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Offen, tolerant, fantastisch

Imaginierte Gemeinschaften in Kasachstans zeitgenössischer Kinderliteratur
  • Nina Frieß ORCID logo EMAIL logo
Published/Copyright: May 22, 2025
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Summary

In the ongoing debate about identity in post-Soviet Kazakhstan, contemporary children’s literature assumes the potentially trailblazing task of mapping prevailing social discourses on identities while offering young readers alternative concepts of identity embedded in imaginative, fantastical narratives. This paper examines three such works, Batu and the Search for the Golden Cup by Zira Naurzbayeva and Lilya Kalaus (2014), Alʼka’s Silver Tamga by Nurayna Satpayeva (2022), and the story collection The Mysteries of the Land of Mountains and Steppes. A Literary Journey through Kazakhstan (2022). All three books construct an open and tolerant Kazakhstani community in which people of different origins live peacefully and respectfully with each other and in harmony with their surroundings, the country’s flora and fauna. The writers thus revitalise the civic discourse of identity while simultaneously opposing a nationalist discourse, not only the Kazakh but also the Russo-Imperial one, which continues to be present in Kazakhstan.

1 Kasachstans Kinderliteratur und die Suche nach neuen nationalen Identitäten

Stellen wir uns einen Buchladen in Kasachstan im Jahr 2011 vor, die zentralasiatische Republik ist seit 20 Jahren ein unabhängiger Staat. Im Regal für Kinderliteratur stehen die Werke bekannter sowjetischer Autoren wie Kornej Čukovskij und Nikolaj Nosov sowie russische Übersetzungen internationaler kinderliterarischer Klassiker und zeitgenössischer Bestseller wie Harry Potter, allesamt aus Russland importiert.[1] Lediglich die kasachischen Volksmärchen haben einen direkten Bezug zu Kasachstan. Wollten kasachstanische Eltern in den frühen 2010er Jahren ein zeitgenössisches Buch kaufen, das die Lebenswirklichkeit ihres in Aktau, Almaty oder Astana aufwachsenden Kindes abbildete, verließen sie das Geschäft mit leeren Händen. Erst 2014 sollte im unabhängigen Kasachstan das erste Kinderbuch erscheinen, das von kasachstanischen Autorinnen für eine kasachstanische Leserschaft geschrieben worden war: V poiskach zolotoj čaši. Priključenija Batu i ego druzej (Auf der Suche nach dem goldenen Kelch. Die Abenteuer von Batu und seinen Freunden; im Folgenden: Batu).[2] Lilja Kalaus, gemeinsam mit Zira Naurzbaeva Co-Autorin von Batu, schilderte mir in einem Gespräch in Almaty im April 2023 die Odyssee, die sie damals unternahmen, um das Buch zu veröffentlichen. Kein Verlag habe es ins Programm nehmen wollen. Nur dank der Unterstützung einer Mäzenin sei das Buch schließlich gedruckt worden. Diese hätte ihnen auch einen Lagerraum für die erste Auflage zur Verfügung gestellt, denn kasachstanische Verlage übernehmen häufig weder die Distribution noch die Vermarktung der von ihnen produzierten Bücher. Ins Kasachische ließen die Autorinnen die Povestʼ auf eigene Kosten übersetzen, wieder fanden sie lange keinen Verlag. Erst 2018 erschien Batu auf Kasachisch. Dabei, so Kalaus, läge es doch auf der Hand, dass eine kasachstanische Kinderliteratur mit kasachstanischen Helden, Sujets und Handlungsorten dazu beitragen könne, dass Kinder eine „kasachstanische Identität“ entwickelten, was der kasachstanische Staat immer wieder fordere.

Kalaus knüpft mit ihrer Bemerkung an den Identitätsdiskurs an, der seit der Unabhängigkeit Kasachstans geführt wird. Als sich die Sowjetunion 1991 auflöste, stand das Land wie alle anderen unabhängig gewordenen einstigen Sowjetrepubliken vor der Herausforderung, ein „ideologisches Vakuum“ zu füllen, das der „Kollaps des Kommunismus“ hinterlassen hatte (Kappeler 2008: 317). Während viele Regierungen bei der Schaffung neuer „imaginierter“ (Anderson 2006[1983]) oder „affektiver“ Gemeinschaften (Suny 2012: 17) primär auf ethno-nationale Konzepte setzten, wählte Kasachstan einen anderen Weg. Unter der autoritären Führung von Präsident Nursultan Nazarbaev proklamierte die kasachstanische Elite „an image of Kazakhstan as a stable and harmonious society, in which all ethnic groups peacefully coexist, unlike in many other former Soviet countries affected by inter-ethnic conflicts and violence“ (Burkhanov 2020: 26–27). Dafür schuf der Staat Institutionen und Gesetze, die die Rechte aller Staatsbürgerinnen und Staatsbürger Kasachstans unabhängig von ihrer Herkunft schützen sollten (siehe dazu ausführlich Burkhanov 2020).[3]

