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Kirchengeschichtsdidaktik ‚up to date‘. Grundlegungen und Perspektiven am Beispiel von MrWissen2go

  • David Käbisch

    Professor für Religionspädagogik

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    and Konstantin Lindner

    Professor für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts am Institut für Katholische Theologie

Published/Copyright: September 8, 2022
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Zusammenfassung

Es gibt immer mehr Literatur, in der die Bedeutung des digitalen Geschichtenerzählens in der Lebenswelt von Schüler:innen untersucht wird. Ausgehend von ambivalenten Narrativen in religionsbezogenen Erklärfilmen von MrWissen2go alias Mirko Drotschmann fragt vorliegender Beitrag nach Perspektiven einer aktuellen Didaktik der Kirchengeschichte: erstens bezüglich Kirchengeschichte als Zugang zur religiösen Deutung der Wirklichkeit in säkularer Zeit, zweitens hinsichtlich postkolonial revidierter Ansätze und drittens in Bezug auf die Herausforderungen der Digitalisierung. Insgesamt leistet dieser Aufsatz einen innovativen Beitrag zu neueren historiographischen und didaktischen Debatten über Religion und Bildung heute.

Abstract

There is a growing body of literature recognizing the importance of digital storytelling in the living environment of students. Based on ambivalent narratives in religion-related explanatory films produced by MrWissen2go alias Mirko Drotschmann the article focusses on new perspectives of teaching church history: firstly, on church history as an approach to religious interpretation of reality in secular times, secondly, on postcolonial revised approaches in Church history, and thirdly, on the challenges of digitality. In sum, this paper contributes to recent historiographical as well as didactical debates concerning religion and education today.

Wer im Internet nach Informationen zu (kirchen-)historischen Themen sucht, stößt schnell auf eine große Zahl an Erklärfilmen unterschiedlicher Herkunft, Machart und Qualität. Bekannt und beliebt sind vor allem die Filme von MrWissen2go alias Mirko Drotschmann, dessen YouTube-Kanal derzeit 1,9 Millionen Abonnent:innen zählt.[1] Wenngleich keine differenzierten Nutzerdaten vorliegen, kann davon ausgegangen werden, dass viele Schüler:innen die Filme sehen, um Themen aus dem Politik-, Geschichts-, Ethik- oder Religionsunterricht (z. B. in Prüfungssituationen) zu wiederholen. Auch Lehrkräfte wählen Erklärfilme aus, um historische Themen im Unterricht einzuführen, zu erarbeiten oder einfach nur auf eine unterhaltsame und lehrreiche Art zu illustrieren.[2]

Die Herausforderungen, die von MrWissen2go und anderen populären Produktionen für Geschichtsvermittlung und historische Bildung ausgehen, haben Christian Bunnenberg und Nils Steffen in einem 2019 erschienenen Sammelband diskutiert.[3] Die von ihnen zusammengetragenen Leitfragen lassen sich unmittelbar auf die Kirchengeschichtsdidaktik beziehen: „Lässt sich eine Orientierung an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nachweisen oder dienen die Kanäle zur Verbreitung etablierter Geschichtsbilder und Basisnarrative? Wird in den Erklärvideos der Konstruktcharakter von Geschichte transparent gemacht und zu einer reflektierten und kritischen Auseinandersetzung mit den Inhalten eingeladen? Werden möglicherweise sogar weiterführende Informationen und historische Quellen zur Vertiefung verlinkt?“[4]

Ausgehend von diesen Leitfragen und typischen Erzählstilen in digitalen Medien (Werbespots, Tutorials, Spiele, Webserien etc.) beschäftigt sich der vorliegende Artikel mit ausgewählten Herausforderungen, die sich daraus für die Kirchengeschichtsdidaktik ergeben.

Doch anders als im Politik-, Geschichts- oder Ethikunterricht geht es bei der Thematisierung kirchengeschichtlicher Inhalte im Religionsunterricht nicht nur um die Erschließung der noch heute identifizierbaren geschichtlichen Prägung von Gesellschaft und Kultur durch das Christentum und andere Religionen. Vielmehr steht religiöse Bildung insofern im Fokus, als Schüler:innen durch eine Auseinandersetzung mit Kirchengeschichte(n) motiviert werden sollen, eine eigene, wahrheitsbezogene Position hinsichtlich Religion(en) und Fragen der Religiosität auszuprägen und diesen Standpunkt für ihre persönliche Lebensgestaltung fruchtbar zu machen. Kurzum: Es geht darum, historisches Lernen als einen Zugang zu religiöser Wirklichkeitsdeutung im Kontext der Sinnbedürfnisse der Schüler:innen zu profilieren. Nicht zuletzt deshalb zählt die Erschließung historischer Dimensionen von Religion seit langem zu den grundlegenden Lern- und Bildungsgelegenheiten im Religionsunterricht.[5]

