umwelt-, Verbraucherschutz- und Entwicklungsorganisationen sowie weitere Anbauverbände im Bündnis vertreten. Gemeinsam artikulieren sie ihren Protest in der seit 2011 jährlich stattfindenden Demonstration „Wir haben es satt!“ anlässlich der Grünen Woche in Berlin (Motta 2022; Nowack/Hoffmann 2020).

Seit Ende der 2010er Jahre formierte sich auch eine konservative Gegenbewegung, die von Landwirt:innen getragen wird und sich gegen Aspekte des „grünen Kapitalismus“ und damit gegen Teile des corporate-environmental food regime wendet (van der Ploeg 2020, Fickel/Anderl 2024; Heinze/Kurtenbach 2021). Sie bleibt neoliberalen Ideen im Sinne von Holt Giménez und Shattuck (2011) und damit dem produktivistischen Paradigma verhaftet. In Deutschland vertreten unter anderem „Landwirtschaft verbindet Deutschland“ (LSV)[2] und die „Freien Bauern“ diese Positionen. Die ersten Proteste fanden Ende 2019/Anfang 2020 statt (Heinze/Kurtenbach 2021). Gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband (DBV) rief LSV zum Jahreswechsel 2023/2024 zu Protesten gegen staatliche Maßnahmen zum Abbau der Diesel-Subventionen in der Landwirtschaft auf (Fickel/Anderl 2024) an denen sich auch die „Freien Bauern“ zahlreich beteiligten[3]. Unter dem Label „Bauernproteste“ erhielten sie breite Aufmerksamkeit in den Medien (NDR 2024; Tagesschau 2024).

Im Anschluss an sozialwissenschaftliche Debatten können beide Bewegungen als Ausdruck von Transformationskonflikten aufgefasst werden (Fritz/Eversberg 2024; Sommer/Schad 2022; Pieper 2023; Adloff/Neckel 2021; Blühdorn 2020; Neckel 2018). Diese entstehen in Reaktion auf Politiken der Nachhaltigkeit und werden auch im ländlichen Raum beobachtet (Fickel/Anderl 2024; Heinze/Kurtenbach 2021; van der Ploeg 2020; Scoones et al. 2015). Eine zentrale Frage in diesen Studien ist, inwiefern konservative Bauernproteste mit dem aufsteigenden Rechtspopulismus zusammenhängen oder von ihm vereinnahmt werden (Scoones et al. 2015; Mau/Lux/Westheuser 2023). Damit rückt die politische Ausrichtung der Proteste, aber auch der sozialstrukturelle Hintergrund der Protestierenden, in den Fokus der Untersuchungen, da in Bevölkerungsstudien festgestellt wurde, dass Angehörige verschiedener sozialer Klassen, Altersgruppen und geschlechtlicher Identitäten unterschiedlich anfällig dafür sind, Politiken der Nachhaltigkeit abzulehnen (Fritz/Eversberg 2024; Blühdorn 2020). Unsere Forschung zielt darauf, einen Beitrag zur Nachhaltigkeitsdebatte zu leisten, indem sie auf der Befragung von Individuen basiert, die sich bereits für oder gegen Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft positioniert haben. Damit schlagen wir eine Brücke zwischen der Untersuchung von Meinungen und der Untersuchung von politischen Praktiken.

Der Beitrag stellt die Ergebnisse zweier Protestbefragungen vor. Dabei schließen wir an die Protestforschung an, die untersucht, welche Forderungen Protestierende auf der Straße stellen und welche Einstellungen sie zu politischen Themen und zur Demokratie haben. Untersucht wird damit ein Ausschnitt der Bevölkerung, nämlich derjenige, der seinen Unmut auf die Straße bringt.

Zum einen wurden Teilnehmer:innen der konservativen „Kundgebung von Landwirtschaft und Transportgewerbe“ (KLTG), die auch als Abschlusskundgebung der „Aktionswoche zu Agrardiesel und Kfz-Steuerbefreiung“ bekannt ist (DBV 2024c), befragt, die am 15.01.2024 stattfand und an der circa 8.500 Protestierende und 6.000 Fahrzeuge – Traktoren und LKWs – beteiligt waren (RBB 2024a). Zum anderen wurden Teilnehmer:innen der progressiven „Wir haben es satt!“-Demonstration (WHES) am 20.01.2024 befragt, an der circa 8.000 Protestierende und 100 Traktoren teilnahmen (RBB 2024b).

Folgende Forschungsfragen leiteten unsere Untersuchung:

  1. Welche soziodemografischen Merkmale haben die Protestierenden? Wir analysieren die Merkmale Klasse, Alter und Geschlecht sowie die Bezüge der Protestierenden zur Landwirtschaft und ihre Verortung zum ländlichen Raum.

  2. Welche Forderungen artikulieren die Protestierenden? Inwiefern zielen die Forderungen auf ökologische oder marktliberale Aspekte in Landwirtschaft und Gesellschaft?

  3. Welche agrarpolitischen Einstellungen haben die Protestierenden? Aufbauend auf van der Ploegs (2020) Unterscheidung prüfen wir, ob Ursachen für die Agrarkrise eher innerhalb oder außerhalb der Landwirtschaft verortet werden.

  4. Welche politische Ausrichtung haben die Proteste? Studien zu Transformationskonflikten und den Bauernprotesten haben auf deren Anbindung an unterschiedliche politische Lager hingewiesen (Fickel/Anderl 2024; Heinze et al. 2021).

Unsere Befunde verdeutlichen, dass es bei beiden Protestbewegungen Überschneidungen in den agrarpolitischen Positionen gibt. Deutliche Unterschiede treten vor allem auf, wenn die Ökologiebewegung thematisiert wird. Wir führen dies auf die unterschiedliche politische Ausrichtung der Proteste zurück. Die Politisierung der Agrarfrage – so unsere Schlussfolgerung – erschwert eine Konsensbildung zur Zukunft der Landwirtschaft.

Im nächsten Abschnitt beschreiben wir unser methodisches Vorgehen. Danach beleuchten wir den soziodemografischen Hintergrund der Protestierenden und vergleichen anschließend die Forderungen sowie die agrar- und gesellschaftspolitischen Einstellungen der Protestierenden.

