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The LÄND goes Open GLAM: Potenziale offener Kulturdaten und digitaler Teilhabe

Fachvernetzungstreffen im Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, am 23. Oktober 2023
  • Dr. Patrick Leiske

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Published/Copyright: February 9, 2024
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1 Einleitung – zur Vorgeschichte

Die freie Verfügbarkeit von Wissen ist ein grundlegender Pfeiler des demokratischen Zugangs zu kulturellem Erbe. Freies Wissen funktioniert aber nur, wenn Kulturinstitutionen hierbei nicht nur bis zur Veröffentlichung ihrer Bestände im eigenen Online-Katalog denken, sondern auch darüber hinaus. Die Vernetzung von Datenbeständen untereinander und die Zugänglichmachung von Wissen auch für bisher marginalisierte Nutzergruppen sind dabei genauso wichtig wie die bestmögliche Anreicherung der eigenen (Online-)Ressourcen mit Meta- und Normdaten, um die Qualität der Datensätze zu verbessern. Und: Kulturinstitutionen existieren nicht im luftleeren Raum ihrer eigenen Spartenblase, sie müssen über den Tellerrand schauen und auch den Kontakt zu anderen Kultursparten suchen, um von ihnen zu lernen und gemeinsam neue Wege der (digitalen) Teilhabe zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund trafen im Jahr 2022 Mitarbeitende aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg und dem Landesmuseum Württemberg zusammen, um in zunächst lockerer Kooperation Möglichkeiten auszuloten, die Datenqualität baden-württembergischer Kulturinstitutionen zu verbessern, die Datenkompetenz im Kulturbereich zu heben und die Anreicherung mit Normdaten voranzutreiben. Aus dieser Kooperation resultierte die Entscheidung, gemeinsam ein Projekt für das Förderprogramm „Zusammenbringen!“ des Zentrums für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg einzureichen. Das Projekt umfasste das hier besprochene Fachvernetzungstreffen rund um das Thema Open Access sowie einen später stattfindenden Wikidata-Editathon, über den im nächsten Heft der ABI Technik berichtet wird.

Das Fachvernetzungstreffen sollte zum einen Impulse für Kulturschaffende liefern, zum anderen aber auch genügend Raum für Austausch bieten. Das Programm gliederte sich daher in drei größere Punkte: vier Impulsvorträge, die Vorstellung von Best-Practice-Beispielen und schließlich ein großes World Café mit verschiedenen Diskussionsrunden. Für die Veranstaltung wurde bewusst ein hybrides Format mit Internet-Streaming gewählt, das zusätzlich online durch zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen unterstützt wurde, um die Schwellen für eine Teilnahme möglichst gering zu halten. So fanden sich online und vor Ort insgesamt dann auch etwa 130 Kulturschaffende für den Austausch zusammen, wobei der Großteil davon den Internet-Stream nutzte.

2 Input bekommen – die Vorträge

Nach einer kurzen Begrüßung durch die Gastgeber (Christian Gries, Anna Gnyp, beide Landesmuseum, und Patrick Leiske, Landesarchiv), eröffnete die Künstlerin und Wikimedia-Aktivistin Sandra Becker mit ihrer Keynote „Von den Objekten zur Community: Was die neue Museumsdefinition mit der Wikimedia Movement Strategie verbindet“. Sie skizzierte darin die strategische Ausrichtung der Wikimedia-Bewegung, und wie Kultureinrichtungen durch die Prinzipien „Knowledge as a Service“ (also das Bereitstellen von Wissen in öffentlichen Portalen) und „Knowledge Equity“ (Wissensgerechtigkeit durch das Schließen von blinden Flecken dort, wo Menschen oder Gemeinschaften bislang von Wissen ausgeschlossen sind) dafür sorgen können, ihre Daten und ihr Wissen demokratischer zugänglich zu machen.

