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Die Erschließung orientalischer Handschriften an der Staatsbibliothek zu Berlin: Historische Entwicklung und aktuelle Perspektiven im nationalen Kontext

  • Christoph Rauch

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Published/Copyright: May 5, 2018
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Zusammenfassung

Neue Nutzungsszenarien und Forschungsansätze veränderten auch die bibliothekarischen und wissenschaftlichen Anforderungen an eine Erschließung orientalischer Handschriften. In diesem Beitrag wird, mit Schwerpunkt auf den Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin, der Weg von den historischen Katalogen des 19. Jahrhunderts über die „Katalogisierung der Orientalischen Handschriften in Deutschland“ hin zu einem elektronischen Bestandsnachweis aufgezeigt. Der Aufbau eines materialspezifischen Portals zum Nachweis aller Handschriften und Digitalisate ist der nächste Schritt.

Abstract

In libraries and science, new scenarios of use and research approaches also changed the demands concerning the indexing of oriental manuscripts. Focussing on the collections of the Berlin State Library, this report gives an overview of the development from the catalogues of the 19th century to “Indexing Oriental Manuscripts in Germany” and to an electronic inventory. The next step will be constructing a material-specific portal listing all manuscripts and digital representations.

1 Aus dem Sultanspalast an den Potsdamer Platz

Der Magdeburger Jurist Heinrich Friedrich von Diez (1751–1817) bewarb sich 1784 erfolgreich bei Friedrich dem Großen um das Amt als preußischer Konsul in Konstantinopel. Vor Ort begeisterte sich der diplomatische Neuling für die türkische Sprache und Kultur und entwickelte sich zu einem leidenschaftlichen Orientliebhaber. Als er 1790 nach einem sechsjährigen Aufenthalt an der Hohen Pforte nach Berlin zurückkehrte, brachte er Hunderte türkische, arabische und persische Handschriften mit, einige der prächtigsten konnte er über Kontakte zum Chef-Eunuchen direkt aus den Privatgemächern des Sultanspalasts erwerben (vgl. Abb. 1).[1]

Abb. 1: Iskandar (Alexander der Große) bei den Sieben Weisen, persische Miniatur aus einer Handschrift des Nizami, Iran, 15. Jh. (Diez A fol. 7, Bl. 350a); © Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Fotostelle.
Abb. 1:

Iskandar (Alexander der Große) bei den Sieben Weisen, persische Miniatur aus einer Handschrift des Nizami, Iran, 15. Jh. (Diez A fol. 7, Bl. 350a); © Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Fotostelle.

Die Diez’schen Orientalia kamen 1817 als Legat (zusammen mit seinen mehr als 17.000 Druckschriften und abendländischen Handschriften) an die Königliche Bibliothek. Sie verdoppelten den bereits vorhandenen Bestand orientalischer Handschriften mit einem Schlag auf mehr als 800. Zu dieser Zeit war in Europa die unmittelbare Beschäftigung mit orientalischen Schriften noch selten und die Bestände in deutschen Bibliotheken meist noch überschaubar. Der plötzliche Zuwachs war erst der Auftakt für eine Periode extensiver Bestandserweiterung. Wie Diez brachen im 19. Jahrhundert zahlreiche Gelehrte, Diplomaten, Forschungsreisende und Abenteurer auf und erwarben in den verschiedenen Regionen Asiens und Afrikas Schriftzeugnisse lebender wie untergegangener Kulturen. Im 19. Jahrhundert kann man geradezu von einem Wettbewerb großer europäischer Bibliotheken sprechen, welche die bedeutendsten Schätze in ihre Obhut zu bringen versuchten – und dabei nicht selten um konkrete Angebote miteinander konkurrierten.[2] Damals differenzierten sich auch die orientalistischen Philologien an den Universitäten aus. Wissenschaftlern und Studenten wurden die neu erworbenen Handschriften zu unverzichtbaren Forschungsquellen für ihre Studien.

