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Endlich normale Nazis?

Normalität als Begriff in der Alltags- und Täterforschung zur NS-Zeit
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Published/Copyright: January 1, 2026

Abstract

Nach 1945 avancierte Normalität zu einem Schlüsselbegriff, mit dem zunächst in der Psychologie, später auch in der Soziologie und Geschichtswissenschaft die Persönlichkeiten und das Handeln von NS-Tätern untersucht wurden. In den späten 1970er Jahren griff die Alltagsgeschichte den Begriff auf, um die Lebenswelten unter nationalsozialistischer Herrschaft zu analysieren. Anhand zentraler Beispiele – von den Nürnberger Prozessen über Täterstudien bis hin zu neueren Arbeiten zur „Volksgemeinschaft“ – zeigt Clemens Villinger, dass Normalität keine historische Gegebenheit ist, sondern als wissenschaftlich-diskursive Kategorie verstanden werden muss, deren analytischer Nutzen stets kritisch zu reflektieren ist.

Abstract

After 1945, normality became a key concept used first by psychologists and lat?er also by sociologists and historians, in the investigation of the personalities and actions of Nazi perpetrators. In the late 1970s, Alltagsgeschichte (the history of everyday life) took up the term to analyze lifeworlds under National Socialist rule. Using key examples – from the Nuremberg Trials to perpetrator studies to more recent works on the Volksgemeinschaft – Clemens Villinger shows that normality is not a historical fact, but must be understood as a conceptual category used in academic discussions, one whose analytical benefits must always be crit?ically considered.

I. Was ist normal?

In dem von der Corona-Pandemie geprägten Bundestagswahlkampf 2021 warb die Alternative für Deutschland (AfD) mit dem Slogan „Deutschland. Aber normal.“[1] Das dazugehörige Kam­pagnenvideo beginnt mit der Frage „Normal, was ist das eigentlich heute?“ Unterlegt wird die Fra­ge mit historischen Filmaufnahmen von Familien, die an die Bundesrepublik der 1960er Jahre erinnern und Assoziationen an eine vermeintlich vergangene Normalität wecken sollen. Im Verlauf des Videos wird dann der Normalitätsbegriff aus Sicht der AfD definiert. Dazu ge­hören Facetten wie „seinen Nächsten ganz nah zu sein“, „seinen Job zu machen“, eine „Heimat“ und „sichere Grenzen“ zu haben, „freie Fahrt für freie Bürger“ und schließlich „ja, normal ist auch Deutschland“.[2] Dass die AfD ihr politisches Verständnis von Normalität definierte, ist – wie noch zu zeigen ist – für den umgangssprachlichen Gebrauch des Worts eher ungewöhnlich. Der rechtspopulistische Rückgriff auf den Normalitätsbegriff war einerseits folgerichtig, da im Ausnahmezustand der globalen Pandemie vermehrt Fragen danach auftraten, was Normalität als gesellschaftlichen Zustand und das New Normal eigentlich ausmachten.[3] Andererseits knüpfte die AfD mit ihrem Wahlkampfslogan an die Normalitätsrhetorik der westdeutschen Neuen Rechten an, die damit seit den 1960er Jahren darauf abzielte, den Nationalsozialismus als Bezugspunkt in der bundesdeutschen Geschichtspolitik zu relativieren.[4]

Das Beispiel des AfD-Videos verdeutlicht, dass der Normalitätsbegriff nicht nur in der heutigen Sprache allgegenwärtig ist, sondern auch eine längere Geschichte hat, die außerhalb von wis­senschaftshistorischen Kontexten weitgehend unbekannt ist. Besonders im alltäglichen Sprach­gebrauch und in den Medien fehlt oft das Bewusstsein für seine historische Dimension. Zwar geht man in der Forschung zur Geschichte des Nationalsozialismus seit 1945 reflektierter mit dem Nor­malitätsbegriff um, doch liegt auch hier ein vielfältiges, zum Teil widersprüchliches Verständnis vor. An dieser Stelle setzt der Aufsatz an: Er zeigt auf, wie und mit welchen Be­griffen von Normalität wissenschaftliche Arbeiten zur Geschichte des Nationalsozialismus ope­rier­ten, um etwa das Verhalten und die Motive von Menschen (meist Männern) zu erklären, die direkt oder indirekt an Massenmorden beteiligt waren.[5] Ziel ist es, das Bewusstsein für die ver­schie­denen Bedeutungsebenen des Normalitätsbegriffs zu schärfen und ihn entweder als Quel­len­begriff zu historisieren oder als heuristischen Hilfsbegriff zu nutzen, der anlassbezogen de­finiert werden muss.

Da der Normalitätsbegriff eine normative Dimension umfasst, können erkenntnistheoretische Probleme entstehen, wenn er nicht ausreichend definiert, sondern als selbsterklärend verstanden wird: „The meaning of the normal encompasses both the norm, understood as a descriptive (or positive) fact, and normativity, understood as the affirmation of cultural values.“[6] Aus dieser Arbeitsdefinition ergibt sich, wie der Wissenschaftshistoriker Georges Canguilhem bereits 1943 feststellte, „that the concept of normal is itself normative“.[7]

Die Frage, wie Normativität und Normalität miteinander verknüpft sind, wird nur in wenigen (so­zial-)psychologischen und historischen Studien zur Geschichte des Nationalsozialismus explizit gestellt. Dennoch wird der Normalitätsbegriff seit 1945 in zwei Bereichen regelmäßig verwendet: in der Täterforschung und seit den 1970er Jahren auch in Publikationen zur Alltags­geschichte des Nationalsozialismus. Der Beitrag untersucht deswegen, wie und warum der Be­griff herangezogen wurde und wird – sei es zur Erklärung des Verhaltens von NS-Tätern oder um das Verhältnis von Verbrechen und Alltag zu analysieren. Der Aufsatz stellt jedoch weder den Stand der Forschung zu NS-Tätern umfassend dar, noch liefert er neue Erkenntnisse zur Nor­malität im Nationalsozialismus.[8] Stattdessen zeigt er anhand prägnanter Beispiele, wie die normativen Implikationen des Normalitätsbegriffs den wissenschaftlichen Erkennt­nis­pro­zess beeinflussen können.

Zunächst gilt es, die wissenschaftshistorische Dimension des Normalitätsbegriffs am Beispiel der NS-Täterforschung in einem erweiterten Kontext zu betrachten. Wie und warum sich Nor­ma­lität in der Zeitgeschichte als eine leitende Analysekategorie etablierte, um das Verhalten von NS-Tätern zwischen 1945 und den 1960er Jahren zu erforschen, wird im dritten Teil des Beitrags untersucht. Anschließend geht der Aufsatz anhand der frühen Alltagsgeschichte in den 1980er Jahren sowie neueren Arbeiten zu Privatheit in der NS-Diktatur der Frage nach, wie hier das Verhältnis von Normalität, Privatheit und Alltag im Nationalsozialismus bestimmt wur­de. Als Ausgangspunkt hierfür dient der Briefwechsel zwischen Martin Broszat und Saul Fried­länder aus dem Jahr 1987. Da der Normalitätsbegriff mit Beginn der 1990er Jahre eine gewisse Kon­junktur in der historischen NS-Täterforschung erlebte, fokussiert der fünfte Abschnitt auf ex­emplarische, seit dieser Zeit entstandene Studien. Ziel ist es zu zeigen, welche Er­klä­rungs­mo­delle für das Handeln von direkt oder indirekt an den nationalsozialistischen Massenmorden Beteiligten mithilfe des Normalitätsbegriffs entwickelt wurden. Im Fazit sind dann die Vor- und Nach­teile des Normalitätsbegriffs gegeneinander abzuwägen; hier ist auch der Ort, um zu ver­deut­lichen, wie Normalität als Hilfsbegriff nutzbar gemacht werden kann – und um eine Pro­gno­se über seine Zukunft für die Geschichtsschreibung des Nationalsozialismus zu wagen.

II. Normalität: Eine Begriffsbestimmung am Beispiel der NS-Täterforschung

Nachdem er 1946 anlässlich der Nürnberger Prozesse einige psychologische Tests durchlaufen hatte, fragte Rudolf Höß, ehemaliger Kommandant des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, den amerikanischen Gerichtspsychologen Gustave M. Gilbert: „I suppose you want to know in this way if my thoughts and habits are normal.“[9] Auf Gilberts Rückfrage, wie er sich denn selbst einschätze, antwortete Höß: „I am entirely normal. Even while I was doing this ex­ter­mination work, I led a normal family life, and so on.“ Es sei zwar richtig, bilanzierte Gil­bert in seinem 1947 veröffentlichten Tagebuch, dass Höß im Gespräch den Eindruck eines intel­lek­tuell normalen Mannes erweckt habe, allerdings könnten „schizoid apathy, insensitivity and lack of empathy“ bei einer offenen Psychose kaum weniger ausgeprägt gewesen sein.

Der Dialog ist auf verschiedenen Ebenen bezeichnend dafür, wie der Normalitätsbegriff in der psychologischen und historischen NS-Täterforschung verstanden und genutzt wird: Erstens war es für den untersuchten Höß offensichtlich einleuchtend, dass die medizinischen Tests dazu dien­ten, die Normalität (im Sinne von psychischer Gesundheit) seines Denkens und Verhaltens zu messen. Höß’ Aussage, er habe auch während der „Vernichtungsarbeit“ ein normales Fa­mi­li­en­leben geführt, verweist zweitens auf zentrale Zugänge der zeithistorischen NS-Täter­for­schung, in der zum Beispiel Christopher Browning nach „ganz normalen Männern“ oder Daniel J. Gold­hagen nach „ganz gewöhnlichen Deutschen“ fragten.[10] Drittens deutet sich in Höß’ rück­blicken­der Selbsteinschätzung und Gilberts psychologischer Diagnose eine für den Begriff Nor­ma­lität typische terminologische Vielfalt an, die sich auch in der zeithistorischen NS-Täter­for­schung niederschlägt.

Diese begriffliche Vielfalt wird durch Übersetzungsfragen noch verschärft, da beispielsweise Brownings „Ordinary Men“ im Deutschen mit „Ganz normale Männer“ übersetzt wurde, wäh­rend Goldhagens „Hitler’s Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust“ unter dem Titel „Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ erschienen ist. Wie er im Fazit sei­nes Buchs verdeutlichte, verstand Goldhagen beide Begriffe synonym: „The notion that Ger­many during the Nazi period was an ‚ordinary,‘ ‚normal‘ society [. . .] is in its essence false.“[11] Browning wiederum griff, wie noch gezeigt wird, für seine Analyse von Täterverhalten wie­de­rum auf einen psychologischen Normalitätsbegriff zurück, den er dann aber selbst mit dem Be­griff „ordinary“ übersetzte.

