Home Library & Information Science, Book Studies Gesamthochschulbibliotheken und Klassifikationsentwicklung im Spannungsfeld zwischen Kooperation und lokalen Bedürfnissen
Article Publicly Available

Gesamthochschulbibliotheken und Klassifikationsentwicklung im Spannungsfeld zwischen Kooperation und lokalen Bedürfnissen

  • Maximilian Lowisch

    Maximilian Lowisch, M.A.

    Universitäts- und Landesbibliothek Münster, Dez. Medienbearbeitung – Abt. Sacherschließung, Krummer Timpen 3, 48143 Münster, Deutschland

    ORCID logo EMAIL logo
Published/Copyright: June 16, 2017
Become an author with De Gruyter Brill

Zusammenfassung

Dieser Beitrag beschreibt die Entwicklung der Gesamthochschulbibliothekssystematik (GHBS) als Aufstellungssystematik der Gesamthochschulbibliotheken (GHBs) in Nordrhein-Westfalen (NRW) seit den 1970er Jahren bis heute. Dabei werden zunächst mittels Literaturauswertung und Archivmaterial entscheidende Entwicklungspunkte kursorisch bis zum Ende der gemeinsamen Pflege der Systematik im Jahre 2004 dargestellt. Die Einflüsse lokaler Interessengruppen sowie technischer Veränderungen auf die kooperative Klassifikationsentwicklung werden betrachtet. Die Untersuchung wird durch Experteninterviews erweitert. Konzeption und Auswertung der Interviews bedienen sich der qualitativen Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel und des Ressourcenabhängigkeitsansatzes (RDT). Aus Experteninterviews und Literaturauswertung wird sich eine heute nur noch nachrangige Bedeutung der Klassifikationsentwicklung sowie ein Mangel an Aufsichts- und Sanktionierungsmaßnahmen gegenüber den GHBs ergeben.

Abstract

This report describes the development of the Gesamthochschulbibliothekssystematik (shelf classification, GHBS) as shelf classification of their libraries (Gesamthochschulbibliotheken, GHBs) in North Rhine-Westphalia since the 1970s up to today. As a first step, crucial points of development are cursorily presented up to the end of the joint maintenance of the shelf classification in the year 2004 by evaluating literature and archive material. An examination of the influences of local interest groups and technical changes on the co-operative classification development follows. Expert interviews extend the survey. Structure and evaluation of the interviews are designed according to the qualitative content analysis of Gläser and Laudel and the resource-dependence theory (RDT). From expert interviews and literature evaluation will result that the meaning of classification development is only of lower importance today and that there is a lack in supervision and sanctioning measures with the GHBs.

1 Vom Ende einer Kooperation

Die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts gelten als Jahrzehnt, in dem sich die Bemühungen um eine Abwendung der „Bildungskatastrophe“ in Maßnahmen wie der Neugründung von Hochschulen niederschlugen. Nicht nur in aber mit einem Schwerpunkt auf Nordrhein-Westfalen wurde neben der Fachhochschule als neuer Form der Hochschule die sogenannte Gesamthochschule gegründet, die als Campusuniversität zu jener Zeit nicht nur im Hochschulwesen eine Abkehr von der „klassischen“ Universität darstellte, sondern auch mit dem noch recht neuartigen bibliothekarischen Konzept der Einschichtigkeit einer Campusbibliothek aufwartete.

Sowohl um die Gesamthochschulen, die bereits Ende der 1970er Jahre begannen, sich von ihrer Sonderstellung zwischen Fachhochschule und Universität zu verabschieden[1] , als auch um die Eigenheiten ihrer Bibliotheken ist es heute still geworden. In Zeiten, in denen die Zentralisierung von Diensten, die Freihandaufstellung oder zumindest die Zugänglichmachung von (Teil-)Bereichen der Magazine an öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken sowie eine zunehmend engere Verzahnung von Instituts- und Zentralbibliothek in zweischichtigen Bibliothekssystemen zur Regel geworden sind[2] , wirken die sich heute Universitätsbibliotheken nennenden ehemaligen Gesamthochschulbibliotheken (GHBs) wie „gewöhnliche“ Hochschulbibliotheken. Die Geschichte der GHBs ist denn auch mit damaligen Neuerungen verknüpft, die heute als selbstverständlich gelten: Das Hochschulbibliothekszentrum (hbz) des Landes Nordrhein-Westfalen mit seinem Verbundkatalog sowie die Gesamthochschulbibliothekssystematik (GHBS) wurden im Zuge der Hochschulgründungen aufgebaut und entwickelt.

Letzterer, der Aufstellungssystematik der GHBs, soll sich dieser Beitrag widmen. Ursprünglich als klassifikationstheoretische Untersuchung geplant, zeigte sich früh, dass die Entwicklung der GHBS als Anfang der 70er Jahre kooperativ entwickelte Systematik eng mit der Entwicklung ihrer Hochschulen in Verbindung stand. Nach dem formalen Ende der Gesamthochschulen im Jahre 2003[3] folgte 2004 das ebenfalls als nur formal zu bezeichnende Ende der gemeinsamen Klassifikationsentwicklung zwischen den Universitätsbibliotheken Duisburg-Essen, Paderborn, Siegen und Wuppertal. Nur eine schmale Mitteilung der UB Paderborn sowie eine E-Mail an die Mailingliste GHB-SYS des hbz informierten über diese Entscheidung[4] . Die Frage stellte sich, warum die doch einigermaßen erfolgreiche Systematik[5] , die seit den 70er Jahren kooperativ weiterentwickelt werden sollte, sich auseinander entwickelt hatte, wogegen andere kooperative Klassifikationsentwicklungen wie die der Regensburger Verbundklassifikation (RVK) oder der Dewey-Dezimalklassifikation (DDC) erfolgreich waren und sind.

2 Eine ressourcenorientierte Sicht auf die Klassifikationsentwicklung

Zur Untersuchung wurden die publizierte Literatur sowie der Schriftverkehr anlässlich des formalen Endes des kooperativen Entwicklungsverfahrens aus dem Jahr 2004 ausgewertet. Spätestens seit den 90er Jahren besteht ein Mangel an Publikationen zur GHBS. Deshalb wurden zusätzliche Daten mit dem qualitativen Instrument des Experteninterviews erhoben, wobei drei Direktoren der fünf (heute vier) ehemaligen Entwicklerbibliotheken in mündlichen Interviews im Jahr 2015 mittels eines Leitfadens (teilstrukturiertes Interview) befragt wurden. Leitfaden und anschließende Auswertung wurden im Rahmen der sogenannten qualitativen Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel erstellt[6] . Als theoretische Basis für die Konstruktion des Interviewleitfadens sowie für die Auswertung wurde auf den Ressourcenabhängigkeitsansatz (RDT = Resource-dependence theory) aus der Organisationssoziologie zurückgegriffen.