Heute betreut die Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin eine Sammlung von 42.000 orientalischen Handschriften und Blockdrucken aus allen Regionen Asiens und Afrikas und nicht zuletzt auch aus Europa. Hinzu kommen 40.000 Textfragmente von der Seidenstraße, die Turfan-Sammlung, die als Depositum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bibliothekarisch und konservatorisch von der Staatsbibliothek zu Berlin betreut werden. Sowohl hinsichtlich ihres Umfangs als auch aufgrund ihrer wissenschaftlichen Bedeutung gehört die Sammlung der Staatsbibliothek zu den weltweit herausragenden. Mit Handschriften in etwa 150 Sprachen und 80 verschiedenen Schriften dokumentiert sie eine enorme sprachliche und kulturelle Vielfalt. In Leder gebundene Folianten stehen im Regal neben Pergament-Rollen, Palmblatt-Konvoluten, Papyrusfaszikeln oder Textfragmenten auf beschriebener Birkenrinde. Diese Vielfalt der Materialien machte neben der schieren Menge die Erschließung der Bestände seit jeher zu einer großen Herausforderung.

Abb. 2: Zweiter Band einer hebräischen Bibel, der größten bekannten Pergamentbibel überhaupt, Erfurt, 1343 (Ms. or. fol. 1211, Bl. 460a). Ausschnitt des Titelblatts des 1. Chronikbuches. Die Masorah, also der textkritische Apparat, wurde in Form von figürlichen Mikrografien gestaltet: Eine Vielzahl von Tieren und fabelartigen Wesen ist kreisförmig um das Initialwort gruppiert; © Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Fotostelle.
Abb. 2:

Zweiter Band einer hebräischen Bibel, der größten bekannten Pergamentbibel überhaupt, Erfurt, 1343 (Ms. or. fol. 1211, Bl. 460a). Ausschnitt des Titelblatts des 1. Chronikbuches. Die Masorah, also der textkritische Apparat, wurde in Form von figürlichen Mikrografien gestaltet: Eine Vielzahl von Tieren und fabelartigen Wesen ist kreisförmig um das Initialwort gruppiert; © Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Fotostelle.

2 Erschließung im 19. Jahrhundert – eine historische Aufgabe

Die Erfassung der orientalischen Handschriften in ausführlichen gedruckten Verzeichnissen begann in Deutschland etwa 1850. Die Bibliotheken mit ebenfalls größeren Beständen in München, Gotha, Göttingen, Leipzig und Tübingen publizierten im Laufe der Jahre Kataloge ihrer Sammlungen. In Berlin erschien zunächst ab 1853 ein mehrbändiger Katalog der Sanskrit-Handschriften (1853–1892), gefolgt von einem Katalog der hebräischen Handschriften (1878–1897). Kataloge für die äthiopischen (1878), armenischen (1888) und syrischen (1899) Materialien folgten.[3] Auch für die größte Bestandsgruppe der arabischen, persischen und türkischen Handschriften wurde bereits im Jahre 1851 die Katalogisierung in Auftrag gegeben, doch die Bearbeiter für die jeweiligen Sprachen kamen nicht voran, wurden ausgetauscht und die Arbeiten konnten erst nach Jahrzehnten zum Abschluss gebracht werden. Der Orientalist und Bibliotheksangestellte Richard Gosche (1824–1889) beschwerte sich 1860 gar beim Preußischen Kultusministerium, dass aufgrund des immensen wissenschaftlichen Aufwandes und der zahlreichen anderen anfallenden Tätigkeiten das Katalogisieren von Handschriften keine Arbeit der Bibliotheksmitarbeiter sein dürfte. Die Bearbeiter schienen einerseits mit dem kontinuierlichen Zuwachs an Materialien und den steigenden Ansprüchen der Wissenschaft an eine Beschreibung der Werke überfordert und investierten andererseits auch ihre Zeit in die eigene universitäre Karriere. Wissenschaftliche Handschriftenkataloge waren zu jener Zeit Pionierarbeit, da viele Werke und Autoren der islamischen Literaturgeschichte bis dahin in Europa noch völlig unbekannt waren. Der Greifswalder Arabistik-Professor Wilhelm Ahlwardt (1828–1909) schuf letztlich den 10-bändigen Katalog der damals 6.450 Bände arabischer Handschriften, an dem er mehrere Jahrzehnte arbeitete, nach eigener Aussage 20 Jahre lang mindestens 10 Stunden täglich. Der Katalog, erschienen zwischen 1887 und 1899, genießt bis heute den Ruf als eine der herausragenden wissenschaftlichen Einzelleistungen in der Arabistik des 19. Jahrhunderts.[4] Die Kataloge der persischen (1888) und türkischen (1889) Handschriften vollendete Wilhelm Pertsch (1832–1899), Bibliotheksdirektor in Gotha, der bereits die dortigen Bestände bearbeitet hatte.

