Zusammenfassung
Während die Problematik schadstoffbelasteter Kulturgüter im musealen Bereich bereits seit Längerem bekannt ist, setzt sich erst seit Kurzem die Erkenntnis im Bibliothekswesen durch, dass auch Bibliotheksbestände betroffen sein können. Eine besondere Gefährdung geht dabei von Arsenverbindungen aus, die bis ins 19. Jahrhundert zum Färben von Buchbestandteilen genutzt worden sind. Als eine der ersten Bibliotheken in Deutschland führt die Universitätsbibliothek Kiel derzeit ein großangelegtes Projekt zur Identifikation und Testung potentiell arsenhaltiger Bestände durch. Der vorliegende Beitrag liefert hierzu einen ersten Arbeitsbericht.
Abstract
While issues of pollution and noxious substances in cultural assets have been a recurrent topic in the museum sector, the realization that library collections may also be affected by them, has only recently gained traction in the library field. Of particular concern are arsenic compounds used up until the 19th century for the dyeing of book components. As one of the first libraries in Germany, the University Library Kiel is currently undertaking a large-scale project to get to identify and test potentially arsenic-containing holdings. A first overview is presented here.
1 Grün – das neue Schwarz
Die Farbe Grün steht im 21. Jahrhundert für einen bewussten Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde. Ein Beispiel dafür ist die Slow-Fashion-Bewegung mit ihrem Slogan „Green is the new black“. Sie gewinnt weltweit immer mehr an Bedeutung und arbeitet auf eine grundlegende Neuorientierung der Modebranche hin, die die Umwelt, Produzent*innen und Konsument*innen gleichermaßen fair behandelt. Im Fokus liegt dabei neben der Schonung natürlicher Ressourcen, fairen Löhnen und Produktionsbedingungen auch die Gesundheit der Käufer*innen durch den bewussten Verzicht auf Chemikalien. Dafür steht Grün als Symbol.
Ganz anders stellte sich die Situation im 19. Jahrhundert dar, als Grün zur beliebten Modefarbe avancierte und daher für die Färbung unterschiedlicher Gegenstände verwendet wurde. Dies betraf nicht nur Kleidung, sondern etwa auch Möbel, Tapeten, Teppiche und – wie man seit Kurzem weiß – Bücher. Für die Gesundheit der Konsument*innen war dies allerdings nicht zuträglich, da zur Herstellung grüner Farbe oftmals Arsen verwendet wurde.
2 Arsen
Bei Arsen handelt es sich um ein Halbmetall, das als krebserregend klassifiziert ist. Es kann zu Erkrankungen der Haut, Lunge, Blase und Niere führen und wird über die Haut, den Magen-Darm-Trakt, die Atemwege oder die Augen aufgenommen.[1]
Während internationale und deutsche Museen sich schon seit Längerem damit auseinandergesetzt und vielfach Schutzmaßnahmen ergriffen haben,[2] haben Bibliotheken in Deutschland bislang meist keine tieferen Kenntnisse darüber.[3] Eine Ausnahme bildet das KEK-Modellprojekt „Grüne Bände aus der ULB Bonn“ (2020–2021), bei dem eine modellhafte Handhabung arsenhaltigen Bibliotheksmaterials erarbeitet werden sollte.[4] Von 300 untersuchten Bänden wurden hier bei ca. 50 Prozent Arsen nachgewiesen.
Arsenverbindungen können in Farbstoffen enthalten sein, die zum Färben von Buchbestandteilen (z. B. Einbänden, Buchschnitten, Spiegeln, Vorsätzen, Titel- und Signaturschildern, Marmorpapieren, Lieferungsumschlägen von Zeitschriften, Lesebändchen oder Kolorationen von Illustrationen) verwendet worden sind.
