violentia und potestas. Mediävistische Gewaltforschung im interdisziplinären Feld
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Manuel Braun
Obgleich sie sich aus dem Leben der meisten Europäer verabschiedet hat, ist Gewalt in den Nachrichten, mit denen uns die modernen Medien überschütten, nahezu allgegenwärtig. Denn Bilder der Gewalt scheinen trotz der Tatsache, dass sie wie alle Bilder inszeniert und manipuliert werden, auf so etwas wie Realität zu verweisen, ja ihre Beliebtheit in den Massenmedien mag sich dem effet du réel zu einem Gutteil verdanken. Auf einem ähnlichen Effekt könnte die Attraktion beruhen, die das Thema Gewalt seit einigen Jahren auf die Sozial- und Kulturwissenschaften ausübt. Denn dem selten erhobenen, in der Selbstwahrnehmung aber stets virulentem Vorwurf, nichts Relevantes mehr zu sagen zu haben, können sie kaum wirkungsvoller entgegentreten als durch die Erforschung von Macht und Gewalt, mit der sie in aufklärerischer Tradition Vernunft und Moral auf ihre Seite zwingen: »In einer Zeit, in der immer häufiger Krieg und Terror im Namen des vermeintlich Guten gegen das angeblich radikal Böse propagiert werden, drängt sich die kritische Rückfrage nach der Verbindlichkeit der angegebenen Gründe [für Gewalt, M. B.] auf.« Die »kritische Rückfrage« richtet sich hier an das Mittelalter, vor allem an seine Philosophie. Wenn sich die Mediävistik anschickt, ihrerseits den Geltungsfonds der Gegenwartsrelevanz anzuzapfen, hat sie sich freilich der Frage »Was hat dieses erschreckende und ziemlich scheußliche Mittelalter mit der Gegenwart zu tun?« zu stellen. Um sie zu beantworten, bedarf es der Klarheit darüber, wie sich mittelalterliche und moderne Gewalt zueinander verhalten: Ist das Mittelalter das Andere der Gegenwart oder ihr Ursprung? Dass der Gegenstand Gewalt solche Selbstreflexion erzwingt, macht seine eigentliche Bedeutung für die Wissenschaften vom Mittelalter mit aus.
© Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2005
Articles in the same Issue
- Vorbemerkung
- Germanistische Mediävistik und ›Bologna-Prozess‹. Eckwerte zur Einführung gestufter Studiengänge
- Linksperiphere Adverbialsätze in der Geschichte des Deutschen. Pragmatische Aspekte eines grammatischen Wandels
- Hildebrands Flucht. Zum Verhältnis von Hildebrandslied und Exilsage
- ›Erec‹ und ›Iwein‹ in Bild und Schrift. Entwurf einer medienanthropologischen Überlieferungs- und Textgeschichte ausgehend von den frühesten Zeugnissen der Artusepen Hartmanns von Aue
- violentia und potestas. Mediävistische Gewaltforschung im interdisziplinären Feld
- Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 23., völlig neu bearbeitete u. erweiterte Aufl
- Dennis R. Preston (Hg.), Handbook of perceptual dialectology, Bd. 1; Daniel Long, Dennis R. Preston (Hgg.), Handbook of perceptual dialectology, Bd. 2
- Elvira Topalović, Sprachwahl – Textsorte – Dialogstruktur. Zu Verhörprotokollen aus Hexenprozessen des 17. Jahrhunderts
- Alain de Libera, Denken im Mittelalter
- Harald Saller, Ein neues Editionskonzept für die Schriften Notkers des Deutschen anhand von ›De interpretatione‹
- Gert Hübner, Erzählform im höfischen Roman. Studien zur Fokalisierung im ›Eneas‹, im ›Iwein‹ und im ›Tristan‹
- Rosemarie Deist, Gender and power. Counsellors and their masters in antiquity and medieval courtly romance
- Thomasin von Zerklære, Der Welsche Gast secondo il Cod. Pal. Germ. 389, Heidelberg, con le integrazioni di Heinrich Rückert e le varianti del Membr. I 120, Gotha (mit deutscher Einleitung), hg. v. Raffaele Disanto; Raffaele Disanto, La parola e l'immagine nel ciclo illustrativo del Welscher Gast di Thomasin von Zerclære, con 102 tavole a colori
- Martin Baisch, Hendrikje Haufe, Michael Mecklenburg, Matthias Meyer, Andrea Sieber (Hgg.), Aventiuren des Geschlechts. Modelle von Männlichkeit in der Literatur des 13. Jahrhunderts
- Hansjürgen Linke (Hg.), Die deutschen Weltgerichtspiele des späten Mittelalters. Synoptische Gesamtausgabe
- Der deutsche ›Macer‹. Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer Floridus ›De viribus herbarum‹. Kritisch hg. v. Bernhard Schnell in Zusammenarbeit mit William Crossgrove
- Ogier von Dänemark. Nach der Heidelberger Handschrift Cpg 363 hg. v. Hilkert Weddige in Verbindung mit Theo J. A. Broers u. Hans van Dijk
- Corinna Laude, »Daz in swindelt in den sinnen …«. Die Poetik der Perspektive bei Heinrich Wittenwiler und Giovanni Boccaccio
- Nine Robijntje Miedema, Rompilgerführer in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Die ›Indulgentiae ecclesiarum urbis Romae‹ (deutsch/niederländisch). Edition und Kommentar
- Eingesandte Schriften
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