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Die Koordinierungsstelle NS-Raubgut an der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken in Chemnitz

Ein Rückblick auf das erste Jahr
  • Volker Cirsovius

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Published/Copyright: February 3, 2023
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Zusammenfassung

Im Oktober 2021 hat die Koordinierungsstelle NS-Raubgut Provenienzforschung und Altbestand an der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken ihre Arbeit aufgenommen. Die Koordinierungsstelle NS-Raubgut hat die Aufgabe, die sächsischen Kommunen bei der wissenschaftlichen Suche nach NS-Raubgut in Öffentlichen Bibliotheken, der Restitution und der Aufarbeitung für die Öffentlichkeit zu unterstützen. Nach einem Jahr der Tätigkeit liefet dieser Artikel einen Überblick über die Ausgangslage und Herausforderungen bei der Suche nach NS-Raubgut im öffentlichen Bibliotheksbereich und hier besonders im ländlichen Raum.

Abstract

The coordination office Nazi Loot – Provenance Research and Older Holdings at Landesfachstelle für Bibliotheken (consulting centre for libraries in Saxony) was launched in October 2021, tasked with supporting municipalities in Saxony in their scientific search for Nazi loot in public libraries, including its restitution and making the results accessible for the general public. A year into its existence, the paper gives a brief summary of the initial situation and the challenges of researching Nazi loot in public libraries, especially in rural areas.

Ausgangslage und Beginn

24 Jahre nach der Washingtoner Konferenz und 23 Jahre nach der Selbstverpflichtung von Bund, Ländern und Kommunen in der Gemeinsamen Erklärung zur Suche nach verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut ist die Provenienzforschung und die Suche nach NS-Raubgut inzwischen ein fester Bestandteil der Arbeit mit historischen Beständen in wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland. Doch trotz der Selbstverpflichtung von Bund, Ländern und Kommunen ist die Provenienzforschung und damit auch verbunden die Suche nach NS-Raubgut im öffentlichen Bibliotheksbereich in Deutschland noch nicht umfänglich angekommen. Hierfür gibt es verschiedene Gründe, unter anderem fiel und fällt bei der Arbeit häufig die Formulierung, dass Öffentliche Bibliotheken in der Regel gar keine Alt- oder historischen Bestände haben. Zusätzlich haben Öffentliche Bibliotheken aufgrund fehlender bzw. unzureichender personeller Mittel nicht die Möglichkeit, sich aktiv mit den eigenen historischen Beständen zu beschäftigen.

Dass die Suche nach verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut auch in Öffentlichen Bibliotheken wichtig und notwendig ist, hat gerade in Sachsen das Projekt an der Stadtbibliothek Bautzen gezeigt, wo von 2014 bis 2017 ein erfolgreiches Projekt zur Suche und Rückgabe von Raubgut durchgeführt wurde. Hierbei wurden neben Büchern aus regionalen Gewerkschaftsgruppen auch ein Teil der Privatbibliothek der Kaufhausfamilie Tietz gefunden, welche nach dem Krieg in den Bestand der Stadtbibliothek gelangt war. Das Projekt konnte bis heute nicht abgeschlossen werden, zeigt aber, dass es gerade auch im öffentlichen Bibliotheksbereich einen großen Unterstützungsbedarf in der Arbeit mit den historischen Beständen gibt.

Abb. 1: Magazinbestand der Städtischen Bibliotheken Leipzig. Foto: Volker Cirsovius.
Abb. 1:

Magazinbestand der Städtischen Bibliotheken Leipzig. Foto: Volker Cirsovius.

Auch weitere Öffentliche Bibliotheken, wie zum Beispiel die Stadtbibliothek Hannover haben in den vergangenen Jahren erfolgreiche Projekte zur Suche nach NS-Raubgut durchgeführt. Insgesamt sind dies aber wenige Einzelfälle und zeigen, dass die Überprüfung historischer Bestände im öffentlichen Bibliotheksbereich immer noch ein eher neues oder ungewohntes Thema ist.

Auf Initiative der derzeitigen Landesregierung in Sachsen wurde an der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken in Chemnitz die Koordinierungsstelle NS-Raubgut geschaffen. Im Koalitionsvertrag der Sächsischen Landesregierung wurde 2019 daher vereinbart, „… eine Koordinationsstelle ein[zu]richten, welche die sächsischen Kommunen bei der wissenschaftlichen Suche nach NS-Raubgut in öffentlichen Bibliotheken, der Restitution und der Aufarbeitung für die Öffentlichkeit unterstützt …“.