Sowohl das Gespräch zwischen Gilbert und Höß als auch die beiden Bücher von Browning und Goldhagen weisen viertens auf eine – meist nicht explizit gemachte – Vergeschlechtlichung in der NS-Täterforschung hin, bei der Normalität und Männlichkeit gleichgesetzt werden. So frag­ten weder Browning noch Goldhagen nach der Normalität der schwangeren Frau eines Ein­satz­grup­penangehörigen, die der Räumung eines Gettos in Polen beiwohnte, sondern erklärten die Erzählungen der Männer über diese Frau mit dem psychologischen Konzept der Projektion als Aus­druck männlicher Ängste und Wünsche.[12] Wie die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun am Beispiel von Adolf Eichmann ausführte, werde die vermeintliche Abnormalität von NS-Tä­te­rin­nen häufig anhand ihrer von anderen Frauen abweichenden Äußerlichkeit oder ihres sexuellen Verhaltens bestimmt.[13] Inbegriff dafür ist die als „Hexe von Buchenwald“ bekannt gewordene Ilse Koch, die – ähnlich wie Höß – nach 1945 bei einem Gerichtsprozess erklärte, sie sei eine „voll­kommen normale und sittenreine Frau und Mutter gewesen“.[14] In einer anderen Lesart werden Frauen wiederum als Produzentinnen von Normalität verstanden, die an den Arbeits- und Tatorten ein Familienleben aufrechterhielten, damit das Handeln ihrer Männer un­ter­stütz­ten und die Orte des Geschehens „zu etwas Gewöhnlichem und Alltäglichem“ machten.[15]

Diese Punkte verdeutlichen, dass die Doppeldeutigkeit von Beschreibung und Bewertung kon­sti­tutiv für den Begriff Normalität ist. Gleichzeitig wird das Normale oft „als etwas Natur­ge­mäßes und empirisch immer schon Gegebenes dargestellt, obwohl eine solche Entsprechung von Norm und Wirklichkeit überhaupt erst hergestellt werden muss“.[16] Intuitive Selbst­deu­tun­gen als normale Menschen, wie sie bei Rudolf Höß und Ilse Koch zu finden sind, oder der prag­matische Umgang mit dem Normalitätsbegriff in der zeithistorischen Forschung beziehen sich nur selten auf die bisher entstandenen, elaborierten begriffs-, wissens- und wis­sen­schafts­ge­schichtlichen Studien, deren Untersuchungsgegenstand zum Teil bis in die Antike zurück­reicht.[17] Viele dieser Arbeiten datieren die systematische Etablierung von Normalität als ana­ly­tische und ordnende Kategorie innerhalb wissenschaftlicher Felder wie der Medizin, der Ma­the­matik oder der Statistik übereinstimmend auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts.[18]

Umstritten bleibt hingegen die Frage, wann, wie und warum sich der Normalitätsbegriff auf grö­ßere gesellschaftliche Zusammenhänge ausbreitete. Trotz unterschiedlicher Interpretationen über den genauen Zeitraum lassen sich drei Prozesse identifizieren, mit denen sich der Nor­ma­li­tätsbegriff umgangssprachlich verbreitete: erstens durch den Rückgriff auf anthropometrische Daten zur Produktion von Massengütern, zweitens durch die Popularisierung von psy­cho­lo­gi­schem Wissen, zum Beispiel in Form von Ratgebern über Sexualität, und drittens durch die systematische Erhebung demoskopischer Daten für die Meinungs- und Umfrageforschung.[19] Konsum, Sexualität und Politik machen somit drei Felder der Lebenswelten in Westeuropa und Nord­amerika aus, in denen Normalitätskonzepte als Mittel zur gesellschaftlichen Selbstbeob­ach­tung und -steuerung funktionierten. Das dabei produzierte Wissen wurde meist in Form von Gra­fiken, Artikeln oder Umfragen im Alltag verbreitet.[20]

Im Zuge der „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ hat sich heute ein statistisch-quantitatives Ver­ständnis von Normalität durch­ge­setzt, das weniger durch einen dichotomen Gegensatz zum Au­ßergewöhnlichen als durch eine Variationsbreite in Form einer Normalverteilung ge­kenn­zeich­net ist.[21] Voraussetzung dafür war, wie der Literaturwissenschaftler Jürgen Link in seiner Theo­rie des „Normalismus“ argu­men­tier­te, dass moderne Gesellschaften begannen, sich zu vermes­sen und mit statistischen Ver­fah­ren selbst zu beobachten, um ihre innere Dynamik und ihr exponentielles Wachstum zu regu­lie­ren. Mit seinem Begriff der „verdateten Gesellschaften“ ver­wies Link auf die mathematisch-sta­tistischen Grundlagen von gegenwärtigen Normalitäts­vor­stel­lungen.[22] Die zeit- und raumgreifenden Thesen der Ausbreitung von Normalitäts­vorstellungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind in historischen Fallstudien aus der Me­di­zin- und Psychiatriegeschichte, den historischen Disability Studies,[23] zur Geschichte von Sexua­­litäten[24] oder der Geschichte des Selbst[25] untersucht und differenziert worden.

Wissens- und wissenschaftshistorische Studien zum 19. Jahrhundert bezogen sich bislang meist auf Diskurse unter Expertinnen und Experten, während Arbeiten über das 20. Jahrhundert da­nach fragten, wie sich Normalitätsvorstellungen gesellschaftlich verbreiteten. Diese Studien wid­­meten sich häufig dem in medialen Diskursen repräsentierten Verständnis von Normalität be­zie­hungs­weise der Frage, wie Normalitätsvorstellungen politisch ermittelt und fest­ge­schrieben wur­den – zum Beispiel in der Sozial- und Behindertenpolitik. Sie verstanden Normalität als his­torisch hergestelltes Klassifikationssystem, das dazu diente, als nicht normal kategorisierte Men­schen diskursiv, wissenschaftlich und politisch zu markieren, zu untersuchen und ge­ge­ben­en­falls institutionell zu normalisieren oder zur individuellen Selbstnormalisierung anzuleiten. Das Spektrum reicht dabei vom Gefängnis über die Psychotherapie bis zum Nach­hilfe­un­terricht. Zugleich schwang in solchen Arbeiten die oft nur implizit geäußerte Erwartung mit, ex negativo Aussagen über Normalitätsvorstellungen und -erwartungen in Mehr­heits­ge­sell­schaf­ten machen zu können.[26]

Wissen über Normalität wurde und wird meist auf der Grundlage des­sen produziert, was als pathologisch oder abweichend definiert wird. Ein anschauliches Beispiel da­für ist die frühe NS-Täterforschung, die sich meist auf die Pathologie der Täter bezog, aber we­niger auf die gesellschaftliche Normalität, von der sie angeblich abwichen. Ferner unterscheidet sich die Ver­wen­dung des Normalitätsbegriffs in wissenschaftlichen und in umgangssprachlichen Kon­tex­ten. Im wissenschaftlichen Gebrauch wird Normalität meist einem Gegenbegriff zugeordnet. Wie die Beziehung definiert wird, hängt von der wissenschaftlichen Disziplin und dem je­wei­li­gen Verwendungszweck ab.[27] Erst mit einer Definition von Normalität lassen sich wis­sen­schaft­liche Klassifikationen, Messungen oder Standardisierungen vornehmen. In der Um­gangs­sprache hingegen ist der Normalitätsbegriff mit einer Vielzahl von Assoziationen ver­bun­den, die denjenigen, die ihn benutzen, mehr oder weniger bewusst sind. Wird der Begriff ohne nä­here Definition verwendet, so folgt die Auswahl aus der Vielzahl der bekannten Bedeutungen den­­jenigen, die in der Situation unmittelbar zutreffend erscheinen und der Aussage Sinn ver­lei­hen.

III. Das Normalitätsparadigma in der NS-Täterforschung 1945 bis 1960

Wie das zu Beginn zitierte Gespräch zwischen Gustave M. Gilbert und Rudolf Höß verdeutlicht, be­schäftigten sich Psychologinnen und Psychologen bereits früh mit der Frage, warum zehn­tau­sende vermeintlich normale Personen Millionen von Menschen ermordeten. Um Antworten da­rauf zu finden, vermaß man seit den 1940er Jahren einerseits die Persönlichkeiten von Per­so­­­nen­gruppen, die als Täter (nur selten als Täterinnen) galten wie die Angeklagten der Nürn­ber­ger Prozesse oder ehemalige SS-Angehörige.[28] Anfang der 1960er Jahre versuchten dann Forschende wie der US-Psychologe Stanley Milgram, mit Laborexperimenten universelle Per­sönlichkeitsstrukturen aufzudecken, die erklären sollten, warum sich in der NS-Zeit zuvor kli­nisch und sozial unauffällige Menschen nicht nur obrigkeitshörig verhielten, sondern mas­sen­haft Morde zu begehen bereit waren.[29] Das in diesen Forschungen produzierte Wissen und die aus den nicht klar voneinander abgrenzbaren Feldern Psychoanalyse, Psychiatrie und (Sozial-)Ps­ychologie abgeleiteten Deutungsangebote wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts popularisiert und fanden auf diesem Weg Eingang sowohl in die zeithistorische Forschung zum Nationalsozialismus als auch in öffentliche Debatten. Um die Motive für die direkte oder in­di­rek­te Beteiligung an NS-Verbrechen zu erklären, wurde seit den 1940er Jahren zwischen nor­malen und abnormen Persönlichkeiten unterschieden. Die Kategorie der normalen Persönlich­keit konnte sich auch deswegen so erfolgreich in Wissenschaft und Öffentlichkeit durchsetzen, weil sie „offen genug war, um bei Bedarf in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen Bio­lo­gie, Psyche und soziale Umwelt bzw. Angeborenes, Anerzogenes oder durch Erfahrungen Er­wor­benes integrieren zu können“.[30]

