Georg Günther: Friedrich Schillers musikalische Wirkungsgeschichte. Teil 1–2. Festeinband. Illustrationen, Noten (Musik in Baden-Württemberg. Quellen und Studien; 40). Stuttgart: J. B. Metzler Verlag, 2018. ISBN 978-3-476-04619-2 (eBook 978-3-476-04620-8), € 129,99. T. 1: Einleitung und Register. 374 S., T. 2: Verzeichnis der musikalischen Werke. 696 S.
Rezensierte Publikation:
Georg Günther: Friedrich Schillers musikalische Wirkungsgeschichte. Teil 1–2. Festeinband. Illustrationen, Noten (Musik in Baden-Württemberg. Quellen und Studien; 40). Stuttgart: J. B. Metzler Verlag, 2018. ISBN 978-3-476-04619-2 (eBook 978-3-476-04620-8), € 129,99. T. 1: Einleitung und Register. 374 S., T. 2: Verzeichnis der musikalischen Werke. 696 S.
Es gibt sie noch, die großen Bibliografen, die ohne feste Anbindung an eine Institution oder gar als Einzelkämpfer und weitgehend ohne finanzielle Unterstützung durch Projektmittel Außerordentliches leisten. Ein solches vor drei Jahren abgeschlossenes Unternehmen wurde hier bereits vorgestellt.[1]
Der Autor des vorliegenden Kompendiums, Georg Günther, ist promovierter Musikwissenschaftler, Literaturwissenschaftler und Diplom-Bibliothekar. Er hat als Dokumentar gearbeitet und verfügt über Erfahrungen im Musikantiquariat, bringt also beste fachliche Voraussetzungen für dieses Nachschlagewerk mit. Seine Interessen sind breit gestreut, wie unter anderem eine von ihm kuratierte Ausstellung im Staatsarchiv Ludwigsburg und der dazugehörige Begleitband über eine Stuttgarter Künstlertragödie beweisen, bei denen er geradezu vor kriminalistischen Herausforderungen stand.[2]
Die Vorarbeiten begannen in einem sehr frühen Stadium mit Katalogisierungsarbeiten für das Deutsche Literaturarchiv. Eine Anregung Günthers folgend wurde ihm ein von 2000 bis 2004 laufendes Forschungsprojekt übertragen. Im Rahmen dieses Projekts erschloss er in den Marbacher Musikalienbeständen Vertonungen von Dichtungen Friedrich Schillers, Eduard Mörikes und Hermann Hesses.[3] Schließlich folgte seine Tübinger Dissertation über die frühen Schiller-Vertonungen, die aus einem längeren Text- und einem Notenteil besteht.[4] Die Publikationen von 2001 und 2005 sind gewissermaßen der Nucleus für das Opus magnum von 2018, mit dem der Autor eine nunmehr vollständige Erfassung anstrebt. Für diese Arbeiten hat Günther 2013 den Ludwig-Uhland-Förderpreis erhalten.[5] Man könnte sich die Frage stellen „Warum soviel Schiller?“. Günther hebt aber völlig zu Recht hervor, dass sich in Schillers musikalischer Wirkungsgeschichte die ganze deutsche Geschichte, Kultur- und Geistesgeschichte niederschlägt. Außerdem habe er in der Musikgeschichte von allen deutschen Dichtern „zwar nicht die meisten, dafür aber die vielfältigsten Spuren hinterlassen“. Schließlich kann man sich auf die besondere Affinität Schillers zur Musik berufen. Sein Freund Christian Gottfried Körner zum Beispiel hat sich mit einem Beitrag in den „Horen“, der von Schiller begründeten Zeitschrift, detailliert „Über Charakterdarstellung in der Musik“ geäußert.[6]
Der Aufbau des Kompendiums das sowohl Schillers Gedichte wie auch seine Dramen erfasst, stellt sich wie folgt dar. Teil 1 (er entspricht buchbinderisch Band 1) enthält eine Einleitung von 36 Seiten, gefolgt von 17 Abbildungen mit Titel- und Notenseiten. Ausführlich wird dann das Katalogisierungs-, besser vielleicht Erfassungskonzept erläutert. Nach einem Abkürzungs- und Siglenverzeichnis folgen schließlich nahezu 300 Seiten mit dem Personen- und dem Titelregister sowie den Textincipits. Teil 2 (Band 2) verzeichnet in 3 061 Nummern die musikalischen Werke von etwa 1 700 Komponisten in nachstehender Reihenfolge:
anonym überlieferte Werke
mit Initialen gekennzeichnete Werke
die Komponisten und ihre Werke[7]
Werke mit ungesichertem Schiller-Bezug.