Seit Oktober 2021 besteht nun die Koordinierungsstelle NS-Raubgut, Provenienzforschung und Altbestand bei der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken und erfüllt damit erst einmal die politische Entscheidung, sich dieses Themas im öffentlichen Bibliotheksbereich anzunehmen. Diese Koordinierungsstelle ist damit die erste und bislang einzige in Deutschland, die Unterstützung für Öffentlichen Bibliotheken anbietet und leistet. Seit Januar 2022 ist die Landesfachstelle für Bibliotheken nun organisatorisch an die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB Dresden) angebunden und profitiert hierbei von zahlreichen Unterstützungsmöglichkeiten.

Im Freistaat Sachsen gibt es etwa 420 haupt- und nebenamtlich geführte Öffentliche Bibliotheken. Bis heute wurde in einer dieser Bibliotheken ein DZK-gefördertes Projekt zur Suche nach NS-Raubgut durchgeführt und Anfang 2022 wurde im Rahmen eines Erstcheckprojekts an der Christian Weise Bibliothek in Zittau der Bestand stichprobenhaft untersucht.

In Sachsen gibt es im öffentlichen Bibliotheksbereich mehrere Einrichtungen mit historischen Beständen. Eine erste Übersicht liefert hier das Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Hierzu gehören die Stadtbibliothek Bautzen, die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz, die Christian-Weise-Bibliothek in Zittau, die Ratsschulbibliothek in Zwickau, die Stadtbibliothek Chemnitz, die Leipziger Städtischen Bibliotheken und die Vogtlandbibliothek Plauen. In einigen dieser Bibliotheken wird bereits eine Provenienzverzeichnung durchgeführt. Unter anderem geben die Leipziger Städtischen Bibliotheken ein gutes Beispiel dafür, wie auch in Öffentlichen Bibliotheken die Arbeit mit historischen Beständen intensiviert und gefördert wird.

Zusammenarbeit mit den Bibliotheken

Zu Beginn der Arbeit der Koordinierungsstelle lagen vor allem die größeren öffentlich-wissenschaftlichen Bibliotheken sowie die großen Stadtbibliotheken im Fokus der Arbeit. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass die Anzahl der Bibliotheken mit historischen Beständen sehr viel umfangreicher ist. Die historischen Bestände der kleineren und mittleren Bibliotheken sind im Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland nicht erfasst. Zudem besteht keine zentrale Übersicht, in welchen Bibliotheken sich überhaupt historische Bestände befinden. Durch die kooperierende Arbeit der Sächsischen Landesfachstelle konnten bereits mehrere Bibliotheken mit historischen Beständen „entdeckt“ werden.

Die erste Reaktion auf die Frage, ob sich Altbestände in der Bibliothek befinden, wurde oftmals mit: „Altbestände haben wir nicht!“ beantwortet. In einem Fall standen wir mitten im Magazin, in deren Regale ein paar hundert „alte“ Bücher standen. Das heißt, die generelle Sichtweise auf diese Bestände ist in vielen Fällen noch nicht gegeben. Das kann unterschiedliche Gründe haben.

Abb. 2: Historische Bestände in der Stadtbibliothek Burgstädt. Foto: Volker Cirsovius.
Abb. 2:

Historische Bestände in der Stadtbibliothek Burgstädt. Foto: Volker Cirsovius.

Für die Arbeit der Koordinierungsstelle NS-Raubgut war zunächst einmal wichtig zu klären, wo sich in den Öffentlichen Bibliotheken historische Bestände befinden, um uns damit einen Überblick über die Anzahl der zu betreuenden Bibliotheken zu verschaffen. Hierfür stand zu Beginn die Grundfrage: „Was ist ein Altbestand“ bzw. „Was sind historische Bestände“? Eine eindeutige Definition gibt es nicht. Bei den Besuchen einzelner Stadtbibliotheken hat sich gezeigt, dass die Sammlungen der historischen Bestände zum Teil sehr unterschiedlich aufgestellt sind. Da diese Bestände zum Teil noch nicht erschlossen sind, ist es zudem schwierig, den genauen Umfang an historischen Beständen zu bestimmen.

