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Das Exlibrisportal der Stadtbibliothek Mönchengladbach und die Sammlung Dr. Gernot Blum

  • Daniel Theveßen

    Daniel Theveßen M. A.

    Stadt Mönchengladbach, Abt. „Historische Sammlungen“, Fachbereich 42/Stadtbibliothek, Blücherstraße 6, 41050 Mönchengladbach, Deutschland

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Published/Copyright: June 16, 2017
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Zusammenfassung

Nach der Schenkung einer der größten Exlibris-Sammlungen Deutschlands an die Stadtbibliothek Mönchengladbach wurde diese über drei Jahre hinweg mit Hilfe einer Datenbanksoftware digitalisiert. Seit Juli 2016 steht mit dem „Exlibrisportal Mönchengladbach“ die erste deutsche Kleingrafik-Datenbank mit mehr als 55.000 Datensätzen und knapp 17.000 Abbildungen im Internet zur Verfügung. Damit bietet sich eine Chance der Verortung und Aufarbeitung zahlloser Exlibrisbestände in öffentlicher und privater Hand.

Abstract

After one of the biggest ex-libris collections in Germany was given to the Mönchengladbach Public Library as a gift, it has been digitised with the help of a data bank software over the last three years. Since July 2016, the „Exlibrisportal Mönchengladbach“ is available in the internet as the first German data bank for small graphic artworks, containing more than 55,000 records and about 17,000 illustrations. Treating ex-libris collections like that offers a chance to localise and review countless collections belonging to public institutions and private persons.

Schlüsselwörter: Exlibris; Datenbank; Kunstgeschichte

1 Kleine Geschichte des Exlibris

Bei Exlibris (lat.: aus den Büchern) handelt es sich um kleine Gebrauchsgrafiken, die ursprünglich als gedruckter Hinweis den Besitzstand eines Buches anzeigten. Dabei ist der Begriff „Exlibris“ ex post entstanden und setzte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts flächendeckend für diese Art der Grafiken durch.[1]

Die Geschichte des Exlibris beginnt analog zu der des Buchdrucks. Nachdem die Anfertigung und Herstellung von Büchern jahrhundertelang vornehmlich in Handarbeit betrieben wurde und das fertige Buch Produkt umfangreicher individueller und kostenintensiver Arbeit war, änderte sich dieser Zustand durch die Erfindung des Buchdrucks mit bewegten Lettern nachhaltig. Spätestens mit den Postinkunabeln des beginnenden 16. Jahrhunderts wurde das Buch zu einem maschinell hergestellten, uniformen Serienprodukt, das einer größeren Interessengruppe offenstand. In dieser Zeit entstanden die ersten Grafiken, auf denen sich Buchbesitzer mit Namen und häufig heraldischen Elementen verewigen ließen. Diese vornehmlich im Kupferstich oder Holzschnitt hergestellten Werke fanden ausschließlich in ihrer genuinen Funktion als Bücherzeichen Verwendung und wurden als Besitzstandsmarkierung in die Bücher eingeklebt. Das erste genau zu datierende Exlibris stammt aus dem Jahre 1491.[2] Zentrum der jungen Exlibriskunst war Nürnberg.[3] Auch wenn zahlreiche zeitgenössische Künstler der Vergessenheit anheimgefallen sind, der Name und das Werk Albrecht Dürers sind untrennbar mit der Geschichte der Stadt und der des Exlibris verbunden.

Nach dieser ersten Hochphase des Exlibris, die etwa bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts währte, erfolgte analog zum Niedergang der Kunst des Buchdrucks ein schrittweiser Rückgang der Bedeutung der Bücherzeichen.[4] Eine Renaissance erlebte das Exlibris in Deutschland erst am Ende des 19. Jahrhunderts, in Form der sogenannten „deutschen Exlibrisbewegung“.[5] In dieser Zeit wurde der „Ex-libris-Verein zu Berlin“ gegründet, aus dem im Jahre 1949 die „Deutsche Exlibrisgesellschaft e. V.“ (DEG) hervorging.[6] Die in früheren Jahrhunderten als Buchzeichen genutzten Grafiken erweiterten im 20. Jahrhundert ihre Funktion und entwickelten sich zu gesuchten Tauschobjekten, die in breiten Teilen der buchaffinen Bevölkerung Anklang und Verwendung fanden.[7] Damit einhergehend änderten sich auch die Abmessungen der ehemals kleinen Gebrauchsgrafiken, die im Folgenden mitunter Dimensionen erreichten, die kein Buchdeckel mehr aufnehmen konnte. Indessen ist die Kunst des Exlibris kein rein deutsches Phänomen, auch wenn es hier seinen Ursprung hat. Bereits kurz nach seiner Einführung im 15. Jahrhundert wurden Exlibris in Großbritannien, Frankreich und anderen europäischen Ländern hergestellt und genutzt. Dabei spiegeln sowohl die inhaltlichen Varianten und Formen des Exlibris als auch die verwendeten Drucktechniken bereits seit seiner Entstehung verschiedene kunsthistorische Tendenzen wider, die unter anderem durch heraldische Elemente, allegorische Darstellungen, Vanitassymboliken und überbordende Bildsprache präsentiert werden.

