Zusammenfassung
2012 präsentierte die Österreichische Nationalbibliothek unter dem Titel „Vision 2025“[1] ihre langfristigen Zukunftsstrategien. Es geht darin um eine an die breite Öffentlichkeit gerichtete Darstellung ihrer zukünftigen Aufgaben in einer sich dynamisch entwickelnden digitalen Wissensgesellschaft von morgen. Ausgehend von zentralen gesellschaftlichen Werten werden fünf Kernfunktionen einer Nationalbibliothek von morgen beschrieben und mit anschaulichen Beispielen verdeutlicht.
Abstract
In 2012 the Austrian National Library presented, under the title “Vision 2025”, its long-term future strategies. The purpose is to give a presentation directed at the broader public of its future tasks in tomorrow’s dynamically changing digital knowledge society. Starting from central values of society, five core functions of a national library in tomorrow’s world are described and illustrated with vivid examples.
1 Einführung
Gemäß dem bekannten Wort eines deutschen Bundeskanzlers sollte zum Arzt gehen, wer unter Visionen leidet. Die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) hat diese Warnung nicht befolgt: 2012 stellte sie unter dem Titel „Vision 2025. Wissen für die Welt von morgen“ ihre langfristigen Zukunftsperspektiven der Öffentlichkeit vor.
Dabei geht es nicht um eine Zukunftsprognose – denn niemand kann heute die politischen, gesellschaftlichen oder auch technischen Rahmenbedingungen im Jahr 2025 voraussagen – als vielmehr darum, eine klare Position zu beziehen, wo die Österreichische Nationalbibliothek 2025 stehen will. Wichtigstes Ziel dieser visionären Positionsbestimmung ist es, den gesellschaftlichen Mehrwert, den Bibliotheken und insbesondere Nationalbibliotheken auch in der Zukunft erbringen werden, zu reflektieren und einer breiten Öffentlichkeit anschaulich darzustellen. Dahinter steht die Überzeugung, dass es in einer sich dynamisch weiterentwickelnden digitalen Wissensgesellschaft dringend notwendig ist, die Zukunft der Bibliotheken aktiv zu planen, wenn sie nicht von diesen Entwicklungen überrollt werden wollen, um sich schließlich auf einem historischen Abstellgeleis wiederzufinden.
Mit ihrer mehr als 500-jährigen Geschichte ist die Österreichische Nationalbibliothek heute einem lebendigen Baum vergleichbar, dessen Wurzeln tief in die Vergangenheit zurückreichen. Ihr Bestehen über die Jahrhunderte hinweg verdankt sie beidem: ihrem Beharrungsvermögen bezogen auf ihre grundsätzlichen Aufgaben, aber auch ihrer Anpassungsfähigkeit an die sich ständig ändernden gesellschaftlichen, politischen und nicht zuletzt auch technischen Rahmenbedingungen. Heute erleben wir einen so radikalen Wandel der gesamten Informations- und Medienlandschaft, dass Bibliotheken gezwungen sind, sich grundsätzlich neu zu orientieren und zu positionieren.
Die Welt der Forschung und der Wissensproduktion wird im Jahr 2025 eine grundlegend andere, aber sicherlich eine überwiegend digitale sein. Durch die Definition mittel- und langfristiger Ziele, darunter z. B. die Schaffung einer nachhaltigen Infrastruktur für die digitale Bibliothek und die Erweiterung des Sammelauftrags auf digitale Objekte, müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass die Österreichische Nationalbibliothek auch in Zukunft ein Ort des Wissens und die zentrale Gedächtnisinstitution unseres Landes bleibt.
Die „Vision 2025“ entstand als Resultat eines breit angelegten Diskussionsprozesses innerhalb der Österreichischen Nationalbibliothek, in den viele Mitarbeiter über mehrere Monate hinweg eingebunden waren. Nachfolgend der Versuch, die wichtigsten Inhalte aus diesem strategischen Papier komprimiert darzustellen.
2 Die Werte
Die Zukunftsvision der Österreichischen Nationalbibliothek geht aus von feststehenden gesellschaftlichen Werten, die ihrem Selbstverständnis als zentraler Bibliothek des Landes zugrunde liegen und auf die ihre grundsätzlichen Aufgaben auch in Zukunft bezogen bleiben.