Die Definition für historische Bestände orientiert sich bei der Arbeit der Koordinierungsstelle NS-Raubgut auf die Überprüfung der Öffentlichen Bibliotheken auf NS-Raubgut. Daher wurden von der Koordinierungsstelle alle Medien, die vor 1945 erschienen sind, als historische Bestände definiert. Diese Einschränkung haben wir gewählt, um möglichst alle Bibliotheken erfassen zu können, die potentiell verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut in Ihren Beständen haben können. Da zumeist erst eine umfangreiche Recherche und Prüfung der Zugänge und Medien einen Verdacht erhärten oder entkräften kann, muss hier am Anfang alles bis zu einem Erscheinungsjahr vor 1945 als Verdachtsfall gesehen werden.

Eine weitere Herausforderung für die Arbeit der Koordinierungsstelle ist der geringe Kenntnisstand zum Thema Kulturgutverluste, fehlende Möglichkeiten der Erschließung und zum Teil auch fehlende Kapazitäten im Umgang mit den historischen Beständen. Wichtig für die Zusammenarbeit mit den Öffentlichen Bibliotheken in Sachsen war und ist zunächst einmal die Sensibilisierung der Bibliothekarinnen für die Thematik Provenienzforschung, Kulturgut und NS-Raubgut. Als Fortbildungseinrichtung haben wir daher im Januar 2022 eine ganztätige Fortbildung zum diesen Themen angeboten.

Der Überblick mittels Abfrage

Um nun die genaue Anzahl der Bibliotheken mit historischen Beständen zu ermitteln, haben wir mit Hilfe eines Zusatzfragebogens zur Deutschen Bibliotheksstatistik (DBS) im Dezember 2021 alle hauptamtlichen Bibliotheken in Sachsen kontaktiert und dort angefragt, ob in ihren Einrichtungen Medien vorhanden sind, die vor 1945 erschienen sind und auch, ob es noch nicht katalogisierte Bestände mit Erscheinungsjahr vor 1945 gibt. Zusätzlich zur Abfrage mit dem Fragbogen wurden die Bestände der Bibliotheken über die öffentlich zugänglichen WebOPAC’s überprüft, um die erhobenen Daten noch weiter zu präzisieren.

Abb. 3: Übersicht der Öffentlichen Bibliotheken in Sachsen mit historischen Beständen. Volker Cirsovius.
Abb. 3:

Übersicht der Öffentlichen Bibliotheken in Sachsen mit historischen Beständen. Volker Cirsovius.

Das Ergebnis dieser Überprüfung war, dass in 78 von 172 untersuchten hauptamtlich geführten Öffentlichen Bibliotheken historische Bestände vorhanden sind. 47 von 51 Öffentlichen Bibliotheken mit einer Bestandsgröße von über 30.000 Medien haben historische Bestände und in Orten mit mehr als 20.000 Einwohnern fanden sich in 29 der 31 Bibliotheken historische Bestände. Auffällig war bei der Auswertung der Daten, dass von den 78 Bibliotheken mit historischen Beständen nur 48 selbst angegeben hatten, über historische Bestände zu verfügen. In 30 Fällen ergab erst die WebOPAC-Abfrage bzw. Vor-Ort-Besuche die Existenz einer solchen „Sammlung“. Wir können daher davon ausgehen, dass sich in der Zukunft noch weitere Funde ergeben und die Anzahl der Bibliotheken mit historischen Beständen eher noch höher liegt. Wie hoch der Umfang an historischen Beständen ist, ist von Bibliothek zu Bibliothek sehr unterschiedlich. Eine genaue Zählung ist derzeit noch nicht möglich, aber es befinden sich Bibliotheken mit historischen Beständen von unter zehn bis über 250.000 Medien in unserem Betreuungsgebiet.

Gerade in Bibliotheken mit kleineren Regionalia- oder historischen Beständen ist das Vorwissen über Provenienzforschung oftmals noch sehr rudimentär. Das liegt unter anderem auch daran, dass in den Bibliotheken die Arbeit mit den historischen Beständen aus Zeit-, Personal- und Platzgründen nur sehr eingeschränkt möglich ist.

Was ich in allen besuchten Bibliotheken vorgefunden habe, ist die generelle Bereitschaft, Begeisterung und das Interesse, dieses Kulturgut zu bewahren. Auch wenn die Ressourcen fehlten, eine grundlegende Verfügbarmachung dieses Kulturguts zu ermöglichen, zeigte sich dies auch in der größtenteils ehrenamtlichen bzw. zusätzlichen Arbeit, die hier den historischen Beständen gewidmet wird.

