Zusammenfassung
Der Beitrag stellt den Typographen Jan Tschichold und das Digitalisierungsprojekt vor, dank dessen ein Großteil seines Arbeitsnachlasses der breiten Öffentlichkeit zugänglich wird. Er erklärt zudem, wie sich aus Sicht des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek die Erschließungsarbeit mithilfe von Normdaten weiterentwickelt und welche Chance der Rückgriff insbesondere auf die Gemeinsamen Normdatei eröffnet.
Abstract
The article introduces the work of typographer Jan Tschichold and a digitisation project through which a large part of his legacy will be accessible to the general public. It also explains how, from the point of view of the German National Library’s Museum of Books and Writing, cataloguing is improved and advanced by the use of standard data, and shows the opportunities offered by recourse to the Integrated Authority File GND.
Wir alle kennen Arbeiten von Jan Tschichold, auch wenn wir nicht immer wissen, dass er es war, dem wir sie verdanken. Sei es von Tschichold als einem der wichtigsten Vertreter der Neuen Typographie oder als einem Erfinder des modernen Graphikdesigns. Sei es von Tschichold, der das Layout der Penguin Books maßgeblich geprägt hat. Sei es, weil wir Verpackungen gesehen haben, die Tschichold entworfen hat. Wir nutzen tagein, tagaus eine seiner Schriften, lesen Bücher mit seiner Satzspiegelberechnung oder kaufen Produkte, deren Corporate Design von ihm stammte.
Ganz ähnlich verhält es sich mit der Gemeinsamen Normdatei (GND).[1] In der Welt der Bibliotheken haben wir ständig mit ihr zu tun. Als zentrales Verzeichnis normierter Begriffe gehört sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu den wichtigsten Werkzeugen der bibliothekarischen Erschließung. Ihre eindeutigen und persistenten Bezeichner (GND-IDs) für Personen, Körperschaften, Kongresse, Geographika, Sachschlagwörter und Werktitel nutzen wir täglich bei unserer Arbeit. Das tun wir, auch wenn wir nicht immer wissen, dass die Deutschen Nationalbibliothek (DNB), die deutschsprachigen Bibliotheksverbünde, die Zeitschriftendatenbank (ZDB) und einige weitere Einrichtungen sie gemeinsam nach den Standards und Regeln der RDA (Resource Description and Access) führen.[2]
Dieser Beitrag möchte zeigen, dass die GND sich nicht nur für die Katalogisierung in Bibliotheken anbietet, sondern auch für die Nutzung in Museen, Archiven und in der Wissenschaft. Dafür wirft er einen Blick hinter die Kulissen eines Projektes zur Digitalisierung und Erschließung von Tschicholds Arbeitsnachlass.
Der Typograph im Museum
Jan Tschichold gehört zu den bedeutendsten Typographen, Schriftgestaltern und Graphikern des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1902 als Sohn eines Schriftmalers in Leipzig geboren.[3] Eigentlich hatten seine Eltern für ihn die Laufbahn eines Lehrers vorgesehen. Unter dem Eindruck der Internationalen Buch- und Graphikmesse, die 1914 in Leipzig stattfand, entschloss er sich aber, Schriftgestalter zu werden und begann ein Studium der Kalligraphie.[4] Nach nur zwei Jahren wechselte er vom Schüler zum Lehrer und gab selbst Unterricht im Schönschreiben.

Seite aus einem Kalligraphie-Buch Tschicholds.[5]
Unter dem Eindruck der ersten Bauhausaustellung 1923 in Weimar wandte er sich völlig begeistert den Arbeiten der russischen Avantgarde zu.
Obwohl selbst nie am Bauhaus tätig, gab er gemeinsam mit einigen Bauhaus-Meistern ein Sonderheft zur Typographie heraus. In diesem Heft beschrieb Tschichold die Grundzüge der sogenannten Neuen Typographie.[6] 1928 erschien sein gleichnamiges Handbuch.[7] Durch seine Veröffentlichung avancierte er zu einem der bekanntesten Vertreter der modernen Schriftgestaltung.
1926 zog Tschichold mit seiner Frau nach München, wo er eine Lehrstelle an der renommierten Schule für Buchdruck antrat. Neben dem Unterricht übernahm er vermehrt einträgliche Aufträge aus der Wirtschaft. Er verstand sich ganz offenbar als das, was heutzutage unter „Graphikdesigner“ firmiert.

