Home Education Monika Marose und Katja Schütze (Hg.), Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation. Erinnerungskulturen im Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen und in der außerschulischen Bildung (Glaube – Wertebildung – Interreligiosität. Berufsorientierte Religionspädagogik 20). Münster/New York (Waxmann) 2021, 282 S., € 34,90.
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Monika Marose und Katja Schütze (Hg.), Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation. Erinnerungskulturen im Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen und in der außerschulischen Bildung (Glaube – Wertebildung – Interreligiosität. Berufsorientierte Religionspädagogik 20). Münster/New York (Waxmann) 2021, 282 S., € 34,90.

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Published/Copyright: September 8, 2022
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Marose Monika Schütze Katja Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation. Erinnerungskulturen im Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen und in der außerschulischen Bildung (Glaube – Wertebildung – Interreligiosität. Berufsorientierte Religionspädagogik 20) Münster/New York Waxmann 2021 € 34,90. 1 282


Auschwitz 1996: Ein photo-mosaic von Psychotherapeutin und Künstlerin Ellen Mendel ziert das Cover des Sammelbandes Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation. Erinnerungskulturen im Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen und in der außerschulischen Bildung. Das Titelbild zeigt die Abbildung eines Gebäudes hinter Stacheldraht in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, die vierfach gespiegelt wird und deren horizontale Spiegelungen durch einen vertikalen schwarzen Balken voneinander abgegrenzt werden. Im Balken in der Mitte der Collage spiegelt sich fein angedeutet die Fotografierende, die sich damit selbst zum Motiv in Bezug setzt. Ellen Mendel, die sich 1995 auf Spurensuche nach ihren Verwandten an ihre Tötungsorte Sobibor, Theresienstadt und Auschwitz begab, hat einen langen Weg der Versöhnung mit Deutschland, ihrem Geburtsland, hinter sich. Die Schoah kostete 28 ihrer Familienmitglieder das Leben, sie selbst konnte mit ihren Eltern 1939 noch nach Amerika aufbrechen. Nach dem Krieg reiste sie seit 1956 immer wieder zurück nach Europa, um einerseits zu versuchen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und später, um sich mit Jugendlichen und Erwachsenen als Zeitzeugin über ihre Geschichte und jene ihrer Familie auszutauschen. «I also felt a responsibility to be the voice for the 6 million Jews including my mother’s family and especially my grandparents.» (Ellen Mendel, 135)

Alarmiert durch «sich ausbreitende antisemitische und radikalisierende Tendenzen in der Gesellschaft» (7) und ein Unbehagen an etablierten Formen des Gedenkens geht die Publikation von Monika Marose und Katja Schütze der Grundfrage nach einem Wie dieses Erinnerns aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nach. Ihr Sammelband wagt mit 14 Beiträgen einen «Blick zurück nach vorne» (14) ins Erinnerungslernen im Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen und in der außerschulischen Bildung. Dabei beachtet der Band die von den Autor:innen immer wieder geforderte Multiperspektivität selbst ebenfalls, indem Vertreter:innen aus Pädagogik, Soziologie, Wirtschaft, Kirche, Geschichtswissenschaft und Theologie zu Wort kommen und den Gegenstand Erinnerungskulturen aus dem Blickwinkel verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen umreissen.

Alle Beiträge des Bandes tragen maßgeblich dazu bei, zentrale «Wandel und Bruchkanten» (Heidi Behrens und Anke Hoffstadt, 48) und damit zu beachtende Umbrüche im Erinnerungslernen zu skizzieren. Christopher König beschreibt mit Rückgriff auf das Medienprojekt Yolocaust des Satirikers Shahak Shapira anschaulich, dass «neue partizipative Erinnerungspraktiken für die Lernenden von heute» (203) dringend benötigt werden, denn der heutige Umgang mit Geschichte und ihrer gesellschaftlichen Rezeption sei selbst Streitfall und soll auch Teil eines Aushandlungsprozesses sein – bestenfalls eines Lernprozesses, der im Dialog mit Lernenden bearbeitet und thematisiert wird.

Erinnerungslernen soll Lernende u. a. befähigen, Deutungshoheiten und Machtkonstruktionen kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen. Gerade die berufliche Bildung befindet sich dabei in einem Spannungsfeld zwischen einer an ökonomischen Prinzipien orientierten Bildung im Dienste der Wirtschaft und einer Bildung, die im Sinne einer kritischen Bildungstheorie zur Stärkung des Subjekts beiträgt, indem Lernende ermächtigt werden, sich gegen vereinnahmende Tendenzen zur Wehr zu setzen (vgl. Franz Kaiser, 157 ff.). Zur kritischen Auseinandersetzung mit Machtansprüchen gehören nicht zuletzt auch Fragen nach unserem aktuellen Geschichtsverständnis und dessen politischer Zielsetzung.