Die Österreichische Nationalbibliothek bekennt sich zu folgenden weithin akzeptierten Grundsätzen:
Freier Zugang zum Wissen: Wissen und Wissenserwerb dürfen nicht eine Frage des Reichtums oder der Macht werden. Alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion und Besitz, sollen einen möglichst einfachen Zugang zu den vielfältigen analogen wie digitalen Informationsressourcen haben.
Innovation: Nicht das sture Festhalten an Altbewährtem, sondern nur die größtmögliche Offenheit für neue Lösungen und Chancen kann die ernsten Probleme der Zukunft lösen. Das über viele Generationen gesammelte Wissen ist dabei eine wertvolle Grundlage, auf der Neues, Kreatives wachsen kann. Innovation bezieht sich selbstverständlich auch auf die von der Bibliothek selbst entwickelten Formen der Erschließung und Zugänglichmachung der Bestände sowie auf deren wissenschaftliche Erforschung und Neubewertung.
Bildung: Eine freie, demokratisch organisierte Gesellschaft setzt mündige, kritisch denkende Bürger voraus. Grundbedingung dafür ist ein garantiertes und gleichberechtigtes Anrecht auf Bildung. Lebenslanges Lernen ist eines der Schlüsselwörter einer modernen wissensbasierten Gesellschaft.
Verantwortung: Dies bedeutet nicht nur, Verantwortung zu übernehmen für die dauerhafte Bewahrung und Zugänglichkeit unseres analogen wie digitalen Wissenserbes. Verantwortung meint in diesem Zusammenhang auch ein klares und gelebtes Bekenntnis für gemeinsame ethische Normen: einen ehrlichen Umgang mit der eigenen Geschichte, den Einsatz für die Gleichberechtigung der Geschlechter, für fundamentale ökologische Werte, für Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen u. a. m. Nur so können Bibliotheken einen Beitrag leisten zu einer friedlichen und nachhaltigen Gestaltung unserer Zukunft.
3 Die Vision
Ausgehend von den genannten Werten und bezogen auf die historisch gewachsenen Aufgaben von Nationalbibliotheken – dem Sammeln, Bewahren, Vermitteln, Dokumentieren und Forschen – ergeben sich für die Österreichische Nationalbibliothek fünf Kernpunkte einer Zukunftsvision 2025. Sie werden die strategische Planung der Bibliothek in den kommenden Jahren bestimmen.
3.1 Digitalisierung
2025 ist ein Großteil des Buchbestands und auch ein wesentlicher Teil der Sondersammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek digital zugänglich. Die digitale Bibliothek bietet Benutzern über eine einheitliche Such- und Präsentationsoberfläche Zugriff auf sämtliche Inhalte und unterstützt vielfältige, facettierte Suchstrategien aller enthaltenen Inhalte. Auch die Nutzung auf gängigen mobilen Endgeräten wird weiter ausgebaut werden.
Der Buchbestand ist als Volltext durchsuchbar, wodurch sich deutlich bessere Nutzungsmöglichkeiten ergeben und etwa auch die Wiederentdeckung von in Vergessenheit geratenen Wissensschätzen gefördert wird. Bereits jetzt arbeitet die Österreichische Nationalbibliothek im Rahmen des Projekts Austrian Books Online (ABO) am Ausbau der Volltextsuche für historische Drucke. Sukzessive werden in den kommenden Jahren weitere, bereits digitalisierte Bestände wie z. B. historische Zeitungen in die Volltextsuche integriert werden. Weitere darauf aufbauende Services werden die semantische Suche, automatisierte Textklassifikation etc. umfassen. Nach Maßgabe rechtlicher Bestimmungen werden alle digitalen Inhalte auch uneingeschränkt für innovative Nachnutzungen zur Verfügung stehen.