Die Einleitung ist weit mehr als eine Einführung, sie ist vielmehr eine Abhandlung, die eine Vielzahl von forschungs- und rezeptionsgeschichtlichen Themen aufgreift. Günther bemängelt zu Anfang die bisher ungenügende Aufarbeitung in der geisteswissenschaftlichen Forschung. Er schreibt im Folgenden unter anderem über musikalische Adaptionen von Gedicht und Schauspiel generell, um dann zu Schillers Gedichten in der Musik überzugehen, zu den Formen musikalischer Auseinandersetzung bis hin zur Filmmusik, zu Schillers Schauspielen und zu den musikalischen Adaptionen von Gedicht und Schauspiel. Ein besonderes Verdienst ist es, dass er bisher noch nie behandelte Probleme aufgreift. Dazu zählt die besondere Rolle des Kanons, der als „die satztechnisch strengste und zugleich knappste musikalische Gattung“ der „starken gedanklichen Prägnanz“ in Schillers Werk in hohem Maß entspricht. Mögen diese Details eher für den Musik- und Literaturwissenschaftler von Belang sein, dürften Günthers Ausführungen „Eine nationale Ikone und die Musik“ auf ein breiteres Interesse stoßen. Mit der Rolle der „Schiller-Musiken“ im Dritten Reich betritt er absolutes Neuland, vor allem was den Übergang vom Nationaldichter des 19. Jahrhunderts zur „völkischen“ Leitfigur auch in der Musik betrifft. Verdienstvoll ist auch, dass zum Abschluss im Abschnitt „Stilistische Vielfalt oder schöpferische Ratlosigkeit?“ noch die Musik nach 1945 einbezogen wird, speziell auch ihre Rolle in der Populärkultur.
Die Erläuterungen zum Katalogisierungskonzept betreffen im Wesentlichen Formalia wie Namensansetzung, Titelgebung, Angaben über Lebensdaten usw. Wichtig ist der Hinweis, dass bei einem Berichtszeitraum von über 230 Jahren der Materialumfang es nicht möglich machte, alle Unterlagen in Autopsie einzusehen; andere Quellen wurden nach bestem Wissen überprüft. Die Dokumentationsnotwendigkeit etwa hinsichtlich der Publikationsgeschichte wird differenziert gehandhabt, wenn wie im Falle Beethovens oder Schuberts die Werke durch moderne Ausgaben leicht verfügbar sind. Als schlagendes Beispiel erwähnt Günther in diesem Zusammenhang die Vertonung „An die Freude“ in der 9. Sinfonie Beethovens, die er als die „vermutlich weltweit bekannteste Melodie des klassischen Repertoires“ bezeichnet. Der Leser erfährt auch, dass Gioacchino Rossinis Oper „Guillaume Tell“ nicht nur die am häufigsten aufgeführte Vertonung eines Werkes von Schiller ist, sondern eine der am meisten gespielten Opern überhaupt, weshalb Günther in solchen Fällen auf eine umfangreiche Bibliografie verzichtet.
Die Eintragungen in Teil 2, dem „Verzeichnis der musikalischen Werke“ erfolgen in den bereits oben aufgeführten vier Gruppen nach den Namen der Komponisten in alphabetischer Reihenfolge. Soweit wie möglich wurden auch bei heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Komponisten die Lebensdaten ermittelt und in Ausnahmefällen biografische und andere wichtige Grundsatzinformationen angefügt. Angegeben wird eine knappe Charakterisierung der Komposition wie zum Beispiel „Hymne“, „Chor“, „Schauspielmusik“, „Hörspielmusik“ oder „Filmmusik“. Weiters folgen bibliografische Daten zu Veröffentlichungen der Werke sowie Quellenangaben. Sozusagen lesbar machen das Verzeichnis die Kommentare, die typografisch abgesetzt schnell erkennbar sind. Je nach Bedeutung eines Werkes wird auf sie verzichtet, beschränken sich auf eine kurze Annotation, können aber auch ausführlich und komplex sein. Sie bieten nicht nur Basisdaten wie Entstehungszeit, Aufführungsdaten, Widmungen, sondern auch Zitate aus Briefen, zeitgenössische Äußerungen, kritische Bemerkungen in Kritiken usw. Die Einträge zu den für Schiller besonders wichtigen Komponisten erreichen einen beträchtlichen Umfang, entsprechend dann auch die Kommentare. Als Beispiele seien aufgeführt Johann Friedrich Reichardt (1752–1814), der zu den wenigen Komponisten zählt, die mit Schiller in direkter Verbindung standen (16 Seiten); Franz Schubert (1797–1828), der sich mit 40 Gedichten Schillers schöpferisch auseinandergesetzt hat (11 Seiten); Carl Friedrich Zelter (1758–1832), gleichermaßen von Schiller wie von Goethe hochgeachtet (18 Seiten). Eher als Kuriosum, das aber auch nicht fehlen darf, ist die Rockoper „The Räuber“ der deutschen Hardrock-Band Bonfire zu erwähnen.[8]
Diese angesichts seines Umfangs wenigen Bemerkungen reichen aber aus, Rang und Bedeutung dieses Nachschlagewerks deutlich zu machen. Seine Methodik und die Exaktheit der Dokumentation stellen dem Autor ein überragendes Zeugnis aus. In keinem Fall eine Kritik, aber eine Anmerkung soll Folgendes sein: In unserem digitalen Zeitalter wäre eine Datenbankversion natürlich erwünscht gewesen. Aus nachvollziehbaren, vom Autor genannten persönlichen Gründen, bestand dafür keine Möglichkeit. Die Daten hätten zudem völlig neu aufbereitet werden müssen, eine Aufgabe, die ihn technisch überfordert hätte. Als „Privatunternehmer“ war es ihm aber auch nicht möglich, die dafür erforderlichen Mittel beizubringen.
© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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