Wertewandel im 20. Jahrhundert
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Bereits im 19. Jahrhundert mehrten sich die Stimmen, die sich gegen "Prügelpädagogen" wandten und eine Abschaffung körperlicher Strafen in Schulen forderten. Dennoch blieben Schläge in nahezu allen Ländern der Bundesrepublik bis um 1970 ein (wenn auch mit Einschränkungen) erlaubtes schulisches Erziehungsmittel – um dann innerhalb weniger Jahre nicht nur ihre schulrechtliche Legalität, sondern auch jegliche gesellschaftliche Legitimität zu verlieren. Diesen auffälligen Kontrast von langer, kontroverser Debatte und raschem Wandel will diese Studie erklären. Dazu nimmt sie öffentliche, pädagogische und juristische Debatten genauso in den Blick wie die Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen und die soziale Praxis. Durch den langen, von den 1870er-Jahren bis ca. 1980 reichenden, Betrachtungszeitraum kann sie sowohl langfristige Kontinuitäten im Prozess der zunehmenden Ächtung von Erziehungsgewalt als auch entscheidende Veränderungen und Beschleunigungen aufzeigen.
Ist Lateinunterricht noch zeitgemäß? Diese Diskussion ist fast so alt wie die Idee des humboldtschen Gymnasiums selbst. Dennoch gehört das Fach Latein in Deutschland bis heute fest zum Bildungskanon. Warum dies ein typisch deutsches Phänomen ist und was die Diskussionen um den Lateinunterricht über gesellschaftliche Leitvorstellungen verraten, zeigt diese Studie anhand von politischen Entscheidungsprozessen und fachdidaktischen Diskussionen. Dabei werden die Weimarer Republik, der Nationalsozialismus und die Bundesrepublik in einem diachronen Längsschnitt betrachtet, wodurch interessante Kontinuitäten und Brüche sichtbar werden.
Medizinisch-technische Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, wie beispielsweise die Erfindung des Latex-Präservativs (1930), die Einführung der Anti-Baby-Pille (1961) auf dem freien Markt und die Geburt des ersten durch In-vitro-Fertilisation gezeugten Kindes (1978) führten in Europa und den USA dazu, dass das Planen, Zeugen und Machen von Kinder zunehmend Gegenstand individueller und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen wurde. Vor dem Hintergrund umfassender politischer, ökonomischer und kultureller Transformationen musste dabei das Verhältnis zwischen Machbarem, Wünschenswertem und Erlaubtem gesellschaftlich immer wieder neu ausgehandelt werden. Der vorliegende Band untersucht in acht Beiträgen, wie sich im 20. Jahrhundert das Denken, Reden und Handeln im Hinblick auf Kinder und Familienplanung veränderte. In einer international vergleichenden Perspektive wird dabei insbesondere der diesen Entwicklungen zugrunde liegende Wertewandel in den Blick genommen.
Bei der historischen Erforschung der „Vorgeschichte der Gegenwart" gab es in den letzten Jahren einen starken Trend, ökonomischen und sozialkulturellen Faktoren eine große Bedeutung zuzusprechen. Dabei werden den 1970er und 1980er Jahren vor allem innerhalb des Strukturbruchparadigmas besondere Bedeutung für eine Problemgeschichte der Gegenwart beigemessen: in den Jahrzehnten „nach dem Boom" (Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael) sind demnach die „Anfänge der Gegenwart" (Morten Reitmayer/Thomas Schlemmer) zu finden. Gleichzeitig interessiert sich auch die deutsche Unternehmens- und Industriegeschichte verstärkt für diese Zeit und fragt, inwiefern sich in den 1970er und 1980er Jahren ein „neuer Geist des Kapitalismus" (Luc Boltanski/Ève Chiapello) durchgesetzt hat. Der Band führt die Stränge dieser Forschung zusammen und fragt nach grundsätzlichen Veränderungen von ökonomischer Kultur und sozial-kulturellen Mentalitäten: Wie haben sich vor dem Hintergrund gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels Arbeitsethos, Leistungsvorstellungen und Führungskonzepte verändert. Dabei werden zeitgenössische Analysen der sozialwissenschaftliche Umfrageforschung historisiert und gefragt: Gab es den Wertewandel in der Wirtschafts- und Arbeitswelt?
Bereits unmittelbar nach seinem Ende wurde der Erste Weltkrieg in der deutschen Öffentlichkeit als „Zerstörer des Eheglücks“ betrachtet, der Paare voneinander entfremdet, sexuelle Untreue befeuert und die Geschlechterordnung durcheinandergewirbelt habe. In der Geschichtswissenschaft wurde diese These einer kriegsbedingten Krise der Partnerschaft lange Zeit fortgeschrieben. Gleichzeitig hat die internationale Feldpostforschung inzwischen zutage gefördert, wie eng Soldatenpaare trotz ihrer räumlichen und lebensweltlichen Trennung häufig aufeinander bezogen blieben.
Diesen Gegensatz nimmt Stefan Boß zum Anlass, um die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf Partnerschaftsdiskurse und Beziehungserfahrungen in Deutschland zu untersuchen. Über die dichotome Frage nach der (In-)Stabilität von Beziehungen hinaus fragt er nach Brüchen und Kontinuitäten im emotionalen, sexuellen und kognitiven Bereich von Partnerschaft. Durch den systematischen Einbezug der Nachkriegszeit wird eine diachrone Perspektive auf die Wirkungen des Militärkonflikts eröffnet.
Als Teil einer Kulturgeschichte sozialer Beziehungen im Krieg leistet die Studie so einen wichtigen Beitrag zur Familien- und Geschlechtergeschichte des 20. Jahrhunderts.