Bereits seit vielen Jahren werden in der Österreichischen Nationalbibliothek Bestandsdigitalisierungsprojekte durchgeführt. Musterbeispiel ist etwa das erfolgreich laufende und stark genutzte Zeitungsdigitalisierungsprogramm ANNO (AustriaN Newspapers Online, http://anno.onb.ac.at), das in den kommenden Jahren weiter ausgebaut und um eine Volltextsuchmöglichkeit erweitert wird. Im Rahmen einer richtungweisenden Public Private Partnership mit Google (Austrian Books Online – ABO) wird derzeit der gesamte historische urheberrechtsfreie Buchbestand digitalisiert. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind bereits etwa 100.000 Bücher über den Online-Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek online zugänglich, weitere 500.000 folgen in den nächsten Jahren. Die Digitale Bibliothek bietet darüber hinaus schon heute Zugriff auf vielfältige andere Sammlungsbestände, darunter Fotos, Grafiken und Plakate, Manuskripte, Inkunabeln und Papyri. 2012 wurden mit finanzieller Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der Österreichischen Nationalbibliothek die wertvollsten Musikhandschriften der Bibliothek (ca. 90.000 Seiten), darunter Werke von Mozart, Bruckner, Beethoven u. a., digitalisiert und online zur Verfügung gestellt. Ein weiteres Projekt betrifft die Digitalisierung von Ansichtskarten, die sich als historische Bildquellen zur Topographie großer Beliebtheit erfreuen.
Auf gesetzlicher und vertraglicher Ebene wird sich die Österreichische Nationalbibliothek darüber hinaus für Lösungen einsetzen, die es erlauben, vergriffene oder verwaiste Werke zu digitalisieren und online zugänglich zu machen, wie dies auch auf gesamteuropäischer Ebene angestrebt wird. Die digitalisierten Bestände werden sowohl über die europäische digitale Bibliothek Europeana als auch über fachspezifische Portale zugänglich gemacht.
3.2 Wissenssicherung
2025 liegt der Schwerpunkt der Sammelpolitik bei den Online-Medien, da der Großteil der aktuellen Publikationen digital oder zumindest hybrid erscheinen wird. Im Rahmen der Pflichtablieferung wird die Bibliothek, bei identem Inhalt, vorzugsweise die digitalen Versionen von Publikationen sammeln. Die Österreichische Nationalbibliothek wird sich für eine Änderung des österreichischen Mediengesetzes in diesem Sinne einsetzen, die es erlaubt, bei der Pflichtablieferung der digitalen gegenüber der gedruckten Version einer Publikation den Vorzug zu geben. So strebt die Bibliothek beispielsweise im Bereich der Tageszeitungen an, diese ausschließlich digital zu sammeln und auf die gedruckten Ausgaben zu verzichten.
Für die Erwerbung elektronischer Publikationen außerhalb der Pflichtablieferung werden Systeme angestrebt, die es ermöglichen, noch stärker auf aktuelle Benutzerbedürfnisse zu reagieren und so Ressourcen bedarfsgerecht einzusetzen. Diese user driven acquisition wird die systematische Erwerbung durch Fachreferenten ergänzen.
Ebenso werden User-generierte Inhalte, öffentliche soziale Netzwerke, Blogs und neu entstandene Formate gesammelt, um zukünftigen Forschern wichtige Einblicke in Kultur und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu ermöglichen.
Als essentieller Teil der Wissenssicherung und -archivierung nimmt die Sicherstellung der langfristigen Zugänglichkeit der rasch wachsenden digitalen Bestände (Langzeitarchivierung) eine immer wichtigere Rolle ein. Aufgrund des rasant wachsenden Speicherbedarfs und der steigenden Anforderungen an Rechenkapazitäten werden Cloud-basierte Lösungen für Datenspeicherung und -bearbeitung eine zunehmende Rolle spielen. Bereits 2013 wird ein einheitliches, hoch-skalierbares System für die digitale Langzeitarchivierung der digitalen Inhalte aller Sammlungen implementiert, das neben der Sicherung der Datenströme auch Archivierungsmaßnahmen wie Datenmigration in aktuelle Zugriffsformate unterstützen wird. Um den Herausforderungen der digitalen Langzeitarchivierung gewachsen zu sein, ist die Österreichische Nationalbibliothek Partnerin in mehreren EU-geförderten Projekten zur Langzeitarchivierung, darunter Scape und Aparsen, die sich mit speziellen Themen wie Migration, Umgang mit großen Datenmengen, Trainings etc. beschäftigen.
