Zusammenfassung
Dass seit rund 15 Jahren in immer mehr Öffentlichen Bibliotheken auch eine Ausleihe digitaler Medien möglich ist, liegt maßgeblich am Start der Onleihe<fnote>Onleihe ist ein Portemanteau-Wort mit den Bestandteilen „online“ und „ausleihen“.</fnote> im Jahr 2007, die einen Paradigmenwechsel in den deutschen Öffentlichen Bibliotheken eingeläutet hat. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Entwicklung der Onleihe im Allgemeinen, beleuchtet dabei aber auch die speziellen Gegebenheiten in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz. Darüber hinaus kommen häufige Kritikpunkte wie die bekannte Lizenzproblematik im Bereich E-Lending sowie technische Probleme mit der Plattform, aber auch Lösungsansätze zu diesen Problematiken zur Sprache.
Abstract
The launch of Onleihe e-lending services in 2007 has led to a paradigm shift in the German public libraries landscape, allowing us to lend digital media for over 15 years now. The article gives an overview of the development of the Onleihe platform, considering the specific circumstances of the Rhineland-Palatinate region. It also addresses critical areas such as the now familiar licensing problem in the e-lending sector, as well as technical issues, and outlines possible solutions.
1 95 von 100 Menschen sind regelmäßig online
Die Corona-Pandemie hat in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen für einen digitalen Aufwind gesorgt. Das bestätigt auch die von der ARD/ZDF-Forschungskommission in Auftrag gegebene „ARD/ZDF-Onlinestudie“. Diese jährlich erscheinende, repräsentative Studie gibt Auskunft über die Mediennutzung der Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren. Die ARD/ZDF-Online-Studie für das Jahr 2022 zeigt, dass inzwischen 95 Prozent der Bevölkerung regelmäßig online unterwegs sind.[1] Im Jahr 2019 lag der Anteil noch bei 89 Prozent. Noch deutlicher ist die mediale Nutzung des Internets angestiegen: Die tägliche, mediale Nutzung des Internets hat sich von 44 Prozent (2019) auf 72 Prozent (2022) annähernd verdoppelt. Differenziert man hier für den gleichen Zeitraum nach der Art der konsumierten Medien, die im Kontext Bibliothek relevant sind,[2] ergibt sich folgendes: Die tägliche Nutzung von Audio-Inhalten ist von 19 Prozent auf 42 Prozent, die Nutzung von Text-Inhalten von 20 Prozent auf 45 Prozent gestiegen. An dieser Stelle muss verdeutlicht werden, dass sich die Audio-Nutzung vorwiegend auf Streaming-Dienste wie Spotify und YouTube zurückführen lässt, im Bereich Text sind es vor allem Zeitungen und Zeitschriften sowie andere, nicht weiter spezifizierte „Artikel bei anderen Anbietern“. Bibliotheken werden unglücklicherweise nicht explizit in der Studie erwähnt, doch klar ist, dass sich diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung auch in der Nutzung Öffentlicher Bibliotheken wiederfinden lässt.
2 Ausleihen in Öffentlichen Bibliotheken nach 179 Jahren jetzt auch digital
Nach der Gründung der ersten deutschen Öffentlichen Bibliothek im Jahre 1828 durch Karl Preusker dauerte es ganze 179 Jahre, bis die vorherrschende physische Bibliotheksnutzung digitale Konkurrenz bekam. Bedingt durch die allgemeine technische Entwicklung und dem damit verbundenen Mangel an Alternativen, dominierten Printmedien bekanntermaßen über Jahrhunderte die Bibliotheksbestände. An der grundsätzlichen Art der Nutzung änderte auch die Adaption neuer Medienarten (Mikroformen, Videokassetten, CDs, DVDs, …) zunächst nichts, auch wenn diese Medienarten im Gegensatz zum klassischen Printmedium technische Hilfsmittel in Form von Abspielgeräten erforderten. Trotz allem lagen auch diese Medien in physischer Form vor und erforderten das Erscheinen in der Bibliothek, um diese vor Ort zu nutzen oder auszuleihen.
