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Die Digitalisierung der Bibliothek des Freiherrn von der Goltz

  • Ulrich Ch. Blortz EMAIL logo
Published/Copyright: January 10, 2024
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Zusammenfassung

In vielen Bibliotheken gibt es mehr oder weniger geschlossene Sonderbestände, bspw. komplett übernommene Privatbibliotheken. Eine solche ist die des Agrarwissenschaftlers Theodor von der Goltz (1836–1905), die von ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften vollständig digitalisiert wird.

Abstract

Many libraries have special collections with restricted access, e.g. holdings from a private library. One such library is that of the agricultural scientist Theodor von der Goltz (1836-1905), which is being fully digitised by ZB MED - Information Centre for Life Sciences.

Einleitung

Theodor Alexander Georg Ludwig Freiherr von der Goltz (1836–1905) war Agrarwissenschaftler und – nach Stationen in Leipzig, Königsberg und Jena – seit 1895 Direktor der Landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf, der Vorgängerin der heutigen Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn.[1] Die damalige Akademie-Bibliothek erwarb nach seinem Tode seine komplette, über 700 Titel umfassende Privatbibliothek, die ZB MED als Nachfolgeeinrichtung nunmehr vollständig digitalisiert und frei zugänglich im Rahmen ihrer Digitalen Sammlungen als „Sammlung von der Goltz“ online gestellt hat.

Die Titel sind über die noch vorhandenen Zugangsbücher leicht zu identifizieren. Es handelt sich unter anderem um Werke zur Wirtschaftslehre, Geschichte und Soziologie der Landwirtschaft, darunter eine Sammlung aller Klassiker der Landwirtschaft, einen größeren Bestand an sogenannter „Hausväterliteratur“ und die vollständigen Schriften des „Vereins für Socialpolitik“.

Schon zu Lebzeiten schenkte (oder vermittelte) von der Goltz darüber hinaus der Akademie-Bibliothek mehr als 200 Werke, auch diese sind durch entsprechende Vermerke in den Zugangsbüchern zu ermitteln. Allerdings fand sich eine Ausnahme: Das von der Goltz vom Biologen E. S. Zürn gewidmete Werk „Die deutschen Nutzpflanzen“ ist im Zugangsverzeichnis nur als „Geschenk des Verfassers“ gekennzeichnet. Es mag also noch wenige andere Titel geben, die über von der Goltz in die Akademie-Bibliothek gelangt sind.

1908 wurde an der Akademie eine Von-der-Goltz-Stiftung zur Prämierung landwirtschaftlicher Arbeiten begründet.[2]

Vorarbeiten

Am Anfang der Arbeiten von ZB MED in Vorbereitung der Digitalisierung wenn möglich des gesamten Von-der-Goltz-Bestandes steht der entsprechende Hinweis im „Fabian“[3] zur ehemaligen „Zentralbibliothek der Landbauwissenschaft“, der Vorgängerin des Bonner Standortes von ZB MED. Hier ist zu deren Bestandsgeschichte u. a. zu lesen:

„Aus Sondermitteln konnte die Bibliothek private Spezialbibliotheken ankaufen. […] Den wertvollsten Zuwachs bildeten 715 Bde über Wirtschaftslehre, Geschichte und Soziologie der Landwirtschaft aus der Privatbibliothek des Direktors Theodor Freiherr von der Goltz (1907), darunter eine Sammlung aller Klassiker der Landwirtschaft, ein größerer Bestand an Hausväterliteratur und die vollständigen Schriften des Vereins für Sozialpolitik.“

Aufgrund der Jahresangabe war es ein leichtes, die entsprechenden Einträge in den seinerzeit handschriftlich geführten Zugangsbüchern, genauer in dem, das die Jahre 1902–1921 umfasst, aufzufinden; sie tragen den Vermerk „Aus dem Nachlaß des Geheimrat Frhr. v. d. Goltz angekauft.“ Über den Kaufpreis ließ sich leider nichts in Erfahrung bringen.