Die Debatten über die Frage nach der psychischen Normalität von NS-Tätern lassen sich bis zu den Nürnberger Prozessen zurückverfolgen, als die beiden amerikanischen Psychologen Doug­las Kelly und Gustave M. Gilbert eine Reihe von psychologischen Testverfahren mit den An­geklagten durchführten, unter anderem Rorschachtests.[31] Gilbert veröffentlichte seine Test­er­geb­nisse allerdings erst Jahrzehnte später in dem gemeinsam mit einer Rorschach-Expertin und einem Historiker verfassten Tagebuch „The Nuremberg Mind“.[32] Kellys Ergebnisse er­schienen 1995 posthum.[33] Rorschachtests wurden in den USA seit den 1930er Jahren beim Mi­litär, in Kliniken oder der öffentlichen Verwaltung eingesetzt, um Persönlichkeiten zu ver­mes­sen und in psychopathologischen Kategorien zu klassifizieren.[34] Ähnlich verbreitet war zu die­sem Zeitpunkt der zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte und seitdem in den USA flä­chen­deckend eingesetzte Intelligenztest, mit dem sich der Normalitätsbegriff als Instrument etab­lierte, um psychische Zustände zu vereinheitlichen, zu skalieren und zu standardisieren.[35] Obwohl es zeitgenössisch folgerichtig erschien, die Persönlichkeitsstrukturen der Nürnberger Angeklagten mithilfe von Rorschachtests zu bestimmen, ist die Frage, ob und wie sich damit ge­sicherte Aussagen über die psychische Normalität oder Pathologie der Untersuchten treffen lie­ßen, seither umstritten.[36] Beispielsweise führte die Psychologin Molly Harrower 1974 und damit fast zeitgleich, aber unabhängig von der Veröffentlichung der Ergebnisse Gilberts, einen Versuch durch, bei dem sie acht anonymisierte Rorschachtests der Nürnberger Angeklagten und acht Tests einer Kontrollgruppe mehreren Rorschach-Experten vorlegte, die diese dann aus­wert­eten. Da die befragten Experten keine abnormalen Persönlichkeitsstrukturen aus den Tests ableiten und die Nürnberger Angeklagten nicht identifizieren konnten, kam Harrower zu dem Ergebnis, dass „well-integrated, productive and secure personalities“ nicht vor der Beteiligung an Massenmorden schützten.[37]

Auf der Suche nach dem „Nazi Mind“[38] wurde mit wissenschaftlichen Verfahren Wissen pro­duziert, um damit Aussagen über Persönlichkeitsstrukturen von Menschen zu treffen, die sich an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt hatten. Damit verbunden war die Grund­an­nah­me, dass so etwas wie ein gruppenspezifisches „Nazi Mind“ überhaupt existiere, das sich von anderen menschlichen Persönlichkeiten unterschied, mit Tests isoliert und erforscht werden könne. Die frühen Erklärungsansätze für die Beteiligung von Deutschen an den national­so­zia­listischen Verbrechen funktionierten einerseits als wissenschaftliche „Selbstvergewisserung“ der eigenen Normalität, die zur „Auseinandersetzung [. . .] um die akzeptierten Formen menschlichen Zusammenlebens“ in der Nachkriegszeit dienten.[39] Zudem bedienten sie das apo­logetische Bedürfnis der deutschen Nachkriegsgesellschaft, sich mit dem Normalitätsbegriff von prominenten NS-Tätern zu distanzieren.[40] Andererseits zielte die psychologische Wis­sens­produktion in der Nachkriegszeit darauf, politisches Handeln im Prozess der Entnazifizierung und des Wiederaufbaus der deutschen Gesellschaft anzuleiten, um so einen Wiederaufstieg des Nationalsozialismus zu verhindern.[41]

Weil die Pathologisierung der Hauptkriegsverbrecher in der Nachkriegszeit als Versuch der westdeutschen Gesellschaft gesehen werden kann, sich der eigenen Normalität zu versichern, behielt die Analyseachse von Normalität und Krankheit im Zuge der Popularisierung psychologischer Deutungsangebote der NS-Verbrechen auch in den 1960er Jahren ihre Aktualität. Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Politik oder Journalismus knüpften dabei auf in der Zwi­schen­kriegs­zeit in der Unternehmensorganisation, der Seelsorge oder auch in Sexualitätsratgebern etablierte Ideen an, dass sich mithilfe von „Psychowissen“ Aussagen über das Verhältnis von kran­kem und normalem Verhalten treffen lassen würden.[42] Gleichzeitig expandierte die uni­ver­sitäre Psychologie in der Bundesrepublik nicht nur, sondern psychologische Therapieansätze und Erklärungsmodelle gelangten über Labore, Universitäten und Arztpraxen hinaus auch in die Öffentlichkeit. Medienschaffende und Laien eigneten sich psychologisches Wissen und Ver­fahren massenhaft an und wandelten diese auf unterschiedliche Weise ab.[43]

Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung von Gilberts Tagebuch, mit seiner Aussage als Sachverständiger im Eichmann-Prozess in Jerusalem und den ersten Ex­perimenten von Stanley Milgram veröffentlichte Hannah Arendt 1963 ihre Beobachtungen des Prozesses gegen Adolf Eichmann, die ein Jahr später erstmals in deutscher Übersetzung er­schienen.[44] Der Prozessbericht war Arendts Versuch, „ihre grundlegenden theoretischen Über­le­­gun­gen zum Totalitarismus auf den konkreten Fall Eichmann anzuwenden und deren Gül­tig­keit zu prüfen“.[45] Arendt zufolge spielten die Kategorien der Normalität und der Durch­schnitt­lich­keit in dem Gerichtsprozess eine doppelte Rolle: Einerseits habe der Prozess über die juris­ti­sche Dimension hinaus eine grundsätzliche Antwort auf die Frage gegeben, „wie lange ein durchschnittlicher Mensch dazu braucht, seinen eingeborenen Abscheu vor Verbrechen zu über­winden, und wie er sich verhält, wenn er diesen Punkt erreicht hat“.[46] Andererseits griff Arendt auf den Topos Normalität zurück, um sowohl Aussagen über die Persönlichkeit Eichmanns als auch über die Motive anderer NS-Täter zu treffen:

„Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, daß er war wie viele und daß diese vie­len weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind. Vom Standpunkt unserer Rechtsinstitutionen und an unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität viel erschreckender als all die Greuel zusammengenommen, denn sie implizierte [. . .], daß dieser neue Verbrechertypus, der nun wirklich hostis generis humani ist, unter Bedingungen han­delt, die es ihm beinahe unmöglich machen, sich seiner Untaten bewußt zu werden.“

Das Zitat offenbart auf der einen Seite ein quantitatives Verständnis von Normalität, da Arendt die von ihr identifizierten Persönlichkeitsmerkmale Eichmanns einer vergleichbaren, aber nicht näher definierten Gruppe der „vielen“ zuordnete und damit normalisierte. Auf der anderen Seite bettete sie Eichmanns Verhalten in eine historische, aber nach zeitgenössischen Maßstäben de­finierte Normalität ein, die ein Unrechtsbewusstsein für das eigene Handeln verhindert habe. Arendts Gegenüberstellung von Perversität, Sadismus und Normalität sowie die mediale Prä­senz des Prozesses in der bundesdeutschen Öffentlichkeit deuten auf die „Wirkungsgeschichte des Psychowissens“ zur Deutung von Täterhandeln im Holocaust hin.[47]

Die frühe NS-Täterforschung operierte bis etwa Anfang der 1960er Jahre mit dem Begriffspaar Normalität und Pathologie, um eine Distanz zwischen den vermeintlich abnormalen Tätern und der deutschen Bevölkerung herzustellen. Mit wissenschaftlichen Darstellungen wie zu Rudolf Höß, den Martin Broszat 1958 als „durchaus kleinbürgerlich-normalen Menschen“ beschrieb,[48] oder mit Hannah Arendts Bild von Eichmann änderte sich diese Wahrnehmung. Die Täter wur­den nun nicht mehr als außergewöhnliche und pathologisch abweichende Personen, sondern viel­mehr als „gewöhnliche und unterwerfungsbereite Normalbürger“ verstanden.[49] Die zeit­his­to­rische Integration der NS-Täter in die deutsche Gesellschaft seit den 1960er Jahren ging mit ei­nem Wandel des Verständnisses von Normalität einher, der sich zum Beispiel in der frühen Alltags­geschichte seit den 1970er Jahren ausdrückte.

IV. Alltag und Normalität in den 1980er Jahren: Der Historikerstreit und der Broszat-Friedländer-Briefwechsel

Mitte der 1980er Jahre stellte der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Martin Broszat, die These auf, dass angesichts globaler „Gewalt- und Katastrophenerfahrungen“ die „Moralität der Betroffenheit von der NS-Vergangenheit“ in der Öffentlichkeit an Wirkung verloren habe.[50] In der Geschichtswissenschaft sei dabei, so Broszats These weiter, eine Denkweise entstanden, die die „vor- und außernationalsozialistischen Bestände der deutschen Geschichte [. . .] nach vorn und hinten hermetisch“ abschotte. Um der moralischen Erschöpfung entgegenzuwirken und gleichzeitig den Nationalsozialismus angemessen zu historisieren, plädierte er für eine pe­riodenübergreifende „Betrachtung des ganzen neuzeitlichen deutschen Geschichtsraums“, und zwar jenseits von einem „Zwangskorsett der Vorstellung einer alles umfassenden Gewalt­herr­schaft“. Diesen Neuansatz in Geschichtspolitik und Zeitgeschichte beschrieb Broszat mit der Formel der „‚Normalisierung‘ unseres Geschichtsbewußtseins“. Nur ein Jahr später rückte die von Martin Broszat aufgeworfene Frage nach einer möglichen Normalisierung des deutschen Geschichtsbewusstseins ins Zentrum des sogenannten Historikerstreits. Mit seinem Rekurs auf den Begriff Normalität knüpfte Broszat zugleich an ältere Debatten um den deutschen Sonder­weg an, in denen diskutiert wurde, ob der Verlauf der deutschen Geschichte im internationalen Vergleich als normal oder als abweichend zu bewerten sei.[51]

Der Historikerstreit der Jahre 1986/87 drehte sich um die zuerst von Ernst Nolte aufgeworfenen und dann auch von anderen Historikern (es waren nur Männer beteiligt) aufgegriffenen Fragen nach der Kausalität und Singularität des Holocaust als historisches Ereignis im 20. Jahr­hun­dert.[52] Die damit einhergehende Forderung nach einer „Normalisierung der deutschen Ver­gan­gen­heit“[53] wurde von den Kritikerinnen und Kritikern, allen voran Jürgen Habermas, als Ver­such gewertet, geschichtskulturelle Hegemonie auszuüben, und deswegen vehement ab­ge­lehnt.[54] Obwohl auch historiografische Probleme diskutiert wurden, spielte die Frage, was der Be­griff Normalität eigentlich genau bedeutete, während des Historikerstreits keine heraus­ra­gende Rolle.[55] Im Nachgang löste der Historikerstreit allerdings intensive fachwis­sen­schaft­liche Debatten aus, die rückblickend den eigentlichen Wert der Kontroverse für die Ge­schichts­wis­senschaft ausmachen.[56]

In einem Ende 1987 veröffentlichten Briefwechsel griffen Martin Broszat und Saul Friedländer die im Historikerstreit verhandelten Fragen auf, um sie abseits der aufgeheizten Medienöf­fentlichkeit zu debattieren.[57] In ihrem Austausch gingen die beiden Historiker unter anderem auf das Verhältnis von Normalität, Alltag und NS-Verbrechen ein.[58] Der Briefwechsel dient hier als typisches Beispiel dafür, wie der Normalitätsbegriff in den 1980er Jahren bei der Er­for­schung der Alltags­ge­schichte der NS-Zeit verwendet wurde.[59] Er zeigt außerdem exemplarisch, dass Alltag und Normalität seither häufig gleichgesetzt wurden.

