Wir loben hier nicht die wissenschaftliche Gesamtleistung Gerhard Erkers, dazu sind andere eher berufen. Wir würdigen den Lehrer und Begeisterer, Antreiber, Motivator und unser Vorbild Gerhard Erker.
Gerhard Erker hat uns beeindruckt und uns über das Wissenschaftliche hinaus geprägt. Er hat die Rolle eines „Doktorvaters“ in ihrem wahren Sinne ausgefüllt.
Gerhard hat in den Jahren 1966–1970 an der Universität Köln Chemie studiert, zu der Zeit als dort Prof. E. Vogel, Prof. W. Grimme, Prof. W. R. Roth und andere an der gerade aufkommenden, modernen organischen Chemie forschten, lehrten und arbeiteten. Er wurde sicher durch diese Atmosphäre und den neuen Stil der damaligen Zeit stark beeinflusst: die mechanistische organische Chemie, die gerade aufkommenden Woodward Hoffmann-Regeln, die elektrocyclischen Reaktionen, die reaktiven Zwischenstufen wie Carbene, Zwitterionen, Diradikale, etc.
Er wechselte mit Prof. W. R. Roth, der in USA bei W. von E. Doering gearbeitet hatte und wieder nach Köln zurückgekehrt war, an die gerade neu gegründete Ruhr-Universität Bochum, wo er mit Themen aus dem Arbeitsgebiet seines Lehrers zur Chemie der Diradikale seine Diplom- und Doktorarbeit abschloss.
Nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt in Princeton bei Prof. Maitland Jones kehrte Gerhard 1975 nach Bochum zurück, um sich dort einem neuen Arbeitsgebiet zuzuwenden, das damals zusehends Bedeutung erlangte: Die Metallorganische Chemie früher Übergangsmetalle. Er fokussierte sich auf Cyclopentadienyl-Zirconocen-Komplexe.
Gerhard war in dieser frühen Forschungsphase um die 35 Jahre alt. Die Tatsache, dass wir ihn noch in den aus heutiger Sicht konservativeren 1970iger Jahren „Gerd“ nennen durften und sollten, zeigt schon einen gewissen „unangepassten“ Zug seines Wesens. Wahrscheinlich ging dieses etwas „revolutionäre“ auch auf die Zeit seines einjährigen wissenschaftlichen Gastaufenthaltes in Princeton zurück. Aber es drückt auch einen Charakterzug Gerhards aus: Künstlicher, formal hierarchie-bezogener Umgang mit seinen Mitarbeitern waren nicht „sein Ding“. Respekt ja, aber der entstand aus sich heraus durch Persönlichkeit und wissenschaftliches Können. Auch Eitelkeiten im Sinne von Statussymbolen hatten keinen Platz in Gerhards Auftreten und Weltbild. Zielorientierung und Teamgeist waren und sind ihm wichtig.
Sowohl wissenschaftlich als auch arbeitstechnisch wurde zu dieser Zeit unglaublich viel Neuland betreten: Das Arbeiten mit hochentzündlichen, extrem luft- und feuchtigkeitsempfindlichen metallorganischen Verbindungen unter Argon-Atmosphäre, chemische Reaktionen bei tiefen Temperaturen und unter spektroskopischer Online-Kontrolle.
Dazu wurden viele neue Methoden in die Arbeitsgruppe eingeführt: Die weiterentwickelte Schlenkrohr-Technik (mit Serumkappen und Teflonschläuchen), Tieftemperatur-NMR-Spektroskopie, Hochfrequenz-NMR-Spektroskopie, und eben auch die Röntgenstrukturanalyse aufwändig gezüchteter Einkristalle. Darüber hinaus wurden Arbeitstechniken der beiden Lehrstuhlinhaber in der Organischen Chemie in Bochum, Prof. Roth und Kirmse, photochemische Reaktionen, Bestrahlungen mit UV-Licht, Reaktionen zu Carbenen oder anderen reaktiven Zwischenstufen ebenfalls mit dem Arbeitsgebiet metallorganische Chemie früher Übergangsmetalle geschickt verknüpft und erweiterten das Synthesespektrum, sodass völlig neue interessante Molekülstrukturen zugänglich wurden.
Diese Arbeitstechniken waren damals in den beiden Labortrakten im Gebäude NC 3 in Bochum eine ziemliche Besonderheit und verliehen der Gruppe einen gewissen Spezialisten-Charakter.