Studien wie die von Diana Kudaibergenova zur „compartmentalized ideology“ des kasachstanischen Regimes zeigen allerdings, dass dies nur eine Seite der Medaille ist, wenn auch die stärker beachtete. Denn neben der eher progressiven „nation-building agenda“, die Staatsbürgerschaft und nicht ethnische Herkunft zur Teilhabegrundlage mache, gibt es laut Kudaibergenova auch eine von der nicht-kasachischen Bevölkerung Kasachstans kaum wahrgenommene „ethno-nationalist Kazakh agenda“, die Bürgerinnen und Bürger kasachischer Herkunft bevorzuge (Kudaibergenova 2019: 149). Möglich werden diese konträren Identitätsdiskurse, weil sie in unterschiedlichen Sprachen geführt werden: der erste vor allem auf Russisch, der zweite auf Kasachisch (vgl. Kudaibergenova 2019: 149; siehe zudem Kudaibergenova 2020: 104; Burkhanov 2020: 39). Trotz der stetig wachsenden Zahl von Kasachischsprecherinnen und -sprechern werden dadurch insbesondere Angehörige ethnischer Minderheiten vom Verständnis des zweiten Diskurses ausgeschlossen.[4]

Sozialwissenschaftliche Forschung hat immer wieder auf die Konstruiertheit von (kollektiven) Identitäten hingewiesen, die sich stets in „broad discourses, universes of available meanings“ formierten und im Kontext ihrer historischen Entstehung betrachtet werden müssen (Suny 2001: 868). Wenn sich Identitäten, wie David D. Laitin es ausdrückt, „like an art object“ konstruieren lassen (Laitin 1998: 11), wundert es nicht, dass gerade Literatur Raum für Identitätsdebatten bietet (vgl. Erll et al. 2003). Dabei kann Literatur vorherrschende gesellschaftliche Diskurse um Identitäten abbilden, aber auch Möglichkeiten zur Diskussion alternativer Identitätsentwürfe bieten. Beides lässt sich in kinderliterarischen Texten in erhöhter Konzentration beobachten: Da Kinderliteratur neben einem unterhaltenden meist auch einen pädagogischen Anspruch hat, finden wir in ihr „Inhalte, Werte und Weltanschauungen, die Gesellschaften für Gegenwart und Zukunft als besonders relevant erachten“ (KLK 2021) und entsprechend tradieren wollen.[5] Zudem fordert eine kindliche Leserschaft Sujets von grenzenloser Fantasie geradezu ein. Das ermöglicht kinderliterarischen Autorinnen und Autoren ästhetische Abenteuer und eröffnet gleichzeitig inhaltlich weite Spielräume – insbesondere in unfreien Gesellschaften, in denen gesellschaftliche Diskurse andernorts häufig überwacht und zensiert werden.

Inzwischen findet sich in der Kinderliteratur Kasachstans eine ganze Reihe von Texten, die einen Beitrag zu einem staatsbürgerschaftlich orientierten Diskurs um eine kasachstanische Identität zu leisten versuchen. Dazu zählen neben Batu dessen Folgebände Priključenija Batu i ego druzej. V strane Barsakelmes (2019; Die Abenteuer von Batu und seinen Freunden. Im Land Barsakelmes) und Priključenija Batu i ego druzej. V zvezdnoj strane Ajdala (2021; Die Abenteuer von Batu und seinen Freunden. Im Sternenland Ajdala), Jurij Serebrjanskijs Kazachstanskie skazki (2017; Kasachstanische Märchen), Nurajna Satpaevas Serebrjanaja tamga Alʼki (2022; Alʼkas Silbertamga) sowie Tajny strany gor i stepej. Kniga-putešestvie po Kazachstanu (2022; Die Geheimnisse des Landes der Berge und Steppen. Eine literarische Reise durch Kasachstan), ein Erzählband, der Texte von sieben kasachstanischen Kinderbuchautorinnen enthält. All diesen Texten ist gemein, dass sie für ein Kasachstan eintreten, in dem Bürgerinnen und Bürger verschiedener Herkunft friedlich und respektvoll miteinander und in Einklang mit ihrer Umgebung, der Flora und Fauna des Landes, leben. Meine Untersuchung konzentriert sich im Folgenden auf den ersten Band der Batu-Reihe, Serebrjanaja tamga Alʼki sowie die Erzählsammlung Tajny strany gor i stepej.[6] Dabei frage ich, wie die Autorinnen in ihren Texten kasachstanische Gemeinschaften literarisch darstellen, wenn nicht gar durch ihre Texte selbst erschaffen. Um einen Einblick in die Entwicklung der kasachstanischen Kinderliteraturlandschaft zu geben, gehe ich zu Beginn der drei Abschnitte zudem auf Besonderheiten in der Umsetzung der jeweiligen Werke ein.

2 Geeint durch Offenheit: V poiskach zolotoj čaši. Priključenija Batu i ego druzej

Nach einem holprigen Start kann Zira Naurzbaevas und Lilja Kalausʼ Batu inzwischen auf eine für kasachstanische Verhältnisse erstaunliche Erfolgsgeschichte zurückblicken: 2021 erschien die Povestʼ des Autorinnenduos unter dem den Folgebänden angepassten Titel Priključenija Batu i ego druzej. V poiskach zolotoj čaši (Die Abenteuer von Batu und seinen Freunden. Auf der Suche nach dem goldenen Kelch) in einer zweiten, aufgrund der teuren Bildrechte allerdings weniger reich illustrierten Auflage.[7] Zudem veröffentlichte Amazon Crossing Kids das Buch im August 2023 in Shelley Fairweather-Vegasʼ anglo-amerikanischer Übersetzung. Dies beschert Batu nicht nur eine internationale Leserschaft, sondern dürfte dem Buch auch in Kasachstan selbst noch einmal mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen, wo Publikationen im westlichen Ausland als ungemein prestigeträchtig gelten.

