Startseite Bibliotheks- & Informationswissenschaft, Buchwissenschaft Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hg. von der Historischen Kommission. Band 4, Teil 1: Westzonen, Politik, Institutionen. Im Auftrag der Historischen Kommission hg. von Stephan Füssel in Zusammenarbeit mit Anke Vogel. IX, 516 S., 44 Abb., 2 Tab. Berlin, Boston: De Gruyter, 2025. ISBN 978-3-11-035076-0, 179,95 €
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Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hg. von der Historischen Kommission. Band 4, Teil 1: Westzonen, Politik, Institutionen. Im Auftrag der Historischen Kommission hg. von Stephan Füssel in Zusammenarbeit mit Anke Vogel. IX, 516 S., 44 Abb., 2 Tab. Berlin, Boston: De Gruyter, 2025. ISBN 978-3-11-035076-0, 179,95 €

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Veröffentlicht/Copyright: 18. Dezember 2025

Rezensierte Publikation:

Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hg. von der Historischen Kommission. Band 4, Teil 1: Westzonen, Politik, Institutionen. Im Auftrag der Historischen Kommission hg. von Stephan Füssel in Zusammenarbeit mit Anke Vogel. IX, 516 S., 44 Abb., 2 Tab. Berlin, Boston: De Gruyter, 2025. ISBN 978-3-11-035076-0, 179,95 €


Bemerkenswert schnell schließt Band 4 „Bundesrepublik Deutschland“ der „Geschichte des deutschen Buchhandels im 19 und 20. Jahrhundert“ die Lücke zwischen Band 3 „Die Weimarer Republik 1918–1933“ und Band 5 „Deutsche Demokratische Republik“.[1] Teil 1 von Band 4 „Westzonen, Politik, Institutionen“ liegt nun mehr vor. Inhaltlich entspricht er teilweise Band 5 Teil 1/Teilband 1 und 2 „SBZ, Institutionen, Verlage 1“.[2]

Die Vorlaufzeit für die Bände 4 und 5 reicht etwa zwei Jahrzehnte zurück, da die Aufteilung der Bände für die Jahre 1945 bis 1949 eingehend diskutiert, das heißt geplant, verworfen und neu geplant werden musste. Ursprünglich angedacht war die Abfolge, Band 4 (1945–1949), Band 5 Bundesrepublik Deutschland 1949 bis etwa 1989/90 und Band 6 Deutsche Demokratische Republik 1949–1990. Welche dem vorliegenden Band 4 Teil 1 weiterführenden Teile für die Zeit nach der Gründung der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung folgen werden, wird die Zukunft lehren. Da sich seit dem Erscheinen von Band 1 des Gesamtwerkes 2003 die Quellenbasis erweitert und die buchwissenschaftliche Forschung enorme Fortschritte zu verzeichnen hat, hat sich die Basis für künftige Autorinnen und Autoren ohne Zweifel verbreitert.

Der Herausgeber Stephan Füssel führt in der Einleitung in die Voraussetzungen für den Neuanfang 1945, in das Konzept dieses Grundlagenbandes und in den Kontext der Bände 3, 4 und 5 ein. Er erinnert an das grundlegende Konzept der „Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert“, nämlich die Orientierung an den historischen Epochen, „die eine politische, rechtliche und wirtschaftliche Kontinuität besitzen“ (S. 1). Diesen Gedanken konsequent für die Zeit nach 1945 weiterzuentwickeln war schwierig, darf aber aus dem Abstand von mehr als einem Vierteljahrhundert seit den Vorbereitungen für Band 1 als gelungen bezeichnet werden.

An die Einleitung schließt sich ein „Zeitstrahl Nachkriegszeit“ von 9 Seiten an. Er listet die wichtigsten historischen und politischen Fakten vom 4. Dezember 1943 bis 3. Dezember 1949 auf, beginnend mit der Zerstörung des Buchhändlerhauses in Leipzig durch den alliierten Bombenangriff und endend mit der „Woche des Buches“ des Börsenvereins Ende 1949. Dieser Zeitstrahl ist eine wesentliche Verständnishilfe, wie sie für manche andere Publikation ähnlicher Komplexität wünschenswert wäre.

In Kapitel 1 behandelt Füssel ausführlich und im Gesamtzusammenhang den Buchhandel in den Westzonen. In drei weiteren Blöcken folgen Michele K. Troy (University of Hartford/Connecticut) für die amerikanische, Judith Joos (Promotion 2007 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz) für die englische und Vera Dumont (Doktorandin der Universität Leipzig) zusammen mit Judith Joos für die französische Besatzungszone.[3] Die drei Wissenschaftlerinnen haben die Situation in den Westzonen „grundlegend aus den Quellen der Nationalarchive erarbeitet und die alliierten Strategien zu den Fragen einer temporären Besetzung, der Erziehung zur Demokratie, der Wiederaufnahme privatwirtschaftlichen Handels und der Einbindung in die westlichen Bündnissysteme analysiert“ (S. 2). Jeweils am Ende der vier Kapitel sind die Literatur- und Quellenverzeichnisse untergebracht, gegliedert nach Archivalien/Quellen und Forschungsliteratur. An den auf mehreren Seiten aufgelisteten Archiven bzw. Archivalien lässt sich ablesen, in welchem Umfang die Autorinnen Grundlagenforschung betrieben haben. Man darf somit durchaus von Pionierarbeit sprechen. Was die Forschungsliteratur betrifft, bieten die Verzeichnisse geradezu eine Bibliografie der einschlägigen Titel.

