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Paloma Ortiz-de-Urbina (ed.): Germanic Myths in the Audiovisual Culture

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Veröffentlicht/Copyright: 7. April 2022
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Rezensierte Publikation:

Paloma Ortiz-de-Urbina (ed.): Germanic Myths in the Audiovisual Culture. Tübingen, 2020.


Der vorliegende Band versammelt vierzehn Beiträge und eine kurze Einleitung, die sich mit der ‚Verarbeitung germanischer‘ Mythen in ‚der‘ audiovisuellen Kultur befassen. Die Gegenstände der – zum Teil eng aufeinander Bezug nehmenden, zum Teil unverbunden aufeinanderfolgenden – Untersuchungen reichen dabei von Richard Wagners Siegfried bis zu rezenten Computerspielen (The Witcher, God of War) und der mehrfach behandelten Serie Vikings, die zum Indiz einer „Renaissance“ (vgl. S. 9) nordischer Mythen in der populären Kultur erklärt wird. Die konzeptuellen Grundfragen des Bandes richten sich auf „warum“ und „wann“ (vgl. S. 9) dieser angeblichen Wiedergeburt. Sie werden allerdings nicht systematisch bearbeitet, sondern setzen allein mit Wagner den entscheidenden Impulsgeber, als „Wasserscheide“ (vgl. S. 9), dessen Wirkungen auf verschiedene mediale wie kulturelle Zusammenhänge in den Fokus der vier thematischen Sektionen gerückt werden. Wagners Gesamtkunstwerk, das nach antikem Vorbild Musik, Dichtung und Tanz zu integrieren versucht, wird dadurch zugleich zum Begründungsdokument der „audio-visuellen Kultur“.

Paloma Ortiz-de-Urbinas Beitrag eröffnet die historische Rekonstruktion, in dem sie die Transformationen des Sigurd/Siegfried-Mythos am Beispiel Wagners nachzeichnet, die wiederum starke Impulse für Fritz Langs Filmschaffen (Siegfried, 1924) geliefert haben. Auch Magda Polos anschließende Betrachtung zu einer zeitgenössischen Adaption des Wagner’schen Rings zeigt dessen vielfältige Rezeptionslinien auf, die sich im katalanischen Gegenwartstheater vor allem durch philosophische Bezüge auf Vorstellungen einer ‚neuen Ordnung‘ fassen lassen. Auch Miguel Salmerón befasst sich mit der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus, deren Produktionen er mit Inszenierungen der Bayreuther Festspiele der 1970er sowie New Yorker Aufführungen der Metropolitan Opera in den 1980er Jahren vergleicht, bei der Wotans sukzessive De(kon)struktion im Zentrum steht. Die erste Sektion wird von Jesús Pérez-Gracia abgeschlossen, der eine französische Comic-Adaption des Rings in den Blick nimmt, an der er die Lösung des Stoffes aus ursprünglich nationalen Kontexten und die Überführung in eine global-digitale Welt des 21. Jahrhunderts aufzeigt.

In der zweiten Sektion rücken primär filmische Adaptionen in den Mittelpunkt. Den Auftakt macht Heidi Grünewald, die sich in ihrem Aufsatz zwischen „Mythos und Utopie“ abermals mit Fritz Langs Nibelungenfilmen auseinandersetzt. Grünewald zeigt auf, wie Lang nicht nur Vergangenheit reaktiviert, sondern über diese Visionen „möglicher neuer Welten“ (S. 83) entwirft, was nicht zuletzt für die nationalsozialistische Rezeption Anschlussfähigkeit hergestellt hat. Vor diesem Hintergrund sind Laura Arenas vergleichende Analyse der nationalen Stereotype in Langs Filmen sowie Uli Edels Dark Kingdom (2004) besonders aufschlussreich, da er die klaren Grenzziehungen zwischen ‚Eigenem‘ und ‚Fremden‘ aufzeigt, die Lang vorgenommen hat. Peio Gómez Larrambes Beitrag über die ‚Demythisierung‘ des Artus-Mythos in Monty Python and the Holy Grail (1975) fällt thematisch ein wenig aus dem Rahmen, er kann auch aufgrund seiner Kürze mehr andeuten als ausführen, was in den transtextuellen Verschiebungen des englischen Kollektivs mit den ursprünglichen Mythen geschieht. In einem der interessantesten Beiträge kann Elena Castro García am Beispiel der Serie Vikings aufzeigen, wie Mythos und Geschichte durch unterschiedliche sprachliche Realisationen (Altnordisch / Englisch) voneinander unterschieden, zuweilen aber auch miteinander verschränkt werden. Die kritisierte spanische Synchronisierung kann dies hingegen nicht nachbilden.