Im 19. Jahrhundert wurden vor allem das sog. Schweinfurter Grün und das Scheele Grün industriell hergestellt, sodass man es in dieser Zeit mit einem echten Mengenproblem zu tun hat. 1878 und 1887 gab es auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Verbote, doch wurden Restbestände noch eine gewisse Zeit verwendet. Als verdächtig zu gelten haben daher Bände des 19. Jahrhunderts mit grünen oder blaugrünen Buchbestandteilen. Kontaminierte Bände sind optisch nicht von gleichfarbigen, arsenfreien Büchern zu unterscheiden.[5]
Bei historischen Beständen vor 1800 kann zudem das sog. Auripigment vorkommen, das farblich noch schwerer zu identifizieren ist. Es kann sich u. a. in dunkelgrünen, graugrünlichen oder gelborangen Farben finden. Im Gegensatz zum Schweinfurter und Scheelen Grün ist es zudem nicht lichtecht, d. h. die Farben verblassen, ohne dass die krebserregenden Eigenschaften aber verloren gehen.
Gefährdungspotenzial für Bibliotheksbeschäftigte und Nutzer*innen geht von folgenden Tätigkeiten aus:
Gefährdungspotenzial von Tätigkeiten.
|
Aufnahmeweg |
Tätigkeit |
|
Haut |
Berühren arsenhaltiger Buchbestandteile |
|
Magen-Darm-Trakt |
Befeuchten der Finger mit der Zunge nach Hautkontakt |
|
Augen |
Reiben der Finger in den Augen nach Hautkontakt |
|
Atemwege |
Einatmen von arsenhaltigem Staub, der sich z. B. auf Bänden mit Farbschnitt finden kann |
Um Gesundheitsgefährdungen abzuwenden, besteht laut GefStoffV für Arsen ein verbindliches Minimierungsgebot, d. h. Bibliotheken als Arbeitgeberinnen sind dazu verpflichtet, sofortige Maßnahmen zu ergreifen, um den Kontakt zu minimieren.[6]
3 Von der Erkenntnis zum Projektstart
Die Universitätsbibliothek (UB) Kiel wurde auf die Problematik durch einen Erfahrungsaustausch in Köln aufmerksam, an dem Anja Steinhauer (Leitung Sachgebiet Bestandserhaltung) teilnahm. Schnell wurde im internen Gespräch klar, dass angesichts der potentiellen Gesundheitsgefährdung von Mitarbeiter*innen und Nutzer*innen zügig Maßnahmen zu ergreifen waren. Da Best-Practice-Beispiele bezogen auf die deutschen Verhältnisse fehlten, stand die UB Kiel vor der Herausforderung, ein Verfahren für ein absehbares Großprojekt zu erarbeiten. Die Planungen umfassten:
Identifikation von Handlungsfeldern und Bildung einer Taskforce
Aus dieser Ausgangslage ergaben sich vielfältige Handlungsfelder, die mit geeigneten Arbeitspakten zu adressieren sind. Daher wurde eine Taskforce mit Vertreter*innen der einschlägigen UB-Abteilungen gebildet, die die Projektabläufe plant und steuert und bis heute wöchentlich, bei Bedarf unter Beteiligung der Direktion, tagt.[7] Die konkrete Umsetzung der Maßnahmen wird durch die Leiterin des Referats Historische Sammlungen / Erschließung, Jessica Bruns, koordiniert. Die übergeordnete Koordination liegt bei der stellvertretenden Abteilungsleiterin Wissenschaftliche Dienste, Dr. Ruth Sindt.
Klärung der Rahmenbedingungen und Aufwandsabschätzung
Mit dem Ziel, auf Grundlage der ermittelten Aufwände (Personal- und Sachmittel, Zeit) einen Projektplan zu erstellen und die Finanzierung zu sichern, mussten folgende Punkte geklärt werden:
Ausmaß der Gesundheitsgefährdung
Für deren Auslegung des Arbeitsschutzgesetzes bzw. der GefStoffV und die Anwendung auf den vorliegenden Sachverhalt sind an der CAU die Sicherheitsingenieure und der Betriebsarzt zuständig. Um die Gesundheitsgefährdung einordnen und Handlungsanweisungen formulieren zu können, benötigten sie die Hilfe der Expert*innen der UB Kiel und orientierende Messungen.
Umfang der Bestände
Für eine erste grobe Bestandsdefinition mussten Datenabzüge zu den Beständen des 19. Jahrhunderts erstellt werden. Die UB Kiel hat derzeit noch ein ausgeprägt zweischichtiges Bibliothekssystem mit einer Zentralbibliothek (ZB), die übergreifende Services anbietet und Treiberin für Innovationen ist, sowie einer Vielzahl von in vielen Punkten autonomen Fachbibliotheken (FB), die sich v. a. auf die Erwerbung und Katalogisierung ihrer Bestände konzentrieren. Bei der Erschließung existierten dort oft hausinterne Regeln, was die Erstellung von Datenbankabzügen stark erschwerte.