In einem seiner Briefe knüpfte Friedländer an einen Diskussionsstrang an, in dem Broszat ar­gumentiert hatte, dass der Massenmord an den Juden nicht als erzählerischer Fixpunkt für die Geschichte des Nationalsozialismus dienen solle, da der „Stellenwert von Auschwitz im ur­sprünglichen geschichtlichen Handlungskontext [. . .] ein extrem anderer als seine Bedeutung in der nachträglichen historischen Sicht“ gewesen sei.[60] Dem in der Frage nach dem zeit­ge­nös­si­schen Wissen über die NS-Verbrechen implizierten Vorwurf des interpretativen Präsentismus widersprach Friedländer, indem er ihn zum Maßstab für Aussagen über die Normalität des All­tags in der NS-Gesellschaft machte: „Denn ein normales Leben in dem Bewußtsein, daß gleich­zei­tig massive Verbrechen geschehen, begangen durch die eigene Nation und die eigene Gesell­schaft, ist doch wohl kein so ganz normales Leben. . .“[61] Ob und was die Bevölkerung über die Ver­brechen der NS-Zeit wusste, wurde im Briefwechsel als Gradmesser für die Normalität des All­tags interpretiert.

Friedländers Einwand, im Nationalsozialismus sei grundsätzlich kein normaler Alltag möglich gewesen, setzte Broszat in einer Replik die (auto-)biografische Erzählung der „HJ-Generation“ ent­gegen, zu der er sich selbst rechnete und die er gegenüber anderen Alterskohorten abgrenzte. Bros­zat charakterisierte die Angehörigen dieser Generation zum einen als aktive Gestalterinnen und Gestalter einer demokratischen Nachkriegsnormalität. Zum anderen seien sie im Gegensatz zu älteren Jahrgängen freier und im Gegensatz zu jüngeren Alterskohorten motivierter, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Die emotionale Betroffenheit und das „Glück, in politisches Handeln und Verantwortung noch nicht oder nur marginal hinein­gezogen“ worden zu sein,[62] wertete er als biografische Besonderheit und einen Vorteil, um die NS-Vergangenheit zu historisieren. Mit seiner Argumentation wandte sich Broszat gegen den Versuch Friedländers, die Selbsterzählung der „45er“ als „Vorreiter von gesellschaftlicher Reform, Demokratisierung und Verwestlichung“ in der Nachkriegszeit kritisch zu hinter­fra­gen.[63]

In diesen Abschnitten des Briefwechsels zeigt sich, dass der Normalitätsbegriff zum einen als wissenschaftliche Hilfskategorie genutzt wurde, um Aussagen über das Verhältnis von Alltag und Verbrechen im Nationalsozialismus zu treffen. Zum anderen berührte die Frage, ob ein normaler Alltag in der NS-Diktatur überhaupt möglich war, die biografischen Selbst­ver­ständ­nisse der beiden Historiker. Weil die Interpretation einer verbrecherischen Alltagsnormalität im Nationalsozialismus das Selbstbild deutscher Historiker dieser Alterskohorte gefährdete und ihnen eine implizite Komplizenschaft unterstellte, verwundert es kaum, dass sie sich zum Teil vehement gegen diese Argumentation wehrten. Eine ähnliche Abwehrhaltung war erneut in den 1990er Jahren zu beobachten, als Daniel Goldhagen seine umstrittene These eines pauschalen „ne­gative German exceptionalism in the form of a unique, eliminatorist antisemitism“ vor­stellte.[64]

Am Beispiel des 1973 am IfZ begonnenen Projekts „Widerstand und Verfolgung in Bayern 1933–1945“[65] hob Broszat hervor, dass hier „keineswegs nur eine unpolitische ‚Normalität‘ des Lebensalltags in der NS-Zeit dokumentiert worden“ sei, sondern auch, wie die „kriminelle Di­men­sion“ die bayerische Provinz berührt habe.[66] Damit unterschied Broszat analytisch zwischen einer nicht näher definierten kriminellen Sphäre und einem normalen Alltag, wobei das Projekt darauf abzielte, das „zum Teil tatsächlich beziehungslose Nebeneinander von relativ unpo­li­ti­scher Lebensnormalität und den diktatorischen Zumutungen und Verfolgungen“ als Aus­gangs­punkt für weitere Forschungen zu nutzen. Die wechselseitige Perspektivierung von Alltag und Ver­brechen bezeichnete Broszat als „Plädoyer für die Normalisierung der Methode, nicht der Bewertung“. Diese „Aufteilung der Vergangenheit in eine Sphäre des Verbrechens und eine der Normalität“ erinnert an die Frühphase der NS-Täterforschung.[67]

Der Germanist Frank Trommler äußerte sich 1992 kritisch zu diesem Vorgehen. Er argu­men­tierte, dass der im „Bayern-Projekt“ entwickelte Begriff Resistenz dazu neige, das Streben nach Normalität in Beruf und Familie mit Widerstand zu verwechseln. Es sei deshalb notwendig, zwischen einem Alltags- und einem Normalitätsbewusstsein zu unterscheiden, wobei sich letz­teres durch seine politische Volatilität auszeichne.[68] Kurz bevor der Briefwechsel zwischen Bros­zat und Friedländer veröffentlicht wurde, hatte Detlev Peukert dafür plädiert, die „ver­schwiegene Alltagsgeschichte des Rassismus“ zu untersuchen, um damit die Aufspaltung der „Erinnerung an eine unpolitische ‚Normalität‘“ des Alltags und an verbrecherisches Handeln als eine die 1930er und 1950er Jahre verbindende Form der Verdrängung kritisch zu his­to­ri­sie­ren.[69] Insofern verstand Peukert „Normalität“ als ein durch Erinnern und nachträgliches ge­schichts­politisches Handeln gemachtes Konstrukt und nicht als einen historischen Zustand.

In seiner letzten Antwort des Briefwechsels ging Saul Friedländer auf Broszats Normalitäts­konzeption ein. Er differenzierte zwischen „einer Normalität, die als ein langfristiger sozialer Prozeß bestimmt wird (etwa die äußeren Aspekte von Alltagsleben etc.), und der Wahrnehmung von Normalität“.[70] Die zeitgenössische Wahrnehmung der NS-Verbrechen und das passive Ver­hal­ten der Mehrheitsgesellschaft begriff Friedländer als ein historiografisches Problem, das sich mithilfe alltagsgeschichtlicher Ansätze nicht angemessen erklären lasse.[71] Trotz dieses Ein­wands folgte Friedländer letztlich dem dualistischen Ansatz Broszats, indem auch er zwischen einem „Bereich von Normalität und Scheinnormalität“ und einer nicht normalen „Sphäre der verschiedenartigen kriminellen Dimensionen des Regimes“ unterschied.[72] Darauf aufbauend plädierte Friedländer für narrative Erzählformen, um den Bereich des Normalen zu vermitteln, und für dokumentarische Erzählweisen, um die nationalsozialistischen Verbrechen darzustel­len. Zudem wies er eindringlich darauf hin, dass der Fokus auf Normalität in einer Gesamt­dar­stel­lung der NS-Geschichte eher Kontinuitäten betone und damit die Perspektive der Betrof­fe­nen und Opfer vernachlässige. Es sei – so Friedländer im abschließenden Satz des Brief­wech­sels – zu befürchten, dass der zunehmende Blick auf das Alltägliche und Normale den National­so­zialismus verharmlose, denn „das menschliche Erinnerungsvermögen“ habe eine Tendenz da­zu, „das Normale dem Abnormalen“ vorzuziehen.

Ähnlich argumentierte die Historikerin Mary Nolan, als sie anmerkte, es sei die Alltagsgeschichte gewesen, die zuerst die „normality of much of life in Nazi Germany“ betont und damit im Historikerstreit ungewollt den Versuch unterstützt habe, die deutsche Geschichte zu normalisieren und den Holocaust zu relativieren.[73] Ihre Deutung stand im Gegensatz zu der von Peukert, der den konstruierten Charakter von Normalitätsvorstellungen betonte. Nolan zu­fol­ge funktionierte Normalität als spezifische alltagsgeschichtliche Perspektive, die vermeint­lich unpolitische Kontinuitäten über die NS-Zeit hinweg betone, wodurch die Gefahr einer un­be­absichtigten politischen Vereinnahmung bestehe. Obwohl sich die Positionen von Fried­län­der, Broszat und Nolan mitunter widersprachen, begriffen sie die Alltagsgeschichte über­ein­stim­mend als methodischen Ansatz, um historische Normalität zu analysieren. In den frühen De­batten der Alltagsgeschichte in den 1980er Jahren wurde somit der Grundstein für die er­kennt­nistheoretische Kongruenz von Alltag und Normalität gelegt.