3 Das Projekt „Katalogisierung der Orientalischen Handschriften in Deutschland (KOHD)“

Mit dem Abschluss der großen Katalogisierungsprojekte zu Ende des 19. Jahrhunderts war die Sache noch nicht getan, denn es wurde weiter in großem Stil erworben. Es war absehbar, dass Bibliotheken die Katalogisierungsarbeit nicht aus eigener Kraft würden erbringen können. So wurde im Jahre 1958 auf Initiative der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft das Großprojekt „Katalogisierung der Orientalischen Handschriften in Deutschland“ (KOHD) als Vorhaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) initiiert. Im Jahre 1958 ging man von deutschlandweit ca. 14.000 unkatalogisierten Handschriften aus. Recht bald zeigte sich aber, dass der tatsächliche Bestand um ein Vielfaches größer war als angenommen. Aufgrund veränderter politischer Rahmenbedingungen gelangten zudem im Laufe der Projektdurchführung viele orientalische und asiatische Handschriften auf den Markt, die von Bibliotheken und Museen angekauft wurden. 1980 rechnete man bereits mit etwa 90.000 noch nicht in Katalogen erfassten Bänden. Aufgrund der Langfristigkeit der Aufgabe wurde die Projektdurchführung im Jahre 1990 in die Trägerschaft der Akademie der Wissenschaften in Göttingen überführt. Bis zum endgültigen Projektabschluss 2022 wird es im Rahmen des Akademienprogramms je hälftig finanziert durch den Bund und das jeweilige Sitzland der Projekt-Arbeitsstellen. Derzeit gibt es in verschiedenen Bundesländern Arbeitsstellen für sieben Sprachgruppen: Alttürkisch (Berlin), Arabisch (Hamburg, Jena), Koptisch (Berlin), Persisch (Marburg), Sanskrit (Göttingen), Tamil (Köln) und Tibetisch (Bonn, Hamburg).[5] Für diese Sprachgruppen soll die Katalogisierung bis Projektende abgeschlossen werden. Darüber hinaus arbeiten zahlreiche Wissenschaftler ehrenamtlich für weitere Sprachbereiche, etwa für Osmanisch-Türkisch und Chinesisch.

Bis dato (März 2018) erschienen in der KOHD-Reihe Verzeichnis der Orientalischen Handschriften in Deutschland (VOHD) insgesamt 170 Kataloge sowie 52 Supplementbände, ein von seiner Dimension her beispielloses Erschließungsprojekt.[6] Herausgegeben wird die Katalogreihe von Prof. Dr. Tilman Seidensticker (Universität Jena), der seit 2013 die Projektleitung innehat. Ein Teil der gedruckten Bände ist bereits auf dem Dokumentenserver der AdW Göttingen digital zugänglich. Weitere werden folgen, sobald die Rechte mit den Verfassern oder deren Rechtsnachfolgern geklärt werden konnten. Seit Ende 2015 erfolgt die Katalogisierung durch die Projektmitarbeiter überwiegend in der Datenbank „KOHD-Digital“ (siehe unten).

4 Wandel der Anforderungen an die Katalogisierung

Handschriftenkatalogisierung war (und ist) kulturwissenschaftliche und philologische Grundlagenforschung. Sie ging somit über bibliothekarische Bestandsverzeichnung weit hinaus, weshalb gedruckte Kataloge lange das geeignete Medium waren. Ihre Benutzerfreundlichkeit ist aber oftmals sehr beschränkt. Eine Handschrift etwa aus der eingangs erwähnten Diez-Bibliothek (Diez A oct. 62), die mehrere arabische, persische und türkische Texte enthält, wurde in drei verschiedenen gedruckten Katalogen – jeweils teilweise – beschrieben! Im Falle der Turfan-Sammlung sind sogar Vorder- und Rückseite von einzelnen Textfragmenten in unterschiedlichen Katalogen erfasst worden, wenn z. B. die Vorderseite syrischen und die Rückseite chinesischen Text enthält (vgl. Abb. 3).