In Kooperation mit Bildagenturen etabliert und standardisiert die Österreichische Nationalbibliothek auch die Sammlung und Archivierung von digitalen Fotografien und gewährleistet dadurch, dass nach dem langsamen Ende der analogen Fotografie keine Tradierungslücke im Bereich der Bilddokumente entsteht. Eine diesbezügliche Kooperation mit der Austria Presse Agentur (APA) wurde bereits 2012 in die Wege geleitet.
Jedoch wird auch in Zukunft ein Teil der kulturellen und wissenschaftlichen Produktion in physischer Form überliefert werden; hier kommt der Österreichischen Nationalbibliothek als Forschungs- und Archivbibliothek auch weiterhin ein universeller Sammelauftrag zu.
Durch gezielte Marktbeobachtung und eine systematische, auf den Sammelrichtlinien beruhende Erwerbungspolitik wird auch weiterhin sichergestellt werden, dass die Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek ihre herausragende Funktion in der Bewahrung des analogen Kulturerbes Österreichs und Europas erfüllen.
Die langfristige Bewahrung der physischen Bestände in ihrer Authentizität und Integrität gewährleistet die Bibliothek durch die konsequente Umsetzung ihres Konservierungsmasterplans. Die konservatorisch bestmögliche Aufbewahrung der Objekte muss durch den Bau zusätzlicher Speicherflächen für die nächsten Jahrzehnte sichergestellt werden. Dazu wird in den nächsten Jahren ein neuer Tiefspeicher unter dem Heldenplatz benötigt. Dieser soll in unmittelbarer Nähe zu den Benützungsbereichen ausreichende Kapazitäten für die nächsten Jahrzehnte und die klimatisch ideale Aufbewahrung der Zuwächse an Druckschriften und anderen Sammlungsobjekten bieten.
3.3 Einfacher, vernetzter Zugang zum Wissen
2025 sind sämtliche Bestände der Österreichischen Nationalbibliothek in einer zentralen Datenbank erfasst und über eine einheitliche Benutzeroberfläche (OPAC) zugänglich, die den Benutzern zugleich auch einen Zugriff auf born digital und digitalisierte Inhalte ermöglicht. Der Schwerpunkt der Erschließungsarbeit verlagert sich hin zur Erstellung und Verknüpfung von normierten Metadaten zu Personen, Orten und Ereignissen. Diese Metadaten sind mit anderen externen Daten verlinkt, etwa mit Geo-Daten oder Daten aus Wikipedia. Auf dieser Basis werden Services wie visuelle Suchinterfaces oder die Visualisierung von Suchergebnissen in Themen-Clustern angeboten. Sämtliche Metadaten werden als Open Data in strukturierter und standardisierter Form zur kostenfreien und uneingeschränkten Weiternutzung zur Verfügung gestellt und sind so Teil des semantischen Web. Initiativen zu kreativen und innovativen Applikationen auf Basis dieser Metadaten werden unterstützt. Die Österreichische Nationalbibliothek wird außerdem Projekte zur semantischen Anreicherung der Metadaten initiieren und maßgeblich zu europäischen Initiativen auf diesem Feld, vor allem im Rahmen von Europeana, beitragen. Seit 2012 nimmt die Bibliothek auch am EU- Projekt DM2E (Digital Manuscripts to Europeana) teil.
Durch weitere Katalogzusammenführungen werden sämtliche Bestände der Österreichischen Nationalbibliothek in einem System nachgewiesen. Bei der Katalogisierung der Neuzugänge werden Metadaten verstärkt aus heterogenen Datenpools wie z. B. Buchhandelsdatenbanken u. a. übernommen. In einigen Bereichen wird die Bestandserschließung weitgehend automatisiert ablaufen, dies betrifft v.a. den rasch wachsenden digitalen Bestand.
Ein weiterer Schwerpunkt wird in der Erschließung unselbständiger Literatur liegen. Das bereits gut etablierte Projekt IV-Scan zum Nachweis unselbständiger Literatur aus Sammelbänden, Katalogen und Anthologien u. ä. wird weiter ausgebaut. Im Bereich der Sammlungen werden alle Materialien gemäß flexibel festgelegter Erschließungstiefen erfasst und zusätzlich auch nicht-digitale Nachweise (gedruckte Kataloge) in die Bestandsdatenbank integriert.