Gerhard hat sich für seine Forschung ein erfolgversprechendes Arbeitsgebiet ausgesucht. Etwas Exotisches, Außergewöhnliches. Er hat mit wenig komplexen, kleinen Molekülen clever gespielt. Grundlage dafür waren seine intelligenten und kreativen Überlegungen. Damit hat er eine Brücke von der klassischen organischen Kohlenwasserstoffchemie zu der damals noch wenig beforschten Organometallchemie des Zirkoniums und Hafniums geschlagen. Praktisch jedes, hart erarbeitete belastbare Ergebnis war etwas Neues und stieß die Tür zu weiteren Versuchen und Überlegungen auf. Mit den bereits erwähnten modernen Theorien, Konzepten und analytischen Methoden auf dem Gebiet der Organischen Chemie und der Einkristallstrukturanalyse wurden die Ergebnisse der Forschung auf eine solide Basis gestellt und weiter entwickelt.
Der Doktorand oder Diplomand war nicht nur „Schüler“ sondern ein junger Mensch dem man nicht sagt: „Mach die oder jene Umsetzung“, sondern Gerhard wies ihm subtil den Weg, indem er in seinem uns gegenüber recht häufig gebrauchten sympathischen Denglisch sagte: „Come on ..., ich finde wir sollten ...“, was bald zu einem geflügelten Wort auch unter uns wurde.
Gerhards Arbeitsgruppe zählte damals fünf Doktoranden und Gerhard war der „primus inter pares“, der sich oft mit Kaffeetasse in der Hand in der Mittagspause oder auch gerne einmal zwischendurch unter die Gruppe mischte, auch mal über die Tagespolitik mitredete aber doch ziemlich schnell auf das konkrete Arbeitsprojekt und -problem kam, nicht immer zur größten Freude des Betroffenen. Gerhard hatte einen großen Einfluss auf die gesamte Gruppe, was zum Beispiel dadurch zum Ausdruck kam, dass wir einige seiner „denglischen“ Ausdrücke, oft auch im Scherz, im Gespräch untereinander übernahmen.
Die Arbeitsatmosphäre und die Umgangsformen waren locker. Es wurde viel gelacht, viel diskutiert, viel gefachsimpelt und auch oft und lange gefeiert, meistens auch zusammen mit den Mitgliedern der anderen Arbeitsgruppen. Nachmittags gab es immer eine Kaffeestunde, wo sich alle in Bochum für ca. 30 Minuten im sogenannten Teeraum versammelten, der zwischen den beiden Labortrakten lag und eine Hochvakuumlinie beherbergte. In Mülheim saß man dazu meistens im Büro im Zwischengeschoß zusammen.
Gerhard hat uns so geprägt, dass, wenn es um die wissenschaftliche Sache ging, wir ehrgeizig, zielorientiert und in gewissem Maße kompromisslos waren. Etwas anderes hätte Gerhard auch nicht toleriert; wissenschaftliche Schlamperei war indiskutabel. Das ging bis zur Korrektur der Zeichensetzung oder von Ausdrucksformen (Abb. 1) in Manuskripten.

Klar sei der Ausdruck: Von Gerhard Erker kommentiertes Publikationsmanuskript (Auszug).
Gerhards, mit einem BiC®-Kugelschreiber mit abgeknicktem Kappenbügel, gerne auch auf grünem APURA®-Papierhandtuch niedergeschriebene Metallocen-Formelschemata über mehrere Seiten, waren immer pingelig präzise und perspektivisch und zeugen von Gerhards zeichnerischem Talent (Abb. 2).

Erkersches Chemie-Stillleben: BiC®-Kugelschreiber und Formeln auf APURA®-Papierhandtuch.
Gerhard war de facto über jedes wissenschaftliche Detail der gesamten Gruppe bestens im Bilde. Er begutachtete fast immer persönlich die Qualität der Kristalle im Tiefkühlschrank, den Stand der Reaktion unter den Abzügen, das Stadium der photochemischen Umwandlung einer Komponente in eine andere. Besonders viel Mühe verwandte Gerhard auf die Interpretation und gemeinsame Diskussion von spektroskopischen Untersuchungsergebnissen. Das konnte schon mal eine Stunde oder länger dauern, bis alle Signale eines NMR-Spektrums zugeordnet und ein Strukturvorschlag erarbeitet wurde. Nach unserem rückblickenden Eindruck übertrugen sich dieses starke Interesse und die davon ausgehende Motivation sehr positiv auf uns alle und wir entwickelten eine ähnliche Neugier und den Antrieb, die Chemie und Physik der Forschungsarbeiten der Promotionskollegen untereinander zu verstehen.