2 Methodisches Vorgehen

Für die Untersuchung der progressiven und konservativen Bewegungen wurde eine quantitative Befragung zweier Protestveranstaltungen gewählt, um die Heterogenität der Protestbewegungen und ihre politische Verortung zu erfassen. Die Erhebung orientierte sich am Befragungskonzept von Klandermans et al. (2011), das europaweit für die vergleichende Protestforschung Anwendung findet. Das Konzept ermöglicht die zufällige Auswahl von Protestteilnehmer:innen. Dazu wird die Protestveranstaltung in Sektoren eingeteilt, in denen Befragungsteams systematisch Personen ansprechen. Entweder wird ein persönliches Interview vor Ort durchgeführt oder ein Flyer mit einem Link zu einer Onlineumfrage verteilt. Um die Vergleichbarkeit verschiedener Proteste zu gewährleisten, stellt das Befragungskonzept einen standardisierten Kernfragebogen zur Verfügung. Dieser wurde von uns um themenspezifische Fragen zu agrar- und gesellschaftspolitischen Einstellungen ergänzt.[4]

Eine Herausforderung der Befragung stellte die geringere Kooperations- und Rücklaufquote auf der KLTG dar. Dort lag die Annahmequote für die Flyer bei 74 % im Vergleich zu 86 % bei der WHES. Von denen, die den Flyer annahmen, nahmen nur 9 % auf der KLTG an der Onlineumfrage teil. Dies lag deutlich unter der angestrebten Rücklaufquote von 25 %. Auf der WHES hingegen betrug die Rücklaufquote 28 %. Der Unterschied lässt sich mit einer ausgeprägten Skepsis gegenüber Wissenschaft und staatlich geförderter Forschung auf der KLTG erklären, die während der Demonstration gegenüber den Befragungsteams häufig geäußert wurde. Auf der WHES-Befragung wurde diese Skepsis seltener zum Ausdruck gebracht, was unter anderem darauf zurückgeführt werden kann, dass die Teilnehmer:innen zu einem großen Teil einen Hochschulabschluss und damit eine größere Wissenschaftsnähe aufwiesen.

Trotz der niedrigen Fallzahlen auf der KLTG (N=29) lassen sich im Vergleich mit dem WHES-Protest (N=308) und anderen Studien (Heinze et al. 2021) wichtige Erkenntnisse über die Protestteilnehmer:innen gewinnen.[5] Für beide Befragungen sind ebenso potenzielle Effekte von Non-response und der Befragungsform der Onlinebefragung zu berücksichtigen.[6]

Die Kodierung offener Fragen erfolgte induktiv und ohne vorgegebenes Kategorienschema. Die Kategorien wurden rekursiv über mehrere Rekodierungsschleifen gebildet und im Forschungsteam validiert. Die agrar- und gesellschaftspolitischen Einstellungen, die in Abschnitt 5 untersucht werden, wurden anhand einer fünfstufigen Skala erhoben. Die Befragten konnten angeben, ob sie der Aussage voll und ganz zustimmen, eher zustimmen, teilweise zustimmen, eher nicht zustimmen oder gar nicht zustimmen. Bei den Verteilungen zeigten sich zwischen beiden Befragungen teilweise deutliche Unterschiede. Um zu prüfen, ob die Unterschiede zwischen zwei Gruppen zufällig entstanden sind, wurde ein t-Test für unabhängige Stichproben durchgeführt. Dieses statistische Verfahren untersucht, ob sich die Mittelwerte zweier Stichproben auch in der Grundgesamtheit unterscheiden. Dazu wird die Wahrscheinlichkeit berechnet, mit der sich Unterschiede in der Stichprobe trotz Gleichverteilung in der Grundgesamtheit ergeben können.[7] Erst bei einer Wahrscheinlichkeit von unter 5 % können wir von einer Differenz in den Positionen sprechen. Andernfalls nehmen wir an, dass sich die Positionen der beiden Proteste nicht unterscheiden. Diese Differenzen können mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. Am größten sind sie, wenn die Mehrheit der Befragten die jeweils entgegengesetzte Antwortkategorie wählten – das heißt, in der einen Protestbefragung wird der Aussage mehrheitlich zugestimmt, während sie auf der anderen überwiegend abgelehnt wird. In Anlehnung an Mau et al. (2023) sprechen wir in diesem Fall von polaren Positionen. In den Tabellen 2 und 3 haben wir sowohl die Wahrscheinlichkeit ähnlicher Positionen auf beiden Protesten, den p-Wert, als auch unsere Bewertung in den Kategorien Ähnlichkeit, Differenz und Polarität angegeben sowie die meistgenannte Antwortkategorie hervorgehoben.

Für die qualitative Analyse der Positionen der zu den Protesten aufrufenden Organisationen wurden der aktuelle Kritische Agrarbericht des AgrarBündnisses (2025) sowie Positionspapiere und der Jahresbericht des Deutschen Bauernverbands (DBV 2024) ausgewertet. Zusätzlich wurde Material von den Internetseiten der Organisationen „Landwirtschaft verbindet Deutschland“ (LSV o. J. a, b) und „Freie Bauern“ (Freie Bauern o. J.a, b) einbezogen, da diese keine Jahresberichte veröffentlichen. Die Aussagen in den Berichten wurden entlang der Themenbereiche des quantitativen Fragenkatalogs thematisch geclustert, um Unterschiede und Überschneidungen zwischen Organisations- und Protestebene zu identifizieren. Die Analyse erfolgte deduktiv auf Basis des Fragebogens mittels Stichwortsuche.

3 Soziodemografisches Profil der Protestierenden

Die Untersuchung der soziodemografischen Merkmale ermöglicht einen ersten Eindruck über die soziale Basis beider Protestbewegungen. Neben den Klassenindikatoren Einkommen und Bildung sind ebenso Geschlecht und Alter relevant, da sie mit ökologischen Einstellungen zusammenhängen. Darüber hinaus stellt sich im Hinblick auf die Klassenstruktur die Frage, ob die Protestierenden im Agrarsektor tätig sind und ob sie im städtischen oder ländlichen Raum wohnen.

Die Geschlechterverteilung unterscheidet sich bei beiden Protesten. Auf der KLTG sind 61 % der Protestierenden männlich, auf der WHES-Demonstration sind etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer:innen weiblich (53 %). Der Umweltbewusstseinsstudie von 2024 zufolge ist das Umweltbewusstsein bei Frauen höher und nimmt mit steigendem Alter zu (BMUKN/UBA 2025). Die Protestierenden auf der KLTG sind zum größten Teil zwischen 33 und 55 Jahre alt (37 %), während auf der WHES-Demonstration der größte Teil über 55 Jahre alt ist (39 %).

