Abstract
Citizen science, understood as research that includes both specialists and interested laypeople in its work, has, in recent years, become a key concept in debates about the future of scholarly practice. The essay attempts to transfer this approach to the requirements and processes of scholarly editing, especially under the heading of professionalism. It not only analyses the strategies of projects that have succeeded in editing larger amounts of text using crowdsourcing methods, but also explores where the involvement of volunteers or the outsourcing of editorial activities reaches its limit.
Der abtrünnige Philologe Friedrich Nietzsche entwirft 1875 für eine nicht ausgeführte fünfte Unzeitgemäße Betrachtung Genealogie und Statur der Philologie in Gestalt einer Opposition zwischen dem „Philologen-Poeten“ von der Renaissance bis hin zu Goethe und dem auf einer Marginalisierungsstrategie „der Kirche“ beruhenden „Philologen-Gelehrten“, dessen Ursprünge in der Spätantike liegen, der aber erst in der Neuzeit von sich reden macht. Hinter den Renaissance-Philologen „pflügen die reinen Philologen-Gelehrten nach“:[1] „Der objektiv-kastrirte Philolog, der im übrigen Bildungsphilister und Kulturkämpfer ist, und daneben reine Wissenschaft treibt, ist freilich eine traurige Erscheinung.“[2]
Diese scharfe Scheidung zeichnet ein düsteres Bild philologischer Professionalität, die mit dem reaktionären Zeitgenossen auf dem universitären Katheder verknüpft ist, dem Untertanengeist und Unselbständigkeit unterstellt wird. Führte Nietzsches emanzipatorischer Gestus des Ausstiegs aus der Philologie ihn zur Philosophie, so spielt sich die Geschichte der Edition von Nietzsches Werken bis heute weitgehend außerhalb der geregelten Bahnen der institutionalisierten Wissenschaft ab. Dies gilt zumindest für die frühen Editionen, die unter Elisabeth Förster-Nietzsches Leitung im Weimarer Nietzsche-Archiv entstanden, ebenso aber für die Kritische Gesamtausgabe, die mit den Namen Giorgio Colli und Mazzino Montinari verbunden ist.[3] Nicht nur auf dem Feld der Nietzsche-Exegese war Montinari Dilettant, auch zum Philologen wurde er als Autodidakt und das aus einer ursprünglich politischen Motivation und einem unakademischen Selbstverständnis heraus, wie Philipp Felsch kürzlich zeigen konnte.[4] Damit ist Montinari einer „antiautoritären Revolte auch in der Editionsphilologie“ ebenso zuzurechnen wie der mit ihm bekannte Hölderlin-Editor Dietrich Sattler, auch er „als Dilettant und als Linker in die Philologie geraten“.[5]
Doch funktioniert eine binäre Unterscheidung zwischen einer wie auch immer zu definierenden editorischen Professionalität und einem demgegenüber minder wertzuschätzenden Pendant zu keinem Zeitpunkt, stehen jedenfalls hierfür auch keine klaren Bewertungskriterien zur Verfügung. In der Praxis dürften sich solche Zuschreibungen zu Personen und ihren Laufbahnen hingegen auch auf die Bewertung ihrer editorischen Produkte niederschlagen.
Hatte also Mazzino Montinari eingedenk seiner politischen Erfahrung mit dem „langen Arm kulturpolitischer Graswurzelarbeit“[6] eine editorische Graswurzelbewegung begründet, die sich freilich nach seinem Tod in einem Rollback in Richtung akademische Projektanbindung fortsetzte, so sind für das 19. und 20. Jahrhundert große editorische Leistungen zu verzeichnen, die nicht der von Nietzsche inkriminierten philologischen Gelehrsamkeit entsprangen, sondern sich nicht zuletzt in Opposition dazu entfalteten. Ein Blick allein auf herausragende neugermanistische Editoren[7] offenbart eine nicht geringe Zahl an Außenseitern, Verlierer in „[p]hilologische[n] Positionskämpfen“,[8] die, wie etwa der notorische Heinrich Düntzer, sich als Einzelkämpfer gegen ein Establishment begriffen. Die 1987 von Hans Wollschläger und Hermann Wiedenroth begonnene historisch-kritische Ausgabe Karl Mays Werke ist in ihrer doppelten Widerstandshaltung gegen die Meinungs- und Marktführerschaft des Karl-May-Verlages und zudem gegen eine als nutzerunfreundlich empfundene editorische Praxis zu verstehen, wenngleich auch hier auf autodidaktisch erworbene Kompetenz zunehmend Wert gelegt wurde[9] und das Prädikat des Historisch-kritischen allein in der Anfangsphase umstritten war.[10]
Edition, die von der ‚Basis‘ ausgeht, ist als Traditionslinie erkennbar – sie wurde bisher zugleich kaum theoretisch oder historisch erfasst, obgleich Personen und Phänomene in ihrer Ergebnisorientierung durchaus greifbar sind. Eine der Herausforderungen zukünftiger Editorik könnte nun allerdings darin bestehen, die in den letzten Jahren erstarkte ‘Citizen Science’-Bewegung stärker als bisher für editorische Erkenntnisinteressen und Zielsetzungen nutzbar zu machen.