Will man das Übergreifende dieses Bandes in einem Satz zusammenfassen, könnte man von „Nach Westen ging der Weg“ sprechen, wie Mark Lehmstedt seine Buchvorstellung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung treffend übertitelt hat.[4] Im Grundsätzlichen gehen die vier Kapitel auf dieselben Themen ein wie zum Beispiel die politischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen, auf das angestrebte Ziel einer „re-education“ bzw. Umerziehung durch das Buch und zuletzt die Übergabe der Verantwortung für die eingeleiteten Maßnahmen an die Deutschen selbst. Unterhalb dieser Metaebene werden aber die deutlichen Unterschiede in der Vorgangsweise präzis herausgearbeitet.

Nachfolgend soll auf einige Beispiele, die den politischen Hintergrund beleuchten eingegangen werden.

Was die amerikanischen Bemühungen anbelangt, stand zunächst der Ersatz für den traditionellen Buchplatz Leipzig in der künftigen Sowjetischen Besatzungszone ganz oben auf der Prioritätenliste. Es ging um nicht weniger als um ein neues Zentrum für die Westzonen, zunächst in Wiesbaden, dann in Frankfurt am Main. Bereits vor der Kapitulation von 1945 wurde an den Plänen für die Besatzung gearbeitet. In allen Zonen hing der Erfolg nicht zuletzt auch von den Personen ab, die für diese Aufgaben gefunden werden mussten. Exemplarisch sei dies an dem Beitrag von Michele Troy und ihren Ausführungen über einen der Protagonisten festgemacht.

Die herausragende Persönlichkeit von Seiten der amerikanischen Besatzungsmacht war Douglas Waples (1893–1978). Der Major und spätere Colonel (Oberst) baute ab Juli 1945 den Public Control Branch in der Information Control Division auf. In einer Rezension für eine bibliothekswissenschaftliche Fachzeitschrift wie BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis erscheint ein ergänzender Exkurs über den Bibliothekswissenschaftler und Professor der Graduate School of Librarianship in Chicago mehr als gerechtfertigt. Leonard Kniffel, der Herausgeber der Zeitschrift American Libraries, hat ihn als einen der „100 most important leaders we had in the 20th century“ bezeichnet.[5] Ende 1931/Anfang 1932 hatte Waples eine Europareise dazu benutzt, um als Pionier der Lese- und Leserforschung in Leipzig Walter Hofmann, den Direktor der Leipziger Bücherhallen, für mehrere Wochen aufzusuchen, der 1925 das Institut für Leser- und Schrifttumskunde gegründet hatte. Er rezensierte Hofmanns Untersuchung Die Lektüre der Frau (1931) ausführlich im Library Quarterly.[6] Waples regte gegenüber Hofmann an, einen Leipziger Mitarbeiter an seine Graduate School nach Chicago zu entsenden – ein hoffnungsvoller Beginn einer Kooperation, den die nachfolgende NS-Herrschaft zum Erliegen brachte.[7] Der Offizier Waples beendete 1948 seine Aufgabe als Kulturoffizier und kehrte als Professor nach Chicago zurück. Waples ist ein Beispiel dafür, dass die Alliierten zur Demokratisierung des Kulturlebens in den Westzonen zum Teil hochqualifizierte Intellektuelle beriefen und ein für diese Aufgabe besser qualifizierter Kandidat wäre allein schon wegen seiner Deutschlandkenntnis kaum zu finden gewesen.

Für die britische Zone sei erwähnt, dass die Militärregierung den britischen Verlegern nahelegte, die Situation des Buchhandels zu beurteilen. Sie verfügte über verlagserfahrene Offiziere, die den Kontakt zwischen der britischen und der deutschen Seite pflegten, von denen allerdings viele bald in das zivile Leben zurückkehrten. Auf der Agenda stand vor allem die Förderung des Kulturaustausches. Die positive Entwicklung dieser Beziehungen verstärkte zunehmend das gegenseitige Vertrauen.