3 Von der Kooperation zum Eigenprofil

3.1 Rahmenbedingungen der Klassifikationsentwicklung

Mit dem Gesamthochschulentwicklungsgesetz entstanden in NRW am 1. August 1972 fünf neue Hochschulen – die Gesamthochschulen Duisburg, Essen, Paderborn, Siegen und Wuppertal[7] . Für deren Bibliotheken waren der formellen Gründung umfangreiche Planungen in einer Arbeitsgruppe vorausgegangen, die zum Gründungsjahr der Hochschulen die „Empfehlungen für das Bibliothekswesen an den fünf Gesamthochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen“ vorlegte[8] . Kernpunkte der Empfehlungen waren – unter dem Blickwinkel der Erschließung – die Gründung eines Hochschulbibliothekszentrums zur Arbeitserleichterung und Rationalisierung, unter anderem durch die zentrale Bereitstellung der Datenverarbeitung für die fünf Bibliotheken sowie Überlegungen zur einzusetzenden Klassifikation. In dem kurzen Absatz zu „Buchbearbeitung und Aufstellungssystem“ schlugen sich konzentriert die Anforderungen nieder, die sich aus einer von der Technik bestimmten Kooperation bei der Medienbearbeitung ergeben sollten: „Die bibliothekarische Buchbearbeitung erfolgt unter Einsatz der ADV nach einheitlichen Richtlinien […] Die Bestände der GHS-Bibliotheken werden nach einem einheitlichen System aufgestellt, das unter Mitwirkung des Hochschulbibliothekszentrums entwickelt wird. […] Ein einheitliches System ist formale Voraussetzung für die Datenverarbeitung.“[9] Dass nicht von Klassifikation die Rede war, sondern von Aufstellungssystem, wies schon früh bewusst darauf hin, dass die Klassifikation nicht zum Ziel haben sollte, hierarchisch weit ausdifferenziert der Erschließung zu dienen, sondern vielmehr als Gliederung der Freihandaufstellung zu fungieren, der sich die Gesamthochschulbibliotheken verschrieben hatten: „Die an den künftigen GHBs vorgesehene freie Zugänglichkeit des Bestandes bedingt eine systematische Aufstellung. Diese soll allerdings die Bearbeitung des Buches in der Bibliothek nicht entscheidend behindern. Es ist daher ein Kompromiss zu schließen zwischen dem Benutzerbedürfnis nach einer feinen Systematik und dem Bedürfnis der Bibliothek nach einer schnellen Buchbearbeitung.“[10] Die noch zu entwickelnde Klassifikation stand somit unter dem Eindruck einer Rationalisierung im Geschäftsgang der Bibliotheken und des hbz. Sacherschließung war an den fünf neuen Bibliotheken nunmehr lediglich ein Instrument, das Buch in der Freihand am geeignetsten Standort zu positionieren. Eine „Klassifiziermaschine“, wie Barton ihn bezeichnete, sollte der Fachreferent nicht werden, sondern „Kopf und Hände“ für die Bibliotheksverwaltung freihaben[11] , denn die Personaldecke in den Gesamthochschulbibliotheken war von Beginn an dünner als die in den zweischichtigen Bibliotheken gewesen[12] . Zur Beschränkung, unter der die neue Systematik durch die personell begründete mangelnde Möglichkeit zur tiefergehenden Sacherschließung bei ihrer Entwicklung gestellt wurde, kam eine Begrenztheit des Notationssystems durch die beschränkten Möglichkeiten der damaligen elektronischen Datenverarbeitung (EDV). Die vom hbz zentral für alle Bibliotheken betreuten Anlagen verlangten Einheitlichkeit und Einfachheit bei den Signaturen. Deshalb bildeten verschiedene Klassifikationen – vorwiegend die der heutigen Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf sowie der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen – zwar die Grundlage für die GHBS, spiegelten sich aber nur in den Klassen, nicht jedoch in deren Notationen wider. Zu fein untergliederte Notationen konnten maschinell vom hbz nicht verarbeitet werden[13] . Durch die dadurch bedingten Einschränkungen, die sich bei der Entwicklung ergaben, wurde auch die Erweiterungsfähigkeit der Systematik beschnitten. Ausgehend von den damaligen Möglichkeiten war bereits Barton und Scheele bewusst, welchen Problemen die neue Systematik unterlag. Sie machten darauf aufmerksam, dass im Vorfeld zu wenig Reserven wie beispielsweise springende Notationen eingeplant worden seien und nun bei einigen Fächern die Hospitalität kaum noch gegeben sei[14] . Leisering drückt es einige Jahre später drastischer aus: „Das Notationssystem der GHBS ist in höchstem Maße unflexibel. Es ist ein fester Rahmen an Notationen vorgegeben, der größere Veränderungen nicht zulässt.“[15] Damit sei die Systematik dem Ausbau des damals vor allem auf die Lehrerausbildung ausgerichteten Lehrangebots an den Hochschulen nicht gewachsen[16] . Trotz dieser Beschränkungen wurde die GHBS noch vor ihrer Vollendung im März 1975 von der Bibliothek der Fachhochschule Köln und der Hochschule Niederrhein und übernommen. Im selben Jahr verpflichtete der Erlass des Ministers für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen die Entwickler der Systematik zu einer einheitlichen Anwendung und kooperativen Weiterentwicklung[17] .

3.2 Anspruch und Wirklichkeit: Das einheitliche Änderungsverfahren

„Ein Bibliotheksverbund verlangt nach Übereinstimmung, zumindest aber nach Kompatibilität der Arbeitsgrundlagen. Insofern bilden die gemeinsamen Systematiken ein Grundprinzip und eine Klammer des Verbundes; ihre Genese ist zugleich ein Stück einer Entstehungsgeschichte, und ihre Behandlung und Pflege stellt die Probe aufs Exempel einer vielschichtigen Kooperation und einer neuen Konzeption.“ Barton und Scheele, aber auch dem Wissenschaftsministerium muss bewusst gewesen sein, dass eine kooperative Zusammenarbeit der fünf Bibliotheken für die Funktionsfähigkeit des jungen Verbundes von großer Bedeutung war, deshalb jedoch die Fliehkräfte hin zu Alleingängen nicht minder schwer wirken würden. Das Verfahren, Änderungen an der Systematik durchzuführen, war sicherlich auch deshalb mit Bedacht formell geregelt worden:

Bestand ein Änderungswunsch, musste dieser an die sogenannte federführende Bibliothek herangetragen werden. Federführende Bibliotheken waren für einen festgelegten Teil der insgesamt 29 Fachsystematiken umfassenden GHBS zuständig. Ihnen oblag es, Änderungswünsche zu prüfen bzw. selbst für die Weiterentwicklung ihres Systematikbereichs Sorge zu tragen. Ein Antrag auf Änderung führte nach dem vorgegebenen Verfahren dazu, dass die federführende Bibliothek eine Stellungnahme abgeben musste, die allen GHBs mitgeteilt wurde. Gab es aus diesem Kreis innerhalb von drei Wochen einen Widerspruch zu dem zustimmenden oder ablehnenden Bescheid, erfolgte eine gemeinsame Beratung aller Bibliotheken zur Herbeiführung einer Lösung. Ohne Einspruch bzw. nach erfolgter Einigung beauftragte die federführende Bibliothek das HBZ mit der Veröffentlichung der Änderungen – so das festgelegte Verfahren, dessen Einhaltung Barton mit Nachdruck verfolgte.