Das Aufsuchen der Titel nach den Zugangsverzeichnissen bot gleichzeitig die Möglichkeit einer (Teil-)Revision des Altbestandes, also für etwas, das in Bibliotheken mittlerweile eher selten durchgeführt wird. Das erfreuliche Ergebnis: Nur sehr wenige Titel müssen als vermisst gelten, genauer gesagt sieben, das entspricht also ca. 0,74 Prozent des gesamten Von-der-Goltz-Bestandes.

Nach dem Ausheben der Bücher folgt eine Titelprüfung im „Karlsruher Virtuellen Katalog“ (KVK), um festzustellen, ob die betreffenden Titel möglicherweise bereits anderweitig digitalisiert wurden bzw. ob Metadaten für sie vorliegen. Während letzteres i. d. R. der Fall war, ist nur eine geringe Anzahl des Von-der-Goltz-Bestandes digitalisiert gewesen. Hinzu kommt, dass die gefundenen Digitalisate oftmals nicht den von ZB MED angewandten Qualitätsstandards entsprechen, es sich nicht um deutsche oder um kommerzielle Digitalisate handelt oder die Langzeitarchivierung nicht gesichert erscheint.

Bei den seltenen Fällen (insgesamt 13), in denen bereits qualitativ hochwertige Digitalisate existierten, wurden diese innerhalb der Digitalen Sammlungen von ZB MED verlinkt, um Doppelarbeit zu vermeiden.

Über die bei den Verlinkungen angegebene URN sind auch diese Titel leicht zugänglich.

Die Titelsuche im KVK ermöglichte auch festzustellen, ob es sich bei den betreffenden Werken möglicherweise um Alleinbesitz oder sonst seltene Ausgaben handelt. In etwa 5 Prozent der Fälle ist Alleinbesitz anzunehmen.

Für alle Werke wurde sodann ein Laufzettel ausgefüllt und zusammen mit dem Buch an die Abteilung Bestandsentwicklung zur Metadatenkontrolle weitergegeben.[4] In den Zugangsverzeichnissen wurden sie entsprechend gekennzeichnet, um eine vollständige Erfassung zu gewährleisten.

Spätestens mit der Metadatenkontrolle war die Vergabe einer Mediennummer verbunden, so daß die Titel danach ausleihverbucht werden konnten, um für die weitere Dauer der Bearbeitung auffindbar zu bleiben.

Durch die ebenfalls spätestens jetzt bei allen Werken vergebene sogenannte HT-Nummer (= Identifikationsnummer im HBZ-VK[5]) ist es möglich, im Digitalisierungs-Bearbeitungsprogramm, dem „Visual Library Manager“ der Firma Semantics,[6] einen Bearbeitungsauftrag anzulegen. Dabei werden die Metadaten aus dem HBZ-VK automatisch übernommen und mit einer URN[7] versehen. Auch können die Titel mit Notizen versehen werden wie bspw. „Geschenk von der Goltz“, oder wenn es sich z. B. um Widmungsexemplare handelt oder wenn sie nicht zu dem geschlossen angekauften Nachlass-Bestand gehören. Ggf. kann auch der physische Zustand der Originale notiert werden („Original beschädigt“).

Mit der Anlage des Bearbeitungsauftrags sind die Titel für das System identifizierbar und können beim nunmehr erfolgenden Scannen den dabei erzeugten Dateien zugeordnet werden.

Der Scanvorgang

Auf den Farbscannern der Retrodigitalisierung ist ein Workflow installiert, nach dessen Anwahl über die Eingabe der HT-Nummer „Jobs“ angestoßen werden, bei denen die nachfolgend gemachten Scans den entsprechenden Metadaten zugeordnet werden. Beim Scanvorgang wird auf vollständiges, gleichmäßiges, aber auch möglichst schonendes Scannen der Originale geachtet. ZB MED richtet sich hierbei nach den Empfehlungen der einschlägigen DFG-Richtlinien. Die so entstehenden Bild-Dateien im „Tagged Image File Format“ (TIFF), die, wie gesagt, mit den Titeldaten verknüpft sind, werden dann in einen externen Speicher beim HBZ übertragen und sind von dort abrufbar.