2 Entstehung der Sammlung und deren Bedeutung und Umfang

Die Möglichkeit, eine in Deutschland einmalige Sammlung an Kleingrafiken im Rahmen einer Onlinedatenbank der interessierten Öffentlichkeit präsentieren zu können, ist dem unermüdlichen Einsatz des Sammlers Dr. Gernot Blum und den Verantwortlichen innerhalb der Stadtbibliothek Mönchengladbach geschuldet. Dr. Gernot Blum, der ehemalige Besitzer und Schenker der Sammlung, war über 20 Jahre Präsident der Deutschen Exlibrisgesellschaft e. V. und kann auf eine mehr als 35-jährige Sammeltätigkeit zurückblicken. In dieser Zeit schuf Herr Dr. Blum eine Kleingrafik-Sammlung, die über 150.000 Exemplare aus mehr als 40 aktuellen und vergangenen Ländern beinhaltet und einen Zeitraum von über 500 Jahren Exlibrisgeschichte abdeckt. Das früheste Blatt der Kollektion stammt vom Nürnberger Lucas Cranach und ist in die Jahre 1510/11 zu datieren.

Abb. 1: Lucas Cranach d. Ä. für Christoph II. Scheurl, Holzschnitt um 1510/11.
Abb. 1:

Lucas Cranach d. Ä. für Christoph II. Scheurl, Holzschnitt um 1510/11.

Das derzeit aktuellste wurde 2016 kreiert und von Herrn Dr. Blum der Stadtbibliothek übergeben. Der geographische Schwerpunkt dieser einzigartigen Sammlung liegt auf den Ländern Europas. Inhaltlich behandeln viele der vorhandenen Abbildungen erotische, mythologische und medizinische Kontexte. Zu diesen gehören auch die mehr als 500 Exlibris zeitgenössischer Künstler, die Herr Dr. Blum auf seinen Namen oder den Namen seiner Familienangehörigen anfertigen ließ. Dabei stellt das knapp 25.000 Blätter umfassende Werk von mehr als 2.400 deutschen Künstlern den größten Einzelposten der Sammlung dar.

In Deutschland gibt es nur noch eine vergleichbare Kollektion in dieser Größenordnung. Diese befindet sich im Gutenberg-Museum in Mainz und wird von Frau Dr. Barbara Schutt-Kehm betreut. Die ca. 120.000 Blatt umfassende Sammlung des Gutenberg-Museums beruht in ihren Grundzügen auf einer Schenkung des ersten Präsidenten der nach dem Zweiten Weltkrieg neu erstarkten Deutschen Exlibris Gesellschaft, Dr. Willy Tropp.[8]

Die zweite namhafte deutsche Exlibris-Sammlung lagert in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Sie besteht aus den ursprünglichen Sammlungen der Staatsbibliothek West-Berlin und ihres Pendants in Ost-Berlin und umfasst mehr als 50.000 Exlibris.[9] Auch in der Bayerischen Staatsbibliothek in München existiert eine weitere kleinere, knapp 37.000 Blätter umfassende Kollektion, deren Hauptbestandteil aus ursprünglich in situ vorhandenen Exlibris besteht, die aus den Büchern entfernt wurden.[10]