Die GHB sei zu einer besonderen Form der Zusammenarbeit bereit: Sie übernehme Fremdleistungen, stelle diese aber auch selbst in großem Maße zur Verfügung. Wer den Alleingang wolle und sich und seine Leistungen für besser halte, sei im Verbund fehl am Platze[18] . Die gemeinsame Systematik werde insbesondere unter dem Aspekt der Fremddatenübernahme nur solange ihren Nutzen entfalten, wie „[…] sich die Teilhaber am Verbund strikt und diszipliniert an die gemeinsamen Abmachungen halten und dabei gegebenenfalls auch die eigene anderslautende Meinung hintanstellen.“[19] Dass solch eindringliche Formulierungen mitsamt des Erlasses sowie des genau beschriebenen Änderungsverfahrens schon in den Gründungsjahren der Bibliotheken nötig waren, zeigte der Unmut mancher Wissenschaftler, die mehr oder weniger erfolgreich versuchten, an den einzelnen Hochschulen ihren Einfluss geltend zu machen[20] . Die Einwirkungen der örtlichen Wissenschaftler wirkten sich bisweilen so aus, dass die Fachreferenten deshalb nicht bereit gewesen seien, Fremddatenleistungen, einer der Innovationen der Verbundarbeit, in Form von bereits vergebenen Notationen zu akzeptieren. Würden sich die Beteiligten diesem Drängen allzu leicht hingeben, stand schon früh fest, dass dies unauflösliche Konflikte mit sich bringen würde, die zu einer Störung des Systems führen könnten: „Eine Flut von Sonderwünschen könnte leicht zu einem Zustand führen, der die kontinuierliche Arbeit im Interesse aller nicht gedeihen ließe. Das jetzt erreichte Niveau des Systematikwerks würde sich nicht halten lassen. Seine Anziehungskraft liegt gerade darin, dass es sich bei einer Reihe von Bibliotheken bewährt hat und dass es auf Weiterentwicklung von vornherein angelegt wurde.“[21]

Die Diskussion um innere sowie äußere Einflüsse auf die Bibliotheken lässt in den folgenden Jahren nicht nach. Sechs Jahre nach Inkrafttreten des Kooperationserlasses präzisiert Barton seine Beobachtungen zu den Auswirkungen der verschiedenen Anforderungen, die von lokalen Interessengruppen an die Systematikanwendung der Bibliotheken gestellt werden: „Die Verbundbibliotheken bieten heute eher den Eindruck eines vielseitigen Interessenverbandes als den eines gleichorientierten Blocks, und es scheint so, als sei bei aller Einheit im Grundsätzlichen die Vielfalt immer stärker auf dem Vormarsch.“[22] Die Bibliotheken wagten sich nunmehr aus dem Schutz des Bibliotheksverbundes heraus und treten die „Vorwärtsverteidigung“ an. Plötzlich würden Verbundteilnehmer vor vollendete Tatsachen gestellt, indem beispielsweise die GHB Siegen ihre Signaturen selbst errechne und dies nicht mehr zentral vom HBZ vornehmen lasse[23] . Neben den bereits mehrfach erwähnten Eigeninteressen der Hochschulvertreter führt Barton nun zusätzliche Punkte auf, die aus seiner Sicht zu einer Schwächung der Verbunddisziplin führen:

  1. Es gebe aufgrund verfehlter Planungen der damaligen Arbeitsgruppe für die neuen Bibliotheken zu wenig Personal an den Einrichtungen, um allen anfallenden Aufgaben gewachsen zu sein, weshalb jede GHB ihren eigenen Weg zur Erfüllung ihrer Aufgaben gehen müsse[24] .

  2. Der Druck aus dem alten zweischichtigen Bibliothekswesen auf die neuen einschichtigen Bibliotheken habe zu einem verstärkten Gemeinschaftsgefühl geführt, das nun, nach Schwinden der Kritik, nachlasse[25] .

  3. Das hbz habe nicht in jeder Hinsicht zufriedenstellende Lösungen für die Bedürfnisse der Bibliotheken bieten können[26] .

Wo Barton, Fligge und Stäglich die Bedeutung der Systematik für den Zusammenhalt der Bibliotheken betonen, aber Tendenzen hin zu einem Individualismus sich immer deutlicher abzeichnen, könnte erwartet werden, dass sich die Vertreter der anderen Seite zu Wort meldeten, die ihre, dem kooperativen Charakter der GHBS zuwiderlaufenden Entscheidungen begründen würden. Es ist allerdings nur Leisering, der deutliche Worte wider die enge Zusammenarbeit mit Blick auf Klassifikationsfragen wählt: „ Der Zwang zur gleichartigen Anwendung in allen Bereichen und zur Einstimmigkeit bei Änderungen macht es der GHBS – zusammen mit dem starren Notationssystem – schwer, auf zukünftige Veränderungen zu reagieren. Sollten sich die Lehrinhalte der Gesamthochschulen (z. B. durch Spezialisierung) auseinander entwickeln, veränderten sich wohl auch die Ansprüche an die Klassifikation hinsichtlich ihres Erschließungseffektes in einzelnen Fächern.“[27] Leisering stellt die Spezialisierung und Auseinanderentwicklung der GHs 1985 noch als Zukunftsszenario dar. Die Entwicklungen zu dieser Zeit sprechen jedoch bereits für die von ihm angenommene Zukunft (siehe dazu Abschnitt 5.2).

Mit Bartons Rückblick auf die Gründungszeiten und die Entwicklung der Gesamthochschulbibliotheken aus dem Jahre 1990 endet auch die theoretische Auseinandersetzung um ihre Systematik. Das Ende, im Jahre 2004 aufgrund eines Beschlusses der Direktoren der zu diesem Zeitpunkt nunmehr vier federführenden Bibliotheken, bleibt ohne besonderen Widerhall in der bibliothekarischen Fachöffentlichkeit. Was war geschehen? Aus der Runde der vier federführenden Bibliotheken erging im Mai 2004 der Aufruf, die Zukunft der kooperativen Systematikentwicklung auf den Prüfstand zu stellen. Hintergrund war die sogenannte Erlassbereinigung, die zahlreiche Verwaltungsvorschriften und damit auch den Erlass zur Aufstellungssystematik mit dem 26.2.2004 außer Kraft treten ließ[28] .

