Zusammenfassung
Mit dem Zuhör.Raum, ein Kooperationsprojekt der Zentralbibliothek im KAP1 und der Initiative zuhören draussen, verwandelt sich die Bibliothek seit Sommer 2024 regelmäßig in einen Ort konzentrierten Zuhörens und Austauschs – und damit in einen Raum für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der „Zuhör.Raum“ wurde im Sommer mit dem Zukunftsgestalterpreis in Bibliotheken 2025 ausgezeichnet. Er ist mit 500 Euro dotiert. Die Preisverleihung fand im Rahmen der 113. BiblioCon (Bibliothekskongress) in Bremen statt. Der Preis würdigt innovative Projekte, die Bibliotheken als lebendige Orte des Austauschs und der gesellschaftlichen Teilhabe neugestalten.
Abstract
Since the summer of 2024, the Zuhör.Raum—a collaborative project between the Central Library at KAP1 and the zuhören draussen initiative—has been transforming the library into a dedicated space for attentive listening and meaningful conversation. In doing so, it creates an environment that strengthens social connectedness. In the summer, the Zuhör.Raum received the Future Shapers in Libraries 2025 award, endowed with 500 euros. The award was presented at the 113th BiblioCon (Library Congress) in Bremen and recognizes innovative projects that reimagine libraries as vibrant places of dialogue and civic participation.
1 Zuhören als öffentliche Infrastruktur
Bibliotheken sind längst mehr als Ausleihorte. Sie sind Wissensplattformen, Lernräume – und zunehmend auch Orte sozialer Interaktion. „Die Kooperation mit zuhören draussen ermöglicht es uns, die Zentralbibliothek in einen lebendigen Treffpunkt des interkulturellen Austauschs und des gegenseitigen Verstehens zu verwandeln und das Konzept des ‚Dritten Ortes‘ zu stärken“, sagt Stephan Schwering, Direktor der Stadtbüchereien Düsseldorf. „Die Zentralbibliothek zählt mit über 1,3 Millionen jährlichen Besucherinnen und Besuchern zu den meistfrequentierten öffentlichen Orten der Stadt. Die hohe Aufenthaltsqualität und die ausgedehnten Öffnungszeiten machen sie zu einem idealen Standort für den ‚Zuhör.Raum‘.“
Mit dem Zuhör.Raum hat die Zentralbibliothek im KAP1 ihr Portfolio um eine niedrigschwellige, aber wirkungsvolle soziale Infrastruktur erweitert: Menschen finden Menschen, die ihnen zuhören – und erleben im Gespräch ein Stück Gemeinschaft, ein Stück Heimat in Düsseldorf. 2024 wurde der Start des innovativen Projekts durch eine Heimatwerkstatt, der Heimatförderung des Landes Nordrhein-Westfalen, finanziert.
Tragende Partnerin ist die gemeinnützige Initiative zuhören draussen, die seit Jahren im öffentlichen Raum Präsenz zeigt – mit derzeit 16 Zuhör.Bänken in Düsseldorf und rund 100 geschulten Ehrenamtlichen. Ihr Ziel: dem Auseinanderdriften der Gesellschaft mit geduldiger, zugewandter Gesprächskultur zu begegnen.
Christine von Fragstein, Initiatorin von zuhören draussen, sieht im neuen Setting den nächsten logischen Schritt:
Unsere Vision ist es, Düsseldorf zum Vorreiter sozialen Miteinanders zu machen. Darum freuen wir uns, mit dem Zuhör.Raum unsere Gesprächsangebote, um ein wettergeschütztes zu ergänzen. Wir sind der niederschwellige Gegenentwurf zu Social Media – nahbar, auf Augenhöhe, zugewandt und ohne Zeitdruck.
Die Kombination aus der offenen, geschützten Atmosphäre der Bibliothek und der methodischen Expertise der Initiative schafft einen Rahmen, in dem Menschen niedrigschwellig ins Gespräch kommen: ohne Leistungsdruck, ohne Agenda, aber mit klaren Regeln des Respekts und der Vertraulichkeit. In den Gesprächen geht es um Erfahrungen, Erinnerungen und Perspektivwechsel. Gerade diese Offenheit macht den Zuhör.Raum zu einem Ort, an dem Unterschiede sichtbar und Verbindendes hörbar werden. Das Zuhören selbst wirkt als soziale Brücke – unabhängig von Alter, Herkunft, Sprache, Bildung oder Lebensentwürfen.

