Home Literary Studies Friedrich, Alexander; Gall, Alfred; Gehring, Petra; Loew, Peter Oliver; Pörzgen, Yvonne (Hgg.). Kosmos Stanisław Lem. Zivilisationspoetik, Wissenschaftsanalytik und Kulturphilosophie. Wiesbaden: Harrasowitz, 2021. 368 pp.Rzeszotnik, Jacek Aleksander (Hg.).Ein Jahrhundert Lem (1921–2021). Wrocław und Dresden: Neisse Verlag, 2021. 239 pp.
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Friedrich, Alexander; Gall, Alfred; Gehring, Petra; Loew, Peter Oliver; Pörzgen, Yvonne (Hgg.). Kosmos Stanisław Lem. Zivilisationspoetik, Wissenschaftsanalytik und Kulturphilosophie. Wiesbaden: Harrasowitz, 2021. 368 pp.Rzeszotnik, Jacek Aleksander (Hg.).Ein Jahrhundert Lem (1921–2021). Wrocław und Dresden: Neisse Verlag, 2021. 239 pp.

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Published/Copyright: June 19, 2023
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Rezensierte Publikationen:

Friedrich, Alexander; Gall, Alfred; Gehring, Petra; Loew, Peter Oliver; Pörzgen, Yvonne (Hgg.). Kosmos Stanisław Lem. Zivilisationspoetik, Wissenschaftsanalytik und Kulturphilosophie. Wiesbaden: Harrasowitz, 2021. 368 pp.

Rzeszotnik, Jacek Aleksander (Hg.). Ein Jahrhundert Lem (1921–2021). Wrocław und Dresden: Neisse Verlag, 2021. 239 pp.


Jubiläen sind stets ein willkommener Anlass für Publikationen. Auch der 100. Geburtstag von Stanisław Lem im Jahr 2021 macht da keine Ausnahme. Allein im deutschsprachigen Raum sind in diesem Zusammenhang neben der Neuauflage einzelner Werke und einer „Best of“-Taschenbuchausgabe seiner eigenen Texte bei Suhrkamp auch eine Biographie von Alfred Gall unter dem Titel Stanisław Lem. Leben in der Zukunft sowie die Erinnerungen von Lems Sohn Tomasz unter dem Titel Zoff wegen der Gravitation oder: Mein Vater, Stanisław Lem zu nennen. In diesen Kontext gehören auch die beiden hier zu besprechenden Sammelbände, wobei der von Jacek Aleksander Rzeszotnik herausgegebene Band tatsächlich ganz konkret durch das Jubiläum angeregt worden ist, während der andere auf eine längere Vorgeschichte zurückblicken kann. Der von Alexander Friedrich et al. edierte Band versammelt laut den Angaben der Herausgeberinnen und Herausgeber nämlich Vorträge, die im Rahmen einer an der TU Darmstadt unter dem Titel „Lem zwischen den Welten“ im Wintersemester 2016/2017 veranstalteten Ringvorlesung gehalten worden sind, Beiträge zu der vom 02. bis 04.03.2017 ebenfalls an der TU Darmstadt ausgerichteten Tagung „Kosmos Lem. Zivilisationspoetik, Wissenschaftsanalytik und Kulturphilosophie“ sowie weitere Aufsätze. In ihrer Einführung geben die Herausgeberinnen und Herausgeber zunächst eine Kurzcharakteristik von Lems Gesamtwerk, skizzieren sodann dessen wissenschaftliche Rezeption, um darauf aufbauend zentrale Felder der Lem-Forschung zu identifizieren, die auch für die Konzeption des Sammelbandes leitend gewesen seien, weshalb an dieser Stelle auch nicht näher auf sie eingegangen zu werden braucht. Es folgen 20 Beiträge, die vor einer Gesamtwürdigung des Bandes in der gebotenen Kürze zusammengefasst werden sollen.

Jerzy Jarzębski (Ethik der gesellschaftlichen Technologie) vollzieht in einem Parforce-Ritt den Umschlag von Utopie in Dystopie im belletristischen Gesamtwerk Lems nach. Dominiere im Frühwerk unter dem Einfluss des Sozialistischen Realismus noch die Idee einer idealen kommunistischen Gesellschaft, werde diese zunehmend durch eine Besinnung auf das menschliche Maß und ein Plädoyer für die Empathie gegenüber dem Fremden abgelöst. Als Ursache für diesen Umschlag macht Jarzębski eine zunehmende Skepsis Lems gegenüber der Verabsolutierung des Intellekts und des technischen Fortschritts aus.

Anhand von Zeitschriftenbeiträgen rekonstruiert Agnieszka Gajewska (Mausefallen, der Holocaust der Wühlmäuse und Spinat. Nicht-menschliche Gefährten in den Feuilletons und in der Korrespondenz Stanisław Lems) zunächst bisweilen ernste, bisweilen ironische Überlegungen Lems zu den Grenzen zwischen Mensch und Tier, zwischen Natürlichem und Künstlichem sowie deren Verwischung, bevor sie dann in der privaten Korrespondenz und in einigen belletristischen Texten Lems „Analogien zwischen den Vernichtungslagern und der Vernichtung des Gettos und der Situation nicht-menschlicher Gefährten“ (p. 38) nachspürt. Aus all dem liest Gajewska eine Kritik am Anthropozentrismus, ein Schluss, der zwar durchaus plausibel ist, sich jedoch nur bedingt nachvollziehen lässt, da die Verfasserin in ihrem Beitrag überwiegend impressionistisch verfährt.