Bereits lange vor der endgültigen Übergabe der Sammlung an die Stadtbibliothek Mönchengladbach pflegte Herr Dr. Blum in seiner Funktion als DEG-Präsident und später als Privatmann einen intensiven Kontakt zu den Verantwortlichen auf Seiten der Stadt, der sich in diversen Ausstellungen der Kleingrafiken in der Stadtbibliothek und verschiedenen Museen niederschlug. Der schlussendlichen Schenkung der Sammlung im April 2013 waren lange Verhandlungen über den zukünftigen Umgang mit der Sammlung vorangegangen, denn der langjährige Sammler wollte diese nicht nur einem städtischen Archiv übergeben; um die historische und kunsthistorische Bedeutung wissend, wollte er seine Sammlung vielmehr aufgearbeitet sehen und eine Möglichkeit schaffen, sie der interessierten internationalen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.[11] In diesem Kontext bestand er auf der Einstellung eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, dessen zukünftige Aufgabe die Aufarbeitung und Pflege des Exlibris-Bestands sein sollte. Diesem Wunsch entsprechend, gründete sich mit Beginn des Digitalisierungsprojektes der Anspruch eines internationalen Exlibriszentrums in der Stadtbibliothek Mönchengladbach. Über den Rahmen der Onlinedatenbank hinaus hat es sich das Exlibriszentrum der Stadtbibliothek zur Aufgabe gemacht, die Kunst des Exlibris im öffentlichen Raum einem interessierten Publikum zu präsentieren. In diesem Kontext erfolgen in regelmäßigen Abständen Ausstellungen zu den verschiedenen Themenkomplexen, wie im Jahre 2015 die Ausstellung „Griechenland im Exlibris“. Diese war in Mönchengladbach, Korschenbroich und Iphofen zu sehen. Aktuell wird ab Juni 2017 die Ausstellung „Das Kind im Exlibris“ anhand ausgewählter Künstler der letzten 120 Jahre den Wandel der Darstellung des Kindes in der Kleingrafik des 20. Jahrhunderts beleuchten. Weitere Ausstellungen mit nationalen und internationalen Künstlern und Kooperationspartnern sind in Planung. Durch die ausstellungsbegleitende Publikation von Exlibrisliteratur und den Kontakt mit anderen Bibliotheken, Exlibris-Sammlungen und Exlibrisvereinigungen soll der Anspruch des internationalen Exlibriszentrums auch zukünftig weiter untermauert werden.

3 Digitalisierungsprozess und Onlinedatenbank

Nach Schenkung der Sammlung konnte durch eine Förderung des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen bereits im gleichen Jahr zeitnah der erste Schritt des Digitalisierungsprozesses begonnen werden. In diesem wurden etwa 6.500 Exlibris ausgewählter schweizerischer, österreichischer und deutscher Künstler aus der sogenannten Blütezeit des Exlibris in die Datenbank eingetragen.[12] Der Digitalisierung vorangegangen war eine umfangreiche Recherche und Analyse verschiedener Datenbanksysteme von Seiten Frau Julia Reifenraths, ihres Zeichens verantwortliche Bibliothekarin in der Stadtbibliothek Mönchengladbach. Aufgrund der weitreichenden Kompatibilität, der individuellen Anpassbarkeit, der Erweiterungsmöglichkeiten und nicht zuletzt wegen der potentiell möglichen Anbindung an das Internet entschied man sich für das Programm Faust von Land Software.

Die Datenbank bietet umfangreiche Möglichkeiten, alle relevanten Informationen zu den Gebrauchsgrafiken aufzunehmen, die sich zum großen Teil über das Onlineportal recherchieren lassen. Über die Ländersuche lassen sich die dem jeweiligen Land zugeordneten Künstler finden. Die Exlibris selbst sind in der Ebene darunter dem Künstler zugeordnet.

Für Künstler, die mit mehr als 14 Gebrauchsgrafiken in der Datenbank vorhanden sind, wurde eine eigene Künstlerdatenbank angelegt. Bei dieser sind neben Namen und Namensvarianten wesentliche weitere Informationen wie Geschlecht, Geburts- und Todesdatum, Geburts- und Sterbeort, Beruf und Nationalität vermerkt. Darüber hinaus wird, wenn vorhanden, die Nummer der Gemeinsamen Normdatei (GND) eingebunden, ebenso wie die in der Sammlung vorhandene Literatur mit Bezug zum Künstler. Intern werden weitere Informationen wie z. B. Internetquellen, bei lebenden Künstlern die Adresse oder der rechtliche Status des Werks bei verstorbenen Künstlern hinterlegt. So findet sich z. B. „Recherche“ bei Künstlern, deren Adresse nicht vorhanden ist, oder „Gemeinfrei“ bei Künstlern, die bereits mehr als 70 Jahre tot sind und deren Werke in die Gemeinfreiheit übergegangen sind.

