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Inkunabelforschung am Beispiel des Speyerer Druckers Peter Drach

Vortrag bei der internationalen Tagung „Das Wasserzeichen- Informationssystem (WZIS) – Bilanz und Perspektiven“, 17./18.9.2015, Hauptstaatsarchiv Stuttgart
  • Dr. Armin Schlechter

    Sachgebietsleiter Handschriften/Altes Buch/Nachlässe

    Landesbibliothekszentrum/Pfälzische Landesbibliothek

    Otto-Mayer-Str. 9

    67346 Speyer

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Published/Copyright: November 12, 2015
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Zusammenfassung:

Peter Drach der Mittlere (1450–1504) war der wichtigste Speyerer Inkunabeldrucker. Er druckte vor allem marktgängige lateinische Werke nach, während volkssprachige Ausgaben keine große Rolle spielten. Die zum Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz gehörende Pfälzische Landesbibliothek in Speyer besitzt mit etwa 155 Ausgaben einschließlich Fragmenten eine vergleichsweise kleine Inkunabelsammlung. Von diesen gehen allein 90 Ausgaben auf Speyerer Inkunabeldrucker zurück. Der Beitrag zeigt am Beispiel der Exemplare aus der Druckerei Drach, welchen Nutzen das Wasserzeichen-Informationssystem für die Inkunabelerschließung aus Speyerer Perspektive hat.

Abstract:

Peter Drach (1450–1504) was the most important incunabulum printer in Speyer. He reprinted mostly popular Latin works whereas vernacular editions were not so important. The Palatinate state library in Speyer, being a member of the state library centre of Rhineland-Palatinate, owns a comparatively small incunabulum collection consisting of about 155 editions including fragments. Of these, 90 editions alone go back to incunabulum printers from Speyer. Taking the example of specimens printed by the printing-house Drach, this report shows from the Speyer perspective how incunabulum research benefits from the watermark information system.

Die Stadt Speyer war in der Inkunabelzeit ein Druckort mittlerer Größe. Von zusammen fünf oder sechs verschiedenen Druckern sind bis zum Jahr 1500 etwa 270 Druckausgaben hergestellt worden. Allerdings produzierten die einzelnen Drucker jeweils ganz unterschiedliche Quantitäten. Der Beginn des Drucks mit beweglichen Lettern ist in Speyer um 1470 anzusetzen. Der früheste belegte Drucker, der acht Ausgaben produziert hat, trägt den Notnamen „Drucker der Postilla scolastica super Apocalypsim“. An ihn schließt sich der etwa zeitgleiche „Drucker der Gesta Christi“ mit etwa 15 Erzeugnissen an, beide Offizinen produzierten in erster Linie theologische Literatur.

Wahrscheinlich bestand eine Beziehung zwischen dem „Drucker der Gesta Christi“ und Peter Drach dem Älteren, der eine sich über drei Generationen bis ins 16. Jahrhundert hinein erstreckende Speyerer Druckerdynastie begründet hat. Er gehörte der Weberzunft an, konnte als wohlhabend gelten und begann wohl erst in fortgeschrittenem Alter mit dem Buchdruck. Von etwa 1475 bis zu seinem bereits 1479/80 anzusetzenden Tod produzierte er etwa 20 Werke. Im Mittelpunkt standen theologische und liturgische Drucke, kanonistische Schriften und Wörterbücher. Peter Drach der Ältere nutzte als Druckermarke ein Allianzwappen, das auf seinen Namen Bezug nahm.

Abb. 1:  Druckermarke von Peter Drach dem Älteren (Quelle: LBZ).
Abb. 1:

Druckermarke von Peter Drach dem Älteren (Quelle: LBZ).

