Zusammenfassung
Während des Zweiten Weltkriegs erworbene Bestände in der Bibliothek des Botanischen Gartens Berlin werden in einem aktuellen Projekt auf NS-Raubgut untersucht. Der Artikel erläutert, wie nach dem Verlust der Bibliothek durch einen Bombentreffer 1943 unmittelbar große Mengen botanischer Fachliteratur als Ersatz beschafft werden konnten, die teils mit Raubgut durchsetzt sind. Dabei geraten nicht nur die am Raub beteiligten staatlichen und politischen Institutionen in den Blick, sondern mehr und mehr auch der antiquarische Buchmarkt in der NS-Zeit.
Abstract
Holdings of the library of the Botanic Garden Berlin acquired during the Second World War are being put under scrutiny to identify Nazi looted assets as part of a wider research project. The article outlines how the library, after being hit by an air attack in 1943, was able to replace large amounts of the specialist literature in botany with looted assets to compensate the loss. This not only brings into view the public and political institutions involved in the looting, but also shifts the focus onto the antiquarian book market in the Nazi era.

Ruine des Herbar- und Bibliotheksflügels des Botanischen Museums in Berlin-Dahlem. Er war im März 1943 bei einem Luftangriff in Brand geraten, die Sammlungen wurden vernichtet. © Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin, Archiv.
Heute gehört der Botanische Garten als Zentraleinrichtung zur Freien Universität Berlin. Doch anders als die erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Universität kann er auf eine deutlich längere Geschichte zurückblicken. Das gilt auch für seine Bibliothek, die bereits 1819 mit dem Sammeln botanischer Literatur begann. Bis Anfang der 1940er Jahre war so ein Bestand von ca. 80.000 Monographien und Zeitschriftenbänden sowie 200.000 Sonderdrucken zusammengekommen, der ab 1906 gemeinsam mit dem Herbar im östlichen Flügel des in Berlin-Dahlem neu errichteten Botanischen Museums untergebracht wurde[1]. Bei einem alliierten Luftangriff in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1943 traf eine Bombe diesen Flügel des Museumsgebäudes. Er geriet in Flammen und trotz Löschversuchen brannte die Bibliothek fast vollständig aus[2]. Das Feuer vernichtete nicht nur die unwiederbringlichen Sammlungen des Herbars, sondern auch den allergrößten Teil der Bibliotheksbestände.
Erst Jahrzehnte nach dem Brand entstand ein neuer Ostflügel für das Museum. Er beherbergt seit 1987 wieder die Bibliothek, deren Bestand heute knapp 220.000 Bände umfasst. Inzwischen ist die Bibliothek des Botanischen Gartens als öffentlich zugängliche Spezialbibliothek für Botanik längst wieder im deutschsprachigen Bereich führend und zählt in Europa zu den bedeutendsten ihrer Art. Sie sammelt die Literatur zu Algen, Pilzen und Pflanzen weltweit und in allen Sprachen mit Schwerpunkten auf allgemeiner und systematischer Botanik, Pflanzengeographie und Vegetationskunde sowie auf angewandter Botanik, Arten‐ und Naturschutz. Den Grundstock für diese wiedererstandene Forschungsbibliothek bildeten Tausende[3] von Monographien, Zeitschriftenbänden und Separaten, die die Leitung des Botanischen Gartens schon während des Zweiten Weltkriegs beschaffen konnte.
Wegen der großen Zahl an Neuzugängen in der NS-Zeit stand die Bibliothek grundsätzlich unter Verdacht, NS‐Raub‐ und Beutegut zu enthalten. Bestätigt wurde dieser Verdacht durch zwei Restitutionsfälle in den Jahren 2010 und 2012. Auf Initiative von H. Walter Lack, dem damaligen Leiter der Abteilung Bibliothek, Archiv und Ausstellungen, wurden im Mai 2010 ca. 500 Bände Beutegut aus Belarus an die Nationalbibliothek in Minsk abgegeben[4]. Eine weitere Restitution von NS-Beutegut folgte im Jahr 2012 an die Staatliche Universität Smolensk. Neun Bände mit Besitzvermerken des Pädagogischen Instituts Smolensk, die in der Bibliothek des Botanischen Gartens gefunden worden waren, übergab stellvertretend Barbara Schneider-Kempf von der Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs[5]. Als bald darauf Cornelia Briels Forschung zur Tätigkeit der Reichstauschstelle in der NS-Zeit[6] neue Erkenntnisse über den Wiederaufbau der Bibliothek des Botanischen Gartens erbrachte, war es nicht mehr von der Hand zu weisen: Diese Bibliothek sollte durch systematische Provenienzforschung auf NS-Raubgut untersucht werden.
