Diversity, Equity & Inclusion, kurz DEI, ist heute vielen Menschen ein Begriff. Ein Umstand, den wir weniger dem gesellschaftlich relevanten Potenzial entsprechender Maßnahmen, sondern eher gegenläufigen globalen politischen Entwicklungen zu verdanken haben. Die drei Worte bilden, meist zusammengenommen, einen zentralen Auseinandersetzungsraum in Politik, Bildung, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft. Gerade in Zeiten, in denen vermehrt gegen Vielfalt[1] mobilisiert wird und Grundsätze von Sichtbarkeit, Zugänglichkeit und Chancengerechtigkeit unter Druck geraten, stellt sich für Bibliotheken die Frage, wie sich Informationsfreiheit, soziale Gerechtigkeit, Diversität und Inklusion institutionell sichern lassen, wenn Ordnungen heute Normen setzen oder gar politisch forciert werden.
Bibliotheken gelten traditionell als Orte der Ordnung: Sie erschließen, klassifizieren und ordnen Information nach etablierten Standards. Doch diese Ordnung ist nicht neutral. Sie basiert auf gesellschaftlichen Normen, auf Vorstellungen von Relevanz, Objektivität und Zugehörigkeit und sie wirkt oft ausgrenzend für diejenigen, die von diesen gesellschaftlich oder politisch definierten Normen abweichen. Sobald die Realität, also die reale gesellschaftliche Vielfalt, aber nicht mehr in die vorgegebene Ordnung passt, ist es unbedingt notwendig, diese reale Abweichung nicht unsichtbar zu machen. Stattdessen muss die Ordnung in diesen Momenten aufgebrochen werden, um eine Neuordnung denkbar und möglich zu machen.
Bibliotheken sind aber auch Orte des Chaos: Sie arbeiten in der Praxis oft an ihrem Limit, jonglieren Veranstaltungen, Thekendienste, Beratungen, Schichtpläne, Öffnungszeiten und immer mehr auch politisch aufgeladene Themen und Medien. Hier gibt es neben Überarbeitung auch viel Kreativität, Hartnäckigkeit, Kampfgeist und Experimentierfreude.
Am Ende kann sich keine Bibliothek den gesellschaftlichen Debatten entziehen: Sie stehen in Buchform in unseren Regalen, liegen in Zeitungsform bei uns bereit, sie begegnen uns in unseren Veranstaltungen und unsere Nutzenden tragen sie, mal als Debattierende und mal als Betroffene, in unsere Bibliotheken. Gleichzeitig stecken die Debatten jedoch auch in uns, sowohl als Personen, die in und um Bibliotheken arbeiten oder durch Studium oder Ausbildung anstreben dies zu tun, als auch in uns als Institutionen, die wir Ordnungen definieren, nutzen und manchmal auch hinterfragen.
Das Themenheft „Out of Order: Queere, kritische und inklusive Perspektiven auf Ordnung und Abweichung“ lädt ein, Bibliotheken als Akteurinnen in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen zu begreifen, die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit auch für jene Lebensrealitäten, Identitäten und Fragestellungen schaffen, die nicht der gesellschaftlich definierten oder politisch forcierten Norm entsprechen.[2] Nicht, weil sie in der Realität nicht existieren, sondern weil sie durch unsere geordneten Raster fallen. Wir verstehen Bibliotheken als Akteurinnen im Geflecht von Bildung, Wissenschaft und Gesellschaft, mit der Verantwortung, Normen zu dekonstruieren, Sichtbarkeit und Zugänglichkeit zu schaffen und kritische Reflexion all dessen nicht nur zu leben, sondern auch gesellschaftlich zu fördern. Der Theorie der trilemmatischen Inklusion folgend, können Bibliotheken dabei in jedem ihrer Ansätze zwei der Basissätze (Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion) adressieren, jedoch nicht alle drei.[3] Bibliotheken als Ganzes können ihre Aktivitäten jedoch balancieren. Wir freuen uns daher über möglichst breite Einreichungen und Fragestellungen auf allen möglichen Abstraktionsniveaus, von Theorie bis Praxis.
Der Titel des Themenhefts „Out of Order“ steht dabei bewusst nicht für Defekt, wie es die Doppeldeutigkeit annehmen lässt, sondern für die Möglichkeit, gewohnte Strukturen aufzubrechen, neue Ordnungen zu schaffen und Räume jenseits der Normativität zu eröffnen. Ordnung und Abweichung sind dabei keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Wer Ordnungen hinterfragt, nähert sich nicht nur Queerness an, sondern auch Antirassismus, Teilhabe, Queerfeminismus, kritischer Pädagogik, Klassenkritik und mehr. Wer beginnt zu hinterfragen, öffnet den Blick auch für intersektionale Realitäten. In diesem Licht möchten wir Bibliotheksarbeit in all ihren Facetten, also von der Veranstaltungsarbeit über Lernräume, Bestandsaufbau, Erschließung, Informationsdienstleistungen und -infrastrukturen bis hin zu uns selbst, stören und neu denken.