Der mit weitem Abstand wichtigste Speyerer Inkunabeldrucker war sein gleichnamiger Sohn Peter Drach der Mittlere, der um 1450 geboren worden war und 1504 starb. Zuerst 1481 erscheint er in Schluss-Schriften von Inkunabeln als Petrus Drach iunior oder Peter Drach der Jung. Auf seinen Pressen wurden etwa 170 Werke produziert. Von der inhaltlichen Ausrichtung her führte er das Vorbild seines Vaters fort. Im Kern produzierte er vor allem Nachdrucke marktgängiger lateinischer Werke, während volkssprachige Ausgaben keine große Rolle spielten. Bemerkenswert sind vor allem seine liturgischen Drucke, in erster Linie Breviere und Missalien. Ökonomisch noch wichtiger als sein Wirken als Drucker und Verleger war Drachs Tätigkeit als Großbuchhändler. Sein 1957 als Fragment entdecktes, die gesamte produktive Zeit der Offizin von 1480 bis 1503 abdeckendes Rechnungsbuch ist eine einzigartige Quelle für den deutschen Buchdruck und Buchhandel im 15. Jahrhundert.

Nachfolger von Peter Drach dem Mittleren war Peter Drach der Jüngere, um 1475 geboren und 1530 gestorben. Im Gegensatz zu seinen eher kaufmännisch orientierten Vorfahren absolvierte er ein Studium, und zwar der Rechtswissenschaft. Seine Tätigkeit als Drucker und Verleger setzte erst nach dem Tod des Vaters und sich anschließenden Erbstreitigkeiten ein; die von ihm produzierten, etwa 25 Werke gehören alle dem 16. Jahrhundert an und setzten inhaltlich die Familientradition fort.

Neben der Drach-Dynastie sind für Speyer dann lediglich noch die Brüder Johann und Konrad Hist als Inkunabeldrucker zu nennen. Bis 1492 produzierten die aus dem mittelfränkischen Hilpoltstein stammenden Brüder etwa 20 Drucke, danach arbeitete Konrad Hist, der 1531 verstarb, alleine weiter. Die Gesamtzahl von 150 Drucken, zum großen Teil Broschüren, ist allerdings nicht gesichert. Die beiden Brüder lassen sich 1472 an der Universität Heidelberg fassen; sie produzierten lateinische Lehr- und Wörterbücher, klassische und humanistische Literatur sicher auch mit Blick auf den Bedarf der Hochschule.

Die zum Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz gehörende Pfälzische Landesbibliothek in Speyer besitzt mit etwa 155 Ausgaben einschließlich Fragmenten eine vergleichsweise kleine Inkunabelsammlung. Die Anfänge dieses Fonds liegen in der Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Sammeltätigkeit des Historischen Vereins der Pfalz begründet. Ein Schwerpunkt sind Inkunabeln bayerischer Provenienz, was auf die großzügigen Dublettenverkäufe der Bayerischen Hofbibliothek, der heutigen Bayerischen Staatsbibliothek in München, im Gefolge der Säkularisationszeit zurückzuführen ist. Von den etwa 155 Ausgaben gehen allein 90 Ausgaben auf Speyerer Inkunabeldrucker zurück. Es handelt sich also um eine schwerpunktmäßig lokal ausgerichtete Inkunabelsammlung, in der immerhin etwa ein Drittel der Gesamtproduktion zu finden ist.

Der Nutzen des „Wasserzeichen-Informationssystems“ für die Inkunabelerschließung aus Speyerer Perspektive ist auf zwei Ebenen zu sehen. Einerseits ist die Datierung der Verwendung von Papieren mit bestimmten Wasserzeichen in Inkunabeln durch Abgleich mit dem aus anderen Quellengruppen gewonnenen Referenzmaterial möglich, wie dies ja auch bei der Handschriftenerschließung gilt. Andererseits liegen in diesem Portal bereits Wasserzeichennachweise vieler entsprechend bearbeiteter Inkunabeln aus anderen Häusern vor.

Hier bieten vor allem die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart und in geringerem Maße die Bayerische Staatsbibliothek in München Wasserzeichen von in Speyer hergestellten Inkunabeln in digitalisierter Form an. Von Stuttgart wurden gut 40 Inkunabeln mit zusammen etwa 250 verschiedenen Wasserzeichen eingebracht, aus München ein halbes Dutzend Inkunabeln mit etwa 35 verschiedenen Wasserzeichen. Vertreten sind hier Ausgaben des „Druckers der Gesta Christi“, von Peter Drach dem Älteren und natürlich vor allem von Peter Drach dem Mittleren.