Der Antrag zielte darauf ab, aus dem Zustand de facto wieder zu einem Zustand de jure zu gelangen: Die Koordinierung der notwendigen Änderungen an der GHBS sei, so hieß es, ohne einen offiziellen Beschluss eingestellt worden. Insbesondere in den Natur- und Sozialwissenschaften gebe es dringenden Aktualisierungsbedarf und auch die Fachhochschulbibliotheken zeigten Interesse an regelmäßigen Aktualisierungen. In den letzten Jahren seien zahlreiche individuelle Ausprägungen an den einzelnen GHBs entstanden. Daraus folge, dass die gemeinsame Arbeit an der Systematik entweder offiziell zu beenden oder an allen beteiligten Bibliotheken wieder ein einheitlicher Stand durch Nacharbeitungen der unterschiedlichen Ausprägungen der GHBS zu erlangen sei. Die einsetzende Diskussion zeigte, dass seit mehreren Jahren keine geordnete Kooperation mehr stattgefunden haben musste. Allzu große Abweichungen ließen, so wurde argumentiert, ein erneutes und geordnetes Aufleben der Kooperation nicht mehr zu, die zusätzliche Arbeitskraft für diese Aufgabe sei zudem nicht entbehrlich. Lediglich von einer Bibliothek wurde das Potential der Klassifikation als Retrievalwerkzeug benannt und ein Aufleben der Kooperation angeregt. Letztlich blieb es aber bei einer Einzelmeinung. Die gemeinsame Arbeit am Systematikwerk wurde im Oktober 2004 nach gemeinsamem Beschluss der vier Gesamthochschulbibliotheken offiziell aufgegeben.

4 Kooperationen im Bibliothekswesen aus ressourcenorientierter Sicht

4.1 Problemfelder und Wahl der Untersuchungsmethode

Das leise Ende der GHBS im Jahre 2004 und der Mangel an Publikationen seit 1990 bedingen, eine außerhalb der publizierten Literatur liegende Herangehensweise an die Frage nach Einflüssen und Mechanismen zu wählen. Eine Auswertung von internen Dokumenten an den fünf bzw. später vier GHBs sowie der GHBS-Mailingliste des HBZ könnte erhellend sein, scheitert aber in ersterem Falle an der Quantität und im letzterem an der Nichtverfügbarkeit der Informationen[29] .

Deshalb bot sich eine Befragung des Personenkreises an, dem die Entscheidung über die Zukunft der GHBS oblag: den Direktoren. Der Leiter der Bibliothek ist es, der die Ressourcen seiner Einrichtung effektiv und effizient verwenden muss und den Einflüsse von intern (Eingaben von Mitarbeitern, Besprechungen) sowie extern (Forderungen von Universitätsangehörigen, aktuelle fachliche und technische Entwicklungen) in besonderem Maße zur Auseinandersetzung mit diesen Ansprüchen und Entwicklungen fordern. Mit seinen Einschätzungen und Meinungen beeinflusst er die Entscheidungen anderer Akteure in herausgehobener Art und Weise. Der Spezialist[30] dagegen überblickt in der Regel in hervorragender Weise seinen fachlichen Bereich, betrachtet jedoch in geringerem Maße die gesamte Organisation in ihrer Umwelt. Der theoretische Unterbau der Untersuchung legt ein Augenmerk auf die Bibliothek in ihrer Umwelt, weshalb der Bibliotheksdirektor von besonderem Interesse für die Fragestellung ist.

Für die überschaubare Gruppe von aktuell vier Bibliotheksdirektoren, von denen drei für das Interview gewonnen werden konnten, wurde die Untersuchungsmethode der qualitativen Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel[31] gewählt und zur Datenerhebung das Experteninterview[32] eingesetzt, das mit einem teilstrukturierten Interviewleitfaden[33] im Rahmen einer mündlichen Befragung durchgeführt und anschließend transkribiert wurde. Der Interviewleitfaden basiert auf den Dimensionen und Indikatoren[34] des im Folgenden vorgestellten Ressourcenabhängigkeitsansatzes (RDT).

4.2 Abhängigkeit und Ressourcen in Bibliotheken

Das Bibliothekswesen ist von zahlreichen Kooperationen durchdrungen, wobei die Verbundkatalogisierung, die Fernleihe oder Besprechungsdienste in öffentlichen Bibliotheken nur Beispiele sind. Lux konstatiert gar, dass das Bibliothekswesen von Kooperationen überladen sei[35] . Untersuchungen zur bibliothekarischen Kooperation, sogenannte Interorganisationsbeziehungen, sind nur wenige vorhanden[36] . Eine systematische Untersuchung der interorganisationellen Zusammenarbeit von Bibliotheken liegt bislang nur bei Kippelt vor, der anhand der Systemtheorie Sinn und Zweck von Kooperationen und deren Potentiale für die Zukunft darstellt[37] . Im vorliegenden Fall steht jedoch die Frage im Mittelpunkt, welche Einflüsse externer und interner Akteure zur Veränderung und schließlich Beendigung der Kooperation führten. Gewählt wurde zu diesem Zweck der Ressourcenabhängigkeitsansatz (Resource-Dependence-Theory (RDT)). Die besondere Relevanz dieser betriebswirtschaftlichen Theorie ergibt sich daraus, dass sie das Verhalten und die wirtschaftlichen Perspektiven, vulgo das Überleben von Unternehmen anhand des Einsatzes von Ressourcen beurteilt, die als knapp gelten und um die eine Konkurrenz zwischen Organisationen im Versuch des Erwerbs herrscht[38] .

1978 von Pfeffer und Salancik begründet[39] , stellt die RDT die Wechselwirkung zwischen Organisationen und ihrer Umwelt in den Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei ist die Organisation in Form einer Machtbeziehung von ihrer Umwelt abhängig. Macht gründet sich in diesem Erklärungsansatz auf die Verfügbarkeit von knappen und für das Überleben der Organisation bedeutsamen Ressourcen. Aus der Verfügbarkeit und der Kontrolle über diese Ressourcen lassen sich die beiden Variablen Abhängigkeit und Unsicherheit ableiten.

Abhängig ist die Organisation von einer Ressource in dem Maße, in dem diese für sie eine für die Funktionsfähigkeit wichtige Bedeutung hat. Abhängigkeit von einer anderen Organisation entsteht durch den Besitz, den Zugriff, letztlich den Umfang der Kontrolle über die Ressource. Je geringer die Kontrolle über die Ressource und desto höher die Bedeutung dieser, umso höher die Abhängigkeit von anderen Organisationen[40] . Zusätzlich entsteht (1) Unsicherheit aus der Menge an Akteuren, die um eine Ressource konkurrieren, aus (2) Konflikten zwischen den Akteuren und (3) der gegenseitigen Abhängigkeit der Akteure voneinander[41] .

Die Organisation wird deshalb versuchen, ihre Abhängigkeit von anderen Organisationen durch verschiedene Strategien zu reduzieren, indem sie sich (1) an die Umwelt anpasst (z. B. Verringerung des Ressourcenbedarfs durch Umstrukturierung oder Hinwendung zu anderen Geschäftsfeldern)[42] , (2) versucht, über die Umwelt weitreichendere Kontrolle zu erlangen (z. B. Verringerung der Abhängigkeit durch den Erwerb ressourcenrelevanter Unternehmen)[43] , (3) mit der Umwelt verhandelt und kooperiert (z. B. in Form von Konsortien zum kostengünstigen Erwerb der benötigten Ressourcen)[44] und/oder (4) Lobbyismus betreibt, der die Bedingungen für Erwerb und Bereitstellung der benötigten Ressource erleichtert[45] .

