Nova Mediaevalia
Im 15. Jahrhundert wird erstmals die noch junge Drucktechnik im Krieg zwischen Papst Sixtus IV. und der Republik Florenz für Propaganda eingesetzt. Da die Texte in lateinischer Sprache verfasst wurden, waren sie noch nicht massenwirksam, dennoch liefern sie wichtige Zeugnisse für die Mentalität der Protagonisten. Am Ende des Krieges siegte geschickte Diplomatie über militärische Stärke und das gefährdete politische Gleichgewicht der italienischen Halbinsel konnte wiederhergestellt werden. Während der Papst weiterhin zu Kriegen anstiftete, ging Lorenzo de’ Medici aus der Krise als gereifter Staatsmann hervor, der den Frieden für Florenz bis zu seinem Tode 1492 bewahren konnte.
In the 15th century, the emerging printing technology was first used for propaganda in the war between Pope Sixtus IV and the Republic of Florence. Since the texts were written in Latin, they did not appeal to the masses. However, they provide important evidence of the protagonists’ mentality. At the end of the war, skillful diplomacy prevailed over military force, and the threatened political balance of the Italian peninsula could be restored. While the pope continued to instigate wars, Lorenzo de' Medici emerged from the crisis as a mature statesman, able to maintain peace for Florence until his death in 1492.
Wer erklärt das Gesetz des Königs? Ausgehend von dieser titelgebenden Frage werden die Tätigkeit und das Berufsbild der Juristen im Königreich Sizilien untersucht, die das erste Rechtskorpus des westlichen Mittelalters, den »Liber augustalis« (1231) von Friedrich II., glossierten. Die seit dem 13. Jahrhundert an der sizilischen »magna curia« tätigen und königstreuen Richter erklärten mit ihren Glossen das Gesetz des Königs. Die Originalität dieser Glossatoren zeigt sich bei der Auslegung der juristischen Texte und zeichnet sie als Vorläufer einer eigenständigen Rechtstradition aus. Das Buch nimmt erstmals die Glossatoren im Königreich Sizilien als Gruppe von Fachleuten wahr und beleuchtet ihren sozialen und kulturellen Kontext.
Who explains the king's law? The present volume answers this question by examining the work and profession of judges in the Kingdom of Sicily who glossed the “Liber augustalis” (1231), the first legal corpus of the Western Middle Ages promulgated by Emperor Frederick II. These judges, active in Frederick’s Sicilian magna curia since the 13th century and loyal to the king, played an important role in explaining the king’s law with their glosses. Their originality is proven by the way they interpreted legal texts and marks them as pioneers of an independent legal tradition. For the first time, this present volume portrays these glossators in the Kingdom of Sicily as a group of experts and gives insight in both their social and cultural context.
Der Band ist eine Würdigung der Mediävistin Felicitas Schmieder. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kulturkontakte und Wahrnehmungsgeschichte, Prophetie als politische Sprache, Kartographie, Stadtgeschichte, Geschichte „Europas“ und europäische Erinnerungskultur. Der Band spiegelt wesentliche Entwicklungslinien hin zu einer kulturgeschichtlichen Mediävistik, die eng mit ihrer wissenschaftlichen Biographie verknüpft sind. Die Beiträger*innen zeigen die thematischen Weiterentwicklungen ihrer Arbeit in den Themenfeldern vormoderne Kartographie, soziale Gemeinschaften und Stadtgeschichte, kulturelle Begegnungen sowie Prophetie als politische Sprache und Erinnerungskulturen auf. Das Spektrum der Beiträge reicht chronologisch von der Spätantike bis in die Moderne, räumlich vom Indischen Ozean über Ostmitteleuropa bis zur Iberischen Halbinsel, methodisch von quellenerschließenden bis theoriegeleiteten Studien. Damit bietet der Band eine Standortbestimmung einer modernen, epochen-, raum- und disziplinenübergreifenden mediävistischen Geschichtswissenschaft.