Erst mit dem Start der Onleihe im Jahr 2007[3], 179 Jahre nach der Bibliotheksgründung in Hayn, wurde sowohl das Medienangebot als auch die Mediennutzung in deutschen Öffentlichen Bibliotheken digital. Bibliotheksnutzerinnen und -nutzer konnten von nun an Bibliotheksmedien nicht nur online im Katalog recherchieren, sondern auch digital ausleihen.[4]
Das Angebot ist sehr vielseitig und bildet das physische Medienangebot Öffentlicher Bibliotheken nahezu vollständig digital ab. Neben E-Books stehen auch E-Audios (Hörbücher) sowie Zeitungen (E-Paper) und Zeitschriften (E-Magazines) zur Verfügung. Auch Filme und Musik (E-Videos und E-Music) sind in der Onleihe erhältlich, wobei das Angebot dieser beiden Medientypen quantitativ stark hinter den zuvor genannten zurückbleibt und eher ein Nischenangebot darstellt. Grund dafür könnte sein, dass die Konkurrenz kommerzieller Anbieter in diesen Bereichen zu stark ist. Abgerundet wird das Angebot durch verschiedene E-Learning-Angebote namhafter Unternehmen wie LinkedIn, LinguaTV oder der ZEIT Akademie. Bei den E-Learning-Kursen gibt es einen starken Fokus auf berufliche und private Weiterbildung sowie Sprachlernkurse.
3 Von 4 auf 3.700 in 16 Jahren
Die Onleihe als Service-Angebot zur E-Medien-Ausleihe der divibib GmbH startete 2007 in vier Pilotbibliotheken aus Hamburg, Köln, München und Würzburg. Nach einem Jahr waren 18 Bibliotheken mit von der Partie, 2014 bereits über 2.000 Bibliotheken. In den folgenden neun Jahren sollte sich diese Zahl auf über 3.700 Bibliotheken nahezu verdoppeln.[5] Nicht alle teilnehmenden Bibliotheken lizenzieren ein eigenes Onleihe-Angebot. Viele Bibliotheken schließen sich zu regionalen Verbünden zusammen, um Synergieeffekte zu erzielen.
Parallel und ebenso deutlich stiegen auch die Ausleihzahlen aller Onleihen an: 2010 konnten ca. eine Million Ausleihen, im Jahr 2022 rund 48 Millionen Ausleihen verzeichnet werden.[6] Setzt man diese Zahlen zusammen mit den Ausleihzahlen anderer digitaler Bibliotheksangebote in Bezug zur Deutschen Bibliotheksstatistik, die für Öffentliche Bibliotheken im vergangenen Jahr ca. 292 Millionen Ausleihen ausweist, waren annähernd 20 Prozent aller Ausleihen im Vorjahr digital – Tendenz steigend.[7] Daran zeigt sich, dass der Tenor der „ARD/ZDF-Onlinestudie“ durchaus auch auf die (digitale) Bibliothekswelt zutrifft.
4 Start und Evolution der Onleihe Rheinland-Pfalz
Drei Jahre nach dem offiziellen Start der Onleihe gründeten im Sommer 2010 acht Pilotbibliotheken, koordiniert durch das Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, gemeinsam die Onleihe Rheinland-Pfalz.[8] Die kooperative Arbeit in Bibliotheksverbünden ist in wissenschaftlichen Bibliotheken seit Jahrzehnten Usus, in Öffentlichen Bibliotheken bundesweit betrachtet jedoch eher Ausnahme als Regel. Der Appeal, den eine Kooperation im Verbund hat, wird durch die Entwicklung des rheinland-pfälzischen Verbundes, auch stellvertretend für andere Onleihe-Verbünde zu sehen, in den Folgejahren deutlich. Mit jedem Jahr vergrößerte sich der Verbund, sodass sich die Onleihe Rheinland-Pfalz 2015 mit 57 Bibliotheken bereits versiebenfacht hatte.
