Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken
Museen tun es, Schulen tun es, Gemeindeeinrichtungen tun es, Bibliotheken bieten ihn schon lange – einen Ort, der es den Besuchern erlaubt, selbst kreativ zu sein und sich auszuprobieren: Videoschnittplätze, Film-Workshops, Multimedia-Labore, Roboter-Workshops und Ähnliches ergänzen teilweise schon seit den 1990er Jahren die Programmarbeit und das Standardangebot vieler Bibliotheken. Auch die klassische Bastel-, Musizier- oder Strickstunde öffentlicher Bibliotheken geht natürlich bereits in diese Richtung, die das gemeinschaftliche Werken, gegenseitiges Helfen beim Ausprobieren von verschiedenen Techniken und Materialien an einem öffentlichen, der Gemeinschaft gewidmeten Raum fördert.
Doch es ist etwas[1] passiert: 2013 scheint das Jahr der 3D-Drucker in öffentlichen Bibliotheken zu sein, und Bibliotheken in aller Welt[2] befassen sich nun auch strategisch mit der Makerspace-Idee des 21. Jahrhunderts. Die zunehmende Virtualisierung ehemals gedruckter Bibliotheksbestände und die Online-Verfügbarkeit klassischer Bibliotheksdienstleistungen schaffen hierfür beste Voraussetzungen.

Abb. 1: themakermap.com: Kartenausschnitt Europa.
Frei werdende Flächen können umgenutzt und – der Bibliothek als Ort entsprechend – der Community zur Verfügung gestellt werden. Vorhandenes Know-how der Bibliotheksmitarbeiter/innen wird abgerufen oder auch neu aufgebaut, um Bibliotheksbesucher/innen zu beraten und vermehrt öffentliche Räume zu schaffen, in denen Wissen unter kundiger Anleitung nicht nur konsumiert, sondern auch produziert und kreativ angewendet werden kann.
An solchen zumeist FabLab, Hackerspace oder Makerspace genannten Orten[3] können die Bibliotheksbesucher/innen allein, unter Anleitung oder gemeinsam mit anderen neue Technologien und Werkzeuge testen, sich eine Meinung bilden, an innovativen Entwicklungen partizipieren, neue Kompetenzen entwickeln und die selbst erstellten Produkte verwenden oder (digital oder analog) weiterverarbeiten. Viele Bibliotheken, die sich mit der Maker-Idee befassen, haben sich daher für die Beschaffung eines 3D-Druckers entschieden. Anders als ein herkömmliches Kopiergerät, das selbstverständlich in den meisten Bibliotheken anzutreffen ist, erfordert der Vorgang des 3D-Druckens Vorwissen im Bereich 3D-Design und die Auseinandersetzung mit einer für viele faszinierenden Art der Produktion von Alltagsgegenständen. Die hohe Nachfrage bei allen Altersgruppen zeigt, dass Kultureinrichtungen hier einen Informationsbedarf decken. Ähnlich anwendungsbezogene Möglichkeiten, für die sich sehr viele Menschen interessieren, finden sich im Bereich digitaler Musik und Entwicklungen im TV-Sektor. Streaming und „On demand“-Lösungen sind Vertriebswege, die es für Bibliotheksbestände noch nicht gibt – dennoch können sie durch einen Makerspace in der Bibliothek präsent sein.
Die Chattanooga Public Library, Arbeitsstätte des Zukunftsentwicklers Justin Hoenke, verfügt über einen ausgedehnten Makerspace, der nicht nur die technische Ausrüstung bereithält, sondern auch verschiedene Aktionen und Programme, z. B. Maker Days, veranstaltet.[4] Berühmtheit erlangt hat auch der 2012 eröffnete Makerspace der Westport Public Library in Connecticut.[5] Im Blog des Library as Incubator Project[6]können weitere Makerspace-Aktivitäten zumeist US-amerikanischer Bibliotheken nachgelesen werden. In deutscher Sprache informiert der Blog bibliothekarisch.de[7] über aktuelle Entwicklungen. Die Hauptbibliothek in Aarhus, deren Fertigstellung für das kommende Jahr angekündigt ist, hat sich im großen Stil der Makerspace-Idee verschrieben. Die Kooperation mit dem Open Space Aarhus wird dann intensiviert werden.[8] Als großes öffentliches Bibliothekssystem in Deutschland hat dieses Jahr die Stadtbibliothek Köln einen Musik- und Makerspace eröffnet.[9]
Doch dass auch kleinere Bildungseinrichtungen nicht ohne Makerspace auskommen müssen, zeigen Beispiele von US-amerikanischen Schulbibliotheken.[10] Eine Realschule aus dem Stuttgarter Raum machte 2013 auf den Messen Make Munich und Gamescom im Rahmen des Jugendforums NRW auf sich aufmerksam, wo sie ihr Pilotprojekt 3D-Druck an Schulen präsentierte und Workshops durchführte.[11]
Makerspaces als weithin sichtbare Konsequenz aus aktuellen Entwicklungen des Medienmarktes werden in Bibliotheken überwiegend aus Drittmitteln finanziert und in Projektzusammenhängen etabliert. Diesen Bibliotheken ist gemeinsam, dass sie sich dabei selbst als Experimentierfeld begreifen, ihren Besucher/innen einen Einblick in aktuelle Strömungen geben wollen und den kurzen Entwicklungszyklen im Bereich neuer Technologien mit Interesse und Offenheit entgegensehen. Es wird spannend sein zu sehen, welche weiteren Möglichkeiten es für Bibliotheken gibt, ihren Besucher/innen attraktive Angebote zu machen, während die Bedeutung des gedruckten Bestandes schwindet.
Cordula Nötzelmann, Stadtbibliothek Köln und Zukunftswerkstatt
Kontakt: cordula.noetzelmann@zukunftswerkstatt.org
© 2013 by Walter de Gruyter Berlin Boston
This content is open access.
Articles in the same Issue
- Masthead
- Bibliotheken brauchen E-Books
- Open Educational Resources (OER)
- Nutzer erforschen Nutzer
- Die Forschungsdaten-Infrastruktur der TU Berlin
- Fünf Jahre LIS-Corner auf der Frankfurter Buchmesse
- Bibliotheken in Irland 2013
- Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken
- Zehn kulturpolitische Forderungen an die neue Bundesregierung
- Termine
- Anzeigen
Articles in the same Issue
- Masthead
- Bibliotheken brauchen E-Books
- Open Educational Resources (OER)
- Nutzer erforschen Nutzer
- Die Forschungsdaten-Infrastruktur der TU Berlin
- Fünf Jahre LIS-Corner auf der Frankfurter Buchmesse
- Bibliotheken in Irland 2013
- Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken
- Zehn kulturpolitische Forderungen an die neue Bundesregierung
- Termine
- Anzeigen