Erste Zahlen, die halfen, den Umfang des geplanten Provenienzforschungsprojekts abzuschätzen, lieferte ein Erstcheck, den die Bibliothek Ende 2018 auf Initiative ihres Leiters Norbert Kilian gemeinsam mit der Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland durchführte[7]. Nachdem einige weniger verdächtige Bestände wie bestimmte Nachlassbibliotheken herausgerechnet waren, blieb ein Korpus von knapp 12.000 zwischen 1943 und 1945 beschafften Bänden und Separaten, unter denen sich mit erhöhter bis sehr hoher Wahrscheinlichkeit NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut befindet. Beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste[8], das bereits den Erstcheck gefördert hatte, beantragte die Bibliothek daraufhin die Mittel, dank derer die Zugänge aus der NS-Zeit seit April 2021 weiter erforscht werden können. Das geschieht in enger Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin[9], die eine bald 10-jährige Erfahrung auf ihrem Gebiet vorweisen kann. Anders als in den später gegründeten Bibliotheken der Freien Universität liegen in der Bibliothek des Botanischen Gartens Zugangsbücher sowie einige Archivalien aus dem untersuchten Zeitraum von 1943 bis in die Nachkriegszeit vor. Sie geben Auskunft darüber, von welchen Privatpersonen, Antiquariaten oder staatlichen Stellen in den fraglichen Jahren Bibliotheksgut geliefert wurde. Das aktuelle Projekt widmet sich daher nicht sämtlichen vor 1945 erschienenen Titeln im Bestand, sondern zunächst nur einem anhand von Lieferantenangaben eingegrenzten Korpus, das das Projektteam nun Exemplar für Exemplar auf Provenienzspuren wie Exlibris, Besitzstempel, Namen, aber auch frühere Signaturen und Inventarnummern prüft. Solche Hinweise werden fotografiert und in der kooperativen Provenienzdatenbank Looted Cultural Assets dokumentiert[10]. Parallel zu dieser Dokumentation soll durch weitere Recherchen zu zweifelhaften Lieferanten und Provenienzen NS‐Raubgut identifiziert und gegebenenfalls an die rechtmäßigen Eigentümerinnen und Eigentümer sowie Erben restituiert werden.
Da es sich bei der Bibliothek des Botanischen Gartens um eine wissenschaftliche Spezialbibliothek handelt, haben die meisten bisher festgestellten Vorbesitzerinnen und Vorbesitzer von hier vorhandenen Büchern einen fachlichen Bezug. Antiquarische Anschaffungen der Bibliothek enthalten (Teil-)Nachlässe bekannter und weniger bekannter Botanikerinnen und Botaniker. Daher kann die Provenienzforschung über ihr konkretes Anliegen hinaus wichtige Impulse zur Sammlungsgeschichte geben, die hier immer auch Wissenschafts- und Fachgeschichte ist. Die Suche nach NS-Raubgut rückt insbesondere die Institutionsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus in den Blick, die im Fall des Botanischen Gartens Berlin noch nicht eingehend erforscht ist. Anhand von Korrespondenz rund um den Wiederaufbau der Bibliothek, die sich in der Wissenschaftshistorischen Sammlung des Botanischen Gartens erhalten hat[11], sowie weiterem Material in anderen Archiven lässt sich nachweisen, dass die Leitung des Botanischen Gartens zu diversen Institutionen im NS-Staat Kontakte unterhielt. Die Verantwortlichen rund um den Generaldirektor Ludwig Diels bedienten sich verschiedener Wege der Buchbeschaffung, darunter die Erwerbung von Nachlässen, antiquarische Ankäufe sowohl im Inland als auch im besetzten Ausland und direkte Anfragen bei Organisationen des NS-Kulturgutraubs wie dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg[12]. Nach erstatteter Schadensmeldung im März 1943 wurde die Bibliothek des Botanischen Gartens zudem rasch in das Programm zum Wiederaufbau kriegszerstörter wissenschaftlicher Bibliotheken