Corona und die Denkmalpflege
Ende Januar / Anfang Februar 2020 begann die uns allen gewohnte Welt zu zerbröseln. Ein Virus ging um, das in der Lage ist, sowohl als Original als auch in verschiedenen Mutanten unsere Gesellschaft weltweit lahmzulegen. Während wir damals noch alle dachten, dass das schon vorübergehen würde, wenn man nur mal eine Zeit lang stillhielte, hat sich jetzt die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir als Gesellschaft lernen müssen, mit dem ungebetenen Gast für eine unbestimmte Zeit zu leben. Die Hoffnung bleibt, dass uns das immer besser gelingen wird.
Wer hätte Ende 2019 geglaubt, dass es so etwas wie Videokonferenzen geben werde, die wir mittlerweile doch alle selbstverständlich nutzen und in deren Zuge wir immer besser lernen, mit schlechten Internetverbindungen und übereifrigen Firewalls umzugehen? Wer hätte zu Weihnachten 2019 prophezeit, dass man bald zu seinem eigenen gesundheitlichen Schutz förmlich aus den Amtsräumen nach Hause zur Arbeit vertrieben werden würde? Wer hätte geglaubt, dass weltweit unterbrochene Lieferketten einen Mangel – nein, nicht bei Toilettenpapier, sondern zum Beispiel bei Notebooks – erzeugen und Videokameras für entsprechende Konferenzen eine Zeit lang zur »Bückware«[1] werden würden?
Jede*r von uns könnte an dieser Stelle Anekdoten von der präpandemischen Sorglosigkeit des öffentlichen Dienstes im Umgang mit dem technischen Fortschritt erzählen: So gab es in der Landesverwaltung Brandenburg einen einheitlichen (übrigens sehr guten) Notebook-Typ, den vom Ministerpräsidenten bis zum Fachreferenten alle benutzen konnten – und man war sehr stolz darauf, dass man mit dem Hersteller vereinbart hatte, die einst für unnütz gehaltenen Kameras gar nicht erst eingebaut zu haben …
Als ich Ende Januar 2020 von der Denkmalmesse in Salzburg mit vielen guten Gesprächen und Diskussionsforen zurückkam, musste ich mich in häusliche Quarantäne begeben. Ich gebe zu, dass ich als in Ost-Berlin Geborener und Aufgewachsener 30 Jahre lang vergessen hatte, wie sich Beschränkungen der mittlerweile gewohnten unbegrenzten Freiheit anfühlen. Im Vergleich zu anderen Einschränkungen radikaler Art in anderen Ländern und auch angesichts der Sterbewelle in anderen Ländern bin ich froh, dass hier bei uns alles relativ glimpflich verläuft …
Was hat das alles mit der Denkmalpflege zu tun?
Die Denkmalpflege hat das Ziel, die Substanz und das Erscheinungsbild von Monumenten zu schützen. Dabei kommt in Preußen seit Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) und Ferdinand von Quast (1807–1877) bis heute ein duales System zum Tragen: In der Inventarisation ermitteln Fachleute den objektivierbaren Zeugniswert eines Gegenstandes, der dann in die Denkmalliste eingetragen wird, wenn er mindestens eines der im Denkmalschutzgesetz des jeweiligen Bundeslandes aufgeführten Wertekriterien erfüllt. Die Begründung muss für die Öffentlichkeit nachvollziehbar sein und die Eintragung geschieht unabhängig vom Zustand beziehungsweise von den finanziellen Verhältnissen der Eigentümerin / des Eigentümers. Diese Stufe ist frei von politischen Einflussnahmen.[2] Gerade bei der Bewertung jüngerer und jüngster Zeitschichten kann es auch vorkommen, dass die Denkmalbegründung zwar nachvollziehbar ist, aber (noch und meistens emotional) abgelehnt wird.
In der zweiten Stufe geht es um die Frage einer nachhaltigen Erhaltung des Denkmals. Seien wir ehrlich und montieren mal kurz dazu unseren beruflichen Heiligenschein ab: In der Praxis müssen oft Veränderungswünsche der Eigentümerin / des Eigentümers auf ihre Auswirkungen auf die Substanz und das Erscheinungsbild in einer Art Verteidigungsstrategie abgewogen werden und überdecken oft die Suche nach einer substanzerhaltenden Strategie. Nachhaltigkeit heißt aber: ressourcensparende Reparatur. Die Substanz mit ihren vielen Zeitschichten muss erkannt und bewertet werden. Dabei kann eine Deformierung eine wichtige Zeitschicht sein, die es als originale Quelle zu erhalten gilt, oder sie wird als Verunstaltung definiert, die bei der Restaurierung endlich beseitigt wird. Die Bewertung der Zeitschichten muss nachvollziehbar in die Diskussion um die Erhaltung eines Denkmals eingebracht werden. Dafür gibt es in den Denkmalfachbehörden jedes Bundeslandes Expert*innen, die den oder die Denkmaleigentümer*in beraten.