Möglichen Themenbereiche und Fragestellungen
Wie manifestieren sich Normativitäten in Klassifikationssystemen, Normdaten und kontrollierten Vokabularen und wie können diese dekonstruiert werden?
Welche Rolle spielt die Veranstaltungsarbeit von Öffentlichen Bibliotheken für Sichtbarkeit, Empowerment und Normkritik?
Wie schaffen wissenschaftliche Bibliotheken inklusive Lernumgebungen für alle Studierenden und inklusive Forschungsumgebungen für alle Forschenden?
Wie können Kinder- und Jugendbibliotheken zu Räumen für Vielfalt, Identität und Teilhabe werden?
Wie kann Design Raum für Diversity, Equity & Inclusion in Bibliotheken fördern?
Welche Formen von Unsichtbarkeit gibt es in Katalogen, Discovery-Systemen oder Informationsinfrastrukturen und wie können diese überwunden werden?
Wie balancieren Bibliotheken die drei Basissätze der trilemmatischen Inklusion (Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion) in Theorie und Praxis?
Inwiefern unterstützt die Förderung von Selbstwirksamkeit die drei Basissätze der trilemmatischen Inklusion (Empowerment, Normalisierung, Dekonstruktion) und wie ließe sich dies auf Bibliotheken übertragen?
Wie lassen sich metadatenbasierte Praktiken inklusiver gestalten?
Wie sichern Bibliotheken Informationsfreiheit für ihre Nutzenden in einer sich wandelnden Gesellschaft und Welt?
Wie reagieren Bibliotheken auf aktuelle Angriffe auf oder Rückschritte bei Diversity, Equity & Inclusion in Politik, Bildung, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft und wie können sich Mitarbeitende über ihre Bibliotheksarbeit positionieren oder gar Widerstand leisten?
Wie berücksichtigen Bibliotheken ihre eigene Vielfalt im Personal und welche Herausforderungen und Potenziale verbergen sich dort?
Wie arbeiten Bibliotheken und ihre Verbände auf diversere und gerechtere Bibliotheken hin?
Formate
Neben Fachartikeln sind auch Praxisberichte, Projektberichte, Erfahrungsberichte aus (kleinen) Bibliotheken oder von Auszubildenden und Studierenden ausdrücklich erwünscht. Wer sich beim Thema oder beim Schreiben unsicher ist, darf sich jederzeit an uns wenden. Wir freuen uns über Einreichungen sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache.
Zeitplan
Einreichungen bis zum 15. Juni 2026 an claudia.frick@th-koeln.de
Peer Review im Anschluss von 6 Wochen
Geplanter Erscheinungstermin ist Dezember 2026
Literaturverzeichnis
Boger, Mai-Anh (2023): Theorien der Inklusion – eine Übersicht. In: Diversität und Diskriminierung, hg. von Mina Mittertrainer, Kerstin Oldemeier und Barbara Thiessen, 127–41. Wiesbaden: Springer. DOI:10.1007/978-3-658-40316-4_8.10.1007/978-3-658-40316-4_8Search in Google Scholar
Charta der Vielfalt. (o. J.): Vielfaltsdimensionen. Verfügbar unter https://www.charta-der-vielfalt.de/vielfaltsdimensionen.Search in Google Scholar
Fötsch, Norma; Frick, Claudia; Markus, Daniela et al. (2025): (Un)verschlossene Türen – Queering Libraries. In: Bibliotheken als Orte im Wandel – Aktuelle Entwicklungen und Konzepte, hg. von Linda Freyberg und Sabine Wolf, 217–70. Wiesbaden: b.i.t.verlag.Search in Google Scholar
Out of Order
Queer, critical, and inclusive perspectives on order and disruption
Diversity, equity and inclusion, or DEI for short, is a term familiar to many people today. This fact is less due to the socially relevant potential of corresponding measures and more to countervailing global political developments. Taken together, these three words form a central area of debate in politics, education, science, culture, and society. Especially in times when there is increasing mobilisation against diversity[4] and principles of visibility, accessibility, and equal opportunities are under pressure, libraries are faced with the question of how freedom of information, social justice, diversity, and inclusion can be institutionally secured when today’s orders set norms or are even politically enforced.
Libraries are traditionally regarded as places of order: they index, classify, and organise information according to established standards. But this order is not neutral. It is based on social norms, on ideas of relevance, objectivity and belonging, and it often has an exclusionary effect on those who deviate from these socially or politically defined norms. However, as soon as reality, i.e., real social diversity, no longer fits into the established order, it is essential not to render this real deviation invisible. Instead, the order must be disrupted in these moments in order to make a new order imaginable and possible.