Auch hinsichtlich der Klassenzugehörigkeit zeigen sich deutliche Unterschiede. So haben 49 % der Protestierenden auf der KLTG einen mittleren Schulabschluss als höchsten Bildungsgrad, während 59 % der Protestierenden auf der WHES-Demonstration einen Hochschulabschluss haben. Trotz des höheren Bildungsgrads ist das Einkommen der WHES-Protestteilnehmer:innen tendenziell niedriger als auf der KLTG: Nur 19 % verdienen mehr als 3.000 € pro Monat (persönliches Nettoeinkommen), verglichen mit 28 % der KLTG-Protestteilnehmer:innen.

Die Befragten der KLTG arbeiten überwiegend in der Landwirtschaft (55 %) und leben in ländlichen Gebieten (62 %). Demgegenüber arbeiten nur 17 % der WHES-Protestierenden im Agrarsektor und 66 % leben in städtischen Gebieten. Auch die Anbauweise unterscheidet sich. Von den in der Landwirtschaft Tätigen produzieren 88 % auf der KLTG konventionell, während auf dem WHES-Protest 84 % nach ökologischen Richtlinien arbeiten.

Die Klassenbasis der WHES als städtische, gut gebildete Mittelschicht entspricht dem Profil progressiver sozialer Bewegungen, die eine Reform in der food regime in Richtung mehr Inklusion anstreben, aber keine radikalere Transformation beanspruchen, wie es Holt Giménez und Shattuck (2011) beschreiben. Im Anschluss daran stellt sich die Frage, ob die WHES auch Forderungen radikalerer Bewegungen, wie beispielsweise den Zugang zu Land, Saatgut, Wasser und politische Teilhabe an der Agrarentwicklung aufnehmen.

Abb. 1: KLTG Protest 2024; links: Slogan „Die Geißel unseres Landes“ unter den Figuren des damaligen Kanzler Scholz (SPD) und dem/der Minister*in Habeck und Baerbock (Bündnis 90/die Grünen); rechts: Plakat mit dem Spruch „Der Hof brennt die Politik pennt“) (Quelle: Eigene Darstellung. Foto: Lea Zentgraf)
Abb. 1:

KLTG Protest 2024; links: Slogan „Die Geißel unseres Landes“ unter den Figuren des damaligen Kanzler Scholz (SPD) und dem/der Minister*in Habeck und Baerbock (Bündnis 90/die Grünen); rechts: Plakat mit dem Spruch „Der Hof brennt die Politik pennt“) (Quelle: Eigene Darstellung. Foto: Lea Zentgraf)

Abb. 2: KLTG Protest 2024; links: Plakat mit Spruch „Ampel hör auf, Bürger steh auf!“; rechts: Plakat mit dem Spruch „Die Ampel muss weg! skrupellos, substanzlos, kompetenzlos. Schließt Euch an!“ (Quelle: Eigene Darstellung, Foto: Lea Zentgraf)
Abb. 2:

KLTG Protest 2024; links: Plakat mit Spruch „Ampel hör auf, Bürger steh auf!“; rechts: Plakat mit dem Spruch „Die Ampel muss weg! skrupellos, substanzlos, kompetenzlos. Schließt Euch an!“ (Quelle: Eigene Darstellung, Foto: Lea Zentgraf)

4 Protestanliegen

Auf beiden Protestveranstaltungen wurde den Befragten eine offene Frage zu ihrem persönlichen Anliegen gestellt, das sie mit ihrer Teilnahme zum Ausdruck bringen wollen (siehe Tabelle 1). Die KLTG-Teilnehmer:innen fordern mehr Unterstützung für die Landwirtschaft, protestieren gegen die Kürzungen von Subventionen, drängen auf weniger Bürokratie und äußern generelle Unzufriedenheit mit der Regierung. Diese zeigt sich auch auf den Transparenten wie beispielsweise „Die Ampel muss weg“ oder „Ampel hör auf, Bürger steh auf“ (siehe Abbildungen 1 und 2).[8]

Abb. 3: WHES Protest 2024; links: Traktor mit Transparent: „Höfesterben und Gentechnik stoppen – Zukunft sichern!“ und „Denken Global, Essen lokal“; rechts: „Bäuer:innen & Gesellschaft gemeinsam gegen das Höfesterben“ (rechts) (Quelle: Eigene Darstellung, Foto: Judith Müller)
Abb. 3:

WHES Protest 2024; links: Traktor mit Transparent: „Höfesterben und Gentechnik stoppen – Zukunft sichern!“ und „Denken Global, Essen lokal“; rechts: „Bäuer:innen & Gesellschaft gemeinsam gegen das Höfesterben“ (rechts) (Quelle: Eigene Darstellung, Foto: Judith Müller)

Im Gegensatz dazu fordern die WHES-Demonstrierenden die Unterstützung einer ökologischeren Landwirtschaft. Weitere Anliegen sind mehr Klimaschutz, Schutz der Biodiversität, Tierwohl und gerechtere Löhne in der Landwirtschaft sowie Kritik an der derzeitigen Agrarpolitik (siehe Abbildung 3). Einige Protestierende grenzen sich explizit von den „Bauernprotesten“ ab und wollen mit ihrer Teilnahme ein Zeichen gegen rechts setzen. Im Vorfeld der Demonstration wurde diese Abgrenzung von Organisationen aus dem Bündnis „Meine Landwirtschaft“ gefordert, wie etwa von der jungen AbL in ihrem Video „JA zu bäuerlichem Protest, NEIN zu rechter Hetze!“ (junge AbL 2024).

Während die Protestierenden der WHES eine weitere Ökologisierung der Landwirtschaft fordern, fehlt eine solche Richtung bei der KLTG, deren Forderungen die Landwirtschaft im Allgemeinen betreffen. Zugleich wird deutlich, dass agrar- und gesellschaftspolitische Forderungen verknüpft werden. Die Kritik an der Agrarpolitik gipfelt bei der KLTG in der Forderung nach einem Regierungswechsel, bei der WHES hingegen in der Vision einer umfassenden sozial-ökologischen Transformation der Gesellschaft.