Übertragen in die Begrifflichkeiten der RDT stellt sich folglich die Frage, inwiefern die GHBs bei der Nutzung der Ressource „Klassifikation“ von externen Akteuren (z. B. den anderen GHBs) abhängig waren, welche Bedeutung die Ressource für die GHBs hatte und welche Strategien zur Reduzierung der Abhängigkeit gewählt wurden.

5 Ergebnisse

5.1 Die GHBS als irrelevante Ressource?

Die vorangegangene Auswertung von Literatur und Schriftverkehr zum Ende der GHBS-Kooperation legte die Hypothese nahe, dass (1) der Weiterentwicklung der Systematik im Allgemeinen nur eine untergeordnete Rolle zukam und/oder (2) die Weiterentwicklung der Systematik in einem kooperativen Verfahren wenig Zustimmung erfuhr. Um diese Annahmen über die Gewichtung der Ressource Systematik zu überprüfen, wurden von den Experten ihre Einschätzung zur Abhängigkeit von der Systematik sowie die Unsicherheit, die aus der Verwendung dieser Ressource erwächst, abgefragt. Eine geringe Abhängigkeit wurde dabei solchen Aussagen zugeschrieben, bei denen die Befragten die Bedeutung von Systematiken und intellektueller Sacherschließung als gering einschätzten. Die Antworten wurden nach zustimmenden und ablehnenden Aussagen zur GHBS gruppiert.

Aussagen, die der GHBS und Klassifikationen im Allgemeinen eine abnehmende/geringe Bedeutung zuschreiben und der Ressource damit eine geringe Relevanz für die Organisation attestieren, lassen sich in folgendermaßen gruppieren:

Die Recherche erfolgt (überwiegend) über Freitextsuchen in Online-Katalogen. Die klassifikatorische Suche verfügt nur über eine geringe Bedeutung.

Das Browsing am Regal verliert an Bedeutung aufgrund von (1) zu vielen Büchern auf einer Klasse (Standort), (2) einem veränderten Rechercheverhalten, (3) fehlenden finanziellen Mitteln für ausreichend Literatur am Standort, und weil (4) die Präsentation von Wissenshorizonten in der vielfältigen Medienlandschaft nicht mehr möglich ist.

Die Pflege von Systematiken ist zu aufwendig.

Andere Fragestellungen genießen einen höheren Stellenwert.

Als Gebrauchsbibliothek ohne überregionale Aufgaben ist die GHB nicht auf eine aktuelle und feingliedrige Systematik angewiesen.

Dagegen wurden folgende Aussagen getätigt, die der GHBS eine gleichbleibende bzw. weiterhin hohe Bedeutung zuschreiben:

Verbundweit einheitlich klassifizierte Literatur wäre heutzutage von Vorteil.

Die verbalen Bezeichnungen der Notationen werden bei einer Freitextsuche mit ausgewertet.

Nebennotationen (zusätzliche Sucheinstiege durch Vergabe weiterer Notationen) sind bei einer Recherche im Online-Katalog hilfreich.

Für die Recherche am Regal/die Aufstellung hat die Systematik immer noch eine gewisse Bedeutung/ist sie gut geeignet.

Befriedigung der Bedürfnisse der lokalen Wissenschaftler,

Notationen ermöglichen zusätzlich zur formalen Erschließung ein erweitertes Browsing im Katalog.

Eine gegenüber der Systematik positive Einstellung wurde von allen drei Befragten geäußert, zugleich wurde jedoch eine kritische Haltung dargelegt, die deutlich überwog. Die Systematik stellt laut den drei Befragten keine überlebensnotwendige und somit kritische Ressource für die Bibliothek dar[46] . Auffällig an den oben dargestellten Aussagen ist die Dominanz der Informationstechnik, die die Arbeit an und mit dem intellektuellen Erschließungsinstrument in den Hintergrund rücken lässt. Auf die Informationstechnik und deren Auswirkung auf die Erschließungsarbeit wird zurückzukommen sein.

Mit diesem Blick auf die Systematik aus Sicht der Bibliotheksdirektoren stellt sich die Frage, wie die Beteiligten die jeweils andere an der GHBS beteiligte Bibliothek unter dem Gesichtspunkt der Kooperation einschätzen. In dieser Betrachtung rückt die Unsicherheit in den Fokus der Betrachtung. Unsicherheit unter Berücksichtigung des ressourcenorientierten Ansatzes erwächst nach Thompson[47] für die Organisation aus den Dimensionen Umwelt und Technologie, wobei mit Technologie auch Arbeitsprozesse gemeint sind. In der Umwelt befinden sich die Akteure, von denen die Organisation abhängig ist und auf die sie Einfluss zu nehmen bzw. diesem zu entkommen versucht, um ihre Stellung im Wettstreit um Ressourcen zu verbessern. Pfeffer und Salancik erweitern den Ansatz Thompsons um den Aspekt der Macht: Die Beziehung der Organisation zur Umwelt ist für sie eine Machtbeziehung. Macht ergibt sich danach aus der exklusiven Verfügung einer Organisation über Ressourcen, die von anderen Organisationen benötigt werden[48] . Dementsprechend entsteht Unsicherheit aus der Verteilung von Macht und, daraus abgeleitet, der Abhängigkeiten zwischen den Akteuren voneinander. Übertragen auf die vorliegende Untersuchung stellt sich die Frage, welche Bedeutung die anderen GHBs jeweils füreinander hatten. Außerdem könnten weitere, bislang nicht erwähnte Akteure für die Haltung der Bibliotheken in Systematikfragen eine Rolle spielen.

5.2 Autonomieansprüche und Wirklichkeit

Richtet sich der Blick auf Akteure, die die Entscheidungen der Bibliotheken hinsichtlich ihrer Einstellung zur kooperativen Klassifikationsarbeit und der Anwendung der Sacherschließung im Allgemeinen beeinflussten, fällt er nicht auf die anderen GHBs. Mit Blick auf die externen Akteure sind die GHBs von besonderem Interesse, doch wird ihre Bedeutung füreinander als gering eingestuft. Wenn die Bibliotheken in diesen Fragen aber keine Bedeutung füreinander haben, ist ihr Einfluss diesbezüglich gering. So gibt einer der Befragten an, dass die Expertisen hinsichtlich der Klassifizierung von Literatur an seiner Einrichtung unter den Fachreferenten als ausreichend betrachtet wurde und so kein Bedarf an Hilfe oder Fremdleistungen in Form von Fremddatenübernahme aus anderen Einrichtungen bestand.