1. Subjektorientierte Grundlegung: Mehrsinnig-reflexive Zugänge zur Kirchengeschichte angesichts von gegenwärtigen Sinnbedürfnissen

Wird der analytische Fokus bei MrWissen2go auf die Wissenspräsentation gerichtet, so fällt bei vielen Filmen auf, dass Drotschmann die Angebote seines Kanals häufig „mit seiner eigenen Betroffenheitsgeschichte“[6] begründet. Im Film „Gottloses Deutschland? Warum die Kirchen ein Problem haben“ erzählt er beispielsweise von seiner Kindheit in einem katholischen Dorf und einem katholischen Kindergarten, obwohl er selbst evangelisch war und sich deshalb häufig (z. B. bei der Erstkommunionfeier) als Außenseiter fühlte.[7] Auch wenn es in diesem Film stärker um die Zukunft als um die Vergangenheit der Kirche geht, wird daran ein typischer Zug seiner Erklärfilme deutlich: MrWissen2go präsentiert Themen auf einer persönlichen Ebene und möglichst ‚authentisch‘. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg der Filme ist dabei „die mediale Inszenierung von Subjektauthentizität, verstanden als verkörperte (Selbst-)Darstellung eines vermeintlich echten, unverstellt natürlichen und daher puren Selbst.“[8] Oder anders ausgedrückt: Das Subjekt kommt mit seinen Sinn- und Orientierungsbedürfnissen explizit zur Sprache, um einen Zugang zu den Themen zu erleichtern.

Unabhängig davon, wie die (kirchen-)historiographische Validität dieser Erklärfilme im Einzelnen einzuschätzen ist, kann die Kirchengeschichtsdidaktik von einem subjektorientierten Zugang profitieren. Wird Lernen mit bzw. an Kirchengeschichte lediglich als Erwerb von historischem Wissen konzeptualisiert, bleibt das sich bildende Subjekt mit seinen Sinn- und Orientierungsbedürfnissen weitgehend außen vor – sicherlich ein Grund dafür, warum für viele Schüler:innen das Auswendiglernen historischer Daten und Ereignisse wenig attraktiv ist: Sie erachten derart präsentierte (Kirchen-)Geschichte nicht selten „als langweilig und verstaubt“[9]. Jugendliche finden die Beschäftigung mit Vergangenem besonders – so Ergebnisse der Sinus-Milieu-Studien – interessant, wenn „sie sich in die Zeit und die Lage der von den historischen Ereignissen betroffenen Menschen versetzen können“[10]. Nicht zuletzt dann nehmen Schüler:innen historisches Lernen als Option wahr, um die Gegenwart zu verstehen oder gar Orientierung für die eigene Lebensgestaltung zu gewinnen; u. a. dahingehend, „wie negative Ereignisse künftig am besten zu vermeiden seien […] [und], dass die Menschen generell mit Blick auf die Geschichte den Unsinn von Kriegen, Gewalt und totalitären Regimen erkennen“[11].

Kirchengeschichtsdidaktik[12] ist daher im Sinne einer geschichtsbewussten Sinnbildung anzulegen, die ihren Ausgangspunkt – mit Jan Assmann gesprochen – bei „den Sinnbedürfnissen und Sinnrahmen eines gegebenen Individuums oder einer Gruppe innerhalb einer gegebenen Gegenwart“[13] nimmt. Im Kontext dieses Horizonts gilt es, Schüler:innen (Lern-)Wege einer (selbst-)reflexiven Auseinandersetzung mit Vergangenem im Modus der Gegenwart auf Zukunft hin anzubieten. Auf diese Weise kann ihnen die Ausprägung von Geschichtsbewusstsein ermöglicht werden, nämlich die Fähigkeit, aus verschiedenen geschichtlichen Facetten eine Synthese herzustellen, zugleich die eigene „Geschichtlichkeit“[14] sowie ein potenzielles Verstricktsein in Kirchengeschichte zu reflektieren und daraus Orientierung sowie Sinn zu gewinnen.