Tabelle 1:

Protestanliegen (kategorisierte offene Antworten)

WHES 2024

KLTG 2024

Aussage

Anzahl

Aussage

Anzahl

Ökologische(re) LW schützen und stärken

118

Für eine Unterstützung der LW

9

Soziale-ökologische Transformation, Agrarwende

63

Unzufriedenheit mit der Regierung

6

Kleinbäuerliche LW stärken oder erhalten

40

Gegen Kürzungen in der LW

5

Klimaschutz

40

Solidarität mit den Landwirten

5

Für Tierwohl

39

Für einen Regierungswechsel („Ampel muss weg“)

5

Für gerechte Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in der LW

35

Weniger Bürokratie

5

Gegen derzeitige Agrarpolitik (EU/Dtl.)

35

Gegen Auflagen für die LW

4

Biodiversität schützen

33

Weniger Belastung für die gesamte Bevölkerung

4

Gegen Gentechnik

29

Widerstand zum Ausdruck bringen

3

Gegen Rechts, rechte Bauern

26

Bei den Reichen kürzen, nicht bei den Armen

2

WHES: Welches Anliegen wollen Sie persönlich durch Ihre Teilnahme an der „Wir haben es satt!“-Demonstrationen zum Ausdruck bringen? N=308; KLTG: Welches Anliegen wollen Sie persönlich durch Ihre Teilnahme an den Demonstrationen im Rahmen der Agrar-Aktionswoche zum Ausdruck bringen? N=29; Die offenen Antworten wurden induktiv kodiert und kategorisiert.

5 Landwirtschaftspolitik als Gesellschaftspolitik

In diesem Abschnitt wird gezeigt, wie sich die agrar- und gesellschaftspolitischen Einstellungen bei beiden Protesten unterscheiden. In Anlehnung an van der Ploeg (2020) differenzieren wir zwischen Positionen zur inneren Organisation der Landwirtschaft und solchen, die sich auf ihr Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Bereichen beziehen. Die Ergebnisse der Protestbefragungen werden mit Positionen der Organisationen, die zu den Protesten aufgerufen haben, verglichen.

5.1 Agrarpolitische Einstellungen

Positionen zur inneren Organisation der Landwirtschaft

In beiden Protestumfragen stimmen die Befragten mehrheitlich überein, dass der Zugang zu Boden und die Pachtpreise große Herausforderungen für die bäuerliche Landwirtschaft darstellen (KLTG 69 %; WHES 81 %). Während diese Themen im DBV-Geschäftsbericht und auf den Internetseiten von LSV und den „Freien Bauern“ nur eine marginale Rolle spielen, widmet sich der Kritischen Agrarbericht, der von der AbL herausgegeben wird und viele Positionen von den aufrufenden Organisationen enthält, ausführlich der Frage nach den Pachtpreisen, insbesondere mit Blick auf Jungbäuer:innen (Stodieck 2025: 34). Deren Förderung wird mit dem Erhalt von kleineren Höfen verknüpft, die als wichtiger Baustein einer ökologischen Landwirtschaft gesehen werden (Wannemacher/Maaß 2025: 43).

Auch der Aussage, dass sich die deutsche Landwirtschaft nicht auf den Export für die Ernährung der Welt konzentrieren sollte, wird mehrheitlich zugestimmt (KLTG 55 %; WHES 64 %). Diese Position zeigt sich auch in den Stellungnahmen der Organisationen: Während der DBV in seinem Geschäftsbericht auf ein pauschales Urteil zu den Exportbeziehungen verzichtet, ist für LSV der „Erhalt der regionalen Lebensmittelversorgung“ und der Schutz vor Billigimporten sehr wichtig (LSV o. J.a; LSV o. J.b). Ähnlich wird von den „Freien Bauern“ gefordert, die „heimische Erzeugung von Lebensmitteln“ vor ausländischer Konkurrenz zu schützen (Freie Bauern o. J.b). Im 6-Punkte-Plan von „Meine Landwirtschaft“ werden hingegen Fragen globaler Gerechtigkeit mit einbezogen und auf die Folgen des Exportdumpings für die Länder des Globalen Südens verwiesen (Wir haben es satt! 2023) – eine Perspektive die bei der Koalition der KLTG fehlt.

Deutliche Unterschiede zeigen sich hinsichtlich der Aussage, dass die Bürokratie eine der größten Herausforderungen für die landwirtschaftlichen Betriebe darstelle. 97 % der Befragten der KLTG betrachten sie als großes Problem, bei der WHES sind es noch über die Hälfte der Befragten (55 %). Die Kritik an der Bürokratie zeigt sich auch in den Forderungen der mobilisierenden Organisationen. Bei den „Freien Bauern“ wird Bürokratie als Hindernis für die eigene Arbeit wahrgenommen: „Überflüssige Bürokratie verleidet uns die schöne Bauernarbeit“ (Freie Bauern o. J.b). Das Bündnis LSV fordert eine systematische Sichtung aller relevanten Verordnungen und Auflagen, um den Bürokratieabbau voranzutreiben (LSV o. J.b), und der DBV veröffentlicht hierzu ein eigenes Forderungspapier (DBV 2024b). Auch im Kritischen Agrarbericht der AbL wird die Forderung nach einem Bürokratieabbau als eine berechtigte Forderung angesehen. In diesem Zusammenhang wird aber auch darauf hingewiesen, dass Bürokratie in der Landwirtschaft oftmals mit Umweltauflagen in Zusammenhang stehe und in Teilen notwendig sei. Kritisiert wird, dass die EU im Zuge der Bauernproteste 2024 wichtige Umweltauflagen mit dem Verweis auf Bürokratieabbau zurücknahm (Häußling 2025; Reimer 2025b: 68; Wannemacher/Maaß 2025).