Um dieses Ziel überhaupt anzuvisieren, folgen eine Einführung in Begriff und Konzept der ‘Citizen Science’ (I.), darauf aufbauend ein Versuch der Übertragung auf die Erfordernisse und Abläufe eines Editionsprojekts, insbesondere unter dem Rubrum der ‚Professionalität‘ des Editors (II.). Sodann werden ‘Citizen Science’-Projekte mit editorischen Anteilen (insofern etwa Handschriften transkribiert werden) oder umgekehrt Editionsprojekte, die ‚Laien‘ einbinden, diskutiert (III.). Schließlich werden, im Blick auf mögliche künftige Projekte, Perspektiven diskutiert und Vorschläge gemacht (IV.).
I.
Der Begriff ‘Citizen Science’ wurde Mitte der 1990er Jahre etwa zur gleichen Zeit, jedoch unabhängig voneinander, von dem US-amerikanischen Ornithologen Rick Bonney und dem britischen Soziologen Alan Irwin geprägt. Bei Bonney wird damit allgemein die Einbindung von Laien in wissenschaftliche Forschung bezeichnet.[11] Die Projekte selbst werden dabei aber im herkömmlichen Sinn als an etablierte wissenschaftliche Institutionen gebunden gedacht. Auch die Leitung und Konzeption der Forschungsaktivitäten liegt in Bonneys Auffassung von ‘Citizen Science’ primär bei fachwissenschaftlichen Expertinnen und Experten. Alan Irwin geht es im Gegensatz dazu um eine grundsätzliche Neubestimmung im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft.[12] Dem ‘Citizen Scientist‘ als engagiertem und informiertem Laien kommt dabei eine Schlüsselrolle für die Lösung gegenwärtiger politischer und ökologischer Herausforderungen zu. Für den deutschen Wissenschaftstheoretiker Peter Finke manifestiert sich im unterschiedlichen Begriffsverständnis der beiden Gründerväter auch das Spannungsverhältnis zwischen einer US-amerikanisch geprägten, eher zweckorientierten Auffassung von ‘Citizen Science’ und einer tendenziell europäischen wissenschafts- und institutionenkritischen Tradition.[13] ‘Citizen Science’ in der Nachfolge Bonneys wird vor allem als Möglichkeit verstanden, durch die Mithilfe Freiwilliger den Umfang von Forschungsprojekten zu erweitern bzw. Perspektiven zu gestatten, die in einem konventionellen Setting, nicht zuletzt aus Finanzierungsgründen, nicht umsetzbar wären. Ein breiteres Verständnis von ‘Citizen Science’ thematisiert im Anschluss an Paul Feyerabend und Erwin Chargaff auch die Macht- und Hierarchieverhältnisse, die der Unterscheidung zwischen Laien und Expertinnen bzw. Experten, zwischen Amateurinnen bzw. Amateuren und Profis eingeschrieben sind. Für Feyerabend bedarf es einer Demokratisierung der Wissenschaften, um vorhandene Strategien der Selbstimmunisierung gegen Kritik von außen aufzubrechen.[14] Chargaff unterstellt in seiner Analyse der „Wissensindustrie“ den Geistes- und Naturwissenschaften, den Kontakt zu einer breiten Öffentlichkeit weitgehend verloren zu haben.[15] Mit „Aufstieg“ und „Institutionalisierung“ des „Spezialisten, des Experten, des Fachmanns“ werde, „was früher Gelehrsamkeit hieß, vertrieben und unmöglich gemacht“.[16] Der entscheidende Impuls für eine Wissenschaft, die im öffentlichen Resonanzraum und damit auch im Sinne der Öffentlichkeit agiert, könne nicht von Spezialistinnen und Spezialisten, sondern müsse von „Amateure[n]“ ausgehen.[17]
Die eingangs erwähnten Beispiele belegen, wie gerade in der Editorik maßgebliche Projekte aus der Initiative von Laien ohne universitäre Anbindung und zum Großteil auch ohne die finanzielle Unterstützung institutionalisierter Fördergeber hervorgegangen sind. Jüngere forschungspolitische Grundsatzpapiere vermeiden in diesem Zusammenhang sogar zunehmend eine begriffliche Differenzierung zwischen Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftlern und Laien anhand von Kompetenzkriterien. Das Grünbuch einer Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland etwa spricht von „hauptamtliche[n] und ehrenamtliche[n] Expertinnen bzw. Experten“,[18] der Entwurf zu einem Weißbuch Citizen Science-Strategie 2030 wiederum von „Forscher:innen aus Gesellschaft und akademischer Wissenschaft“.[19]
In der jüngeren Vergangenheit und nicht zuletzt im Zuge der zunehmenden Digitalisierung wissenschaftlichen Arbeitens finden sich aber auch zahlreiche Projekte, die durchaus an wissenschaftliche Institutionen wie Universitäten, Bibliotheken oder Archive angebunden sind und die neben den hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch Freiwillige zur Durchführung einzelner Arbeitsschritte heranziehen. Meist ist hier von ‘Crowdsourcing’ die Rede, ein Begriff, der in der Literatur teils gleichbedeutend mit, teils ergänzend oder spezifizierend zu ‘Citizen Science’ gebraucht wird. Bezeichnet wird dabei die – häufig digitale – Auslagerung (‘Outsourcing’) bestimmter Tätigkeiten an externe Personengruppen (‘Crowd’).[20] Gerade im wissenschaftlichen Bereich handelt es sich dabei nicht selten um Freiwillige, die für ihre Arbeit nur geringfügig oder gar nicht bezahlt werden. Von Seiten jener, die diese Projekte betreiben, liegt einem solchen Ansatz, neben der intendierten Öffentlichkeitswirksamkeit, oft eine durchaus zweckökonomisch angestellte Kosten-/Nutzenrechnung zugrunde.[21] Durch die editorische Grundlagenarbeit Freiwilliger könnten Finanzierungslücken geschlossen bzw. umfangreichere Projekte mit einem relativ geringen Beitrag öffentlicher Gelder betrieben werden. Wo Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit das ausschlaggebende Kriterium sind, stellt sich natürlich die Frage nach Antrieb und Motivation jener, die ihre Leistung ehrenamtlich erbringen. Im positiven Sinn bedeutet dies zu erforschen, welchen ideellen Mehrwert freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus ihrer Tätigkeit ziehen und wie das Projektdesign dahingehend ausgelegt sein kann, dies zu befördern. Andererseits sieht sich ein Ansatz, der ‘Citizen Science’ vor allem als Mittel betrachtet, den finanziellen Einschränkungen der Wissenschaftsförderung zu entkommen, einer Reihe moralischer Dilemmata gegenüber: Inwiefern könnte der freiwilligen Mitarbeit an einem Projekt etwa die Hoffnung zugrunde liegen, sich im Kampf um Stellen und Mittel für eine besoldete Tätigkeit zu empfehlen? Umgekehrt ließe sich natürlich einwenden, dass durch Einbindung unbezahlter Laien die Tätigkeit angestellter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwertet werden könnte.[22]