Die Beachtung der verschiedenen Kontexte der Lernenden ist ein spürbares Anliegen aller Beiträge des Bandes. Innerhalb einer Lerngruppe existieren weit mehr Erinnerungskulturen und soziale Gedächtnisse, als es der aktuelle Unterricht im Blick zu haben scheint. Diesen Umständen der Heterogenität, Diversität und Pluralität muss Rechnung getragen werden, sodass es möglich wird, «Geschichten mehrperspektivisch aus der Lerngruppe heraus aufzudecken und zu entwickeln» (Andreas Obermann, 231). Auch der Soziologe Oliver Dimbath gibt zu bedenken, dass die globalisierte Moderne «durch ein Aufeinandertreffen der Erzeugnisse multipler Vergangenheiten gekennzeichnet» ist, «die aus mannigfachen sozialen Gedächtnissen unterschiedlicher Gruppen hervorgehen» (181). Dieses Nebeneinander verschiedener sozialer Gedächtnisse fordert einen eingeübten Umgang mit dieser Vielstimmigkeit und einen Ethikunterricht, der zu Toleranz erzieht, eine «Religionspädagogik der Vielfalt» (Christopher König, 215). Damit Erinnerungslernen für alle anschlussfähig wird, braucht es multiperspektivische Zugänge zu den Themen und Ansätze für «multidirectional memory» (Katja Schütze, 245 ff.). Ein «Wandel von der Vermittlung zur begleiteten Selbsttätigkeit» (Heidi Behrens und Anke Hoffstadt, 53) zeigt sich bereits in Ansätzen in den neueren und von der Gedächtnisforschung beeinflussten Entwürfen aktueller Gedenkstättenpädagogik.

Die Digitalisierung ist ein weiterer dynamischer Wandel, der Erinnerungskulturen wesentlich betrifft und der im Erinnerungslernen und in den entsprechenden methodischen und didaktischen Entwürfen noch zu wenig Beachtung findet (vgl. Georg Wagensommer und Ulrich Löffler, 104 f.). Auseinandersetzung mit digitalen Zeugnissen kann gelingen, «wenn zugleich ein Wissen über die Herstellung und nicht zuletzt die Begrenzungen von Präsentationen dieser Art erworben wird» (Heidi Behrens und Anke Hoffstadt, 72 f.), oder wenn Lernende die Möglichkeit erhalten, sich über die «Ebene der «Gemachtheit»» (ebd.) ebenfalls Gedanken zu machen.

Dass der Religionsunterricht für Erinnerungslernen unter Beachtung der ausgeführten Punkte Räume bieten kann, zeigen nicht zuletzt die im Band präsentierten Studienergebnisse der Forschungsgruppe REMEMBER, die über 1200 Religionslehrende zu ihrem Unterricht im Thema Erinnerung an den Holocaust befragte. Die Antworten der Lehrpersonen weisen dem Religionsunterricht eindeutig einen «spezifischen Beitrag (…) zu der Querschnittsaufgabe aller Fächer der Erziehung und Bildung nach Auschwitz» zu (Reinhold Boschki, Martin Rothgangel und Thomas Schlag, 43).

Der Beitrag von Marion Gardei, die sich im Rückgriff auf das Konzept der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zu Chancen und Herausforderungen im Erinnerungslernen für «Kirchen und Gemeinden als Institutionen des kollektiven Gedächtnisses» (120) äußert, ergänzt den spezifischen Beitrag religiöser und religionsbezogener Bildung um die Kooperationsperspektive mit säkularen Akteur:innen im Erinnerungslernen. Der eigene Zugang des Religionsunterrichts ergibt sich nebst der immer wieder hervorgehobenen Biografiearbeit aus einem spezifischen Augenmerk für die Antisemitismusthematik und für Menschenrechtslernen (vgl. Reinhold Boschki, Martin Rothgangel und Thomas Schlag, 39, und Wilhelm Schwendemann, 185 ff.). Gerade das frühzeitige Erkennen und Vorgehen gegen antisemitische Tendenzen wird als Anliegen des Sammelbandes deutlich zur Sprache gebracht, indem zuletzt auch in den unterrichtlichen Konkretionen (Uri Robert Kaufmann, 257 ff.) Gemeinsamkeiten zwischen Religionen betont werden und in der Praxis zur Antisemitismusprävention dienen.