im Deutschen Reich aufgenommen, mit dem die Reichstauschstelle unter der Leitung des Bibliothekars Adolf Jürgens im gleichen Jahr von den zuständigen Ministerien beauftragt worden war: „Mit fünf Millionen Reichsmark zu Erwerbungszwecken ausgestattet, sammelte sie im Rahmen dieses Programms ca. eine Million Bände teils legal, teils unrechtmäßig erworbener deutscher und ausländischer Literatur“[13]. Dass von diesem Budget allein eine Million Reichsmark dem Wiederaufbau der Bibliothek des Botanischen Gartens Berlin zugedacht war, illustriert eindrücklich, welchen Stellenwert Jürgens und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Bibliothek im Besonderen zumaßen. Schon bald entspann sich ein reger Briefwechsel zwischen der Reichstauschstelle und dem Kustos Johannes Mattfeld, der von Seiten des Botanischen Gartens mit dem Wiederaufbau der Bibliothek betraut war. Viele der Ankäufe, die die Reichstauschstelle für die Bibliothek des Botanischen Gartens finanzierte, gehen auf das außergewöhnliche Engagement Mattfelds zurück. Er schlug nicht nur diverse Nachlassbibliotheken kürzlich verstorbener Botaniker zum Kauf vor, sondern unternahm auch selbst im Frühling 1943 eine Beschaffungsreise nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande, um sich persönlich in dortigen Forschungseinrichtungen und Antiquariaten nach geeigneter Literatur umzusehen[14]. Die Reichstauschstelle wiederum versorgte Mattfeld stetig mit Katalogen von Antiquariaten und Bücherlisten ihrer eigenen Depots, aus denen er Titel für die Bibliothek des Botanischen Gartens auswählen sollte. Die Begleitbriefe sind in Mattfelds Nachlass erhalten, nicht aber die Kataloge und Listen – die Reichstauschstelle bat in der Regel um Rücksendung der Anlagen. Für welche Bücher sich Mattfeld jeweils entschied, muss also aus anderen Quellen rekonstruiert werden, allen voran den Zugangsbüchern der Bibliothek.

Die Zugangsnummer 1943.1 kennzeichnet den ersten inventarisierten Titel für den Wiederaufbau der Bibliothek der Botanischen Gartens: Jg. 1943 Heft 1/2 des Botanischen Zentralblatts. Das Hakenkreuz im Besitzstempel der Bibliothek wurde nach dem Krieg übermalt. Bildquelle: Lisa Trzaska, CC BY-NC 4.0.
Unter den dort genannten Lieferanten sind mehrere Antiquariate zu finden, die „arisiert“ worden waren und deren Treuhänder oder neue Eigentümer nicht nur mit den übernommenen Lagerbeständen handelten, sondern sich auch darüber hinaus mit weiterem Raubgut versorgen ließen. Ein Beispiel hierfür ist das Wiener Antiquariat Alfred Wolf[15], von dem die Bibliothek des Botanischen Gartens mindestens 27 Titel botanischer Literatur geliefert bekam. Alfred Wolf und sein Geschäftspartner Richard Friedrich Riedmann hatten die Antiquariate von Hans Peter Kraus und Leo Weiser übernommen, die sich vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ins Exil retten mussten. Darüber hinaus ließ sich das Antiquariat Wolf von der Gestapo mit Büchern deportierter österreichischer Jüdinnen und Juden versorgen. Wie genau etwa ein Satz Sonderdrucke über Pflanzenkrankheiten, die der Botanische Garten 1944 bei Wolf kaufte, in dessen Bestand gekommen war, ließ sich noch nicht klären. Enthalten sind Besitzvermerke des Botanikers Johannes Stephan, der in den 1930er Jahren in Königsberg tätig war und zu dessen weiterem Lebensweg die Recherchen noch nicht abgeschlossen sind. Andere Exemplare aus dem Antiquariat Wolf sind ohne Hinweise. Doch auch wenn der Befund der Provenienzspuren dünn bleibt, sollte die Provenienzforschung Ankäufe im Blick behalten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus geraubtem jüdischem Geschäftseigentum oder anderen zweifelhaften Quellen stammen.