Arbeitsorganisation
Es wurden sowohl zentrale Aufgaben (Einbindung der Sicherheitsingenieure, Vergabe von Aufträgen) als auch Bereiche mit dezentral verteilter Verantwortung (Listenerstellung, Separierung der Bände) definiert.
Angebotseinholung
Auf Grundlage des grob ermittelten Bestandsumfangs mussten Kostenabschätzungen von Firmen, die Bestandsseparierungen vornehmen und Bestände testen können, eingeholt werden.
Finanzierung
Auf Grundlage der gesetzten Rahmenbedingungen und der grob ermittelten Aufwände konnte die UB-Direktion die Finanzierung der Schutzmaßnahmen mit dem CAU-Präsidium klären. Im Ergebnis stellt das Präsidium zunächst Mittel für die Separierung und Testung von Beständen der ZB zur Verfügung. Basierend auf den Erfahrungen sollen weitere Mittel für die Bearbeitung der Bestände der FB angewiesen werden.
Kommunikation
Das CAU-Präsidium und die UB-Direktion setzten von Beginn an auf größtmögliche Transparenz in der Kommunikation auf dem Campus. Entsprechend wurden zeitnah alle wesentlichen Einrichtungen, Gremien und Personengruppen in unterschiedlichen Formaten informiert: Fakultäten, wissenschaftliche FB-Leitungen, Personalräte und natürlich auch die Mitarbeiter*innen und Nutzer*innen.
4 Von der Theorie zur Praxis
Zunächst mussten orientierende Messungen vorgenommen werden, um einschätzen zu können, inwieweit Räume, in denen verdächtige Bände aufbewahrt werden, gefahrlos betreten werden können. Der Großteil der Bestände des 19. Jahrhunderts der UB Kiel ist in einem eigenen Gebäude untergebracht, in dem die Raumluft gemessen und exemplarisch Staubproben genommen wurden. Die Raumluft wurde an vier Messpunkten zwischen den Regalen und neben Arbeitsplätzen für ca. eine Stunde über einen Membranfilter gezogen und die Rückstände dann analysiert. Der Anteil der gefundenen Arsenpartikel in der Luft lag dabei bei 6,7 bzw. 6,3 ng/m3 und somit an der Grenze des Messbaren.[8] Das Betreten der Magazinräume wurde vor diesem Hintergrund als gefahrlos eingeschätzt.
Zudem hat man von fünf Signaturengruppen mit grünen Farbschnitten Staubproben genommen und bei vier Signaturen Arsen in einer durchschnittlichen Konzentration von 1,9–7,9 µg nachgewiesen. Staub musste also als potentielle Gefahrenquelle weitestgehend ausgeschaltet und die Verbringung von Stäuben in andere Gebäudeteile verhindert werden. Auf Basis dessen erarbeiteten die Sicherheitsingenieure eine Gefährdungsbeurteilung, die die Rahmenbedingungen der Arbeiten festsetzt und ständig aktualisiert wird.
Gemeinsam mit der Sicherheitsingenieurin und dem Betriebsarzt wurde eine Infoveranstaltung für alle Bibliotheksmitarbeiter*innen organisiert, bei der diese über die Ergebnisse der Messungen und das geplante Vorgehen informiert wurden. Allen Beschäftigten wurde ein freiwilliges Biomonitoring (Untersuchung von Urinproben) angeboten. Die Universitätsangehörigen wurden über ein Infoblatt informiert.


Luft- und Staubmessungen. © Christian Kulle.
Mit sofortiger Wirkung wurden alle Bände des 19. Jahrhunderts für die Benutzung gesperrt und ausgeliehene Bücher zurückgefordert. Da die Zugänglichkeit der Magazine für historische Sammlungen sehr stark limitiert ist, übernahmen hier die Mitarbeiter*innen des Sachgebiets Historische Sammlungen eine Einzelfallprüfung und Bände mit verdächtigen Merkmalen werden nicht in die Benutzung gegeben.