As a tribute to Felicitas Schmieder, the volume reflects essential lines of development towards a culturally orientated approach in medieval studies closely linked to her academic biography. The authors contributing to the volume further advance her work in the thematic fields of pre-modern cartography, social communities and urban history, cultural encounters, prophecy as a political language and the perception of pre-modern history. The contributions presented here delineate a modern, interdisciplinary approach to medival studies by covering a broad spectrum, ranging chronologically from late antiquity to modernity, spatially from the Indian Ocean to Eastern Central Europe to the Iberian Peninsula, and methodologically from source- to theory-based studies.
Vita und Abenteuer des irischen Seefahrerheiligen Brendan (dt. Brandan) sind Jahrhunderte lang in Europa erzählt, um- und weitergeschrieben worden. Die Beiträge des Bandes – Ergebnis einer internationalen Brandan-Tagung in Flensburg – gehen der Transformation der Figur nach. Namhafte Forscherpersönlichkeiten untersuchen zahlreiche Phänomene und Kontexte der Brandan-Tradition: Querverbindungen zu keltischen Erzählungen; die Verortung der Brandan-Inseln in der Kartografie; motivische, mediale und kommunikationsgeschichtliche Aspekte wie die Zaumdieb-Episode, die Bildprogramme der Handschriften und Drucke, die Dialoge des Heiligen mit seinen Mönchen, die Grundlagen der Legende in der Handschriftenkultur des Mittelalters und die klösterlichen Lesepraktiken sowie den Komplex der umfangreichen Brandan-Bildzeugnisse.
The life and the adventures of Brendan – seafaring saint from Ireland – have been told, rewritten and re-narrated in Western Europe for centuries. The contributions in this volume, result of an international Brendan conference in Flensburg, explore the transformation of the figure in a multiperspective way. Renowned scholars examine multiple phenomena and contexts of the Brendan tradition: cross-connections to Celtic narratives; the location of the Brendan Islands in cartography; aspects of narrative motifs, mediality, and communication history such as the bridle-thief episode, the pictorial programmes of the manuscripts and prints, the saint’s dialogues with his monks, the foundations of the legend in the manuscript culture of the Middle Ages and monastic reading practices, as well as the complex of widespread pictorial testimonies.
Die Vielgestaltigkeit und Tiefe mittelalterlicher Bildung und Wissenschaft wird häufig unterschätzt. Gerade das spätere Mittelalter entwickelte eine Fülle von Ansätzen und Konzepten. Aber auch schon das Denken der antiken oder frühmittelalterlichen Menschen war ähnlich komplex wie das der späteren. Bedeutsame Entwicklungen vollzogen sich im Mittelalter zum einen im Bereich der Bildungsinstitutionen, von den Kloster- und Kathedralschulen bis hin zum Schulwesen des späteren Mittelalters, zum anderen in den verschiedenen Disziplinen, von den sieben freien Künsten über Philosophie, Theologie, Recht, Geschichtsschreibung und politische Theorie hin zu den mechanischen und magischen Künsten. Dabei geht es keineswegs darum, im hegelianischen Sinne einen Prozess der allmählichen Bewusstwerdung des menschlichen Geistes nachzuzeichnen. Der Band zeigt vielmehr die wachsende Vielfältigkeit der Gedankenwelten, sowohl in einem chronologischen Durchgang durch die Geschichte der Institutionen und der Lehrpläne als auch in Überblicken über die mittelalterliche Entfaltung der Fächer und Themen.
The diversity and depth of medieval literacy and scientific thought has often been underestimated. Even though there was no continuous process of rising human consciousness and awareness and no rise of complexity in thought in comparison between antiquity, the earlier and the later middle ages, there was a growing corpus of knowledge and an intense development of institutions, starting from the monastic and cathedral schools and leading to universities and other later forms of schools. The book follows these developments as well as the evolvement of the various disciplines, starting from the seven liberal arts, philosophy, theology and law to history, political theory, and the seven mechanical and magical arts. Thus, it will demonstrate the rising compexity of scientific ideas and methodological approaches which provided an important starting point for the modern developments.