Abb. 3: Fragment aus der Turfan-Sammlung, ca. 9.-10. Jh. (SyrHT 3). Die Vorderseite enthält ein christliches Gebet in syrischer Estrangelo-Schrift, die Rückseite ein taoistisches Sutra auf Chinesisch; © Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Depositum der BBAW.
Abb. 3:

Fragment aus der Turfan-Sammlung, ca. 9.-10. Jh. (SyrHT 3). Die Vorderseite enthält ein christliches Gebet in syrischer Estrangelo-Schrift, die Rückseite ein taoistisches Sutra auf Chinesisch; © Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Depositum der BBAW.

Auch sind die VOHD-Bände für viele Wissenschaftler schwer zugänglich und in ihrer Fülle unübersichtlich. Von zentraler Bedeutung ist aber, dass sich auch die Anforderungen verändern, die seitens der Wissenschaft an Kataloge gestellt werden. In der Vergangenheit erwartete der Nutzer in bestimmten Katalogen literaturgeschichtliche Überblicke oder die Dokumentation des aktuellen Forschungsstands zu einzelnen Materialgruppen. In der aktuellen Katalogisierung werden aber nur noch selten bisher völlig unbekannte Werke entdeckt. Deshalb steht eine Tiefenerschließung mit ausführlicher Inhaltsbeschreibung nicht mehr im Vordergrund, sondern ein möglichst vollständiger Nachweis aller noch unkatalogisierten Handschriften, um diese überhaupt zugänglich zu machen – im Idealfall ergänzt durch ein Volldigitalisat. Ein Digitalisat erübrigt wiederum eine detaillierte Beschreibung vieler kodikologischer bzw. paläographischer Details. Andererseits werden punktuell und projektbezogen sehr spezielle Forschungsdaten zu bestimmten Handschriften(-gruppen) erhoben, die ebenfalls dauerhaft zugänglich gemacht werden sollen. So stoßen etwa Informationen zu Vorbesitzern, Verkäufern und Lesern von Handschriften auf großes Forschungsinteresse, wurden in gedruckten Katalogen aber kaum bis gar nicht erfasst (vgl. Abb. 4). Handschriften werden immer häufiger nicht ihrer Inhalte wegen konsultiert, sondern als wichtige Quellen für kulturwissenschaftliche, sozialgeschichtliche oder materialitätsbezogene Fragestellungen herangezogen.

Abb. 4: Arabischer Kommentar zu einem philosophischen Werk von Ibn Sīna (Avicienna) mit zahlreichen Besitzereinträgen und -stempeln, Abschrift 13. Jh. (Ms. or. oct. 1802, Bl. 1a); © Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Fotostelle.
Abb. 4:

Arabischer Kommentar zu einem philosophischen Werk von Ibn Sīna (Avicienna) mit zahlreichen Besitzereinträgen und -stempeln, Abschrift 13. Jh. (Ms. or. oct. 1802, Bl. 1a); © Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Fotostelle.

5 Der elektronische Nachweis orientalischer Handschriften

Eine Datenbank-basierte Verzeichnung von Handschriften ist heute natürlich unabdingbar. Manch ein Nutzer reagiert überrascht darauf, dass der Weg zu den handschriftlichen Quellen noch nicht ausschließlich über das Web führt. Die Tatsache, dass viele Handschriften bereits digitalisiert im Netz verfügbar sind, lässt Erwartungen in diese Richtung nachvollziehbar erscheinen. Doch wie die Katalogisierung selbst ist auch die digitale Erschließung nicht von heute auf morgen abgeschlossen. Seit Anfang 2013 ist die Datenbank orientalischer Handschriften der Staatsbibliothek zu Berlin „Orient-Digital“ online.[7] Tatsächlich existierte bereits seit dem Jahre 1991 eine DOS-basierte Data-Perfect-Datenbank, die sämtliche Objekte verzeichnete und von dem damaligen Leiter der Orientabteilung Dr. Hartmut-Ortwin Feistel aufgebaut wurde. Sie war zunächst als Verwaltungsinstrument konzipiert und ihre Inhalte bildeten, nachdem sie in eine SQL-Datenbank migriert worden war, die Grundlage für „Orient-Digital“. Parallel wird die Datenbank „Turfan-Digital“ aufgebaut, die alle 40.000 Textfragmente nachweisen wird. Die Daten der zwischen 2005 und 2011 mit DFG-Förderung vollständig digitalisierten Turfan-Sammlung befinden sich derzeit auf verschiedenen Repositorien verteilt[8] und werden mittelfristig in die Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin integriert werden.

