Abstract
Der Beitrag versucht eine Reflexion über Kritikpunkte, die seitens der Geisteswissenschaften in Bezug auf Open Access-Fördermöglichkeiten geäußert wurden. Tendenzen werden einerseits über lokale Daten der UB Magdeburg, andererseits über allgemeine Bedingungen beschrieben, um schlussendlich mögliche Lösungsansätze zu verhandeln.
Abstract
The article reviews criticism that has been circulating in the humanities with regard to Open Access funding opportunities. Tendencies are described using both local data of the University Library Magdeburg and conditions in general to negotiate possible solutions to the problem.
Zu einem erfolgreichen Agieren als Open Access-Beauftragter gehört auch das Anbringen von Werbung für seine Dienstleistungen und die Anwesenheit auf universitären Veranstaltungen. Jenseits der Vermarktung seiner Services kommt man immer wieder mit diversen Personen ins Gespräch, seien es Professoren, Nachwuchswissenschaftler oder Studierende. Natürlich ist die Sicht auf Open Access in den unterschiedlichen Gruppierungen nicht immer positiv. Neben tatsächlichen Problemen und nachvollziehbaren Bedenken existieren diffuse Ängste und viel Halbwissen.[1] Nicht selten mischt sich das alles miteinander.[2]
Das direkte Gespräch mit Kritikern von Open Access kann den Fokus aber auch auf eine konkrete, mindestens subjektiv wahrgenommene, Schieflage in diesem Bereich setzen, beispielsweise Erweiterungsmöglichkeiten im Kontext des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Open Access-Publikationsfonds. Die Universitätsbibliothek Magdeburg (UB) hat sich für eine erste Phase in den Jahren 2019 und 2020 erfolgreich beworben und verfügt demzufolge über entsprechende Mittel, um Open Access-Zeitschriftenartikel unter den bekannten Bedingungen zu fördern.[3] Neben dem von der DFG geförderten Fonds rief die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (OVGU) noch einen eigenen Publikationsfonds ins Leben, der zu gleichen Bedingungen fördert, jedoch anteilig Kosten übernimmt, wenn ein Artikel die 2.000 Euro-Grenze überschreitet. Diese Maßnahme sollte vor allem Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen im MINT-Bereich entgegenkommen, da diese Fächer den traditionellen Schwerpunkt der OVGU bilden und dort nicht selten höhere Article processing charges (APCs) verlangt werden.
Zum Anfang des Jahres 2019 wurde das Angebot noch zögerlich in Anspruch genommen, was sich jedoch zum Ende des Jahres positiv änderte. Insgesamt gab es 45 bewilligte Anträge (siehe Diagramm 1). Am besten wurde der Fonds von der Medizinischen Fakultät (16) angenommen, gefolgt von der Fakultät für Naturwissenschaften (8) und Verfahrenstechnik (7), Elektrotechnik und Maschinenbau (5). Insgesamt zeichnet sich ein Bild, dass vorrangig die Medizin und technisch-naturwissenschaftliche Fächer von den Fonds profitieren.

Diagramm 1 veranschaulicht die Verteilung der durch den Publikationsfonds geförderten Fakultäten, wobei die nicht transparenten Säulen eine Förderung durch den DFG-Fonds veranschaulichen und die transparente eine Förderung durch die OVGU. FME = Fakultät für Medizin, VST = Verfahrens- und Systemtechnik, EIT = Elektrotechnik und Informationstechnik, FMB = Fakultät für Maschinenbau, NAT = Naturwissenschaften, MATH = Mathematik, INF = Informatik.