Die politische Geschichte des Mittelalters muss im Spannungsfeld zwischen fragmentierter Überlieferung, geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen und modernen gesellschaftlichen Diskursen immer wieder neu geschrieben werden. Anlässlich des 80. Geburtstags von Hagen Keller haben frühere Mitarbeiter*innen darüber diskutiert. Damit dokumentieren die Beiträge nicht nur die Breite der Themen, zu denen Hagen Kellers Œuvre substanzielle Impulse gegeben hat, sondern auch eine autoreflexive, problemfokussierte Denkrichtung, die die Kooperation mit ihm geprägt hat.
On the occasion of Hagen Keller's 80th birthday, former collaborators have discussed how political history of the Middle Ages must always be rewritten in the field between fragmented tradition, historiographical findings and modern social discourses. In this way, the contributions document not only the breadth of topics to which Hagen Keller's œuvre has provided substantial impulses, but also an autoreflexive, problem-focused line of thought that has shaped the cooperation with him.
Welche Rolle spielte Olfaktorik (Geruchssinn und Geruch) in der mittelalterlichen (Frauen-)Mystik? Am Beispiel der Niederschrift der Visionen von Agnes Blannbekin durch ihren Beichtvater sucht diese Studie nach einer Antwort. Eine Handschriften- und Kontextanalyse stellt erstmals alle bekannten Textzeugen und Editionen der Visionen zusammen, wobei sichtbar wird, wie fragil das Wissen über die Person der als Wiener Begine bekannten Agnes Blannbekin ist. Die anschließende Untersuchung der Visionen verdeutlicht, dass dem Olfaktorischen im Vergleich zu anderen Sinnen eine herausgehobene Stellung zukommt. Die Verwendung von Olfaktorik ermöglicht eine narrative Entgrenzung in mehreren Bereichen, sie erlaubt der Protagonistin eine erweiterte Handlungspotentialität und stellt eine religiös-individualisierte Lebensform einer frommen, alleinlebenden Jungfrau an der Schwelle des 14. Jahrhunderts vor.
What role did olfaction, the sense of smell and scent, play in medieval (women’s) mysticism? Using the example of the transcription of Agnes Blannbekin’s visions by her confessor, this study seeks an answer. A manuscript and context analysis brings together for the first time all known textual witnesses and editions of the visions, revealing how fragile the knowledge about the person of Agnes Blannbekin, known as the Viennese Beguine, is. The subsequent examination of the visions makes it clear that the olfactory has a prominent position compared to other senses. The use of olfaction enables a narrative softening of boundaries in several areas, it allows the protagonist an expanded potentiality for action and presents a religiously-individualised way of life to a pious virgin living alone on the threshold of the 14th century.
Bruderschaften im Mittelalter waren der Kitt, der die städtische Gesellschaft zusammenhielt. Die vorliegende Edition gibt einen umfassenden Einblick in drei der wichtigsten Bruderschaften der Kaufleuteeliten Lübecks sowie in ein kleinbürgerliches Pendant. Sie zeigt zum einen durch einen nahezu vollständigen Katalog der Bruderschaftsmitglieder die Vernetzung der Kaufleute und Bürger in der Stadt auf, zeugt zum anderen aber auch von der allumfassenden Vorsorge für das eigene Seelenheil einer Stadtgesellschaft im Mittelalter. Durch diese Listen ist es möglich, die Entwicklung städtischer Bruderschaften von ihrer Gründung bis zur Reformation umfassend zu verfolgen.
This edition offers the opportunity to get an inside view in three of the most important confraternities of the Lübeck merchant-elite in the Late Middle Ages. As well as a rare glimpse of the activities of an urban petty bourgeois brotherhood. The nearly complete list of all members of the brotherhoods shows on the one hand the network and networking of the urban elites. On the other hand the edition indicate the all embracing precautions of all burghers for the Kingdom come and the time in purgatory. The membership-lists of these confraternities allow a complete view on the development of these institutions, from their foundation up to the reformation.