Matthias Schwarz (Die Traurigkeit des Golems. Stanisław Lems Figuration posthumaner Intelligenz als Poetik der Erinnerung) beschäftigt sich mit Lems Umdeutung des Golem-Mythos und erkennt darin „einen enigmatischen Abgesang auf all die der Legende seit Jahrhunderten innenwohnenden ambivalenten Hoffnungen auf eine Rettung und ein Überleben der jüdischen Bevölkerung Osteuropas“ (p. 72). Die in den Golem-Texten zum Ausdruck kommende negative Anthropologie habe ihre letzte Ursache in der Erfahrung des Holocaust, den Lem als dessen Überlebender in der Volksrepublik Polen jedoch nicht direkt, sondern lediglich in allegorischer Weise habe thematisieren können.

Alfred Gall (Vakante Wirklichkeit: Derealisierung bei Beckett, Gombrowicz und Lem) unternimmt einen Versuch der literaturhistorischen Kontextualisierung von Lems Werken, der sich jedoch in zweifacher Hinsicht als problematisch erweist. Zum einen wird die Wahl der Vergleichstexte (Gombrowiczs Kosmos und Becketts Watt) nicht überzeugend begründet, zum anderen wird die Funktion des vergleichenden Dritten, das Konzept der Derealisierung, für die Sinnkonstitution der jeweiligen Texte nicht reflektiert. Zwar können so auf der deskriptiven Ebene unterschiedliche Formen von dessen Umsetzung konstatiert werden, doch verbleibt die Beschreibung seiner spezifischen Ausformung in Lems Romanen Solaris und Fiasko damit gleichsam im luftleeren Raum.

Als erfolgreicher erweist sich hier der Ansatz von Przemysław Czapliński (Laboratorien der Ungewissheit), in dessen Zentrum dasselbe Phänomen steht, freilich ohne dass dafür der Begriff der Derealisierung verwendet wird. Er liest Solaris als ein „anticartesianisches Narrativ“ (p. 93) und versteht den Text deshalb gegen die konventionelle Deutung nicht als einen Roman über eine gescheiterte Kontaktaufnahme, sondern, in einer paradox anmutenden Formulierung, als einen Roman „über einen gelungenen Fehlschlag der Kontaktaufnahme“ (p. 96; Herv. i. O). Der darin aufscheinende Zweifel an einer sinnvollen Ordnung der Welt verbinde Lems Text mit der Epik anderer polnischer Autoren wie z. B. Gombrowicz, Buczkowski, Parnicki, Różewicz, Czycz, deren Texte sich trotz ihrer je spezifischen Poetik unter den Begriff der postavantgardistischen Prosa zusammenfassen ließen. Diese Konfiguration zeichne sich einerseits durch den Verlust der Vorstellung von Ganzheit aus, andererseits aber durch das Fehlen zentraler Merkmale avantgardistischer Literatur (Fortschrittspathos, Glaube an die führende Rolle des Künstlers, Streben nach einer Vereinigung von Kunst und Leben u. a. m.).

Eher literaturkritischen Charakter hat die Beschäftigung von Stanisław Bereś mit den Antikriminalromanen Lems (Stanisław Lems Kriminalromane), die aus ausführlichen Textparaphrasen, insbesondere des Romans Der Schnupfen, besteht. Dabei werden zwei Aspekte besonders hervorgehoben: 1. der prognostische Charakter einzelner Textpassagen und 2. das Phänomen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, anhand dessen deutlich werde, dass der Lauf der Welt nicht durch eine sinnhafte Ordnung bestimmt wird, sondern durch den Zufall.

Kai Denker (Gefährliche Texte: Lems Waffensysteme des 21. Jahrhunderts) analysiert Form und Funktion des 1983 erschienenen Buchs Waffensysteme des 21. Jahrhunderts oder The Upside Down Evolution und kommt dabei zu dem Schluss, dass Lem in dieser in die Zukunft verlegten Rezension einer fiktiven militärhistorischen Abhandlung „die Kommentarposition eines Historikers gegenüber der eigenen Gegenwart“ (p. 132) einnehme und dadurch die Grenze zwischen fiktionaler und nichtfiktionaler Rede verwische. Die auf diese Weise gewonnene Freiheit der Perspektive werde nicht nur zu einer Parodie auf die Kriegsfuturologie genutzt, sondern auch zu einer Warnung vor immer absurder anmutenden Militärstrategien, deren letzter Grund in einer durch den technischen Fortschritt verursachten Paranoia liege.

Gabriele Gramelsberger (Lem goes reality. Lems „Vorwort im Nachhinein“ von 1982 als Antwort im Voraus) rekapituliert Ablauf und Ergebnisse eines Workshops zu den Perspektiven von Informationstechnologie und Kommunikation, der unter Beteiligung Lems im September 1981 an der FU Berlin stattgefunden hat. Dabei gleicht sie in erster Linie die von Lem zum Teil bereits in Summa technologiae gemachten Prognosen mit der heutigen Realität ab, um schließlich kurz den Status der Wissenschaft als eine Tätigkeit zu charakterisieren, die „extravagante oder skurrile Phantasmen in kognitiv richtiges Denken und damit Technologie“ (p. 151) verwandle.