Batu zeigt eine offene Gemeinschaft, die potenziell Menschen verschiedener Herkunft integriert und deren Mitglieder sich ihrer Geschichte und Kultur bewusst sind bzw. im Laufe ihrer Entwicklung werden. Zugleich ist diese Gemeinschaft durch Menschen mit Ressentiments gegen andere Kulturen bedroht und muss deshalb verteidigt werden. Die Povestʼ erzählt die Geschichte von Batu, der das Leben eines ganz normalen Jungen in Almaty führt, bis er Aspara begegnet, einem adeligen Krieger aus der Vergangenheit. Aspara ist auf der Suche nach dem Goldenen Kelch, dessen magische Kräfte einst dafür sorgten, dass diejenigen, die aus ihm tranken, stets die Wahrheit sprachen. In Aspara lässt sich für kasachstanische Kinder unschwer der Goldene Mensch [kas. „Алтын Адам“] von Jessik erkennen, ein 1970 bei archäologischen Ausgrabungen unweit von Almaty entdeckter Skythen-Fürst in goldener Rüstung, der vor etwa 2500 Jahren bestattet wurde. Nach der Unabhängigkeit wurde er zu einem nationalen Symbol Kasachstans (vgl. Lemke 2022). In einer für das Fantasy-Genre typischen Queste reisen Aspara und Batu, begleitet von Batus Freunden, durch die mythische und historische Vergangenheit Kasachstans, um den Kelch wiederzufinden. Dabei kämpfen sie nicht nur gegen Fabelwesen der kasachischen Mythologie,[8] sondern auch gegen Verbrecher aus der jüngeren sowjetischen Geschichte des Landes, die verhindern wollen, dass ihre über Jahrzehnte verbreiteten Lügen ans Licht kommen. Die Handlung spielt damit auf drei Zeitebenen: in der kasachstanischen Gegenwart der 2010er Jahre, der sowjetischen Zeit und einer fantastischen Parallelzeit, die sich von einer mythischen Urzeit bis ins Heute erstreckt. Verbunden werden die Zeitebenen durch die Figuren, die zwischen ihnen hin- und herreisen und über die Zeitebenen hinweg miteinander interagieren. Die Figurenkonstellation in Batu entspricht den Konventionen des fantastischen Genres mit einem sich in seiner Entwicklung befindlichen Helden, unterschiedlichen Helferfiguren und teilweise bis zur Schablonenhaftigkeit eindimensionalen Bösewichten. Gleichzeitig bildet sie in ihrer Zusammensetzung – die Freunde Batu, Saša, Dana und Chadiša stammen aus kasachischen und russischen Familien – kasachstanische Realitäten ab und zeigt damit zumindest einen kleinen Ausschnitt der multiethnischen Gemeinschaft Kasachstans, was bei der Erstveröffentlichung des Buchs ein absolutes Novum war. Den vier Freunden und der einer mythischen Urzeit entstammenden „Jenseitsgestalt“ (Ewers 2013: 253) Aspara stehen als starke Antagonisten Ruslan, genannt Skorpion, und dessen Großvater gegenüber, die durch ihr Äußeres und ihre Namen leicht als Russen zu identifizieren sind.

Allerdings verläuft die Kluft zwischen Gut und Böse und den damit verbundenen Gemeinschaften in Batu nicht pauschal entlang ethnischer Zugehörigkeiten. Der Schlüssel zur Zugehörigkeit zu der offenen, multiethnischen Gemeinschaft der kasachstanischen Gegenwart, für die Batu und seine Freunde stehen und für welche die Autorinnen mit ihrer Povestʼ eintreten, besteht in der Bereitschaft, sich auf die Geschichte, Kultur und Sprache anderer und damit eben auch der kasachischen Aufnahmegesellschaft einzulassen.[9] So zeichnet sich der russischstämmige Saša durch Offenheit und Wissbegier aus: Er spricht fließend Kasachisch, findet bei seinen Recherchen wesentliche Informationen über die kasachische Mythologie, die schließlich zum Abschluss der Queste beitragen, und möchte wie sein einst in die kasachische Steppe verbannter Urgroßvater Ethnologe werden, um andere Kulturen erforschen zu können. Kajra hingegen, ein kasachischer Junge und zunächst willfähriger Helfer Skorpions, hat wenig Wertschätzung für seine eigene Kultur. Deutlich wird das, wenn er die Dombra, das traditionelle kasachische Saiteninstrument herabwürdigend als „одна палка – два струна (sic)“ [„ein Stock – zwei Saite (sic)“][10] (Naurzbaeva & Kalaus 2014: 205) bezeichnet. Damit übernimmt er wortwörtlich die diffamierende Beschreibung des Instruments, die zuvor Skorpions Großvater zugeschrieben wird (vgl. Naurzbaeva & Kalaus 2014: 139), einem früheren Tschekisten und damit Vertreter der Sowjetmacht, der die traditionelle kasachische Kultur als rückständig galt. Für diese Deutung spricht auch das grammatisch nicht normative Russisch („два струна“ anstelle von „две струны“), das hier verwendet wird und das fehlerhafte Russisch eines ungebildeten Kasachen imitiert. Herabgewürdigt wird damit nicht nur das Instrument, sondern alles, was nicht den Normen der vermeintlichen russischen Hochkultur entspricht. Wenn sich Kajra am Ende des Buchs entscheidet, die Seiten zu wechseln und – als berittener Krieger – gemeinsam mit Batu und seinen Freunden gegen das Böse zu kämpfen, welches sich als Bär materialisiert, lässt sich das als Rückbesinnung auf die eigene Kultur, für die Pferde eine zentrale Rolle spiel(t)en, und als erfolgreicher Dekolonisierungs­prozess deuten.[11]

