Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz
Protestantische Schwesternschaften waren prägend für die Geschichte des 19. Jahrhunderts. Trotz aller Hierarchien und des starren normativen Korsetts der ordensähnlichen Anstalten bot sich den Diakonissen die Möglichkeit, eine berufliche Qualifikation und ein gewisses Maß an Selbstständigkeit zu erlangen. Die Studie nimmt Diakonissen aus den deutschen Mutterhäusern in Kaiserswerth, Darmstadt und Bielefeld in den Blick, die an das German Hospital sowie in einige deutsch-protestantische Gemeinden nach London entsandt worden sind. Sie zeigt, wie es ihnen in bestimmten Bereichen gelang, sich Spielräume zu selbstbestimmtem Handeln zu eröffnen.
Bereits im Jahre 1534 reiste ein äthiopischer Mönch nach Wittenberg, um dort Kontakt mit Martin Luther und Philipp Melanchthon aufzunehmen. Der daraus resultierte theologische Dialog markierte den Anfang einer Verflechtungsgeschichte von äthiopisch-orthodoxem Christentum und europäischem Protestantismus.
Das andere Christentum erschließt erstmals die vielfältigen Wechselwirkungen von äthiopisch-orthodoxem Christentum und europäischem Protestantismus im Zeitraum vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Damit bietet es einen neuen Blick sowohl auf die afrikanische als auch auf die europäische Kirchengeschichte der Neuzeit.
Das Werk zeigt beispielhaft, auf welche Weise konfessionell und kulturell divergierende Varianten des Christentums kontinentübergreifend miteinander verknüpft waren, und leistet somit einen grundlegenden Beitrag zur globalen Christentumsgeschichte und der Interkulturellen Theologie. Methodisch knüpft die Arbeit hierbei an den Ansatz der Histoire croisée an und macht ihn für eine transkonfessionelle Kirchengeschichtsschreibung fruchtbar.
Die geschichtswissenschaftliche Studie weist nach, dass sich deutsche AktivistInnen zwischen dem Ende des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend mit AbolitionistInnen im atlantischen Raum vernetzten und eigene sklavereikritische Stellungnahmen in den grenzüberschreitenden Diskurs einbrachten. Die Untersuchung deutscher SklavereigegnerInnen erweitert und verändert nicht nur den Blick auf die Abolitionsbewegung als grenzüberschreitendes historisches Phänomen, sondern auch auf den deutschen Raum als Teil des sogenannten atlantischen Hinterlands.
»Wissen« ist die zentrale Ressource internationaler Organisationen zur Machtausübung. Das Buch untersucht erstmalig aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive wie diese Organisationen ihre Machtressource erlangten. Als Fallbeispiel dient hierbei die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt, die als erste internationale Organisation der Welt Verfahrensweisen für die transnationale Mobilisierung und Genese von Wissen entwickelte, die bis heute prägend sind. Diese Wissensgeschichte des Rheins leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des 19. Jahrhunderts als Zeitalter des Internationalismus.
Kastratensänger standen bislang vor allem im Mittelpunkt des Forschungsinteresses der Musik- und Theaterwissenschaften. Dabei wurden vor allem ihr Wirken auf den Bühnen des italienischen Musiktheaters des 17. und 18. Jahrhunderts oder die Rezeption der hohen Männerstimme auf das barocke Publikum beleuchtet. Die vorliegende geschichtswissenschaftliche Studie konzentriert sich hingegen auf die Personen als soziale Akteure in der Spätphase dieses Phänomens im 18. und frühen 19. Jahrhundert, wobei exemplarisch vier mitteleuropäische Fürstenhöfe (Wien, München, Dresden, Stuttgart) in den Blick genommen werden.
In detaillierten Analysen der Lebenswelten des Hofes und der Residenzstadt fächert die Autorin auf, welchen hohen Stellenwert Kastratensänger innerhalb der höfischen Machtrepräsentation bis zum Schluss besaßen, wie sie sich innerhalb höfischer Anstellungsstrukturen immer wieder erneut positionierten, mit den Bewohnern der Residenzstädte interagierten und welche wichtigen Rollen sie gegenüber Familienangehörigen einnahmen.