Danach wurde für die ZB ein mehrstufiges Verfahren etabliert.

Projektplan.
In einem ersten Schritt wurden unter Federführung der Sachgebietsleitung Erschließung, soweit möglich, alle Bände des Erscheinungszeitraums 1800–1900 ermittelt und K10plus-Abzüge erstellt. Diese Downloads wurden schließlich bereinigt (z. B. hinsichtlich Nachdrucken, Konvoluten und Bandangaben für Zeitschriften) und in Signaturenlisten umgewandelt.
Der zweite Schritt sah dann die Identifizierung und Separierung der verdächtigen Bände vor. Aufgrund der hohen Zahl zu prüfender Bände (mehr als 150.000) wurde diese Tätigkeit an eine Fremdfirma vergeben. Deren Mitarbeiter*innen sollten anhand der Signaturenlisten und mithilfe einer vorbereiteten Farbskala für alle Bände außen wie innen prüfen, inwieweit sie farblich verdächtige Buchbestandteile aufweisen. Sämtliche Arbeiten erfolgten dabei in Schutzausrüstung.[9] Darüber hinaus musste der Staub von den Kopfschnitten und den Regalböden gesaugt werden. Bibliotheksmitarbeiter*innen durften die jeweiligen Räume während der Arbeiten nicht betreten.[10] Auf den Listen wurde handschriftlich dokumentiert, ob ein Band grüne Bestandteile aufwies, und vermerkt, welche Bücher nicht am Standort waren. Alle verdächtigen Bände wurden dann auf Bücherwagen verladen, die zum Abtransport der Bücher in ein leergeräumtes Magazin mit Stretchfolie umwickelt wurden. Mehrere Hiwis überführten parallel die handschriftlichen Eintragungen auf den Listen in digitale Form. Prüffälle übernahmen das Sachgebiet Erschließung bzw. die Zeitschriftenstelle.[11] Für die Nutzer*innen wurde der Bestellbutton im OPAC ausgeblendet und betroffene Werke mit dem Hinweis „Zur Zeit nicht bestellbar“ versehen.

Auszug aus einer Signaturenliste.
Eine Durchsicht der separierten Bände ergab schließlich, dass deutlich mehr Bände separiert worden waren, als im Vorfeld anhand von Stichproben erwartet.[12] Darunter fanden sich viele Bände mit grünen Einbänden aus dem 20. Jahrhundert. Aufgrund ihrer Expertise nahmen die Mitarbeiter*innen des Sachgebiets Bestandserhaltung daher eine zweite Sichtung vor und markierten alle Bände, die nicht getestet werden sollten, mit Einlegestreifen. In unklaren und Zweifelsfällen wurde eine Testung anberaumt.
Für die Testung selbst wurden die Paz Laboratorien für Archäometrie beauftragt, die bereits langjährige Erfahrung in der Schadstoffanalyse von Kulturgütern haben. Der Nachweis von Arsen wird mittels zerstörungsfreier, mobiler Röntgenfluoreszenzanalyse durchgeführt.[13] Der Test erfolgt bodengerichtet gegen eine Bleiplatte bzw. in einem Bleikoffer, sodass eine Beeinträchtigung von Menschen ausgeschlossen ist. Nach der Testung wird die UB Kiel ein ausführliches Messprotokoll erhalten, das zu allen Messpunkten in jedem Band ein Ergebnis (negativ oder positiv mit Messwert) liefert und anhand von Fotos dokumentiert, welche Messpunkte pro Buch ausgewertet worden sind. Der erste Testzeitraum soll zwei Wochen dauern und voraussichtlich ca. 5.000 Bände umfassen. Den Tester*innen wird jeweils ein Hiwi bzw. ein*e Bibliotheksmitarbeiter*in für die Dokumentation von Mess- und Bildnummern sowie zum Fotografieren der Messpunkte zur Seite gestellt, denn die Dokumentation soll aus Gründen der Nachnutzbarkeit in die bereits vorhandenen Excellisten erfolgen.[14]

Auszug aus einer Testliste.