Nicht nur die großen NS-Rauborganisationen, sondern auch viele deutsche Buchhändler nutzten die Kriegssituation, um günstig größere Mengen Bücher aus den besetzten Gebieten ankaufen zu können und sie auf dem deutschen Markt weiterzuverkaufen. Ein Beispiel hierfür ist die Bibliothek Chenevière aus Montbéliard, die der Antiquar Oswald Weigel aus Leipzig auf einen Hinweis von Johannes Mattfeld hin für den Botanischen Garten erwarb. Dank seiner Kontakte zur Reichstauschstelle konnte Weigel erreichen, dass die drei Kisten mit naturwissenschaftlicher Literatur als „Wehrmachtsfrachtgut“ nach Deutschland transportiert wurden[16]. Weigel gehört auch zu den deutschen Antiquaren, die Ware bei Heinrich Vossiek bestellten, dem „arischen“ Treuhänder mehrerer jüdischer Antiquariate in den besetzten Niederlanden[17], der nachweislich mit Raubgut handelte. Vossiek operierte in den Niederlanden nach einem ähnlichen Geschäftsmodell wie Wolf und Riedmann in Österreich. Er schaffte es, sich als Verwalter für gleich drei renommierte Antiquariate einsetzen zu lassen: Das Internationaal Antiquariaat von Menno Herzberger und das Erasmus Antiquariat von Abraham Horodisch, beide in Amsterdam, sowie das Antiquariat Meijer Elte in Den Haag[18]. Aus dem Antiquariat Meijer Elte, dessen Übernahme Vossiek nach der „Arisierung“ in Aussicht gestellt war[19], erhielt auch die Bibliothek des Botanischen Gartens einige Monographien und Zeitschriften. Um wie viele es sich handelt, ist nicht klar festzustellen, da der Name des Antiquariats nicht unter den Lieferanten im Zugangsbuch der Bibliothek genannt ist. Er taucht lediglich in einem Antwortschreiben Mattfelds an die Reichstauschstelle auf, in dem von „der uns freundlichst übersandten Liste des Antiquariats Meijer Elte“[20] die Rede ist. Die Reichstauschstelle hatte gemeldet, sie habe „aus S’-Gravenhagen [= Den Haag] die in der Anlage verzeichneten botanischen Werke bekommen“[21], nannte aber nicht das Antiquariat. Die Liste selbst liegt nicht vor. Mattfeld hat sie zurückgeschickt, mit Bitte „um Überlassung der rot angestrichenen Werke, also aller Bücher mit Ausnahme von“[22]… – genannt sind nur die beiden Titel, die er nicht für den Botanischen Garten wünschte. Erst anhand des handschriftlichen Entwurfs einer Rechnung für die Reichstauschstelle im Archiv des Antiquariats Meijer Elte[23] ließ sich nachweisen, dass Mattfelds Bestellung auch ausgeliefert wurde: Unter den Rechnungsposten tauchen die beiden nicht gewünschten Buchtitel aus dem Brief auf und darüber hinaus viele Titel, die Ende 1943 in der Bibliothek des Botanischen Gartens inventarisiert wurden – alle ohne Lieferantenangabe. Die Recherchen zu in diesen Büchern enthaltenen Provenienzspuren laufen noch.