Grundsätzlich mag man aus dieser Sachlage heraus und den dazugehörigen Zahlen zunächst nur Positives entdecken. Diskussionen und Gespräche ließen aber auch ein anderes Bild erkennen, in einem konkreten Fall wurde eine Benachteiligung der Geisteswissenschaften angemerkt. In der Kritik kristallisieren sich zwei Kernpunkte heraus: Erstens, die Publikationskultur der Geisteswissenschaften wird nicht adäquat vom DFG-Fonds abgebildet, der bekanntlich nur Artikel in Zeitschriften finanziert. Aufsätze in Fachzeitschriften seien in den Geisteswissenschaften selbstredend auch wichtig, kämen aber nur an dritter Stelle, Monographien und dann folgend Beiträge in Konferenzbänden hätten einen höheren Stellenwert. Wenn man also zunächst beim Open Access-Gedanken bleibt, wäre es viel wichtiger, das Erscheinen von Monographien zu fördern. Das ist natürlich nicht per se ausgeschlossen, einige Universitäten praktizieren das bereits.[4] Doch es gibt dafür keine Förderung durch die DFG – ein entscheidender Anreiz, um überhaupt einen Fonds aufzusetzen. Zweitens, Open Access bzw. allgemein das digitale Publizieren würde in den Geisteswissenschaften nur eine sehr kleine Rolle spielen. Es gebe kaum Angebote von seriösen Verlagen. Vor allen Dingen wäre das gedruckte Buch in einem anerkannten Verlag, am besten in einer renommierten Schriftenreihe, das Höchste, was man publizistisch erreichen könne. Nicht selten sei dagegen das Open Access- oder Digitalpublizieren verpönt. Nur jemand, der es auf anderem Weg nicht geschafft hätte, müsse sich zu solchen Praktiken hinreißen lassen. Deshalb würden sich auch die Empfehlungen von Fachgremien, beispielsweise auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Philosophie (DGPhil), klar gegen diese Form aussprechen.
Hinzugefügt zu dieser Schilderung sei, dass man auf ein teils falsches Bild von Open Access stößt, welches keine Unterscheidung zwischen Open Access- und digitalem Publizieren im Subskriptionsmodell kennt.[5] Auch werden immer wieder die vorhandenen unseriösen Verlage, die nur auf den wirtschaftlichen Erfolg abzielen,[6] angeführt – ohne anzuerkennen, dass es auch seriöse Vertreter gibt, die selbstverständlich den wissenschaftlichen Inhalt in den Vordergrund stellen, bis hin, dass es mindestens in anderen Wissenschaften Leuchttürme gibt, wie PlosOne.
Des Weiteren ist es natürlich bedenklich, wenn pauschal von den Geisteswissenschaften gesprochen wird. Zum einen wird bei einigen Fächern durchaus schon über die Zugehörigkeit zum Kanon der Geisteswissenschaften gestritten. Man denke nur an die Psychologie, die sich je nach Perspektive und Ansatz den Natur- und zugleich den Geisteswissenschaften zugehörig fühlt.[7] Zum anderen gibt es innerhalb der Geisteswissenschaften unterschiedliche Fächerstrukturen und damit einhergehend unterschiedliche Publikationskulturen. Ein international tätiger Sozialwissenschaftler würde manches bestimmt anders priorisieren als ein Professor für Germanistik oder deutsche Geschichte.
Trotz all dieser Anmerkungen, die das Bild zunächst ein Stück gerade rücken sollen, bleibt die Frage, ob die Geisteswissenschaften oder wenigstens einige dazugehörige Fächer vom DFG-Förderansatz und den dazugehörigen lokalen Dienstleistungen an den Universitäten tatsächlich ein Stück weit benachteiligt werden? Anhand der lokalen Struktur und einigen Zahlen aus dem DOAJ lassen sich im Folgenden Tendenzen ablesen.
Die OVGU besitzt historisch und gemäß ihrem Leitbild[8] einen Schwerpunkt in den Ingenieurs- und Naturwissenschaften sowie in der Medizin. Gleichwohl studieren an der Fakultät für Humanwissenschaften (FHW) ein Viertel aller Studierenden der Universität, womit sie im Vergleich mehr Studierende beherbergt als jede andere Fakultät.[9] Besonders publikationsstark ist die FHW im Bereich Sammelbände, Monografien und Lehrbücher. Von insgesamt 80 im Jahr 2018 entfallen 36 auf die FHW, immerhin noch 26 auf die Fakultät für Maschinenbau. Diese Momentaufnahme bestätigt die angesprochene allgemeine Publikationskultur in den Geisteswissenschaften.

Diagramm 2 veranschaulicht die im Jahr 2018 veröffentlichten Sammelbände, Monografien und Lehrbücher an der OVGU nach Fakultäten. Die Auflösung der Abkürzungen sind der Beschreibung von Diagramm 1 zu entnehmen. Die Berechnung erfolgte anhand eigener Zahlen. FWW = Fakultät für Wirtschaftswissenschaften.