Insbesondere durch die Untersuchung des individuellen Umgangs mit dem vermeintlichen körperlichen Defizit kann sie zeigen, dass die Annahme, Kastraten seien in der Endphase ihres Bestehens grundsätzlich als defizitäre »verstümmelte Körper« wahrgenommen worden, revidiert werden muss. Auf diese Weise leistet die Autorin einen innovativen Beitrag zur Kultur- und Geschlechtergeschichte am Übergang von der Frühen Neuzeit ins 19. Jahrhundert.
Die Frage, ob, wann und wie die internationale Gemeinschaft auf Verletzungen humanitärer Normen und damit verbundene humanitäre Krisen reagieren soll, gehört zweifellos zu den vieldiskutierten Themen auf der Agenda der heutigen internationalen Politik. Allerdings tauchte diese Problematik nicht erst am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts plötzlich aus dem Nichts auf, sondern bereits im Verlauf des »langen 19. Jahrhunderts« setzte man sich kontrovers mit dieser Problematik auseinander.
Anhand ausgewählter Fallbeispiele wie dem Kampf gegen den Sklavenhandel (1807–1890), den Militärinterventionen der europäischen Großmächte zur humanitären Nothilfe für christliche Minderheiten im Osmanischen Reich (1827–1878) oder dem Eingreifen der Vereinigten Staaten in den kubanischen Unabhängigkeitskrieg (1898) untersucht Fabian Klose die militärische Praktik und die völkerrechtlichen Debatten zum Schutz humanitärer Normen. Insgesamt etablierte sich in dieser Epoche die Idee der humanitären Intervention als ein anerkanntes Instrumentarium in der internationalen Politik. Eine zentrale Schlüsselrolle bei der Entstehung eines neuen humanitären Interventionsverständnisses übernahm der bewaffnete internationale Kampf gegen den Sklavenhandel als Urtyp der humanitären Intervention. Als Folge kam es zur Ausbildung völkerrechtlicher Leitlinien, die als Begründung für das militärische Eingreifen in verschiedenen Krisenregionen dieser Welt dienten. Das »lange 19. Jahrhundert« kann demnach als das genuine »Jahrhundert der humanitären Intervention« charakterisiert werden, in dem es zu einer signifikanten Verzahnung von militärischem Interventionismus unter dem Banner der Humanität mit kolonialen und imperialen Projekten kam.
Widad Sakakiniʼs work reflects the transformations of Arab societies since the beginning of the twentieth century, particularly the changing gender roles. This study of her shows how she took globally circulating feminist concerns, translated them into her local contexts, and rooted them in Arab-Islamic history through her essays, short stories, and biographies. As an "Arab feminist," being both a feminist and a Muslima went together well for her. By navigating between liberal, socialist, nationalist, and Islamist peer groups, she simultaneously negotiated her own multiple forms of belonging. Taking her life as an example of a transnational biography, this study further argues that it would be unsatisfactory to reduce her complex affiliations and trajectory, spanning Lebanon, Syria, and Egypt, to a mere Islamic, secular or Syrian identity. Rather, she was concerned with balancing and reconciling supposed opposites, such as East and West, reason and spirituality, men and women.
Edmund Schlink (1903-1984), Professor of Dogmatic Theology and Ecumenism at Heidelberg University, was delegated to Rome as an official observer of Vatican II (1962-1965) by the Evangelical Church in Germany (Evangelische Kirche in Deutschland - EKD). At the intersection between contemporary church history and ecumenism Hopf investigates the motives and circumstances of Schlink’s delegation. She studies so far unpublished archival material to show how Edmund Schlink tried to influence the Council proceedings and to distil the observer’s judgement on central Council documents and their authors.
Humanitären Notlagen im Ausland begegnen Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland regelmäßig mit umfangreichen Hilfsmaßnahmen. Humanitäre Hilfe ist dabei das Ergebnis des Zusammenspiels von unterschiedlichen Akteuren: Bundesregierung, in der Auslandshilfe aktive Wohlfahrtsverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen sowie schließlich die spendenwillige Bevölkerung kooperieren in unterschiedlichen Konstellationen und gestalten so gemeinsam ein Politikfeld der Außenbeziehungen der Bundesrepublik Deutschland.