Die Prüfung der zu einzelnen Inkunabelexemplaren gehörenden, verschiedenen Wasserzeichen ermöglicht beispielsweise statistische Aussagen zur Verwendung von Papieren zum Zweck des Inkunabeldrucks. Die quantitative Bandbreite ist bei dem hier greifbaren Material sehr groß. So finden sich unter den untersuchten Exemplaren Inkunabeln mit lediglich einem einzigen Wasserzeichen. Das Maximum ist bei einem Druck von Peter Drach dem Mittleren aus dem Jahr 1482 gegeben, wo 21 verschiedene Wasserzeichen bezeugt sind.

Sicherlich der wichtigste Nutzen der Wasserzeichenforschung für Inkunabeln ist die Datierung nicht firmierter Auflagen. Hiervon würden unter den Speyerer Inkunabeln in erster Linie die liturgischen Drucke von Peter Drach dem Älteren und Peter Drach dem Mittleren profitieren, die teils ohne Nennung des Druckorts, des Druckers sowie des Herstellungsjahres vertrieben worden sind. Auch die frühen, nur mit Notnamen bezeichneten Speyerer Drucker firmierten nur zum kleineren Teil ihre Produktion. Ein Beispiel für diese Gegebenheit ist das aus 278 Blatt im Folioformat bestehende Missale Carthusiense, das Peter Drach der Mittlere hergestellt hat und von dem sich weltweit noch etwa 25 Exemplare oder Fragmente erhalten haben (GW M24135). Die im „Gesamtkatalog der Wiegendrucke“ zu findende Datierung „nicht nach 1496“ dieser Ausgabe geht auf einen datierten handschriftlichen Eintrag im Exemplar der Huntington Library zurück.

Abb. 2:  Seite aus „Missale Carthusiense“, GW M24135 (Quelle: LBZ).
Abb. 2:

Seite aus „Missale Carthusiense“, GW M24135 (Quelle: LBZ).

Auch das Speyerer, mit einiger Sicherheit in Trier im Umfeld des Doms verwendete Exemplar Inc. 161 weist einen handschriftlichen, für die Druckdatierung relevanten Eintrag auf: Anno domini 1499 fuit liber iste comparatus pro decem aureis. Eine Wasserzeichendatierung ist in diesem Fall nicht möglich, weil es sich um ein Pergamentexemplar handelt. Die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart besitzt lediglich ein Pergamentfragment, während die Bayerische Staatsbibliothek zwei Papierexemplare dieses Drucks bewahrt. Es ist durchaus möglich, dass eine Wasserzeichenanalyse dieser beiden Bücher die Datierung des Drucks dieser Auflage nach vorne verschieben würde. Aufgrund der nicht geringen Zahl nicht firmierter Speyerer Inkunabeln würde aber erst eine flächendeckende Wasserzeichenuntersuchung der einzelnen Ausgaben zu einer belastbaren Chronologie der Produktion der einzelnen hier produzierenden Werkstätten führen.

Der auf der Grundlage des „Wasserzeichen-Informationssystems“ mögliche Vergleich der Wasserzeichen in verschiedenen Exemplaren derselben Inkunabelauflage lässt darüber hinausgehende Aussagen zu, die Hinweise zum materiellen Produktionsprozess einer Inkunabelauflage geben können. Ein Beispiel hierfür ist die aus 350 Blatt bestehende, am 9. Februar 1478 von Peter Drach dem Älteren fertiggestellte Ausgabe der „Sermones aurei de sanctis“ von Leonardus de Utino, von der sich heute noch etwa 50 allesamt auf Papier gedruckte Exemplare erhalten haben (GW M17898). Das entsprechende Stuttgarter Exemplar enthält zwölf verschiedene Wasserzeichen, das Münchener Exemplar 13 verschiedene Wasserzeichen.

