Schriften des Dubnow-Instituts
Die Studie widmet sich den säkularisierenden Wirkungen des modernen Geschichtsbegriffs und seinem Einfluss auf Interpretationen des Judentums. Dafür deutet die Autorin Franz Rosenzweigs „Der Stern der Erlösung" (1921), in dem er dem Fortschritt der Menschheit jegliche Bedeutung absprach und das Judentum außerhalb der Weltgeschichte situierte, als Krisenschrift. Von seiner Offenbarungsphilosophie ausgehend blickt Inka Sauter zurück auf das lange 19. Jahrhundert und die Schriften von Hermann Cohen, der in kaum vergleichbarer Intensität eine Geschichtsphilosophie des Judentums im Namen der Menschheit vertrat. Den Bruch im Übergang von Cohen zu Rosenzweig kontrastiert sie mit der sich der Theologie bedienenden Geschichtsphilosophie Walter Benjamins von 1940. In der Gegenüberstellung der drei Denker gewinnt die „geschichtliche Welt" Kontur.
Wie lässt sich Geschichte von ihrem möglichen Ende her begreifen? Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Philosoph Günther Anders (1902–1992) ist für seine Deutungen der atomaren Endzeit bekannt. Anna Pollmann rekonstruiert aus Anders’ philosophischen und literarischen Schriften sein negatives Geschichtsdenken von der Genese in den 1930er Jahren bis hin zur Rezeption seiner Endzeitdiagnosen in den neuen sozialen Bewegungen. Das Buch erzählt von der Zerrüttung des Geschichtsbewusstseins im 20. Jahrhundert. Es macht sichtbar, wie sehr sich diese auch in der Form seines Werkes spiegelt. Die Zäsuren von Auschwitz und Hiroshima werden dabei in ihrer jeweils unterschiedlichen Bedeutung für die Grenzen historischen Denkens behandelt. Die Topografie von Andersʼ Emigration und Remigration nachzeichnend, führt die Studie an biografische Stationen wie Paris, Los Angeles, Berlin und Wien und in die ideengeschichtlichen Kontexte seines Geschichtsdenkens.