3.4 Belebung der wissenschaftlichen Forschung
2025 sind die digitalen Inhalte und Services der Österreichischen Nationalbibliothek in vernetzte virtuelle Forschungsplattformen eingebunden. Natur- und Kulturwissenschaftler arbeiten direkt an den digitalen Datenbeständen und analysieren, kommentieren und bewerten diese mithilfe hoch entwickelter Softwaretools („Digital Humanities“). Auch die Kommunikation zwischen Forschern und der Austausch von Forschungsergebnissen finden primär im Rahmen digitaler Forschungsplattformen statt. Auf Basis dieser Infrastrukturen können weitgehend individualisierte und auf die Bedürfnisse der Wissenschaft zugeschnittene Leistungen angeboten werden.
Vertiefende Bestandserschließung wird – wie schon bisher – primär im Rahmen Drittmittel-geförderter wissenschaftlicher Forschungsprojekte durchgeführt werden, zentriert um die teilweise unikalen historischen Sammlungsbestände. Dadurch wird die Relevanz und Präsenz der Sammlungen in den jeweiligen Forschungsfeldern weiter gestärkt. Mitarbeiter der Österreichischen Nationalbibliothek werden beratend und forschend in diese Projekte eingebunden und stellen so das fachliche Knowhow und die Nachhaltigkeit der Projektergebnisse durch Übernahme der Ergebnisse in Datenbanken oder die ÖNB-Homepage sicher.
Editions- und Erschließungsprojekte sind standardmäßig mit einer Digitalisierung der Bestände verbunden und werden in internationaler Zusammenarbeit im Rahmen von digitalen Forschungsinfrastrukturen durchgeführt. Bucheditionen sind weitgehend durch Hybrideditionen und digitale Editionen abgelöst. Die Österreichische Nationalbibliothek wird sich an der internationalen Diskussion zu Fragen der Editionsforschung beteiligen und insbesondere in der Verbindung von Digitalisierungs- und Editionsprojekten mit textwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen Akzente setzen.
Beim Aufbau virtueller Forschungsplattformen wird es eine enge Kooperation mit externen Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen geben um sicherzustellen, dass die spezifischen Bedürfnisse der Fachwissenschaften berücksichtigt und die bibliothekarischen Serviceangebote mit den digitalen Forschungsinfrastrukturen auf internationaler und nationaler Ebene vernetzt werden. Durch den Ausbau des Angebots an universitären Lehrveranstaltungen in Kooperation mit den Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek werden die Barrieren bei der Benutzung der Objekte weiter abgebaut. Daneben werden sich Mitarbeiter der Österreichischen Nationalbibliothek weiterhin im Rahmen des universitären Lehrbetriebs engagieren, um höchste wissenschaftliche Kompetenz bezüglich der eigenen Bestände zu entwickeln. Dazu gehören auch Researchers in Residence-Programme, die externen Forschern einen längeren Aufenthalt an der Bibliothek ermöglichen, um zu besonderen Aspekten der Bestände zu forschen.
Im Rahmen der bibliothekswissenschaftlichen Forschung werden Schwerpunkte in der objektbezogenen exemplarspezifischen Forschung gesetzt.
Im Bereich der bibliothekarischen Aus- und Weiterbildung wird ein flexibel gestaltbares Lehrgangsmodell im Rahmen des Interuniversitären Universitätslehrganges Library and Information Studies MSc weiterentwickelt, das aus Präsenzphasen und Fernstudien-Anteilen bestehen wird und in dem auch E-Learning-Module und Long-Distance-Learning eingesetzt werden.
3.5 Breites Kulturangebot
2025 versteht sich die Österreichische Nationalbibliothek – wie schon heute – nicht nur als zentrales Kompetenzzentrum zur Informations- und Wissensvermittlung für den analogen und den digitalen Bereich, sondern auch als vielfältige Kulturanbieterin. Serviceleistungen für die Benutzer werden überwiegend online angeboten und sind in die relevanten sozialen Netzwerke eingebunden. Genauso wichtig aber bleibt die Bibliothek als realer Ort und sozialer Treffpunkt. Die Lesesäle und Aufenthaltsbereiche der Bibliothek werden auch 2025 wichtige Kommunikations-, Lern- und Forschungsumgebungen anbieten. Die vielfältigen, anspruchsvollen Kulturangebote wie Ausstellungen und Veranstaltungsreihen bleiben wichtige soziale und kulturelle Treffpunkte.