Abgesehen von der moralischen Dimension ist auch zu klären, in welchem Verhältnis ‘Crowdsourcing’ zum breiteren gesellschafts- und wissenschaftskritischen Potential von ‘Citizen Science’ steht. Der Geograph und maßgebliche Proponent der ‘Citizen Science’-Bewegung in Großbritannien, Muki Hakley, hat dahingehend ein Vier-Stufen-Modell entwickelt, das sich nach den unterschiedlichen Rollen gliedert, die Laien innerhalb eines Forschungsprojekts einnehmen:[23]

II.
Zu heuristischen Zwecken sei hier gleich eingangs der Versuch einer Übertragung des Modells auf editorische Aufgaben unternommen. Auf der untersten Ebene sind dabei Tätigkeiten wie das Melden von Beobachtungen, das Ausführen von Messungen oder auch nur das Zur-Verfügung-Stellen von Rechenleistung anzusiedeln. Bezogen auf die Editorik würde dies etwa der Transkription eines vorgegebenen Korpus entsprechen oder der Korrektur von automatisch mit OCR oder HCR generierten Volltexten durch Kollationieren mit der handschriftlichen Vorlage. Ausschließlich diese, die unterste Ebene des Modells, beschreibt Hakley als ‘Crowdsourcing’. Eine Ebene höher, bezeichnet mit dem Begriff ‘Distributed Intelligence’, siedelt der Autor interpretative Leistungen von Laienmitarbeiterinnen und -mitarbeitern an. Auf dem Feld der Editorik wäre hier an die Auszeichnung des transkribierten Textes mit TEI (was allerdings eine Schulung voraussetzte) zu denken, aber auch an Emendationen oder an bestimmte Normierungsschritte wie die Auflösung von Geminationen, von Trennungen oder Abkürzungen. Ebenfalls in diesen Bereich fielen Übergänge zur Anlage von Registern, zur Verlinkung mit Normdatensätzen oder die Erhebung neuer Normdaten, somit etwa die Identifikation von Personen, Werktiteln, Orten etc. Auf der dritten von Hakley beschriebenen Ebene (‘Participatory science’) sind Laien dann auch in die Definition der Problemstellung eingebunden. Für die Editionswissenschaft könnte dies die Mitwirkung an Korpusfragen und grundsätzlichen Überlegungen zu Zielsetzungen des Projekts bedeuten. Die vierte und letzte Ebene seines Schemas benennt Hakley als ‘Extreme Citizen Science’. Hier wären Projekte anzusiedeln, die aus einer von Grund auf kollaborativen Initiative zwischen institutionalisierter Wissenschaft und Öffentlichkeit erwachsen. Laien und Fachwissenschaftlerinnen bzw. Fachwissenschaftler sind hier in allen Bereichen, von der Konzeption bis hin zur Durchführung des Projekts, gleichgestellt.
Dies impliziert die Einebnung einer Differenz, die auch für die Edition beschrieben wurde und die nähere Betrachtung lohnt, denn eine Reflexion auf Habitus und Praxis des Editors bzw. der Editorin (auch der Rollen der an einer Edition beteiligten Personen) erfolgte bisher wohl nur in Ansätzen – sei es, dass die Editorik sich von Ansätzen einer ‘Citizen Science’ mit editorischen Elementen distanzieren will, sei es, dass Konvergenzen gefunden werden können und ein Zukunftsmodell des Edierens ‘bottom up’ entsteht. Nachzugehen ist zweifellos der Frage nach personellen/habituellen und institutionellen Voraussetzungen für Editionen und den Folgen für die Praxis. Eine Praxeologie der Edition fehlt; im Zeichen einer digitalen Wende mit ihrer Rollenpluralisierung, einem veränderten Zusammenspiel von Personen, Institutionen und Kompetenzen, ist sie Desiderat. Sie mag sich als Unterkategorie einer Praxeologie der Geisteswissenschaften insgesamt verstehen (analog zur Editionswissenschaft als transdisziplinärer Einzelwissenschaft unter dem Dach der Geisteswissenschaften), wie sie Steffen Martus und Carlos Spoerhase 2022 vorgelegt haben.[24]
Den beiden Autoren gelingen wertvolle Beobachtungen: Auch für die Editorik gilt, dass bei veränderten Arbeitsbedingungen das „in den Geisteswissenschaften selbst gepflegte Leitbild der einsamen Schreibtischarbeit“ gleich geblieben sei,[25] obgleich etwa in den Geisteswissenschaften generell „die kollaborative Dimension wissenschaftlicher Arbeit jenseits von tradierten Lehrstuhlusancen“ bereits in den 1960er Jahren theoretisiert worden sei.[26] So weit, so gut, doch für Martus und Spoerhase gibt es auf einer Makroebene ihrer Argumentation ein nicht weiter zu diskutierendes Axiom wie die „Könnerschaft“,[27] die locker-pragmatisch als Vermögen definiert wird, „im Vollzug der Praxis einzelne Aspekte immer im Licht vieler anderer Aspekte zu berücksichtigen“.[28] Überschreitungen der Grenzen des tradierten akademischen Betriebes – der ‚Homo academicus‘ definiert sein ureigenes soziales Feld selbst[29] – werden im traditionellen Rahmen reflektiert, geht es doch maximal darum, die eigene Produktion für den breiteren Sachbuchmarkt zu öffnen.[30] Doch ein systematischer Zugriff auf ein Konzept von Professionalität fehlt.