Die überwiegende Mehrheit der Verbundbibliotheken setzt sich aus hauptamtlich geführten Bibliotheken zusammen, die unter den Öffentlichen Bibliotheken in Rheinland-Pfalz eine Minderheit darstellen. Dieses Paradoxon erklärt sich durch die deutschlandweit höchste Bibliotheksdichte pro 1.000 Einwohner, die durch eine große Zahl von ehren- und nebenamtlich geführten Bibliotheken in kommunaler und kirchlicher Trägerschaft zustande kommt. Häufig korreliert der Bibliothekstyp mit der finanziellen Ausstattung sowie der Einwohnerzahl der Bibliothek bzw. des Bibliotheksortes. Ehren- und nebenamtlich geführte Bibliotheken befinden sich häufig in ländlichen Regionen und können aufgrund kleinerer Erwerbungsetats kaum digitale Angebote wie die Onleihe lizenzieren. Als Lösung entwickelte das Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz gemeinsam mit der divibib GmbH ein deutschlandweit einmaliges Teilnahmemodell, das es auch kleineren, finanzschwächeren Bibliotheken erlaubt am Verbund zu partizipieren. Diese Bibliotheken erhalten keine eigene technische Anbindung zur Onleihe, sondern werden über die Landesbibliotheken in den Verbund integriert, was in niedrigeren Kosten für die Bibliotheken resultiert. 2016 starteten die ersten vier Bibliotheken mit dem neuen Teilnahmemodell. Derzeit nehmen 91 Bibliotheken am Verbund teil, davon 19 Bibliotheken mit gesondertem Teilnahmemodell, womit die Onleihe Rheinland-Pfalz das größte digitale Angebot Öffentlicher Bibliotheken im Land darstellt.[9]

Anzahl der Verbundbibliotheken pro Jahr von 2014 bis 2023.
Parallel zur Zahl der Verbundbibliotheken stiegen auch die Ausleihzahlen. Im Vorjahr wurden insgesamt 1.865.000 Medien über die Onleihe Rheinland-Pfalz ausgeliehen. 2014 waren es gerade einmal 351.000 Ausleihen. Einen besonders deutlichen und nachhaltigen Anstieg der Ausleihzahlen (> 24 Prozent) hat die Corona-Pandemie ab dem Jahr 2020 verursacht. Seitdem hat sich die Nutzung auf einem hohen Niveau eingependelt. Das Wachstum der jährlichen Ausleihzahlen liegt nunmehr „nur“ noch im einstelligen Prozentbereich. Für das Jahr 2023 wird voraussichtlich ein neuer Nutzungsrekord mit über 1,9 Millionen Ausleihen erreicht, wie das folgende Diagramm mit reellen Zahlen von Januar bis September und prognostizierten Zahlen von Oktober bis Dezember zeigt.

Entwicklung der Ausleihzahlen von 2014 bis 2023.
5 Gemeinsam mehr erreichen
Der Erfolg der Onleihe Rheinland-Pfalz ist durch die Verbundstruktur und der damit einhergehenden Ausnutzung von Synergieeffekten zu begründen. In zwei Bereichen zeigen sich die Synergieeffekte im Verbund am deutlichsten. Ein Bereich sind finanzielle Synergien. Alle Verbundbibliotheken zahlen jährlich einen dynamisierten[10] Betrag, der sich an der Größe des Erwerbungsetats und der Einwohnerzahl der Bibliothek bzw. des Bibliotheksortes bemisst. Diese Mittel werden ausschließlich für den Medienerwerb verwendet.[11] Jährlich werden im Verbund über 300.000 Euro in den Medienerwerb investiert. Es liegt auf der Hand, dass über eine Bündelung der finanziellen Mittel von über 90 Bibliotheken ein größeres und attraktiveres Medienangebot generiert werden kann als das für einzelne Bibliotheken möglich wäre. Auf kleinere ehrenamtliche Bibliotheken trifft das in besonderem Maße zu. Im vergangenen Jahr konnten die Nutzerinnen und Nutzer der Onleihe Rheinland-Pfalz auf einen Bestand von ca. 85.000 Titeln und 155.000 Exemplaren zugreifen.
Weitere Synergien sind im Bereich der Verbundorganisation zu finden. Über 40 Verbundbibliotheken arbeiten gemeinschaftlich an einem kollaborativen Bestandsaufbau, aufgeteilt nach thematischen Lektoraten wie Jugendliteratur, Kriminalromanen oder Wissenschaft und Technik. Jedes Lektorat erhält einen mit der Verbundkoordination abgestimmten Teil des gesamten Jahresetats zugewiesen. Die Auswahl der Titel entscheiden die Lektorate selbstständig. Ein Teil der Lektorate ist nicht thematisch festgelegt, sondern ausschließlich für den Erwerb von Mehrfachexemplaren für besonders nachgefragte Titel („Staffelung“) zuständig. Grundlage für die Staffelung sind die aktuellen Vormerkerzahlen. Annähernd 50 Prozent des Jahresetats werden für diesen Bereich aufgewendet, was nicht unkritisch ist, da das die inhaltliche Breite des Bestands einschränkt. Bei der jährlichen Etatplanung wird daher eine Balance zwischen der Bestandsbreite und dem Erwerb von „Bestleihern“ angestrebt.