Ein entscheidendes Kriterium für die unterrichtliche Gestaltung kirchengeschichtlichen Lernens markiert hierbei die „Mehrsinnigkeit, um die Fülle der vergangenen Lebensäußerungen zu vergegenwärtigen“[15]. Denn um Schüler:innen einen mehrere Sinne adressierenden Zugang zu Kirchengeschichte zu bieten, braucht es im Unterricht Begegnungsoptionen mit unterschiedlichen Quellen, die vergangenes Leben repräsentieren und damit zugänglich machen, wie Menschen in vorausliegenden Zeiten ihre Welt religiös gedeutet und gestaltet haben: Texte, Bilder, Fotos, Filme, Musik, Alltagsgegenstände, Kleidung, Schmuck, Gebäude, Zeitzeug:innen etc. Nicht zuletzt ist auf diese Weise ein multiperspektivischer Zugang zum kirchengeschichtlich Vorausliegenden möglich, der die Lernenden zum Perspektivenwechsel anregt und für den rekonstruktiven Charakter historischer Darstellungen sensibilisiert.[16]

Eine derart grundierte Kirchengeschichtsdidaktik bedeutet dann, dass die lernenden Subjekte in Abhängigkeit von ihren persönlichen Frageinteressen vorfindliche Quellen oder bspw. in Erklärfilmen konstruierte (Kirchen-)Geschichtserzählungen nicht lediglich ‚naiv‘ rezipieren, sondern einer kritischen Prüfung unterziehen: Was ist als ‚wahr‘ einzustufen und warum? Welche Welten und religiösen Weltdeutungen werden zugänglich und was lässt sich daraus für die eigene (religiöse) Weltdeutung rezipieren?[17]

2. Perspektiven: Religiöse Wirklichkeitsdeutung und zeitgemäßes historisches Lernen

Zum Kerngeschäft kirchengeschichtsdidaktischer Reflexionen gehört es, zu ergründen, welche gegenwarts- und zukunftsbedeutsamen Perspektiven bei der religionsunterrichtlichen Auseinandersetzung mit Kirchengeschichte berücksichtigt werden sollten. Häufig wurde und wird dies subjektorientiert in Bezug auf die Themen aus dem weiten Feld einer 2000-jährigen Kirchengeschichte reflektiert. Peter Biehl bspw. formulierte: „Die Auswahl kirchengeschichtlicher Themen resultiert aus der Überschneidung dreier Determinanten: dem Bedürfnis der Lernenden, der gesellschaftlichen und kirchlichen Situation und der ‚Sache‘ in ökumenischer Perspektive.“[18] Godehard Ruppert, Jörg Thierfelder, Herbert Gutschera und Rainer Lachmann wiederum benennen in ihrem TLL-Grundsatzartikel als Kriterien: Repräsentativität, ökumenische Ausrichtung, angemessene Berücksichtigung der neueren Kirchengeschichte, „dunkle Stellen“ und „Verlierer“ der Kirchengeschichte, Vermeidung geschlechtsspezifischer Schieflagen, biografische Zugänge und außerdeutsche Kirchengeschichte.[19] In spezifisch didaktischer Hinsicht werden zudem Leitlinien benannt, die bei der unterrichtlichen Gestaltung kirchengeschichtlicher Lern- und Bildungsprozesse Orientierung bieten können, z. B. Quellenbasierung, Multiperspektivität, Exemplarität, Personifizierung, Narrativität, Regionalbezug, Vergegenwärtigung oder Handlungsorientierung.[20]

In religionsdidaktischen Reflexionen zur Kirchengeschichtsdidaktik grundieren diese Orientierungsperspektiven einen wissenschaftlichen Konsens, der bisweilen bereits vor vielen Jahren erreicht wurde. Nicht zuletzt angesichts der heterogenen Lernausgangslagen – insbesondere der sich pluralisierenden individuellen (religiösen) Herkunftsgeschichten der Schüler:innen – und aktueller gesellschaftlicher Erfordernisse sind jedoch kirchengeschichtsdidaktische Weiterentwicklungen nötig, die im Folgenden mit Blick auf drei didaktisch zentrale Aspekte skizziert werden: Erschließungsmodus, Inhalte und mediale Zugänge.