Zu den bestehenden drei Museen – dem Papyrus-, Globen- und Esperantomuseum – wird ab 2015 das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek im Grillparzerhaus hinzukommen und ausgesuchte Originale zur österreichischen Literatur in innovativer Form präsentieren. Kulturelle Veranstaltungen und Vermittlungsmaßnahmen werden weiter ausgebaut, wobei ein besonderer Schwerpunkt in der Kulturvermittlung bei Jugendlichen und Schulen liegt.
Innovative Services zur Erkundung der digitalen Inhalte über intuitive und visuelle Interfaces werden weiterentwickelt, z. B. auf Basis von digitalisierten historischen Landkarten und virtuellen Zeitachsen. Benutzer können so erläuternde, multimediale Informationen zu den ausgestellten Objekten abrufen und in einen intensiven Dialog mit den Objekten treten. Benutzern wird außerdem ein persönlicher virtueller Arbeitsbereich zur Verfügung stehen, in dem sie digitale Inhalte ablegen, annotieren, kommentieren und mit anderen teilen können. Dabei werden mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablets eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Besucher werden Objekte kommentieren, eigene Inhalte hinzufügen oder Objekte weiterempfehlen können. Die Museums-App wird über die Verlinkung der Ausstellungsobjekte mit anderen digitalen Inhalten eine Brücke zwischen der physischen Ausstellung und der digitalen Bibliothek schlagen.
Über offene Schnittstellen zu unseren Applikationen werden die digitalen Inhalte auch in jene virtuellen Räume eingebunden, die Benutzer gewöhnlich im Web aufsuchen, wie etwa soziale Netzwerke, Forschungs-, Kultur- und Bildungsplattformen. Über eine starke Präsenz in sozialen Netzwerken bzw. den zukünftigen Online-Plattformen wird eine verstärkte und routinemäßige Interaktion mit unseren Benutzern angestrebt. Social Media Services werden in alle Bereiche der ÖNB-Website und auch der Bestandsdatenbanken integriert. Bereits jetzt können Zitate aus dem OPAC (QuickSearch) in externe Social Media Plattformen übernommen werden.
Zur weiteren Verbesserung der Servicequalität wird ein Online-One-Stop-Shop für alle an der Österreichischen Nationalbibliothek einlangenden allgemeinen und wissenschaftlichen Anfragen einrichtet. Zusätzlich zu Online-Informationsservices wie Ask a Librarian und Chatbot werden persönliche, individualisierte Schulungen und Beratungen vor Ort durch Informationsspezialisten weiterhin einen wichtigen Stellenwert behalten.
4 Fazit
Bibliotheken werden in den nächsten Jahrzehnten zunehmend gefordert sein, ihre Position in einer digitalen Wissenslandschaft zu reflektieren und zu behaupten. Durch engagierte, zukunftsorientierte Services müssen sie aktiv beweisen, dass sie auch in einer globalisierten Wissensgesellschaft eine zentrale gesellschaftliche Rolle spielen. Dazu bedarf es einer großen Flexibilität in der Neubestimmung ihrer zukünftigen Aufgabenfelder und dem Einsatz innovativer technischer Werkzeuge. Bibliotheken haben den Vorteil, dass sie als traditionelle Orte des Wissens und Lernens und auch als soziale Treffpunkte gut etabliert sind. Die Beliebtheit der Lesesäle wird auch im digitalen Zeitalter – wie sich deutlich zeigt – nicht abnehmen. Außerdem müssen sich Bibliotheken ihrer herausragenden Rolle als digitale content provider voll bewusst werden. Und last but not least braucht es auch in Zukunft Institutionen, die garantieren, dass Wissen ohne kommerzielles Interesse gesammelt, bewahrt und zur Verfügung gestellt wird.

© 2013 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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