Ein weiterer Arbeitsbereich umfasst das Erstellen von Monats- und Jahresstatistiken für den Verbund, die allen Verbundbibliotheken für alltägliche Auswertungen und für die jährliche Erfassung zur Deutschen Bibliotheksstatistik zur Verfügung gestellt werden. Eine andere Arbeitsgruppe legt kuratierte Empfehlungslisten an, um im monatlichen Wechsel ausgewählte (saisonale) Themen auf der Startseite zu platzieren. Ein Service, der insbesondere den Nutzerinnen und Nutzern zugutekommt und wie die Ausleihzahlen zeigen, stark nachgefragt wird. In der AG Werbung konzipiert ein Team aus mehreren Verbundbibliotheken spezielle, auf den Verbund zugeschnittene Werbemittel, die mithilfe von Landesfördermitteln allen Verbundbibliotheken in ausgedruckter Form zum Bewerben vor Ort bereitgestellt werden. Zwei Mal jährlich finden Verbundsitzungen statt, auf denen sich die Verbundbibliotheken aktiv bei der Weiterentwicklung des Verbunds einbringen.
Seit 2020 existiert außerdem die AG Support, die sich derzeit aus 8 Personen zusammensetzt. Über eine Instanz der DigiAuskunft[12] des Hochschulbibliothekszentrums des Landes Nordrhein-Westfalen (hbz) bietet die AG einen individuellen, zentralen Nutzer-Support und entlastet so die Verbundbibliotheken vor Ort zu Fragen rund um die Onleihe Rheinland-Pfalz.[13] Darüber hinaus können Medienwünsche abgegeben werden, die von der AG Support direkt an die zuständigen Lektorate übermittelt werden. Im vergangenen Jahr gingen über 600 Medienwünsche und 715 Support-Anfragen ein. Die Zahl der Support-Anfragen ist vergleichsweise hoch, was sich überwiegend durch den Cyber-Angriff[14] im April 2022 erklären lässt, der den Zugriff auf E-Audios temporär erschwerte. Die Anzahl der Support-Anfragen ist seitdem um über 30 Prozent gesunken.
Die Inhalte der Support-Anfragen sind sehr unterschiedlich und reichen von technischen Problemen beim Zugriff auf bestimmte Medien oder der Rückgabe von Medien bis hin zu Schwierigkeiten mit dem Log-In. Auch Kritik an der lizenzrechtlichen Situation der Onleihe wie dem Fehlen von neuerschienenen Bestsellern findet Erwähnung. Nicht immer liegen die Probleme auf Seiten der Onleihe-Plattform. Hin und wieder liegt es auch an abgelaufenen Bibliotheksausweisen, vergessenen Passwörtern, nicht aktualisierten Smartphones/Apps oder auch an externen Dienstleistern (z. B. Verlagen), die Titel verspätet für die Onleihe zur Verfügung stellen.
6 Technik, die begeistert?
Mehr als 1,8 Millionen Ausleihen im Jahr sind ein großer Erfolg für die Öffentlichen Bibliotheken in Rheinland-Pfalz und sprechen für sich – die Onleihe als digitales Angebot ist nicht mehr wegzudenken. Doch nicht immer läuft alles reibungslos, was bei den Nutzerinnen und Nutzern für Frust sorgt, wie ein Blick in die Support-Anfragen in Rheinland-Pfalz und auf die Rezensionen der Nutzerinnen und Nutzer in den beiden größten App Stores zeigt. Die Bewertungen im Google Play Store und Apple App Store liegen lediglich bei 3,1 respektive 2 von 5 Sternen (Stand 4. Oktober 2023).[15] Wie kommen diese eher negativen Bewertungen zustande?