Abb. 3:  „Sermones aurei de sanctis“, GW M17898 (Quelle: LBZ).
Abb. 3:

„Sermones aurei de sanctis“, GW M17898 (Quelle: LBZ).

Die Untersuchung des Speyerer Exemplars Inc. 44 zeigt, dass der aus 350 Blättern bestehende Band exakt 175 Blätter mit einem Wasserzeichen enthält, die im Lagenverbund, wie im Buchdruck üblich, aber in unsystematischer Positionierung anzutreffen sind. Die Wasserzeichen sind bei diesem zweispaltigen Druck etwa in der Mitte zwischen den beiden Spalten zu finden. Hochgerechnet auf die erhaltenen etwa 50 Inkunabeln dieser Ausgabe wäre also mit zusammen 8.750 Blättern mit einem Wasserzeichen zu rechnen – Wasserzeichenforschung an Inkunabeln ist in erster Linie ein Mengenproblem. Die Blätter im Speyerer Exemplar zeigen trotz unterschiedlicher Wasserzeichen eine nicht unterscheidbare Papierqualität.

Das Speyerer Exemplar zeigt vier verschiedene, recht markante Wasserzeichenmotive. Am häufigsten vertreten ist ein vergleichsweise kleiner Ochsenkopf mit einkonturiger Stange und Stern sowie mit Augen und Nasenlöchern.

Abb. 4:  Wasserzeichenmotiv Ochsenkopf (Quelle: LBZ).
Abb. 4:

Wasserzeichenmotiv Ochsenkopf (Quelle: LBZ).

Dieses Motiv taucht allein 142-mal auf. Daneben erscheint in deutlich geringerer Zahl dreimal der Buchstabe P in gotischer Form mit vierblättriger Blume. 15-mal taucht dieses Motiv in vergleichsweise klobiger Form mit ganz markanten Schaftenden auf, zehnmal mit spitz zulaufenden Schaftenden sowie achtmal mit gerundeten Schaftenden. Die Papiere mit gotischem P erscheinen zum Anfang des Drucks, der mit Ochsenkopf-Papieren einsetzt, in Form eines kleinen gemischten Blocks und dann im weiteren Verlauf nur noch einzeln. Die Dimensionen der Ochsenköpfe bewegen sich, erhoben am Stuttgarter Exemplar, zwischen einer Breite von 29 bis 33 mm und einer Höhe von 57 bis 61 mm. Offensichtlich wurde versucht, auf verschiedenen Schöpfsieben dasselbe Zeichen anzubringen. Schon aufgrund der großen Zahl von Doppelblättern, die für eine Inkunabelausgabe benötigt werden, muss von vornherein von der Nutzung von verschiedenen Schöpfsieben ausgegangen werden.

Der Vergleich mit dem Wasserzeichenbefund der Exemplare in München und Stuttgart kommt zu dem einigermaßen überraschenden Befund, dass in beiden Fällen ausschließlich dieselben Wasserzeichenmotive auftauchen, die allerdings, wie dies auch für das Speyerer Exemplar gilt, in verschiedene Varianten zerfallen. So enthalten beide Inkunabeln jeweils sieben verschiedene Varianten des Ochsenkopfmotivs, drei beziehungsweise zwei Varianten des gotischen P mit kantigen Schaftenden, je eine Ausführung des P mit spitzen Schaftenden sowie je zwei Varianten des P mit gerundeten Schaftenden. Während die Motivik vollständig übereinstimmt, handelt es sich aber, von wenigen Übereinstimmungen beim Ochsenkopf zwischen den drei verschiedenen Exemplaren abgesehen, um jeweils unterschiedliche Ausformungen.

Abb. 5:  Varianten des P im Ochsenkopfmotiv (Quelle: LBZ).
Abb. 5:

Varianten des P im Ochsenkopfmotiv (Quelle: LBZ).

