Editorial
Für dieses Heft haben wir, erstmals in der 50jährigen Geschichte der architectura, eine Gastherausgeberin und einen Gastherausgeber eingeladen, ein Schwerpunktheft zu gestalten und wissenschaftlich zu verantworten. Möge es dazu beitragen, dass die architectura eine spannende Zeitschrift für Geschichte der Baukunst bleibt.
Die Herausgeber
Das vorliegende Themenheft zu Metallfertighäusern geht zurück auf den Workshop »Normen, Maße, Prozesse«, der die Auftaktveranstaltung der Werkstattreihe »Der unvollendete Prozess als denkmalpflegerische Herausforderung. Das Experiment Fertighaus« bildete. Diese wiederum ist eingebunden in das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt »Bauen mit Stahl. Stahl(verbund)fertighäuser im Innovationssystem der Stahlindustrie (1920er bis 1970er Jahre)« (Projektnummer 442146027), das Bestandteil des SPP 2255 »Kulturerbe Konstruktion. Grundlagen einer ingenieurwissenschaftlich fundierten und vernetzten Denkmalpflege für das bauliche Erbe der Hochmoderne« ist.
Ziel der realisierten und geplanten Workshops ist es, Grundlagen für die Diskussion über denkmalpflegerische Konzepte zu schaffen, in die stärker als bisher bautechnische und konstruktive Aspekte in die Denkmalbewertung einfließen. Eine Voraussetzung hierfür ist die bau(technik)geschichtliche Erforschung und Bestandsaufnahme überlieferter, industriell gefertigter Bauten. Sie spiegeln im Bauwesen die fordistischen Rationalisierungsbestreben der Moderne und zeichnen sich durch konstruktive Lösungen aus, die seit den 1960er Jahren in den Stahlleichtbau diffundierten. Doch standen im ersten Workshop weniger die Fragen der Denkmalbewertung zur Debatte als jene nach ihren Grundlagen: Wie und unter welchen Bedingungen entstanden die Bauten, wer war beteiligt, welche Bauprozesse lassen sich rekonstruieren, welche Maßsysteme wurden zugrunde gelegt, inwieweit wurden Bedürfnisse der NutzerInnen aufgegriffen oder vereinheitlichend vorweggenommen? Es wundert insofern nicht, dass die ›klassische‹ Bauaufnahme einzelner Objekte prominenten Raum einnahm, wie auch die in diesem Heft versammelten Artikel belegen.
Den Anfang setzt in dieser Hinsicht der Beitrag von Alexandra Druzynski von Boetticher, der sich den Kupferhäusern in Eberswalde widmet. Zu Beginn der 1930er Jahre als Musterhaussiedlung der Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG errichtet, entstanden vor Ort unterschiedliche Typenhäuser. Diese Prototypen lassen sich als Experimentierfeld bezeichnen, das dazu dienen sollte, die Wohnungsprobleme nach dem Ersten Weltkrieg zu lösen, sie zeichnen sich daher weniger durch architektonische denn bautechnische Neuerungen aus. Bernhard Irmler und Elke Nagel knüpfen hieran an, als das von ihnen vorgestellte M.A.N.-Stahlhaus eine analoge sozialpolitische Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg spielen sollte. Die Ausführungen verdeutlichen vor allem auch die baukonstruktive Bedeutung des vorhandenen Firmenwissens aus angestammten Unternehmensfeldern. Demgegenüber zeigen Anke Fissabre und Evelin Rottke am Beispiel des Quelle-Fertighauses die Aneignung firmenfremden Wissens für den Fertighausbau auf. Kennzeichnend für diese Fertighäuser ist zudem eine ungewöhnliche kragende Konstruktion, die darauf beruht, dass der Keller das Maß des Hauses bestimmt. Bestimmen klassische Methoden der Bauforschung die Argumentation dieser Beiträge, so dominieren im Artikel von Silke Haps über die Hoesch Fertighäuser der 1960er Jahre quellenkritische Methoden der Bau- und Bautechnikgeschichte. Nachgezeichnet werden die Netzwerke, die die Hoesch AG aufbaute, um den fremden Endverbrauchermarkt für Stahlfertighäuser betreten zu können, dabei werden die Häuser zudem doppelt kontextualisiert, zum einen mit Blick auf die Materialentwicklung, zum anderen mit Bezug auf Konzernstrategien. Isolde Parussels Beitrag über den Alltag in einem Hoesch Stahlbungalow rundet das vorliegende Themenheft ab. Sie erweitert damit den Blick auf die BewohnerInnen und deren Nutzungsverhalten, ein Themenfeld, das bislang wenig erkundet wurde und weiterer Forschung bedarf.
Silke Haps und Torsten Meyer
© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Articles in the same Issue
- Frontmatter
- Editorial
- Aufsätze / Articles
- Der große Baukasten
- M.A.N.-Stahlhäuser
- Das Quelle-Fertighaus
- Prozesse und Produkte
- Alltag im Hoesch-Bungalow
- Buchbesprechung
- Buchbesprechung
- Kurzbiographien der Autorinnen und Autoren
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