Abb. 5: Screenshot der Datenbank „Orient-Digital“.
Abb. 5:

Screenshot der Datenbank „Orient-Digital“.

Die von Berlin genutzte Technik hinter „Orient-Digital“ wurde im Rahmen eines von der DFG geförderten Pilotprojekts zur Erschließung und Digitalisierung islamischer Handschriften zwischen 2005 und 2007 an der Universität Leipzig entwickelt. Als technische Lösung kommt hier das Content Repository Framework (MyCoRe) zur Anwendung. Diese Software zur Verwaltung von Datenbanken und Image-Repositorien hat sich deutschlandweit in zahlreichen Projekten bewährt.[9] Im Rahmen eines Pilotprojektes zur Erschließung islamischer Handschriften an der UB Leipzig (Laufzeit 2006 bis 2008) wurde ein Datenmodell geschaffen, das sich an den DFG-Richtlinien für die Katalogisierung orientalischer Handschriften anlehnte. Ein Mapping dieses Datenmodells zu Dublin Core, MODS, MARC21 und TEI-P5 (Header-Daten) ist vorhanden. Die Daten werden über eine OAI-Schnittstelle angeboten.

Die Berliner Datenbank „Orient-Digital“ weist derzeit alle 42.000 Berliner orientalischen Handschriften mit einem Kurzeintrag nach, der neben allgemeinen Statusangaben (z. B. Verfügbarkeit) mindestens grundlegende Informationen zu Sprache, Schrift, Umfang und Katalognummer der Handschrift enthält. 7.300 Werke in 5.300 Bänden sind bereits in ausführlichen, Original- und Umschrift enthaltenden Datensätzen beschrieben, davon 5.500 Werke mit Zugriff auf ein Digitalisat. Die Integration der Digitalisate von weiteren ca. 1.500 arabischen und persischen Handschriften in die Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek ist in Vorbereitung. „Orient-Digital“ wird in Berlin nur als Nachweis der Handschriften genutzt, nicht als Präsentationstool für Bilddaten. Der Datensatz weist aber ein Vorschaubild auf das Digitalisat auf. Mit verschiedenen Kooperationspartnern und Förderern konnte bereits ein beachtlicher Teil des hier verwahrten kulturellen Erbes digital zugänglich gemacht werden. Die Erschließung und Digitalisierung der hebräischen Handschriften (insgesamt 550 Bände) wird gegenwärtig mit Unterstützung durch eine großzügige Spenderin zum Abschluss gebracht. Mit Unterstützung der McGill University (Montreal/Kanada) und dem Juma Al-Majid Center for Culture and Heritage (Dubai/VAE) konnten zwischen 2010 und 2013 etwa 2.500 arabische Handschriften digitalisiert werden. In einem Projekt zur Digitalisierung und Erschließung der islamischen Miniaturhandschriften (2013–2014) wurden sämtliche 8.000 Miniaturen aus etwa 250 überwiegend persischen Handschriften einzeln beschrieben. Für die Beschreibung und Recherche der Buchkunst wurde im Rahmen dieses Projektes unter Mitwirkung von orientalischen Kunsthistorikern für die Anwendung ein eigenes Modul entwickelt. Initiiert wurde dieses Modul durch die Arbeit an den berühmten Alben aus der Sammlung Diez[10], deren mehr als 400 Zeichnungen, Skizzen und Miniaturen für die Kunstgeschichte eine einzigartige Quelle darstellen und daher als eigenständige Kunstwerke beschrieben werden sollten.