Unterschiede zeigen sich auch in der Bewertung der Biotechnologie. Zwar lehnt eine Mehrheit auf beiden Protesten die Aussage ab, dass, um in Deutschland genug Lebensmittel herzustellen, Innovationen im Bereich der Biotechnologie notwendig seien. Die Ablehnung ist jedoch bei der WHES mit 53 % signifikant höher als auf der KLTG mit 38 %. In der progressiven Bewegung ist Gentechnikkritik bereits seit Gründung des Bündnisses Meine Landwirtschaft fester Bestandteil der Agenda (Wir haben es satt! o. J.). Auch der Aufruf für die Demonstration 2024 war gegen die Gentechnik gerichtet und lautete: „Gutes Essen braucht Zukunft – für eine gentechnikfreie, bäuerliche und umweltverträgliche Landwirtschaft!“ (Wir haben es satt! 2024; siehe auch Abbildung 4). Bei der Koalition, die zur KLTG aufgerufen hat, ist die Meinung gespalten. Die „Freien Bauern“ fordern ein „Verbot der grünen Gentechnik“ (Freie Bauern o. J.b). Für den DBV hingegen sind Pflanzenzüchtung und Genomeditierung „ein wichtiges, aber eines von vielen Instrumenten, um dem Klimawandel besser begegnen zu können“ (DBV 2021: 2). Diese unterschiedlichen Ansichten zeigen sich auch darin, dass 31 % der Befragten auf dem KLTG-Protest Biotechnologie befürworten, bei der WHES sind es nur 13 %.

Eine Polarität in den Einstellungen besteht bei der Frage nach der Spezialisierung der landwirtschaftlichen Betriebe. Während 71 % der Protestierenden auf der WHES der Aussage zustimmt, dass landwirtschaftliche Großbetriebe nicht zukunftsfähig seien, wenn sie sich nur auf die Herstellung eines Produktes konzentrierten, lehnen 38 % auf der KLTG diese Aussage ab. Positionen zur Spezialisierung landwirtschaftlicher Betriebe finden sich vor allem bei der Koalition der WHES. Für die agrar-ökologische Bewegung – als Teil der WHES – ist die Vielfalt der Anbausysteme eine wichtige Voraussetzung nicht nur für den Umweltschutz, sondern auch für die soziale Reproduktion der kleinbäuerlichen Landwirtschaft (Grass 2025). Die Entwicklung großflächiger Monokulturen, die mit der Spezialisierung von Agrarbetrieben einhergeht, ist Ausdruck industrieller Landwirtschaft und einer von Bäuer:innenorganisationen kritisierten „agriculture without farmers“[9] (Meine Landwirtschaft o. J.).

Beide Bewegungen fordern demnach – jedoch mit anderen Schwerpunkten – eine Neuorganisation der landwirtschaftlichen Produktion. Beide setzen auf regionale Landwirtschaft und kürzere Wertschöpfungsketten. Sie plädieren für ein Nahrungsmittelregime des „food from somewhere“ und wenden sich gegen ein „food from nowhere“ (Campbell 2009). Regionalität wird bei der KLTG jedoch stärker nationalstaatlich gedacht, während Protestierende auf der WHES lokale Gemeinschaften auch in globaler Hinsicht in den Blick nehmen. Der Unterschied zwischen beiden Bewegungen zeigt sich auch im Umgang mit biotechnologischen, insbesondere gentechnischen Verfahren. Diese lassen sich dem corporate-environmental food regime und dem produktivistischen Paradigma zuordnen (Hackfort 2024; Levidow 2015). Dass einige Teilnehmer:innen auf der KLTG einem Einsatz der Biotechnologie in der Landwirtschaft zustimmen, deutet auf eine größere Offenheit für das produktivistische Paradigma. Gestützt wird diese Vermutung durch die Polarität bei der Frage der Spezialisierung der Betriebe. Die Betonung von Vielfalt, wie sie bei der WHES zu finden ist, wird von Fickel und Anderl (2024) dem Multifunktionalismus-Paradigma zugeordnet. Dieses steht dem produktivistischen Paradigma gegenüber, das eine Spezialisierung der Betriebe beinhaltet – eine Vorstellung, für die viele der KLTG-Teilnehmer:innen offen sind.

Positionen zum Verhältnis der Landwirtschaft zu anderen gesellschaftlichen Bereichen

Die Wertschätzung für Landwirt:innen zeigt sich unter anderem darin, ob Konsument:innen bereit sind, mehr Geld für faire Erzeuger:innenpreise auszugeben. In beiden Protestumfragen wird diese Bereitschaft mehrheitlich angezweifelt (KLTG 79 %, WHES 52 %). Der Unterschied ist aber nicht statistisch signifikant, so dass wir von ähnlichen Positionen ausgehen müssen. Die aufrufenden Organisationen thematisieren kaum fehlende Wertschätzung durch Konsument:innen. Im Kritischen Agrarbericht wird jedoch darauf hingewiesen, dass nur ein geringer Teil der Ausgaben der Konsument:innen bei den Erzeuger:innen ankomme. Ein wachsender Anteil verbleibe bei den Verarbeiter:innen und im Handel (Häußling 2025: 49).

Aussagen zur Klimakrise und der Energiewende werden von den Befragten beider Proteste unterschiedlich bewertet. Zwar wird die Klimakrise auf beiden Protesten als Bedrohung für die Landwirtschaft wahrgenommen, jedoch stimmen bei den KLTG-Protesten nur 41 % der Befragten einer entsprechenden Aussage zu, bei den WHES-Protesten sind es 90 %. Hingegen wird auf der KLTG von einem größeren Teil der Befragten (72 %) die Energiewende als eine große Herausforderung für die bäuerliche Landwirtschaft betrachtet, gegenüber 52 % bei der WHES. Beide Unterschiede sind statistisch signifikant.

Die unterschiedliche Gewichtung umweltpolitischer Themen entspricht der politischen Ausrichtung der Organisationen, die zu den Protesten aufgerufen haben. Die Klimakrise steht bei der WHES ganz oben auf der politischen Agenda – nicht zuletzt durch die Beteiligung von Fridays for Future an den Demonstrationen seit 2020 (AbL o. J.). Für die KLTG ist die Energiewende bedeutsamer, da die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen spürbare Kosten für die Landwirtschaft verursacht. Die geplante Streichung der Vergünstigungen beim Agardiesel habe das „Fass zum Überlaufen“ gebracht (Drexel/Rehrmann 2024: 1).