Die Untersuchung des Wasserzeichenbefundes der drei Inkunabeln lässt erkennen, dass in ihrem Fall nicht beliebig verschiedene Papiere unterschiedlicher Provenienzen verwendet worden sind. Die übereinstimmende Motivik weist darauf hin, dass maximal vier verschiedene Papiermühlen Papier geliefert haben, die die hier auftauchenden spezifischen Wasserzeichen, den Ochsenkopf sowie die drei gotischen P mit ihren ganz markanten Schaftenden, verwendet haben. Während das Motiv gleich geblieben ist, wurden, worauf die Varianten hindeuten, verschiedene und sicherlich zeitlich parallel betriebene Siebe mit demselben intendierten Wasserzeichenmotiv für die Produktion genutzt.

Im gleichen Jahr 1478 erschien ebenfalls bei Peter Drach dem Älteren ein „Vocabularius juris utriusque“ mit einem Umfang von 232 Blättern, von dem knapp 60 Exemplare erhalten sind. Hier haben sich in den beiden Speyerer Exemplaren Inc. 50 und Inc. 50a im Lagenverbund drei unterschiedliche Motive überliefert, neben den bereits bekannten, dominierenden kleinen Ochsenköpfen mit Augen und Nüstern ein größerer Ochsenkopf sowie ein nur in wenigen Beispielen belegter gotischer Buchstabe P, der nicht mit dem entsprechenden Motiv der drei vorgestellten Leonardus-de-Utino-Drucke identisch ist. Es erscheint mithin als möglich, auch aufgrund der verwendeten, teils gleichen, teils unterschiedlichen Papiersorten der verschiedenen Ausgaben die Druckabfolge der Produkte eines Inkunabeldruckers feststellen zu können.

Nur drei Jahre nach dem 1478 von Peter Drach dem Älteren produzierten Leonardus-von-Utino-Druck erschien 1481 bei seinem Sohn Peter Drach dem Mittleren eine Ausgabe des „Liber sextus Decretalium“ von Papst Bonifatius VIII. Von dieser Ausgabe mit einem Umfang von 164 Blättern haben sich noch etwa 60 Exemplare erhalten, davon vier in der Bayerischen Staatsbibliothek, von denen zu zweien Wasserzeichenreproduktionen vorliegen. Im Vergleich mit dem Leonardus-de-Utino-Druck erscheinen hier völlig andere Wasserzeichen. Beide Münchener Drucke überliefern je einmal das Wasserzeichen Wappen mit drei Lilien, dann den Buchstaben Y in je zwei Varianten sowie entweder vier oder zwei Varianten des Buchstabens b, eines sehr kleinen Wasserzeichens.

Das Speyerer Exemplar mit der Signatur Inc. 43/1 lässt erkennen, dass das hier verwendete Papier etwas dünner ist als beim Leonardus-de-Utino-Druck. An Wasserzeichen erscheinen bei diesem Exemplar die Buchstaben Y sowie b, während das Lilienwappen ganz fehlt. Beide Buchstaben finden sich als Wasserzeichen identisch in den Münchner Exemplaren. Die verschiedenen Wasserzeichenmotive und die unterschiedliche Papierqualität deuten darauf hin, dass das für diese Ausgabe verwendete Papier aus einer anderen Papiermühle stammt als zu der Zeit von Peter Drach dem Älteren. In beiden Fällen wurden aber vom Ansatz her jeweils bestimmte zusammengehörige Papierchargen für die Produktion einer Inkunabelauflage verwendet.

Das zeitlich späteste hier vorzustellende Beispiel Speyerer Inkunabelproduktion ist das 1498 erschienene, von Johannes Trithemius herausgegebene „Missale Benedictinum Bursfeldense“ mit einem Umfang von 298 Blättern. Von dieser Ausgabe haben sich noch etwa 40 Exemplare erhalten.

Abb. 6:  Seite aus „Missale Benedictinum Bursfeldense, 1498 (Quelle LBZ).
Abb. 6:

Seite aus „Missale Benedictinum Bursfeldense, 1498 (Quelle LBZ).

