Zusammenfassung
Die Stadtbibliothek Biel sieht sich mit stagnierenden Benutzerzahlen und rückläufigen Medienausleihen konfrontiert. Nach einem Workshop mit der gesamten Belegschaft und dem Stiftungsrat wurde grünes Licht für einen Strategieprozess „move it“ gegeben. Im Laufe des Projekts sollen neue Perspektiven erarbeitet und realisiert werden. „move it“ beinhaltet eine Mitarbeit sämtlicher Kolleginnen und Kollegen sowie Politiker, Benutzer, Nicht-Benutzer, Schüler, Studenten und Familien (teilweise mit Migrationshintergrund). Die Fortschritte und Resultate werden laufend in einer eigenen Webseite aktualisiert. Die Bibliothek sieht sich als „lernende Organisation“.
The Project „move it“ – the Public Library Biel Moves!
Abstract: The public library of Biel has been faced with the stagnation of library frequentation and the declining lending for the last three years. A process policy named “move it” was initialised after a workshop with the entire library staff and the foundation council. In the course of the project the library wants to develop and implement new perspectives. “move it” is based on the cooperation of the entire staff, local politicians, users, non-users, pupils, students and families (with a migration background). “move it” has its own website documenting the progress and the results of the project. The library uses the “learning organisation model” to achieve continuous improvement.
1 Unser Ziel
Die Umwelt bewegt sich – die Stadtbibliothek bewegt sich mit ihr und will die Veränderungen mitgestalten. Die Stadtbibliothek ist ein Ort der Begegnung, der Bildung und des Austausches.
2 Die Ausgangslage
Die Stadtbibliothek Biel wurde 1926 als öffentliche Bibliothek gegründet. Seit 1998 hat sie einen regionalen Leistungsauftrag, der ihr die finanziellen Mittel sichert. Ihre Kundschaft ist die breite Bevölkerung der von der zweisprachig geprägten Region (knapp 120.000 Einwohner) sowie deren Schulen. Die Bibliothek sieht sich mit stagnierenden Benutzerzahlen und rückläufigen Ausleihen konfrontiert.
33 Prozent der Stadtbevölkerung sind Familien mit einem Migrationshintergrund. Es leben rund 100 verschiedene Nationalitäten auf engem Raum. Wirtschaftlich hat Biel die Bedeutung als regionaler Wirtschaftsstandort und zentraler Arbeitsort für die Region mit Firmensitzen bekannter internationaler Uhrenfirmen wie Swatch Group und Rolex. Die bereits angesiedelten Fachhochschulen sollen in den nächsten Jahren zu einem zentralen Fachhochschulstandort ausgebaut werden.
3 Die Fragen
Wie erreichen wir ein neues junges, mit Smartphones und iPads groß gewordenes Publikum, für das Bücher wenig attraktiv wirken? Wie lässt sich das, was heute als modern gilt, mit der „Ausstrahlung“ von bedrucktem Papier verbinden? Wie stellen wir die unterschiedlichen Benutzergenerationen zufrieden, und wie bringen wir es fertig, dass Noch-nicht-Benutzer zu uns finden?
4 Die Herausforderungen
An einem zweitägigen Workshop haben sich das gesamte Personal und der Stiftungsrat mit der Zukunft der Stadtbibliothek befasst. Die diskutierten Themen sind die „neue Bibliothek als zentraler Ort für Bildung, Begegnung und Austausch“, „neue Berufsbilder“, „neue Angebote und Kooperationen“ wie auch der Umgang mit „neuen Technologien“.
: Workshop 1 – Entwickeln der Visionen
Die entwickelten Ideen und Visionen wurden zu einem Strategieprozess gebündelt und als zukünftige Strategie vom Stiftungsrat verabschiedet; sie soll mit dem Mitte 2012 gestarteten Projekt „move it“ in den nächsten zwei Jahren umgesetzt werden.
Die wichtigsten Aspekte für den eingeleiteten Strategie- und Organisationswandel sind
die Nähe zum Kunden und seinen Bedürfnissen,
die Bibliothek als Bildungsinstitution, Dritter Ort und lernende Organisation,
die Nutzung von Netzwerken und Kooperationen.