Es fällt auf, dass fast ein Drittel der mit Mitteln der Reichstauschstelle für den Botanischen Garten angekauften Bestände aus den von deutschen Truppen besetzten Niederlanden stammt. Die wiederentdeckten Exemplare aus dem Antiquariat Meijer Elte machen dabei nur einen sehr kleinen Teil aus. Von den Antiquariaten Junk, Martinus Nijhoff, Swets & Zeitlinger, Burgersdijk & Niermans sowie dem Zeister Antiquariat Praamsma erhielt die Bibliothek des Botanischen Gartens jeweils mehrere Hundert Exemplare. Cornelia Briel fand zwar in den Unterlagen der Reichstauschstelle Angaben zu größeren Lieferungen der Firmen Burgersdijk & Niermans sowie Martinus Nijhoff, stellte aber fest, dass „über die Abwicklung der Ankäufe in den Niederlanden kaum etwas bekannt“[24] ist. Wie das Archiv der Firma Meijer Elte sind auch die Archive von Nijhoff und Burgersdijk & Niermans mittlerweile in die Sammlungen der Universität von Amsterdam eingegangen[25]. Zwar lassen sich dort teils in Kassenbüchern die Lieferungen an die Reichstauschstelle oder die von ihr betreuten Bibliotheken nachweisen, die zugehörige Korrespondenz, die Aufschluss darüber geben könnte, woher die verkauften Bücher stammten, weist jedoch für die Besatzungszeit erhebliche Lücken auf[26]. Es bleibt die Hoffnung, zumindest die Spur einiger wertvoller Rara, die die Bibliothek des Botanischen Gartens aus niederländischen Antiquariaten erhielt, in Angebots- und Auktionskatalogen nachverfolgen zu können[27]. Ungeklärt ist etwa bislang die Provenienz des kostbaren mehrbändigen Reisewerks über Zentral- und Südamerika von Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland, das der Botanische Garten 1943 beim Antiquariat Swets & Zeitlinger erwarb. Ihren prächtigen roten Einband bekamen die Folianten bereits im frühen 19. Jahrhundert in Paris, doch über ihren Vorbesitzer oder ihre Vorbesitzerin ist nichts bekannt – aus jedem Buchdeckel ist das Exlibris herausgerissen[28].
Während der Umgang der deutschen Besatzer mit Kulturgut in den eroberten Ländern Westeuropas zu einer vielschichtigen Gemengelage aus Beschlagnahmungen, „Arisierungen“ und Opportunismus führte, sah die Situation in Osteuropa in der Regel deutlich anders aus. Diese von nationalsozialistischer Ideologie geprägte Unterteilung lässt sich auch an den Zugängen der Bibliothek des Botanischen Gartens zwischen 1942 und 1945 aufzeigen. Bei Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften aus Belarus, Russland und der Ukraine, die in dieser Zeit an die Bibliothek des Botanischen Gartens gelangten, handelt es sich schlicht um Kriegsbeute. Einheiten der Wehrmacht und der SS entwendeten das Material aus sowjetischen Bibliotheken und gaben es an das Botanische Museum ab – teils als Geschenk, teils als Leihgabe. Ein solcher Fall sind die großen Mengen Bücher und Zeitschriften aus den Landwirtschaftlichen Instituten in Horki, Belarus, die zum größten Teil bereits restituiert sind[29]. Sie gelangten Ende 1943 durch den Wehrgeologenstab mit Sitz am Wannsee nach Berlin. Lieferant der Bücher aus der Pädagogischen Hochschule von Smolensk[30] war die Dolmetscher‐Lehrabteilung beim Oberkommando der Wehrmacht. Diese Abteilung unterhielt eine „Bücherei für den Osten“, die für die entsprechenden Dolmetscher u. a. russischsprachige Literatur bereitstellte. Offenbar wurde diese Bücherei in solchem Umfang mit Beutegut aus Osteuropa versorgt, dass dort nicht benötigte Titel an andere Bibliotheken abgegeben werden konnten. Beutegut kam aber nicht erst nach dem Bibliotheksbrand vom März 1943 in die Bibliothek des Botanischen Gartens. In einem Bestand, der sich in der Brandnacht gerade beim Buchbinder befunden hatte und daher noch erhalten ist, tauchten 14 Exemplare von Beutegut aus ukrainischen Universitätsbibliotheken auf, die meisten von ihnen aus Kiew, zwei kommen aus Charkiw. Es handelt sich größtenteils um sowjetische botanische Zeitschriften. Diese Funde beweisen, dass sich bereits Beutegut und wahrscheinlich auch NS‐Raubgut in der Bibliothek befand, bevor die Reichstauschstelle in großem Stil für Neuzugänge sorgte. Wieviel Raubgut im März 1943 mit verbrannte, lässt sich nicht mehr feststellen. Den Weg der Bücher und Zeitschriften aus Kiew bzw. Charkiw bis nach Berlin offenbart aber ein Stempel, der auf fast allen der Titelblätter zu finden ist: „Leihgabe, Auswärtiges Amt, Geographischer Dienst, Bücherei“. Zu diesem Geographischen Dienst gehörte das Sonderkommando Künsberg, das 1941 in die Waffen‐SS eingegliedert wurde[31] – eine weitere berüchtigte Kulturgut-Rauborganisation neben dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg.