2.1 Erschließungsmodus: Kirchengeschichte als Zugang zu religiöser Wirklichkeitsdeutung in säkularer Zeit

In dem oben erwähnten Erklärfilm „Gottloses Deutschland? Warum die Kirchen ein Problem haben“ nimmt MrWissen2go alias Drotschmann im Anschluss an die 2019 vorgestellte Freiburger Studie zu Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer eine säkularisierungstheoretische Perspektive ein und präsentiert folgendes Narrativ: Viele Kirchengebäude werden im Jahr 2060 nicht mehr benötigt, der Anteil von Kirchenmitgliedern wird von derzeit 54 % auf 29 % sinken und 40 % der Mitglieder werden älter als 65 Jahre sein.[21] ‚Faktenorientiert‘ ist auch die gemeinsam mit dem YouTuber „Lars“ produzierte Darstellung von Kirchengeschichte in dem Film „Christentum erklärt. Eine Religion in (fast) fünf Minuten“.[22] Dieser Film erwähnt elementare Eckdaten zum jüdischen Wanderprediger Jesus und seiner Botschaft, zum Glauben der ersten Christen und zu den Festen des Christentums (Weihnachten, Karfreitag, Ostern etc.), überdies in eiliger Abfolge die Kreuzzüge als das „blutigste Kapitel“ der Kirchengeschichte, ferner die Inquisition, den (vermeintlichen) Reichtum und Ablasshandel der spätmittelalterlichen Kirche sowie Martin Luther und die Reformation.[23] Insgesamt werden in dem Film viele kirchenkritische Narrative lediglich angedeutet und gängige Klischees bedient, statt diese zu hinterfragen. Im scheinbar ‚faktenorientierten‘ Erschließungsmodus von MrWissen2go spielt Kirchengeschichte als Zugang zu einer religiösen Wirklichkeitsdeutung keine Rolle.

Genau an dieser Stelle jedoch sollte eine zeitgemäße Kirchengeschichtsdidaktik ansetzen. Da im gegenwärtigen Religionsunterricht immer mehr Schüler:innen Religion und Glaube ohne eigene religiöse Erfahrungen (Teilnehmer:innenperspektive) primär im säkularen Modus (Beobachter:innenperspektive) rezipieren, muss dies u. a. auch bei der Thematisierung kirchengeschichtlicher Inhalte berücksichtigt werden. Kirchengeschichte als spezifische Sicht auf die Geschichte der Kirchen bzw. des Christlichen in der Welt präsentiert Vergangenes im Innensicht-Modus: Die mit wissenschaftsübergreifend anerkannten historischen Methoden erforschte Vergangenheit wird „vom Standpunkt des christlichen Glaubens aus“[24] fokussiert und macht Optionen religiöser Wirklichkeitsdeutung zugänglich.

Insofern aber religiöse Wirklichkeitsdeutung für immer mehr Schüler:innen eine „Neuland-Vermessung“ darstellt, also einen Erschließungsmodus von Welt, den sie sich erst durch religiöse Lernprozesse aneignen müssen, gilt es im Rahmen kirchengeschichtlicher Lernprozesse, für den Innensicht-Modus von Kirchengeschichte zu sensibilisieren und ihn zugänglich zu machen – zum einen durch Berücksichtigung eines metareflexiven Erkenntnisinteresses sowohl bei der Unterrichtsplanung als auch im Unterrichtsprozess selbst: Welche Weise religiöser Wirklichkeitsdeutung wird durch die thematisierte Facette von Kirchengeschichte deutlich? Was zeigt sich daran in Bezug auf religiöse Prägung von individuellen Handlungen, gesellschaftlichen Fragen oder kulturellen Zeugnissen?

Zum anderen sollten die Schüler:innen Gelegenheiten bekommen, alltags- und lebensweltorientiert ihre eigenen Verstricktheiten in kirchengeschichtliche Traditionslinien und damit verknüpfte religiöse Wirklichkeitsdeutungen zu erschließen: z. B. anhand von Projekten zu religiösen Gegenständen[25] oder religionsbezogenen Fragestellungen, die die Heranwachsenden in ihrem familiären oder schulischen[26] Umfeld und damit in ihrer eigenen Geschichte entdecken; z. B. mittels Begegnung mit Zeitzeug:innen vor Ort, um zugänglich zu machen, dass auch scheinbar nahe Zeiten bereits (Kirchen-)Geschichte sind, mit der man in Kontakt treten kann, bspw. um Christ:in-Sein in diktatorischen Systemen oder zu ökumenischen Initiativen im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Für einen Religionsunterricht, der in einer säkularen Gegenwartsgesellschaft sozialisierte Lernende mit religiöser Wirklichkeitsdeutung vertraut machen will, besitzt der Innensicht-Modus von Kirchengeschichte „Suchlicht“-Potenzial. Diesen Erschließungsmodus gilt es kirchengeschichtsdidaktisch in den Vordergrund zu rücken, um Schüler:innen dafür zu sensibilisieren, wie Christ:innen früher „mit ihrer spezifischen Situation mit den Problemen umgegangen sind“ und sich „darin Inspiration und Orientierung finden […] [lassen], um heute, in einer ganz anderen Zeit“, Leben und Glauben zu gestalten sowie die Welt zu deuten.[27] Jedoch gibt es bislang noch zu wenig Unterrichtsmaterialien, die Kirchengeschichte abseits einer lediglichen ‚Faktenorientierung‘ im Innensicht-Modus zugänglich machen – u. a. die Produktion entsprechender Erklärfilme könnte diesem Desiderat begegnen.