Aktualisiertes erinnerndes Gedenken benötigt «inhaltliche Erweiterungen», unter Einbezug «selten gehörte(r) Lebensgeschichten und vernachlässigte(r) Geschehnisse», und «transnational ausgerichtete(r) Themen» wie z. B. Arbeit und Wirtschaft und Widerstand (Heidi Behrens und Anke Hoffstadt, 81). Aktivität und Partizipation der Lernenden bilden dabei Leitlinien eines auf Aktualität und Anschlussfähigkeit bedachten Unterrichts im Gedenken an die Schoah, um «eine möglicherweise noch nie gespielte Saite auf diese Weise in jungen Menschen zum Klingen [zu] bringen, ihr einen Resonanzraum zu verschaffen, (…) um so kraftvoll eine Wegmarke in Richtung «Nie wieder!» setzen zu können (…)» (Reinhold Boschki, Burkard Hennrich, Stefan Lemmermeier, Rebecca Nowack, 271).

Der Sammelband Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation schafft es, dass die aktuelle Erinnerungspraxis kritisch hinterfragt, gelungen erweitert, mithilfe tief schürfender Beiträge theoretisch eingeordnet und mit good practice Beispielen für die Praxis fruchtbar gemacht wird. Wissenschaft und Praxis sind in dieser Publikation aktiv im Dialog miteinander und ergänzen sich in ihren Perspektiven. Die Beiträge regen zum Nachdenken, Neudenken und Weiterdenken des Erinnerungslernens an.

Diese von Erinnerungskulturen und vom Erinnerungslernen erhoffte Resonanz braucht Zeit und Raum in der Bildung. Dass Zeit für den Religionsunterricht speziell ein kostbares und knappes Gut ist, wird in vielen Beiträgen wiederholt problematisiert, doch machen die Beiträge auch Hoffnung, dass mithilfe zur Verfügung gestellter Ressourcen dieser im Titel angesprochene «schwierige Brückenschlag» (Christopher König, 206) gelingen kann und präventiv gegen menschenfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft vorgebeugt werden kann.

Den Autor:innen der Beiträge in Monika Maroses und Katja Schützes Publikation ist es gelungen, für Religionslehrende und andere Interessierte am Erinnerungslernen eine Übersicht mit ergiebigen Hilfestellungen, Tipps und Einordnungshilfen mit vielen sich-eröffnenden Räumen für die unterrichtliche Praxis mitzugeben.

Published Online: 2022-09-08
Published in Print: 2022-08-30

© 2022 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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  1. Titelseiten
  2. Editorial
  3. Beiträge
  4. Geschichtskultur und Globalisierung. Anregungen aus der Geschichtsdidaktik für kirchengeschichtliche Themen im Religionsunterricht
  5. Postkoloniale Kirchengeschichtsdidaktik im Horizont der Lebenswelten Heranwachsender
  6. Sakralisierung des Alltags. Gegenstände als Zugänge zur Kirchengeschichte
  7. Kirchengeschichtliches Lernen in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Dis/ability History als diversitätssensibler Zugang zur Kirchengeschichte
  8. Zum Einsatz von Virtual Reality in der Kirchengeschichtsdidaktik – Lernen digital erweitern
  9. Kirchengeschichtsdidaktik ‚up to date‘. Grundlegungen und Perspektiven am Beispiel von MrWissen2go
  10. Aus der aktuellen Forschung
  11. Das unterrichtliche Angebot zu Standpunktfähigkeit und Perspektivenwechsel. Eine explorative Videostudie
  12. Zur Diskussion
  13. Christlicher oder evangelischer Religionsunterricht? Zur Wiederkehr der unliebsamen Bekenntnisfrage
  14. Das besondere Buch
  15. Forschungsgruppe REMEMBER (Hg.), Erinnerung an den Holocaust im Religionsunterricht. Empirische Einblicke und didaktische Impulse (Religionspädagogik innovativ 35). Stuttgart (Kohlhammer) 2020, 275 S., 29,00 €.
  16. Rezensionen
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  18. Christian Soboth (Hg.), Johann Adam Steinmetz und Kloster Berge. Zwei Institutionen im 18. Jahrhundert (Hallesche Forschungen 60), Halle (Verlag der Franckeschen Stiftungen) 2021, XV u. 272 S., € 54,00.
  19. Marina Kiroudi, Orthodoxer Religionsunterricht in Deutschland. Geschichte, Rahmenbedingungen, Perspektiven (Eastern Church Identities). Paderborn (Ferdinand Schöningh), 2021, 367 S., € 129,00.
  20. Habib El Mallouki, Sprechakttheorie als pragmatische Wende in der Linguistik und ihre Wirkung auf die Rezeption religiös-normativer Texte. Göttingen (V&R unipress) 2021, 244 S., € 40,00.
  21. Anne Polster, Jugendliche und ihre Konfirmation. Theologische Diskurse – empirische Befunde – konzeptionelle Erwägungen. (Praktische Theologie heute, 179). Stuttgart (Kohlhammer) 2021, 345 S., € 39,00.
Downloaded on 6.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/zpt-2022-0040/html?lang=en
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