Diese Sichtweise zeigt sich etwa bei Ian Kershaw, der das von 1979 bis 1985 durchgeführte all­tagsgeschichtliche Projekt „Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930–1960“ (LUSIR)[74] als Beispiel bezeichnete, um mit Oral-History-Interviews die „perceived experiences of the ‚normality‘ of ‚everyday life‘“ zu untersuchen.[75] Bezeichnenderweise stand Friedländers überzeitliches Verständnis von Erinnerung an Normalität im Widerspruch zu den Ergebnissen des LUSIR-Projekts: Basierend auf den Ergebnissen eines Aufsatzes von Ulrich Herbert zu den „guten und [den] schlechten Zeiten“[76] in erzählten Lebensgeschichten und ausgehend von sei­nen eigenen Erfahrungen, legte Projektleiter Lutz Niethammer 1985 in einem Methodenaufsatz dar, dass die Interviews von plastischen Geschichten der Jugendzeit und von außerge­wöhn­li­chen Erlebnissen geprägt seien, „während Phasen der Normalität erstens überhaupt weniger be­richtet werden und zweitens eher auf Nachfrage durch Informationen und Bewertungen cha­rak­terisiert als erzählt werden können“.[77]

Trotz gegensätzlicher Positionen kristallisierte sich in den zeithistorischen Debatten der späten 1970er und 1980er Jahre ein Konsens darüber heraus, dass die damals noch junge Alltags­ge­schichte mit ihren methodischen Ansätzen, neuen wissenschaftlichen Praktiken und neuen Quellengattungen zentrale Erkenntnisse über die Normalität des Lebens im National­sozialis­mus hervorgebracht habe.[78] Zudem verdeutlicht der Briefwechsel zwischen Broszat und Fried­länder exemplarisch, wie Normalität und Alltag in der NS-Forschung zum Teil als synonyme und zum Teil als interdependente Begriffe verstanden und genutzt wurden.[79] Eine tiefergehende begriffsgeschichtliche Bestimmung von Normalität oder die Definition von Normalität als ana­ly­tische Hilfskategorie traten hinter die dualistische Sichtweise von normalem Alltag und kri­mi­nel­ler Ausnahme zurück, wobei durchaus gefordert wurde, „to investigate the links between nor­mality and the regime’s successes and, more importantly, between everyday life and ter­ror“.[80] Solche Aufrufe, zu untersuchen, wie sich die beiden Sphären wechselseitig durch­dran­gen, stellten die grundsätzliche Aufteilung jedoch nicht infrage. Auch mehr als zwanzig Jahre nach dem Briefwechsel deutete Ian Kershaw die Alltagsgeschichte als den wissenschaftlichen Zu­gang, um das Verhalten „of ordinary people“ im Nationalsozialismus zu verstehen und letzt­lich „more normal“ zu machen.[81] Dabei griff auch Kershaw auf die Vorstellung zurück, dass „be­low the barbarism and the horror of the regime“ Muster einer „social ‚normality‘“ gelegen hät­ten, die durch die nationalsozialistische Ideologie zwar beeinflusst worden seien, sich aber zeitlich weiter zurückdatieren ließen und/oder weit über die NS-Zeit hinausgingen.

Im Zuge aktueller Arbeiten zum Verhältnis von Privatheit und Volksgemeinschaft in der NS-Diktatur ist ein 1987 in der Frühphase der Alltagsgeschichte von Detlev Peukert entwickelter Nor­malitäts­begriff aufgegriffen und aktualisiert worden. Peukert zufolge nährten die vielfäl­ti­gen Krisenerfahrungen der Weimarer Zeit, die Suche nach Sicherheit und der Wunsch nach ökonomischer Teilhabe in der Bevölkerung die Sehnsucht, die „disrupted ‚normality‘ of life“ wiederherzustellen.[82] Nach Peukert handelte es sich dabei um eine utopische Normalitäts­vor­stellung, die in der nahen Zukunft umgesetzt werden sollte und die in der Idee der national­so­zialistischen „Volksgemeinschaft“ ihren Ausdruck gefunden habe. Während klar ist, dass es sich bei „Volksgemeinschaft“ um einen Quellenbegriff handelt, bleibt bei Peukert aber unklar, ob dies auch für Normalität gilt.

In einem 2014 veröffentlichten Aufsatz griff Andreas Wirsching Peukerts Definition auf. Um die soziale Funktion der Volksgemeinschaftsidee zu verstehen, sei es wichtig zu untersuchen, wie die privaten und öffentlichen Sphären im Nationalsozialismus miteinander interagierten.[83] Als Leitmotiv, das Privatheit und Öffentlichkeit verbunden habe, identifizierte Wirsching das Versprechen von Normalität. Zu dieser Vorstellung von einem normalen Leben gehörten ein sicherer Arbeitsplatz, eine angemessene Wohnung, der Wunsch, eine Familie zu gründen und an dem wachsenden Angebot an Konsumgütern teilzuhaben. Obwohl auch die von Wirsching vorgeschlagene Definition von Normalität nicht eindeutig erkennen lässt, ob es sich um einen Quellen- oder um einen analytischen Hilfsbegriff handelt, bietet sie einen Ausgangspunkt für die Diskussion über Inhalt, Kontinuität und Wandel eines Normalitätsbegriffs, der die materiel­len Lebensgrundlagen und Geschlechterverhältnisse umfasst. Die in neuen Studien zum Pri­va­ten in der NS-Diktatur gewonnene Erkenntnis, dass die Kategorie des Privaten nicht neutral und die „Dichotomie privat/nicht-privat stark normativ“ aufgeladen ist,[84] gilt auch für die Ka­te­gorie Normalität.[85]

Der Aufschwung des Normalitätsbegriffs, der sich seit dem Ende der 1970er Jahre im Zuge der Alltags­geschichte beobachten lässt, ging nur in Ausnahmefällen mit einer anlassbezogenen De­fi­nition einher. Ob und wie Normalität als analytischer Begriff eingesetzt werden kann, um zu klas­sifizieren, zu messen oder zu modellieren, hängt aber wesentlich von der vorausgehenden Definitionsleistung ab. Wenn eine Definition ausbleibt, dann besteht die Gefahr, dass der Nor­malitätsbegriff arbiträr verwendet wird, was weder seiner Historizität gerecht wird noch sein Po­tenzial als analytische Kategorie ausschöpft.

V. Normalität und Massenmord: Stationen eines Erklärungsmodells seit den 1990er Jah­ren

Ähnlich wie Hannah Arendt in den 1960er Jahren plädierte der Sozialpsychologe Harald Wel­zer 2005 dafür, Täterhandeln durch das Prisma einer zeitspezifischen „nationalsozialistischen Mo­ral“[86] zu erklären: Zum Beispiel seien in den Akten der Prozesse gegen Angehörige der Ein­satz­­gruppen aus den 1960er Jahren keine Schuldeingeständnisse auffindbar, weil die An­ge­klag­ten auf Grundlage ihrer eigenen partikularen, zeit- und raumgebundenen Moral gehandelt und des­wegen auch nachträglich keine Schuldgefühle empfunden hätten. Welzers Buch war ein Meilenstein in den seit Ende der 1970er Jahre andauernden Bemühungen, zeithistorische und (so­zial-)psychologische Ansätze in der Holocaustforschung miteinander zu verknüpfen. Einen Hö­­hepunkt auf diesem Weg stellt Christopher Brownings 1992 publizierte Studie über das Re­ser­ve-Polizeibataillon 101 dar.[87] Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Ergebnisse psychologischer Untersuchungen in zeithistorischen Arbeiten zum Nationalsozialismus nur ver­einzelt rezipiert und wenig systematisch genutzt, um Aussagen über die Per­sön­lich­kei­ten und das Verhalten von Tätern zu treffen.[88]

Es war der britische Psychiater Henry V. Dicks, der 1972 in seiner Studie über SS-Angehörige erst­mals von „ordinary men“ gesprochen hatte. Dicks fragte dabei nach den „latent capacities of ‚ordinary‘ men to harbour and, under given circumstances to activate, murderousness, and – when the given conditions have ceased to operate – to return to inconspicuous, ‚ordinarily‘ law-abiding reasonable existence“.[89] Würde man den acht SS-Männern, die er inter­view­t habe, zufällig begegnen, sei es möglich, sie für „normal chaps“ zu halten.[90] Sechs Jahre nach Dicks griff der deutsch-amerikanische Psychologe Hans Askenazy 1978 diese sprachliche Figur auf, um im Anschluss an Stanley Milgram zu argumentieren, „that the Nazis were normal, ordinary men and to suggest the more radical conclusion that all men are psycho­dynamically identical“.[91]

Im letzten Kapitel von „Ordinary Men“ bezog sich Browning auf die psychologischen Studien von Stanley Milgram, John Steiner und Philip Zimbardo.[92] Letzterer war federführend daran be­teiligt gewesen, das 1971 durchgeführte Stanford Prison Experiment zu planen und um­zu­set­zen.[93] Zimbardo leitete aus seinem Experiment die These ab, dass situative Faktoren für grau­sames Verhalten wichtiger seien als individuelle psychologische Dispositionen. Im Rahmen des Ex­periments zeigte sich bei den elf Wärtern in der simulierten Gefängnissituation folgendes Verhaltensmuster: Dreißig Prozent agierten hart und grausam, fünfzig Prozent hart, aber fair, zwanzig Prozent verhielten sich positiv gegenüber den Gefangenen. Christopher Browning griff dieses Ergebnis auf und erklärte, dass diese statistische Verteilung ungefähr dem Verhalten der Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 entspreche.[94] Dies ist insofern bemerkenswert, als Zimbardo die 75 Bewerber, von denen er letztlich 24 auswählte, vor Beginn des Experiments mittels eines Fragebogens und eines Interviews auf ihre psychische und physische Normalität hin getestet hatte und Browning somit von einer vergleichbaren Normalität seiner Stichprobe ausging.[95] Zimbardo und seine Kollegen charakterisierten die 24 Teilnehmenden als „normal-average“ und verwiesen darauf, dass sich das Sample deshalb aus männlichen Probanden zu­sam­mensetzte, „who did not deviate from the normal range of the general population on a va­rie­ty of dimensions we were able to measure“.[96] Während Zimbardo die Validität seiner Er­geb­nisse aus der psychologischen Normalität seiner Ausgangsstichprobe ableitete, erklärte Brow­ning die Normalität der Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons aus der statistischen Ver­teilung ihres Verhaltens. Daran wird zum einen deutlich, dass sich in Brownings Studie ver­schiedene Perzeptionen und Definitionen von Normalität vermischten. Zum anderen führte Brow­ning zusätzlich den Begriff ordinary ein, der anders als Normalität keine wis­sen­schaftliche Kategorie bildet, sondern der Umgangssprache entnommen ist.[97]

Obwohl Browning kritisch hinterfragte, inwieweit sich experimentell generiertes Wissen auf sei­ne historische Fallstudie übertragen ließ, stimmte er den Erkenntnissen von Zimbardo und Milgram in unterschiedlichem Maße zu oder grenzte sich von ihnen ab.[98] Zur Antwort auf die Frage, warum sich „ganz normale Männer“ an Massenmorden beteiligt hätten, listete Browning eine Reihe von Faktoren auf, die er mithilfe von Erkenntnissen aus der experimentellen Psy­chologie gewichtete. Besondere Bedeutung schrieb er den Faktoren Gehorsamsbereitschaft ge­ge­nüber Autorität und informeller Gruppendruck zu. Um die Relevanz der beiden Faktoren zu begründen, bezog er sich eng auf das Milgram-Experiment. Methodisch ordnete Browning sei­ne Studie dagegen der Alltagsgeschichte zu, die allerdings Gefahr laufe, das „‚Dritte Reich‘ als etwas ‚Normales‘ darzustellen“, wenn sie nicht darauf achte, deutlich zu machen, „wie der All­tag unter der Naziherrschaft zwangsläufig von der verbrecherischen Politik des NS-Regimes durchdrungen“ worden sei. Vor allem für die Täter stellte sich die „Massenmordpolitik des NS-Re­gimes“ eben nicht als „Abfolge anomaler oder außergewöhnlicher Ereignisse“ dar, vielmehr sei die „Normalität selbst [. . .] immer abnormaler“ geworden.