Abb. 1: Christian Gries bei der Begrüßung der Teilnehmenden in der Dürnitz-Lounge des Alten Schlosses Stuttgart (Foto: Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt/Alexander Lohmann, CC BY-NC-SA 4.0)
Abb. 1:

Christian Gries bei der Begrüßung der Teilnehmenden in der Dürnitz-Lounge des Alten Schlosses Stuttgart (Foto: Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt/Alexander Lohmann, CC BY-NC-SA 4.0)

Der folgende Vortrag von Ellen Euler (Fachhochschule Potsdam) und Antje Schmidt (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg), die live per Videoübertragung zugeschaltet wurden, lieferte spannende Einblicke in die rechtlichen Aspekte von Open Data und Open Science. Im Vordergrund standen hierbei die sogenannte „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ sowie die Novellierung des Urheberrechtsgesetzes von 2021. Für Kulturinstitutionen, die in der Vergangenheit zu diesem Thema mitunter bereits einige Rechtsstreitigkeiten ausgefochten haben, erscheint die Tatsache besonders wichtig, dass Vervielfältigungen gemeinfreier Werke inzwischen ebenfalls als gemeinfrei gelten, auch rückwirkend. Besonders im Kontext der Veröffentlichung von Kulturdaten in digitalen Portalen eröffnet dies den Nutzenden, aber auch den Institutionen selbst teilweise völlig neue Perspektiven der Nutzung von Digitalisaten. Thematisiert wurde im Vortrag auch die Reproduktion von Objekten aus kolonialen Kontexten und die spannende Frage, ob Herkunftsgesellschaften bei deren Veröffentlichung ein Mitspracherecht eingeräumt werden müsste.

Lambert Heller (Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften) bot in seinem Vortrag eine „Open-Science-Lab-Perspektive“ mit dem Aufruf, dass es nicht ausreiche, Kulturgüter zu digitalisieren und zu veröffentlichen, sondern es müsse sich auch aktiv um diese gekümmert werden. Digitale Ausstellungen stellen nach dieser Lesart nur flüchtige Momentaufnahmen dar, die ihren nachhaltigen Wert erst durch kontinuierliche Weiterverarbeitung und Aktualisierung erhalten. Ein mächtiges Werkzeug, nach Ansicht des Referenten tatsächlich auch die „beste aller Lösungen“, stelle hierbei das Wikiversum dar, das in Verbindung mit Citizen-Science-Projekten und Hackathons dafür sorgen könne, Kulturdaten auch langfristig aktuell und nutzbar zu halten und so die „digitalen Verwertungsketten“ der Gedächtniseinrichtungen zu verbessern.

Abb. 2: Beim World Café wurde in Gruppen angeregt diskutiert und die Ergebnisse werden auf Postern festgehalten (Foto: Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt/Alexander Lohmann, CC BY-NC-SA 4.0)
Abb. 2:

Beim World Café wurde in Gruppen angeregt diskutiert und die Ergebnisse werden auf Postern festgehalten (Foto: Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt/Alexander Lohmann, CC BY-NC-SA 4.0)

Stefan Farnetani (mindscreen GmbH) gab zum Ende des Keynote-Blocks schließlich einen Einblick in das Thema digitale Barrierefreiheit. Er stellte dabei klar, dass „Open“ Data und Access nicht zwangsläufig bedeutet, dass Daten auch tatsächlich barrierefrei verfügbar sind, sondern dass dieser Aspekt im Umgang mit der Bereitstellung von digitalen Gütern immer mitgedacht werden muss. Auch Inklusion bedeute nicht zwangsläufig Barrierefreiheit, denn Erstere stelle das Ziel dar, Menschen die Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen, während Letztere hierbei nur Mittel zum Zweck sein könne. Sowohl bei der Eingabe als auch bei der Bereitstellung/Lesbarkeit von digitalen Inhalten müssen geeignete Werkzeuge angeboten werden, um möglichst allen Nutzenden die Teilhabe zu erlauben. Dies veranschaulichte Stefan Farnetani mit einer Auswahl nützlicher Tools und Tricks, mit denen bereits sehr einfach digitale Barrieren abgebaut werden können.