Ich wage die These, dass diese duale denkmalfachliche Denkweise jede Pandemie überstehen wird! Sie muss jedoch immer wieder transparent vermittelt werden. Transparent vermitteln heißt einerseits, in fachwissenschaftlichen Aufsätzen mit einem erklärenden Bollwerk von Anmerkungen eine Erkenntnis nachweislich darzulegen, um so das Fundament für die nächste solide Erkenntnis zu legen. Transparent vermitteln heißt andererseits, dass wir sprichwörtlich barrierearm erklären müssen, warum zum Beispiel der »hässliche« Betonklotz ein Denkmal ist. Zum einen kann uns die Substanz eine oder sogar mehrere Geschichten erzählen: Bauweise, Material, Farbschichten und Veränderungen sind (manchmal nur für Fachleute) voller Geschichten! Diese müssen wir am Original erzählen, damit das Denkmal durch das kollektive Wissen auch emotional geschützt wird.
Und dann gibt es zum anderen die Geschichten, die wir mit dem Denkmal erlebt haben. Diese Geschichten werden bei jedem anders sein. Wenn wir uns diese gegenseitig erzählen, entsteht Kommunikation. Kommunikation heißt Reden und Zuhören – sagen wir es etwas allgemeiner: Kommunikation heißt Demokratie. Durch immer wieder neues Erzählen bleibt Kommunikation interessant und Inhalte ändern sich auch. Dadurch entstehen Diskurse, die spannend sein können. In der Diktatur erzählt nur eine*r eine Geschichte und die anderen hören schweigend oder servil absolute Zustimmung zeigend zu. Alle anderen Geschichten werden nicht erzählt, weil die Erzähler*innen schon längst verstummt sind. Diese eine Geschichte wird immer mächtiger und langweiliger, bis keine*r mehr wirklich bei der zum Mythos verkommenen Geschichte hinhört – das führt zum Tod einer Zivilgesellschaft in der Diktatur, die nur noch durch die geflüsterten, unterdrückten Geschichten am Leben erhalten wird.
Und dann müssen wir auch ehrlich sein und zugeben, dass es oft auch in einer Demokratie schlechte oder keine Kommunikation gibt und Geschichte(n) sich kein Gehör verschaffen können. Ich erinnere daran, dass es zum Beispiel in Boston in den USA einen Christopher-Columbus-Waterfront-Park gibt. Dort steht eine Kolumbus-Statue, die im Frühjahr 2020 in mittelalterlicher Art und Weise enthauptet wurde. In Richmond (Virginia) wurde der Entdecker Amerikas förmlich versenkt. »Im Augenblick denkt (in den USA) Schwarz gegen Weiß. Und Bilderstürmer denken immer schwarz-weiß. Vielleicht befreit es für Augenblicke, wenn man die Geschichte symbolisch stürzt. Allein: Sie lässt sich nicht stürzen.«[3] Es kam zu den aktuellen Eruptionen, weil es Defizite historischen Ausmaßes im Ausgleich gesellschaftlicher Gruppen in den USA gibt, oder – um im Sprachbild zu bleiben – es sind nicht alle Geschichten um Christoph Kolumbus erzählt worden, sondern nur die vom erfolgreichen Eroberer und »Kulturbringer«.
Was bleibt nach FFP2-Masken, Abstandsregeln, Home-Office und Versammlungsbeschränkung?
Ändert sich eigentlich etwas für die Denkmalpflege? Klar ist, dass es kein Danach geben wird, das wie das Vorher ist. Das eingangs beschriebene duale Prinzip der Denkmalpflege wird bleiben – hoffentlich! Was sich ändern wird, sind manche Formen der Aneignung und Vermittlung von Denkmalen. Da, wo der Massentourismus Denkmale immer wieder an die Grenze der Beschädigung und Zerstörung bringt, wird es vielleicht zukünftig Linderung für die Substanz geben, weil die Besucherzahlen beschränkt werden. Das wäre dann so ungefähr wie an den Schulen, wo plötzlich durch die Verkleinerung der Klassen viel bessere Lernbedingungen entstehen, nur dass die Anzahl der Lehrer*innen entsprechend erhöht werden müsste.
Da, wo Kommunikation nötig ist, wird es neue Möglichkeiten geben. Der beengte Flug von A. nach B. für eine dreistündige Besprechung und die Rückkehr mit dem Flugzeug noch am selben Tag werden durch eine Videokonferenz umweltschonend ersetzt werden. Das führt zu weniger Stress und (hoffentlich!) zur deutlichen Reduzierung der Inlandflüge. Eine Verringerung der Schadstoffbelastung tut nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der Substanz gut. – Oder wird der Individualverkehr mit einer Person pro Auto zunehmen, weil die öffentlichen Verkehrsmittel mit den notwendigen Abstandsregeln nicht mehr so viele Leute aufnehmen können und wollen?