Dieses Politikfeld in seiner heutigen Form hat seinen Ursprung in der westdeutschen humanitären Hilfe für Vietnam während des »amerikanischen Kriegs« (1965-1973). Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erhielten zivile Opfer der Kämpfe in Südvietnam, auch in den vom Vietkong kontrollierten Gebieten, sowie im sozialistischen Nordvietnam umfangreiche Hilfsleistungen aus der Bundesrepublik Deutschland.
Das zeithistorische Werk zeichnet erstmals anhand umfangreicher, größtenteils bisher nicht veröffentlichter Quellen die gesamte humanitäre Hilfe nach, die die Bundesregierung, die Wohlfahrtsverbände, neu aufgekommene Hilfsorganisationen wie terre des hommes sowie die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg in unterschiedlichen Konstellationen für die zivilen Opfer des Vietnamkriegs leisteten. Im Rahmen der Hilfe wurde beispielsweise ein Hospitalschiff nach Saigon entsandt, ein SOS-Kinderdorf in Südvietnam errichtet, ein Krankenhaus in Nordvietnam aufgebaut oder kranke und verletzte Kinder aus Vietnam zur Heilung oder Adoption in die Bundesrepublik verbracht. Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure verlief dabei nicht ohne Konflikte – gerade diese Kooperationen und Konfrontationen ließen aber auch die Begründungsmuster, Instrumente und Verfahren entstehen, auf die angesichts folgender Notlagen wie in Biafra aufgebaut werden konnte und die humanitäre Hilfe der Bundesrepublik Deutschland bis heute prägen.
The Antwerp congregation of the Augsburg Confession of the year 1566/67 was the largest and most important Lutheran congregation of the Netherlands and of outstanding importance for the development of dutch Lutheranism. Before they were expelled, gnesiolutheran theologians such as Matthias Flacius and Cyriakus Spangenberg worked in the congregation. In this investigation the author shows how the daughter congregations and their connections to the Antwerp mother congregation were organised, and examines other consequences of the emigration. The book builds a bridge from the prerequisites that led to the founding of the congregation to the emergence of other congrations.
Johann Arndt (1555-1621) was an influential figure in early modern piety and pietism in Germany. This volume focuses on Arndt's broadly neglected prayer book “Garden of Paradise” (Paradiesgärtlein). Park studies Arndt and his position in Lutheranism is his reception of medieval-mystical and extra-Reformation sources, whose thoughts Arndt allowed to flow into the Protestantism of the 17th Century. Influences on the “True Christianity” (Wahres Christentum, 1605-1610) are Johann Tauler, Theologia Germanica, Angela of Foligno, The Imitation of Christ, Valentin Weigel and Paracelsus and above all the materials of the (pseudo-) Bernard of Clairvaux on the “Garden of Paradise” (Paradiesgärtlein, 1612).
With foundations in medieval times, religious conversations became a powerful control instrument of religious and confessional politics, which was meant as a remedy to inner-Christian and inner-confessional quarrels in the aftermath of the Reformation (16/17th century). From different confessional angles this volume deals with these often transient but highly influential religious conversations at the intersections of Theology and Politics.
Die lutherische »Orthodoxie« behauptet ihren festen Platz in der nachreformatorischen Kirchen- und Theologiegeschichte. Im Gegenüber zu Pietismus und Aufklärung habe es eine historisch erfassbare Größe namens »Orthodoxie« gegeben, die - so die Annahme weiter - all das verkörperte, wogegen Pietisten und Aufklärer dann in bester reformatorischer Tradition sowie zunehmend erfolgreich in die Schranken traten. Dieser Antagonismus und der dahinter liegende Entwicklungsteleologismus verdanken sich allerdings nachweislich den positionellen Bindungen und theologiepolitischen Anliegen bis heute wirkmächtiger historiographischer Entwürfe, wie sie nach G. Arnold beispielsweise auch L. T. Spittler, G. J. Planck, K. Hase, F. Chr. Baur, A. Tholuck und schließlich E. Troeltsch vorgelegt haben. Angesichts dessen wird die Karriere der betreffenden Kategorie als Leitidee, Konstruktion und Gegenbegriff nachgezeichnet und durch Zusammenführung institutionentheoretischer, theologiehistorischer sowie begriffsgeschichtlicher Ansätze analysiert, um ihre historische Belastbarkeit und wissenschaftssprachliche Tauglichkeit zu hinterfragen.