Was Hans-Heino Ewers als allgemeinen Trend für die kinderliterarische Fantastik ausmacht, trifft klar auch auf Batu zu: „[D]ie Begegnung mit dem Wunderbaren bzw. Unerklärlichen dient nun nicht mehr dem Erlangen einer erfüllten und glücklichen Kindheit. Wir haben es vielmehr wie in der erwachsenenliterarischen Phantastik mit der Wiederkehr von Verdrängtem und Unterdrücktem zu tun.“ (Ewers 2013: 253) Das „Verdrängte und Unterdrückte“ entstammt in der Povestʼ der stalinistischen Periode der Sowjetzeit, in der nicht nur die kasachische Bevölkerung unter Repressionen zu leiden hatte.[12] Vielmehr wurde die kasachische Steppe in dieser Zeit zum Ort des Leids für Millionen Menschen unterschiedlicher Herkunft, die dorthin verbannt oder zu jahrelangen Strafen in den sowjetischen Arbeitslagern verurteilt worden waren.[13] Außerhalb Kasachstans weniger bekannt ist, dass auf dem Territorium der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik 1949 zudem die ersten sowjetischen Atomwaffentests stattfanden – mit verheerenden Folgen für die Anwohnerinnen und Anwohner und die Natur rund um das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk. In Batu werden diese die kasachstanische Geschichte des 20. Jahrhunderts prägenden Ereignisse durch die Schicksale der Eltern- und (Ur-)Großelterngenerationen der kindlichen Figuren greifbar gemacht: So erinnert sich der Dombra-Meister, der den Freunden bei der Suche nach dem Goldenen Kelch hilft, wie er als Kind Zeuge der Vernichtung des Weltbaums Bajterek wurde, der der Legende nach „в центре мира“ [„im Zentrum der Welt“] (Naurzbaeva & Kalaus 2014: 244) wuchs, der Mitte Eurasiens. Wenig später sei an diesem Ort dann die erste sowjetische Atombombe gezündet worden. Die Zerstörung des für die Mythologie der Turkvölker zentralen Baums steht sinnbildlich für die Zerstörung der kasachischen Kultur und ihrer Trägerinnen und Träger, wie der Meister seiner kindlichen Zuhörerschaft und damit auch den Leserinnen und Lesern verdeutlicht: „Черные люди хотели заставить нас забыть, что земля – наша мать, а небо – отец. И... народ и вправду все забыл и стал слабым, больным, недобрым...“ [„Die schwarzen Leute wollten uns vergessen machen, dass die Erde unsere Mutter ist und der Himmel unser Vater. Und ... das Volk vergaß es tatsächlich und wurde schwach, krank und gemein ...“] (Naurzbaeva & Kalaus 2014: 146).

Anders als in der offiziellen kasachstanischen Erinnerungskultur, in der der stalinistischen Repressionen zwar gedacht wird, die dafür Verantwortlichen aber häufig nicht benannt werden, bekommen die aufgrund ihrer schwarzen Ledermäntel „черные люди“ [„schwarze Leute“] genannten Täter in Batu ein Gesicht: Skorpions Großvater ist einer der Tschekisten, der Batus Urgroßvater verhaftete – ein weiteres Schicksal, das das Ausmaß der Repressionen verdeutlicht; auch an der Vernichtung des Weltbaums ist er beteiligt. Er wird zum eigentlichen Antagonisten der Kinder, befürchtet er doch, die Wiederentdeckung des Goldenen Kelches könnte das (sowjetische) Imperium der Lügen zum Einsturz bringen. Die Gegengemeinschaft, die hier entworfen wird, entspricht allerdings eher den Genrekonventionen der Fantastik als dem realen Kasachstan. Zwar gibt es in Kasachstan bis heute Sowjetnostalgikerinnen und Befürworter der neo-imperialen Bestrebungen Russlands. Diese Tendenzen sind aber eher auf die massive Präsenz russländischer Propaganda im kasachstanischen Informationsraum zurückzuführen als auf überirdische böse Mächte, mit denen Skorpions Großvater im Bunde steht. Am Schluss muss sich dieser für seine Taten verantworten, allerdings nicht vor einem weltlichen Gericht, sondern im Jenseits. Die Autorinnen umgehen durch diese Abstraktionen eine direkte Auseinandersetzung mit Russland, ganz wie das offizielle Kasachstan, das auf Rücksichtnahme auf seinen mächtigen Nachbarn zurückhaltend bei der Benennung von für die Repressionen Verantwortlichen ist und etwa die große Hungersnot der Jahre 1931 bis 1933 als „abstrakte ‚Tragödie‘“ darstellt (Kindler 2014: 24). Wenn überhaupt über Täter gesprochen wird, werden in Kasachstan – ganz wie im russländischen Repressionsdiskurs – meist Iosif Stalin und andere hohe kommunistische Funktionäre als Schuldige ausgemacht (vgl. Kindler 2014: 24).