Ein Erklärungsversuch anhand aktueller Ereignisse. Am 29.09.2023 kam es zu einem Server-Fehler, der die Nutzung der Onleihe stark eingeschränkte und bundesweit für Probleme mit dem Zugriff auf die Onleihe sorgte. Erst am Anfang derselben Woche (25.09.2023) konnten E-Books auf bestimmten Android-Geräten plötzlich nicht mehr geöffnet werden, was durch einen externen Dienstleister ausgelöst wurde. Beide Störungen wurden zeitnah behoben. Am 04.10.2023 meldeten einige Nutzerinnen und Nutzer, dass die vorzeitige Rückgabe von Medien auf E-Readern der Marke Tolino nicht mehr funktioniert. Eine Lösung stand, während dieser Artikel verfasst wurde, noch aus.
Innerhalb von zwei Wochen treten drei verschiedene Störungen auf, die die Nutzung der Onleihe auf unterschiedliche Art und Weise einschränken. Die hohe Erwartungshaltung vieler Nutzerinnen und Nutzer an digitale Dienstleistungen, auch durch Gewöhnung an fast durchgängig funktionierende Apps verschiedener Global Player wie Google, Netflix oder Amazon, sorgt schnell für großen Unmut sowie 1-Sterne-Bewertungen in den entsprechenden App Stores. Selbstverständlich sind diese Wochen ein Extrembeispiel, kein Dauerzustand und die Bewertungen sind, wie andere Online-Rezensionen auch, differenziert zu betrachten. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass es in regelmäßigen Abständen zu kleineren oder größeren Unannehmlichkeiten kommt, die vielen Nutzerinnen und Nutzern zunehmend schwer zu vermitteln sind. Insbesondere, weil es sich überwiegend um basale Funktionen wie die Ausleihe, Rückgabe oder die Nutzung von Medien (oft E-Audios) handelt, die im Falle von Störungen nicht funktionieren. Der daraus resultierende raue Ton und Frust aus so mancher App Store-Rezension findet sich auch in einigen Support-Anfragen in Rheinland-Pfalz wieder.
Eine mögliche Erklärung für technische Fehler bei der Onleihe liegt in der persönlichen Einschätzung des Autors in der Komplexität der Nutzungsmöglichkeiten begründet. Die Onleihe kann nicht nur über einen Browser genutzt werden, sondern auch über eine Android-App, eine iOS-App sowie eine App für Amazon Fire-Tablets.[16] Hinzu kommen E-Reader verschiedener Firmen wie Tolino und Pocketbook, die in erster Linie nicht für die Nutzung der Onleihe entwickelt wurden. Die Funktionalität muss zusätzlich auf verschiedensten Betriebssystem-Versionen möglich sein, z. B. auf Smartphones mit Android 8, einem 7 Jahre alten Betriebssystem oder einem Tolino Shine 2, der vor 8 Jahren erschienen ist. Damit sollte deutlich werden, wie groß die Bandbreite von Geräten ist, auf denen die Onleihe, möglichst fehlerfrei, funktionieren soll.[17] Außerdem vermutet der Autor, dass das Entwicklungsbudget für die technische Infrastruktur deutlich niedriger ist als das von Apps verschiedener Global Player, die viele Menschen täglich auf ihren mobilen Endgeräten nutzen und deren Stabilität gewohnt sind.
Dieser Status quo wird durch die Lieferung der Medien durch verschiedene Verlage zusätzlich verkompliziert, die wiederum durch ein DRM[18] urheberrechtlich geschützt sein müssen. Dabei kommt neben dem neueren CARE-DRM bei einigen, vor allem älteren Titeln, noch Adobe-DRM bzw. Adobe Digital Editions zum Einsatz, das von den Nutzerinnen und Nutzern die Registrierung einer Adobe-ID erfordert. Die Authentifizierung der Nutzerdaten mit den verschiedenen Bibliotheksverwaltungssoftwares sowie die Weiterleitung der Nutzerinnen und Nutzer über ein Single-Sign On-Verfahren zu den angebotenen E-Learning-Kursen sollen nicht unerwähnt bleiben. Der Betrieb der Onleihe ist technisch anspruchsvoll und nicht trivial, womit Fehler erwartbar und nicht auszuschließen sind. Dennoch bleibt zu hoffen, dass technische Störungen durch das ambitionierte und von den Bibliotheken heiß erwartete Update der Onleihe[19] („Onleihe 3.0“) im kommenden Jahr minimiert und in ihrer Anzahl reduziert werden können.