Abb. 4: WHES Protestzug und Banner „Gegen Gentechnik und Patente“. Foto: Moritz Richter / www.wir-haben-es-satt.de #WHES24 #GutesEssenBrauchtZukunft (Quelle: www.flickr.com/)
Abb. 4:

WHES Protestzug und Banner „Gegen Gentechnik und Patente“. Foto: Moritz Richter / www.wir-haben-es-satt.de #WHES24 #GutesEssenBrauchtZukunft (Quelle: www.flickr.com/)

Auch die Organisationen, die zu der KLTG aufgerufen haben, erkennen den Klimawandel als eine Herausforderung für die Landwirtschaft an. Der DBV schlägt in seiner Klimastrategie 2.0 konkrete Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft vor (DBV 2018: 5). Die „Freien Bauern“ bestreiten hingegen, dass die Landwirtschaft „in relevanter Größenordnung zum Klimawandel beitragen“ (Freie Bauern o. J.b) würde. Das Bündnis LSV tritt auf seiner Webseite explizit für Klimaschutz ein, fordert jedoch eine gesamtgesellschaftliche Finanzierung (LSV o. J.a). Einig sind sich der DBV und die AbL darüber, dass die Maßnahmen zum Klimaschutz und andere Umweltschutzmaßnahmen bezahlbar sein müssen (Stodieck 2025: 30 f.; DBV 2018: 9).

Demgegenüber ist das Verhältnis zur Ökologiebewegung stark polarisiert, das heißt, die Aussage wird in beiden Protesten entgegengesetzt bewertet. Während ein sehr großer Teil der KLTG-Befragten (86 %) der Aussage zustimmt, dass die Ökologiebewegung die Landwirtschaft nicht wertschätzt, lehnt ein großer Teil der Befragten auf dem WHES-Protest diese Aussage ab (58 %). Diese negative Bewertung der Ökologiebewegung zeigt sich auch in einem LSV-Infoblatt zu den Protesten, in dem „die anhaltenden Unterstellungen spendengieriger Umweltverbände, unsere Arbeit würde die Menschen kategorisch krank machen und der Umwelt Schaden zufügen“ kritisiert werden (LSV o. J.b). Die „Freien Bauern“ bezeichnen sich als „Stimme gegen Wachstumswahn und Ökoterror“ (Freie Bauern o. J.a), womit sie sich auch gegen die Agrarkonzerne richten. Demnach teilen die „Freien Bauern“ nicht alle offiziellen Positionen der aufrufenden Organisationen, schließen sich aber dennoch der Demonstration an.

Im corporate-environmental food regime werden die Wünsche einer finanzkräftigen Konsument:innenklasse nach ganzjährig verfügbaren, gesunden, ökologischen und fair gehandelten Produkten bedient – auf Kosten von Natur und einkommensschwächeren Konsument:innen (McMichael 2009). In den Protestumfragen blieb die Differenzierung zwischen zwei Konsument:innenklassen unberücksichtigt. Die Befragten beider Bewegungen machten pauschal alle Konsument:innen für die Schwierigkeiten im Agrarsektor verantwortlich – eine Sichtweise, die nach van der Ploeg (2020) populistischen Charakter trägt. Die Unterschiede in der Zustimmung zu den Aussagen zur Klima- und Energiekrise wird unserer Vermutung nach durch die politische Positionierung beeinflusst. Beide Bewegungen betrachten sie jeweils als Themen der politischen Gegenseite (vgl. Fickel/Anderl 2024; van der Ploeg 2020). Letztlich führt bei den in diesem Abschnitt behandelten Positionen zum Verhältnis der Landwirtschaft zu anderen gesellschaftlichen Bereichen nur der Bezug auf die Ökologiebewegung zu polaren Positionen. Während sie im konservativen Diskurs als Triggerpunkt fungiert (vgl. Mau et al. 2024: 274), ist der WHES-Protest selbst in der Umweltbewegung verwurzelt und bringt bereits durch den Protest Wertschätzung für die Landwirtschaft zum Ausdruck (Motta 2022; Nowack/Hoffmann 2020). Deutlicher werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen beiden Bewegungen in den gesellschaftspolitischen Einstellungen, die im nachfolgenden Abschnitt untersucht werden.

Tabelle 2:

Agrarpolitische Einstellungen

Zustimmung

Teilweise

Keine Zustimmung

Fehlend/Weiß nicht

p-Wert

Bewertung

Positionen zur inneren Organisation der Landwirtschaft

Die Pachtpreise und der Zugang zu Boden stellen eine große Herausforderung für die bäuerliche Landwirtschaft dar.

KLTG

68,97 %

10,34 %

6,90 %

13,79 %

0,257

Ähnlichkeit

WHES

81,17 %

3,90 %

14,61 %

0,32 %

Die deutsche Landwirtschaft sollte sich nicht auf Export für die Ernährung der Weltbevölkerung konzentrieren.

KLTG

55,17 %

20,69 %

20,69 %

3,45 %

0,082

Ähnlichkeit

WHES

63,64 %

17,53 %

10,71 %

8,12 %

Die Bürokratie ist eine der größten Herausforderungen für landwirtschaftliche Betriebe.

KLTG

96,55 %

0,00 %

3,45 %

0,00 %

< 0,001

Differenz

WHES

54,87 %

19,48 %

8,12 %

17,53 %

Um genug Lebensmittel in Deutschland herzustellen, sind Innovationen im Bereich der Biotechnologie notwendig.

KLTG

31,03 %

24,14 %

37,93 %

6,90 %

0,014

Differenz

WHES

13,31 %

21,43 %

53,25 %

12,01 %

Landwirtschaftliche Großbetriebe, die nur ein Produkt herstellen, sind nicht zukunftsfähig.

KLTG

20,69 %

24,14 %

37,93 %

17,24 %

< 0,001

Polarität

WHES

71,43 %

8,12 %

11,36 %

9,09 %

Positionen zum Verhältnis der Landwirtschaft zu anderen gesellschaftlichen Bereichen

Die Mehrheit der Konsument:innen ist nicht bereit mehr Geld für faire Erzeugerpreise auszugeben.

KLTG

79,31 %

6,90 %

13,79 %

0,00 %

0,056

Ähnlichkeit

WHES

52,27 %

27,92 %

16,56 %

3,25 %

Die Klimakrise stellt eine Bedrohung für die Landwirtschaft dar.

KLTG

41,00 %

31,03 %

24,14 %

3,45 %

< 0,001

Differenz

WHES

89,94 %

7,47 %

1,95 %

0,65 %

Die Energiewende stellt eine große Herausforderung für die bäuerliche Landwirtschaft dar.