Avantgardistischer Entwurf Tschicholds.
Tschicholds Karriere, die in München deutlich an Fahrt aufgenommen hatte, bekam durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten einen herben Rückschlag. Zwar liegen die genauen Umstände im Dunkel der Geschichte, fest steht jedoch, dass Tschichold verhaftet wurde, in sogenannte „Schutzhaft“ kam. Möglicherweise hatte er durch seine Nähe zum Bauhaus den Argwohn seiner Nachbarn auf sich gezogen, die ihn deswegen bei den Behörden meldeten.
Nach zwei Monaten in Haft kam Tschichold frei und floh mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in die Schweiz. Schockiert darüber, dass die Nationalsozialisten sich unter anderem auch seiner Neuen Typographie bedienten, kehrte ihr Tschichold den Rücken zu. Viele seiner früheren Weggefährten stieß er vor den Kopf, als er wieder verstärkt auf Versalien und eine symmetrische, das heißt zentrierte Textausrichtung Wert legte.[8] Tschichold wandelte sich vom Avantgardisten zum progressiven Traditionalisten.
Nach Kriegsende zog Tschichold mit seiner Familie nach Großbritannien. Dort übernahm er zunächst einzelne Aufträge für Penguin Books, dann gestaltete er das komplette Buchdesign des Verlags neu.

Penguin Design.

Frühneuzeitliche Druckerwerkstatt.
Zu Wohlstand gekommen, konnten es sich die Tschicholds leisten, wieder zurück in die Schweiz zu ziehen und sich dort einbürgern zu lassen. Bis zu seinem Tod übernahm Tschichold Aufträge von renommierten Schweizer Firmen wie LaRoche und gestaltete deren Corporate Design. Darüber hinaus beschäftigte er sich intensiv mit Schriftgestaltung. So entwickelte er über mehrere Jahrzehnte hinweg die Sabon, eine Schrift, die sich an die Garamond anlehnt und sich besonders für längere Fließtexte eignet.
Für solche Arbeiten griff Tschichold vielfach auf Vorlagen zurück. Etliche dieser Vorlagen erhielt er vom Deutschen Buch- und Schriftmuseum (DBSM) der Deutschen Nationalbibliothek, das er noch aus seinen Jugendjahren in Leipzig kannte.
Die Aufgabe des Museums ist es, buch- und mediengeschichtliche Zeugnisse zu sammeln, auszustellen und wissenschaftlich zu bearbeiten. Es versteht sich deshalb sowohl als Arbeitsstätte der Schrift-, Buch- und Papiergeschichtsforschung, wegen seiner Ausstellungen und museumspädagogischen Programme aber auch als Ort der Neugier, des Entdeckens und des Erkundens.
Das Museum wurde 1884 als Deutsches Buchgewerbemuseum in Leipzig gegründet.[9] Es gilt als das weltweit älteste und nach Umfang und Qualität seiner Bestände als eines der bedeutendsten Museen auf dem Gebiet der Buchkultur. Den Grundstock für seinen umfangreichen Buchbestand legte der sächsische Staat 1886 mit dem Ankauf der 3.000 historische Drucke umfassenden Sammlung des Dresdner Schneiders, Verlegers und Büchersammlers Heinrich Klemm.[10]
Die Sammlungen des DBSM umfassen inzwischen über eine Million Objekte aus den Bereichen der Buch-, Schrift-, Papier- und Mediengeschichte – von Schriftstele und Setzmaschine über Archivalie, Graphik und Alte Drucke bis Papierprobe und Wasserzeichen. Seine Bestände ermöglichen eine interdisziplinäre Herangehensweise an buch- und schriftwissenschaftliche Fragestellungen im kultur-, medien- und kommunikationsgeschichtlichen Kontext.
Jan Tschichold blieb dem Museum sein Leben lang verbunden. In Anbetracht von Tschicholds vielfachen Kontakten zum Museum verwundert es nicht, dass er noch zu Lebzeiten geplant hatte, seinen Arbeitsnachlass nach Leipzig zu geben und die Bestände des Museums zu erweitern. 2006 gelangte der Nachlass zunächst als Depositum ins Museum. 2015 schenkten ihn Tschicholds Erben dem DBSM.
Digitalisieren, bitte!
Der Nachlass von Jan Tschichold ist mit seinen etwa 18.500 Einzelblättern in 176 Kisten einer der umfangreichsten Nachlässe im DBSM. Zugleich ist er einer der am stärksten Nachgefragten, insbesondere von der Wissenschaft.