In „Ordinary Men“ griff Browning somit auf verschiedene Konzepte von Normalität zurück: Erstens betrachtete er aus alltagsgeschichtlicher Perspektive, wie sich gewalttätiges Handeln durch Routine und Gewöhnung verfestigte und normalisierte. Zweitens verwendete er einen psychologischen Normalitätsbegriff, um zwischen pathologischem und normalem bezie­hungs­weise gesundem Verhalten zu unterscheiden. Drittens untersuchte er die demografischen Merk­ma­le der Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons, um ihre statistische Normalität im Ver­gleich zur deutschen Gesellschaft zu bestimmen. Um zu begründen, warum es sich bei den untersuchten Personen um normale Männer handelte, begann Browning seine Studie mit ei­ner Quellenkritik der ausgewerteten Gerichtsakten. Diese ermöglichten eine „re­prä­sen­tative statistische Auswertung nach Alter, Partei- beziehungsweise SS-Zugehörigkeit und so­zialer Herkunft“.[99] Ähnlich argumentierten auch Goldhagen und später Harald Welzer, die damit implizit annahmen, dass mit einer ausreichenden Menge statistischer Daten Rückschlüsse auf die soziodemografische Normalität der beteiligten Männer gezogen werden könnten.[100] Alle drei Autoren setzten zudem Normalität und Männlichkeit unausgesprochen gleich und sparten die Frage aus, ob und wie Geschlechterverhältnisse die Dynamik von Gewalt beeinflussen.[101]

Von den drei genannten Zugriffen nutzte Browning vorrangig einen aus der psychologischen Forschung entlehnten Normalitätsbegriff, um zu erklären, wie „aus ganz normalen deutschen Männern mittleren Alters Massenmörder werden konnten“.[102] Allerdings verzichtete er sowohl darauf, diese Begriffe und dazugehörigen Modelle wissens- und wissenschaftsgeschichtlich einzuordnen, als auch darauf, die innerfachlichen Debatten über die Experimente von Milgram und Zimbardo näher zu beleuchten.[103] Sein Vorgehen war insofern zeittypisch, als die zeit­his­torischen Debatten über die erkenntnistheoretischen Folgen der „interdisziplinären Forschungs­rezeption“ in der Geschichtswissenschaft zu Beginn der 1990er Jahre noch in den Anfängen steckten.[104]

Hier setzten die Historiker Thomas Sandkühler und Hans-Walter Schmuhl an, als sie 1998 im Anschluss an die sogenannte Goldhagen-Kontroverse die Übertragbarkeit der Er­geb­nisse des Milgram-Experiments auf die historische NS-Forschung diskutierten.[105] Den beiden Autoren zufolge erschien Brownings Buch nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, als sich die Aus­einandersetzungen zwischen Vertreterinnen und Vertretern einer intentionalistischen und einer funktionalistischen Interpretation des Holocaust zugunsten einer integrierten Sichtweise ab­schwäch­ten.[106] Zwar zeigten Sandkühler und Schmuhl anhand des universalistischen Erklä­rungs­anspruchs Milgrams und seiner Rezeptionsgeschichte die Grenzen der faktoriell-si­tua­ti­ven Analyse Brownings auf, den Normalitätsbegriff historisierten sie hingegen nicht. Die Re­flexion über Chancen und Fallstricke interdisziplinärer Transferprozesse zwischen Geschichts­wissenschaft und Psychologie blieb in diesem Punkt selektiv.

Auch in Harald Welzers Buch „Täter“, das 13 Jahre nach „Ordinary Men“ erschien, blieben die wissensgeschichtliche Dimension des Normalitätsbegriffs und seine Historizität weitgehend unberücksichtigt. Ähnlich wie Browning und Goldhagen untersuchte Welzer das Verhalten von Mitgliedern eines Reserve-Polizeibataillons, um die Frage zu beantworten, „wie aus ganz nor­malen Menschen Massenmörder werden“ konnten.[107] In seinem Buch zielte Welzer zudem da­rauf ab, zeit- und raumübergreifendes Wissen über genozidales Handeln zu generieren. Be­mer­kens­wert ist, dass Browning, Goldhagen und Welzer – anders als noch Saul Friedländer und Martin Broszat – nicht Auschwitz, sondern die Untersuchung von Männern, die direkt an Er­schießungen beteiligt waren, als besonders geeignet ansahen, um Aussagen über deren Nor­ma­lität zu treffen.[108] Die Frage, ob sich die Normalität von NS-Tätern akkurater über deren Nähe zum Tötungsakt wie im Fall der Reserve-Polizeibataillone oder über deren strukturelle Ferne wie im Fall der „Schreibtischtäter“[109] feststellen lässt, wurde nicht aufgeworfen. In einem 1999 verfassten Forschungsbericht griff Thomas Kühne diese Frage auf, der argumentierte, dass vor allem „Mikrostudien von Täterkollektiven“ am besten begreiflich machten, „wie ‚ganz normale‘ Männer oder ‚ganz gewöhnliche Deutsche‘ zu Mas­sen­mördern“ wurden.[110]

Die Entstehung einer „nationalsozialistischen Moral“ datierte Welzer auf das Jahr 1933. Von dies­em Zeitpunkt an seien schrittweise rechtlich und rassistisch definierte „Kriterien von Zu­gehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit“ geschaffen worden, welche die „allgemeinen Ver­bind­lichkeiten“ neu bestimmt, normativ begründet und die „Zugehörigen auf die zugrunde liegende par­tikulare Moral“ verpflichtet hätten.[111] Damit beschrieb Welzer eine durch (pseudo-)wis­sen­schaftliche und juristische Definitionen legitimierte sowie durch alltägliche Praktiken langsam etab­lierte, erlernte und sozial reproduzierte nationalsozialistische Normalität der Exklusion.[112] Ohne es explizit so zu formulieren, charakterisierte Harald Welzer historischen Wandel als eine Ab­folge gesellschaftsstrukturierender Normalitätsvorstellungen von der Weimarer Republik bis zur NS-Herrschaft. Dabei deutete er die antisemitische Normalität als disziplinierendes Ord­nungsprinzip der nationalsozialistischen Gesellschaft.

Aus jüdischer Perspektive stellte sich dieser historische Wandel als eine biologisch de­ter­mi­nier­te und somit von den Nationalsozialisten als unüberwindbar definierte Grenze von Normalität dar. Nach Welzer folgt daraus, dass „es im Rahmen einer partikularen Moral wie der des Natio­nal­sozialismus ‚normal‘“ gewesen sei, „Dinge zu tun, die nach Maßgabe einer uni­ver­sa­lis­ti­schen Moral verboten sind“.[113] Welzer beschrieb das Handeln innerhalb der „national­so­zia­lis­ti­schen Moral“ als Kontinuum von als normal definierten und empfundenen Verhaltensweisen ge­genüber jüdischen und anderen ausgegrenzten Menschen. Die formalen juristisch-mo­ra­li­schen Grenzen normalen Verhaltens waren – zumindest bis etwa 1938 – einerseits durch Gewalt und Mord und andererseits durch Unterstützung für Jüdinnen und Juden definiert. Ob und wel­che Reaktionen auf Grenzüberschreitungen erfolgten und wie sich das Spektrum normaler Ver­haltensweisen wandelte, war von der jeweiligen historischen Situation abhängig. Welzers Ana­ly­se konzentrierte sich am Beispiel von Mitgliedern eines Reserve-Polizeibataillons auf das his­torische Entstehen und den Wandel von Normalitätsvorstellungen bei denjenigen, die der na­tionalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ angehörten.

Innerhalb dieser vermeintlich normalen Mehrheitsgesellschaft fielen die Angehörigen des Re­serve-Polizeibataillons we­der durch ihre Individualität noch durch ihre soziodemografischen Merk­­male besonders auf; sie waren jedoch auch nicht repräsentativ.[114] Indem er also die sta­tistische Repräsentativität seiner Fallstudie anzweifelte, wandte sich Welzer gegen Daniel Gold­hagens Argument, dass die Mitglieder der Polizeibataillone eine „representative cross section of German men“ gewesen seien und sein Sample deswegen Auskunft über die antisemitischen Ein­stellungen aller männlichen Deutschen gebe.[115]

Mitte der 1990er Jahre stellte Goldhagen der faktoriell-situativen Analyse Brownings einen kog­nitivistischen Erklärungsansatz gegenüber. Dabei ging er davon aus, dass das Handeln von In­dividuen maßgeblich durch ihre mentalen Dispositionen, ihre Weltsicht und ihren Wer­te­ho­ri­zont bestimmt werde. Für die Beteiligung am Massenmord sei deswegen ein potenziell allen nor­malen Deutschen inhärenter „eliminationist antisemitism as genocidal motivation“ aus­schlag­gebend gewesen.[116] Weil die Nationalsozialisten davon ausgingen, dass die Bereitschaft zur Ermordung jüdischer Menschen bei normalen Deutschen grundsätzlich vorhanden sei, seien keine besonderen Auswahlverfahren nötig gewesen, um etwa Wachmannschaften für Kon­zen­trationslager oder Mitglieder für Einsatzgruppen und Polizei-Reservebataillone zu rekru­tie­ren.[117] Obwohl zeitnah die kritische Frage gestellt wurde, ob es methodisch zulässig sei, von der individuellen „Normalität der Mörder“ auf die kollektive „Mordbereitschaft oder Mordlust der Normalen“ zu schließen, fungierte Normalität offenbar als selbstverständlich angenommene Ord­nungskategorie.[118]