Till Hennings untersucht anhand der überlieferten Handschriften die Sammlung von Dichtung im Ostfrankenreich des 9. Jahrhunderts. Dabei werden die Verbindungen zwischen Institutionen und Personen im kulturellen Netzwerk der karolingischen renovatio offengelegt. Für zahlreiche Handschriften wird erstmals eine kodikologische Untersuchung nach modernen Gesichtspunkten vorgenommen. Diese Analyse der Nutzung der Handschriften ergibt eine Neusituierung der Dichtung bezüglich ihrer Multifunktionalität innerhalb der vielfältigen institutionell-pragmatischen Kontexte. Insbesondere das Verhältnis von Schule und Dichtung wird konkretisiert und gezeigt, dass Dichtung nicht nur Schullektüre und Handschriften mit Dichtung nicht nur Schulbücher waren. Die strukturelle Ordnung des Bandes nach Skriptorien ist ferner ein Beitrag zur Bildungsgeschichte der einzelnen Schreiborte.
The topic of this volume is the Collection of Poetry in 9th century East Francia on the basis of the surviving manuscripts. It gives a fresh look on the connections between institutions and persons in the network of the Carolingian 'renovatio'. Many manuscripts have been analysed here according to modern codicological standards for the first time. The analysis of the use of the manuscripts has resulted in a new appraisal of poetry in the institutional and pragmatic contexts of the time. The topic of the educational use of poetry has been greatly expanded in this context. The arrangent of the study in terms of single scriptoria has also presents a educational history of these institutions.
Mit außergewöhnlicher Schaffenskraft und immensem innovativen Gespür hat der Hamburger Historiker und Professor für mittelalterliche Geschichte Jürgen Sarnowsky die geschichtswissenschaftliche Forschung entscheidend geprägt. Wieder und wieder bahnte er neue Wege und erschloss neue Felder des historischen Arbeitens im regionalen, globalen und digitalen Raum. Die in diesem Buch zu seinen Ehren versammelten Beiträge von Freund_innen, Schüler_innen und akademischen Wegbegleiter_innen Sarnowskys treten in Dialog mit seinem Schaffen und bieten erhellende neue Einblicke in zentrale Bereiche seines Werks. Sie handeln vom Norden und der Hanse, vom Mittelmeerraum, vom Deutschen Orden, den Digital Humanities sowie von Reisen und der Ferne.
With extraordinary productivity and immense innovative intuition, historian Jürgen Sarnowsky, professor of medieval history in Hamburg, has decisively impacted historical research. Time and again, he has forged new paths and opened up new fields of historical inquiry in regional, global, and digital spheres. The articles by friends, students, and academic companions assembled in this volume in Sarnowsky’s honor enter into a dialogue with his works and offer illuminating new insights into central areas of his oeuvre. They encompass the North and the Hanseatic League, the Mediterranean region, the Teutonic Order, and digital humanities, as well as travel and distance.
Die Untersuchung von Chroniken, wissenschaftlicher Literatur, Reiseberichten und weiteren Texten erlaubt eine Annäherung an Wahrnehmungen und Vorstellungen der Autoren und ihrer Zeit. Es wird deutlich, dass grundsätzliche Einstellungen die Wahrnehmung beeinflussten, zum Beispiel basierte die Kritik an Königsherrschaft auf Vorstellungen über einen idealen Herrscher. So waren die Vorstellungen von Herrschaft auch dort „konservativ“, wo man es nicht unbedingt erwarten würde, etwa in der städtischen Chronistik oder bei „Reformern“. Darüber hinaus kann man aber sowohl im politischen Bereich wie in Aspekten des Alltagslebens einen steten Wandel der Vorstellungen feststellen und es lassen sich in den Texten bewusste Umdeutungen durch die Protagonisten selbst erkennen.
The analysis of chronicles, academic literature, travel literature and additional texts enables an approach on perceptions and ideas of the authors and their time. It becomes clear that profound ideas influenced the perception, e.g. the criticism on the reign of the king was based on the conception of an ideal ruler. Thus, the conceptions of a reign were even “conservative” where nobody would expect them to be, e.g. with urban chroniclers or reformers. Moreover, a constant change in the conceptions can be identified not only in political areas and aspects of everyday life but also as intentional reinterpretations by the main characters themselves.