Wenn man die Entwicklung der Denkmalpflege vom Ende her denkt, dann können wir auf das Heute zurück(!)schauen. Seit 2020 kommen wir, dies inzwischen ein Massenphänomen, schneller per Video- und Telefonkonferenzen in größeren Gruppen zusammen, um mal kurz eine Strategie zu besprechen, und so werden wir wohl auch zukünftig weniger aufeinander zureisen. Dennoch, schwierige Gespräche wird man nach wie vor gerne persönlich führen und die Untersuchung oder der ästhetische Genuss der Substanz vor Ort wird sich nicht durch das Home-Office ersetzen lassen. Digitale Programme können nur gute Hilfsmittel sein.
Das Denkmal wird mit seiner Substanz und seinem Erscheinungsbild in unserer Profession das Wichtigste bleiben – die Methoden, es zu visualisieren und zu publizieren, sind schon jetzt mit großer Rasanz modern geworden und diese Tendenz wird zunehmen. Wenn dieses Verhältnis gewahrt wird, dann sehe ich für die Denkmallandschaften in Deutschland eine positive Entwicklung. Die haptische Qualität der Denkmäler erzeugt Empathie und beides bleibt jedem Handyfoto überlegen, wenn es auch technisch noch so hervorragend ist. Insofern hat die Denkmalpflege eine große Zukunft!
Woher ich diese Gewissheit nehme? Es genügt, sich ein einzelnes Denkmal mit seinen vielen Zeitschichten anzusehen. Die Menschheit hat schon so manche Pandemie überstanden und war kurz vor dem Aussterben. Da werden wir doch auch als Berufsfach die derzeitige Krise auf hohem Niveau meistern können!
Zur Illustration sei ein kurzer Rückblick in das ausgehende 16. Jahrhundert gestattet:[4] Johannes Hentze, der von 1559 bis 1609 lebte und sich später von Blanckenburg nennen durfte, hatte in Frankfurt / Oder studiert. Sein Studierverhalten muss sehr lebensfroh gewesen sein. Jedenfalls wurde er der Stadt wegen unziemlichen Verhaltens verwiesen, da er mit einem Kommilitonen nackt das Badehaus verlassen und sich »in der Erde herumgewälzt« hatte.[5] Er ging daraufhin nach Breslau und machte eine großartige Karriere, verbunden mit viel Geld, Adelstitel und Ansehen. Allerdings musste er dafür zum Katholizismus konvertieren. Im Jahr 1598 besuchte der Konvertierte seine Heimatstadt Bernau bei Berlin und wollte dort aus Dankbarkeit eine großzügige Stipendienstiftung gründen. Der damalige Bernauer evangelische Propst Bartholomäus Göritz verhinderte dies jedoch mit der Begründung, dass die Stadt das schmutzige Geld eines Abtrünnigen nicht annehmen dürfe. So reiste Hentze schwer gekränkt wieder ab und nahm seine beiden Schwestern mit, da in Bernau die Pest ausgebrochen war. Bis zu seinem Tod unterstützte er die Familien der beiden Schwestern in großzügiger Weise. Die Ehemänner der beiden, Johann Beling und Michael Rücker, waren später nacheinander Bürgermeister der Stadt. Dort entstanden mit dem vom Propst abgewiesenen Geld unter anderem zwei Familienepitaphien (Abb. 1, 2).

Bernau bei Berlin, Marienkirche, Gefangennahme Christi, Epitaph des Bürgermeisters Johann Beling und seiner Familie, 1618

Bernau bei Berlin, Marienkirche, Letztes Abendmahl Christi mit seinen Jüngern, Epitaph des Ratskämmerers Michael Rücker und seiner Familie, um 1618
Das Epitaph der Familie Beling ist folgendermaßen unterschrieben: »Anno 1618, den 1. April hat Johann Beling dies Epitaph Gott zu Ehren, der Kirche zur Zier, ihm und den Seinigen zum Gedächtnis aufrichten lassen«[6]. Es sollte also der Ehre Gottes, der Kirche zum Schmuck und der Familienmemoria dienen. Uns interessiert in diesem Fall Letzteres: Das Gruppenporträt dokumentiert durch schwarze Kreuze eindrücklich, dass sechs Söhne und drei Töchter spätestens im Kleinkindalter verstarben. Es haben mithin nur fünf Kinder überlebt. Die Familie der Schwester war ebenfalls leidgeprüft: Sie verlor ein Kind und die Mutter selbst starb früh im Jahre 1606.
Das Beispiel erinnert uns daran, dass es in der Geschichte immer wieder große menschliche Katastrophen gegeben hat, deren Höhepunkte Epidemien und Pandemien waren – wir haben es nur vergessen …
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Abbildungsnachweis
1, 2: Udo Wilke
© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston, Germany
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