Im zweiten Teil seines Buchs untersuchte Harald Welzer, wie der Massenmord vorbereitet, ko­or­diniert und durchgeführt wurde, und fragte, wie sich das Verhältnis von Handlung und mo­ra­lischem Referenzrahmen gestaltete. Das arbeitsteilige Handeln habe die massenhaften Er­schie­ßun­gen in eine Abfolge zerlegt, in der „lediglich der letzte Akt der gesamten Handlungskette in das Format des Außergewöhnlichen fiel“.[119] In Anlehnung an Stanley Milgram argumentierte Welzer, dass der außergewöhnlich grausame Akt der Erschießung mit einem „großen Anteil an ‚Nor­malität‘“ einherging und es deswegen passender sei, bei der Tatausführung von einer „Nor­malisierung zu sprechen“. Dieser Aspekt hat, wie Welzer hervorhob, zentrale Implikationen für die Quellenkritik, da Routinehandlungen nicht in das Langzeitgedächtnis aufgenommen wer­den, sondern „lediglich das Bemerkenswerte, Unerwartete“ in Erinnerung bleibt. Da seine Ar­beit – ebenso wie die von Browning und Goldhagen – auf Zeugenaussagen und Ver­hör­pro­to­kol­len basiert, die zwanzig Jahre nach den Ereignissen angefertigt wurden, stellt sich die Frage, ob historische Normalitätsvorstellungen, die aus Erinnerungen extrahiert werden, nur durch eine Fokussierung auf das Außergewöhnliche untersucht werden können.

Trotz eines insgesamt stringenten Normalitätsbegriffs nutzte Welzer an verschiedenen Stellen unscharfe psychologische, statistische und umgangssprachliche Verständnisse von Normalität, die das Erkenntnispotenzial seines Ansatzes schmälern. Welzers Theorie deckte sich weit­ge­hend mit Jürgen Links Theorie einer „protonormalistische[n] Strategie“, ohne dass Welzer Links Arbeiten im Literaturverzeichnis aufführte.[120] Grenzen von Normalität werden im Pro­to­nor­malismus durch Exklusion eng gezogen und mit harten Sanktionen durchgesetzt. Die Grenz­zie­hungen fungieren als alltäglich erlerntes und sozial vermitteltes Handlungs- und Orien­tie­rungswissen.

Als Kritiker des Normalitätsbegriffs in der NS-Täterforschung im Allgemeinen und der In­ter­pre­tationen Welzers im Besonderen positionierte sich Anfang der 2010er Jahre der Sozial­psy­cho­loge und Soziologe Rolf Pohl. Neben der inflationären Verwendung des Nor­ma­litäts­begriffs sei zu beobachten, dass dieser nicht definiert, aber als scheinbar eindeutige Ord­nungs­kate­gorie genutzt werde.[121] In Abgrenzung zu Welzer plädierte Pohl deswegen für eine psy­cho­analytische Lesart von Normalität in der NS-Täterforschung. Hinsichtlich der Persönlichkeiten von NS-Tätern zeichnete Pohl das Bild eines fließenden Spektrums von Merkmalen, bei dem „gewisse pathologische Einsprengsel bis zu psychotisch erscheinenden Ver­ar­bei­tungs­me­cha­nis­men zur Grundausstattung auch halbwegs ‚normaler‘ Persönlichkeiten“ gehörten. Mit einem Verweis auf situative oder faktoriell angelegte Analysen forderte er ähnlich wie Gold­ha­gen, die massenpsychologischen Auswirkungen des nationalsozialistischen Antisemitismus auf individuelles Handeln in das Zentrum der Analyse zu stellen.

Mit seinem Plädoyer, Handlungsmotive von Tätern individualpsychologisch zu erforschen, warf Pohl ein von ihm zwar nicht explizit erwähntes, aber für die Zeitgeschichte grundlegendes Quellenproblem auf. Aufgrund fehlender Dokumente muss sich die Rekonstruktion der Motive der handelnden Personen meist auf retrospektive Erinnerungen stützen, die in Gerichts- oder Ver­­neh­mungsprotokollen in den 1960er Jahren festgehalten wurden. Richard Overy ar­gu­men­tier­te, dass die einerseits nicht zugängliche historische Situation und andererseits das Bedürfnis, sie zu verstehen, den Antrieb dafür ausmachen, psychologisches Wissen auf die Holocaust-For­schung zu übertragen.[122] Im Zuge der Debatten über die 2014 veröffentlichte organisations­so­ziologische Studie von Stefan Kühl argumentierte Michael Wildt, dass die Untersuchung von Si­tuationen und Praktiken die Suche nach Motiven mit der „praxeologische[n] Wende“ abgelöst habe,[123] da keine Quellen verfügbar seien, die Aufschluss über Motive im Moment der Tat ge­ben könnten. Aus Erinnerungen produzierte Quellen wie Interviews oder Vernehmungs­pro­to­kol­le liefern vorwiegend Auskunft über die angenommenen Motivlagen zum Zeitpunkt ihrer Er­hebung. Obwohl Pohl die Forschungsgrundlage als unzureichend kritisierte, erläuterte er nicht, welche Quellen er für den Beleg eines kausalen Zusammenhangs zwischen an­ti­se­mi­ti­schen Motiven und dem Handeln der Täter für relevant hielt.

Ebenso zentral wie zeitgeschichtlich relevant ist die von Pohl am Beispiel Welzers kritisierte Distanzlosigkeit, die aus seiner Sicht unkritisch und verharmlosend die „Binnenperspektive der Täter“ einnehme.[124] Indem das Handeln von Tätern als normal, den damals geltenden mo­ra­li­schen Maßstäben entsprechend und damit weder als krank noch als einzigartig interpretiert wer­de, sei eine „Beschäftigung mit Persönlichkeitsstrukturen und psychischen Verfassungen [. . .] nutzlos“. Diese Sichtweise führe zu einem Verständnis von Normalität, das die verbrecherische Dimension des Massenmords verharmlose und „die Dimension des objektiv herrschenden Grauens“ nicht adäquat beschreibe. Pohls Mahnung ist somit ein Plädoyer für einen präsen­tis­ti­schen Ansatz, der zur Deutung des Verhaltens von Tätern auf gegenwartsnahe Normalitäts- und Moralvorstellungen zurückgreifen sollte.

Zur wissenschaftlich abgesicherten Reintegration des Normalitätsbegriffs schlug Pohl vor, sich mit „unbewussten psychischen Mechanismen auseinander[zu]setzen, die zur Abwehr drohender Folgen innerer und äußerer Konflikterfahrungen verwendet werden und die in spezifischen psy­cho­sozialen Verarbeitungsprozessen insbesondere auf massenpsychologisch wirksamen Wegen zur Herstellung einer kollektiven Zerstörungspraxis genutzt werden können“.[125] Für diesen An­satz sei es zentral, das Verhältnis von Normalität und Pathologie mithilfe psychoanalytischer Konzepte zu bestimmen. Von besonderer Bedeutung seien in der frühkindlichen Phase „erwor­be­ne Projektions- und Introjektionsmechanismen [. . .], die insbesondere in Zeiten innerer und äußerer Krisen regressiv zur Abwehr (vermeintlich) drohender Gefahren mobilisiert wer­den können“. Diese regressiven Rückgriffe definierte Pohl als am gefährlichsten, weil das „im Nor­malen liegende psychische Potential“ den zentralen „subjektiven Anknüpfungspunkt einer rassistischen Politisierung ausmacht, zu deren Prototypen zweifellos der antisemitische Mas­sen­wahn der Nationalsozialisten gehört“. Die Konstruktion des Judentums als absolutes Feind­bild und die damit verbundene gesellschaftliche Transformation in den 1930er Jahren inter­pre­tier­te Pohl als wichtigsten Anknüpfungspunkt an die psychische Normalität der Individuen in der „Volksgemeinschaft“.

Ob und wie sich Sigmund Freuds individualpsychologische Erklärungen des Antisemitismus abwandeln und auf gesellschaftliche Kollektive übertragen lassen, wurde aber auch kri­tisch hinterfragt. So wies etwa Anthony D. Kauders darauf hin, dass Freuds Thesen nicht erklären, wie Antisemitismus vom individuellen auf das kollektive Unbewusste übertragen wird, ob sich solche Übertragungsprozesse stoppen lassen oder warum und in welchen his­to­ri­schen Situationen sich das Unbewusste manifestiert.[126] Zudem funktioniere „projection“ in seiner psychoanalytischen Lesart inzwischen als ein Catch-all-Begriff, mit dem alle möglichen anti­jüdischen Verhaltensweisen erklärt würden.

Trotz der Abgrenzung von Welzer kam Pohl zu dem zwar psychoanalytisch be­gründeten, aber dennoch vergleichbaren Ergebnis, dass der Antisemitismus als zentrales Ord­nungs­prinzip der nationalsozialistischen Gesellschaft funktionierte. Während Welzer Anti­se­mi­tis­mus als einen gesellschaftsstrukturierenden Mechanismus verstand, interpretierte Pohl ihn in­dividualpsychologisch als Denk- und Handlungsweise, die in einer historisch einzigartigen Kon­stellation in der menschlichen Psyche stets angelegte Effekte mobilisierte und damit als nor­mal erscheinen ließ. Ähnlich wie bei den historischen Studien zu NS-Tätern ging auch Pohl nicht auf die wissenschaftshistorischen Auseinandersetzungen in der Psychoanalyse über das Ver­hältnis von Antisemitismus zu psychischer Normalität und Pathologie bei Individuen und Grup­pen ein.

Wie die vorangegangenen Ausführungen zeigen, wurde Normalität seit der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart als zentrale Kategorie herangezogen, um das Verhalten von NS-Tätern zu er­klären und zu verstehen. Während psychologische Normalitätskonzepte in der Nachkriegszeit zur Analyse der Persönlichkeiten prominenter NS-Täter dienten, wurde der Begriff in den 1960er Jahren popularisiert und auf die sogenannten Schreibtischtäter übertragen. Seit Ende der 1970er Jahre ist im Zuge des Aufkommens der Alltagsgeschichte eine begriffliche Gleich­set­zung von Alltag und Normalität zu beobachten, die seither von der NS-Täterforschung adaptiert und in vielfach rezipierten Studien verbreitet wurde. Zudem steht die Begriffsgeschichte von Normalität in der NS-Täterforschung exemplarisch für die oft zu wenig hinterfragte Übernahme psychologischer Deutungsangebote in der Zeitgeschichte.

