Zusammenfassung
Die auktoriale Anonymität der Kinder- und Hausmärchen wird von den Brüdern Grimm als Zeichen ihres kollektiven Ursprungs gelesen und programmatisch gegen individuelle Autorschaft gewendet, in der sie ein Symptom gesellschaftlicher Fragmentierungsprozesse meinen erkennen zu können. Dazu muß die Überlieferungsgeschichte der Märchen ihren geschichtsphilosophischen Voraussetzungen und modernisierungskritischen Motiven angepaßt werden. Die Strategie der Zerstreuung der Autorschaft, die sie dabei verfolgen, dient zugleich der Autorisierung ihres Märchentextes.
Summary
The authorial anonymity of the Children’s and Household Tales is interpreted by the brothers Grimm as a sign of their collective origin and is programmatically turned against the concept of individual authorship, which they believe to be a symptom of societal processes of fragmentation. Hence they have to adjust the transmission history of the fairytales to their historico-philosophical presuppositions as well as their eminently critical attitude towards modernization. At the same time the strategy of dispersal of authorship the brothers Grimm pursue serves them as an authorization of their fairytale text.
Résumé
Les frères Grimm voient dans l’anonymat des Contes pour les enfants et la maison une preuve de leur origine collective. Ils se prononcent de façon programmatique contre l’idée de paternité littéraire individuelle qui dans leurs yeux représente un symptôme de la fragmentation de la société. En racontant leur propre version de l’histoire de la transmission des contes, ils tentent à conforter leur vision critique de la modernisation et leur philosophie de l’histoire. Il poursuivent donc une stratégie de dispersion des origines du conte afin d’établir leurs versions des textes comme des reconstructions des originaux.
© 2014 by Walter de Gruyter Berlin/Boston
Articles in the same Issue
- Titelei
- I. Aufsätze
- Das aufgeklärte Märchen: Eine europäische Erfolgsgattung von Mme d’Aulnoy und Perrault bis zu den Brüdern Grimm. Einleitung zum Tagungsband
- 1. Das aufgeklärte Märchen: Problemskizzen
- Es war einmal Das Märchen als gegenwartsorientierte, dynamische Gattung
- Natürlich übernatürlich: das aufgeklärte Märchen
- Der discours des aufgeklärten Märchens. Märchenerzählen bei Wieland, Musäus und den Grimms
- 2. Fallstudien
- Märchen und Aufklärung im Frankreich des 18. Jahrhunderts
- Der ‚Hang zum Wunderbaren‘ und die ‚Liebe zur Wahrheit‘ Märchen und Aufklärung bei Wieland
- „Ohne Poesie läßt sich nichts in der Welt wirken, Poesie aber ist Mährchen.“ Zu Johann Wolfgang von Goethes Märchen und zu seinem Mährchen
- Spielerische Komplexitätsreduktion. Das Märchen von Hyazinth und Rosenblüte aus Friedrich von Hardenbergs Romanfragment Die Lehrlinge zu Sais
- Das Märchen als Provokation: Ludwig Tiecks Volksmährchen herausgegeben von Peter Leberecht
- 3. Die Neuerfindung der Gattung und deren Folgen: Die Kinderund Hausmärchen der Grimms
- Zerstreute Autorschaft. Anonymität als Autorisierungsfunktion Grimmscher Märchen
- Die Austreibung der Schrift durch die Schrift Zur philologisch-historischen Reflexion von Mündlichkeit nach 1800 am Beispiel der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen
- V. Besprechungen
- VII. Eingesandte Bücher
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- V. Besprechungen
- VII. Eingesandte Bücher