5 „move it“ – das Projekt
Wie erreichen wir die hochgesteckten Ziele? Das Projekt „move it“ bezieht alle beteiligten Personenkreise mit ein; Mitarbeitende der Stadtbibliothek, Mitglieder des Stiftungsrates, des Bibliothekvereins wie auch lokale Politiker sind in die Projektteams eingebunden. Das gesamte Projekt wird in einer eigenen Website dokumentiert und ist allen Beteiligten via Internet jederzeit zugänglich.
Die Projektstruktur berücksichtigt in den verschiedenen Teilprojekten die Themen „Kunden“, „Angebote“, „Dritter Ort“, „Netzwerke“ und „Organisation“; die Teams der Teilprojekte werden von Kadermitgliedern der Stadtbibliothek geleitet. Jedem Projektteam ist eine Patin oder ein Pate des Stiftungsrats zugeordnet, was die Verbindung zwischen den operativ tätigen Mitarbeitenden der Projektteams und dem strategisch übergeordneten Stiftungsrat sicherstellen soll. Das Gesamtprojekt wird von einer Leitungsgruppe, welcher die Direktion und zwei externe Berater angehören, gesteuert und koordiniert. Die Rollen der verschiedenen am Projekt beteiligten Personen sind in einem Projekthandbuch klar umschrieben.
: Projektwebseite
Um die Außensicht zu verstärken, werden in Feedback-Runden Kunden und Kundinnen wie auch Non-User beigezogen.
: Künftige Kundinnen als „Projektmitarbeiterinnen“ bei der Umfrage
Als Resonanzgruppe sollen sie die Qualität der Projektergebnisse prüfen. Um die theoretischen Grundlagen nicht zu vernachlässigen, werden einzelne Themen im Rahmen von Bachelor-Arbeiten von Studentinnen und Studenten bearbeitet. Beispiele dafür sind Beuret/Genoud, Non-Usagers (FH Genf, 2012), Wenger, Kundenbefragung (FH Genf, 2011/12) oder Freitas, Biennensia et Regionalia (FH Genf, 2012).
Das Vorgehensmodell sieht eine Abwicklung von „move it“ in den Projektphasen Analyse/Konzept und Projektumsetzung sowie einem festgelegten Zeitplan vor. Meilensteine mit Phasenfreigaben gewährleisten, dass Zwischenentscheide möglich sind und das Projekt vom Stiftungsrat als Auftraggeber gesteuert werden kann und mitgetragen werden muss.
Nach dem festgelegten Projektplan befinden sich die Teilprojekte zur Zeit in der Phase Analyse/Konzept. Der Terminplan ist auf die Erneuerung des politischen Leistungsauftrages im Jahr 2015 abgestimmt. Die Ergebnisse, welche teils von andern Teilprojekten abhängig sind und koordiniert werden müssen, werden bis Ende 2013 vorliegen und im Jahr 2014 umgesetzt werden. Die ersten Resultate werden vom Teilprojekt „Kunden“ bereits im Frühjahr 2013 geliefert werden, als letztes wird das Teilprojekt „Organisation“ die für die Neuausrichtung notwendigen organisatorischen Anpassungen vornehmen.
Die Arbeiten der Projektteams werden laufend auf einer Projektplattform elektronisch dokumentiert, wo sie von allen Beteiligten eingesehen und ergänzt werden können. Damit wird ein aktives Mitgestalten am Projekt auch für Mitarbeitende, die nicht selber in Teilprojektteams tätig sind, sichergestellt.