Ort des Zuhörens in Düsseldorf, © Stadtbüchereien Landeshauptstadt Düsseldorf
2 Geschichten aus dem Zuhör.Raum
Die Praxis zeigt, wie unterschiedlich Begegnungen im Zuhör.Raum sein können: Ein älterer Unternehmer erzählt, dass er seine Firma verkaufen möchte, aber noch nicht weiß, wie er danach Sinn stiften könnte. Im Gespräch entsteht die Idee, dass er seine Kreativität künftig dafür einsetzen könnte, ältere Menschen in seiner Kirchengemeinde auf besondere Weise zu ihren Geburtstagen zu überraschen – eine Fantasie, die beiden Seiten Freude bereitete.
Eine Frau, die vor kurzem nach Düsseldorf gezogen ist, spricht über ihre Ängste. Gemeinsam mit einer Zuhörerin überlegt sie, wie sie erneut therapeutische Unterstützung finden kann. „Es tat gut, dass sie einfach mit mir durch den langen Korridor gegangen sind“, sagte sie später.
Immer wieder suchen auch Menschen aus der Ukraine und Russland das Gespräch. Sie berichten von Verlusten, von Bürokratie und Hürden im Alltag, aber auch von ihren Erfolgen im Deutschkurs. Manchmal wird aus dem Zuhören fast ein kleiner Sprachunterricht. Besonders bewegend: Wenn sich zwei Menschen, deren Herkunftsländer im Krieg stehen, im Zuhör.Raum über ihre ähnlichen Sorgen und Hoffnungen austauschen.
Eine junge Frau mit Migrationshintergrund, spricht beim ersten Treffen über die belastende Situation am Arbeitsplatz. Monate später berichtet sie strahlend auf der Dachterrasse der Bibliothek, dass sie einen neuen Job gefunden hat – erleichtert, selbstbewusst, gestärkt.
Es gibt auch die kleinen Momente der Wertschätzung: Ein älterer Herr legt wortlos eine Handvoll Bonbons in den Farben von zuhören draussen auf den Infotisch und wünscht den Ehrenamtlichen viel Erfolg.
Solche Begegnungen zeigen, dass Zuhören mehr ist als ein freundlicher Akt – es ist eine Ressource für Resilienz und Integration. In einer Zeit, in der Informationsräume sich fragmentieren und Debatten oft polarisieren, setzt der Zuhör.Raum auf Begegnung im persönlichen Nahformat.
Die Erfahrungen der Ehrenamtlichen machen deutlich, wie vielfältig die Wirkung des Zuhörens ist. Immer wieder zeigen sich Momente, in denen Einsamkeit spürbar gemildert und Teilhabe neu erfahrbar wird. Auch Missverständnisse lassen sich im Gespräch klären, sodass Vorurteile und Stereotype an Bedeutung verlieren. Dabei erweist sich Sprache als zentrales Brückenwerkzeug – und das selbst dann, wenn sie nicht fehlerfrei gesprochen wird. Entscheidend ist nicht die Perfektion, sondern die Bereitschaft, miteinander in Kontakt zu treten. Zuhören kann sogar neue Perspektiven und Handlungsoptionen eröffnen.
„Für mich ist die Zeit im Zuhör.Raum eine ganz besondere Zeit. Sie fühlt sich an wie ein geschützter Raum, in dem ich einfach da sein darf – ohne Aufgaben, ohne Erwartungen.“ So beschreibt es eine Ehrenamtliche, die samstags regelmäßig in der Zentralbibliothek zuhört.
3 Fazit
Der Zuhör.Raum im KAP1 ist mehr als ein neues Format – er ist ein öffentliches Versprechen: Wir nehmen uns Zeit füreinander. Aus der Summe vertraulicher Gespräche entsteht öffentliches Vertrauen. Genau das macht eine Großstadt wie Düsseldorf lebenswert – und heimatlich.
Zuhören draussen hat seit September eine eigene App – die Zuhör.App. Damit ist es möglich, alle Termine rund ums Zuhören online einzusehen und sich ganz einfach zum Zuhören im Zuhör.Raum zu verabreden und Gesprächspartner zu finden.
Der Zuhör.Raum ist nun ein Modell für Bibliotheken bundesweit. Durch Schulungen und Beratungen unterstützt die Initiative zuhören draussen weitere Einrichtungen dabei, ähnliche Angebote zu etablieren und damit einen nachhaltigen Beitrag zu sozialer Teilhabe und Gemeinschaft zu leisten. Unlängst wurde auch in der Hauptstelle der Stadtbücherei Münster ein Zuhör.Raum eingerichtet. Die Initiative ist mittlerweile in 12 Städten aktiv.
Über die Autoren

Direktor Stadtbüchereien

Christine von Fragstein
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