Dass Literatur uneinheitlich klassifiziert wurde und die Fortentwicklung der Systematik in Eigenarbeit Mehraufwand bedeutet, ist einem anderen Befragten bewusst, gescheut wurde aber das als aufwendig betrachtete Änderungsverfahren. Zudem lieferten die anderen Bibliotheken nicht die Änderungen, die benötigt wurden, weshalb Erweiterungen in der Systematik ohne Absprache direkt selbst vorgenommen wurden. Dazu soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich keiner der drei Befragten an einen Änderungsantrag aus seiner Zeit an der jeweiligen GHB erinnern kann, womit nach dieser Aussage spätestens Anfang der 1990er Jahre das kooperative Verfahren zum Erliegen gekommen sein muss – und das wohlgemerkt in einer Zeit, als der Erlass noch zur Zusammenarbeit verpflichtete. Die mit Sanktionsmöglichkeiten ausgestattete Stelle, das Wissenschaftsministerium, könnte als ein mächtiger Akteur verstanden werden. Aussagen der Befragten legen es jedoch nahe, dass eine Kontrolle der Einhaltung der Vorschrift nicht stattfand. Das Wissenschaftsministerium verzichtete also auf ein Machtinstrument gegenüber der Bibliothek. Vielmehr sollte laut dem Planungspapier das hbz Planungs-, Entwicklungs- und Koordinierungsaufgaben übernehmen[49] . Das hbz wurde jedoch nach Aussage der Befragten in Fragen der Systematik als reine Redaktionsstelle verstanden und war in den offiziellen Änderungsprozess eingebunden, wie es schon Barton 1976 schreibt: „[D]ie verantwortliche Bibliothek [beauftragt] das Hochschulbibliothekszentrum mit der Veröffentlichung der Änderungen.“[50]

Das hbz wird in der Literatur wie auch von den drei Befragten als Empfänger von Änderungswünschen dargestellt. Wenn es über Sanktions- oder Aufsichtsmöglichkeiten gegenüber den Hochschulbibliotheken verfügte, wurden diese zumindest nicht eingesetzt. Warum Wissenschaftsministerium und hbz eine so schwache Stellung hatten, lässt sich berechtigterweise fragen. Die (Macht-)Stellung von Wissenschaftsministerium und hbz verschlechterte sich wohlmöglich schon kurz nach Aufbau der Gesamthochschulen durch einen zunehmenden Individualitäts- und Autonomieanspruch der Hochschulen, der zwar allgemeinen Tendenzen im Hochschulwesen folgte, jedoch vor allem damit begründet werden kann, dass das Ende des Konzepts „Gesamthochschule“ in NRW Ende der 70er Jahre eingeleitet wurde und die Gesamthochschulen in eine Identitätskrise stürzte: „Die Gesamthochschulen standen vor dem Dilemma, sich durch weitere Reformschritte in ihrer Andersartigkeit zu profilieren oder ihre wissenschaftliche Gleichwertigkeit gegenüber den übrigen wissenschaftlichen Hochschulen in Forschung und Lehre beweisen zu müssen.“[51] Die Gesamthochschulen, die heute den Namen Universität tragen, verabschiedeten sich damit langsam von ihrer bisherigen Identität, was sie auch im Namen kenntlich machten und sich nun nach und nach den Titel „Universität“ gaben. Der Aufbau der Gesamthochschulen und ihrer Bibliotheken war jedoch in Kooperation erfolgt und die Prämisse, von denen die Empfehlungen für das Bibliothekswesen an den Gesamthochschulen ausgegangen waren, war ein enger Verbund zwischen diesen fünf Bibliotheken. Es kann vermutet werden, dass mit Ende der Gesamthochschulen auch für die Bibliotheken ein Identifikationsmerkmal mit den anderen GHBs verloren ging. „In ihrem Selbstverständnis und ihren Dienstleistungs- und Entwicklungsschwerpunkten weisen die ehemaligen Gesamthochschulbibliotheken heute untereinander nicht mehr oder weniger dieselben Ähnlichkeiten wie zu anderen Universitätsbibliotheken auf Landes- und Bundesebene auf.“[52] Im Zuge dieses Autonomie- und Wandlungsprozesses wurde aus der Gruppe der Gesamthochschulen eine Reihe von Universitäten, womit das sinnstiftende Merkmal entfiel, das eine Identifikation und bevorzugte Zusammenarbeit gefördert hatte. Die Untersuchung kommt hier wieder zurück zu der geringen Bedeutung der anderen GHBs für die einzelne Bibliothek.

Von allen drei Befragten werden andere Anspruchsgruppen in den Fokus gerückt: Herausgestellt wird, dass die Bedürfnisse der Benutzer vor Ort von besonderem Interesse sind und das auch schon vor den sogenannten Globalhaushalten, die es im Rahmen der Hochschulfreiheit in NRW ermöglichen, die Etatverteilung an die Bibliotheken eigenständig zu regeln – oder die Bibliothek im Bedarfsfall gleich ganz zu streichen. Schon während des Entstehungsprozesses der Systematik waren die Einflüsse der Fachvertreter und der Druck auf das kooperative System zutage getreten[53] .

„When norms change, it is because […] there is not sufficient social support to apply sanctions to violators.“[54] Der Vorrang der Anforderungen lokaler Interessengruppen war jedoch nicht nur auf Wünsche hinsichtlich der Aufstellung von Beständen und der Ausgestaltung von Fachsystematiken beschränkt. Einmütig zeigen sich die Befragten darin, dass die technische Entwicklung bei Benutzern zu einem veränderten Rechercheverhalten führt, das sich weg von der direkten Recherche am Regal hin zu einer von Suchmaschinen beeinflussten Recherchestrategie entwickelt, die als „Einschlitzsuche“ beschrieben wird. Zudem seien am Regal längst nicht mehr alle Medien der Bibliothek zugänglich, seien sie nun ausgeliehen oder existierten sie nur als elektronische Ressource. Diese technischen Veränderungen in der Umwelt sorgen für Unsicherheit bei der Bibliothek, für die bisher wichtige Ressourcen wie eine Freihandaufstellung und eine aktuelle, gepflegte Systematik an Bedeutung verlieren und andere Ressourcen wichtiger werden. Unsicherheit erwächst folglich nicht aus der Frage der gemeinsamen Systematik. Die Bibliotheken haben die Kontrolle über die Ressource Systematik, indem Kooperationsabsprachen nicht mehr beachtet werden und sie seit 2004 nicht mehr an den Erlass gebunden sind. Voraussetzungen für Unsicherheit entfielen bzw. reduzierten sich auf solche Konflikte, die aus divergierenden Ansichten zwischen lokalem Fachreferenten und Wissenschaftler in Systematikfragen bestanden.

5.3 Von der intellektuellen zur maschinellen Erschließung

Die Bibliothek wird auf solche Veränderungen in Umwelt und Technik mit Strategien reagieren, die nach Pfeffer und Salancik in vier Variablen abgebildet werden können: Anpassung an die Umwelt, Kontrolle der Umwelt, Kooperation und Verhandlung mit der Umwelt sowie Lobbyismus. Gab es zu den Strategien Kontrolle der Umwelt sowie Lobbyismus keine bzw. nur eine Antwort, äußerten sich die Befragten zu den beiden anderen Strategien ausführlich.