Eine umgekehrte Perspektive nimmt Szymon Piotr Kukulak (Die Rolle realer wissenschaftlich-technischer Entdeckungen in der Prosa von Stanisław Lem. Ausgewählte Beispiele) ein. In der für die Kulturwissenschaften insgesamt charakteristischen neopositivistischen Manier ist er darum bemüht, Kausalrelationen zwischen historischen Fakten und Lems Werk nachzuweisen, gerät dabei zwangsläufig immer wieder in den Bereich der Spekulation und glaubt zudem, wissenschaftliche „Fehler“ (p. 160) in Lems Texten nachweisen und begründen zu müssen. Dieser rein produktionsästhetische Zugang gibt Kukulak zwar die Möglichkeit, sein stupendes Wissen in den Bereichen der Astronomie, der Physik und der Informatik unter Beweis zu stellen, über die Texte Lems lernt man dabei freilich nichts.

Anhand ausgewählter Beispiele, insbesondere aus Die vollkommene Leere und Imaginäre Größe beschäftigt sich Alexander Friedrich (Fictions of Science? Lems fingierte Paratexte) mit den gemeinhin als Apokryphen bezeichneten Texten Lems, die er näherhin als fingierte Paratexte charakterisiert. Als Rezensionen nichtexistenter Bücher setzten sie die Unterscheidung zwischen fiktionaler und nichtfiktionaler Rede außer Kraft, um in performativer Weise auf die „sprachlichen, epistemologischen und kulturellen Voraussetzungen dieser Unterscheidung aufmerksam“ (p. 185) zu machen.

Yvonne Pörzgen (Die Ohnmacht der Mächtigen: Entscheidungen bei Stanisław Lem) analysiert die Romane Solaris und Fiasko als Versuchsanordnungen, die dazu dienen, die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit zu reflektieren. Das Resultat dieser Reflexionen sei ernüchternd, da sich in beiden Romanen das menschliche Handeln für den Gang der Handlung letztlich als irrelevant erweise. Lems Texte seien daher als Warnungen vor menschlicher Hybris und Anthropozentrismus zu verstehen.

Petra Gehring (Reisegemeinschaften. Versuch über Lems Sozialphilosophie) liest die belletristischen Texte als Ausdruck einer Sozialphilosophie, deren Spezifik sie folgendermaßen charakterisiert: „Lems reisende Kollektive sind Idealwelten und seine Protagonisten fast alle wunderbare, aufrechte, fehlerfreie, man möchte sagen: lautere Menschen.“ (p. 227) Da eine solche Figurencharakteristik in der SF alles andere als ungewöhnlich ist, wird die Inadäquatheit des hier verwendeten Ansatzes unmittelbar greifbar: Der rein deskriptive Zugang unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten führt lediglich zu Allgemeinplätzen, da die Funktion von Figurenkonzeption und Figurenkonstellation für die Einzeltexte als literarische Kunstwerke nicht einmal ansatzweise bedacht wird.

Dagegen arbeitet Elana Gomel (Stanisław Lem und das Biologisch-Erhabene: Biologie, Technologie und Science-Fiction) anhand des Konzepts des Biologisch-Erhabenen die spezifische Ästhetik des monströsen Körpers in den Erzählungen und Romanen heraus, deren Funktion sich keineswegs darin erschöpfe, die Faszination für das Monströse in unserer Kultur zu erhellen, sondern in der spielerischen Reflexion des Verhältnisses von Mensch und Technik ebenso eine ethische Komponente aufweise.

Christoph Hubig (Gutachten zur Summa technologiae von Stanisław Lem) legt die zentralen Argumente von Lems wissenschaftshistorischem Resümee aus den 1960er Jahren und seine Reflexionen zu Stand und Perspektiven der technischen Entwicklung in Summa technologiae dar, ordnet sie wissenschaftstheoretisch ein und kommentiert sie. Hubig tut dies jedoch nicht in seinem Namen, sondern in dem Polytherias, also des Ozeans auf Solaris, der hier als angeblicher Verfasser des Gutachtens über Lems Buch auftritt, während Hubig dieses Gutachten dann lediglich zusammengefasst hätte. Man mag diesen fingierten Perspektivwechsel witzig finden, muss dies aber keineswegs tun. Vielmehr stellt sich dem Leser die Frage, welchen Stellenwert er den Aussagen in diesem Beitrag zumessen soll, ist doch keinesfalls ausgeschlossen, dass der Ozean Lems Schrift ebenso wenig versteht wie die Solaristik den Ozean auf Solaris. Folgt man also der Logik des Romans, zieht Hubig seine eigenen Überlegungen durch die exzentrische Präsentationsweise selbst in Zweifel. Mit der Wahl einer solchen Sprecherposition ist weder dem Wissen über Lem noch der Wissenschaft an sich gedient.

Auf der Basis individueller Leseerlebnisse und unter fast völliger Absehung der Forschungsliteratur rekapituliert Martin Warnke (Lemistik) zentrale Motivkomplexe aus Lems belletristischem Schaffen (negative Anthropologie, Begegnung mit dem Fremden, Wissenschaftsrelativismus) und stellt abschließend einen Vergleich mit Arno Schmidts Roman KAFF auch Mare Crisium an, ohne für diese Wahl überzeugende Gründe anzuführen. Dass bei einer solch unwissenschaftlichen Herangehensweise an das Werk Lems der Erkenntnisgewinn höchst bescheiden ausfällt, vermag nicht zu verwundern.

In noch größerem Maße gilt dies für den Beitrag von Burkhard Müller (Im philosophischen Simulator. Die Geschichten von Stanisław Lem), in dem die subjektiven Leseeindrücke des Verfassers bezüglich der Darstellung zukünftiger Entwicklungen am Beispiel von zwei Erzählungen vorgestellt werden.