Um aus diesen Tabellen nach der Testung automatisiert ein Messprotokoll erstellen zu können, musste eine ein-eindeutige Identifikation jedes einzelnen Bandes gewährleistet werden. Dafür wurden bereits vor der Testung in einer Gemeinschaftsaktion durch Mitarbeiter*innen aller Abteilungen des Hauses alle vorgesehenen Bände mit einer ID versehen, die als Fahne in jedes Buch eingelegt wurde.[15]

Bände der UB Kiel mit ID-Fahnen.
5 Nach der Testung – was kommt dann?
Für die Zeit nach der Testung wurde bisher nur ein grobes Szenario entwickelt, da zunächst abzuwarten ist, wie viele und welche Bände betroffen sind. Negativ getestete Bände sollen gestempelt, mit einem Eintrag im K10plus versehen und wieder der Benutzung zugeführt werden. Arsenhaltige Bücher bleiben hingegen zunächst separiert und werden im Band selbst und auch im K10plus gekennzeichnet. Denkbare Optionen für einen Umgang mit ihnen wären: eine Aufbewahrung in Schachteln oder Schutzhüllen, die Konsolidierung loser Pigmente z. B. bei Farbschnitten[16], die Erschließung und Digitalisierung unter einer reinen Werkbank, das Entfernen kontaminierter Buchbestandteile oder bibliotheksübergreifende Absprachen zur verteilten Aufbewahrung betroffenen Werke.[17] Angestrebt wird ein mehrstufiges, kriteriengeleitetes System.
6 Sonderfall historische Sammlungen
Einen Sonderfall stellen die historischen Bestände vor 1800 dar. Aufgrund des breiteren Farbspektrums und der verschiedenen infrage kommenden Arsenverbindungen sollten sie ursprünglich zu einem späteren Zeitpunkt mittels mikrochemischer Tests untersucht werden. Da diese jedoch nur unter einem Laborabzug mit Außenluftanlage verwendet werden dürfen, wurden sie letztlich doch für die Röntgenfluoreszenzanalyse vorgesehen. Da auch früher erschienene Werke im relevanten Zeitraum umgebunden worden sein können, war eine Durchsicht aller Bände erforderlich. Die Mitarbeiter*innen der Sachgebiete Historische Sammlungen und Bestandserhaltung haben jeden Band einzeln geprüft und verdächtige Bände in speziellen Regalabschnitten eines Altbestandmagazins für eine spätere Testung separiert.[18]
7 Maßnahmen in den FB
Eine besondere Herausforderung stellte nicht zuletzt auch das zweischichtige Bibliothekssystem dar, das sich neben der ZB aus über 40 FB zusammensetzt, die in sehr unterschiedlichem Umfang betroffen sind. Problematisch war, dass potentiell arsenhaltige Bände hier – im Gegensatz zur ZB – häufig im Nutzungsbereich standen. Die Kolleg*innen in den FB wurden daher im Rahmen eines speziellen Termins informiert und mit Informationsmitteln und Handreichungen ausgestattet.
Dabei wurden zentral gesteuerte Aufgaben von dezentralen Maßnahmen abgegrenzt. So übernahm die ZB bspw. die Beauftragung der Fremdfirmen sowie die Bereitstellung von Buchsaugern und Schutzausrüstung, wohingegen die Fachbibliothekare entweder selbst verdächtige Bände identifizierten oder nötige Vorarbeiten für die Fremdvergabe erbrachten. Für die Bestände von FB soll demnächst ein eigener Testzeitraum anberaumt werden, in dessen Planung die Erkenntnisse aus der ersten Testphase einfließen sollen.

Auszug aus dem Infomaterial für die FB.
8 Und jetzt? Lessons learned und Ausblick
Mit der Testung ist der erste große Projektabschnitt weitgehend abgeschlossen – Grund genug für ein Zwischenfazit: Nach der Erkenntnis, dass die UB Kiel sich mit arsenhaltigen Beständen auseinandersetzen muss, wurde zügig mit der Planung und Umsetzung des Projekts begonnen. Nachjustierungen und Anpassungen gehörten dabei angesichts der weitgehend unbekannten Problematik zur Tagesordnung. Abschließend daher hier noch ein paar „lessons learned“:
Umgang mit Fremdfirmen
Essentiell sind eine gute Kommunikation und eine engmaschige Betreuung. Neben einer einführenden Schulung hat sich eine enge Begleitung gerade bei häufigen Mitarbeiter*innenwechseln als sinnvoll erwiesen.[19] Dies sollte durch leicht verständliches, bebildertes Schulungsmaterial unterstützt werden.