3 Inspirieren lassen – Best-Practice-Beispiele

Nach einem kurzen Wrap-up und der Mittagspause stellte Nicole High-Steskal, die für das Projekt als Wikidata-Koordinatorin gewonnen worden war, zunächst den Wikidata-Editathon vor, der sich in den folgenden Wochen an das Fachvernetzungstreffen anschließen würde. Danach schloss die Präsentationsrunde für die Best-Practice-Beispiele an, die das Thema „offenes Wissen“ illustrieren. Hierfür war im Vorfeld der Veranstaltung ein Call for Projects ergangen, dessen Einsendungen auf der Projektseite veröffentlicht wurden, um dort ein Portfolio zur Inspiration zu schaffen. Aus den vielen Einreichungen wurden zehn Projekte ausgewählt, die vor Ort in einer Lightning-Runde von jeweils maximal fünf Minuten präsentiert wurden, darunter zu spannenden Unternehmungen aus dem Citizen-Science-Bereich, aber auch etwa zur KI-gestützten Erschließung oder zu Hackathons. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, das eigene Projekt auch über ein Poster vorzustellen, das während der Veranstaltung vor Ort ausgehängt wurde. Um den Rahmen des Beitrags nicht zu sprengen, sei für eine Auflistung der Einreichungen auf die Dokumentation und die Projektsammlung auf der Webseite der Veranstaltung verwiesen.

4 Mitmachen! – die Diskussionsrunden

Den Abschluss der Veranstaltung bildete der eigentliche Hauptteil des Tages: die Möglichkeit, sich mit anderen Kulturschaffenden zu vernetzen und auszutauschen. Als Format wurde hierfür das World Café gewählt: Hierbei gab es verteilt über die Lokation sechs verschiedene Thementische, an denen die Teilnehmenden jeweils 15 Minuten Zeit zur Diskussion hatten, bis sie zu einem zufälligen anderen Tisch weitergehen sollten. So hatten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, in immer wechselnden Gruppen einmal an jedem Tisch mitzudiskutieren. Online wurde das Format mit vier Themen in Breakout-Räumen nachgebildet, die die virtuell Teilnehmenden nacheinander aufsuchen konnten.

Diskutiert wurde zu den Themen:

  • (Digitale) Barrierefreiheit

  • Wikimedia/Wikipedia

  • Citizen Science allgemein

  • Citizen Science und KI – wie können wir Künstliche Intelligenz partizipativ gestalten?

  • Rechtliche Aspekte von Open Science

  • Edit-a-thons/Hackathons

Die Ergebnisse der Runden wurden während der moderierten Diskussion auf Postern festgehalten, die ebenfalls im Rahmen der Dokumentation auf der Webseite veröffentlicht werden.

5 Rückschau – das Fazit

Eine aus Sicht der Veranstalter mit einigem Planungsaufwand verbundene, dafür aber sehr erfolgreiche und schöne Veranstaltung, bei der es gelungen ist, viele Akteurinnen und Akteure aus dem Kulturbereich zusammen und in Austausch zu bringen, egal ob Angehörige der großen und kleinen GLAM-Institutionen, Mitarbeitende von Wikimedia oder auch ehrenamtliche Wikimedianerinnen und Wikimedianer. Das Format des Vernetzungstreffens wurde von vielen Teilnehmenden – und explizit auch vonseiten der Vortragenden – als wichtig und hilfreich empfunden, verbunden mit dem Wunsch, solche Möglichkeiten des offenen Austauschs öfter, gerne auch zu verschiedenen Themen zu schaffen. Kritisch ist hierfür natürlich die Finanzierungsfrage, daher sind die Veranstalter dem Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg sehr dankbar für die Förderung, die das Projekt erst ermöglicht hat. Es bleibt zu hoffen, dass es auch in Zukunft politisch unterstützt die Möglichkeit geben wird, solche Formate abzuhalten, um Kulturinstitutionen und Kulturschaffende auch und vor allem spartenübergreifend zusammenzubringen und sich gegenseitig zu inspirieren und voneinander zu lernen.

Über den Autor / die Autorin

Dr. Patrick Leiske

Dr. Patrick Leiske

Online erschienen: 2024-02-09
Erschienen im Druck: 2024-02-06

© 2024 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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