Aleksandr Jurʼevič Nesterov (Das Reale und Wirkliche bei Stanisław Lem: einige Sinnbilder im Lichte der Ontologie) verhandelt zentrale Probleme der Ontologie im zeitgenössischen Kontext, indem er zunächst unter Rückgriff auf die Philosophiegeschichte zwischen den Kategorien des Realen, des Wirklichen und des Fiktionalen (korrekter wäre allerdings des Fiktiven) unterscheidet. Am Beispiel von Der futurologische Kongress, Solaris und Die vollkommene Leere veranschaulicht er sodann, wie Lem in seinen Texten mit der „Nicht-Identität von Realem und Wirklichem“ (p. 300) umgeht, und charakterisiert davon ausgehend die SF als einen idealen Ort, um ontologische Grundfragen durchzuspielen.

André Reichert (Das Problem des Neuen. Lem mit Deleuze) arbeitet die Ähnlichkeiten und Unterschiede des Konzepts des Neuen bei Lem (anhand von Solaris, Philosophie des Zufalls und Memoiren, gefunden in der Badewanne) und in der Philosophie von Gilles Deleuze heraus und kommt dabei zu dem Schluss, dass es bei der SF „nicht um eine Prognose, sondern um die experimentelle Verstärkung der Bedingungen unseres aktuellen Lebens“ (p. 319) gehe. Im Falle Lems bedeute dies, dass er die „Grenzen der Kultur zu bestimmen versucht, indem er in Gedankenexperimenten die aktuellen Bedingungen der Kultur variiert, um dann literarisch experimentell zu untersuchen, was mit den Menschen, die unter diesen Bedingungen leben, passiert.“ (p. 320)

Michael Weingarten (Fiktive, aber mögliche Wissenschaften und fingierte Erfahrungen. Zum Widerstreit von Funktionalismus und Sinnlichkeit bei Stanisław Lem) sieht in Lems belletristischen Texten hingegen „wissenschaftlich gestützte Modelle möglicher Zukünfte“ (p. 326). Die diesem Umstand geschuldete Vernachlässigung der Sinnlichkeit zugunsten der Rationalität im Sinne eines wissenschaftlichen Formalismus sowie eines technischen und kybernetischen Funktionalismus sei die Ursache dafür, dass die überwiegende Zahl der Romane und Erzählungen eine Tendenz zur Kolportage-Literatur aufweise.

Viktor Jaźniewicz (Die Rezeption von Lems Werken in der russischsprachigen Welt) zeichnet die Aufnahme der Texte Lems in der Sowjetunion und in einzelnen ihrer Nachfolgestaaten nach und stellt dabei fest, dass die offizielle Rezeption, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, entsprechend den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen diversen Schwankungen unterworfen war, während die Beliebtheit des Autors bei den Lesern von Anfang an ungebrochen war. In einem zweiten Schritt wird kursorisch die wissenschaftliche Rezeption im genannten Raum rekapituliert, bevor schließlich ausgewählte Statements von Lem-Experten aus einer Umfrage zur Stellung Lems zwischen Philosophie und Literatur zitiert werden. Auch wenn sie, erneut erwartungsgemäß, kein einheitliches Bild ergeben, lässt Jaźniewicz keinen Zweifel daran aufkommen, dass er in Lem in erster Linie einen Philosophen sieht.

Abgerundet wird der Band mit Biogrammen der Beiträgerinnen und Beiträger sowie mit einem Namensverzeichnis. Der kurze Durchgang durch die Beiträge sollte die Vielfalt der in diesem Band vertretenen Zugänge zum Werk Lems deutlich gemacht haben, ein Umstand, der ganz im Sinne der Herausgeberinnen und Herausgeber ist. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer dem Werk Lems angemessenen „polykontexturalen Vernetzung“ (p. 11). Dass es dabei dennoch immer wieder zu Redundanzen kommt, ist angesichts des gemeinsamen Untersuchungsgegenstandes nicht verwunderlich, ebenso wenig wie die Tatsache, dass nicht alle Beiträge wirklich neue Erkenntnisse bringen, sondern bisweilen eher die Ergebnisse einer bereits seit längerem andauernden Auseinandersetzung mit dem Werk Lems resümieren. Aber auch aus wissenschaftstheoretischer Perspektive hat diese forcierte Heterogenität – wohl nicht immer intendierte – Vorteile. Indem einzelne Beiträge (Bereś, Warnke, Müller) eher literaturkritisch verfahren, erfüllen sie nicht die gebotenen wissenschaftlichen Standards, deren Notwendigkeit für die Erforschung der Literatur im akademischen Feld dadurch ex negativo umso deutlicher wird. Ebenso deutlich werden die Defizite diskursanalytischer Zugänge zur Literatur, da, wie insbesondere im Beitrag von Kukulak erkennbar, dieser Ansatz letztlich keinen Aufschluss über die Texte Lems selbst gibt, sondern nur über den gewählten Kontext. Und schließlich wirkt der Beitrag von Gramelsberger ein wenig wie ein Fremdkörper, da hier die Texte Lems lediglich als Ausgangspunkt für andere Erkenntnisinteressen genutzt werden.