Von editorischer ‚Könnerschaft‘, von ‚Professionalität‘ oder ‚Expertentum‘ lässt sich nur tentativ sprechen, solange die Editionswissenschaft ihr Selbstverständnis allein von Aufgaben, nicht auch von Personen, ihren Rollen und ihrem Handeln her definiert. Das Normalmaß editorischer Arbeit ist die Erfüllung evidenter oder überkommener Aufgaben, wie Siegfried Scheibe oder Gunter Martens sie festhielten, also das verantwortungsbewusste, persönlich identifikatorische historisch-kritische Edieren kanonischer, ja: klassischer Texte einschließlich der Textkonstitution, einschließlich gewisser interpretierender Akte und „Ermessensfreiheit[en]“.[31] Hiervon ist bloße Transkription etwa handschriftlicher Vorlagen zu unterscheiden.
Sind zunächst „Kompetenz[en]“[32] beschrieben, so ergibt sich in der Summe ein Habitus der Edierenden, der an ihren Aufgaben, der Solidität ihrer Arbeit[33] und deren Zielsetzung sowie dem Nutzen[34] des Resultates, der Edition, ausgerichtet wird, aber auch an den Voraussetzungen ihrer Arbeit. Ihre Professionalität wäre sodann vor allem eine durch universitäre Ausbildung und Sozialisation zu erreichende; Edierende wären ein Sonderfall der Gelehrten (und damit der öffentlich Handelnden)[35] mittels der Ausprägung einer (editions-)wissenschaftlichen Konzeption, aber auch durch „persönliche Protektion“, „Anknüpfungen an akademische Lehrer“, persönliche und zeitbedingte Faktoren.[36] Klaus Hurlebusch etwa verbindet in einem Atemzug eine wünschenswerte Arbeitshaltung mit der Aufwertung des Editors zum Forscher („exzentrische Akribie, […] mikrologische Fummelarbeit […, aber auch:] fächerübergreifende Forschung“).[37] Damit darf nach wie vor Produktivität legitime Forderung an den Editor sein.[38] Analog erzählt Uwe Maximilian Korn die Geschichte der neugermanistischen Editionsphilologie als eine der Verwissenschaftlichung, bis sich um etwa 1950 „eine Gruppe von Spezialisten innerhalb des Faches“ herausgebildet hatte,[39] was freilich Positionskämpfe einschließen konnte, die persönliche Querelen mehr als wissenschaftliche Qualität berührten.[40]
Qualitätskriterium ist seit Karl Lachmann eine an der Klassischen Philologie ausgerichtete Methode (in Abkehr „von subjektiven Geschmacksurteilen und persönlichen Vorlieben“ der ‚Amateur-Philologie‘ des 18. Jahrhunderts)[41] und damit ein wissenschaftlicher Anspruch der Edierenden an ihr Handeln.[42] Seit Wilhelm Dilthey, nun auch in die Editorik philosophischer Texte hineinragend, ist Edition zudem „Bestandteil einer Vergewisserung historischer Vernunft“.[43] Konsequent ist Hans Zellers Absage an theoriefreie Edition.[44]
Traditionelle Arbeitsteiligkeit ist vertikal gedacht, d. h. zwischen Herausgeberinnen bzw. Herausgebern, eigentlichen Editorinnen bzw. Editoren und deren Helferinnen bzw. Helfern.[45] Impliziert ist damit auch, dass Entscheidungen über das Korpus, den Lesetext von den nicht edierenden Verantwortlichen getroffen werden. Winfried Woesler bemerkt zum Thema ‚Institution‘: „Gerade bei Editionen werden Profilierungszwänge manifest“.[46] Dies nimmt nicht wunder, denn einhergehend mit den Verpflichtungen zur Qualifikation und darüber hinaus gilt: „Edieren ist ein Beruf, und vielfach dient diese Aufgabe dem Lebensunterhalt.“[47]
Was davon wäre haltbar für eine zumindest partiell im Zeichen der ‘Citizen Science’ stehende Editionspraxis? Weder institutionelle Vernetzung, professionelle Bezahlung oder auch eine von Studium und Qualifikationsphase bis hin zu langjähriger Berufserfahrung reichende und vor allem auch sachlich-historische Expertise (Texte und Kontexte betreffend). Keines der Professionalitätskriterien dürfte vollgültig durch die zu gewinnenden ‘Citizens’ erfüllt werden, doch spricht nichts dagegen, alle Schritte auf dem Weg zur Edition in Zusammenarbeit zwischen den ‚Profis‘ und den Laien zu gehen. Professionalität oder Könnerschaft institutionell zu rechtfertigen, also Abschlüsse und Stellen als hinreichende Kriterien zu verorten, verrät ein geringes Vertrauen in einen Kompetenzerwerb auf unorthodoxe Weise und zugleich ein Unbehagen gegenüber dem einstigen Außenseitertum des Editors im akademischen Betrieb. Hieran wäre gleichwohl beherzt anzuknüpfen.