Am Ende der Povestʼ siegen Batu und seine Freunde in einem detailreich geschilderten Kampf über das Böse. Zum Sieg verhelfen ihnen aber weniger ihre Waffen als ihr Wissen über die kasach(stan)ische Geschichte und Kultur und das Bewusstsein, gemeinsam stärker zu sein als allein. Den Goldenen Kelch finden die Kinder jedoch nicht – die Suche wird in den Folgebänden fortgesetzt, so wie die Autorinnen ihre Mission für eine offene Gesellschaft Kasachstans weiterführen.

3 Eins mit Kasachstans Tierwelt: Serebrjanaja tamga Alʼki

Nurajna Satpaevas Erzählband Serebrjanaja tamga Alʼki erschien 2022 bei Tentek Publishing House. Der Ende 2021 gegründete Verlag aus Almaty konzentriert sich auf die Veröffentlichung kasachstanischer Kinder- und Jugendliteratur und fällt insbesondere durch die Zweisprachigkeit seines Verlagsprogrammes auf, ein für Kasachstan und seinen Identitätsdiskurs brennendes Thema. Neben der Variante, Übersetzungen in einem gesonderten Buch zu veröffentlichen, experimentiert Tentek mit bilingualen Ausgaben, denn, so die Verlagsgründerin Malika Kolesova, „мы не хотим давать такого выбора нашим читателям: мы хотим, чтобы книги местных авторов были интегрированы в оба языковых пласта сразу.“ [„wir wollen unseren Lesern keine solche Wahl lassen [ein Buch entweder auf Russisch oder auf Kasachisch zu kaufen; N. F.]: wir wollen, dass die Bücher lokaler Autoren gleichzeitig in beide Sprachschichten integriert werden.“] (Aktaulova 2023)[14]

In Serebrjanaja tamga Alʼki liegt der russische Originaltext auf der linken Buchseite der kasachischen Übersetzung auf der rechten Seite gegenüber. Sprachlernende erhalten so ein niedrigschwelliges Angebot, sich mit dem fremdsprachigen Text auseinanderzusetzen, können sie ihn doch unmittelbar mit dem Text in ihrer Erstsprache abgleichen. Ekaterina Bolatovas Illustrationen erstrecken sich über die gesamte Doppelseite und verbinden so die beiden Sprachvarianten miteinander. Dieses die beiden wichtigsten Sprachen Kasachstans in ein Buch integrierende Publikationsverfahren ermöglicht nahezu allen Kasachstanerinnen und Kasachstanern die Lektüre des Buchs. Die Gemeinschaft, die hier impliziert wird, schließt niemanden aufgrund seiner Sprachkenntnisse aus. Tatsächlich leistet der Verlag mit Serebrjanaja tamga Alʼki und anderen bilingualen Werken seinen Beitrag zur Umsetzung der politisch geforderten Zweisprachigkeit des Landes, die perspektivisch dazu beitragen könnte, gegenwärtig parallel verlaufende Identitätsdiskurse zu einem gemeinsamen zusammenzuführen.[15]

Auf der Inhaltsebene wird Kasachstans spezielle Sprachsituation in Serebrjanaja tamga Alʼki nicht thematisiert, indes kommt der Möglichkeit miteinander kommunizieren zu können eine besondere Bedeutung zu. Zwar geht es in dem Text vordergründig um die Kommunikation zwischen Mensch und Tier, das Plädoyer für eine Gemeinschaft, in der man aktiv miteinander kommuniziert, lässt sich daraus neben den offensichtlicheren umweltpädagogischen Ambitionen dennoch herauslesen. Das Buch erzählt die Geschichte von Alʼka, der mit seinen Eltern am Ufer des Kaspischen Meeres in Aktau lebt. Von seinem Großvater bekommt der Junge ein silbernes Tamga geschenkt, das sich als magisch erweist: wenn er es trägt, versteht er die Sprache der Tiere.[16] Im Laufe der Erzählung stellt sich heraus, dass Alʼka ein Nachfahre der Tore [kas.: „Төре“] ist, einem von Dschingis Khan abstammenden Adelsgeschlecht, das das kasachische Khanat ab dem 15. Jahrhundert bis zu seiner Einverleibung in das Russische Imperium im 19. Jahrhundert regierte. Von einem dieser Vorfahren stammt auch das Tamga, das eine stilisierte Wölfin zeigt. Allerdings verleiht es seinem Träger nicht automatisch die Fähigkeit, mit Tieren zu kommunizieren: weder Alʼkas russischstämmiger Freund Danja,[17] dem er das Tamga leiht, noch sein Großvater, der es vor ihm besaß, haben diese Gabe. Der Protagonist tritt auf diese Weise zwar in eine Gemeinschaft mit Kasachstans Tierwelt ein, gleichzeitig trennt ihn seine fantastische Gabe (vorübergehend) von seiner Herkunftsgemeinschaft, denn außer seinem Großvater will ihm niemand glauben, dass er mit Tieren sprechen kann.