Heterogenität zeichnet den Band allerdings auch in editorischer Hinsicht aus. Während es sich bei der überwiegenden Mehrzahl der Beiträge, den Erwartungen entsprechend, um Ausarbeitungen der jeweiligen Vorträge handelt, tragen die Beiträge von Warnke und Müller die Züge von kaum überarbeiteten Vortragsmanuskripten. In einzelnen Beiträgen werden die Zitate aus den Texten Lems im Original und in deutscher Übersetzung angeführt, in anderen lediglich auf Deutsch. Und nur der Beitrag von Gramelsberger verfügt über ein Literaturverzeichnis, alle anderen hingegen nicht. In all diesen Aspekten hätte dem Band ein wenig mehr Einheitlichkeit gutgetan. Außerdem erschließt sich die Anordnung der Beiträge nicht unbedingt. Unter thematischen Gesichtspunkten hätte etwa der Text von Friedrich neben dem von Denker seinen Platz finden können und der von Pörzgen in der unmittelbaren Nachbarschaft der Beiträge von Czapliński und Bereś. Alles in allem handelt es sich bei dem Sammelband aber zweifellos um eine wahre Fundgrube für die weitere Lem-Forschung.

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Dasselbe gilt auch für den zweiten hier zu besprechenden Sammelband, der im Unterschied zum ersten ausschließlich Beiträge von Lem-Forscherinnen und Lem-Forschern aus dem deutschen Sprachraum versammelt, sieht man vom Herausgeber Jacek Aleksander Rzeszotnik einmal ab. Sechs von ihnen sind in beiden Bänden vertreten. Vor einer weiteren Einschätzung des Bandes als Ganzem seien auch in diesem Fall zunächst die zentralen Thesen aus den insgesamt 14 Beiträgen kurz zusammengefasst.

Hans Esselborn (Stanisław Lems Traum von der befreiten Vernunft und das aktuelle Projekt der künstlichen Intelligenz) unternimmt eine vergleichende Untersuchung des Motivs der Künstlichen Intelligenz in Lems Also sprach GOLEM und in drei zeitgenössischen SF-Romanen (H. W. Frankes Sphinx_2, A. Brandhorsts Das Erwachen und Thore D. Hansens Die Reinsten). Dabei gelangt er zu dem Schluss, dass es in all diesen Texten auf je spezifische Weise einerseits zu deren anthropomorpher Überhöhung komme, dass sie andererseits aber zugleich gottähnliche Züge aufweise. Diese Übertreibungen seien geeignet, „die Hoffnungen der früheren Erforscher der Künstlichen Intelligenz als Illusion zu entlarven“ (p. 12). Im Gegensatz zu ihnen sei Lem selbst in Summa technologiae vergleichsweise früh zu einer deutlich realistischeren Einschätzung dieses Phänomens gelangt.

An diese Überlegungen schließt der folgende Beitrag gewissermaßen nahtlos an. In ihm vertritt Bernd Gräfrath (AlphaZero und Lems GOLEM. Über die Zukunft der künstlichen Intelligenz) die These, dass Lems Spekulationen über die Zukunft nicht als Futurologie zu verstehen seien, sondern als eine Art Technikfolgenabschätzung, wobei sich gerade in Also sprach GOLEM „wissenschaftliche Verdichtung mit hypothesenbildender Dichtung“ (p. 30) paradigmatisch verbinden würde. So habe sich Lem mit dem Phänomen neuronaler Netze, wie sie heute beispielsweise in Schach- oder Go-Programmen verwendet werden, in einer Vielzahl seiner fiktionalen und nicht-fiktionalen Texte beschäftigt, insbesondere aber in Also sprach GOLEM. Daher sei dieser Text in besonderem Maße geeignet, Chancen und Risiken dieser sich stets fortentwickelnden Technologie kritisch zu reflektieren.

Eine analoge Argumentation entwickelt Gabriele Gramelsberger (Die Deklination des Möglichen. Lems transformatives Denken am Beispiel der Chemokratie des Neuroenhancements dekliniert), die sich in ihrem Beitrag vor dem Hintergrund des Futurologischen Kongresses kritisch mit dem Phänomen des Neuroenhancements, also der Wahrnehmungsbeeinflussung und der Selbstoptimierung durch psychoaktive Substanzen, auseinandersetzt.

Alfred Gall (Mimesis und Evidenz: Zur Kritik der Erkenntnis in Stanisław Lems literarischer Praxis) widmet sich einem Phänomen, welches in der Forschung zu Lem immer wieder thematisiert worden ist, nämlich der im Kontakt mit dem Anderen zum Ausdruck kommenden erkenntnistheoretischen Skepsis, die in einer Vielzahl seiner Romane aufscheine. Die auf Evidenz basierenden Erkenntnisversuche der Protagonisten und damit auch ein auf Begriffen aufbauendes Wissenssystem seien in Lems Texten aufgrund der anthropozentrischen Grundbedingung der Kognition im Angesicht der Alterität grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Diese keineswegs neue Einsicht wird nun aber am Beispiel der Romane Solaris und Fiasko durch die Beobachtung ergänzt, dass es im Sinne einer Mimesis, verstanden als einer gleichsam aus dem Unbewussten (Traum, Trance, Selbstvergessenheit) hervorgehenden Handlungsweise, dennoch zu einer Interaktion mit dem Anderen komme. Demnach wäre Lems erkenntnistheoretische Skepsis nicht absolut, erlaube sie doch immerhin einen „Kontakt, der aber nichtbegrifflich als Nachahmung und Imitation vollzogen wird [...].“ (p. 67) Erkenntnis werde so auf ihre „vorbegrifflichen Grundlagen, die mimetische Erfahrung“ (p. 68) zurückgeführt, deren Ausgangspunkte die Irritation und das Staunen seien.