Farbskala
Die abgebildeten Farben geben nur ein ungefähres Farbspektrum wieder. Problematisch sind vor allem Mischfarben, denen arsenhaltige Pigmente zugesetzt sein können. Daher wurde ein vergleichsweise breites Spektrum ausgewählt, bei dem hoffentlich ein Großanteil der betroffenen Bände identifiziert werden konnte. Nähere Erkenntnisse werden aber erst die Testreihen liefern.
Kostenschätzungen
Diese erwiesen sich als besonders herausfordernd, da sie einerseits schnell gebraucht wurden, andererseits aber später punktuell angepasst werden mussten. Durch den hohen Anteil an Zeitschriften fiel z. B. die Menge der zum Testen vorgesehenen Bände deutlich höher aus als zunächst geschätzt. Gemeinsam mit dem Labor soll daher bei den ersten Tests geprüft werden, ob zur selben Zeit gebundene Zeitschriftenbände exemplarisch beprobt werden können. Als praktikabel hat sich bislang erwiesen, mit den Fremdfirmen feste Budgets zu vereinbaren und die Bestände nach selbstgesetzten Prioritäten durchzugehen. Kriterien können z. B. die Standorte der Bände (Freihand vs. Magazin), die Zugangsrechte, die Nutzungshäufigkeit oder inhaltliche Aspekte (z. B. FID-Bestände, digitalisierte Bestände usw.) sein. Sollte das Projekt durch nicht kalkulierbare Umstände das bewilligte Budget überschreiten, ist auf diese Weise sichergestellt, dass zentrale Bestände getestet wurden. Mögliche Folgeprojekte können dann unter Berücksichtigung der Erkenntnisse solider geplant werden.
Positive Erfahrungen
Als ein tragendes Element hat sich die durchdachte, offene Kommunikation gegenüber den Mitarbeiter*innen erwiesen. Rückmeldungen zeigten, dass die Maßnahmen zu ihrem Schutz als Wertschätzung aufgefasst wurden. Auch dank der klaren Benennung von Risiken und dem verantwortungsvollen Umgang damit waren viele Mitarbeiter*innen gern bereit, in Notfällen – wie bei der ID-Vergabe – zu helfen, wodurch alle Zusatzaufgaben kurzfristig bewältigt werden konnten.
Da im Zuge dessen ohnehin alle Bände angefasst werden mussten, konnten obendrein fehlende Bandzahlen bei Zeitschriften dokumentiert und nebenbei Bände mit Schimmelbefall identifiziert werden.
Vor diesen Hintergrund können die Testreihen für die FB, die Restbestände der ZB[20] und die historischen Sammlungen fundiert geplant werden. Bestenfalls können dabei künftig Synergieeffekte mit anderen Bibliotheken genutzt werden. Für übrig gebliebene Einzelfälle wird langfristig die Anschaffung mikrochemischer Tests erwogen.[21]
9 Ist nun Grün das neue Schwarz?
Die UB Kiel hat sich in den vergangenen Monaten tief in das Thema „Arsen und Bibliotheksbestände“ hineinbegeben und zusammen mit den beteiligten Stellen der CAU versucht, einen verantwortungsvollen Umgang zu etablieren und so im Sinne des Arbeitsschutzes eine angemessene und bedachte Strategie zu entwickeln. Erste Anhaltspunkte für eine solche Strategie wurden in diesem Werkstattbericht hinterlegt. Zusätzlich steht mittlerweile eine Handreichung einer Arbeitsgruppe der dbv-Kommission für Bestandserhaltung kurz vor der Veröffentlichung, die ebenfalls eine erste Orientierung für Bibliotheken zum Umgang mit potentiell arsenhaltigen Beständen liefern wird.[22]
Über die Autoren

Jessica Bruns

Dr. Kerstin Helmkamp

Dr. Ruth Sindt
© 2023 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
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