In jeder der 13 chronologisch angeordneten, aber in sich geschlossenen Erzählungen lernt Alʼka ein anderes in Kasachstan beheimatetes Tier kennen. Seine Gabe ermöglicht es ihm, Einblicke in die Lebenswelt dieser Tiere zu erhalten, ihnen in Notsituationen zu helfen und selbst von ihnen Hilfe zu erhalten. Die Gefährdung der Tiere durch den Menschen wird dabei wiederholt thematisiert. Wenn etwa Alʼka eine Robbe aus einem Fischernetz befreit, kommt darin der umweltpädagogische Anspruch des Buchs deutlich zum Ausdruck. Dieser zeigt sich zuvor bereits paratextuell: im Vorwort der Herausgeberin werden Kinder dazu aufgefordert, sich wilden Tieren nicht zu nähern und Spezialisten zu kontaktieren, sollten sie einem Tier in Not begegnen, „ведь у вас нет волшебной тамги“ [„habt ihr doch kein Zaubertamga“] (Satpaeva 2022: 5).

Der Protagonist durchläuft im Laufe des Buchs einen Wandel: In den ersten Kapiteln nimmt Alʼka Tiere vor allem als unterhaltsame Spielgefährten wahr, die ihm zur eigenen Bedürfnisbefriedigung dienen (so ersetzt ihm die gerettete Robbe im ersten Kapitel den verreisten Freund und erlöst ihn von seiner Langeweile). Durch die Kommunikation mit ihnen entwickelt er jedoch immer mehr Verständnis für ihre tierische Lebenswelt und Belange. Die diese Passagen dominierende direkte Rede, die nur von kurzen Einschüben eines auktorialen Erzählers unterbrochen wird, macht den Text für eine junge Leserschaft leicht verständlich, so dass diese am Erkenntnisgewinn des Protagonisten teilhat.[18] Der Wendepunkt in Alʼkas Entwicklung erfolgt in den Kapiteln 6–8, die die Mitte des Buchs bilden. Dieser an einen klassischen Dramenaufbau erinnernde Verlauf ist sicherlich kein Zufall, hat Satpaeva, die studierte Ingenieurin ist, ihre literarische Karriere doch als Dramatikerin begonnen. Im sechsten Kapitel erfährt Alʼka, dass seine Familiengeschichte eng mit dem neuen Rennpferd seines Großvaters verbunden ist: Sein Ururururgroßvater hatte einst auf einem Vorfahren des Passgängers reitend die am Meeresufer lebenden Menschen und Tiere vor einer Flutwelle gewarnt; zum Dank erhielt er das titelgebende Tamga und die Gabe, mit Tieren zu sprechen. Im Kleinen spiegelt sich in dieser Verstrickung der familiären Schicksale von Kind und Pferd die Verbindung zwischen Menschen und Pferden in der jahrhundertelang von der Gemeinschaft von Nomaden und ihren wichtigsten Nutztieren bestimmten Geschichte Kasachstans.[19]

Im achten Kapitel ist es eine Wölfin, die Alʼka erklärt, dass er vom Geschlecht der Großen Wölfin Tore abstamme und die Sprache der Tiere deshalb verstehe, weil er auf dem Kopf zwei Haarwirbel an den Stellen habe, wo sich bei Wölfen die Ohren befinden.[20] Dass der Protagonist das bislang nicht wusste, führt die Wölfin darauf zurück, dass die Menschen sich ihrer Herkunft nicht mehr bewusst seien: „Люди забывать стали, откуда они родом. Но тебе лучше хранить эту тайну [...].“ [„Die Leute haben vergessen, woher sie stammen. Aber du solltest dieses Geheimnis besser bewahren [...].“] (Satpaeva 2022: 130) Die Kritik der Wölfin an der unterbrochenen intergenerationalen Kommunikation wiegt gerade in Kasachstan schwer, wo Kenntnisse über die eigenen Vorfahren bis in die siebte Generation zurück [kas.: „Жеті ата“] bis heute gesellschaftlich erwünscht, durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts aber nicht immer gegeben sind. Doch der zu Anfang des Buchs unbedarfte Alʼka kennt nun die Geschichte seiner Vorfahren – von ihm bis zu seinem Ururururgroßvater erstrecken sich genau sieben Generationen – und mit diesem Wissen verändert sich das Verhalten des Jungen gegenüber seiner Umwelt. Er ist zum Träger eines besonderen Wissens geworden, was ihn zu einem Auserwählten macht, wie er für die fantastische Kinderliteratur typisch ist, ihm aber auch Verantwortung aufbürdet. Gleich im Folgekapitel hilft er einer Kropfgazelle, die aufgrund eines abgebrochenen Horns aus ihrer Herde verstoßen wird, sich in diese zu reintegrieren. Das Plädoyer für eine Gesellschaft, in der ganz unterschiedliche Mitglieder einen Platz finden, ist hier offensichtlich.