Simon Spiegel (Aus Lems Steinbruch der Theorie. Zu „Phantastik und Futurologie“) setzt sich kritisch mit Lems Schriften zur Literatur auseinander, insbesondere mit Phantastik und Futurologie, und gelangt dabei zu dem Schluss, dass die weitgehend ausgebliebene Rezeption dieses umfangreichen Werkes zur Bestimmung der Science Fiction nicht zuletzt aus seinen eigenen Mängeln herrühre, als da wären: die mangelnde begriffliche Präzision, die fehlende Kohärenz im Aufbau, die unterlassene Nennung der verwendeten Quellen sowie die ungenügende Verbindung von theoretischer Reflexion und analytischer Praxis. Das Ergebnis sei deshalb weniger als wissenschaftlicher Versuch einer Gattungsdefinition zu qualifizieren, sondern eher als literaturkritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Traditionen der SF, in der die Präskription über die Deskription dominiere. Dabei seien Lems Wertungen geleitet von der Kritik, dass die überwiegende Mehrzahl der SF-Texte im Trivialen verbleibe, anstatt die der Gattung inhärenten Möglichkeiten zu nutzen, präzise Gedankenexperimente durchzuführen. Diese Kritik offenbare Lems einseitiges Verständnis der Literatur als kognitives Instrument, bei dem ästhetische Fragen letztlich unberücksichtigt blieben. Damit sei auch Lems Ablehnung des Strukturalismus erklärbar, dem es doch dezidiert um die Literatur als Kunst zu tun ist.

Eine Tendenz zur Präskription erkennt Petra Gehring (Lems Ernst. Oder: ‚Pessimismusʻ revisited. Auch [aber nicht nur] eine Antwort auf Dietmar Dath) ihrerseits in Dietmar Daths Charakteristik von Lems Werk, wobei die Normativität von Daths Definition der Gattung SF dem „Raffinement“ (p. 93) der Texte Lems nicht gerecht werde. In ihrer Replik entkräftet Gehring deshalb Schritt für Schritt die Hauptvorwürfe Daths und fordert dabei auch völlig zu Recht, dass im professionellen Umgang mit der Belletristik Lems an die Stelle von Wertungen dezidiert literaturwissenschaftliche Herangehensweisen treten müssten. Lems eigene Überlegungen zur SF in Phantastik und Futurologie, auf die sich Gehring dabei u. a. beruft, stellen hierfür freilich keine Hilfe dar, wie der vorausgegangenen Beitrag von Spiegel überzeugend nachweist. Hier wäre ein Rückgriff auf weitere Forschungsliteratur zur Gattung SF zweifellos zielführender gewesen.

Einen solch dezidiert literaturwissenschaftlichen Zugang verfolgt Ulrike Jekutsch (Lem, Pirx und die Maschinen. Zur Rolle der Zyklusbildung in den Opowieści o pilocie Pirxie), die die zehn Erzählungen um den Piloten Pirx auf jene Merkmale hin untersucht, welche sie als Bestandteil eines Zyklus ausweisen. Dafür paraphrasiert sie zunächst kurz deren jeweilige Handlung, um im Anschluss daran zu folgern, dass die Texte weitgehend chronologisch nach dem Alter des Protagonisten angeordnet und der Tradition der Abenteuergeschichte verpflichtet sind, in der Mehrzahl der Fälle aber gleichzeitig dazu genutzt werden, um ethische Fragestellungen aufzuwerfen. Anhand wiederkehrender Motivkomplexe – Härte der Ausbildung zum Piloten, die Unvollkommenheit von Mensch und Maschine sowie deren Interaktion – ergäben sich bereits einzelne Gruppen von Erzählungen, die sich in ihrer Gesamtheit dann gleichsam zu einer Biographie des Protagonisten zusammenfügten. Der Beitrag endet mit einem Exkurs zum Roman Fiasko, in dem der mittlerweile verstorbene Pirx dank der Technik in der Figur Mark Tempes zumindest in Teilen eine Wiedererweckung erfährt.

Eher produktionsorientiert ist der Ansatz von Matthias Schwartz (Silberlöffel und andere Aborte. Marginalien zu Stanisław Lems Lokaltermin), der in seinem Beitrag der gesellschaftskritischen Lesart des Romans Lokaltermin eine psychoanalytische gegenüberstellt. Auf der Basis von Motiven, die in der Forschung bislang weitgehend vernachlässigt worden seien, spinnt Schwartz ein dichtes Netz von Assoziationen, um mit dessen Hilfe zu zeigen, dass der Text „weniger ein typischer Genre-Roman“ (p. 130) sei, als vielmehr einer Traumlogik folge. Ijon Tichys erneute Reise auf den Planeten Entia erweise sich dann als eine Art Alptraum, durch den nicht nur die Eindrücke aus seiner ersten Reise aus den Sterntagebüchern einer Revision unterzogen, sondern „die an die Science-Fiction geknüpften Wunschträume und Freiheitsversprechen“ (p. 139) insgesamt infrage gestellt würden. So faszinierend diese Lesart auch ist, so verbleibt sie aufgrund der assoziativen Vorgehensweise doch bis zu einem gewissen Grad im Subjektiven und hat daher eher den Status einer Interpretation als einer wissenschaftlichen Analyse.