2.2 Inhalte: Ereignisübergreifender und postkolonial revidierter Zugriff auf Kirchengeschichte

Am Beispiel des Erklärfilms „Christentum erklärt. Eine Religion in (fast) fünf Minuten“ lässt sich zeigen, was typisch für den Umgang mit historischem Wissen bei MrWissen2Go ist: Es wird „größtenteils chronologisch und meist nach dem ‚Wie-es-gewesen-ist‘ bzw. ‚So-war-es-Prinzip‘ erzählt“.[28] Dabei wird hier und in anderen Produktionen auf einen tradierten, nicht hinterfragten Kanon kirchengeschichtlicher Hotspots (Konstantinische Wende, Kreuzzüge, Reformation, sog. Hexenverfolgungen etc.) zurückgegriffen. Ein ereignisübergreifender und postkolonial revidierter Zugriff auf die Globalgeschichte des Christentums, wie er sich in der Fachdiskussion der vergangenen Jahre etabliert hat, spielt demgegenüber nur am Rande eine Rolle.[29]

Die Vorstellung eines zu unterrichtenden Kanons an historischen Themen war auch in der Kirchengeschichtsdidaktik lange dominant. Ein Blick in Lehr- bzw. Bildungspläne oder kirchengeschichtsdidaktische Praxispublikationen verdeutlicht dies noch immer: frühe Kirche und Christenverfolgungen bis zur ‚Konstantinischen Wende‘, Christianisierung der Germanen, Kirche im Hochmittelalter, Reformationszeitalter, Aufklärung, Kirche im Nationalsozialismus, Kirche in der DDR.[30] Während bis in die 1970/80er Jahre hinein Kirchengeschichte im Religionsunterricht bisweilen in apologetischer Absicht thematisiert worden ist, prägt mittlerweile eine ökumenische Grundierung – zumindest in Bezug auf evangelisch und katholisch – die religionsunterrichtlichen Herangehensweisen. Gleichwohl stellt sich angesichts pluralisierter Lebenswelten der Schüler:innen sowie in Anbetracht einer schier unmöglich zu thematisierenden 2000-jährigen Kirchengeschichte die Frage nach inhaltlichen Fokussierungen: An welchen historischen Themen sollte im Religionsunterricht den Lernenden ein Zugang zu religiöser Wirklichkeitsdeutung ermöglicht werden?

Insbesondere im Horizont einer globalisierten Gesellschaft und zugleich in Orientierung an den heterogenen Herkunftsgeschichten der Schüler:innen gilt es, die bislang vorherrschende deutschland- und europazentrierte Kirchengeschichtspräsentation – die sich nicht zuletzt auch in vielen historischen Erklärfilmen von MrWissen2Go spiegelt – postkolonial[31] weiterzuentwickeln. So kann für die globale Dimension des Christlichen und die damit einhergehenden kontextabhängigen, unterschiedlichen religiösen Wirklichkeitsdeutungen sensibilisiert und eine kulturen- sowie kontextsensible historische Urteilsfähigkeit der Lernenden unterstützt werden: Mittels eines Rekurses auf außerdeutsche Perspektiven zu kirchengeschichtlichen Themen lässt sich zeigen, dass und wie sich Kirchengeschichte weltweit ereignet. Schüler:innen können – unabhängig davon, ob sie einen sog. Migrationshintergrund besitzen – zu einer globalen kirchengeschichtsbezogenen Spurensuche motiviert werden; z. B., wenn es darum geht, Veränderungen im Gefolge der Reformation in verschiedenen Ländern und die daraus erwachsene Vielfalt eines pluralen Christentums zu erforschen[32] oder sich selbst als religionsbezogen-transkulturell bereichert zu identifizieren.[33] Durch die Integration verschiedener Blickwinkel auf einen kirchengeschichtlichen Aspekt wiederum wird zugleich Mehrperspektivität als aufklärerisch-zentrales Kriterium einer Beschäftigung mit Vergangenem religionsunterrichtlich eingeholt: Werden bspw. missionarische Bewegungen sowohl aus Sicht der Missionierenden als auch aus Sicht der Missionierten repräsentiert, erweist sich z. B., dass die Missionierung der „heidnischen“ Sachsen durch Karl den Großen durchaus kriegerisch-brutal und damit nicht im Sinne christlicher Ethik vonstattenging. Ähnliches gilt für die von Europa ausgehenden Kolonialisierungen u. a. auf dem amerikanischen Doppelkontinent, deren bisweilen problematische Folgen bis heute spürbar sind. Nicht zuletzt an derartigen Beispielen zeigt sich, dass überdies interkonfessionelle oder interreligiöse Aspekte – ebenso wie weitere diversitätsintegrierende[34] Zugänge – notwendige und bereichernde Blickwinkel für die religionsunterrichtliche Thematisierung von Kirchengeschichte darstellen.