Die dritte Sektion zu Fernsehen, Videospielen und Propaganda wird von Ana Melendo Cruz eröffnet, die Odin und Ragnar als Figuren der Serie Vikings vergleicht und dabei zu dem Schluss kommt, dass sowohl historische wie literarische Data in die Darstellung beider eingegangen sind. Daran schließt Irene Sanz Alonso an und nimmt gleich drei Videospiele (The Witcher, Hellblade, God of War IV) ins Visier, kann aber vor allem aufgrund der sehr knappen Ausführungen nurmehr hervorkehren, dass bestimmte Mythen zwar eine zentrale Rolle spielen, ihre Transformationen aber kaum erschöpfend beschreiben. Auch María Jesús Fernandéz-Gils’ Auseinandersetzung mit einigen Beispielen aus der Propaganda des Nationalsozialismus kann kaum neue Erkenntnisse liefern, zu oberflächlich sind die Beschreibungen bei zum Teil völliger Missachtung der bereits erfolgten Forschungsarbeit.

In der vierten und letzten Sektion geht es um Mythenadaptionen, die sich als Beiträge zum Ecocriticism lesen lassen. Lorena Silos Ribas macht dazu den Anfang und kann den Filmen der How to Train Your Dragon-Reihe (auf Deutsch Drachenzähmen leicht gemacht) zeigen, dass an die Stelle der alten Drachentöter-Figur Sigurd/Siegfried neue und vor allem plurale Modelle der Interspezies-Kommunikation getreten sind. Darauf folgt ein weiterer thematischer Ausreißer, in dem Lorraine Kerslake Young Ted Hughes’ Crow und dessen Schöpfunsmythos nachzeichnet. Yue Wens abschließender Beitrag unternimmt einen Vergleich von nordischer und chinesischer Mythologie, der anhand von Zeit- und Raumvorstellungen sowie der Kosmogonie einige Ähnlichkeiten aufzeigt, die nicht dem Zufall entstammen können. Wie diese indessen zu erklären sind, bleibt offen.

Bereits im kurzen Referat der Beiträge wird deutlich, dass Einzelanalysen im Zentrum des Bandes stehen und es weniger um den Versuch einer systematischen Gesamtdarstellung geht. Für interessant befundene populäre Phänomene stehen damit häufig unverbunden nebeneinander. Vor allem durch die zum Teil extrem kurzen und daher stark selektiven Beiträge wäre eine stärkere Rahmung sinnvoll bzw. notwendig gewesen – die ausgegebenen Fragen (wann die Mythen ihre große Beachtung gefunden haben und wieso dies immer noch der Fall ist) können daher nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Dass entsprechende Mythenadaptionen große Popularität genießen und in nahezu allen medialen Kontexten und Verbindungen stattfinden, ist keine allzu überraschende Erkenntnis, sondern eine Ausgangsbedingung für diesen Band. In der essayistischen Verknappung gehen auch klare Begriffe und Anschlüsse an die doch sehr zahlreichen Forschungsarbeiten deutscher, englischer, französischer oder auch skandinavischer Provenienz verloren. In der umfangreichen Bibliographie, die den Band abschließt, wird dies besonders deutlich. Diese versammelt auf vierzehn Seiten zwar so manchen weniger bekannten Text, zeigt aber auch durch die vielen Lücken an, was an relevanter Forschung (und an extrem populären Adaptionen wie etwa den Marvel-Comics) von den Beiträger:innen nirgends herangezogen worden ist.

Auch das Auditive verliert sich in der Annäherung an die Gegenwart vollständig. Weder auf die weiterführende Wagner-Rezeption noch auf zeitgenössische Komposition, auf Nordic Folk oder die kaum überschaubar vielfältigen Spielarten in Rock und Metal, wird an irgendeiner Stelle hingewiesen. Dass diese ganz sicher zur globalen Verbreitung beigetragen haben und dies auch weiterhin tun, wäre sicher eine gute Information und ein möglicher Ansatz zur Klärung der aufgeworfenen Fragen gewesen. Wer nicht bereits weiß, welche enormen Resonanzen und Transformationen die eddischen Mythen und der Nibelungen-Stoff dort gefunden haben, der- oder demjenigen enthält der Band vieles vor, was ‚der‘ audiovisuellen Kultur zweifellos zuzurechnen wäre. Angesichts dessen bleibt diese Publikation eine äußerst zwiespältige Angelegenheit. Neben einigen erhellenden Einsichten und interessanten Einblicken in international weniger bekannte Kontexte (etwa des katalanischen Theaters) enthält er doch auch zahlreiche Texte, deren Erkenntniswert gering ist. Theoretische Vertiefungen und ein engerer Bezug zu den Ausgangsfragen des Bandes wären wünschenswert gewesen.

Online erschienen: 2022-04-07
Erschienen im Druck: 2022-04-30

© 2022 Penke, published by De Gruyter

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Heruntergeladen am 4.5.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/ejss-2021-2055/html?lang=de
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