KLTG

72,41 %

13,79 %

13,79 %

0,00 %

0,024

Differenz

WHES

51,62 %

24,35 %

19,16 %

4,87 %

0,020

Die Landwirtschaft wird von vielen aus der Ökologiebewegung nicht wertgeschätzt.

KLTG

86,21 %

6,90 %

0,00 %

6,90 %

< 0,001

Polarität

WHES

14,61 %

19,81 %

57,47 %

8,12 %

Die Antwortkategorien wurden zusammengefasst. WHES: N = 308; KLTG: N= 29. Die meistgenannte Antwortkategorie ist fett hervorgehoben.

5.2 Gesellschaftspolitische Einstellungen

Beide Proteste unterscheiden sich deutlich in ihrer politischen Verortung. Auf einer von „0 (ganz links)“ bis „10 (ganz rechts)“ reichenden Skala ordnen sich die meisten Protestteilnehmer:innen der KLTG in der Mitte des politischen Spektrums ein (24 %) und geben den Wert „5“ an, drei Befragte identifizierten sich mit der extremen Rechten (mit Werten von „9“ oder „10“ auf der Skala), und sechs geben an, sich nicht positionieren zu wollen. Bei den Wahlabsichten dominieren zwei Parteien, die CDU/CSU (31 %) und die AfD (28 %). Im Gegensatz dazu positioniert sich die Mehrheit der WHES-Befragten deutlich links der Mitte; 61 % geben die Werte „0“ bis „2“ auf der Skala an. Bei den Wahlabsichten dominieren Bündnis 90/Die Grünen (49 %) und Die Linke (24 %).

Diese politische Verortung spiegelt sich auch in den gesellschaftspolitischen Einstellungen wider, wie etwa zur Geschlechtergerechtigkeit, sozialer Gerechtigkeit, Fremdenfeindlichkeit und Umweltgerechtigkeit. Beim Thema Geschlechtergerechtigkeit lehnt die Mehrheit der Befragten die Aussage ab, dass gleichgeschlechtliche Ehen gesetzlich verboten sein sollten (KLTG: 79 %; WHES 96 %), jedoch fällt die Ablehnung auf der WHES signifikant höher aus. Ebenso befürwortet die Mehrheit auf beiden Protesten die Aussage, dass Frauen selbst über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden können sollten (KLTG: 69 %; WHES 93 %), die Zustimmung ist auf der WHES jedoch signifikant höher. Bevölkerungsstudien verdeutlichen, dass das Thema Geschlechtergerechtigkeit eine niedrige affektive Polarisierung besitzt (Herold et al. 2023; Mau et al. 2023).

Hinsichtlich des Themas soziale Gerechtigkeit sind ebenso Unterschiede in den Positionen zu beobachten. Hier ist es ein sehr großer Teil der WHES-Protestierenden, der fordert, dass die Regierung Maßnahmen ergreifen sollte, um die Ungleichheiten zu verringern (91 %). Bei den Befragten auf der KLTG sind es nur knapp über die Hälfte (52 %). Auch die Bevölkerungsstudien finden beim Thema soziale Gerechtigkeit nur eine geringe Polarisierung (Herold et al. 2023; Mau et al. 2023).

Deutlich polarisierter ist das Thema Fremdenfeindlichkeit. Der Aussage, dass die in Deutschland lebenden Ausländer ihren Lebensstil besser an den der Deutschen anpassen sollten, stimmen 55 % der Befragten auf der KLTG zu, während auf der WHES diese Aussage 64 % der Befragten ablehnen. Auch Herold et al. (2023) kommt zum Befund einer hohen affektiven Polarisierung beim Thema Zuwanderung.

Aussagen zur Umweltgerechtigkeit werden ebenso polar bewertet. So stimmen auf der KLTG 62 % der Befragten der Aussage zu, dass die Energieversorgung auch durch die Nutzung der Atomkraft gesichert werden sollte, während auf der WHES 89 % der Befragten diese Aussage ablehnen. Zudem stimmen 83 % der KLTG-Teilnehmer:innen der Aussage zu, sie würden sich ärgern, wenn Umweltschützer:innen ihnen Vorschriften machten, wie sie zu leben hätten – eine Aussage, die 82 % der WHES-Befragten ablehnen.

Wie bei den agrarpolitischen Einstellungen können wir eine hohe Polarität feststellen, wenn „die“ Ökologiebewegung direkt angesprochen wird, denn auch das Thema Atomkraft ist ein Aushängeschild von Umweltbewegungen – zu denen die WHES gehört –, die sich schon früh dagegen positionierten.

5 Zusammenfassung und Fazit

In Deutschland können zwei verschiedene Bewegungen gegen das corporate-environmental food regime beobachtet werden. Der progressiven Bewegung gehen die Umweltmaßnahmen in der Agrarpolitik nicht weit genug. Dabei übernimmt sie radikale Forderungen nach strukturellen Veränderungen im Bereich Umwelt- und Klimaschutz sowie globaler und sozialer Gerechtigkeit. Die konservative Bewegung hingegen lehnt Umweltauflagen eher ab und wendet sich gegen eine sozial-ökologische Transformation. Ihre Reformvorschläge bleiben oft dem produktivistischen Paradigma verhaftet.

Unsere Befunde der Protestbefragungen verdeutlichen einen sehr unterschiedlichen Klassenhintergrund. Auf der KLTG haben die Protestierenden einen mittleren Schulabschluss und ein relativ hohes Einkommen, wählen konservative und rechte Parteien und verorten sich Mitte/Rechts im politischen Spektrum. Protestierende der WHES haben überwiegend einen Hochschulabschluss und ein relativ niedriges Einkommen. Sie wählen grüne und linke Parteien und verorten sich links im politischen Spektrum. Die Protestierenden der KLTG sind demnach den alten Mittelschichten zuzuordnen (vgl. Fickel/Anderl 2024; Vester 2007), die WHES den neuen Mittelschichten mit hohem Bildungsniveau bei vergleichsweise geringem Einkommen (vgl. Fritz/Eversberg 2023; Neckel 2018; Reckwitz 2020).