Ein weiteres Talent Gerhards war, und ist es wahrscheinlich noch immer, zu erkennen, welche besonderen Stärken, welcher Mitarbeiter hat, auch und gerade, wenn diese durch Bescheidenheit oder Schüchternheit zugedeckt waren. Gerhard ist ein großer „Fähigkeitenerkenner“. Hat er erkannt, dass ein Mitarbeiter eine gute Fähigkeit besitzt, dann stellte ihm Gerhard Aufgaben an denen der Mitarbeiter wachsen, Selbstbewusstsein entwickeln, und dann um so besser seine wissenschaftliche Sache, zum Beispiel mit selbst verfassten Publikationen oder Vorträgen, vorstellen konnte. Erziehung zum selbständigen und selbstbewussten wissenschaftlichen Arbeiten und Fortbildung der Persönlichkeit im besten Sinne. Ja, dies geschah auch oft und zu Recht durch den „Sprung oder besser den Schubs ins kalte Wasser“.
Ein Team zu begeistern ist schwierig. Aber auch die Begeisterung in Form gewichtiger, Aufmerksamkeit erregender wissenschaftlicher Ergebnisse „an den Mann zu bringen“, gelang Gerhard hervorragend. Hierbei zeigte sich schon damals sein hervorragendes Talent als Wissenschaftsmanager und Networker im besten Sinne. Gute Wissenschaft zu machen alleine genügt nicht, man muss sie auch herzeigen. Die Binsenweisheit „Trommeln gehört zum Handwerk“ hat Gerhard mühelos in „Geschicktes Trommeln gehört zur Wissenschaft“ erweitert. Dass wissenschaftliche Ergebnisse in Publikationen und Konferenzen gehören und nicht in der Schublade auf bessere Zeiten warten sollen, hat man von Gerhard häufig durch den Satz „Da machen wir ein Paper für Organometallics (oder ein anderes Journal)“ zu hören bekommen.
Auch dass man sich nicht verstecken darf, hat Gerhard selbst vorgemacht. Uns besonders im Gedächtnis geblieben sind die GdCh-Kolloquien oder andere wissenschaftliche Veranstaltungen in Bochum und am MPI in Mülheim. Bei diesen hat Gerhard fast immer in den vordersten Reihen Platz genommen und mit den eingeladenen Wissenschaftlern auf Augenhöhe wissenschaftliche Diskussionen geführt, die über die üblichen Fragen anderer Zuhörer: „Haben Sie es schon mal in THF versucht?“ hinausgingen, und klar erkennen ließen, dass Gerhard das Thema des Vortrages durchdrungen und verstanden hatte und sich eben ernsthaft damit beschäftigte. Das hat ihm sicher bei diesen Wissenschaftlern, aber auch bei uns Respekt eingetragen.
Die Networking-Attitüde hat Gerhard wohl aus den U.S.A. mitgebracht, denn er hat schon früh den Kontakt zu diversen Wissenschaftlern, gerne aus Universitäten im Ausland, aber auch zur Industrieforschung gesucht. In der Mülheimer Zeit arbeitete der französische Gastwissenschaftler Gérard Tainturier zeitweise in der Arbeitsgruppe und verlieh „uns“ internationales Flair. Später in Würzburg kamen dann rasch junge Wissenschaftler aus den U.S.A., Australien, den Niederlanden und Spanien hinzu.
Sehr kostenintensive Apparate, wie auch Schlenk-Gefäße und teure Übergangsmetall-Verbindungen, insbesondere aber die für die NMR-Spektroskopie notwendigen, deuterierten Lösungsmittel waren aus dem normalen Etat einer Arbeitsgruppe nicht zu bestreiten. Daher war es erforderlich, dass für diese Ausgaben Geldmittel beschafft werden mussten. Gerhard hat seine Mannschaft immer gut finanziert, oft durch fleißiges und geschicktes Einwerben von Drittmitteln. Auch hier waren sicherlich sein mittlerweile gut geknüpftes Netzwerk, seine internationalen Kontakte und dadurch zunehmender Bekanntheitsgrad nützlich. So brauchte sich unsere Arbeitsgruppe im Unterschied zu den Nachbarteams fast nie über Engpässe bei Finanzierung und Ausrüstung zu beklagen.