Anhand ausgewählter Beispiele gibt Michael Düring („Auch Hosenträger sind intelligent“: Stanisław Lems Interviews über den Zustand der Welt) einen repräsentativen Einblick in die thematische Vielfalt von Lems Interviews. Ganz unabhängig von den jeweiligen Themen erweise sich in ihnen Lems Grundhaltung gegenüber der Welt und den Menschen als zutiefst pessimistisch, sodass er „als (Groß)-Kritiker der conditio humana, aber auch des Individuums“ (p. 143; Herv. i. O.) erscheine. Die vielen hierfür als Belege herangezogenen Zitate haben dank ihrer unverblümten Ausdrucksweise und des in ihnen zum Ausdruck kommenden bissigen Humors zwar einen nicht unerheblichen Unterhaltungswert, vermitteln aber tatsächlich das Bild eines verbitterten, überheblichen, solipsistischen und somit alles andere als sympathischen Zeitgenossen, auch wenn Lem mit seinen düsteren Prognosen nicht selten Recht behalten habe, wie Düring feststellt.

Ausgehend von seinen eigenen Leseeindrücken charakterisiert Martin Warnke (Lem. Oder die Schönheit des Kurzschlusses) Lem als einen Grenzgänger zwischen Literatur und Wissenschaft. Da diese Sichtweise keineswegs neu ist, reicht der Umfang seines Beitrags von drei Seiten für deren Entfaltung völlig aus. Als instruktiver erweisen sich dabei höchst zweifelhafte Aussagen über den Status und die Entwicklung der Literatur, die ungewollt einmal mehr verdeutlichen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gut daran tun, sich in den Grenzen ihrer jeweiligen Disziplin zu bewegen.

Yvonne Pörzgen (Lems Feuilletons) beschäftigt sich mit Lems umfangreichem feuilletonistischem Schaffen, wobei sie zunächst den Wechsel von fiktionalem zu nichtfiktionalem Schreiben bei Lem nachvollzieht und dann eine kurze Definition der Textsorte gibt. Da es sich beim Feuilleton um eine subjektiv gefärbte publizistische Gebrauchsliteratur handle, die nicht zuletzt von ihrer Aktualität lebe, dränge sich zwangsläufig die Frage auf, was von Lem in dieser Hinsicht bleibe. Am Beispiel der Bände Lube czasy, Rasa drapieżców und Planeta LEMa: Felietony ponadczasowe demonstriert Pörzgen die thematische Vielfalt der Texte, die nicht nur Lems breite Interessen, sondern auch seine persönliche Haltung zu Themen wie Politik, Technik, Medien, Kunst und Literatur widerspiegelten, wobei auch sie einen „pessimistischen Grundton“ (p. 168) ausmacht. Insgesamt böten die Feuilletons eine dezidiert polnische Sicht auf die Welt, wobei manche Texte eher akzidentiell eine neue Aktualität gewönnen, andere hingegen deshalb, weil ihre Gegenstände mehr oder weniger zeitlos seien wie etwa im Bereich technikphilosophischer Fragestellungen.

Natasha Grigorian (Futurologie und Science-Fiction im Kampf mit dem Chaos: Fremdheit und Alterität in Stanisław Lems Roman Eden [1959], im Vergleich mit Isaac Asimovs Das Ende der Ewigkeit [1955]) vergleicht die beiden im Titel genannten Romane unter dem Aspekt der Darstellung totalitärer Regime und arbeitet anhand einzelner Motive Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen ihnen heraus. Aufgrund der Allgemeinheit dieser Motive fällt es ihr dann auch nicht schwer, einen Bogen zu weiteren Texten zu schlagen (Kafkas Der Prozess, Carrolls Alice im Wunderland und Es ist schwer, ein Gott zu sein der Gebrüder Strugackij). Die Wahl von Strukturmerkmalen statt einzelner Motive hätte hier zu spezifischeren Erkenntnissen führen können und vielleicht auch dazu, den einen oder den anderen Allgemeinplatz zu vermeiden. Ein Geheimnis bleibt zudem, warum die Verfasserin aus einer russischen Übersetzung von Fantastyka i futurologia zitiert, noch dazu in einer eigenen Übersetzung aus dem Russischen ins Englische!

Franz Rottensteiner (Zu Stanisław Lems Stellung in der Welt) reflektiert die Rezeption Lems in der breiten Leserschaft sowie in der Literaturkritik und relativiert dabei unter Heranziehung unterschiedlicher Kriterien – Auflagen, Übersetzungen, Verortung in der Gattungstradition, Einfluss auf andere Autoren – nachhaltig das Bild Lems als eines äußerst erfolgreichen SF-Autors, freilich ohne seine Angaben, etwa zu Auflagenzahlen, zu belegen. Zudem überschreitet Rottensteiner mit seinen persönlichen Wertungen von Lems Charakter nicht selten die Grenzen des Sachlichen, sodass der Beitrag ständig zwischen dem Versuch einer neutralen Bestandsaufnahme und einer feuilletonistischen Kritik changiert, die bisweilen sogar Züge einer Abrechnung trägt.