Beide Bewegungen grenzen sich in ihren Protestanliegen, Forderungen und Einstellungen voneinander ab. Während auf der WHES gegen „rechte Bauern“ demonstriert wird, fungiert auf der KLTG die Ökologiebewegung als Triggerpunkt. Beide Bewegungen lehnen Aussagen und Themen ab, wenn sie als Themen der „Gegenseite“ identifiziert werden können. Handelt es sich dagegen um unbelastete Themen, werden Gemeinsamkeiten deutlich. Fickel und Anderl (2024: 177) haben auf die negativen Affekte der konservativen Bewegung gegenüber dem sozial-ökologischen Milieu hingewiesen und dies als Begründung dafür angeführt, wieso die Bäuer:innen scheinbar gegen ihre eigenen Interessen protestieren. Unsere Befunde legen nahe, dass auch die progressive Bewegung eine vergleichbare Affektschranke aufweist. Obwohl sie mit der konservativen Bewegung gemeinsame Interessen haben könnten, entwickeln sie eine Ablehnung gegen „rechte“ Themen.

Tabelle 3:

Gesellschaftspolitische Einstellungen

Zustimmung

Teilweise

Keine Zustimmung

Fehlend/Weiß nicht

p-Wert

Bewertung

Geschlechtergerechtigkeit

Gleichgeschlechtliche Ehen sollten gesetzlich verboten sein.

KLTG

3,45 %

6,90 %

79,31 %

10,34 %

0,012

Differenz

WHES

0,32 %

0,32 %

95,78 %

3,57 %

Frauen sollten selbst über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden können.

KLTG

68,97 %

20,69 %

3,45 %

6,90 %

0,008

Differenz

WHES

92,53 %

1,95 %

0,97 %

4,55 %

Soziale Gerechtigkeit

Die Regierung sollte Maßnahmen ergreifen, um die Einkommensunterschiede zu verringern.

KLTG

51,72 %

17,24 %

27,59 %

3,45 %

< 0,001

Differenz

WHES

90,58 %

4,22 %

0,65 %

4,55 %

Fremdenfeindlichkeit

Die in Deutschland lebenden Ausländer sollten ihren Lebensstil besser an den der Deutschen anpassen.

KLTG

55,17 %

34,48 %

0,00 %

10,34 %

< 0,001

Polarität

WHES

5,52 %

23,70 %

63,96 %

6,82 %

Umweltgerechtigkeit

Die Energieversorgung sollte auch durch die Nutzung von Atomkraft gesichert werden.

KLTG

62,07 %

20,69 %

13,79 %

3,45 %

< 0,001

Polarität

WHES

2,60 %

3,57 %

88,96 %

4,87 %

Ich ärgere mich, wenn Umweltschützerinnen und -schützer mir vorschreiben wollen, wie ich leben soll.

KLTG

82,76 %

13,79 %

0,00 %

3,45 %

< 0,001

Polarität

WHES

3,25 %

8,44 %

82,14 %

6,17 %

Die Antwortkategorien wurden zusammengefasst. WHES: N = 308; KLTG: N= 29. Die meistgenannte Antwortkategorie ist fett hervorgehoben.

Ein gemeinsames Anliegen beider Bewegungen ist die gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit der Landwirt:innen und der Erhalt der Landwirtschaft als Teil der Kultur(-landschaft) in ländlichen Räumen. Diese Positionen ähneln dem Konzept der Ernährungssouveränität und könnten eine Grundlage für Allianzen für eine Transformation des corporate-environment food regime in Richtung Agrargerechtigkeit bilden. Konsens besteht auch darin, dass die Kosten der sozial-ökologischen Transformation nicht allein von den Landwirt:innen getragen werden sollten, sondern von der gesamten Gesellschaft. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass sich Landwirt:innen hinter Forderungen nach einer radikalen Umgestaltung des Nahrungsmittelregimes vereinen werden, doch es gibt Beispiele für Kompromisse zwischen der progressiven und der konservativen Bewegung. So etwa die Borchert-Kommission 2022/2023, eingerichtet speziell für die Tierhaltung, oder die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZkL). In ihrem Abschlussbericht 2021 fordert die ZkL finanzielle Unterstützung landwirtschaftlicher Betriebe bei der Umsetzung von Umweltauflagen (ZkL 2021: 5). Die Vorschläge der ZkL stellen einen politischen Minimalkonsens dar, der von Akteur:innen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen von Landwirtschaft getragen wird. Während der Widerstand gegen das corporate-environmental food regime bei beiden Bewegungen vorhanden ist, formuliert jedoch nur die progressive Bewegung eine positive Vision einer agrar-ökologischen, sozial eingebetteten Landwirtschaft der Zukunft.

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Online erschienen: 2025-11-05
Erschienen im Druck: 2025-10-30

© 2025 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Articles in the same Issue

  1. Frontmatter
  2. Editorial
  3. Diversität der Landwirtschaftsproteste in Deutschland
  4. Aktuelle Analyse
  5. Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland. Entstehung und Dynamik der jungen Politikfelder der Engagement- und Demokratiepolitik
  6. Themenschwerpunkt: Landwirtschaftsproteste in Deutschland Umkämpfte Reaktionen auf Transformationsdruck in agrarischen Strukturen
  7. Rückwärts in die Zukunft – die Landwirtschaftsproteste 2023/24 und das Greening des landwirtschaftlichen Modernisierungspfades
  8. Konflikte um die Zukunft der Landwirtschaft: Proteste konservativer und progressiver Bewegungen in der sozial-ökologischen Transformation
  9. Gegen das System, mit dem System: Die Bauernproteste 2023–24 als Ausdruck neuer Konfliktlinien landwirtschaftlicher Verbände in Deutschland
  10. Landwirtschaft unter Transformationsdruck – Vom Gefühlskollektiv zur (populistischen) Bauernprotestbewegung
  11. Die Landwirtschaftsproteste und diskursiver Populismus. Wie populistisch waren die Landwirtschaftsproteste 2023/24?
  12. Reale Utopien in der Landwirtschaft: Strategien progressiver Agrarbewegungen für eine emanzipatorische sozial-ökologische Transformation
  13. IPB beobachtet
  14. Hybride Kommunikation als politische Praxis
  15. Literatur
  16. Kritische Agrarische Studien (CAS) – Die „Agrarfrage“ neu gestellt
  17. Lektionen aus der Geschichte der Agrobusiness-Riesen
  18. Rassifizierung und Landwirtschaft: Migrantische Arbeit im Black Mediterranean
  19. Bewegungsparteien der extremen Rechten in Europa
  20. Verfassungsinterpretation als politische Praxis?!
Downloaded on 13.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/fjsb-2025-0051/html
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