: Erste Projektplanungen und Grobzeitplan
6 Die Teilprojekte
Das Teilprojekt „Kunden“ analysiert aufgrund von vorliegenden Fakten und Statistiken sowie Befragungen die bestehende Kundschaft wie auch das Nicht-Kunden-Segment; wer sind die aktuellen und die potenziellen Kunden, und wie pflegen wir Kundennähe? Das Teilprojekt „Angebote“ untersucht das vorhandene Angebot, vom Buchbestand bis zu den virtuellen Angeboten und den Dienstleistungen wie Beratung, Lesesaal, Lieferdienste, Veranstaltungen, Öffnungszeiten; als Folge der Untersuchungen werden neue Vorschläge resultieren. Das Teilprojekt „Dritter Ort“ beschäftigt sich mit Szenarien, wie sich die Bibliothek zu einem Ort der Begegnung und des Wissenstransfers entwickeln kann; dazu gehört nebst sozialen Überlegungen auch die räumliche Ausgestaltung. Das Teilprojekt „Netzwerke“ soll Zusammenarbeitsmöglichkeiten mit andern Institutionen abklären und Synergien durch Kooperationen aufzeigen. Letztendlich geht es im Teilprojekt „Organisation“ darum, den organisatorischen Rahmen den neuen Gegebenheiten anzupassen; dazu gehört unter anderem, die Rechtsform auf ihre Tauglichkeit zu prüfen, die interne Aufbau- und Ablauforganisation wo nötig anzupassen und auch die Ressourcen – finanziell wie personell – den neuen Aufgaben zuzuteilen. Bereits parallel zum Projekt „move it“ wird mit Weiterbildungsmaßnahmen darauf geachtet, das Personal auf die zukünftige Ausrichtung der Stadtbibliothek vorzubereiten.
: Besprechung der Teilprojekte im Gesamtteam mit Stiftungsrat und Politiker
7 Zukunftsweisende Innovation und Kreativität
Die Zeiten der Bibliothek als Buchausleihe sind vorbei. Die Stadtbibliothek muss sich zur lernenden Organisation entwickeln, welche sich den Herausforderungen der Zukunft stellen kann. Unter Berücksichtigung der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und bereichsübergreifender Zusammenarbeit der verschiedenen Bibliothekssparten soll eine Bildungsstätte für die Bevölkerung entstehen.
8 Übernehmbarkeit
Die Stadtbibliothek Biel soll Modellcharakter haben und für andere öffentliche Bibliotheken Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Durch das Anstreben einer lernenden Organisation wird die Entwicklung auch nachhaltig sein.
9 Kooperation
Sowohl der Einbezug der Mitarbeitenden wie auch der Instanzen aus dem Umfeld wie Stiftungsrat, politische Gremien und Bibliothekverein werden als wichtig erachtet. Bereits bestehende Vernetzungen (wie beispielsweise mit der Volkshochschule) sollen vertieft und weiter ausgebaut werden. Eine wichtige Rolle wird dabei dem entstehenden Campus der Fachhochschulen beigemessen.
10 Effekt
Bereits die Auslösung des Projekts „move it“ hat positive Effekte gebracht. Mitarbeitende werden aus der täglichen Routine gerissen, werden kreativ, entwickeln Ideen und sehen interessante Entwicklungen für die Zukunft. Wichtig war im Projekt von allem Anfang an, auch den Ängsten, die Veränderungen mit sich bringen können, zu begegnen. Dies wird mit größtmöglicher Transparenz und auch einem „schwarzen Brett“ als Ventil für die Mitarbeitenden wahrgenommen.
© 2013 by Walter de Gruyter Berlin Boston
This content is open access.
Artikel in diesem Heft
- frontmatter
- Masthead
- Inhaltsfahne
- Wir trauern um Hans Joachim Kuhlmann
- In Zukunft gemeinsam
- Das Projekt „move it“ – die Stadtbibliothek Biel bewegt!
- „Zukunftsgestalter in Bibliotheken 2013“ – Kurzberichte kreativer Projekte
- Zahlen, Daten, Fakten – ein Forschungsinformationssystem als Grundlage des Qualitätsmanagements für die Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
- Die Markt- und Wettbewerbsanalyse – ein betriebswirtschaftliches Instrument zur Anwendung in Bibliotheken
- Die Stärken digitalen Publizierens endlich vollständig nutzen: Patron Driven Acquisition aus der Verlagssicht
- Austrian Books Online: Die Public Private Partnership der Österreichischen Nationalbibliothek mit Google
- Die Vermittlung von Recherchekompetenzen in Online-Tutorials
- „… da Mittel zur Anschaffung von Büchern überhaupt nicht zur Verfügung stehen.“
- Aktuelle Entwicklungen an den österreichischen Bibliotheken 2012
- The National Year of Reading 2012: An Australian Campaign to Promote Books, Reading and Literacy
- Rezensionen
- Literaturhinweise
- Ausschreibung des VFI-Förderungspreises 2013
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