Insofern die historische nur eine von vielen Dimensionen ist, die im Religionsunterricht zur Geltung gebracht werden soll, und folglich kaum Zeit für eine ereignisorientiert-repräsentative Thematisierung kirchengeschichtlicher Aspekte gemäß dem oben skizzierten Themenkanon bleibt, geht mit dem postkolonial grundierten Weiterentwicklungserfordernis jedoch eine radikale Anfrage einher: Lohnte es sich nicht, anstelle von Ereignisorientierung besser grundlegende Kontexte religiöser Wirklichkeitsdeutung, die sich historisch exemplifizieren lassen, als Marker für die Lehr- und Bildungsplangestaltung bzgl. der historisch-religiösen Dimension auszuloten? Im Sinne einer multiperspektivischen Thematisierung dieser Kontexte könnten sodann sowohl regionale als auch globale kirchengeschichtliche Fokussierungen dazu beitragen, dass eine Auseinandersetzung mit dadurch zugänglichen religiösen Wirklichkeitsdeutungen Schüler:innen darin befähigt, kompetent hinsichtlich der Bearbeitung ihrer eigenen Orientierungs- und Sinnbedürfnisse zu werden. Unter anderem könnten bspw. folgende grundlegende Kontexte – die sich überdies mit anderen Gegenstandsbereichen religionsunterrichtlichen Lernens verknüpfen ließen – unterrichtsleitend sein: jüdisch und christlich geprägte Kultur als Ausdruck gelebter Religiosität; religiös motivierte Auseinandersetzungen als Ringen um Wahrheitsansprüche und Macht; Christ:in-Sein in Bedrängnis als Erweis für die hoffnungsstiftende Kraft des Glaubens; christliche Reformbewegungen als Beleg eines wandlungsfähigen Glaubens; christliche Lebens- und Weltgestaltung als Realisierung von Schöpfungsverantwortung.

Zentral für das Gelingen einer derartigen ereignisübergreifenden und postkolonialen Weiterentwicklung auf inhaltlicher Ebene ist die Befähigung von Religionslehrkräften für einen eigenverantwortlichen Zugriff sowohl auf regionale als auch globale Facetten von Kirchengeschichte, aber auch das Verfügbarmachen entsprechender Unterrichtsmaterialien.

2.3 Mediale Zugänge: Kirchengeschichte im Kontext von Digitalität

Die Präsenz kirchenhistorischer und religionsbezogener Themen bei MrWissen2Go und andere digitale Angebote bei YouTube, MyVideo, Vimeo oder ClipFish machen deutlich: Als grundlegende Konstitution gegenwärtiger Lebenswelten hat die Digitalität eine „tiefgreifende Veränderung der Erfahrungs-, Handlungs- und Bildungshorizonte“[35] erwirkt, auch auf dem weiten Feld der Konfessionen und Religionen. Heutige Schüler:innen gestalten ihr Leben im durch digitale Medien erweiterten Referenzraum globaler Vernetzung. In diesem Zusammenhang erfahren sie sich als befähigt, vielfältige Informationen eigenständig abzurufen, über soziale Netzwerke in einen selbstbestimmten Austausch zu treten, aber auch eigene digital formatierte Inhalte zu publizieren – insbesondere durch Posten von Fotos, Memes oder Videos. In schulischen Lern- und Bildungsprozessen gilt es Lernende zu befähigen, „digitale Medien selbstbestimmt und unter eigener Kontrolle zu nutzen und sich an die ständig wechselnden Anforderungen in einer digitalisierten Welt anzupassen“[36]. Auch der Religionsunterricht muss seinen Beitrag zum Aufbau sog. „digitaler Souveränität“ leisten – u. a. im Umgang mit digitalen Medien, aber auch in Bezug auf Fragen nach Ethik, Identität oder Wahrheitserweis.[37]