Weitere Bearbeitung: das Strukturieren

ZB MED betreibt konsequenterweise die Strukturdatenerfassung insgesamt relativ aufwändig und unterscheidet grundsätzlich nicht zwischen Werken geringeren oder größeren Umfangs. Generelles Ziel ist immer eine möglichst getreue Wiedergabe des Originals. Dazu gehört auch die genaue Erfassung seiner Struktur, d. h. der tatsächlich dort vorliegenden, also nicht allein der in Inhaltsverzeichnissen aufgeführten Unterteilungen. Hier lehrt die Erfahrung, dass zwischen Inhaltsverzeichnissen und tatsächlicher Abschnittseinteilung eklatante Unterschiede bestehen können, angefangen von der Nummerierung (oder ihrer Gestaltung) über Fehler bei den Seitenangaben bis hin zu thematischen Unstimmigkeiten.[8]

Eine „hierarchische“ Beschränkung gibt es insofern, als nicht tiefer als drei Ebenen strukturiert wird.

Zwar sind die Digitalisate alle mit einer OCR[9] versehen, so dass eine Suche mit Stichworten im Text möglich ist; die genaue Erfassung des Inhaltes sowie der damit ggf. verbundenen Besonderheiten des vorliegenden Originals kann Nutzenden aber zusätzliche wertvolle Informationen bieten.

Nach Abschluss des oben beschriebenen Scanvorgangs und Speicherung der dabei erzeugten Dateien werden die Digitalisate in einem zweiten Arbeitsschritt also genauer inhaltlich erschlossen. Erfasst werden z. B. Kapitelnummerierungen und -überschriften. Großer Wert wird auch auf Dinge wie Widmungen, vor allem auch handschriftliche, oder Annotationen gelegt.

Gerade eine handschriftliche Widmung bietet mitunter wertvolle Informationen über die (wissenschaftliche oder private) Vernetzung des betreffenden Autors oder der Autorin.

Im Laufe der Strukturierungsarbeit wird auch die OCR angestoßen.

Qualitätskontrolle und Freigabe

Nach Abschluss der Strukturierung und Ablauf der OCR wird von der Teamleitung („Vier-Augen-Prinzip“) eine (optische und inhaltliche) Qualitätsprüfung durchgeführt und nach „Bestehen“ werden die Digitalisate online gestellt. Unmittelbar danach sind die Digitalisate im Portal (https://digital.zbmed.de/zbmedgoltz) sichtbar.

Über Nacht werden anschließend automatisch Titelaufnahmen für die Sekundärform für den HBZ-Verbundkatalog und PDF-Dateien erzeugt. Diese können für das gesamte Digitalisat oder einzelne Teile – wie sie beim Strukturieren erfasst worden sind – heruntergeladen werden.

Die Originale werden mit einem roten Punkt gekennzeichnet, so dass im Magazinbestand sichtbar wird, dass es davon Digitalisate gibt. Auch wird in den Zugangsverzeichnissen (s. o.) der Vollständigkeit halber „Digitalisiert (+ Jahreszahl)“ nachgetragen – wenn auch nicht mit der gleichen, gestochen scharfen Bibliotheksschrift von Anfang des 20. Jahrhunderts!

Schluss

Wie bei allen Retrodigitalisierungsprojekten hofft ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften, auch mit der Digitalisierung des gesamten und geschlossenen, auf von der Goltz zurückgehenden Bestandes einen Beitrag dazu zu leisten, das darin gespeicherte „alte“ Wissen neu und bequem zugänglich zu machen. Bislang fast 250.000 Zugriffe im Jahr 2023 auf die „Digitale Sammlung von der Goltz“ scheinen das zu bestätigen.

Online erschienen: 2024-01-10
Erschienen im Druck: 2024-01-08

© 2024 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 10.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2024-0010/html
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