Vernetzung und erste Schritte in den Bibliotheken

Wie bereits anfangs erwähnt, ist die Provenienzforschung und damit auch die Suche nach NS-Raubgut ein fester Bestandteil der Arbeit mit historischen Beständen. Im Umkehrschluss kann aber auch die Suche nach NS-Raubgut nur sinnvoll durchgeführt werden, wenn dies im Einklang mit der Arbeit mit historischen Beständen geschieht. Um hier auch in den einzelnen Bibliotheken die nötige Sensibilisierung zu erreichen, ist ein wichtiger Punkt bei der Arbeit der Koordinierungsstelle NS-Raubgut die persönliche Betreuung der Bibliotheken. Um für die Öffentlichen Bibliotheken im ländlichen Raum auch Möglichkeiten der individuellen Unterstützung zu schaffen, ist es wichtig, die einzelnen Bibliotheken vor Ort zu unterstützen.

Als erstes habe ich mir bei den Besuchen einen generellen Überblick verschafft:

  • Wo sind die historischen Bestände untergebracht?

  • Wer ist dafür zuständig?

  • Gibt es in der Bibliothek Ressourcen, um die Bestände zu pflegen?

  • Gibt es bereits Listen, die für die Recherche genutzt werden können?

  • Wie sieht die Bereitschaft im Hause aus, mit den Beständen zu arbeiten bzw. extern Hilfe heranzuziehen?

Zusätzlich zu der Beratung und Unterstützung in Rahmen der Projektanträge verknüpfen wir die verschiedenen Möglichkeiten, die sich über die SLUB Dresden ergeben. So versuchen wir – gleichzeitig mit der Arbeit der Koordinierungsstelle NS-Raubgut – die Projekte des Landesdigitalisierungsprogramms, der Deutschen Fotothek und des SAVE-Programms zur Sicherung des audiovisuellen Erbes mit in die Bibliotheken zu bringen und eine kooperative Zusammenarbeit aufzubauen. Hierbei erhoffen wir uns Synergieeffekte, die gleichzeitig der Öffentlichen Bibliothek, dem jeweiligen Programm und auch der Koordinierungsstelle NS-Raubgut nützen.

Auch außerhalb von Sachsen ist eine vernetzte kooperative Arbeit wichtig. Hierfür nehme ich regelmäßig an den Treffen des Arbeitskreises Provenienzforschung Restitution in Bibliotheken teil und bin auch Mitglied im Arbeitskreis Provenienzforschung e.V. Hierdurch können Fragen, Probleme und neue Erkenntnisse zeitnah auch in die Arbeit der Koordinierungsstelle einfließen. Zusätzlich gehört auch ein regelmäßiger Austausch mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste zu den Aufgaben.

In Sachsen verbinden wir die verschiedenen Häuser durch spezielle Treffen. Mit der Fachtagung Altbestand organisiert die Landesfachstelle seit drei Jahren einen regelmäßigen Austausch der Öffentlichen Bibliotheken mit größeren historischen Beständen in Sachsen. Die Treffen finden jährlich statt und werden in den verschiedenen Bibliotheken durchgeführt. So können wir allen Bibliothekar*innen die Möglichkeit bieten, auch die anderen Bibliotheken kennenzulernen und sich fachlich auszutauschen. Des Weiteren finden zwei jährliche Treffen der AG Provenienzforschung in Sachsen statt. Diese Treffen richten sich an alle Provenienzforscher*innen aus den verschiedenen Einrichtungen wie Bibliotheken (öffentlich und wissenschaftlich), Museen und Archive in Sachsen. Hierbei können sich die Teilnehmer*innen über aktuelle Projekte informieren und untereinander austauschen. Zusätzlich laden wir regelmäßig politische Entscheidungsträger aus dem sächsischen Landtag ein, um auch hier einen Austausch zwischen Politik und Provenienzforschung zu ermöglichen.