Eine Kirchengeschichtsdidaktik, die up to date ist, kann die Bildung digitaler Souveränität fördern, indem sie bspw. die Produktion von Erklärfilmen und die damit einhergehende Konstruktion von Geschichte transparent macht: „Wer produziert Erklärvideos und warum? Welche Interessen sind damit verbunden? Welche Zielgruppen möchte man ansprechen?“[38] Schüler:innen werden auf diese Weise u. a. zum Durchschauen sowie Hinterfragen von Mechanismen des „Machens“ von Geschichte(n) angeleitet. Denn: Die digitale „Welt ist voll mit ‚historischem Content‘ voller verborgener oder offener Sinnstiftungsanmutungen, formatiert in sozialen Netzwerken und kommunikativ und partizipativ verführerisch aufbereitet“[39]. Im kirchengeschichtsdidaktischen Weiterentwicklungsfokus sollten dabei insbesondere die medialen Fundamente stehen, insofern für Geschichtsschreibung elementar ist, dass unterschiedliche Quellen (Medien), deren Authentizität zu prüfen ist, im Interesse einer bestimmten Fragestellung ausgewertet und in eine Narration gebracht werden: Nicht zuletzt hinsichtlich der Anbahnung digitaler Souveränität im Umgang mit Fake News, die meist subjektive Wahrheitsnarrationen darstellen, kann kirchengeschichtsdidaktisch auf reflexiver Ebene Potenzial ausgespielt werden, indem die medialen Zugänge, die scheinbar „Wahres“ tradieren, befragt werden – eine grundlegende Kompetenz historischen Arbeitens.[40] Schüler:innen können dies u. a. selbst erfahren, wenn sie sich aufgefordert sehen, aus vorfindlichen Quellen eine eigene Geschichtserzählung oder gar einen eigenen historischen Erklärfilm zu konstruieren, und dann feststellen, dass im Klassenverband durchaus unterschiedlich nuancierte Narrationen hervorgebracht werden; oder wenn sie wahrnehmen, dass Zeitzeug:innen in Bezug auf einen kirchengeschichtlichen Aspekt verschiedene religiöse Wirklichkeitsdeutungen vornehmen.

Im Kontext einer Befähigung zu digitaler Souveränität sind die digital-medialen Zugänge kirchengeschichtsdidaktisch nicht nur auf reflexiver Ebene zu fokussieren, sondern es bietet sich an, grundlegende mediale Weiterentwicklungen vorzunehmen. Das Internet und die verschiedenen digitalen Medien halten einen großen Reichtum für die religionsunterrichtliche Thematisierung von Kirchengeschichte parat. Ihre Integration in Lern- und Bildungsprozesse arbeitet zum einen der Lebensweltorientierung zu. Potenzial bieten sie zum anderen in Bezug auf die Aspekte Multiperspektivität, Globalität, Vergegenwärtigung und Handlungs- bzw. Produktorientierung. Das Internet eröffnet einen weltweiten Zugriff auf verschiedene, digitalisierte Quellen zur Kirchengeschichte – Texte, Fotos, Bilder, Videos, Karten etc. –, aber auch auf kirchengeschichtliche Darstellungen im Video- oder Textformat. Im Religionsunterricht gilt es solche Zugänge zur Kirchengeschichte vermehrt in handlungs- und produktionsorientierter Hinsicht zu integrieren, indem die Schüler:innen motiviert werden, eigene Kirchengeschichtsprojekte – z. B. zum alltäglichen Gebrauch religiöser Gegenstände zur Zeit ihrer Urgroßeltern – digital zu dokumentieren, bspw. durch Posts in sozialen Medien oder durch das Erstellen von eigenen Erklärfilmen.

3. Ausblick

Die präsentierten Weiterentwicklungserfordernisse verweisen auf weitere beachtenswerte Aspekte für einen Religionsunterricht, der Kirchengeschichte up to date zugänglich machen will. Abschließend seien daher drei Kontexte skizziert, die in kirchengeschichtsdidaktischer Hinsicht forschende und unterrichtspraktische Aufmerksamkeit verdienen:

Das in den untersuchten Erklärfilmen von MrWissen2go alias Mirko Drotschmann präsentierte Allgemeinwissen zu kirchenhistorischen und religionsbezogenen Themen zeichnet sich (in Übereinstimmung mit der generellen Tendenz seiner Produktionen) „dadurch aus, dass es kompakt, scheinbar unkontrovers und leicht affirmierbar ist, um in schulischen und anderen gesellschaftlichen Kontexten gewinnbringend nacherzählt werden zu können.“[41] Das unkritische Nacherzählen gängiger Narrative stellt dabei wohl die größte Herausforderung für eine Kirchengeschichtsdidaktik ‚up to date‘ dar. Angehende Religionslehrer:innen müssen (in Übereinstimmung mit der aktuellen kirchenhistorischen und geschichtsdidaktischen Forschung) daher lernen, gängige Narrative u. a. in postkolonialer Perspektive zu hinterfragen und die Gefahren des digital storytelling in Erklärfilmen für eine differenzierte, multiperspektivische Betrachtung von Geschichte zu bedenken. Dies betrifft u. a. die Kenntnis unterschiedlicher Erklärfilmstile (z. B. Filme nach dem ‚So-war-es-Prinzip‘ im Unterschied zu dokumentarischen Erklärfilmen, in denen unterschiedliche Quellen oder Stimmen durch O-Töne zur Sprache kommen), die Erzählperspektive (personale Erzähler:innen à la Drotschmann im Unterschied zu neutralen Erzähler:innen, Ich-Erzähler:innen, wechselnden Erzählperspektiven etc.) und den Erzählverlauf (z. B. chronologisch und eurozentrisch wie bei MrWissen2go im Unterschied zu ereignisübergreifenden und postkolonial revidierten Zugriffen).[42]