Die erstgenannte Strategie, sich an die Gegebenheiten der Umwelt anzupassen, schlägt sich derart nieder, dass die Bibliotheken Umarbeitungen an der Systematik vermeiden und nur in dringenden Fällen einzelne Bereiche erweitern. Hoher Arbeitsaufwand, der einer nur geringen Bedeutung der Systematik entgegensteht, dient als Begründung. Für den Zustand der Systematikentwicklung müsste dieses Verhalten nach Pocock als Handlung mit weitreichend negativen Folgen eingestuft werden. Soll eine Klassifikation überleben, müssen ihre Anwender strikte Aktualisierungsrichtlinien aufstellen und befolgen. Sie dürfen es nicht zulassen, bei der Entwicklung stillzustehen, sonst wird der Rückstand später beinahe uneinholbar. Als positives Beispiel führt sie die Universelle Dezimalklassifikation (UDK) auf, für deren Überarbeitung ein Konsortium zuständig sei, dass sich zum Ziel gesetzt habe, jährlich fünf Prozent des Klassifikationsschemas zu überarbeiten[55] .

Interessant ist Swan Hills Versuch, die Sicht der Managementebene auf Klassifikationen vom Blick des Spezialisten zu lösen und sich in die Managementebene der Bibliothek zu versetzen. Als größte Herausforderungen im Themenfeld der Klassifikation identifiziert sie für Leitungsverantwortliche die Punkte Geld, Trägheit und Haltung. Für diese Darstellung interessant sind ihre Ausführungen zur Haltung des Bibliotheksleiters: Er nimmt Klassifikationen oftmals schlicht nicht ernst bzw. stuft sie auf einer niedrigen Prioritätenliste ein: „Administrators have to remember that reality is a combination of […] whether, given all the other things that the library might be doing but hasn’t yet gotten to, this idea is high enough on the priority list to be adressed.“[56]

Dazu passt, dass die Kapazitäten an den GHBs auf Bereiche gelenkt werden, die für die bedeutenden Interessengruppen als wichtig angesehen werden, wozu das elektronische Medienangebot und neue Kataloge wie Resource Discovery Systeme zählen. Die Bedeutungsverschiebung weg von Erschließungsthemen hin zu suchmaschinenbasierten Suchumgebungen, die möglichst ohne intellektuelle Erschließungsleistungen der Bibliothekare auskommen sollen, diagnostiziert auch Gödert, der den Bibliothekaren vorwirft, bibliothekarische Erschließungsstandards und -bemühungen nach und nach abzubauen[57] . Die harsche Kritik Göderts daran, dass die bibliothekarische Profession ihr Selbstbewusstsein hinsichtlich der eigenen Kompetenzen mehr und mehr zugunsten einer Technikhörigkeit aufgibt und nur noch geringen eigenen Gestaltungswillen besitzt, was Innovationen anbelangt, die nicht nur auf Nachahmung, sondern auf der Verknüpfung des eigenen Wissens mit neuen technischen Entwicklungen beruhen[58] , entspricht zumindest der passiven Strategie Anpassung an die Umwelt. Diese Anpassungen an den technologischen Druck durch die Entwicklung eigener Dienste und der Zusammenarbeit von Bibliotheken und Verbundzentralen wird von manchen Bibliotheksleitern als „fehlgeleitete Sozialromantik“ beschrieben, die nicht darüber hinweg täuschen könne, dass echte Innovationen aus der Industrie kämen[59] . Darauf, dass der Wille, wenn nicht Innovationen selbst hervorzubringen, diese aber möglichst schnell zu antizipieren, verbreitet ist, verweist der von Gödert beschriebene Abbau von Kompetenzen im Erschließungsbereich, die häufig zugunsten von EDV-Abteilungen gehen. Die Annahme scheint deshalb nicht aus der Luft gegriffen und wird von den Aussagen der Befragten untermauert, dass zunehmend versucht wird, Innovationen aus der Industrie für das Bibliothekswesen zu adaptieren, die (Sach-)Erschließung dafür an Bedeutung verloren hat.[60] Die Bibliotheken versuchen durch den Ausbau ihrer EDV-Abteilungen die Grundlagen zu schaffen, die für ihre neuen Ambitionen in der Informationstechnik aus ihrer Sicht vonnöten sind: „[I]t is important to realize that as we look at the future of cooperative cataloging, a key factor is that information retrieval needs are changing, resulting in the need for new skill sets, many of which may be the polar opposite of those needed for traditional cataloging.“[61] Die Konkurrenz von Suchmaschinenanbietern aus der Privatwirtschaft wird als Bedrohung der Bibliothek angesehen. Weil die Bibliotheken nicht die Möglichkeiten besitzen, die neue, von immer mehr Menschen geforderte Ressource in ihren Besitz zu bringen – im Sinne der RDT Kontrolle über die Umwelt auszuüben – wird versucht, eine Anpassung an die neue Umwelt einzuleiten: „Es war jedoch trotz aller Bemühungen [der Aufbau von Resource Discovery Systemen] unverkennbar, dass sich mehr und mehr Bibliotheken von den Benutzern abwandten und ihre Recherchen direkt in einer der großen Suchmaschinen (zuallererst Google) durchführten. […] Damit wurde als weiteres Ziel ausgegeben, die bibliotheksspezifischen Metadaten auch den großen Suchmaschinen zur Verfügung zu stellen.“[62] Die Gefahr des Autonomieverlusts auf Basis der Abhängigkeit von Konzernen aus der (bibliothekarischen) Informationstechnik könnte damit jedoch an anderer Stelle entstehen[63] und die Abhängigkeit in anderen Bereichen erhöhen.