Allein die bisherige Theoriebildung der Digitalen Edition erkennt die kollaborativen Strukturen an, die aus einer nun verstärkt horizontalen Zusammenarbeit, nicht zuletzt zwischen mehreren Institutionen, Universität, Archiv/Bibliothek[48] und DH-Zentrum, hervorgehen.[49] Nun sitzen also Personen unterschiedlicher Qualifikationsstufen, beruflicher Positionen, fachlicher Herkunft und natürlich auch unterschiedlichen Alters an einem Tisch.
Insofern zusätzlich zur Dokumentation der Überlieferung bereits kanonischer Autorinnen und Autoren die drängende Frage der Verfügbarkeit des kulturellen Erbes als digitales Erbe auch für Theorie und Praxis der Edition in den Vordergrund tritt, erweitern oder verdoppeln sich die Aufgaben des Edierens: von der Zielsetzung der textkritisch präzisen und detaillierten, jederzeit benutzbaren Dokumentation klassischer Texte hin zur Bildung und Kommentierung ausgewählter Korpora aus der großen Menge vordigitaler textueller Überlieferung, die ihren Weg nicht nur in ein digitales Speichergedächtnis finden soll, sondern auch in das lebendige kulturelle Gedächtnis, maschinen- und menschenlesbar. Hier stellt sich zugleich die Frage, durch wen, für wen und für welche Zwecke ediert wird, ganz neu.
An möglichen Antworten haben sich bisher vor allem Museen und Bibliotheken versucht, die ihren unikalen Content an ‚Normalbürgerinnen‘ und ‚-bürger‘ vermitteln und zugleich eine breitere und tiefere Erschließung der Sammlungsinhalte erzielen wollen – nicht zuletzt unter Mitwirkung dieser ‚Normalbürgerinnen‘ und ‚-bürger‘. Wenn Wissenschaft inmitten der und für die Gesellschaft entsteht, dann trägt der sich am Editionsprozess beteiligende Freiwillige als Bindeglied zur Verbreiterung editorischer Zielsetzungen über die jeweils projektinternen Ziele hinaus bei, seien es gedächtnispolitische oder durchaus institutionenkritische.
Im Methodenspektrum der Digital Humanities zählt die Digitale Edition zu den ‚soliden‘, ergebnissicheren Praktiken. Verträgt sie möglicherweise ein wenig mehr Risikofreude? Von Risiken sprechen jedenfalls auch die Vertreter einer neuen deutschen Bürgerwissenschaft, etwa im Grünbuch Citizen Science Strategie 2020, nämlich einerseits von ethischen Problemen, die die Rechtssicherheit, den „Umgang mit geistigem Eigentum“[50] und den Datenschutz betreffen, andererseits von Ängsten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor „hohe[m] Zeitaufwand für die Betreuung der Teilnehmenden, Qualitätssicherung und Rückkopplungsschleifen bei gleichzeitig vermuteter geringer Qualität der resultierenden wissenschaftlichen Ergebnisse und mangelnde Anerkennung ihres Citizen Science-Engagements innerhalb der Wissenschaft.“[51] An erster Stelle dürfte allerdings das Problem der Motivation eines festen, aber unbezahlten Personenkreises stehen, der möglichst langfristig und zuverlässig zum Gelingen eines Projekts beitragen soll.
III.
Eine der langlebigsten und mit über 30 000 transkribierten Manuskriptseiten (Stand August 2022) auch eine der erfolgreichsten editorischen ‘Citizen Science’-Initiativen ist das Projekt Transcribe Bentham, das sich der Transkription des Nachlasses des britischen Philosophen und Sozialreformers Jeremy Bentham (1747–1832) widmet.[52] Transcribe Bentham wird seit 2010 vom University College London betrieben, an dem sich auch der Großteil der Archivalien befindet. Die Ergebnisse fließen in die gedruckte Ausgabe der Werke Jeremy Benthams ein,[53] sind aber gemeinsam mit den Digitalisaten der Nachlassdokumente auch online verfügbar.[54] Im Sinne einer Kosten-/Nutzenrechnung beziffert das Projektteam die Einsparungen durch die unentgeltliche Mitwirkung Freiwilliger mit über £ 1 000 000.[55] In Arbeitszeit ausgedrückt müsste das Projekt bei gleichbleibender Finanzierung bis ins Jahr 2081 geführt werden, um den verbleibenden Nachlass mit fixangestellten Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeitern komplett zu transkribieren. Demgegenüber erscheint durch die Hilfe der ‘Crowd’ eine Fertigstellung bereits in den kommenden zehn Jahren nicht unrealistisch. Die ‘Citizen Science’-Komponente hätte damit die Transkriptionsdauer um ca. 50 Jahre verkürzt.[56]