Abb. 4: 3. Fachtagung der AG Altbestand in der Ratsschulbibliothek in Zwickau im Juni 2022. Foto: Volker Cirsovius.
Abb. 4:

3. Fachtagung der AG Altbestand in der Ratsschulbibliothek in Zwickau im Juni 2022. Foto: Volker Cirsovius.

Herausforderung: historische Bestände in Öffentlichen Bibliotheken und Ausblick

In weiteren Arbeiten der Koordinierungsstelle NS-Raubgut werde ich die Zusammenarbeit mit den „großen“ Bibliotheken weiter ausbauen und fördern. Gerade hier sehe ich auch kurz- und mittelfristig einen Bedarf und die Möglichkeit für die Überprüfung der Bestände auf NS-Raubgut. In der Zusammenarbeit mit den Öffentlichen Bibliotheken mit kleineren und mittleren historischen Beständen bis 1.000 Medien arbeiten wir derzeit auch an anderen Möglichkeiten der Kooperation und Unterstützungsmöglichkeiten. Ziel der Arbeit der Koordinierungsstelle NS-Raubgut ist es, hier im ländlichen Bereich alle Öffentlichen Bibliotheken zu betreuen und für jede Bibliothek den individuell besten Umgang zu finden.

Im Umgang mit NS-Raubgut ist in den Öffentlichen Bibliotheken die Einbindung der historischen Bestände in die täglichen Arbeitsabläufe eine wichtige Aufgabe. Nur wenn es gelingt, hier ein Bewusstsein für die Bedeutung dieser kulturellen Bestände zu schaffen, kann auch die Arbeit und Suche nach NS-Raubgut in Öffentlichen Bibliotheken erfolgversprechend sein. Historische Bestände in den Bibliotheken sind Kulturgut. Sie sind auch gleichzeitig Ausdruck der Tradition einer Bibliothek. Gerade in Sachsen zeigt sich schon an den Gründungsjahren der Bibliotheken, dass die historischen Buchbestände zum Kulturgut der Städte und Gemeinden dazu gehören.

Auch oder gerade in kleinen ländlichen Bibliotheken bildet der historische Bestand ein lebendiges Stück kulturellen Erbes der Region. In einer ländlichen Stadtbibliothek stellt dieses Kulturgut unter Umständen das einzige kulturelle Erbe der Kommune dar. Provenienzen, die sich in diesen Büchern finden, zeigen in vielen Fällen ein Stück der Regional- und Stadtgeschichte, die dadurch ans Licht kommt.

Dies kann unter Umständen gemeinsam mit den örtlichen Museen geschehen, es bietet aber auch für die jeweiligen Bibliotheken ganz andere Möglichkeiten, Bücher als Medium und auch den Wert der regionalen Geschichte und des einzelnen Buches sichtbar, greifbar und erfahrbar zu machen. Wenn es gelingt, diese Kulturgüter in die Arbeit der Öffentlichen Bibliotheken zu integrieren und – vor allem – auch den Entscheidungsträgern der kommunalen Einrichtungen die Bedeutung dieses Kulturguts kenntlich zu machen, kann die Suche nach NS-Raubgut wie in anderen Kultureinrichtungen auch zu einem regulären, selbstverständlichen Vorgang werden, der nicht auf Projekte angewiesen ist. Hieran arbeiten wir. Dabei ist uns wohl bewusst, dass das Hauptaugenmerk Öffentlicher Bibliotheken nicht auf der Suche nach NS-Raubgut liegt. Priorität haben die Aufrechterhaltung der Öffnungszeiten, der Lese- und Bildungsvermittlung an junge Nutzergruppen, Kitas, Grundschulen u. a. und der Versorgung der Bevölkerung mit Belletristik und Sachliteratur sowie – wenn möglich – gerne auch mit innovativen Ideen, wie Dritter Ort, Maker Space, Dashboard, Robotics und Konsolenspielen.

Abb. 5: Provenienzfund im historischen Bestand der Stadtbibliothek Olbernhau. Foto: Volker Cirsovius.
Abb. 5:

Provenienzfund im historischen Bestand der Stadtbibliothek Olbernhau. Foto: Volker Cirsovius.

Im kommenden Jahr 2023 werden wir die Zusammenarbeit der Öffentlichen Bibliotheken mit uns und auch untereinander weiter ausbauen. Im engen Austausch mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste wird nach Möglichkeiten für ein NS-Raubgut-Projekt gesucht. Bei der Unterstützung der Öffentlichen Bibliotheken in Sachsen bemühen wir uns weiterhin nach Möglichkeit, auch die ländlichen Bibliotheken mit kleineren und eventuell noch unbekannten historischen Beständen in die Arbeit zu integrieren. Es bleibt also spannend!

About the author

Volker Cirsovius

Volker Cirsovius

Published Online: 2023-02-03
Published in Print: 2023-01-31

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 29.4.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2023-0015/html?lang=en
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