VI. Fazit: Zum Verhältnis von Normalität und Alltags- und Täterforschung zur NS-Zeit

Neuere wissenschaftshistorische Studien haben die Mitte der 1940er Jahre als eine Phase be­schrie­ben, in der sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts entstandene Ideen und Vorstellungen von Normalität aus ihren medizinischen und statistischen Spezialfeldern lösten und begannen, ei­ne größere gesellschaftliche Wirkung zu entfalten.[127] Mit zunehmender Verbreitung hat sich auch die Mehrdeutigkeit des Normalitätsbegriffs als deskriptiver und normativer Begriff ver­stärkt und damit seine definitorische Unschärfe weiter verfestigt. Diese Unklarheit trägt nicht nur zu seiner ubiquitären Anwendbarkeit bei, sondern auch zu seiner gesellschaftlichen Wir­kungs­macht.

Das zeitgleiche Aufkommen des Normalitätsbegriffs in der Alltagssprache und der Beginn der wissenschaftlichen Suche nach den Motiven und Persönlichkeitsstrukturen von NS-Tätern deu­ten auf einen bisher weniger beachteten Verstärkungs- und Verbreitungszusammenhang hin. Ein Beleg dafür, wie sich der alltagssprachliche Gebrauch des Normalitätsbegriffs in der NS-Täter­for­schung verbreitete, ist Hannah Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess. Beim Ver­mes­sen der Persönlichkeiten von NS-Tätern orientierte sich die psychologische Forschung seit den 1940er Jahren an einer zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Medizin und Pathologie etab­lier­ten, dichotomen Unterscheidung zwischen pathologisch und gesund beziehungsweise normal. Obwohl die Gegenüberstellung von Normalität und Krankheit während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Beispiel durch die Anti-Psychiatrie-Bewegung infrage gestellt wurde, blieb sie als Ordnungsschema in der wissenschaftlichen Forschung zu NS-Tätern präsent.[128] In allen Phasen und Konjunkturen der NS-Täterforschung seit 1945 griff man auf den Nor­mali­täts­begriff zurück, wenn auch mit abweichenden Zielsetzungen.

Die für die Begriffsgeschichte von Normalität typische messiness zeigt sich etwa anhand des Brief­wechsels zwischen Martin Broszat und Saul Friedländer oder auch an der Goldhagen-Kon­troverse. Insgesamt verdeutlicht die Forschungsliteratur seit den 1980er Jahren, dass sich der Begriff Normalität in zeithistorischen Arbeiten zum Nationalsozialismus in einem weiten Raum zwischen wissenschaftlicher Definition und Umgangssprache bewegt; daher lässt sich sein analytischer Mehrwert oft nur noch schwer oder gar nicht mehr bestimmen.

Wie die Studien von Browning und Welzer exemplarisch zeigen, könnte eine wissens- und wis­sen­schaftsgeschichtliche Historisierung des Normalitätsbegriffs dazu beitragen, genauer zu prü­fen, „ob das gewählte Unterscheidungsschema“ der Normalität hilfreich ist, um die For­schungs­frage zu beantworten.[129] Vor diesem Hintergrund bleibt oft die grundlegende Einsicht aus, dass es sich bei Normalität nicht um einen natürlich gegebenen Zustand, sondern um eine wissenschaftlich oder diskursiv hergestellte Kategorie handelt. Da die Kritik und Reflexion von Nor­malitätsannahmen, „auch solcher, die im eigenen Forschungsprozess produziert und repro­du­ziert werden“,[130] in anderen Wissenschaftsfeldern wie der sozialwissenschaftlichen Mi­gra­tions­forschung bereits selbstverständlich ist, wäre es für die Forschung zur NS-Geschichte lohnenswert, sich stärker an diesem Vorgehen zu orientieren.

Insgesamt scheinen in der NS-Alltags- und Täterforschung drei verschiedene Verständnisse von Normalität zu dominieren, die leicht durcheinandergeraten, wenn keine klare, an­wen­dungs­be­zogene Definition Verwendung findet. In der Alltagsgeschichte der 1980er Jahre wurde Nor­ma­li­tät beziehungsweise die Vorstellung eines normalen Lebens als Utopie verstanden, die sich auf soziale und ökonomische Aspekte der Lebensführung bezog und die vom NS-Regime in der „Volksgemeinschaft“ verwirklicht werden sollte. Die NS-Tätergeschichte nutzte und nutzt hingegen einen psychologischen Normalitätsbegriff, um zu klären, ob es sich bei den Tätern um Menschen mit pathologischen Persönlichkeiten handelte. Hinzu kommt ein statistisches Verständnis von Normalität, das sich auf soziodemografische Merkmale wie Alter oder soziale Herkunft bezieht. Bei allen drei Begriffen bleibt häufig unklar, ob es sich um einen Quel­len­be­griff handelt oder um einen heuristischen Begriff, der von Forschenden eingeführt wurde.

In geschichtswissenschaftlichen Arbeiten wird der Begriff Normalität oft weniger als ein his­to­risch zu analysierender Quellenbegriff verwendet, sondern vielmehr als ein methodisch unzureichend abgesichertes Werkzeug zur Wissensproduktion. Wenn beispielsweise das weib­li­che SS-Personal in Konzentrationslagern entlang der Kategorien „[ü]berzeugte Par­tei­gän­ge­rin­­nen“ und „ganz normale deutsche Frauen“ analysiert wird,[131] dann beschreibt man keinen his­to­rischen Zustand, sondern gebraucht Normalität als Ordnungsbegriff, der „mittels einer Grenz­ziehung ein Innen und ein Außen“ sowie „Zugehörigkeit und Ausschluss“ herstellt.[132] Die­ser konstruktive Charakter wird insbesondere bei geschlechterspezifischen Verständnissen von Normalität oft nicht explizit gemacht und deswegen auch die darin eingelagerte, eigene Konstruktionsleistung nicht wahrgenommen.

Wenn Normalität als analytische Hilfskategorie definiert wird, dann oft von interdisziplinär ausgebildeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Froukje Demant. Basierend auf Ar­beiten der Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann entwarf die Psychologin und Politikwissenschaftlerin das Konzept einer existenziellen und moralischen Normalität, das sie nutzte, um die alltäglichen Interaktionen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen zwi­schen 1933 und 1938 zu analysieren.[133] Sie erklärte damit, wie Jüdinnen und Juden in der na­tionalsozialistischen Gesellschaft lebten, die sie zwar als moralisch abnormal bewerteten, aber als normal im Sinne einer kohärenten und vorhersehbaren Lebenswelt erlebten. Ein weiteres Bei­spiel für einen Bewusstseinswandel in der Geschichtswissenschaft findet sich in einem 2023 ver­öffentlichten Aufsatz von Patrick Bernhard über den juristischen Umgang mit Verbrechen an Tuberkulosekranken im Nationalsozialismus, in dem er auf die „Generierung von ‚Nor­ma­lität‘ nach 1945“ hinwies. Bernhard betonte, dass Juristen sich bemühten, eine „bestimmte Form von ‚Normalität‘ zu erzeugen“, und verwies auf die Gemachtheit von Normalitäts­vor­stel­lun­gen in der Nachkriegszeit.[134]

Einerseits funktioniert der Normalitätsbegriff in seiner umgangssprachlichen Anwendung für die historische Forschung nicht, weil er als wissenschaftliche Analysekategorie unkenntlich bleibt.[135] Andererseits funktioniert er offenbar besonders gut, weil er über eine scheinbar selbst­ver­ständliche Deutungskraft verfügt, mit der sich vergangenes Verhalten (vermeintlich) er­klä­ren lässt.[136] Ob die Geschichtswissenschaft mit den verfügbaren Quellen die psychische Nor­ma­lität der an den Massenmorden beteiligten Männer und Frauen oder die Normalität ihres Ver­haltens untersuchen kann oder soll, bleibt angesichts der bisher bestehenden definitorischen Un­klarheiten fraglich. Die Frage, ob es sich bei den NS-Täterinnen und -Tätern um (ganz) nor­ma­le Menschen handelte, lässt sich aus zeithistorischer Perspektive nicht (mehr) beantworten.

Der Normalitätsbegriff sollte wegen seiner umgangssprachlichen Verbreitung in der zeit­his­to­ri­schen NS-Täter- und Alltagsforschung nur dann verwendet werden, wenn er als Quel­len­be­griff eingeführt oder wenn deutlich gemacht wird, wie und mit welchem er­kennt­nis­lei­tendem Ziel Normalität definiert wird. Wird Normalität etwa als Quel­len­be­griff und als Ord­nungs­kategorie der historischen Akteure begriffen, dann lautet die Frage nicht, ob die Männer der Reserve-Polizeibataillone normal waren oder nicht, sondern wie und warum sie sich selbst in den Gerichtsprozessen als normale Männer definierten.

Soll Normalität als zeit­his­torischer Ana­lysebegriff verwendet werden, liegt es nahe, ihn enger an seinen mathematisch-sta­­­tistischen Grundlagen auszurichten. Durch die Erfassung aller in den Archiven verfügbaren so­zio­demografischen Daten der Männer in den Reserve-Polizeibataillonen könnte eine Da­ten­bank erstellt werden, die es ermöglicht, statistisch abgesicherte Aussagen über die Normalität einzelner Personen im Vergleich zu einer Gesamtstichprobe zu treffen. So könnten etwa auch die Aussagen vor Gericht in statistische Variablen übersetzt und miteinander ver­gli­chen werden.[137] Ein Beispiel für ein solches Verfahren ist die umfangreiche statistische Aus­wer­tung der Beitrittsmotive von NSDAP-Mitgliedern durch die Forschungsgruppe um Jürgen Fal­ter.[138]

Sowohl als Quellen- als auch als Analysebegriff schafft Normalität Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die His­to­ri­ke­rin­nen und Historiker erklären und transparent machen müssen. Unabhängig vom jeweiligen For­schungsgegenstand ist das Schreiben über Normalität eine wissenschaftliche Operation, die als solche gekennzeichnet werden sollte, um zu verhindern, dass die konstruierten Differenzen und die scheinbare Homogenität des Normalen fälschlicherweise als natürliche Gegebenheiten wahr­genommen werden.

Online erschienen: 2026-01-01
Erschienen im Druck: 2025-11-26

© 2026 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 20.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/vfzg-2026-0004/html
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