Eine enge Verbindung bestand auch zwischen den britischen und amerikanischen Behörden, die diverse Listen, zum Beispiel über lizenzierte Verlage, Neuerscheinungen usw. austauschten. Die Briten waren die zuverlässigsten Lieferanten, während sich im Vergleich dazu die Franzosen eher zurückhielten. Bei aller Kooperation gab es allerdings auch Differenzen, etwa wenn es um die Frage der Vorzensur ging. Bezieht man in die Betrachtung auch die Sowjetzone ein, so machte sich bald der Ost-West-Konflikt bemerkbar. Als Fazit ist festzustellen, dass auf der Viermächte-Ebene die alliierte Kulturpolitik gescheitert ist.

Aber zurück zur britischen Zone! Die Autorin dieses Kapitels kommt zu dem Schluss, dass vor allem in der britisch besetzten Zone Deutschlands individuelle Entscheidungen und persönliche Kontakte den Charakter der Literaturlandschaft der frühen Bundesrepublik, ihre Entwicklungschancen, ihre institutionellen und auch informellen Limitierungen bestimmen sollten (S. 364).

Für Frankreich war, wie Vera Dumont und Judith Joos ausführen,[8] seine Selbsteinschätzung richtungsweisend, als überragende Kulturnation besondere Qualitäten für die Aufgabe einer radikalen Änderung der deutschen Mentalität zu besitzen. „Die Betonung dieser prestigeträchtigen Kulturmission diente der Legitimation der Besatzungspolitik, aber auch der Profilierung gegenüber der starken anglo-amerikanischen wirtschaftlichen und kulturellen Expansion“ (S. 312 f.). „Die direkte Kontrolle der Buchproduktion war durch die im Vergleich zur britischen und amerikanischen Zone sehr lang bestehende Vorzensur möglich“ (S. 444, 461). Die Überprüfung der politischen Vergangenheit erfolgte viel weniger schematisch als in der amerikanischen Zone. Im Vordergrund stand die individuelle Bewertung und damit die Umerziehungsmöglichkeit (S. 421).

Wie die amerikanische Besatzungsmacht mit Douglas Waples hatten die Franzosen mit dem deutschen Schriftsteller Alfred Döblin eine bemerkenswerte Persönlichkeit zu ihrer Verfügung. Dieser kehrte 1945 aus dem Exil in den USA zurück. Bis zu seiner Pensionierung 1948 arbeitet er zuletzt als Oberstleutnant in der Funktion eines „Charge de Mission auprès du Gouvernement en Allemagne“ und „Chef du Bureau des Lettres“. Er war als Experte für die deutschsprachige Literatur für die Zensur zuständig, das heißt für die Erstellung von Gutachten. Als Zensor verglich er sich mit einem Gärtner, der das Geschäft des „Jätens des Unkrauts“ betrieb (S. 445, 450).

Bibliothekshistorisch interessant ist, dass unter dem Aspekt der Verbreitung von Büchern in der französisch besetzten Zone auch der Name Philipp Harden-Rauch aufscheint. Der fanatische Nationalsozialist und Karrierist war während der NS-Herrschaft Direktor der Städtischen Bücherei Freiburg i. Br. und zugleich Leiter der Staatlichen Büchereistelle für die Oberrheinlande Baden und Elsass. Der gelernte Buchhändler fasste als solcher nach dem Krieg schnell wieder Fuß und gab unter anderem eine staatlich subventionierte Buchreihe heraus, die ausschließlich in Schulen verkauft wurde.[9]

Wie bereits zu Beginn einschränkend bemerkt wurde, konnte angesichts der Fülle des Materials vorwiegend nur auf den politischen Hintergrund näher eingegangen werden. Auf weitere detailliert dargestellte Bereiche kann nur exemplarisch hingewiesen werden, etwa auf den Aufbau der Börsenvereinsstrukturen in den Westzonen, die neue Frankfurter Buchmesse 1949, die Lenkung und den Wiederaufbau des Buchhandels in der amerikanischen Zone, auf die Briten im Alliierten Kontrollrat oder die Steuerung des Buchmarkts durch die Franzosen.

Die Qualität dieses vierten Bandes Teil 1 der „Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert“ hat Maßstäbe gesetzt. Der Historischen Kommission des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ist zu wünschen, dass es ihr gelingt, die in Aussicht genommenen weiteren Teilbände in nicht zu ferner Zukunft zu realisieren. Schon jetzt darf festgestellt werden, dass auch unter einem internationalen Blickwinkel betrachtet das Gesamtwerk jedem Vergleich standhält, wenn es nicht sogar im ursprünglichen Wortsinn „unvergleichlich“ ist.

Den Abschluss bilden ein Abkürzungsverzeichnis, besonders hilfreich zur Entschlüsselung der zahllosen alliierten und deutschen Institutionen, ferner ein Personen- und Institutionenregister, kurze Informationen zu den Autorinnen und Autoren sowie der übliche Dank an die zahlreichen Unterstützerinnen und Unterstützer.

Online erschienen: 2025-12-18

© 2025 bei den Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Heruntergeladen am 7.1.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bfp-2025-0056/html
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