Jedes einzelne Exlibris wird vom Bearbeiter mittels eines speziell erarbeiteten, in seinen Grundzügen Iconclass entsprechenden hierarchischen Thesaurus beschrieben.[13] Dabei kommt es bei der Eingabe der Grafiken während des Digitalisierungsprozesses neben allgemeinen Fähigkeiten auf eine gewisse Affinität und Fachwissen in Bezug auf gesellschaftliche und mythologische Themen und deren archetypische bildsprachliche Darstellung an. Häufig sind Themen vorhanden, die aus griechischer, römischer und christlicher Mythologie entlehnt sind und die es zu erkennen gilt. Das macht aus einem weiblichen, auf einem Rind reitenden Akt „Europa auf dem Stier“ und die drei weiblichen Akte, die sich um einen Jüngling mit Apfel in der Hand gruppieren, symbolisieren das „Urteil des Paris“. Der Thesaurus wird beständig an die Bedürfnisse des Exlibris angepasst und erweitert. Derzeit sind knapp 4.700 Begriffe vorhanden und können im Rahmen der Datenbanknutzung abgefragt werden.

Zu den wesentlichen Merkmalen des jeweiligen Exlibris gehören natürlich auch dessen Abmessungen, die millimetergenau Höhe mal Breite ausgemessen werden. Darüber hinaus wird die Technik der Herstellung dokumentiert. In diesem Kontext hat man sich für die Übernahme des von der Fédération Internationale des Sociétés d’Amateurs d’Ex-Libris (F.I.S.A.E.) erarbeiteten Systems der Exlibrisdokumentation von Herstellungstechniken entschieden.[14]

Den Eignern sind die Felder „Eignervermerk“ und „Eigner“ gewidmet. Im ersten Feld „Eignervermerk“ wird dieser exakt so übernommen, wie er auf dem Exlibris zu finden ist. Beispiel: EX LIBRIS K.E. GRAF ZU LEININGEN-WESTERBURG (B-579).

Abb. 2: Hanns Bastanier für K. E. zu Leiningen-Westerburg, Radierung, 1905.
Abb. 2:

Hanns Bastanier für K. E. zu Leiningen-Westerburg, Radierung, 1905.

Im Feld „Eigner“ wird dieser mit Nachname, Vornamen, also „Leiningen-Westerburg, K[arl] E[mich]“ benannt. Hier bieten sich vielfältige Möglichkeiten, Personengeschichte zu betreiben, da Exlibris in der Zeit von 1890 bis 1930 umfangreiche Verbreitung fanden. So sind in der Sammlung Exlibris von Albert Einstein, Greta Garbo, Ava Gardner, Charles de Gaulle, Martin Buber aber auch von Adolf Hitler, Joseph Goebbels und vielen weiteren bekannten Persönlichkeiten vorhanden.

Nachdem der Digitalisierungsprozess nach Ende der Landesförderung in verminderter Form weiterging und die Bestände der Niederlande, Belgiens, Frankreichs und Italiens digitalisiert wurden, war es schließlich die großzügige Förderung des Landschaftsverbands Rheinland, die eine umfangreiche, flächendeckende Erschließung des gesamten deutschsprachigen Fundus ermöglichte. Neben dem Bestand deutscher Exlibris erfolgte eine vollständige Digitalisierung des österreichischen (5.800 Grafiken) und schweizerischen Bestands (1.800 Grafiken).

Insgesamt wurden seit Beginn der Arbeiten etwa 55.000 Exlibris und Gebrauchsgrafiken digitalisiert und im Rahmen des Exlibrisportals unter www.exlibrisportal.moenchengladbach.de der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Davon sind etwa 15.000 Exemplare aufgrund von Gemeinfreiheit oder entsprechenden Verträgen mit ca. 100 Künstlern und Rechteinhabern mit Abbildung öffentlich einsehbar.[15] Die Anbindung der Faust Datenbank an das Internet durch den I-Server ermöglicht dabei eine kontinuierliche Weitergabe neu eingegebener Datensätze des Bestands an die Öffentlichkeit. Im gleichen Prozess ist eine Anpassung, Fehlerkorrektur und Erweiterung der Bestände möglich. Dadurch ist der interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit der Partizipation gegeben und E-Mails mit Hinweisen auf zusätzliche Informationen in Bezug auf Exlibris, Darstellung oder Künstler/Eigner sorgen für eine Einbindung des Nutzers. Damit ist das Exlibrisportal der Stadtbibliothek Mönchengladbach in Deutschland einmalig.