Die Erwachsenen heißen Alʼkas Abenteuer, die sich aus seinen neuen Gaben und Einsichten ergeben, nur bedingt gut und versuchen sie zu unterbinden. Der Bruch der Gemeinschaften der Tiere und (erwachsenen) Menschen wird erst im letzten Kapitel des Buchs überwunden, wenn der Protagonist mit Hilfe eines Seeadlers das im Eis eingeschlossene Schiff seines verschollenen Onkels ausfindig macht. Allerdings wollen von dieser Wiedervereinigung weder der Adler noch die Erwachsenen etwas wissen: der Vogel, der einen Brief von Alʼkas Onkel transportierte, sieht sich durch diesen Botendienst in seinem Stolz gekränkt: „Да, какой герой! Я орлан, а из-за тебя почтовым голубем сделался, письма таскал, тьфу ты! Засмеют!“ [„Ja, was für ein Held denn? Ich bin ein Adler, und deinetwegen habe ich mich zur Brieftaube machen lassen, Briefe habe ich geschleppt. Man wird mich auslachen.“] (Satpaeva 2022: 184). Die Eltern sind über die Nachricht so froh, dass sie nicht nachfragen, woher sie kommt. Für die Gemeinschaftsbildung ist diese fehlende Anerkennung jedoch zweitrangig, denn sowohl Alʼka – der seinem Namen im letzten Kapitel mehr als gerecht wird[21] – als auch die (primär kindliche) Leserschaft wissen es mit Abschluss des Buches besser als die Erwachsenen. Sie haben eine Menge über Kasachstans Tierwelt erfahren, die Teil ihrer eigenen Umwelt ist, und für die ein jedes Kind Verantwortung übernehmen kann, auch wenn es kein Zaubertamga besitzt, das einem die Kommunikation mit dem Anderen erleichtert.

4 Eine gemeinsame ‚Tour du Kazakhstan‘: Tajny strany gor i stepej

Tajny strany gor i stepej. Kniga putešestvie po Kazachstanu ist das Projekt von Étage, einer Designagentur mit Sitz in Almaty, die bis dato vor allem für ihr gleichnamiges Hochglanzmagazin und aufwendig produzierte Fotostrecken bekannt war. Zusammen mit Chevron, einem US-amerikanischen Energiekonzern, der in Almaty seit einigen Jahren intensives Sponsoring im Literaturbereich betreibt, veröffentlichte Étage je 1000 Exemplare des Erzählbands in kasachischer und in russischer Sprache. Im Rahmen eines sozialen Projekts wurden diese an Bibliotheken und Kulturzentren in ganz Kasachstan verteilt. Das Buch kommerziell zu vermarkten war nach Aussage der Organisatorinnen zunächst nicht geplant. Doch die Nachfrage nach der Erzählsammlung war so groß, dass im Frühjahr 2023 eine weitere Auflage für den kasachstanischen Buchmarkt produziert wurde (Étage 2023).[22]

Das Buch enthält Texte von Ksenija Rogožnikova, Gulʼmira Kusainova, Nurajna Satpaeva,[23] Sima Omarkulova, Elena Klepikova, Tonja Šipulina und Majja Akiševa für Kinder unterschiedlicher Altersstufen, von Vorschulkindern bis hin zu selbstständigen Leserinnen und Lesern. Obgleich thematisch breit, geht es allen Autorinnen darum, in ihren Tiergeschichten[24] und Kunstmärchen über den besonderen Handlungsort Kasachstan, der (kinder)literarisch lange keine Beachtung fand, eine Gemeinschaft zu konstruieren.

Wie in keinem anderen hier analysierten Werk wird der abwechslungsreichen Landschaft Kasachstans in Tajny strany gor i stepej ein Denkmal gesetzt, nicht zuletzt durch die fantastisch-farbenprächtigen Illustrationen von Dar’ja Moroz, die sich durch das gesamte Buch ziehen. So erzählt Elena Klepikova in ihrem sieben Kunstmärchen umfassenden Zyklus Skazki Semirečʼja (Märchen des Siebenstromlandes), wie verschiedene landschaftliche Phänomene der Region entstanden.[25] In Skazka o Čarynskom kanʼone (Das Märchen über den Sharyn-Canyon) wird beispielsweise die Entstehung des 195 Kilometer östlich von Almaty gelegenen Sharyn-Canyons thematisiert. Bei Klepikova entsteht dieser Canyon nicht etwa durch natürliche Erosionsprozesse, sondern durch die Kratzer, die ein Drachenkind „в далёкие времена“ [„in vergangenen Zeiten“] beim Spielen mit dem „необычный голубой шарик“ [„ungewöhnlichen blauen Kügelchen“] (Klepikova 2022: 52) mit seinen Krallen auf dessen Oberfläche hinterließ:

А на земном шаре, там, где в него впивались когти маленького космического дракона, появились глубокие царапины, бурно потекла в ним вода. Через много-много лет реки выбрали себе другие пути, но царапины остались. Так появились каньоны на всех континентах. В том числе и наш, Чарынский.