Teile des Arbeitsnachlasses im Magazin.
Der Nachlass umfasst alle Schaffensperioden Tschicholds, von seinen frühen Studienjahren in Leipzig bis hin zu seinen letzten Entwürfen und Publikationen in den 1970er-Jahren. Tschichold war ein akribischer Sammler und Dokumentar seiner eigenen Arbeit. Zu den meisten Aufträgen und Publikationen reichen die überlieferten Materialien von ersten Skizzen über Andrucke und Korrekturbögen bis hin zu fertigen Belegexemplaren sowie ergänzender Korrespondenz. Der Nachlass erlaubt es nachgerade, Tschichold beim Arbeiten über die Schulter zu schauen.
Um dieses heterogene Material einerseits so zugänglich wie möglich zu machen und andererseits bestmöglich zu schützen, hat sich das DBSM entschlossen, 101 der 176 Kisten zu digitalisieren. Dabei handelt es sich um eine repräsentative Auswahl von einschlägigen Objekten, insbesondere typographische Entwürfe und Korrekturfahnen, bei denen zugleich keine Rechte von Dritten betroffen sind. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Herrn Professor Dr. Patrick Rössler von der Universität Erfurt. Die Deutsche Fördergemeinschaft unterstützt das Projekt mit rund 110.000 Euro. Die Laufzeit beträgt 18 Monate. Zum Abschluss des Projektes werden eine Tagung und eine Buchpublikation die Ergebnisse zusammenfassen.
Im Zuge des Digitalisierens werden die Objekte zugleich erschlossen, das heißt nach musealen Kriterien mit beschreibenden Metadaten angereichert. Dabei bietet es sich an, auf die GND mit ihren rund 16 Millionen Einträgen zurückzugreifen. Denn ein großer Vorteil der GND besteht darin, dass sie als Linked Open Data (LOD) vorliegt.[11] Dadurch lassen sich ihre gesicherten und gut recherchierten Angaben mit anderen Datenbeständen wie Wikidata aus dem LOD-Universum verknüpfen.

Wissensgraph des LOD-Universums, lod-cloud.net.
Über einen sogenannten Endpoint, bspw. http://gnd4c.digicult-verbund.de/sparql.html, können in der Abfragesprache SPARQL schon jetzt Anfragen gestellt werden.[12] Will man etwa herausfinden, welche Schriften von Typographen entwickelt wurden, die in Leipzig geboren worden sind, lässt sich das mit dem folgenden Code bewerkstelligen:
PREFIX rdf: <http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#>
PREFIX owl: <http://www.w3.org/2002/07/owl#>
PREFIX gnd: <http://d-nb.info/gnd/>
PREFIX gndo: <http://d-nb.info/standards/elementset/gnd#>
SELECT ?font ?name ?gnd_id WHERE
{
VALUES ?beruf { 'Schriftkünstler' 'Schriftkünstlerin' }
{
?gnd_id gndo:professionOrOccupation / gndo:preferredName
ForTheSubjectHeading ?beruf ;
gndo:preferredNameForTheFamily | gndo:
preferredNameForThePerson ?name ;
gndo:placeOfBirth gnd:4035206-7 .
?work_id gndo:creator ?gnd_id ;
gndo:preferredNameForTheSubjectHeading ?font .
}
}
ORDER BY ?name
Als Ergebnis erhält man die Auskunft, dass Jan Tschichold zusammen mit dem Typographen Gert Wunderlich insgesamt acht Schriften geschaffen haben, unter anderem die Sabon, Saskia, Zeus und Maxima.
Nicht zuletzt dadurch, dass das DBSM beim laufenden Digitalisierungsprojekt auf die normierten Begriffe der GND zurückgreift, wird es immer einfacher, seine musealen Wissensbestände mit den Daten anderer Institutionen zu vernetzen. In Zukunft lassen sich zudem Abfragen nach einzelnen Objekten wie „Für welche Auftraggeber hat Tschichold Briefbögen zwischen 1935 und 1945 gestaltet?“ oder „Was hat Tschichold in seiner Zeit in England 1946–1949 gestaltet, das nicht für Penguin Books bestimmt war?“ stellen.
In seiner Typographie-Fibel für jedermann schrieb Tschichold: „Gute Typographie ist, wie ein idealer Diener gewesen sein mag: da und doch nicht bemerkbar; unauffällig, aber eine Voraussetzung des Wohlbefindens; lautlos, geschmeidig.“[13] Für Tschichold ist also eine Schrift dann gut, wenn sie sich gegenüber ihrem Inhalt unsichtbar macht, wenn sie also den Blick vor allem auf das freigibt, was sie transportieren soll. Im DBSM wünschen wir uns, dass das Gleiche in ein paar Jahren von der GND gesagt werden kann: Sie ist deswegen solch ein gutes Bindeglied zwischen diversen Wissensbeständen, weil wir gar nicht mehr merken, dass wir sie ständig benutzen.
Article Note
Dieser Beitrag geht zurück auf einen Vortrag, den der Verfasser 2019 auf der Herbsttagung der Fachgruppe Dokumentation des Deutschen Museumsbundes gehalten hat.
About the author

Dr. Ramon Voges
© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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