Im Falle der Collected Works of Jeremy Bentham handelt es sich also um ein klassisches Editionsprojekt, das um eine ‘Citizen Science’-Komponente erweitert wurde. Eine hierarchische Aufgabentrennung unterscheidet die freiwilligen Transkriptorinnen und Transkriptoren von den fixangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Alle Transkriptionen durchlaufen eine strenge Qualitätskontrolle, bevor sie veröffentlicht werden bzw. in die Werkausgabe einfließen.[57] Aufschlussreich sind die Statistiken über das Nutzerinnen- und Nutzerverhalten der Transkriptionsplattform. Während sich bereits in den ersten Jahren der Projektlaufzeit tausende freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter registriert hatten, wurde und wird der größte Teil der Arbeit von weniger als einem Prozent der Freiwilligen, den ‘Super Transcribern’,[58] geleistet.[59] Ein Blick auf ähnlich gelagerte deutschsprachige Projekte kommt dabei zu vergleichbaren Ergebnissen. Auch im Fall der an der Zentralbibliothek Zürich entstandenen bzw. im Entstehen begriffenen Transkriptionen zu Briefwechseln des Schriftstellers und Pädagogen Heinrich Zschokke (1771–1848) oder des Kunsthistorikers Johann Rudolf Rahn (1841–1912) ist es stets eine relativ kleine Zahl an Freiwilligen, die in einer solchen Konstellation die Hauptarbeit leistet.[60]
Während sich das ökonomische Ziel einer Kostenverringerung bzw. Geschwindigkeitserhöhung von Transkriptions- und Editionsprojekten anhand von Transcribe Bentham in seiner quantitativen Dimension durchaus überzeugend darstellen lässt, fehlt es an vergleichbaren Daten, wenn es um die Wissenschaftsvermittlung bzw. den transformativen Effekt geht, den ‘Citizen Science’-Projekte auf das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft haben könnten. Nicht zuletzt wäre zu klären, welche Form solche Daten überhaupt annehmen müssten, um aussagekräftig zu sein. Daneben spielen aber auch der Umfang und das Format editorischer ‘Citizen Science’-Projekte eine Rolle. Während Transcribe Bentham immerhin von dutzenden aktiven Freiwilligen unterstützt wird und eine Initiative des Wien Museums innerhalb weniger Wochen über 400 freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu motivieren konnte, 2000 beschriftete Ansichtskarten zu transkribieren,[61] ist selbst in diesen Fällen im Vergleich zu manchen naturwissenschaftlichen Projekten die Zahl der Freiwilligen doch relativ gering. Das New Zealand Garden Bird Survey etwa erfasst einmal jährlich die Population von Gartenvögeln in Neuseeland unter Mitwirkung von mehr als 15 000 Freiwilligen.[62] Über eine Reihe von Initiativen in den Jahren 2014 bis 2019 beteiligten sich über 4000 freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber nicht nur an der Datenerhebung, sondern auch an Aufbau und Fragestellung der Untersuchung selbst.[63] Bei Projekten dieses Umfangs kann vielleicht tatsächlich von einem quantitativ nachweisbaren Effekt auf das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Bevölkerung gesprochen werden.
Für den Bereich der Editorik wäre es aber wohl zielführender zu untersuchen, wie sich durch die Einbindung Freiwilliger die Beziehung zwischen bestandshaltenden Institutionen (Archiven, Bibliotheken etc.) und der Öffentlichkeit verändert. Hier zeigt sich nämlich, dass das Bild einer ortsunabhängigen und tendenziell anonymen ‘Crowd’ für viele editorische ‘Citizen Science’-Projekte gar nicht zutrifft. Im Gegenteil: Auch wenn die Tätigkeit der Freiwilligen in späterer Folge dezentral und virtuell erfolgt, wird die Grundlage ihrer Arbeit oft durch Workshops und Fortbildungen vor Ort und unter Einbezug originaler Archivmaterialien gelegt. Regelmäßige Gelegenheiten zur Vernetzung und Fortbildung sowie der intensive Kontakt und Austausch zwischen festangestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tragen dazu bei, dass sich Teams konstituieren, die jene Art von Kontinuität ermöglichen, wie sie für Editionsprojekte unumgänglich ist.[64] Umgekehrt werden damit aber auch vorhandene Barrieren zwischen Archiven und interessierter Öffentlichkeit abgebaut. Vorstellbar ist durchaus, dass dort, wo Idee und Initiative heute noch vordringlich von hauptamtlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bzw. bestandshaltenden Institutionen ausgehen, in Zukunft auch verstärkt Projekte entstehen, die maßgeblich oder sogar ausschließlich von Laien getragen werden. In diesem Sinne argumentiert auch das Weißbuch Citizen Science-Strategie 2030. Ziel sei es, dass sich „Archive, Bibliotheken, Museen und Wissenschaftsläden […] als Gedächtnis- und Transferorganisationen betrachten.“[65] Betont wird dabei vor allem die Möglichkeit solcher Institutionen, „langfristige physische als auch konzeptionelle Räume für Citizen Science mit großer Bürgernähe“[66] zu bieten. Bestandshaltende Institutionen als „Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“[67] zeigen, dass auch die tendenziell ortsunabhängige ‘Citizen Science’ Präsenzräume der Begegnung und des Austausches braucht.