In einem weiteren abgeschlossenen Erschließungsprojekt an der Universität Leipzig[11] wurde ein Modul für Manuskriptvermerke geschaffen, das auch in Berlin genutzt wird. Es erlaubt die Recherche nach Vorbesitzern und Lesern und ermöglicht etwa die Rekonstruktion historischer Büchersammlungen.[12] Die Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin kooperiert gegenwärtig mit verschiedenen Projekten, um diesen Erschließungsbereich auszubauen, etwa mit dem Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin und dem Langzeitprojekt Bibliotheca Arabica der Sächsischen Akademie der Wissenschaften.

Die Leipziger Sammlung islamischer Handschriften ist inzwischen vollständig in der dortigen MyCoRe-Datenbank nachgewiesen und digitalisiert. Weitere Nutzer der Datenbank sind die Forschungsbibliothek Gotha und das Katalogisierungsprojekt KOHD.[13] Die öffentliche Freischaltung von „KOHD-Digital“ ist noch für 2018 vorgesehen. Alle genannten Anwendungen werden vom Rechenzentrum der Universität Leipzig betreut.

6 Die nächsten Schritte

Die Vielfalt der Materialien aus verschiedenen Kulturräumen und Epochen sowie die unterschiedlichen Anforderungen der hochspezialisierten internationalen Forschung machen die Erschließung der orientalischen Handschriften bis heute zu einer großen bibliothekarischen Herausforderung. Bibliothekaren ist natürlich bewusst, dass nur eine größtmögliche Standardisierung und Interoperabilität mit anderen Nachweissystemen langfristig eine nachhaltige Nutzung und verlustfreie Sicherung dieser Beschreibungsdaten ermöglicht. Im Zuge der Vorbereitungen zum Aufbau einer zentralen Infrastruktur für die Erschließung orientalischer Handschriften und eines zentralen Nachweises der Erschließungsergebnisse ist dabei ein Prozess in Gang gesetzt worden, der die verschiedenen Arbeitsstellen des Katalogisierungsprojektes KOHD mit weiteren Anwendern zusammenbringt, um gemeinsame und verbindliche Erfassungsstandards für die verschiedenen Schrifttraditionen und Materialarten zu etablieren und in Praxisregeln zu dokumentieren. Nur so können die Forschungsdaten langfristig gesichert und ein verlustfreier Datenaustausch mit nationalen und internationalen Partnern garantiert werden. Dabei ist auch eine Kompatibilität mit dem im Aufbau befindlichen Handschriftenportal für abendländische Buchhandschriften unbedingt notwendig.[14] In einem bereits konzipierten und unmittelbar vor der Antragseinreichung stehenden Drittmittelprojekt soll die Sichtbarkeit der Beschreibungsdaten und Digitalisate in den verschiedenen Einrichtungen in Deutschland deutlich verbessert werden. Dafür müssen zunächst die Daten der historischen Kataloge konvertiert werden. Außerdem müssen andere Nachweissysteme (z. B. GVK oder B3Kat), die bisher für den Primärnachweis von Handschriften genutzt werden, in das aufzubauende materialspezifische Portal eingebunden werden. Ebenfalls vorgesehen ist der Aufbau einer zentralen, webbasierten Katalogisierungsplattform für weitere verteilte Sammlungen, die ihre oftmals kleineren Bestände an orientalischen Handschriften in diesem System zugänglich machen wollen. Die Verantwortung für den Aufbau und Betrieb dieser Plattform obliegt auch weiterhin dem Rechenzentrum der Universität Leipzig.

Mit der geplanten Lösung wird für die Nutzer diese Materialien ein gemeinsamer Einstiegspunkt entstehen, mit dem mittelfristig große und kleine Sammlungen über eine übergreifende Suche recherchiert werden können. Die herausragenden Bestände deutscher Sammlungen und ihr nicht zuletzt durch das KOHD-Projekt vorbildlicher wissenschaftlicher Erschließungsstand erreichen auf diesem Weg eine deutlich höhere Sichtbarkeit und können der internationalen Forschergemeinschaft noch besser für ihre vielfältige wissenschaftlichen Nutzung zugänglich gemacht werden.

About the author

Christoph Rauch

Christoph Rauch

Published Online: 2018-05-05
Published in Print: 2018-05-25

© 2018 by De Gruyter

Downloaded on 19.4.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2018-0054/html
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