7 Lizenzrechtliche Situation
Aus urheberrechtlichen Gründen sind die Medien in der Onleihe per DRM geschützt. Das DRM wird außerdem benutzt, um die Ausleihmodalitäten einer physischen Bibliothek, zum Schutz des Buchmarktes, nachzuahmen. Medien können nur für einen bestimmten Zeitraum von einer Person gleichzeitig ausgeliehen werden. Bei großer Nachfrage müssen Titel mehrfach erworben werden. Nur in Ausnahmefällen ist eine parallele Nutzung möglich.[20] Im Gegensatz zum physischen Buch zahlen Bibliotheken aber für die Lizenzen in manchen Fällen trotz Buchpreisbindung deutlich mehr, teils den 1,75-fachen Ladenpreis und die Autorinnen und Autoren erhalten für die Ausleihe von E-Books keine Bibliothekstantieme.[21] Ebenfalls kritisch in diesem Zusammenhang sind sogenannte Kontingent-Lizenzen, die nach einem bestimmten Zeitraum und/oder einer bestimmten Anzahl von Ausleihen automatisch aus dem Bestand entfernt werden. Da Bibliotheken nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung haben, müssen insbesondere Kontingent-Lizenzen mit Bedacht erworben werden, um einen möglichst nachhaltigen Bestandsaufbau zu garantieren, der nicht ständig erneuert werden muss. Die momentane lizenzrechtliche Situation ist insbesondere für Bibliotheken, aber auch für Autorinnen und Autoren reformbedürftig und nicht zufriedenstellend.[22] Diese Problematik tangiert die Nutzerinnen und Nutzer nur dann, wenn bestimmte Titel aus dem Bestand fallen, viel entscheidender ist aus Nutzersicht das „Windowing“.
Gerade neue Nutzerinnen und Nutzer erwarten in der Onleihe ein aktuelles Angebot von Bestsellern. Entsprechend groß ist die Verwunderung, wenn klar wird, dass diese mehrheitlich aufgrund der „Windowing“-Praxis der Verlage, aus Angst vor einbrechenden E-Book-Verkäufen, erst Monate später zur Verfügung stehen. Auch das ist ein Unterschied zum physischen Buch in der Bibliothek: Dort dürfen ebenjene Bestseller sofort nach der Veröffentlichung vor Ort ausgeliehen werden. Wie gravierend die Auswirkungen auf die Aktualität des Onleihe-Angebots sind, hat eine Auswertung der Hessischen Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken im Jahr 2020 gezeigt: In der KW 42 des Jahres 2020 waren nur 6 von 20 Titeln der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste in der Onleihe verfügbar.[23] Besser ist die Situation im Bereich der E-Paper und E-Magazines, die kurz nach Erscheinen ausleihbereit sind. Kritisch sind bei diesen Medientypen die deutlich kürzeren Leihfristen zwischen wenigen Stunden (E-Paper) und einem Tag (E-Magazines).
Ein anderer Kritikpunkt neben der verzögerten Verfügbarkeit von Bestsellern sind unvollständige (Buch-)Reihen. Auf den ersten Blick wirkt es für Nutzerinnen und Nutzer so, dass fehlende Titel nicht (nach-)gekauft wurden. Nicht immer ist das der Grund. So können auch aufgekündigte Verträge zwischen der divibib GmbH und den Verlagen Grund dafür sein, als auch Autorinnen und Autoren oder Verlage, die manchen Titeln überhaupt keine Bibliotheksfreigabe erteilen oder Reihen, die aufgrund von Windowing-Sperrfristen in umgekehrter Reihenfolge freigegeben werden.
All das sollte deutlich machen, wie verworren die lizenzrechtliche Situation für alle Beteiligten im Kontext Onleihe und E-Lending ist und auch wenn es pathetisch anmutet: Am meisten leiden darunter die Bürgerinnen und Bürger, die in Bezug auf Online-Medien in ihrem Recht auf freien Zugang zu Informationen, das im Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert wird, eingeschränkt werden. Gerade das für die Arbeit von Bibliotheken so essenzielle Grundrecht sollte auch online uneingeschränkt gelten.