Jedoch werden die langfristigen Interessen von Bestandshaltern oder ganzen Konsortien an der Popularisierung ihrer Ziele und ihrer unikalen Materialien angesichts der Eventhaftigkeit der Maßnahmen nicht sichtbar, wie sie etwa unter dem Stichwort ‚Transkribathon‘ beispielsweise zu theologischen Handschriften des Mittelalters, ausgerichtet von der Staatsbibliothek zu Berlin,[68] zudem in vielen Aktionen und Projekten der Europeana, dem Portal der europäischen Gedächtnisinstitutionen, angeboten werden.[69] Ein aktuelles vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen von Bürger schaffen Wissen gefördertes sprachwissenschaftliches Projekt zu Liebesbriefen wirbt mit digitalen und präsentischen Veranstaltungen vom „Liebesbriefstammtisch“ und der wöchentlichen „Liebesbriefsprechstunde“ bis zu regelmäßigen „Transkriptionsworkshops“.[70]
Auch kann die Transkription von textuellen Unikaten durch Laien ein Baustein von mehreren im Bestreben einer Gedächtniseinrichtung sein, auf Bestände hinzuweisen und die Sammeltätigkeit durch Appelle an die Allgemeinheit anzukurbeln. Das Berliner Museum für Kommunikation hat mittlerweile etwa 120 000 Feldpostbriefe gesammelt; dieser erst ab etwa 2000 ins Leben gerufene Sammelschwerpunkt wurde von erfolgreichen Ausstellungen und – seit 2009 – Internetpräsentationen begleitet. Die wachsenden Bestände wurden exemplarisch tiefer erschlossen, so in Gestalt von 3000 transkribierten, im Volltext recherchierbaren Briefen. Hier kamen neben Museumsmitarbeiterinnen bzw. -mitarbeitern und (bezahlten) Studierenden auch Interessentinnen und Interessenten ‚aus der Bevölkerung‘ regelmäßig zum Zuge, doch ohne dass ein zielgerichtetes oder gar auf Vollständigkeit ausgerichtetes Editionsprojekt daraus geworden wäre.[71] Ehrenamt und bezahlte Tätigkeit stehen dicht nebeneinander.
Hier gilt, wie so oft: Transkription ist nicht Edition, doch könnte die Bereitschaft, sich an Transkriptionen zu beteiligen und sich zugleich in Struktur und Ziele eines Editionsprojekts einzuarbeiten, den Weg hin zu einer ‘Citizen Science’-gestützten Edition bahnen. Unter den von uns untersuchten Projekten ist Transcribe Bentham das einzige, in dem eine ‘Citizen Science’-Komponente in eine editorische Konzeption eingebettet ist.
Hält man Ausschau nach ‘Extreme Citizen Science’ und damit nach einer egalitären oder als ‚Graswurzelbewegung‘ entstehenden Initiative, dann hätten langfristig wohl einerseits eine eingeführte, technisch unkomplizierte Plattform wie Wikisource[72] oder andererseits die (hier exemplarisch genannte) Facebook-Gruppe ‚Sütterlinschrift‘[73] als offene soziale und kollaborative Strukturen Potential. Weder Wissenschaft noch besitzende Einrichtungen wären nun in der Anregerfunktion, es könnte also Eigeninitiative walten.
Wikisource dient der Volltexterstellung gemeinfreier Texte qua Transkription in Projektform, technisch durchaus anspruchsvoll, unter Darlegung von Transkriptionsregeln, mit einer historisch kontextualisierenden Einleitung sowie Erläuterungen zum Text.[74] Damit wäre ein zumindest einfachen Ansprüchen genügendes Editionstool im HTML gegeben: „Wikisource versteht sich als wissenschaftlich fundiertes Qualitätsprojekt, das sich möglichst hohen Standards bei der Textwiedergabe verpflichtet sieht.“[75]
Ein zweites Beispiel lässt eine mögliche Anfangsmotivation erkennen, denn eine hauptberuflich in einem Digitalen historisch-kritischen Editionsprojekt tätige Editorin weist auf die genannte Facebook-Gruppe hin mit den Worten:
Warum ich Mitglied der Gruppe wurde: aus Neugier. Warum ich Mitglied geblieben bin: Weil ich Handschriften grundsätzlich interessant finde, weil ich die dort geposteten Schriftstücke (oft) interessant finde und weil es mir Spaß macht, mich mit dem einen oder anderen Rätsel zu befassen und damit noch jemandem zu helfen. Tatsächlich antworten die Leute in dieser Gruppe aber so schnell, dass man kaum hinterherkommt. Ich habe selbst mal eine Postkarte dort transkribiert, die gerade erst eingestellt worden war – und als ich auf Absenden klickte, sah ich, dass zeitgleich jemand anderes schon eine Transkription gemacht hatte.[76]
Ein Crossover zwischen ‚Profis‘ und ‚Amateuren‘ findet also regelmäßig statt.
IV.
In Ergänzung der hier versammelten grundsätzlichen Überlegungen zu einer editionswissenschaftlichen Perspektive auf ‘Citizen Science’ seien abschließend noch einige Anregungen aufgelistet, die zukünftige Diskussionen zu diesem Thema aufgreifen und vertiefen könnten:
Von Gedächtnisinstitutionen ausgehende Top-down-Projekte mit ‘Citizen Science’-Anteilen werden nach wie vor die Transkription von Texten auf der Basis massenhaft vorhandener, serialisierter, bereits vorstrukturierter und digitalisierter (nicht kanonischer) Objekte in ihr Zentrum stellen. Zu beachten ist die Bedeutung von Archiven als ‚physischen Orten‘ für ‘Citizen Science’. Der Ortlosigkeit des digitalen Arbeitens steht die Ortsgebundenheit der Archivalien entgegen. ‘Citizen Science’ bringt eine Chance mit sich, Institutionen auch als Orte zu öffnen. Fraglich ist jedoch, welcher Initiativen es bedürfte, damit Editionsprojekte daraus entstehen können.