Zwar waren solche NS-Rauborganisationen auch in Frankreich, Belgien und den Niederlanden aktiv[32], aus diesen Ländern kamen aber zuallererst Ankäufe in Antiquariaten und bei dortigen Forschungseinrichtungen in die Bibliothek des Botanischen Gartens. Aus Westeuropa tauchte im aktuellen Projekt bisher nur ein Exemplar auf, das direkt durch die Wehrmacht geraubt worden war: Eine Flora des französischen Departements Loir-et-Cher, die der Botanische Garten 1943 vom Wehrkreis Berlin als Geschenk erhielt. Das Buch stammt aus der Bibliothek einer französischen Mädchenschule im kleinen Ort Pontlevoy und wurde im Dezember 2021 restituiert – gemeinsam mit einem weiteren Buch dieser Schule, das im Deutschen Technikmuseum in Berlin gefunden worden war[33]. Der Besitzstempel der École Primaire Supérieure de Jeunes Filles de Pontlevoy auf den Titelblättern der beiden Bücher führte die Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher beider Institutionen auf die richtige Spur. Doch in vielen anderen Fällen ist die individuelle Herkunft der Bücher in der Bibliothek des Botanischen Gartens schwerer zu ermitteln, da die Bibliothekarinnen und Bibliothekare der 1940er Jahre hier beherzt zur Schere griffen: Eventuell auch schon während des Krieges, sicher jedoch in der Nachkriegszeit wurden systematisch Provenienzhinweise wie Stempel, Etiketten und eingetragene Namen getilgt. Davon zeugen die vielen rechteckigen Ausschnitte aus Titelblättern, die teils sorgfältig mit Blankopapier hinterklebt wurden. Es liegt nahe, dass auf diese Weise viele Hinweise auf Raubgut vernichtet wurden. Teils betreffen die Tilgungen aber auch Stempel von NS-Organisationen, wie dem Hygieneinstitut der Waffen-SS, und den Besitzstempel mit Hakenkreuz, den der Botanische Garten selbst bis 1945 nutzte (siehe Abbildung 2). Nicht jedes Buch mit Tilgung kann daher pauschal unter Raubgutverdacht gestellt werden. Umso wichtiger wird es, vorhandene Archivquellen auf ergänzende Hinweise hin auszuwerten. Auf diesem Weg konnten kürzlich sieben Bücher als Raubgut erkannt werden, die selbst keinerlei Provenienzspuren enthalten: Die Adresse eines NS-Zwangsarbeiterlagers im Zugangsbuch führte zur Geschichte des tschechischen Botanikers Ladislav Kňákal, der diese Bücher der Bibliothek des Botanischen Gartens verkaufte. Der Verkauf fand unter NS-Verfolgung statt. Daher strebt die Bibliothek des Botanischen Gartens eine Restitution an. Kňákal kehrte nach dem Krieg nach Prag zurück. Aktuell läuft in diesem und mehreren anderen Fällen die Suche nach Erben.
About the author

Lisa Trzaska
Wiss. Mitarbeiterin
© 2022 Lisa Trzaska, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
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