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Stellungnahme der Sektion 4: Wissenschaftliche Bibliotheken des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv) zur geplanten Schließung der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin – Leibniz-Informationszentrum Lebenswissenschaften Köln/Bonn

Published/Copyright: July 12, 2016
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Die Wissenschaftlichen Bibliotheken im Deutschen Bibliotheksverband machen mit der folgenden Stellungnahme Politik und Öffentlichkeit auf die Folgen einer möglichen Schließung der Zentralbibliothek für Medizin – Leibniz-Informationszentrum Lebenswissenschaften (ZB MED) aufmerksam.

Der Senat der Leibniz-Gemeinschaft hatte in seiner am 17. März 2016 veröffentlichten Stellungnahme der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) empfohlen, „die gemeinsame Förderung der ZB MED auf der Grundlage der Ausführungsvereinbarung WGL als Einrichtung der Forschung und der wissenschaftlichen Infrastruktur, die in erheblichem Umfang wissenschaftliche Infrastrukturaufgaben wahrnimmt, zu beenden.“

Die 1973 gegründete ZB MED wurde nach der Integration der Standorte Köln und Bonn als Leibniz-Informationszentrum zum 1. Januar 2014 in eine Stiftung öffentlichen Rechts verwandelt. Bei der Evaluierung im Juni 2015 wurden technische Weiterentwicklungen der Bibliothek wie z. B. das neue Suchportal LIVIVO oder das neue Publikationsportal PUBLISSO als jeweils sehr gut, die Versorgung der Nutzergruppen mit gedruckten Texten als gut bewertet. Die digitale Transformation und Leistungen auf dem Gebiet der Forschung galten als ausbaufähig.

Die Empfehlung des Senats der Leibniz-Gemeinschaft, die ZB MED nicht mehr im Rahmen der primär forschungsgeleiteten Förderkriterien der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e. V. fördern zu wollen, nimmt die Sektion 4 zur Kenntnis. Sie appelliert jedoch an Bund und Länder, bei den weiteren Schlussfolgerungen und Planungen auch die in den Senatsempfehlungen ausgeblendeten Auswirkungen auf das seit vielen Jahrzehnten erfolgreich arbeitende kooperative Informationssystem in Deutschland zu berücksichtigen. Aus Sicht der Wissenschaftlichen Bibliotheken werden in diesen Empfehlungen zugunsten der erwarteten, aber erst eingeleiteten Forschungsperspektive der ZB MED deren infrastrukturelle Leistungen und Entwicklungen sowohl für die Breite wie für die Spitze der Informationsversorgung der Lebenswissenschaften in Deutschland deutlich unterschätzt. Aus der drohenden Schließung der ZB MED ergeben sich u. a. diese Konsequenzen:

  1. Die Umsetzung der Empfehlungen des Senats der Leibniz-Gemeinschaft wird die Monopolbildung kommerzieller Informationsanbieter weiter begünstigen und voraussichtlich zu größerer Abhängigkeit und zu Preissteigerungen führen.

  2. Die Deckung des auf nationaler Ebene weiterhin bestehenden Informations- und Servicebedarfs müsste als zusätzliche Leistung anderen, insbesondere Universitätsbibliotheken übertragen werden, ohne dass die notwendige Finanzierung und die erforderlichen Informationsressourcen dafür zur Verfügung stehen.

  3. Die Funktion der ZB MED als nationales Archiv und last resort u. a. für gedruckte Zeitschriften kann von anderen Einrichtungen nicht bzw. nur eingeschränkt wahrgenommen werden. Viele Bibliotheken haben sich bei der bereits erfolgten Aussonderung ihres Bestands auf die nachhaltige Archivfunktion der ZB MED verlassen.

  4. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhöht sich der Aufwand für Zugang und Nutzung aktueller Fachinformation. Viele Nutzergruppen, auch aus den Heil- und Pflegeberufen sowie der pharmazeutisch-medizinisch orientierten Wirtschaft, verlieren eine bislang gut zugängliche Informations- und Serviceinstanz.

Seit der Gründung der Stiftung im Jahr 2014 hat die ZB MED deutliche Serviceverbesserungen erreicht. Die dynamische Entwicklung zu einem nationalen (analogen und digitalen) Archiv und Informationszentrum für die Lebenswissenschaften würde bei Umsetzung der Empfehlung jäh abgebrochen, ohne dass geeignetere Entwicklungskonzepte und Trägerstrukturen bislang erkennbar sind. Wir weisen deshalb auf die absehbaren, irreparablen Versorgungsdefizite hin – die ZB MED verfügt z. B. über 8.000 Zeitschriften im nationalen Alleinbesitz und wickelt pro Jahr 85.000 Dokumentlieferungen ab – und signalisieren unsere Bereitschaft, mit der GWK oder dem von ihr eingesetzten Rat für Informationsinfrastrukturen Gespräche über die zukünftige Ausrichtung nationaler Informationsinfrastrukturen für Bildung und Lehre, Wissenschaft und Forschung und speziell über die ZB MED zu führen. Aus unserer Sicht ist es erforderlich, eine neue Trägerorganisation für die Fortführung der ZB MED zu finden und die aufgrund der empfohlenen Beendigung der Förderung bei der Leibniz-Gemeinschaft frei werdenden Mittel für die Finanzierung einzusetzen.

Düsseldorf, 13. Mai 2016

Dr. Irmgard Siebert, ULB Düsseldorf (Vorsitzende der Sektion 4)

Dr. Georg Nolte-Fischer, ULB Darmstadt (Stellvertretender Vorsitzender der Sektion 4)

Manfred Walter, Bibliothek der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (Stellvertretender Vorsitzender der Sektion 4)

Published Online: 2016-07-12
Published in Print: 2016-08-01

© 2016 by De Gruyter

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Downloaded on 10.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2016-0083/html
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