8 Ausblick
Um den Bogen zum Titel zu schlagen: Quo vadis, Onleihe? Betrachtet man die Onleihe Rheinland-Pfalz isoliert, hängt eine Weiterentwicklung im Wesentlichen von zwei Parametern ab. An der Anzahl der teilnehmenden Bibliotheken sowie der damit eng verbundenen Gewinnung neuer Nutzerinnen und Nutzer. Bislang konnten jährlich neue Verbundbeitritte bei einer gleichzeitig geringeren Anzahl von Verbundaustritten verzeichnet werden, sodass der Verbund immer, zumindest leicht, wuchs. Gleichzeitig wächst damit auch der zur Verfügung stehende Medienetat und infolgedessen die Größe des Bestands. Potential für weitere Verbundbeitritte ist vorhanden: Jährlich melden sich mehrere Bibliotheken, die gerne die Onleihe anbieten möchten, um sich digitaler aufzustellen. Fast immer scheitert es an der Finanzierung. Neben den ohnehin schon geringen Erwerbungsetats zusätzlich Geld für ein digitales Angebot bei den Trägern einzuwerben, gelingt oft nicht. Manche Bibliotheken schaffen es, ihre Träger zu überzeugen und/oder lokale Sponsoren zu akquirieren, die einen Teil der Kosten übernehmen. Doch selbst wenn finanzielle Mittel bereitgestellt werden, dauert es stellenweise bis zu einem Jahr oder länger, bis die Finanzierungsfrage endgültig geklärt ist.
Um den Verbund zukünftig erfolgreich zu vergrößern, ist es notwendig als Landesbibliothekszentrum, das im Bundesland als Dienstleistungseinrichtung für Öffentliche Bibliotheken fungiert, bei den Bibliotheken und deren Trägern weiterhin dafür zu werben, wie wichtig digitale Angebote in Bibliotheken heutzutage sind. Die Überzeugung aller relevanten Stakeholder ist von größter Bedeutung. Gegebenenfalls kann der vom rheinland-pfälzischen Kulturministerium projektierte Bibliotheksentwicklungsplan substanzielle Verbesserungen schaffen, um die Digitalisierung der Öffentlichen Bibliotheken voranzubringen.
Der zweite, lokal beeinflussbare Parameter verbirgt ein noch viel größeres Entwicklungspotential. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung von Rheinland-Pfalz mit über vier Millionen Menschen nutzt nur ein geringer Teil die Onleihe.[24] Viele Menschen wissen (noch) nicht, dass es in Öffentlichen Bibliotheken ein digitales Angebot wie die Onleihe gibt. Die anekdotische Evidenz des Autors zeigt, dass auch im Jahr 2023 die Vorstellung einer vollständig analogen Bibliothek, in der es „nur Bücher“ gibt, über alle Altersklassen hinweg vorhanden ist. Um dieses Potential zu entfesseln, hilft in erster Linie Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Mit der AG Werbung wird dieses Marketing bereits aktiv angegangen. Mit verschiedensten Werbemitteln sollen Menschen auf die Onleihe aufmerksam gemacht werden. Immer wieder wurden auch größere Werbeaktionen z. B. mit einem regionalen Radiosender durchgeführt. Gerade solche Werbeaktionen im öffentlichen Raum und in Social Media braucht es vermehrt, um die Zielgruppen zu erreichen, die den Bibliotheken sowohl physisch als auch digital noch fernbleiben.
Onleihe 3.0
Die in Abschnitt 6 diskutierten technischen Störungen betreffen die Onleihe Rheinland-Pfalz zwar direkt, müssen jedoch auf anderer Ebene gelöst werden. Im Bereich der technischen Weiterentwicklung liegt die Hauptverantwortung bei der divibib GmbH, wobei sich die Bibliotheken natürlich durch konstruktives Feedback einbringen können und einbringen sollten. Es ist möglich, dass Abschnitt 6 bereits im nächsten Jahr inhaltlich in großen Teilen für obsolet erklärt werden kann, da ein großes Update der Onleihe bevorsteht. Neben einer kompletten Überarbeitung der Benutzeroberfläche der Web-Version wird es eine von Grund auf neu programmierte App geben. Auch das PIM (=Product Information Management) wird momentan überarbeitet und verbessert. Neben neuen Funktionen wie der Verlängerung von Ausleihen, der vorzeitigen Rückgabe von E-Audios[25], einer Leihhistorie sowie einer geräteübergreifenden Synchronisation des Lesefortschritts sollte das Update auch für eine technisch stabilere Nutzererfahrung sorgen. An dieser Stelle ist folglich eine deutliche Verbesserung des Status quo erwartbar, da eine mehr oder weniger vollständige Ablösung der bestehenden Plattform bevorsteht.