Vor diesem Hintergrund wird aber die Sonderstellung Lems in der deutschen Wahrnehmung umso deutlicher, der Jacek Aleksander Rzeszotnik (Stanisław Lem als Schriftsteller und Wissenschaftsphilosoph in den Augen deutscher Kritiker) auf der Basis eines Kapitels seiner Buchpublikation aus dem Jahr 2003 nachgeht. Er unternimmt einen Streifzug durch die deutsche Rezeption Lems im Feuilleton, wobei bisweilen aber auch Nachschlagewerke und eher als wissenschaftlich zu qualifizierende Beiträge herangezogen werden. Die in ihnen gemachten Aussagen führt Rzeszotnik anhand ausführlicher Zitate zu einer Gesamtschau von Person und Werk Lems zusammen, welche allerdings nicht unproblematisch ist. Oft bleibt nämlich undeutlich, wo die Grenze zwischen den Ansichten Rzeszotniks und denjenigen der von ihm zitierten Autoren verläuft. Hier wäre eine größere Distanz wünschenswert gewesen, nicht nur in der sprachlichen Gestaltung, sondern vor allem auch in einer Reflexion über den Status und damit auch über die Aussagekraft der jeweiligen Quellen. Hierin manifestiert sich das Fehlen eines für die Wissenschaft unabdingbaren Abstraktionsniveaus, welches auch darin zum Ausdruck kommt, dass jeglicher Versuch unterbleibt, das umfangreiche Material nach bestimmten Gesichtspunkten zu ordnen. So bleibt die immense Mühe des Sammelns und Auswertens der Quellen auf der Ebene des Empirischen und damit von einem höchst eingeschränkten Erkenntniswert.

Abgeschlossen wird auch dieser Band mit den Kurzbiographien der Beiträgerinnen und Beiträger, ein Namensverzeichnis hingegen fehlt. Unter editorischen Gesichtspunkten ist dieser Band homogener als der zuvor besprochene, nicht aber was das Nebeneinander von dezidiert wissenschaftlichen und eher feuilletonistischen Beiträgen betrifft. Durchaus vergleichbar ist auch die Vielfalt der repräsentierten wissenschaftlichen Zugänge, die in der äußerst kurzen Einleitung des Herausgebers auch programmatisch formuliert ist, wobei in einzelnen Beiträgen, so in denen von Gräfrath und Gramelsberger, Lems Texte dann nicht mehr im Kontext der Literatur betrachtet werden, sondern als Anlass dienen, um zeitgenössische technische Entwicklungen kritisch zu reflektieren.

Geschuldet ist diese Vielfalt nicht zuletzt der Vielseitigkeit des Autors Lem selbst, auf die bereits in den Titeln der beiden Bände (Kosmos Stanisław Lem und Ein Jahrhundert Lem) mehr oder minder deutlich angespielt wird. Aufgrund dieser Vielseitigkeit können seine Texte zum Gegenstand durchaus unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen (z. B. der Literaturwissenschaft, der Philosophie oder der Wissenschaftsgeschichte) gemacht werden, so wie dies auch in den beiden hier besprochenen Bänden der Fall ist. Trotz dieser Interdisziplinarität und der unterschiedlichen Ansätze im Bereich der Literaturwissenschaft kristallisieren sich anhand der beiden Bände dennoch bestimmte Schwerpunkte in der Lem-Forschung heraus, nämlich 1. die Darstellung staatlicher Ordnung, die zumeist mit den Konzepten der Utopie und Dystopie in Verbindung gebracht werden, freilich ohne dass diese näher definiert würden, 2. das Thema der Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit und 3. die Stellung Lems zwischen Literatur und Philosophie und damit verbunden seine Analysen zeitgenössischer gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen und die daraus abgeleiteten Prognosen zur Entwicklung der Menschheit. All diese Forschungsschwerpunkte sind zwar keineswegs neu, doch vermitteln viele Beiträge in diesem Rahmen durchaus neue Einsichten in das Werk Lems und leisten somit das, was man in Anlehnung an Thomas Kuhns Kategorie der „Normalwissenschaft“ erwarten kann. Schon allein ihretwegen sind die beiden Bände trotz der genannten Kritikpunkte unbedingt lesenswert. Einen vergleichsweise neuen Forschungsschwerpunkt markiert demgegenüber das gesteigerte Interesse an den nichtfiktionalen Texten Lems (Essays, Feuilletons, Interviews), in denen der Autor sich direkt an sein Publikum wendet. Hier sind die Texte qua Textsorte ein Durchgangsmedium zum Denken Lems, ein Phänomen, das allerdings bisweilen auch im Umgang mit den fiktionalen Texten des Autors zu beobachten ist. In diesem Fall stößt das Konzept der Interdisziplinarität dann freilich an seine Grenzen, da es aufgrund des unterschiedlichen semantischen Status nicht sinnvoll ist, an jeden Text dieselben Fragen heranzutragen. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive sind deshalb vor allem jene Beiträge von Interesse, die sich mit Lems belletristischem Schaffen als Literatur beschäftigen. Und gerade hier öffnen die beiden Bände auch den Blick auf ein wirkliches Forschungsdesiderat, nämlich auf die Frage der Verortung Lems in der polnischen Literatur im Besonderen und in der Weltliteratur im Allgemeinen, auf die nur wenige der Beiträge ausdrücklich eingehen. Ging es im Jubiläumsjahr offenbar in erster Linie darum, in wissenschaftlichen und in feuilletonistischen Beiträgen noch einmal die Singularität dieses Autors in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken, können nun wieder dezidiert fachwissenschaftliche Fragen zum Anlass für die Beschäftigung mit dem Werk Lems gemacht werden.

Online erschienen: 2023-06-19
Erschienen im Druck: 2023-06-06

© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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  1. Frontmatter
  2. Frontmatter
  3. Philologie Romane
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  27. Review Essay
  28. Tsukada, Yuichi. Shakespeare and the Politics of Nostalgia: Negotiating the Memory of Elizabeth I on the Jacobean Stage. The Arden Shakespeare; New York: Bloomsbury, 2019. 224 pp. ISBN 9781350175075
  29. Gowing, Laura. Ingenious Trade. Women and Work in Seventeenth-Century London. Cambridge: Cambridge University Press, 2022. pp. 284. ISBN 9781108486385
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