Und auf der Erdkugel, dort, wo sich die Krallen des kleinen kosmischen Drachens hineingegraben hatten, entstanden tiefe Kratzer, stürmisch floss in ihnen das Wasser. Nach vielen, vielen Jahren suchten sich die Flüsse andere Wege, aber die Kratzer blieben. So entstanden die Canyons auf allen Kontinenten. Darunter auch unserer, der Sharyn-Canyon. (Klepikova 2022: 53)

Diese unerwartet fantastische Erklärung für die Entstehung eines Naturdenkmals, vielen Kindern der Region Almaty aus dem Schulunterricht oder von Wochenendausflügen bekannt, eröffnet neue Perspektiven auf Altbekanntes, regt zum Nachdenken über die eigene Umwelt an und bringt nicht zuletzt erwachsene (Vor-)Leserinnen und Leser zum Schmunzeln.

Zwar wird Tajny strany gor i stepej von Sujets bestimmt, die im Gebiet Almaty, in seinen Bergen, Wäldern und Steppen, angesiedelt sind, doch daneben gibt es Texte, die im Altai-Gebirge und am Kaspischen Meer spielen und somit zumindest einen Teil der regionalen Vielfalt des größten Binnenstaats der Erde abbilden.[26] Kinder können in dem Band ihnen bekannte Orte wiedererkennen und neue entdecken und auf diese Weise ihr Heimatland kennenlernen (im Anhang des Buchs befindet sich eine illustrierte Übersicht, die Informationen zu den Handlungsorten der Erzählungen beinhaltet). Die literarische Reise, die der Untertitel des Buchs ankündigt, ist ein bekanntes literarisches Verfahren, um (Re)Konstruktionen von Identitäten darzustellen (vgl. 2017: 235). Tajny strany gor i stepej erinnert in seiner Konzeption an einen Klassiker der französischen Kinderliteratur, an G. Brunos (Pseudonym der Französin Augustine Fouillées) Le Tour de la France par deux enfants (1877; Die Frankreichrundfahrt zweier Kinder). In dem Roman reisen zwei Waisenjungen aus dem von Deutschen besetzten Lothringen auf der Suche nach ihrem Onkel durch Frankreich, das nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1871 vor der Herausforderung steht, seine nationale Identität zu rekonstruieren. Brunos Darstellungen der regionalen Vielfalt, des kulturellen Reichtums, der zunehmenden Industrialisierung des Landes, aber auch der kriegsbedingten Zerstörungen, trugen zur Herausbildung eines neuen nationalen Bewusstseins unter französischen Leserinnen und Lesern bei. Bis in die 1950er Jahre blieb Le Tour de la France par deux enfants in Frankreich Teil des schulischen Curriculums, bis heute wird es neu aufgelegt.[27] Die ‚Tour du Kazakhstan‘ in Tajny strany gor i stepej erfolgt zwar aus anderen Gründen und weniger systematisch als in dem französischen Klassiker, das Ziel des Bandes ist aber ein ähnliches: Kinder mit ihrem Heimatland bekannt zu machen, sie dafür zu begeistern und dadurch ein Gefühl der Identifikation mit ihm zu schaffen.

5 Schluss

Die untersuchten kinderliterarischen Texte konstruieren über Wissen um eine gemeinsame Geschichte und Kultur, die Heldinnen und Protagonisten mit ihrer Leserschaft teilen, und über die Umwelt, in der sie leben, eine offene und tolerante kasachstanische Gemeinschaft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft friedlich und respektvoll miteinander leben. Wenn auch fantastisch abstrahiert, zeigen Kasachstans kinderliterarische Autorinnen (und auch die hier nicht untersuchten Autoren), wie ein Zusammenleben in einer so diversen Gesellschaft möglich wird. Dass eine solche Gemeinschaft Anfeindungen ausgesetzt ist und von ihren Mitgliedern verteidigt werden muss, zeigt sich insbesondere in der Povestʼ Batu, die einmal als Wegbereiterin einer zeitgenössischen kasachstanischen Kinderliteratur in eine noch zu schreibende kinderliterarische Literaturgeschichte Kasachstans eingehen könnte. Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller revitalisieren damit den staatsbürgerschaftlich orientierten Identitätsdiskurs, in dem die kasachstanische Führung Worten wenig Taten, also konkrete Politiken, folgen lässt. Sie stellen sich damit gleichzeitig einem nationalistischen Diskurs entgegen, nicht nur dem kasachischen, sondern auch dem russländisch-imperialen, der auch in Kasachstan präsent bleibt. Die Pionierarbeit, die sie dabei leisten, ist enorm, gilt es doch nicht nur literarisch anspruchsvolle Texte zu schreiben, sondern diese auf dem schwierigen Buchmarkt Kasachstans auch zu produzieren und einer an kasachstanische Literatur nicht gewöhnten Leserschaft zu verkaufen. Dass Kasachstans kinderliterarische Szene dazu bereit ist, zeigen die Innovationen in der kasachstanischen Kinderliteratur der letzten 10 Jahre.

Danksagung

Ich bedanke mich bei meinen Kolleginnen Karoline Thaidigsmann und Eva Kowollik sowie bei meiner studentischen Hilfskraft Martha Jurowski für ihre hilfreichen Kommentare zu der ersten Fassung dieses Aufsatzes. Dem oder der anonymen Gutachter:in gilt mein Dank für ihr motivierendes Feedback zu diesem Text.

Literaturangaben

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Online erschienen: 2025-05-22
Erschienen im Druck: 2025-05-22

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 20.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/slaw-2025-0014/html
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