Gesetzliche Regelung für E-Lending steht aus
Die rechtliche Situation des E-Lendings wird seit vielen Jahren diskutiert. Die Fronten der beteiligten Akteure sind verhärtet. Eine Initiative von Autorinnen und Autoren und Verlagen namens „Fair Lesen“ spricht sogar von einer von den Bibliotheken geforderten „Zwangslizensierung“.[26] Vor fünf Jahren hatte die letzte Bundesregierung die Lösung des Konflikts in den Koalitionsvertrag aufgenommen.[27] Die jetzige Bundesregierung hat das Thema erneut aufgegriffen und verspricht: „Wir wollen faire Rahmenbedingungen beim E-Lending in Bibliotheken.“[28] Da das Bundeskartellamt entschieden hat, dass keine Rahmenvereinbarungen über Lizenzbedingungen zum E-Lending zwischen dem dbv und dem Börsenverein des Buchhandels ausgehandelt werden dürfen, braucht es eine gesetzliche Regelung. Alle 16 Bundesländer haben sich inzwischen einstimmig auf einen Gesetzesvorschlag geeignet, der vorsieht, einen Paragraf 42b im Urheberrechtsgesetz zu ergänzen, der nicht-kommerziell tätigen Bibliotheken ein Nutzungsrecht an neu erschienenen Werken einräumt.[29] Eine Anpassung des Urheberrechtsgesetzes ist im Oktober 2023, rund zwei Jahre nach der Regierungsbildung, noch nicht erfolgt.
Erfreulicherweise hat die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in diesem Jahr eine Studie in Auftrag gegeben, die die wirtschaftlichen Auswirkungen des E-Lendings auf den Buchmarkt untersucht.[30] Die Studie soll noch in diesem Jahr abgeschlossen werden und als Grundlage für den weiteren Entscheidungsprozess dienen. Es ist offen, welche Schlüsse aus dem Ergebnis der Umfrage gezogen werden und wie schnell eine gesetzliche Regelung umgesetzt wird. Es bleibt zu hoffen, dass eine Entscheidung noch während der aktuellen Legislaturperiode gefällt wird und „faire Rahmenbedingungen“ auf Basis eines juristisch gefestigten Fundaments verhandelt werden können. Sollte damit ein Wegfall des „Windowings“ einhergehen, würde das die Attraktivität der Onleihen merklich erhöhen. Im Idealfall würde dann auch die Bibliothekstantieme auf E-Books ausgeweitet und erhöht werden, um die Autorinnen und Autoren endlich angemessen zu entlohnen.
9 Fazit
Die Onleihe hat die Digitalisierung der Öffentlichen Bibliotheken entscheidend mit vorangetrieben und ist ein fester Bestandteil der bundesweiten und rheinland-pfälzischen Bibliothekslandschaft geworden. Gleichzeitig bestehen auf Seiten der Technik und des Rechts Probleme und Konflikte, die nach Lösungen bedürfen. Dieser Artikel erscheint zu einer spannenden Umbruchszeit, die kurz- und mittelfristig einige Veränderungen an der jetzigen E-Lending Situation mit sich bringen wird. Eine aussagekräftige Prognose zur Zukunft des E-Lendings zu treffen, fällt daher schwer. Der Autor plädiert dafür, die anstehenden Entscheidungen abzuwarten und in ein bis zwei Jahren einen kritischen Blick zurückzuwerfen, um zu überprüfen, ob und wie sich das E-Lending in Deutschland und Rheinland-Pfalz verändert hat.
Über den Autor / die Autorin

Florian Kalb
© 2023 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
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