Nutzten die Bibliotheken denn aber, noch vor der Bedeutungsverschiebung weg von der (Sach-)Erschließung hin zur Informationstechnik, ihre Potentiale bei der Zusammenarbeit? Wird nach der Strategie Kooperation und Verhandlungen mit der Umwelt gefragt, zeigen die Antworten ein anderes Bild. Von Beginn an bestand nur ein geringer Wille, die Fremddatenleistungen anderer Bibliotheken zu übernehmen[64] . Der Wunsch Bartons Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts mehr Sacherschließungsleistungen von Seiten des hbz zur Verfügung zu stellen, scheiterte auch an dem Anspruch der Bibliotheken, sich ihre Klassifikationsentscheidungen nicht aus der Hand nehmen zu lassen. Eine Konzeptionsschwäche des Wissenschaftsministeriums könnte gewesen sein, das hbz zur damaligen Zeit nicht mit größeren Befugnissen, insbesondere Weisungsbefugnissen gegenüber den Bibliotheken ausgestattet zu haben. Welche Widerstände hier geherrscht haben müssen, deutet der Zwischenbericht der Empfehlungen für den Aufbau des Bibliothekswesens an den fünf GHBs von 1972 bereits in seiner Erläuterung zu den Verbundplänen an, wenn es beschwichtigend heißt: „Das hier entwickelte Konzept tastet die Verwaltungsautonomie der Hochschulen nicht an. Aus der Sicht der Hochschulen erleiden die Bibliotheken durch den Verbund keinen Funktionsverlust […]“[65] . Das legt die Vermutung nahe, dass es von Seiten des Landes kein Bestreben nach einem Eingriff in Bibliotheksangelegenheiten der einzelnen Hochschulen gegeben haben konnte. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde die Autonomie der Hochschulen wie z. B. mit dem Hochschulfreiheitsgesetz NRW[66] weiter befördert. Klaus-Rainer Brintzinger (LMU München) spricht von einem „neuen Paradigma für Bibliotheken, dem Paradigma der radikalen Ausrichtung von Bibliotheken auf die Bedürfnisse ihrer Hochschule, bei dem ein allgemein kultureller Auftrag von Hochschulbibliotheken bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielen könne.“[67] Freilich wurden nicht alle Dienstleistungen des Verbundes oder Kooperationsangebote in Frage gestellt. Die Fremddatenübernahme im Fall der Formalerschließung, bei der die Bibliotheken ebenso Änderungen an ihren Datensätzen hinnehmen mussten, war – zumindest öffentlich – kein Streitpunkt für die GHBs. Hier bietet sich ein interessanter Vergleich an, der zu der Frage führt, warum es in dem einen Fall bis heute recht problemlos abläuft[68] und in dem anderen schon früh Differenzen bei der Kooperation auftraten. Sicherlich lassen sich bei Daten der Formalerschließung weniger Uneinigkeiten finden, weil bei der sachlichen Erschließung die Auslegung von Regeln und die Zuteilung von Notationen stärker in der Person des Erschließenden liegen. Kurz gesagt: Das Problem von Klassifikationen ist, dass es mehrere Notationen für ein Dokument und damit im Falle des Buches mehrere mögliche Standorte geben kann, dagegen nur eine Titelaufnahme. Das verringert Konfliktpotentiale zwischen den Bibliotheken. Ein Ausscheren aus der Einheitlichkeit wäre deshalb nur durch das Anlegen dubletter Titelaufnahmen zu erreichen, die für die Benutzer mit Nachteilen verbunden wären und zudem, im Gegensatz zu den unterschiedlichen Klassifizierungsleistungen, nicht zugelassen waren. Bedeutender ist möglicherweise eher das Fehlen des Einflusses der Benutzer und Wissenschaftler: Wissenschaftler haben mitunter eine sehr differenzierte und untereinander divergierende Sicht auf ihr Fach, zu rein deskriptiven Daten wie einer Titelaufnahme nimmt sich ihr Einflusswille und -potential jedoch gering aus.

Mag der mangelnde Kooperationswille damit zu tun haben, dass Änderungen in der Struktur einer Klassifikation sich direkt, mit größerem Arbeitsaufwand verbunden, auch auf die einzelne Bibliothek auswirken? Wenn also die Formalerschließung als etwas Zwingendes aber nicht mehr sehr Bedeutendes in der bibliothekarischen Arbeit gesehen wird, könnte der Unterschied zwischen ihr und der Sacherschließung darin liegen, dass sie der Bibliothek nur das Mindestmaß an Arbeit zur Auffindbarkeit der Dokumente abverlangt, die Klassifikation dagegen auch Eingriffe im Sinne von Umarbeitungen und Aktualisierungstätigkeiten erfordert, die mehr als das Tagesgeschäft bedeuten, sich lokal erheblich auswirken (Bestandsumräumungen) und von außen gesteuert werden (Entscheidungen des Entwicklergremiums der Systematik). Die Aufrechterhaltung einer Tauschbeziehung – in dargestellten Fall dem Angebot, Teile der Systematik für die anderen Bibliotheken aktuell zu halten und im Gegenzug deren Aktualisierungen für ihren Systematikbereich zu erhalten – wäre im Sinne der RDT für die Organisation aber nur von Interesse gewesen, wenn Abhängigkeit von der Ressource bestanden hätte.

6 Fazit

Die Ressourcen der Bibliotheken sind endlich – die Forderungen, die an sie gestellt werden nicht. Wo die Forderungen die Kapazitäten der Bibliotheken übersteigen, muss entweder die Bibliothek wachsen oder es müssen Abstriche zuungunsten einzelner Geschäftsbereiche gemacht werden – die Struktur der Organisation ändert sich. Wo schon in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts Schwierigkeiten bestanden, miteinander zu kooperieren, wirkte die fortschreitende Technisierung der Bibliothek und ihrer Benutzer zusätzlich auf die Entwicklung der Klassifikation ein. Ohne sanktionierende Aufsichtsstelle und Kommunikation zu den Mängeln des Verfahrens auf offizieller Ebene, verlor sie still an Bedeutung. Diese Entwicklung bleibt vor allem unter dem Gesichtspunkt zu bedauern, dass die GHBS in zahlreichen weiteren Bibliotheken zum Einsatz kommt und hier ein nicht unerhebliches Potential bestanden hätte, einen großen Anwenderkreis mit in die Fortentwicklung einzubeziehen und Synergien zu erzielen. Die Bibliotheken lassen auch in der Welt der Einschlitzsuchen und Suchmaschinenkatalogen auf diese Art Möglichkeiten ungenutzt. Die Frage nach der Zukunft der GHBS fällt so auch ernüchternd aus: Lokale Weiterentwicklung, die von den Wünschen lokaler Gruppen getrieben wird. Der erfrischende Ansatz, die Systematik in Verbindung mit ihrem Register als verbales Erschließungsinstrument in Resource Discovery Systemen zu verwenden, ist jedoch ein Lichtblick. Es bleibt zu hoffen, dass die Einbindung der Systematik auch zu einer Aktualisierung – zumindest der Benennungen der Klassen – führen wird. Diese und weitere Arbeiten werden jedoch die heutigen vier GHBs jeweils alleine und in Vierfacharbeit erledigen müssen.

Die Sicht dieser Untersuchung auf das Problem kann längst nicht alle Vorgänge darstellen, die zur Entscheidung und dem Verhalten der Organisationen führten und es bleiben Fragen offen: Welche internen Einflüsse auf Entscheidungen gab es? Welche internen Interessengruppen sorgten dafür, dass die Entscheidungsträger zu ihren Einstellungen gelangten? Aufgrund des an allen drei befragten Bibliotheken recht gleichförmigen Verhaltens in Erschließungsfragen und dem allgemeinen Trend im Bibliothekswesen zur Abkehr von traditionellen Erschließungsverfahren könnte eine solche Untersuchung noch tiefere Einblicke in die Mechanismen liefern, die für den Rückgang des traditionellen Erschließungsknowhows bzw. -willens im Bibliothekswesen verantwortlich sind. So bleibt hier ein Desiderat für weitere Arbeiten in diesem Bereich.

About the author

Maximilian Lowisch

Maximilian Lowisch, M.A.

Universitäts- und Landesbibliothek Münster, Dez. Medienbearbeitung – Abt. Sacherschließung, Krummer Timpen 3, 48143 Münster, Deutschland

Published Online: 2017-06-16
Published in Print: 2017-07-01

© 2017 by De Gruyter

Downloaded on 11.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2017-0065/html?lang=en
Scroll to top button