Diese Lage spiegelt sich ebenso in einem wesentlichen Teil der Förderkriteren des DFG-Publikationsfonds wieder. Aus praktischen Überlegungen heraus werden an der OVGU und vielen anderen Universitäten nur im Directory of Open Access Journals (DOAJ) gelistete Zeitschriften gefördert. Beispielsweise führt das DOAJ für die deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft sowie für die deutsche Geschichtswissenschaft nur wenige Zeitschriften auf, die für diese Fachbereiche in Frage kommen würden. Zählt die Zeitschriftengruppe „Language and Literature“ noch 347 Zeitschriften, so gehören zur Untergruppe „German literature“ gerade einmal noch 7 Titel. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch auf der Suche nach Zeitschriften zur deutschen Geschichtswissenschaft. Die allgemeine Gruppe „History (General) and history of Europe“ führt 102 Zeitschriften, von denen jedoch lediglich eine Zeitschrift in deutscher Sprache einen Beitrag zur deutschen Geschichtsforschung leistet. Konträr steht dazu das Angebot an Zeitschriften mit medizinischem Hintergrund, denn allein die Gruppe „Medicine“ führt 778 Zeitschriften.[10] Womit sich das Bild aus Diagramm 1 bestätigt.
Es gilt – den jeweiligen Fachkulturen entsprechend – auch jenseits der Publikationsmöglichkeiten des durch den DFG geförderten Fonds und dessen Kriterien (DOAJ) einen Open Access-Raum zu schaffen. Ein Beispiel wäre das OGeSoMo-Projekt, das sich zur Aufgabe gesetzt hat, Open Access-Publikationen in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt auf Monografien und Sammelbände zu fördern und den fachlichen Publikationskulturen entgegen zu kommen.[11] Ein weiteres Projekt, das in diese Richtung geht, ist die transcript Open Library-Community[12], eine Zusammenarbeit zwischen dem renommierten Wissenschaftsverlags Transcript und dem Nationalen Open Access-Kontrapunkt OA2020-DE.[13] Mittlerweile zum zweiten Mal finanziert ein Netzwerk aus 47 Förderern, vor allem deutsche Universitätsbibliotheken, Open Access-Neuerscheinungen aus dem Bereich Politikwissenschaft. Kommt eine definierte Mindestteilnehmerzahl zusammen, wird die Frontlist des Verlags nicht subskribiert, sondern Open Access zur Verfügung gestellt.[14] Ob diese Angebote langfristig tragbar sind bzw. den differenzierten Bedürfnissen der einzelnen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nachkommen und eine ähnliche Erfolgsgeschichte werden wie der DFG-geförderte Publikationsfonds, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist es positiv, nach weiteren Wegen zu suchen und adäquate Angebote für die Geisteswissenschaften etablieren zu wollen.
Festzuhalten bleibt, dass Teile der angebrachten eingangs beschriebenen Kritik einer genaueren und objektiven Betrachtung nicht standhalten können. Gleichwohl ist der andere Teil durchaus berechtigt und nachvollziehbar. Aufgrund dieser Umstände sah sich die UB Magdeburg veranlasst, parallel zum Zeitschriften-Fonds auch Gelder zur Veröffentlichung von Open Access-Monografien zur Verfügung zu stellen. Seit Anfang des Jahres 2020 hat die UB ihr Serviceportfolio erweitert und fördert unter bestimmten Bedingungen das Erscheinen von Open Access-Monografien.[15]
Sind die Unterschiede in der Publikationskultur – also die Rangfolge und Wertigkeit der unterschiedlichen Arten, wie Monografien, Sammelbandbeiträge, Zeitschriftenartikel usw. – noch verständlich und legitim, so wenig akzeptabel sind die generellen Vorbehalte gegenüber Open Access, wie sie scheinbar insbesondere in den Geisteswissenschaften vorherrschen. Dort würde man sich einen gewissen Kulturwandel wünschen, der natürlich nicht die berechtigten Eigenarten der Geisteswissenschaften über Bord wirft, sondern auch praktisch anerkennt, dass der Wert einer wissenschaftlichen Arbeit nicht vom Medium, sondern vom wissenschaftlichen Gehalt abhängt.
About the authors

Ralf Regener M.A.

Ian Wolff M.A.
© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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