But libraries are also places of chaos: in practice, they often work at their limits, juggling events, reference services, consultations, shift schedules, opening hours and, increasingly, politically charged topics and media. In addition to overwork, there is also a lot of creativity, tenacity, fighting spirit and a willingness to experiment.
Ultimately, no library can escape social debates: they are on our shelves in the form of books, they are available in our newspaper collections, we encounter them at our events, and our patrons bring them into our libraries, sometimes as those involved in the debate and sometimes as those affected by it. At the same time, however, the debates are also within us, both as individuals who work in and around libraries or aspire to do so through study or training, and as institutions that define, use, and sometimes question orders.
The special issue ‘Out of Order: Queer, Critical and Inclusive Perspectives on Order and Disruption’ invites everyone to understand libraries as active participants in social negotiation processes that create visibility and accessibility even for those realities of life, identities and issues that do not align with socially defined or politically enforced norms.[5] This is not because these realities, identities and issues do not exist, but because they fall through our orderly filters. We view libraries as actors in the web of education, science, and society. They have a responsibility to deconstruct norms, create visibility and accessibility, and engage in critical reflection on their own practices, as well as fostering critical reflection in society at large. According to the theory of trilemmatic inclusion, libraries can incorporate two of the three basic principles (empowerment, normalisation, and deconstruction) into each of their approaches, but not all three.[6] However, libraries as a whole can balance their activities. We therefore welcome submissions and research questions that are as broad as possible and cover all levels of abstraction, from theory to practice.
The title of the special issue ‘Out of Order’ deliberately does not refer to defect, as the ambiguity might suggest, but rather to the possibility of breaking down familiar structures, creating new orders, and opening up spaces beyond normativity. Order and disruption are not opposites, but rather mutually dependent. Those who question orders approach not just queerness, but also anti-racism, participation, queer feminism, critical pedagogy, class criticism and more. Those who begin to question also open their perspective to intersectional realities. In this light, we want to disrupt and rethink library work in all its facets, from event programme to learning spaces, collection development, cataloguing, information services and infrastructures, and even ourselves.
Possible topics and questions
How do normativities manifest themselves in classification systems, authority data and controlled vocabularies, and how can these be deconstructed?
What role does the event programme development of public libraries play in visibility, empowerment, and norm critique?
How do academic libraries create inclusive learning environments for all students and inclusive research environments for all researchers?
How can children’s and youth libraries become spaces for diversity, identity, and participation?
How can design promote diversity, equity, and inclusion in libraries?
What forms of invisibility exist in catalogues, discovery systems or information infrastructures, and how can these be overcome?
How do libraries balance the three basic principles of trilemmatic inclusion (empowerment, normalisation, and deconstruction) in theory and practice?
To what extent does the promotion of self-efficacy support the three basic principles of trilemmatic inclusion (empowerment, normalisation, deconstruction) and how could this be transferred to libraries?
How can metadata-based practices be made more inclusive?
How do libraries ensure freedom of information for their patrons in a changing society and world?
How do libraries respond to current attacks on or setbacks in diversity, equity and inclusion in politics, education, science, culture, and society, and how can employees position themselves or even resist through their library work?
How do libraries take into account their own diversity in terms of staff, and what challenges and potential does this present?
How are libraries and their associations working towards more diverse and equitable libraries?
Formats
In addition to articles, we welcome case studies, project reports and field reports from libraries and organisations, as well as from trainees and students. If you are unsure about your topic or your writing skills, please feel free to contact us at any time. We welcome submissions in both German and English.
Schedule
Submissions by 15 June 2026 to claudia.frick@th-koeln.de
Peer review to follow within 6 weeks
Planned publication date is December 2026
References
Boger, Mai-Anh (2023): Theorien der Inklusion – eine Übersicht. In: Diversität und Diskriminierung, hg. von Mina Mittertrainer, Kerstin Oldemeier und Barbara Thiessen, 127–41. Wiesbaden: Springer. DOI:10.1007/978-3-658-40316-4_8.Search in Google Scholar
Charta der Vielfalt. (o. J.): Vielfaltsdimensionen. Verfügbar unter https://www.charta-der-vielfalt.de/vielfaltsdimensionen.Search in Google Scholar
Fötsch, Norma; Frick, Claudia; Markus, Daniela et al. (2025): (Un)verschlossene Türen – Queering Libraries. In: Bibliotheken als Orte im Wandel – Aktuelle Entwicklungen und Konzepte, hg. von Linda Freyberg und Sabine Wolf, 217–70. Wiesbaden: b.i.t.verlag.Search in Google Scholar
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