4 Bedeutung des Exlibrisportals

Die Digitalisierung der Exlibris-Sammlung Dr. Gernot Blum erfolgte mit dem Anspruch, das Exlibris in seiner Funktion als Bücherzeichen und kunsthistorischem Medium in einem für zukünftige Generationen gesicherten Rahmen zu bewahren und unter wissenschaftlich verwertbaren Gesichtspunkten aufzubereiten. Dabei kommt dem Bestandsschutz eine wichtige Bedeutung zu, da bei Beschäftigung mit den Grafiken keine Notwendigkeit mehr besteht, die teils sehr seltenen und fragilen Originalillustrationen aus dem Archiv einzusehen. Darüber hinaus erfolgt durch die Veröffentlichung im Internet eine Demokratisierung des Kulturgutes, über die Grenzen physischer Verfügbarkeit hinaus.

Unter kunsthistorischen Gesichtspunkten ist das Medium des Exlibris insofern interessant, da es das breite Betätigungsfeld auch der Künstler widerspiegelt, die in erster Linie für monetär anspruchsvollere Großkunst bekannt sind. Deren Werkverzeichnis wäre nicht komplett ohne den Einbezug der Gebrauchsgrafiken, die häufig davon Zeugnis ablegen, dass Künstler einem Beruf nachgehen, dessen Tätigkeit eine marktwirtschaftliche Grundlage besitzt und ökonomischen Notwendigkeiten folgt. Exlibris von Otto Ubbelohde, Karl Schmidt-Rottluff oder Joseph Sattler zeugen davon.

Dabei besitzt das Exlibris als Medium, das Inhalte, Motive und Botschaften auf bildlicher Ebene präsentiert, einen besonderen kunsthistorischen Stellenwert und bietet einen umfangreichen Einblick in kunsthistorische Tendenzen der Zeit. Die genutzte und zitierte Bildsprache gibt häufig Einsicht in berufliche und persönliche Lebensumstände des jeweiligen Eigners. Albert Einsteins berufliche Tätigkeit und Faszination für die Gesetze des Universums wird so z. B. in seinem Exlibris aus dem Jahre 1917 sichtbar; dem Jahr, in dem er mit der Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik zu dessen Direktor berufen wurde.[16] Die expressionistische Arbeit Erich Büttners zeigt den Menschen im Universum, umgeben von Sternen und durch kreisförmige Strukturen angedeutete Gesetzmäßigkeiten.

Abb. 3: Erich Büttner für Albert Einstein, Klischee, 1917.
Abb. 3:

Erich Büttner für Albert Einstein, Klischee, 1917.

Viele der kleinen Gebrauchsgrafiken wurden von ihren Eignern in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bis hinein in die NS-Zeit in ihrer Funktion als Bucheignerzeichen genutzt und in Bücher eingeklebt. Bei der Restitution potentiell in öffentlicher Hand vorhandener Buchbestände aus Raubgut erleichtern in situ vorhandene Exlibris die Provenienzforschung und helfen dadurch, die Rückgabe an die Erben der ursprünglichen Besitzer sicherzustellen.

Neben der kunsthistorischen und historischen Bedeutung vereinfacht das Exlibrisportal für den Bibliotheks- und Museumsbetrieb mit beständig fortschreitendem Digitalisierungsprozess eine Zuordnung der Kunstwerke und bietet für zahlreiche, in öffentlicher und privater Hand vorhandene Exlibris-Sammlungen eine Grundlage zur Verortung und Aufarbeitung vorhandener Bestände. Die in der Datenbank oftmals vorhandene Verifizierung der Zuordnung durch den Einbezug von Fachliteratur und Werksverzeichnissen gibt dem Exlibrisportal eine zusätzliche Gewichtung. Die Möglichkeit der Bilddarstellung vereinfacht die Zuordnung der Grafiken zusätzlich.[17]

So hat das Medium des Exlibris das Potential, ähnlich der Numismatik und Heraldik, eine Funktion als Hilfswissenschaft der Geschichte und Kunstgeschichte einzunehmen und lässt aufgrund seiner Komplexität vielschichtige Verwendungsmöglichkeiten zu, für die das Exlibrisportal der Stadtbibliothek Mönchengladbach der geeignete Anlaufpunkt ist.

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Daniel Theveßen

Daniel Theveßen M. A.

Stadt Mönchengladbach, Abt. „Historische Sammlungen“, Fachbereich 42/Stadtbibliothek, Blücherstraße 6, 41050 Mönchengladbach, Deutschland

Published Online: 2017-06-16
Published in Print: 2017-07-01

© 2017 by De Gruyter

Downloaded on 11.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2017-0064/html?lang=en
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