Als einziges der hier vorgestellten Beispiele zeigt hier das Münchener Exemplar lediglich ein Wasserzeichen, dies aber in fünf Varianten. Es handelt sich um einen Deckelkrug mit zweikonturigem Henkel. Die Varianten zeigen Abmessungen von 15 bis 18 mm in der Breite und von 56 bis 57 mm in der Höhe; auch hier liegt also der handwerklich nur unvollkommen umsetzbare Versuch vor, dasselbe Wasserzeichen mehrmals herzustellen.

Das Papier des Speyerer Exemplars Inc. 40 ist bemerkenswert dünn, was Auswirkungen auf das Wasserzeichen hat, das mit den hier vor Ort vorhandenen Mitteln nicht reproduzierbar ist. Es ist aber zu erkennen, dass auch hier Papier mit dem Wasserzeichen Deckelkrug mit Henkel verwendet worden ist, ohne dass sich aber die Varianten näher bestimmen lassen. Offensichtlich handelte es sich auch hier wieder um eine zusammengehörige Papiercharge, die nun mit hoher Sicherheit von einer einzigen Papiermühle geliefert worden ist.

Neben der Bestimmung einzelner Wasserzeichen in Inkunabeln durch Abgleich mit dem „Wasserzeichen-Informationssystem“ kommt insbesondere dem dort greifbaren, digitalisierten Material aus bestimmten Exemplaren Speyerer Herstellung ein hoher Wert zu, auch wenn bisher lediglich ein knappes Fünftel der in Speyer in der Inkunabelzeit hergestellten Drucke schon dort vertreten sind. Wünschenswert wäre es als Grundlage weiterer Untersuchungen, wenn von jeder der etwa 270 Ausgaben mindestens ein Exemplar mit allen dort vorkommenden und zusätzlich unabhängig datierten Wasserzeichen vorliegen würde.

Dies wäre einerseits die Grundlage für eine Werkchronologie der einzelnen Speyerer Inkunabeldrucker, insbesondere der unfirmierten Drucke, andererseits wären übergreifende Beobachtungen möglich wie die hier vorgestellte offensichtliche Verwendung von Papierchargen für bestimmte Inkunabelausgaben, von denen einzelne Papiere in verschiedenen zeitlich aufeinander folgenden Auflagen vorkommen können. Ein Desiderat der Forschung wäre es sicherlich auch, die erhaltenen Exemplare einer Ausgabe beispielhaft auf die dort verwendeten Wasserzeichen, ihre Verteilung und Positionierung zu untersuchen.


Seit 2010 erschließt und präsentiert das „Wasserzeichen-Informationssystem“ (WZIS) dezentrale Sammlungen von Wasserzeichen in einer gemeinsamen, frei zugänglichen Datenbank (www.wasserzeichen-online.de). Bisher sind über 130.000 digitalisierte Abbildungen von Wasserzeichen mit ihren Metadaten (Motiv, Beschreibort, Datierung, Trägerhandschrift etc.) erfasst. Die dezentrale Erschließung folgt festgelegten Richtlinien und einer einheitlichen, hierarchischen Klassifikation. Homogene Erschließung, quantitativer Umfang und ständige Erweiterung machen das WZIS damit zu einer zentralen Datenbank für die Wasserzeichenforschung. Von 2010 bis Ende 2014 wurde das WZIS maßgeblich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Die Tagung bot einen willkommenen Anlass, aus der gemeinsamen Projektarbeit Bilanz zu ziehen und neue Perspektiven aufzuzeigen.


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Armin Schlechter

Dr. Armin Schlechter

Sachgebietsleiter Handschriften/Altes Buch/Nachlässe

Landesbibliothekszentrum/Pfälzische Landesbibliothek

Otto-Mayer-Str. 9

67346 Speyer

Published Online: 2015-11-12
Published in Print: 2015-11-01

© 2015 by De Gruyter

Downloaded on 25.4.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2015-0139/html?lang=en
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