Eine ziemliche einschneidende Zäsur bedeutete der Wechsel von der Universität Bochum an das renommierte MPI für Kohlenforschung nach Mülheim/Ruhr, an dem so berühmte Wissenschaftler wie Emil und Franz Fischer, Karl Ziegler und Günther Wilke tätig waren. Das bedeutete für die gesamte Arbeitsgruppe von Bochum aus dem geliebten Labortrakt in NC 3 alles abzubauen und nach Mülheim auf den Kahlenberg umzuziehen.
Wir packten unsere Chemikalien und Laborgeräte ein und fuhren sie mit unseren Privat-PKWs nach Mülheim um dort in das Laborhochhaus in den fast leerstehenden aber gut ausgebauten 8. Stock einzuziehen. Die Mülheimer erwarteten, dass es mit der Einrichtung des Laborstandes bis zur Arbeitsfähigkeit ein halbes Jahr dauern würde. Wir packten aber alle unter der Regie von Gerhard intensiv mit an, incl. des Transportes riesiger Stativstangen über Fluchtbalkone an der Außenseite des Hochhauses, Aktivitäten die von den alt-eingesessenen MPI Arbeitsgruppen mit Argwohn beäugt wurden: „Die Proleten aus Bochum kommen!“ So waren wir bereits nach zwei Wochen voll einsatzbereit und konnten die Synthesearbeiten in den großzügig eingerichteten Labors wieder aufnehmen.
Gerhard war immer „mitten drin“. Sein Erfolg, seine Freude am Theoretisieren, aber auch am Verwirklichen seiner Ideen, die Anerkennung, die er mehr und mehr bekam, steckte seine Gruppe an. Wir fühlten uns sehr wohl und auch ein wenig elitär in der Rolle der „Sonderlinge aus dem 8. Stock“ des Mülheimer Instituts, dem die Gruppe aber bald „Adieu“ sagen musste.
Gerhards Saat war aufgegangen, seine Forschung trug Früchte. Er wurde als C3-Professor auf eine Professur für Organische Chemie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg berufen.
Wir erinnern uns sehr gerne an unseren Doktorvater, dem man die echte Begeisterung für seine Chemie abnahm, der diesen Forschungsenthusiasmus mühelos auf seine junge Gruppe übertragen konnte, der es schon damals verstand sich geschickt im Wissenschaftsbetrieb zu bewegen und zu behaupten, der unprätentiös und modern war, nicht ohne Ecken, Kanten und Marotten, der seinen Mitarbeitern Freiräume und Selbstvertrauen gab und den „Laden“ mehr als zusammenhielt indem er „esprit de corps“ schuf.
„Unser“ Professor Erker ist eine gelungene Mischung aus gutem Pädagogen humanistischer Prägung, kreativem, international orientierten Wissenschaftler und modernen Wissenschaftsmanager mit scharfen Blick für die Realität.
Wir danken ihm an dieser Stelle sehr herzlich und wünschen ihm alles Gute zu seinem 70. Geburtstag.
©2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Articles in the same Issue
- Frontmatter
- In this Issue
- Preface
- Congratulations to Gerhard Erker
- Loblied auf „Egon“
- Synthesis of copper(II) and gold(III) bis(NHC)-pincer complexes
- Arylimido zirconium and titanium complexes: characteristic structures and application in ethylene polymerization
- Highly specific “sensing” of tryptophan by a luminescent europium(III) complex
- B(C6F5)3-guided cyclotrimerization-rearrangement of phenylacetylene. Evidence of the (C6F5)3B−–C(H)=C+Ph intermediate in a 1,1-carboboration reaction
- Reaction of an Al/P-based frustrated Lewis pair with benzophenone: formation of adducts and aluminium alcoholates via β-hydride elimination
- Synthesis and structure of a coordination polymer based on 6-furylpurine
- Synthesis of morphan derivatives with additional substituents in 8-position
- High-pressure high-temperature decomposition of CeCoGa to the Laves phases CeCo0.58Ga1.42, CeCo0.72Ga1.28, and CeCo2
- Oxidative addition of N-ether-functionalized 2-chlorobenzimidazole to d10 metals
- Influence of the monodentate ancillary ligand on the photophysical properties of Pt(II) complexes bearing a symmetric dianionic tridentate luminophore
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