Es bleibt abzuwägen, ob Ziele und Arbeitsschritte für alle Beteiligten vorab festzulegen sind oder ob Anteile einer Unschärfelogik, eines Spielraums für die ‚Offenheit‘ des Agierens der ‘Citizens’ einzubauen sind. Beispiel wäre die Offenheit im Umgang mit den Rollen innerhalb des Projekts, etwa die Partizipation an Aufgaben wie öffentlicher Präsentation, Ausstellungen, Recherche vor Ort, Projektorganisation, IT-Aufgaben, Festlegung des Interfaces.
Keine homogenen Communities wären zu „formen“,[77] sondern die Aufmerksamkeit und Motivation einzelner ist nachhaltig zu fördern – gegebenenfalls innerhalb einer schon vorhandenen Community (und sei es Wikisource): ‘bottom up’, aber unter Einbeziehung eines Anreizsystems: ‘Social Media’; aktueller Zugriff (‚Brief des Tages‘); Spiele, Belohnungen – Eventhaftigkeit. Es darf nicht nach Arbeit aussehen; vielmehr soll der Eindruck entstehen: ‚Ich kann helfen; ich bin gespannt auf ein (durch mich lösbares) Rätsel; Thema und soziales Umfeld sind mir angenehm.‘ Ein Meilenstein auf dem Weg zu nachhaltigen Projektstrukturen ist also die Schaffung eines Anreizsystems, das die Motivation aus der Sache heraus (Lust am Entziffern) oder über Umwege (Gamification) weckt und verstetigt.
Förderfähig sind derartige Projekte über die großen Forschungsförderer wie etwa die DFG, die zunehmend Gelder für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung stellen, aber auch über ‘Citizen Science’-Plattformen wie Bürger schaffen Wissen. ‘Citizen Science’ kann Teil größerer, professioneller Projekte sein oder für sich stehendes Experiment. Sind die Ergebnisse für den Projekterfolg obligatorisch, müssen Ausfalloptionen erwogen werden. Im Vorfeld einer Antragstellung sollte bereits deutlich werden, in welchem Umfang mit der Unterstützung der ‘Citizens’ gerechnet werden kann.
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- Edition und Kommentar. Aufbau und Vermittlung von kontextualisierenden Inhalten. Tagung des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV), Dresden, 22.–24. Juni 2022
- Rezensionen
- Dansk Editionshistorie. Hrsg. von Johnny Kondrup, Britta Olrik Frederiksen, Christian Troelsgård und David Bloch. 4 Bde. Kopenhagen: Museum Tusculanums Forlag 2021, 852 + 896 + 768 + 424 S.
- Uwe Maximilian Korn: Von der Textkritik zur Textologie. Geschichte der neugermanistischen Editionsphilologie bis 1970. Heidelberg: Winter 2021 (Beihefte zum Euphorion. 114), 313 S.
- Ines Barner: Von anderer Hand. Praktiken des Schreibens zwischen Autor und Lektor. Göttingen: Wallstein 2021, 374 S.
- Ariane Martin: Heinrich Mann: Der Untertan 1906 bis 1918. Entstehung und Überlieferung. Im Anhang: Briefe der russischen Übersetzerin Adele Polotsky-Wolin an Heinrich Mann. Bielefeld: Aisthesis 2021, 161 S.
- Theodor W. Adorno: Schein – Form – Subjekt – Prozeßcharakter – Kunstwerk. Textkritische Edition der letzten bekannten Überarbeitung des III. Kapitels der ‚Kapitel-Ästhetik‘. Hrsg. von Martin Endres, Axel Pichler und Claus Zittel. Bd. 1: Ts 17893–18084; Bd. 2: Ts 18085–18673. Beide: Berlin, Boston: De Gruyter 2021, 334 und 234 S., Seiten mit Textdarbietung ohne Paginierung.
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- Formblatt zur Einrichtung satzfertiger Manuskripte
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- Bei uns am Markte
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- Fünfzig Jahre Texte und Varianten. Zur Theorie und jüngeren Wissenschaftsgeschichte der Editionsphilologie. Tagung an der Universität Heidelberg, 9./10. September 2021
- Handschrift im Druck. Annotieren, Korrigieren, Weiterschreiben, 1500–1800. Tagung an der Universität Heidelberg, 23./24. September 2021
- Der Text und seine (Re)Produktion. Ein interdisziplinärer Dialog über Kulturtechniken in der Editorik. Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal (online), 29./30. September 2021
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- Dansk Editionshistorie. Hrsg. von Johnny Kondrup, Britta Olrik Frederiksen, Christian Troelsgård und David Bloch. 4 Bde. Kopenhagen: Museum Tusculanums Forlag 2021, 852 + 896 + 768 + 424 S.
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- Ariane Martin: Heinrich Mann: Der Untertan 1906 bis 1918. Entstehung und Überlieferung. Im Anhang: Briefe der russischen Übersetzerin Adele Polotsky-Wolin an Heinrich Mann. Bielefeld: Aisthesis 2021, 161 S.
- Theodor W. Adorno: Schein – Form – Subjekt – Prozeßcharakter – Kunstwerk. Textkritische Edition der letzten bekannten Überarbeitung des III. Kapitels der ‚Kapitel-Ästhetik‘. Hrsg. von Martin Endres, Axel Pichler und Claus Zittel. Bd. 1: Ts 17893–18084; Bd. 2: Ts 18085–18673. Beide: Berlin, Boston: De Gruyter 2021, 334 und 234 S., Seiten mit Textdarbietung ohne Paginierung.
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