Potenzial birgt überdies die Integration von Augmented-Reality (AR) oder Virtual Reality (VR) ins religionsunterrichtliche Geschehen.[43] Gerade in Bezug auf VR ist momentan noch kaum dezidiert kirchengeschichtsdidaktisch aufbereitetes Material vorhanden, von der dafür nötigen technischen Ausstattung der Schulen ganz zu schweigen. In dieser Hinsicht lohnt es sich, in die Entwicklung zu investieren und diese kirchengeschichtsdidaktisch zu begleiten.

Beachtenswert ist nicht zuletzt, dass mit der Virtualität eine elementare (kirchen-)geschichtsdidaktische Herausforderung einhergeht: Indem im Internet alles „gleich weit weg oder nah“, alles gleichzeitig verfügbar ist, sich Zeit und Ort zunehmend auflösen und ein virtueller Ort außerhalb der Zeitdimension entsteht,[44] gilt es künftig verstärkt den Faktor Zeit bei der Beschäftigung mit Kirchengeschichte zu reflektieren – nicht zuletzt, um den Lernenden eine Orientierung und Selbstverortung im Zeitverlauf religiöser Wirklichkeitsdeutungen zu ermöglichen.

About the authors

Prof. Dr. David Käbisch

Professor für Religionspädagogik

Prof. Dr. Konstantin Lindner

Professor für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts am Institut für Katholische Theologie

Published Online: 2022-09-08
Published in Print: 2022-08-30

© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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  1. Titelseiten
  2. Editorial
  3. Beiträge
  4. Geschichtskultur und Globalisierung. Anregungen aus der Geschichtsdidaktik für kirchengeschichtliche Themen im Religionsunterricht
  5. Postkoloniale Kirchengeschichtsdidaktik im Horizont der Lebenswelten Heranwachsender
  6. Sakralisierung des Alltags. Gegenstände als Zugänge zur Kirchengeschichte
  7. Kirchengeschichtliches Lernen in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Dis/ability History als diversitätssensibler Zugang zur Kirchengeschichte
  8. Zum Einsatz von Virtual Reality in der Kirchengeschichtsdidaktik – Lernen digital erweitern
  9. Kirchengeschichtsdidaktik ‚up to date‘. Grundlegungen und Perspektiven am Beispiel von MrWissen2go
  10. Aus der aktuellen Forschung
  11. Das unterrichtliche Angebot zu Standpunktfähigkeit und Perspektivenwechsel. Eine explorative Videostudie
  12. Zur Diskussion
  13. Christlicher oder evangelischer Religionsunterricht? Zur Wiederkehr der unliebsamen Bekenntnisfrage
  14. Das besondere Buch
  15. Forschungsgruppe REMEMBER (Hg.), Erinnerung an den Holocaust im Religionsunterricht. Empirische Einblicke und didaktische Impulse (Religionspädagogik innovativ 35). Stuttgart (Kohlhammer) 2020, 275 S., 29,00 €.
  16. Rezensionen
  17. Monika Marose und Katja Schütze (Hg.), Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation. Erinnerungskulturen im Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen und in der außerschulischen Bildung (Glaube – Wertebildung – Interreligiosität. Berufsorientierte Religionspädagogik 20). Münster/New York (Waxmann) 2021, 282 S., € 34,90.
  18. Christian Soboth (Hg.), Johann Adam Steinmetz und Kloster Berge. Zwei Institutionen im 18. Jahrhundert (Hallesche Forschungen 60), Halle (Verlag der Franckeschen Stiftungen) 2021, XV u. 272 S., € 54,00.
  19. Marina Kiroudi, Orthodoxer Religionsunterricht in Deutschland. Geschichte, Rahmenbedingungen, Perspektiven (Eastern Church Identities). Paderborn (Ferdinand Schöningh), 2021, 367 S., € 129,00.
  20. Habib El Mallouki, Sprechakttheorie als pragmatische Wende in der Linguistik und ihre Wirkung auf die Rezeption religiös-normativer Texte. Göttingen (V&R unipress) 2021, 244 S., € 40,00.
  21. Anne Polster, Jugendliche und ihre Konfirmation. Theologische Diskurse – empirische Befunde – konzeptionelle Erwägungen. (Praktische Theologie heute, 179). Stuttgart (Kohlhammer) 2021, 345 S., € 39,00.
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